Benedikt Baur: Liturgische Betrachtungen: III. Teil: Osterfestkreis. Die Nachpfingstzeit

Aus kathPedia
Zur Navigation springenZur Suche springen
Werde Licht !

Liturgische Betrachtungen an den Sonn- und Wochentagen des Kirchenjahres
III. Teil: Osterfestkreis. Die Nachpfingstzeit

Benedikt Baur OSB, Erzabt von Beuron

Quelle: Benedikt Baur OSB, Werde Licht ! Liturgische Betrachtungen an den Sonn- und Wochentagen des Kirchenjahres, III. Teil: Osterfestkreis. Die Nachpfingstzeit, Herder & Co. G.m.b.H. Verlagsbuchhandlung Freiburg im Breisgau 1942 (DIN 6; 692 Seiten, Sechste Auflage, Imprimatur Friburgi Brisgoviae, die 6 Decembris 1940 Rösch Vic. Gen.).

I. Teil: Advents- und Weihnachtszeit
II. Teil: Osterfestkreis. Sonntag Septuagesima bis Pfingsten

Vorlage:Überarbeiten


Die Zeit nach Pfingsten.

I. Mit dem heiligen Pfingstfest ist die Feier der geschichtlichen Erlösungsgeheimnisse abgeschlossen. Wir haben in Christus das neue Leben erhalten. Der Heilige Geist ist in unsere Seelen ausgegossen. um das Leben, das wir in der Auferstehung an Ostern erhalten haben, zu bewahren, zu entwickeln, zur Reife und Vollendung zu bringen. Dieser Arbeit des Heiligen Geistes in unserer Seele dienen die Sonntage nach Pfingsten. Sie stellen an uns die Aufgabe, mit dem in uns wirkenden, uns heiligenden Heiligen Geist gewissenhaft und treu mitzuwirken, uns gelehrig und willig von Ihm ziehen und ausreifen zu lassen. Das Hauptmittel, mit dem wir dieser Aufgabe entsprechen, ist die gute M itfeier des eucharistischen Opfers, verbunden mit dem Opfermahl der heiligen Kommunion.

Anders als im Advent, als in der Eptphanie- und Faste,nzeit mit Ostern stehen die vielen Sonntage nach Pfingsten lose nebeneinander. Jeder dieser Sonntage ist eine Art Ostern im kleinen. Den Höhepunk,t des Sonntags bildet die Feier der heiligen Eucharistie. Die Woche hindurch leben wir unsern Arbeiten und Pflichten. \Vir kommen mit der Welt und dem Weltgeist in Berührung und werden von ihm wohl auch angesteckt. Da eilen wir am Sonntag zur heiligen Eucharistiefeier. Wir wollen das Glück

. des Ostertages mit Taufe, Firmung und Eucharistie arn Sonntag in uns wieder aufleben lassen. Wir wollen in e"ri&hl~ I1nd mit Ihm 'neu auferstehen, zur noch tieferen Einswerd1111g mit Ihm, zu einem noch vollkommeneren Oste rieben und Leben im Geiste. Wir entsagen neu dem Weltgeist, dem n'iedc:n:n Ich. der Sünde. Wir holen uns in der NI itfeier der heiligen Messe neue Lebenskraft, neue Freude und neuen Baur. Werde Lieht. 111. 1

2

Die Zeit nach Pfingsten,

11 ut, um den Kampf um Christus und das Leben in Christus in der kommenden Woche wieder aufzunehmen.

2. Diese vierundzwanzig Sonntage fügen sich in die große Linie ein, die von Ostern Über Christi Himmelfahrt zur Wiederkunft Christi fÜhrt. Die Osterzeit hat uns die Gnade der Erlösung, der Erfüllung mit dem Leben des Herrn, der Einverleibung in Ihn und Sein~ Kirche gebracht. Der Herr ist uns in den Himmel vorausgegangen, uns eine \Vohnung zu bereiten. "Bin Ich dann hingegangen und habe Ich euch ein Heim bereitet, so komme Ich wieder und nehme euch zu Mir, damit, wo Ich bin, auch ihr seid" (loh, 14, 2 f.). Wir sind in dieser Welt zurÜckgeblieben, ausgerüstet mit dem Geiste des Pfingsttages, bestimmt, in der Kraft des Geistes, im Sinne und Geiste Christi und des Evangeliums, als Geistesmenschen unsere NI iss ion zu erfÜllen. Wir ennnern uns aber der Verheißung, die uns vom Herrn gemacht worden ist: "Ich komme wieder und nehme euch zu Mir." Sehnsuchtsvoll schauen wir nach der Wiederkunft des Herrn aus und halten die Lampen bereit. Bald kommt die Stunde, in der man uns sagt: "Siehe, der Bräutigam kommt, Auf, Ihm entgegen!" (Matth. 25, 6.) Er kommt, Seine Kirche, uns aJle, die wir zur Kirche gehören, heimzuholen, damit auch wir dort seien, wo Er ist.

So wird die ZeIt nach Pfingsten fÜr die Kirche die Zeit der EntWIcklung und Vollendung des Reiches Gottes auf Erden und schließt sich harmonisch an Pfingsten, den Tag der GrÜndung der Kirche, an.

3. Drei Gedanken bestimmen die Meßfeiern der Zeit nach Pfingsten und somit unsere seeI;' \.~, rel:

." H I d' E' . '-'""ern, dIe Er

glOse a tung: le' nnnerUJ"Herrn d' SI'

wartung der W;~r1'}Jf unQ zu den Leide led te lung ..

0_, lI5~" ~"uens. \lVir frischen d' E'? es gegenstern, an Unsere H 'I le llnnerung an dem Grab der SÜnde e~~r.g ~nd Auferweckung aus

, "Ir schauen sehn~uchts_

Einführung, 3

voll nach der Enderlösung, nach der Auferstehung VOn den Toten, nach dem ewigen Leben aus, das uns verheißen ist. Die vollkommene Erlösung, die wir erwarten, bringt der "Tag Christi", da Er mit Macht und Majestät kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten; wir nehmen den Kampf des Geistes wider das Fleisch, des neuen gegen den alten Menschen, des Reiches Gottes gegen das Reich der SÜnde entschlossen auf. In der Feier der heiligen Messe wird Uns die Kraft zum Kampf und Sieg gegeben, "Ich lebe, und auch ihr sollt leben" (Joh. 14, 19).

