Diskussion:Heinrich Denifle

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Wer das Lutherwerk Denifle's vorurteilsfrei liest, wird keineswegs zu dem Schluß kommen, dass dadurch ein Schatten auf sein wissenschaftliches Lebenswerk fällt, auch wenn man den oft polemischen Tonfall nicht gutheißen muss. Rein sachlich betrachtet trifft Denifle, v.a. aufgrund seiner immensen Quellenkenntnis, fast(!) immer mitten ins Schwarze. Die weitgehende Ablehnung, die sein Lutherwerk von Seiten der protestantischen Gelehrten erfahren hat, rührt zum größten Teil daher, dass er ihnen in der ersten Auflage des ersten Bandes ihre Inkompetenz mit deutlichen Worten aufgezeigt hat. Ich würde es daher begrüßen, wenn an diesem Eintrag das doch recht negative Urteil über Denifle`s Lutherwerk abgeändert werden würde. Ich habe das komplette Werk wie auch die protestantischen Kritiken daran aufmerksam studiert und komme von daher zu dem Schluß, dass das hier ausgesprochene Urteil nicht gerechtfertigt ist. Über eine angeregte Diskussion mit kompetenten Gesprächspartnern würde ich mich freuen! --FranciscoSuarez 13:46, 15. Jul. 2012 (CEST)

Henrich Denifle O.P.

Antonio Russo

FRANZ BRENTANO und HEINRICH DENIFLE : Schüler des Aristoteles, in Philosophisches Jahrbuch, 121, 2014, S.125-151

Das Verhältnis Denifle - Brentano Die weite Wiederentdeckung und Verbreitung des Denkens Franz Brentano's (1838 - 1917), in Italien und im Ausland, regt an, die Zentralität und die Lebendigkeit seiner nicht bloß akademischen Anwesenheit innerhalb eines immer größer werdenden Kreises von Lesern und Schülern zu überprüfen. All das öffnet den Weg zu einer konkreten und immer höheren Wertschätzung des Denkens einiger seiner katholischen Schüler, wie Luwig Schütz, Georg von Hertling, Hermann Schell4, usw., welche, ehemals in den Hintergrund gedrängt, heutzutage hingegen Bedeutung und kulturellen, philosophischen und theologischen Raum wiedererwerben. Zu diesem Gesichtspunkt gehört auch die Auseinandersetzung mit dem hervorragenden Mediävisten, Archivaren, Forscher der deutschen Mystik und Luthers, Heinrich-Suso Denifle O. P. (1844 - 1905), der, wie bekannt, im September 1861 ins Kloster St. Anna in Graz (Österreich) eintrat, um in den Orden der Predigerbrüder aufgenommen zu werden, und der als Genosse seiner letzten Monate des Noviziats Franz Brentano, «hervorragender Aristoteleskenner», hatte, der in dieselbe Gemeinde am 18. Juni 1862 aufgenommen wurde und propria voluntate am 25. September desselben Jahres ausgetreten war. Dieses Zusammen-Leben, nach Aussage von einigen Forschern, war wahrscheinlich «ausreichend, um beim Denifle eine große Sympathie für den Stagiriten anzuregen», dessen Studium er sich seit den Anfängen seines Bildungsweges «mit großem Eifer und Erfolg» widmete und, außerdem, mit einer «befürchteten persönlichen Interpetation des Stagiriten, im Gegensatz zu jener des Hl. Thomas». Abgesehen aber von diesen und anderen vereinzelten Hinweisen, ließ und läßt man heute immer noch die Frage nach dem Verhältnis Denifle - Brentano ruhig der Vergessenheit anheimfallen, obwohl derselbe Brentano seiner Zeit den jungen Dominikaner öffentlich unter seine Schüler gezählt hatte, wie übrigens aus einem vor einigen Jahrzehnten veröffentlichten Werk über die wissenschaftliche und kirchliche Tätigkeit einiger Dozenten an der Universität Würzburg klar hervorgeht - unter denen auch Brentano verzeichnet wurde - vor und während des ersten vatikanischen Konzils.

Daher fällt diese Forschungslücke - die immer noch darauf harrt, ausgefüllt zu werden - um so mehr ins Auge, zumal ein angesehener Historiker der Theologie und tiefer Kenner dominikanischer Dinge wie der P. Angelus Walz O. P., wenn er von dem Dominikaner Denifle spricht, ruhig behauptet, in dieser Hinsicht fast eine communis opinio dadurch Ausdruck gebend, daß er keiner Denkrichtung angehörte und daher, fast aus reinem Zufall, als Autodidakt, auf die Forschung der Scholastik und des Mittelalters überhaupt kam. Derartige Aussagen vermitteln uns das Ausmaß der Mißverständnisse, die heute immer noch die Lektüre der Seiten des dominikanischen Forschers bedingen. Es ist daher fast eine Kursumkehrung vonnöten, die einen Vergleich sine ira et studio mit den Texten ermöglicht - Unterlagen verschiedener Art, veröffentlichte oder nicht veröffentlichte Werke, Briefwechsel, Tagebücher, Memoiren - um sie mit philologischer und sachlicher Sorgfalt zu überprüfen, als Vorspiel für neue Interpretations- und Rekonstruktionsbemühungen. Diese vorrichtende Arbeit verdient aus einleuchtenden sachlichen Gründen in Angriff genommen zu werden, jedoch hauptsächlich deshalb, weil die wissenschaftlichen Werke von Denifle nicht mit Stillschweigen übergangen werden können, obgleich in einigen von ihnen Ausschreitungen an Stil und Interpretation vorkommen, und manchmal sogar scharfe Polemik. Wahrhaftig waren seine Beiträge zu verschiedenen Aspekten aus der Geschichte der Periode zwischen dem XII und dem XVI Jahrhundert, zum Studium der mittelalterlichen Mystik und der Scholastik überhaupt und, insbesondere, was die Vorkomnisse der mittelalterlichen Universitäten angeht, entscheidend und auf ihnen wurde nicht selten die weitere Forschung aufgebaut. Dieselbe Rekonstruktion der Gestalt und des Werkes Luthers, wenn auch in mehr als bitterem Ton, würde ausreichen, dem Namen Denifles Ansehen zu verleihen, dessen Profil heute immer mehr anerkannt wird.

