Krise durch sexuellen Missbrauch

Aus Kathpedia
(Weitergeleitet von Missbrauchsskandal)
Wechseln zu: Navigation, Suche

Zu einer Krise für die katholische Kirche wurde der sexuelle Missbrauch von Kindern und schutzbefohlenen Erwachsenen durch Priester, Bischöfe und kirchliche Mitarbeiter, der seit Anfang der 2000er-Jahre in zahlreichen Ländern bekannt wurde.

Der Problemkomplex erstreckt sich auf sexuelle Handlungen an Kindern vor der Pubertät ("Pädophilie", von griech. παῖς pais „Knabe, Kind“ und φιλία philia „Freundschaft, Neigung“), auf homosexuelle Handlungen an pubertären Jungen ("Ephebophilie", von griech έφηβος éphebos „Jüngling, junger Mann“ und -philie) wie auch an pubertären Mädchen ("Parthenophilie", von gr. παρθένος parthénos „Jungfrau“ und -philie), darüberhinaus aber auch an schutzbefohlenen Erwachsenen, wie behinderten, gebrechlichen oder kranken Personen.

Inhaltsverzeichnis

Entwicklung der Missbrauchskrise

Die Krise wurde in Deutschland dadurch öffentlich, dass der Jesuit P. Klaus Mertes (damals Direktor des Canisius-Kollegs in Berlin) sexuelle Übergriffe von Jesuiten an deren Internat "Aloisiuskolleg" in Bonn-Bad Godesberg bekannt machte - eine Tatsache, die im Orden selbst bereits bekannt war, aber zu keinen Konsequenzen geführt hatte.

Im Januar 2010 richtete P. Mertes einen Brief an rund 600 ehemalige Schüler des Canisius-Kollegs, von denen mehrere in den 1970er- und 1980er-Jahren mit Gewalt oder sexuell belästigt oder missbraucht worden waren. Die vom Jesuitenorden mit der Untersuchung beauftragte Anwältin Ursula Raue sprach Anfang Februar 2010 von etwa 30 Opfern. Über die Motive und Kriterien seiner Entscheidung gab Mertes in mehreren Interviews Auskunft, unter anderem im Berliner Tagesspiegel vom 3. Februar 2010. Auf den Einwand, sein Vorgehen könne gegen die Unschuldsvermutung (zugunsten der Beschuldigten) verstoßen, antwortete er, man müsse erst einmal die Missbrauchsopfer ermutigen, überhaupt zu sprechen.

Bischof Stephan Ackermann dankte als Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Fragen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger im kirchlichen Bereich P. Mertes am 30. März 2010 für sein Vorgehen; er habe „eine Tür geöffnet und eine bisher vorherrschende Sprachlosigkeit überwunden“.[1] P. Mertes erfuhr allerdings auch Kritik und Missbilligung innerhalb der Kirche.

Reichweite des Missbrauchs

Bereits seit den 1980er-Jahren waren in verschiedenen Ländern Fälle sexuellen Missbrauchs im Bereich katholischer Diözesen und Orden bekannt geworden, in größerem Umfang in Irland und den USA. Die Rechtslage in den einzelnen Staaten und die Reaktionen der örtlichen Kirchenleitung waren uneinheitlich. In mehreren Fällen waren missbrauchte Kinder zu Schweigegelübden verpflichtet worden; Priester, die als Täter bekanntgeworden waren, wurden lediglich an einen anderen Ort versetzt oder mit einer seelsorglichen Aufgabe betraut, bei der sie keinen Kontakt mit Kindern und Jugendlichen hatten. In zahlreichen Fällen wurden Täter von Bischöfen oder Ordensoberen gedeckt, wie der irische Prämonstratenser P. Brendan Smyth, der innerhalb von 40 Jahren rund 90 Kinder missbrauchte.

Maßgeblich ist seit 2001 das Motuproprio Sacramentorum sanctitatis tutela von Papst Johannes Paul II. vom 30. April 2001 als allgemeinkirchliche Regelung. Die Verantwortlichkeit für entsprechende Delikte von Priestern ging in der römischen Kirchenleitung von der Kleruskongregation auf die Glaubenskongregation über.

Der mexikanische Priester Marcial Maciel, Gründer der Legionäre Christi, legte nach einer kirchlichen Untersuchung wegen Vorwürfen des langjährigen sexuellen Missbrauchs im Mai 2006 auf Anweisung der Glaubenskongregation alle Ämter nieder und zog sich zu einem Leben des Gebetes und der Buße zurück. Er genoss die besondere Wertschätzung von Papst Johannes Paul II., der in dieser Frage wohl gravierend falsch beraten worden war. Das Treffen des Papstes mit Maciel im Jahr 2004 bezeichnete der frühere Privatsekretär von Johannes Paul II., Erzbischof Stanislaw Dziwisz, als einen Fehler und ein Beispiel für schwere Kommunikationsmängel in der römischen Kurie.