Die liturgische Meßfeier des D reifal tigkei tsso nn tags.

I. Der erste Sonntag nach Pfingsten ist durch die Feier des Festes der heiligsten Dreifaltigkeit verdrängt; er wird während der Woche nachg-efeiert, Die heilige Liturgie hat uns seit Beginn des Kirchen· jahres die großen Geheimnisse der Erlösung, d. h. der Liebe und Herablassung Gottes, kundgetan, Heute drängt es die heilige Kirche, dankbar auf den Urquell all dessen zurÜckzugehen, was sie im Kirchenjahr an Gnaden und Geheimnissen geschaut und erlebt hat, auf den letzten Ursprung und Uranfang von allem und auf das letzte Endziel von allem: auf die heiligste Dreifaltigkeit. Sie will heute ihrem von Dank und Liebe übervollen Herzen Luft machen in einem einzigen "Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto". So singt sie in der Erinnerung an die Geheimnisse und Gnaden von Weihnachten, Ostern und Pfingsten im Introitus ihren Jubel und Dank zum Throne des dreieinigen Gottes empor: "Ge· priesen sei die heilige Dreifaltigkeit und ungeteilte Einheit. Laßt uns Ihr danken, weil Sie Barmherzigkeit an uns getan." Unser Kyrie eleison hat heute den Sinn: nimm unsern Dank wohlgefällig auf, Du Vater, Sohn und Heiliger Geist. Diesem unserem Dank gibt das Gloria beredten Ausdruck, ebenso die Epistel in ihren kostbaren Schlußworten: "Von Ihm (Vater) und durch Ihn. (Sohn) und in Ihm (Heiliger Geist) ist alles: Ihm sei Ehre in Ewigkeit. Amen." "Ihm sei Ehre." Diesem Worte der Epistel entsprechen das Stufenlied (Graduale) und das ihm folgende Allelujalied. Das Geheimnis der heiligsten Dreifaltigkeit ist der Gegenstand des Evangeliums. V/ir können es nie erfassen: Ein Gott in drei Per-

Dre.faltigkeitssonntag: Gottes Erbarmen. 5

sonen - aber wir glauben es und singen freudig unser Credo - Ich glaube.

2, Den Opfergang begleitet das Opferungslied :

"Gepriesen sei Gott Vater und Gottes eingeborener Sohn wie auch der Heilige Geist: Denn Sie haben an uns Barmherzigkeit getan." Der dreifaltige Gott tut sie uns in der Feier der heiligen Messe in greifbarer Wirklichkeit kund, da wo das Opfer unserer Erlösung vor unsern Augen gefeiert wird und uns dessen Gnaden und Früchte zugewandt werden. Er tut uns Seine Gnade kund, da, wo Er uns Christus als unsere eigene Opfergabe in die Hand legt, uns mit Christus eine gottgefällige Opfergabe werden und uns mit Christus und in Christus vor den Thron der heiligsten Dreifaltigkeit treten läßt. Dort dürfen wir kindlich durch Christus zum Vater sprechen:

"Vater unser. Geheiligt werde Dein Name. Unser tägl iches Brot gib uns heute. Vergib uns unsere Schuld. Bewahre uns vor dem Bösen." Nicht genug der Herablassung und des Erbarmens! Im Opfermahl der heiligen Kommunion gibt uns der Vater unser tägliches Brot, die heiligste Eucharistie, den greifbaren Ausdruck und das sichtbare Unterpfand Seiner Liebe, Seines Erbarmens. Deshalb singen wir das schöne Kommunionlied : "Wir preisen den Himmelsgott und danken Ihm vor allen Wesen, die da leben, weil Er Barmherzigkeit an uns geübt." Mit diesem Bewußtsein verlassen wir die Meßfeier: unser "Deo gratias" besitzt heute einen besonders hellen Klang: "Er hat an uns (in der heiligen Messe) Barmherzigkeit geÜbt." Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste!

Fest der allerheiligsten Dreifaltigkeit.

G 0 t t e s Erb arm e n.

I. Ein Hochfest des Dankes an den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist, den dreifaltigen Gott, der in unendlicher Barmherzigkeit an unS das

6 Die Zeit nach Pfingsten: Zweite Woche,

Werk der Erschaffung, der Erlösung und der Heiligung vollzogen hat und immerfort vollzieht. "Gott ist die Liebe" (I Joh. 4,8).

2. ,,0 Ti e f e des Re ich turn s, der We i sheit und Erkenntnis Gottes!" Mit dem' heiligen Apostel Paulus steht die heilige Kirche und stehen wir staunend, anbetend vor den AbgrÜnden des göttlichen Erbarmens, der göttlichen \Veisheit und des göttlichen Wissens. Vor den unendlich tiefen AbgrÜnden der Weisheit und Liebe Gottes, die sich im Geheimnis der Ausel'wählung der Menschen und insbesondere in der Berufung der Heiden vor dem auserwählten Volke Israel auftun. An alle ergeht im Anfang die Uroffenbarung Gottes. Die Heiden fallen zuerst vom wahren Gotte ab. Gott erwählt sich Israel. Israel seinerseits verwirft Christus, das Heil. Ob des Unglaubens Israels wandert das Evangelium zu den Heidenvölkern, "Denn Gott hat alle zusammen (Juden und Heiden) dem Unglauben überantwortet, damit Er sich aller zusammen erbarme" (Röm, 11, 32). Am Ende der Zeiten werden Heiden und Juden zu Christus gelangen. ,,0 Abgrund des Reichtums (des Erbarmens), der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind Seine Gerichte (RatschlÜsse und FÜhrungen), wie unerforschlich Seine Wege! Wer hat die Gedanken des Herrn erkannt? Oder wer ist Sein Ratgeber gewesen? Oder wer hat Ihm zuerst etwas gegeben, daß Er es ihm vergelten mÜßte? Von Ihm und durch Ihn und in Ihm (d. h, fÜr Ihn) ist alles." Von Ihm ist alles ins Dasein gerufen; durch Ihn wird alles im Dasein erhalten; für Ihn ist alles gemacht, N a'tur und Gnade, Zeit und Ewigkeit: alles soll verkünden Gottes Macht und Schönheit, Gottes GÜte, Liebe und Weisheit. "Ihm sei die Ehre in Ewigkeit. Amen" (Epistel). "Gepriesen sei die heilige Dreifaltigkeit und ungeteilte Einheit, Laßt uns Ihr danken, denn Sie hat an uns Barmherzigkeit getan" (Introitus).