2. Der Briefwechsel

Das enge, persönliche und wissenschaftliche Verhältnis, das sich bald zwischen dem jungen Dominikaner und Brentano anbahnte, und das nicht mal nach dem Entschluß des letzeren nachließ, das Kloster in Graz und auch nicht, später, gleich nach der formalen Definition des Dogmas der Unfehlbarkeit, die katholische Kirche zu verlassen, kann anhand eines nicht veröffentlichten, leider unvollständigen Briefwechsels zum Teil belegt und in wesentlichen Zügen erhellt werden, dessen kritische Ausgabe und Veröffentlichung von dem Autor dieser Seiten gerade vorbereitet wird. Dieser stellt eine bisher nie benutzte dokumentarische Quelle dar, von grundlegender Bedeutung, um die anfänglichen Stellungnahmen Denifles verstehen zu können, gleichzeitig nützlich, um die Kenntnis der Schriften Brentanos um die Jahre des ersten vatikanischen Konzils (1870) zu ergänzen, die in all ihren verschiedenen Aspekten und Implikationen noch nicht vollständig erschlossen ist. Auf den ist es also möglich zurückzugreifen, um nicht wenige Mißverständnisse, die sich auf dem Denken der zwei deutschen Forscher angehäuft haben, in einigen wesentlichen Punkten erneut zu prüfen und zu beheben, und die bestenfalls auf eine Stimmung tadelnswerter Gleichgültigkeit gegenüber der Rolle und des Gebrauchs archivalischer Quellen für die philosophische Geschichtsschreibung zurückzuführen sind. Es handelt sich konkret um einen Briefwechsel, der die Zeitspanne zwischen dem 22. November 1867 und dem 7. August 1871 umfaßt. Die Briefe, 14 insgesamt, sind alle philosophischen und theologischen Inhalts, sie liefern aber auch ausgiebige und direkte Auskünfte über die reellen Absichten Denifles, seine anfänglichen Studien, seine Lektüren und seine geistliche und wissenschaftliche Stellung innerhalb des Ordens der Predigerbrüder. Leider sind die bisher an Brentano adressierten aufgefundenen Briefe, die in Mikrofilm bei der Forschungsstelle und Dokumentationszentrum für Österreichische Philsophie in Graz aufbewahrt sind, alle, außer einem vom 5. Mai 1869, von Heinrich Denifle eigenhändig in Kurrent niedergeschrieben. Seit den Anfängen seines eigenen Studienganges wendet sich Denifle an Brentano aus alter und direkter persönlicher Bekanntschaft, vor allem aber durch die Ermutigung eines gemeinsamen großen Freundes angeregt, nämlich Franz Isidor Adler. In dem ersten uns erhaltenen Brief nämlich, von Kaschau (dem heutigen Kosice, ehemals Oberungarn, heute Slowakei) an den Philosoph aus Aschaffenburg adressiert, datiert 22.11.1867, schreibt er: «Auf Anrathen des P. Priors Ludwig ... erlaube ich mir also wegen mehreren philosophischen Fragen mich an Sie zu wenden». Darüberhinaus, was seine eigenen philosophischen Studien angeht, äußert er: «Die, mir so angenehme, wenn gleich ebenso schmerzliche Erinnerung an Sie, konnte die Länge der Zeit, u. die verschiedenen Variationen in derselben nicht schwächen. Trugen ja Sie selbst dazu bei, diese Erinnerung mehr u. mehr aufzufrischen, durch die freundlichen Grüße, die Sie uns durch hochw. P. Prior P Ludwig gütigst schickten; durch Ihr Werk über die Bedeutung des Seienden….des Seienden 16, in das näher einzugehen, ich nun mehr Zeit hatte, besonders aber durch Ihr neuestes Werk über die Psychologie des Aristoteles 17. – Dieß letzte Werk besonders war es, das meine ganze Aufmerksamkeit auf Aristoteles lenkte, u. mich völlig überzeugte von der Wichtigkeit, ihn selbst, u. zwar in der Ursprache zu studieren. – Zudem gehe ich mit dem Gedanken um, vielleicht in einigen Jahren ein Werk „de unione hypostatica“ aus den thomistischen Principien entwickelt, u. worauf ich mich jetzt schon vorbereite, zu veröffentlichen...». In diesem Brief erkennt also Denifle ausdrücklich Brentano das Verdienst an, ihn durch die Lektüre seiner zwei erwähnten Werke über den Stagiriten entschieden zum Studium und der Vertiefung der originalen aristotelischen Texte gelenkt zu haben. Solche Lektüre erweckt in ihm, unter anderem, den Wunsch, im Lauf einiger Jahre ein philosophisches Werk zu verfassen, das auf die «Quelle, aus der s. Thomas selbst schöpfte» auf seine «Grundprincipien » zurückgeht, in der Absicht, verschiedene von der mittelalterlichen Scholastik aufgegriffenen und christianisierten Knotenpunkte des Denkens des Stagiriten zu überprüfen.

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