Der Vatikan hat 2014 den polnischen Erzbischof und Nuntius Józef Wesolowski wegen Kindesmissbrauchs aus dem Klerikerstand entlassen. Im November 2015 wurde öffentlich bekannt, dass der frühere Bischof von Hildesheim, Heinrich Maria Janssen († 1988) zwischen 1958 und 1963 einen anfangs 10-jährigen Ministranten „regelmäßig“ und "unter Ausnutzung der bischöflichen Autorität und Stellung" sexuell missbraucht haben soll.[2] Die Vorwürfe wurden jedoch später von einer Arbeitsgruppe untersucht und für unglaubwürdig befunden.[3]

Im März 2018 entzog ein päpstliches Tribunal nach entsprechender Untersuchung in einem kanonischen Gerichtsverfahren dem Erzbischof von Agaña auf der US-amerikanischen Südseeinsel Guam, dem Kapuziner Anthony Sablan Apuron wegen Kindesmissbrauchs sein Amt und verbot ihm, auf dem Gebiet seines früheren Erzbistums zu leben.[4] Der australische Kurienkardinal George Pell muss sich seit 2017 in Melbourne wegen Missbrauchsvorwürfen vor Gericht verantworten; sein Amt als Vatikan-Finanzchef lässt er vorerst ruhen.

Empirische Untersuchungen belegen, dass katholische Priester nicht häufiger Täter sexualisierter Gewalt sind als andere Gesellschaftsgruppen. [5]

Vertuschung, Verharmlosung und Täterschutz

Über den zahlenmäßigen Anteil echter Pädophilie unter den Fällen, die seit 2001 in Rom bearbeitet wurden, sagte der vatikanische Strafverfolger Scicluna auf Nachfrage, ob es 3.000 Fälle von pädophilen Priestern gebe:

"So kann man das korrekterweise nicht sagen. Wir können sagen, dass es sich grosso modo in sechzig Prozent dieser Fälle vor allem um Akte von Ephebophilie handelt, das heißt: Akte, die mit dem sexuellen Hingezogensein zu Heranwachsenden desselben Geschlechts zusammenhängen.

Weitere dreißig Prozent beziehen sich auf heterosexuelle Beziehungen; und zehn Prozent sind tatsächlich Akte der Pädophilie, also bestimmt durch das sexuelle Hingezogensein zu Kindern im vorpubertären Alter. Die Fälle von Priestern, die der Pädophilie im strengen Sinn des Wortes beschuldigt werden, sind also etwa dreihundert binnen neun Jahren."[6]

Damit wird suggeriert, dass von Priestern begangene Ephebophilie ein geringfügigeres Laster sei als Pädophilie; Ephebophilie bei Priestern wird somit verharmlost. Die Deutsche Bischofskonferenz weitete inzwischen den Kreis von vor Missbrauch zu schützender Personen auf "erwachsene Schutzbefohlene" aus: "behinderte, gebrechliche oder kranke Personen, gegenüber denen Kleriker, Ordensangehörige und andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine besondere Sorgepflicht haben, weil sie ihrer Fürsorge oder Obhut anvertraut sind und bei denen aufgrund ihrer Schutz- und Hilfebedürftigkeit eine besondere Gefährdung besteht". (Leitlinien A.3., 16. September 2013)

Die Katholische Enzyklopädie kathpedia.com behandelte das Thema "Kindesmissbrauch" von 2010 bis 2014 unter dem irreführenden Titel "Medienkrise 2010" ("vulgo Missbrauchsskandal").

Den Versuch kirchlicher Kreise, die Krise der Berichterstattung säkularer Nachrichtenorgane anzulasten mit der Behauptung, diese wollten durch Skandalisierung und einseitige Berichterstattung die Katholische Kirche und den Papst schädigen, verurteilte Papst Franziskus am 7. Juni 2014 scharf. Bei einer Heiligen Messe mit Missbrauchsopfern im Vatikan sagte der Papst: "Ich bitte auch dafür um Vergebung, dass Kirchenverantwortliche es unterlassen haben, angemessen auf Berichte über Missbrauch zu reagieren." Dieses Verhalten habe zu noch mehr Leid geführt und das Risiko für andere Minderjährige vergrößert.[7] Die Verbrechen seien lange "verheimlicht und vertuscht worden, durch eine Mittäterschaft, die nicht zu erklären ist". Kurienkardinal Walter Kasper sprach von einem innerkirchlichen „Paradigmenwechsel“: „Es gab mal eine Zeit, in der Priester gedeckt wurden; jetzt sieht man die Dinge von der Perspektive der Opfer her. Das müssen wir so halten - das ist ein Wandel der Kirche.“[8]