Dreifaltigkeitssonntag : Gottes Erbarmen. 7

Diesem Gott sind wir geweiht. Er hat uns in unendlichem Erbarmen Seines göttlichen Lebens teilhaftig gemacht. \Vir sind "auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes" getauft (Evangelium), gleichsam in das unendlich reiche Leben der heiligsten Dreifaltigkeit hineingetaucht, "der göttlichen Natur teilhaftig" (2 Petr. 1,4), So gehören wir kraft der heiligen Taufe nicht mehr uns selber an, auch nicht einem g-eschaffenen Ding, nicht einem Menschen, nicht der Welt, nicht Satan. Wir haben in der heiligen Taufe unser "Ich widersage" gesprochen, Seitdem "glauben wir an den Vater, an den Sohn, an den Heiligen Geist": wir sind Ihm geweiht, zu eigen gegeben, Gott allein I Alles andere ist unter unserer Würde. Gott allein genÜgt. Jetzt a'uf Erden, dereinst im Himmel, wo wir das unendlich reIche, heilige, beglÜckende und sättigende Leben des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes mitbesitzen und mitgenießen werden, Reines Erbarmen Gottes gegen uns! "Gepriesen sei die heilige Dreifaltigkeit und die ungeteilte Einheit. Laßt uns danken, denn Sie hat an uns Barm· herzigkeit getan" (Introitus),

3. Der heutige Tag ist ein Tag des Dankes an den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Im Verl,lUf des Kirchenjahres haben wir es neu erfahren, was Gottes Erbarmen und Liebe an uns Menschen, an der heiligen Kirche, an uns persönlich getan, "So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß Er Seinen Eingeborenen dahingegeben, damit jeder, der an Ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe" (J oh, 3, 16).

Ein Tag der erneuten, vertieften Gottesweihe. "Vir sprechen mit ganzer Seele unser "Ich widersage" . Wir brechen mit allem, was Ihm mißfallen mÜllte. Wir sprechen, wie in der Stunde unserer heiligen Taufe, das: "Ich glaube an den Vater. Ich glaube an den Sohn. Ich glaube an den Heiligen Geist." "Mein jetziges Leben ist ein Leben im Glauben an

8 Die Zeit nach Pfingsten: Zweite Woche,

den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich fÜr mich hingeopfert hat" (Gal. 2, 20).

Ich glaube an den Vater, den Sohn und den Hei- , ligen Geist. Es bedeutet mehr als bloß ein FÜrwahrhalten, daß ein Vater, ein Sohn und ein Heiliger, Geist ist, ein Gott in drei Personen. Es bedeutet: ich lebe dem Vater, dem Sohn, dem Heiligen Geist, dem ich durch die heilige Taufe geweiht und geheiligt bin. Diese unsere Gottgeweihtheit erneuern und bej ahen wir heute. Wir erneuern und vertiefen sie jeden Tag in der heiligen Opferfeier. Beim Staffelgebet reinigen wir uns von den uns anhaftenden Untreuen und von allem, was unserer Gottgeweihtheit widerspricht. Im Opfergang legen wir im Brot und Wein unser Herz auf die Patene: es soll im heiligen Opfer eine neue, tiefere Weihe und Konsekration an Gott den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist erfahren. über unsere Opfergabe kommt in der heiligen Wandlung das verzehrende Opferfeuer des sich opfernden Herrn und Heilandes herab und reißt sie mit der Glut Seiner Opferliebe zum Himmel empor. Wir sind mitkonsekriert, mit dem Vater zu eigen gegeben. 'Wir leben nicht mehr uns selbst. Wir leben ganz Gott. Unsere Gottesweihe bekräftigt und besiegelt der Herr in der heiligen Kommunion. Die Gottgeweihtheit im Erdenleben weitet sich in der Kraft der heiligen Kommunion zur ewigen "communio", zur ewigen Lebensgemeinschaft mit Gott dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste. Wir werden Ihn sehen, so wie Er ist, von Angesicht zu Angesicht. Wir werden ewig Sein Leben, Seine Herrlichkeit, Sein göttliches Wissen, die Wonnen Seiner göttlich erhabenen Liebe mitbesitzen und mitgenießen dürfen. Solches hat uns der Sohn Gottes durch Seine Menschwerdung, durch Sein Leben, Leiden und Sterben erworben. "Wir preisen den Himmelsgott und danken Ihm vor allen Wesen, die da leben, weil Er Barmherzigkeit an uns geµpt" (Communio).

Montag: Die heilige Liebe.

9

Ge b e t.

Allmächtiger ewiger Gott, Du hast Deinen Dienern die Gnade verliehen, im Bekenntnis des wahren Glaubens die Herrlichkeit der ewigen Dreifaltigkeit zu erkennen und in der Macht der Majestät die Einheit anzubeten; nun bitten wir Dich: laß uns kraft dieses unerschÜtterlichen Glaubens stets vor ,allem Unheil gesichert sein. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Montag der zweiten Woche nach Pfingsten.

Die h eil i geL i e b e.

I. Der Pfingstgeist, CL-isti Geist, ist ein Geist der Liebe zu Gott und zum Nächsten. Das neue Leben, das uns durch die Erlösung geschenkt worden ist, bewährt sich in der Liebe. Deshalb die eindringliche Mahnung der heutigen Messe (vom 1, Sonntag nach Pfingsten), daß wir lieben sollen.

2. "Gott ist die Liebe." "Wer nicht liebt, erkennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. Darin hat sich die Liebe Gottes zu uns gezeigt, daß Gott Sein~n eingeborenen Sohn in die Welt sandte, damit wir durch Ihn leben. Darin besteht die Liebe: Nicht, daß wir Gott ( zuerst) geliebt haben, sondern daß Er uns ,geliebt und Seinen Sohn gesandt hat als SÜhn· opfer fÜr unsere Sünden, Wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und an sie geglaubt. Gott ist die Liebe. Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm. Darin ist die Liebe Gottes in uns zur Vollendung gekommen, daß wir die Zuversicht haben für den Tag des Gerichtes: denn wir sind schon in dieser Welt, wie Er in ihr ist." Gott ist die Liebe. Wir sind in der Liebe: sie macht uns Gott ähnlich. Gleichen wir aber schon in diesem Leben dem Richter, dann brauchen wir nicht zu fÜrchten, am Tage des Gerichtes, des Todes, von Ihm verurteilt und verstoßen zu werden. Diese Zuy~rsicht ~ibt UjlS die Lieb~, ilF\.lfC!tt v~rträgt sieb

Ta Die Zeit nach Pfingsten: Zweite Woche.

11lcht mit der Liebe. Die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht, weil die Furcht es mit der Strafe zu tun hat. Wer fÜrchtet, ist nicht vollkommen in

der Liebe."

"Wenn Gott uns so sehr geliebt hat.,

d a 11 n m Ü s sen au c h wir ein a n der I i e be 11, Gott hat keiner gesehen. Wenn wir aber einander lieben, dann bleibt Gott in uns und Seine Liebe ist in uns vollkommen. \,y enn jemand sagt: Ich liebe Gott, haßt aber seinen Bruder, so ist er ein LÜgner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht. Wir haben ein Gebot von Gott: Wer Gott liebt, muß auch seinen Bruder lieben." "Wer sagt, er sei im Lichte und haßt seinen Bruder, der ist noch immer in der Fins.ternis. Wer seinen Bruder liebt, der bleibt im Lichte. Wer seinen Bruder haßt, der ist im Finstern und wandelt in der Finsternis (Sünde). Er weiß nicht, wohin er gerät; denn die Finsternis hat seine Augen geblendet" (I ] oh. I, 2 9)·

3, An die Spitze der Episteln der vielen Sonntage nach Pfingsten stellt die- heilige Liturgie das große Gebot der Gottes- und Nächstenliebe. Die christliche Vollkommenheit besteht in der vollkommenen Gottes- und Nächstenliebe. Der Endzweck aller Gebote ist die Liebe. Ohne die Liebe zu Gott und zum Nächsten wird kein Gebot und keine Pflicht des christlichen Lebens ganz erfÜllt. Umgekehrt aber erfÜllt die Liebe alle Gebote und Pflichten. Sie ist die Wurzel, das Leben, die Seele der Tugenden, die erste und letzte der Tugenden. Sie ist selber alle Tugend, Fehlt die Liebe, dann fehlt alles. Ist die Liebe da, dann ist alles da. Sie ist in unsere Herzen ausgegossen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. vVir können nicht alle große Almosen geben, große, heroische Abtötungen auf uns nehmen, Aber wir können lieben.

Die heutige Meßfeier unterstreicht das Gebot, die Pflicht der Nächstenliebe. "Das andere Gebot ist

Montag: Die heilige Liebe.

I I

diesem, dem Gebot der Gottesliebe, gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen zwei Geboten hangen das ganze Gesetz und die Propheten" (Matth. 22, 39 40). Die Frucht des Pfingstereignisses, der Herabkunft des Heiligen Geistes auf die junge Kirche, faßt die Apostelgeschichte dahin zusammen: "Die Menge der Gläubigen war ein Herz und ein e Seele. Niemand betrachtete etwas von dem, was er besaß, als sein Eigentum. Alles hatten sie miteinander gemeinsam, und große Gnade ruhte auf allen. Auch gab es keinen BedÜrf· tigen unter ihnen" (Apg. 4, 32 f.). So verharrten sie "in der Lehre der Apostel, in der brÜderlichen Gemeinschaft im Brotbrechen und Gebet" (Apg. 2, 42), alle innerlich geeint im Heiligen Geist, dem Band der Liebe. Wie weit sind wir Christen von heute von diesem Einssein entfernt! Das ist es, was der Kirche so wehe tut!

"Ich bitte: Herr, erbarme Dich meiner, heile meine Seele. Ich habe gegen Dich gesÜndigt." Das ist unser Bekenntnis auf die Worte der Epistel hin, Das Christentum ist Gottes- und Nächstenliebe, Und gerad"e gegen die Liebe, insbesondere gegen die Liebe zueinander, fehlen und sündigen wir so viel, Tag fÜr Tag, trotz aller Frömmigkeit.

"l'Iab acht auf meiner Stimme Flehen, Du mein König und mein Gott, Ich richte mein Gebet an Dich, 0 Herr" (Offertorium), jetzt, beim Opfergang, in der Mitfeier des heiligen Opfers. Das Gebet um Verzeihung und Erbarmen ob unserer vielen SÜnden gegen die Liebe, Und das Gebet um die Kraft, zu lieben, "Die Liebe ist langmÜtig, gÜtig, beneidet nicht, prahlt nicht, bläht sich nicht auf, sucht nicht ihren Vorteil, läßt sich nicht erbittern, trägt das Böse nicht nach" (I Kor. 13, 4 L), Und wir sind da von all diesem so weit entfernt! Ob unserer Eigenliebe und unseres Stolzes!