Der Jesuit P. Hans Zollner, Mitglied der Päpstlichen Kommission für den Schutz von Minderjährigen, beklagte im Februar 2018, dass viele ost- und südeuropäische Ortskirchen dem Thema des sexuellen Missbrauchs durch Geistliche auswichen.[9] Die Mitglieder der Chilenischen Bischofskonferenz boten im Mai 2018 Papst Franziskus ihren Rücktritt an, nachdem er ihnen wegen des Umgangs mit einem Missbrauchsskandal schwere Vorwürfe gemacht hatte.[10]

Maßnahmen

Zahlreiche Bischofskonferenzen haben seit Bekanntwerden der Übergriffe Massnahmen zu einer schonungslosen Aufklärung und einer kritischen Überarbeitung geltender Vorschriften ergriffen. Die Deutsche Bischofskonferenz bestimmte am 25. Februar 2010 den Trierer Bischof Stephan Ackermann zum "Beauftragten der Deutschen Bischofskonferenz für Fragen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger". Die seit 2002 bestehende Leitlinie "Zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz" wurde im August 2010 und noch einmal im September 2013 geändert und verschärft.[11]

In den Diözesen wurden Missbrauchsbeauftragte ernannt, an die sich Opfer wenden können. Außerdem gibt es Schulungen zur Prävention gegen Kindesmissbrauch sowie zum Erkennen von Missbrauchsfällen für Seelsorger sowie haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter in kirchlichen Kindergärten, Schulen und in der Jugendarbeit.

Neubewertung des Kindesmissbrauchs in der Gesellschaft

Durch das Presseecho auf die Veröffentlichungen von Pater Mertes und die Diskussion in der Gesellschaft meldeten sich auch Schüler, die Schulen anderer Träger besucht und dort sexuellen Missbrauch erlebt hatten. Mehrere Fälle waren bereits bekannt und sogar in Pressemeldungen dargestellt worden, waren aber nicht weiterverfolgt worden.

Es war in Deutschland bald nicht mehr in erster Linie die katholische Kirche, die im Brennpunkt der öffentlichen Missbrauchsdebatte stand. Besonderes Aufsehen erregte die private, nicht kirchliche Odenwald-Schule in Heppenheim an der Bergstraße; dort wurden Übergriffe seitens des Schulleiters und mehrerer Lehrer bekannt, die sich von den 1960er- bis in die 1990er-Jahre ereignet hatten.

In der deutschen Gesellschaft setzte eine breite Diskussion ein, die zu einer Neubewertung des Deliktes führte. Bagatellisierungen wurden verurteilt, und der Schutz der Opfer - einschließlich einer eventuellen Entschädigung - bekam einen hohen Stellenwert. Die Partei Bündnis 90/Die Grünen beauftragte 2013 die Universität Göttingen mit der Erforschung von Positionen zur Straffreiheit pädophiler Handlungen, wie sie auch von Teilen der Partei in ihrer Frühphase in den 1960er- und 1970er-Jahren vertreten worden waren. Nach Vorlage des Forschungsberichts erklärte die Partei auf ihrem Parteitag am 23. November 2014: "Einvernehmliche Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern kann es nicht geben" und bat "alle Opfer sexuellen Missbrauchs um Entschuldigung, die sich durch unsere Positionen und Debatten in den 1980er-Jahren in ihrem Schmerz und ihrem Leid verhöhnt fühlen".[12]

Papstworte und päpstliche Schreiben

Papst Benedikt XVI.

Papst Benedikt XVI. formulierte in der Predigt zum Abschluss des Anno sacerdotale am 11. Juni 2010:

"Daher ergab sich, dass eigens in diesem Jahr der Freude über das Sakrament des Priestertums die Sünden von Priestern ans Licht gekommen sind; vor allem der Abusus gegenüber den Kleinen, wodurch das Priestertum, als Auftrag der Sorge Gottes zugunsten des Menschen, in sein Gegenteil verkehrt wird. Auch Wir erflehen dringend die Vergebung von Gott und von den betroffenen Personen, überdies beabsichtigen Wir zu versprechen, dass Wir alles nur Mögliche tun, dass so ein Abusus nie wieder vorkommen kann; zu versprechen, dass Wir im Zugang zum priesterlichen Dienst und in der Bildung auf dem Vorbereitungsweg dahin alles, was Wir können, auch tun, um die Echthheit der Berufung zu beobachten und dass Wir überdies die Priester auf ihrem Weg noch mehr begleiten, auf dass Der Herr sie schütze und geleite in bedrängenden Situationen und den Gefahren des Lebens."