Wir opfern, Wir empfangen die heilige KommUnion In der Kraft der heiligen Eucharistie gehen

12 Die Zeit nach Pfingsten: Zweite Woche.

wir wieder daran, vollkommener als bis heute zu lieben. Das ist das Vertrauen der heiligen Liturgie auf das Opfer und Opfermahl der Eucharistie: sie gibt uns so mit dem Fleisch und Blut zugleich den Geist des Herrn. Die heilige Kommunion ist' ein neues Pfingsten. Wir werden geistige Menschen, ausgerüstet mit der Kraft zur heiligen Gottes- und Nächstenliebe. Deshalb jubeln wir: "Verkünden,will ich alle Deine Wundertaten; ich will mich freuen und in Dir frohlocken; ich will lobsingen Deinem N amen, Allerhöchster" (Communio), lobsingen mit dem innern Streben, lobsingen mit dem praktischen Leben. Über alles die heilige Liebe!

Ge b e t.

Gott, Du Stärke derer, die auf Dich hoffen, sei gnädig unserem Flehen zugegen; und weil ohne Dich die menschliche Schwachheit nichts vermag, so schenke uns den Beistand Deiner Gnade, damit wir bei der Erfüllung Deiner Gebote durch unser Wollen und Handeln Dir gefallen. Durch Christus unsern Herrn, Amen.

Dienstag der zweiten Woche nach Pfingsten.

"Seid barmherzig,"

J. Weihnachten, Ostern, Pfingsten: lauter Geheimnisse der Übergroßen Barmherzigkeit, die Gott an uns Menschen, an der Gesamtheit und an uns persönlich getan. "Er hat Seine Liebe zu uns darin gezeigt, daß Er Seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt hat, durch den wir leben" (Epistel). "Dem Herrn will ich also singen, der mir Gutes getan" (Introitus). Ihm singen nicht bloß mit Worten und mit dem Affekt, sondern mit dem Werke: dadurch, daß auch wir den Brüdern in Christo Barmherzigkeit erweisen und Gutes tun.

2. "Seid barmherzig. wie auch euer Vater barmherzig ist. Richtet nicht (lieblos), so werclet

Dienstag: "Seid barmherzig".

13

auch ihr nicht gerichtet werden. Verdammt nicht, so werdet auch ihr nicht verdammt werden. Vergebet, so wird euch vergeben werden." "Wie auch euer Vater barmherzig ist." Was ist das Werk der Menschwerdung des Sohnes Gottes anders als erbarmende Liebe des Vaters? "So sehr hat Gott die Welt geliebt" (Joh. 3, 16). Und wenn der Vater dem menschgewordenen Sohn den Auftrag gibt, daß Er sich fÜr uns hinopfere, um unsere Sündenschuld zu tilgen: was ist dieser Wille des Vaters anders als erbarmende Liebe, die des eigenen Sohnes nicht schont, um den Knecht zu retten? Erbarmende Liebe Gottes! Wie oft haben wir Gott nach der heiligen Taufe die Treue gebrochen, Ihn beleidigt, Ihn verachtet, Ihn für einen SÜndengenuß weggeworfen? Er hatte hundertmal Grund, uns fallen zu lassen und ewig von sich zu stoßen. Und Er hat Erbarmen gehabt und hat uns wieder verziehen. "Nicht wegen der guten Werke, die wir getan, sondern nach Seiner Barmherzigkeit hat Gott uns gerettet" (Tit. 3, 5). "So wahr Ich lebe, spricht der Herr, Ich will nicht den Tod des SÜnders, sondern daß er sich bekehre und lebe" (Ez. 33, II). "Kann denn 'ein Weib ihres Kindes vergessen, daß sie sich nicht des Sohnes ihres Leibes erbarme? Und wenn sie es vergäße, so will Ich doch deiner nicht vergess~n, spricht der Herr" (Is. 49, 15). "Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist." Barmherzig gegen jedermann, gegen j eden, der uns wehe tut, unrecht tut. "Vater, verzeihe ihnen, sie wissen nicht, was sie tun" (Luk. 23,34). Barmherzig gegen den SÜnder! Haß der Sünde, Erbarmen dem SÜnder! Barmherzig gegen den Armen, gegen den N otleidenden. Barmherzig mit dem Herzen und mit der Tat des barmherzigen Samaritans. "Selig die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen" (Matth, 5, 7)·

"G e b e t, so wir d eu c h ge g e ben wer den: ein gutes, ein gerÜtteltes, ein eingedrÜcktes und auf·

14 Die Zeit nach Pfingsten: Zweite Woche,

gehäuftes Maß wird man euch in den Schoß geben. Denn mit dem gleichen Maße, mit dem ihr messet, wird euch wiedergemessen werden" (Evangelium). Ein heiliges und untrÜgliches Heilandswort ! Ein Befehl und eine Verheißung! Eine Verheißung, tausendmal im Leben bestätigt. Ein Befehl, von wenigen ganz erfüllt! Und ein Grundgesetz der Vorsehung Gottes: "Mit dem gleichen Maße, mit dem ihr messet, wird euch wiedergemessen werden," "vVer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, dem schlage es nicht ab" (Matth, 5,42). "Wer die Güter dieser Welt hat und doch, wenn er seinen Bruder notleiden sieht, sein Herz verschließet, wie bleibt die Liebe Gottes in ihm?" (I Joh,3, 17.) "Wer einem von diesen Geringsten nur einen Becher kalten Wassers reicht, weil er Mein JÜnger ist, wahrlich, Ich sage euch, er wird seines Lohnes nicht verlustig gehen" (Matth. IO, 42). Erinnere dich, so erklärt der hl. Augustinus unser Evangelium, daß wir alle, wenn "wir beten, vor Gott als Bettler erscheinen. Wir stehen vor der TÜre des großen H ausvaters und wollen etwas erhalten, Was denn? Gott selbst. Der Bettler bittet dich um ein StÜck Brot. Um was bettelst du bei Gott? Um was anderes als um Christus, der von sich sagt: Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist." Wenn wir zum Hausvater kommen und Ihn um etwas bitten, dann wird Er uns "mit dem gleichen Maße zumessen, mit dem wir messen". "Gebet, so wird euch gegeben werden." Gebt ihr reichlich, so wird euch reichlich gegeben werden; gebt ihr wenig, so wird euch wenig gegeben werden. Haben wir dies Gesetz des Gebens und Empfangens ernstlich erwogen?

3. "Wollt ihr Verzeihung von Gott? Dann verzeiht! Wollt ihr von Gott etwas erhalten? Dann gebet, und es wird euch gegeben werden" (hl. Augustinus ).

Verzeihen und geben I Das ist der Ge:st Christi

Mittwoch: Daß sie eins seien!

15

und des Christentums. Wie ist er unbekannt, verkannt, selbst unter uns Christen!

Gebet.

Gott, Du Stärke derer, die auf Dich hoffen, sei gnädig unserem Flehen zugegen; und weil ohne Dich die menschliche Schwachheit nichts vermag, so schenke uns den Beistand Deiner Gnade, damit wir bei der ErfÜllung Deiner Gebote durch unser Wollen und Handeln Dir gefallen, Durch Christus t1nsern Herrn, Amen,

Mittwoch der zweiten Woche nach Pfingsten.

Daß sie eins seien!

I. "Ich bitte Dich auch fÜr jene, welche durch ihr (der Apostel) \V ort an 11 ich glauben, damit sie alle eins :;eien, wie Du Vater in Mir bist und Ich in Dir bin. So sollen auch sie in um eins sein" (Joh. 17, zr). Die heiligste Dreifaltigkeit, die Dreiheit in der Einheit und die Einheit in der Dreiheit, ist uns Vorbild und Ursprung der Einheit in der Liebe zueinander.

z. b i ehe i I i g s teD r e i f alt i g k e i t ist das Vor bi I d der Einheit, der Liebe untereinander. Das Leben der drei gottlichen Personen ist wesenhaft Gemeinschaftsleben. Trotz der Verschiedenheit der Personen sind sie eins, wie in der Natur, so im gegenseitigen Erkennen, Verstehen, Lieben. Da gibt es kein Sich-isolIeren, kein Nur-an-sich-selber-denken, kein FÜr-sich-allein-leben, Im Schoße der allerheiligsten Dreifaltigkeit gibt es nur ein vollkommenstes Ineinander, Miteinander und Zueinander. "Wie Du, Vater, in Mir bist und Ich in Dir." Diesem erhabenen Leben der Einheit in der Vielheit und der Vielheit in der Einheit hat sich das Leben der Kirche, der christlichen Gemeinde, der Familie, der religiösen Gemeinschaft nachzubilden. Das ist der He"zenswunsch des Heilandes, Das Seine Bitte,

die Er im hohenpriesterlichen Gebet dem Vater vorträgt. "Daß sie eins seien!" Und wie? "So, wie Du, Vater, in Mir bist und Ich in Dir bin". "Damit sie eins seien, wie wir eins sind." Ein göttlich-erhabenes Vorbild! "Ich werde in ihnen sein, wie Du, Vater, in Mir bist." Wozu? "Damit sie vollkommen eins seien." Die Frucht Unseres Einsseins aber besteht darin, daß "die Welt erkennt, daß Du Mich gesandt hast und sie geliebt hast, wie Du Mich liebst" (Joh. 17, 22 f.). Wir ehren und bekennen die heiligste Dreifaltigkeit im praktischen Leben am meisten dadurch, daß wir miteinander ein Herz und ein e Seele sind. Dadurch legen wir Zeugnis fÜr Christus ab. Damit leben wir das Leben Gottes mit. Damit bewähren wir uns als echte Kinder des Vaters und erwerben uns Seine Liebe. Aber leider t \Vo es sich um das "e i n Herz und ein e Seele sein" han-

delt, versagen wirt

Die Kr a f t zum Ein s sei n s t r ö m t uns aus

dem Schoße der allerheiligsten Dreifaltigkeit zu. "Daß sie alle eins seien." Hier kommt die menschliche Natur, sich selber überlassen, nicht mit. In ihr lebt die Macht des Neides, des Ehrgeizes, der Eifersucht; die trennende Macht der kleinen Eigenheiten und Gewohnheiten, die Streitlust der Nerven, der ungeregelte Hunger nach den Süßigkeiten des Lebens. Dazu kommt die Verschiedenheit der Naturen mit ihrem starken Eigenwillen, mit ihrem leidenschaftlichen Temperament, mit ihren ausgeprägten Überzeugungen. Alles das und so vieles andere bedeutet ebensoviele fast unüberwindliche Hindernisse gegen das, "daß sie eins seien". Ein vollkommenes Einssein ohne tiefverborgene Falschheit und ohne unwahre Herzlichkeit schafft nur die Gnade. Sie ist uns gerade gegeben, daß wir die Enge und Selbstsucht unserer gefallenen Natur überwinden und weit werden für das Mit-einander, Zueinander, Füreinander. "Ich habe die Herrlichkeit, die Du Mir gegeben hast, ihnen gegeben, damit sie eins seien,

Mittwoch: Daß sie eins seien I

17

wie Wir eins sind" (Joh, 17, 22). Die Herrlichkeit der Gotteskindschaft, der heiligmachenden Gnade! Wozu dieses Leben Gottes, der allerheiligsten Dreifaltigkeit in uns? Damit wir eins seien, so wie der Vater und der Sohn und der Heilige Geist eins sind. Die heiligmachende Gnade ist Ausfluß, Teilnahme am Leben Gottes, des Dreieinigen. Sie kann nicht anders als die Geister und Herzen eInigen. Und wo sie in der Seele ist, da muß sie uns von den Banden der natÜrlichen Engheit und Selbstbezogenheit befreien und uns katholisch, allumfassend machen. So viel hat einer also von der Herrlichkeit der Kindschaft Gottes, des göttlichen Lebens in sich, als er in sich den Drang verspürt und die Großmut aufbringt zum christlichen Füreinander, Miteinander und Zueinander, mit Verzicht auf sich selbst, auf die eigenfn Interessen und WÜnsche.