Papst Franziskus

Sexuellen Missbrauch an Kindern, den Kleriker verüben, bezeichnete Papst Franziskus als Plage, die auszurotten ist. Sie übe eine verheerende Wirkung auf den Glauben und auf die Hoffnung auf Gott aus. Die Verschleierung solcher Taten in der Kirche über lange Zeit kritisierte er scharf als Komplizenschaft, für die es keine Erklärung gibt.

In einem Brief an Bischofskonferenzen, Orden und kirchliche Gemeinschaften schrieb er am 2. Februar 2015: „Im (Weihe-) Amt ist absolut kein Platz für diejenigen, die Minderjährige missbrauchen.“ Es müsse "alles nur Mögliche getan werden, um in der Kirche die Plage sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen auszurotten und einen Weg der Versöhnung und Heilung zugunsten derer, die missbraucht worden sind, zu öffnen."[13]

Der Papst hatte bereits im März 2014 die Päpstliche Kommission für den Schutz von Minderjährigen ein gerichtet. Aufgabe der Diözesanbischöfe und Ordensoberen ist es, "zu überprüfen, dass die Sicherheit der Minderjährigen und der abhängigen Erwachsenen in ihren Pfarreien und den anderen Einrichtungen der Kirche garantiert wird". Er forderte von den Bischöfen und Leitern der geistlichen Gemeinschaften die Bereitschaft "zur Begegnung mit den Opfern und ihren Angehörigen: Es geht hier um wertvolle Gelegenheiten zum Zuhören, und um die, die viel gelitten haben, um Vergebung zu bitten".

In einer Ansprache an Missbrauchsopfer am 7. Juli 2015 sprach Papst Franziskus von seiner Bestürzung und seinem Schmerz "über die Tatsache, dass einige Priester und Bischöfe die Unschuld von Minderjährigen und ihre eigene priesterliche Berufung geschändet haben, indem sie sich an ihnen sexuell vergingen. Es handelt sich um mehr als niederträchtige Taten. Es ist wie ein gotteslästerlicher Kult; denn diese Knaben und Mädchen waren dem priesterlichen Charisma anvertraut, damit sie zu Gott geführt würden, und jene haben sie dem Götzen ihrer Lüsternheit geopfert. Sie haben das Bild Gottes selbst beschmutzt, nach dessen Ähnlichkeit wir geschaffen worden sind."[14]

Literatur

  • Deutsche Bischofskonferenz (Hrsg.): Aufklärung und Vorbeugung – Dokumente zum Umgang mit sexuellem Missbrauch im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz (2., völlig überarbeitete und aktualisierte Auflage). Bonn 2014. (Arbeitshilfen, Nr. 246)

Weblinks

Anmerkungen

  1. Daniel Deckers: Katholische Beratungsstelle für Missbrauchsopfer. In: FAZ vom 31. März 2010, S. 4.
  2. Erstmals Missbrauchsvorwurf gegen katholischen deutschen Bischof. kath.net vom 6. November 2015
  3. Ein Schritt zurück ins rechte Licht, rp-online, 26. November 2016, abgerufen am 12. April 2017.
  4. vaticannews.va:Vatikan/USA: Christine Seuss: Kirchengericht entlässt Erzbischof wegen Kindesmissbrauchs. 16. März 2018.
  5. Godehard Brüntrup SJ, Eine kopernikanische Wende?, in der Tagespost vom 2. März [1]
  6. Scicluna (Link, dt.) auf der Vatikanseite
  7. Franziskus trifft Missbrauchsopfer Kath.net am 7. Juli 2014
  8. Corriere della sera, 25. September 2014.
  9. Tag des Herrn. Katholische Wochenzeitung für das Erzbistum Berlin, 68. Jahrgang, Nr. 7, 18. FDebruar 2018, S. 8.
  10. zeit.de: Sexueller Missbrauch Chile, 18. Mai 2018.
  11. Pressemitteilung zu den "Leitlinien für den Umgang mit sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Kleriker, Ordensangehörige und andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz", 16. September 2013
  12. stern.de, 22. Novem,ber 2014, anberufen am 25. November 2014
  13. radiovaticana: Papstbrief zum Schutz von Kindern vor Missbrauch
  14. Papstpredigt, 7. Juli 2014
Meine Werkzeuge