3. "Daß sie alle eins seien." Wir sind ein Leib in Christus, "So nehme sich denn einer des andern an, wie auch Christus sich euer angenommen hat" (Röm. 15, 7). "Leidet ein Glied, so leiden alle Glieder mit. Wird ein Glied geehrt, so freuen sich alle Glieder mit" (I Kor. 12,26), Aber, so fragt Bossuet, haben wir es uns je einmal zum Bewußtsein gebracht, daß wir Glieder ein e s Leibes sind? Wer von uns ist schon einmal mit einem Kranken krank, mit einem Bedrängten bedrängt geworden. 'vVer hat mit einem Wehrlosen Unrecht gelitten? Rings um uns so viel geistige, moralische, zeitliche Not, und wir achten es kaum. So wenig wissen wir uns eins. M ÜBten wir nicht die Not des Mitbruders mitempfinden, mittragen, uns an ihr mitschuldig fühlen, das unsrige tun, um dem Mitbruder zu helfen? Das wäre der Geist des Christentums !

"Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist" (Evangelium). Der Herr befiehlt uns: Richtet nicht, urteilet, verurteilet nicht, niemanden. Und wir? Wir sehen den Splitter im Auge des Mitbruders. Wir~ machen so viel Aufhebens damit, wir urteilen, wir

Baur \V"rd" Lid,t 111.

18 Die Zeit nach Pfingsten: Zweite Woche.

verurteilen den Fehlenden, wir stellen uns als Richter über ihn auf. Den Balken im eigenen Auge sehen wir nicht. Sind wir barmherzig ? Werden wir so Barmherzigkeit erlangen am Tage des Gerichtes? (Evangelium.) Wissen wir nicht, daß wir nur 'in dem Maße der Gnade und Gotteskindschaft teilhaftig sind, als wir den Eifer der Liebe in uns tragen und nähren?

"Herr, erbarme Dich meiner, heile meine Seele.

Ich habe gesündigt gegen Dich (Graduale). Die Liturgie weist uns an die Eucharistie, an die Einverleibung in Christus. Aus dieser Eingliederung strömt uns der Geist Christi zu, der Geist der Liebe. "Verkünden will ich Deine Wundertaten. Ich will mich freuen und frohlocken in Dir." Du gibst mir in der heiligen Kommunion Anteil an Deiner heiligen Liebe

(Communio). •

Ge be t.

Gieße uns, 0 Herr, den Geist Deiner Liebe ein, damit alle, die Du mit dem ein e n himmlischen Brote gespeist hast, durch Deine VatergÜte ein e s Herzens seien. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Fronleichnamsfest.

Die h eil i g e E u c h a r ist i e.

1. Ein Tag des Dankes fÜr die Einsetzung der heiligsten Eucharistie als Opfer und als Sakrament. "Mit bestem Weizen nährt Er sie (die Gläubigen, uns) und sättigt sie mit Honig (Süßigkeit) aus dem Fel~en (Christus), alleluja, alleluja, aJleluja" (Introitus). Christus mit Gottheit und Menschheit, mit Leib und Seele bei uns, unsere Opfergabe an den Vater, unser Hoherpriester, unsere Nahrung, unser liebender Freund im trauten Tabernakel!

2, Die Ver h eiß u n g der h eil i g s t e n E ucharistie (Evangelium). Eben hat Er jenseits des Sees Genesareth die Menge, die Ihm in die Wüste gefolgt war, wunderbar gespeist. In der Nacht

Fronleichnamsfest : Die heilige Eucharistie. 19

wandelt Er trockenen Fußes über das Wasser. Er ist also der Herr der Natur und der Elemente. Andern Tags strömt das Volk wieder zu Ihm. Sie hoffen, von Ihm wiederum Brot zu bekommen. Er redet zu ihm in der Synagoge von Kapharnaum. "Mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise, und Mein Blut ist wahrhaft ein Trank. Wer Mein Fleisch ißt und Mein Blut trinkt, der bleibt in Mir und Ich in' ihm. Wie Ich, vom lebendigen Vater gesandt, durch den Vater lebe, so wird auch der, welcher Mich ißt, durch Mich leben. Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist, nicht wie das Manna, das euere Väter gegessen haben und doch gestorben sind. Wer dieses Brot ißt, der wird ewig leben," Viele von Seinen Jüngern erklären: Diese Rede ist hart, wer kann sie hören? Und ·sie verlassen Ihn. Wir aber sprechen mit Petrus: "Herr, Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir glauben und wissen, daß Du der Heilige Gottes bist" (J oh. 6, 68).

Die Ein set z u n g der h eil i g s t e nEu c h aristie (Epistel). "BrÜder! Ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch Überliefert habe: Der Herr Jesus nahm in der Nacht, da Er verraten wurde, Brot, dankte, brach es und sprach: ,~ehmet hin und esset. Das ist Mein Leib, der für euch hingegeben wird, Tut dies zu Meinem Andenken.' Ebenso nahm Er den Kelch und sprach: ,Dieser Kelch ist der Neue Bund in Meinem Blute. Tut dies, so oft ihr ihn trinkt, zu Meinem Andenken.' Denn so oft ihr dieses Brot esset und diesen Kelch trinket, verkÜndet ihr den Tod des Herrn, bis Er wiederkommt. Wer also unwürdig dieses Brot ißt oder den Kelch des Herrn trinkt, versÜndigt sich am Leibe und Blute des Herrn. Daher prüfe sich der Mensch, und so esse er von diesem Brote und trinke aus diesem Kelche. Denn wer unwürdig ißt und trinkt, der ißt und trinkt sich das Gericht (die Verdammnis), da er den Leib des Herrn nicht (von gewöhnlicher Speise) unterscheidet."

2*

20 Die Zeit nach Pfingsten: Zweite Woche,

3. Der Herr hat uns die heilige Eucharistie verheißen und gegeben. Was wir auf dem Altar, in der heiligen Kommunion, im Tabernakel anbeten und besitzen, ist nicht bloß Brot und Wein, sondern der wahre Leib und das wahre Blut des Herrn. Er selbst, der verklärte Herr, ganz und ungeteilt, mit der ganzen Fülle Seiner Gottheit und Seiner Menschheit. Der Herr "voll der Gnade und Wahrheit, und von Seiner FÜlle haben wir alle empfangen, Gnade um Gnade" (Joh, I, 14 16). Er ist und lebt mit uns im hochheiligen Sakrament. Nicht bloß im Bilde. Nicht bloß einer Kraft nach, die von Ihm, der zur Rechten des Vaters sitzt, ausginge und uns heilte, Er ist und lebt unter uns in Person: derselbe, den Maria empfangen und geboren hat; derselbe, der am Kreuze fÜr uns gestorben und der glorreich von den Toten auferstanden ist.

"Ich glaube an den ein e n Herrn .T esus Christus, Gottes eingeborenen Sohn", hier im heiligsten Sakramente gegenwärtig. "Er ist aus dem Vater geboren vor aller Zeit. Gott von Gott, Licht vom Lichte, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, ein e s Wesens mit dem Vater. Durch Ihn ist alles geschaffen. Für uns Menschen und um unseres Heiles willen ist Er vom Himmel herabgestiegen. Er hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist, aus Maria, der Jungfrau, und ist Mensch geworden, gekreuzigt wurde er sogar fÜr uns; unter Pontius Pilatus hat Er den Tod erlitten und ist begraben worden. Er ist auferstanden am dritten Tage gemäß der Schrift. Er ist aufgefahren in den Himmel und sitzet zur Rechten des Vaters. Er wird wiederkommen in Herrlichkeit, Gericht zu halten Über Lebende und Tote, und Seines Reiches wird kein Ende sein" (Credo der Messe).

Gott mit uns. Er ist nicht bloß Im Wort erschienen, das sich an den Geist des Menschen wendet. Auch nicht bloß in der Gnade, welche sich in das Herz einsenkt. Er erscheint sichtbar. fÜr den in die

Fronleichnamsfest : Die heilige Eucharistie. 2 I

Sichtbarkeit versenkten Menschen. Im Paradies erscheint Er dem ersten Menschen sichtbar. Sichtbar, in den Flammen des Dornbusches, erscheint Er dem Moses. Sichtbar zieht Er mit dem auserwählten Volke, in der Feuer- und Wolkensäule, durch die WÜste. Sichtbar erscheint Er im Symbol der Wolke Über der Bundeslade. In einer neuen Sichtbarkeit erscheint Er, Gott und Mensch in ein e r Person, als der Menschensohn, geboren aus Maria der Jungfrau. "Wir haben Seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des Eingeborenen vom Vater, voll der Gnade und Wahrheit" (Joh. I, 14). "Das Wort ist I~leisch geworden und hat unter uns Wohnung genommen", nicht bloß für die kurzen Jahre Seines Erdenlebens, sondern, fiir immer, im hochheiligen Sakrament. "Siehe, Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt" (Matth. 28,20). Im Wunder Seiner Liebe. Die Liebe des Unendl ichen schafft Unendliches in dem "Gott mit uns", dem Emmanuel der heiligen Eucharistie. Wir glauben an die unendliche Liebestat unseres Gottes. Wir danken. \Vir sind glÜcklich, die heilige Eucharistie zu besitzen.

Wir erneuern heute umern Glauben an den im Tabernakel gegenwärtigen Herrn. V/ir erneuern unser Vertrauen, unsere Liebe und Hingabe. "Wie lieblich sind Deine Wohnungen, 0 Gott! Es schmachtet und sehnt sich meine Seele nach den Vorhöfen des Tempels: Wann darf ich kommen? vVann vor Ihm erscheinen?" (P s. 83, 2.)

"Aller Augen warten auf Dich, 0 Herr, und Du gibst ihnen Speise zur rechten Zeit. Du öffnest Deine Hand und füllest alles, was da lebt, mit Segen" (Graduale), mit Gnaden, im Geheimnis der heiligen Eucharistie!

Ge be t.

o Gott, Du hast uns in dem wunderbaren Sakramente das Andenken an Dein Leiden hinterlassen. Wir bitten Dich: laß uns die heiligen Geheimnisse

22 Die Zeit nach Pfingsten: Zweite Woche,

Deines Leibes und Blutes so verehren, daß wir die Frucht Deiner Erlösung allezeit in uns erfahren. Der Du lebst und herrschest in alle Ewigkeit, Amen.

Freitag nach dem Fronleichnamsfest.

Das G e d ä c h t n i s des Lei den s ehr ist i,

1. "Gott, Du hast uns im wunderbaren Sakrament (der Eucharistie) das Andenken an Dein Leiden hinterlassen" (Kirchengebet), Das hochheilige Opfer und Sakrament des Altars ist das Andenken an das Leiden des -Herrn,

2, Die he i I i g s teE u c h a r ist i e set z t J es u

Lei den und S t erb e n vor aus, "Das ist Mein Leib, der fÜr euch hingegeben wird. Das ist t>.lein Blut, das fÜr euch vergossen wird," Die heiligste Eucharistie ist die Frucht des Leidens und Sterbens J esu. Sie umschließt das blutige Opfer am Kreuz mit allem, was mit dem Kreuzestode an Leiden und Verdemütigungen verbunden ist: den Olberg, die Geißelsäule, die Dornenkrönung, die ungerechte Verurteilung, den schweren Weg nach Golgatha. Sie schließt in sich insbesondere die erhabene Opfergesmnung, mit der unser Herr und Erlöser Sein Opfer am Kreuze vollzog: Seinen Gehorsam und Seine vorbehaltlose Hingabe an den Vater; Seinen Willen zur VerdemÜtigung, zur Übernahme aller Leiden und des Todes, Seine Liebe zum Vater und zu uns Sündern, die Er retten, mit dem Vater versöhnen, zu Kindern Gottes machen will. Das alle~ hat Er sich kosten lassen, um sich uns im heiligsten Sakrament geben zu können, um uns im Tabernakel nahe sein, um auf dem Altar unsere Opfergabe an den dreieinigen Gott sein zU können. Das alles sollen wir in der heiligen Hostie gläubig sehen.

Die heiligste Eucharistie erinnert an ] e s u Lei den und Tod. Im Opfer der heiligen Messe wird das Sterben] esu am Kreuze, die Trennung von Leib und Blut am Kreuze in den sichtbar

Freitag: Das Gedächtnis des Leidens Christi. 23

getrennten Gestalten von Brot und "V ein, unter denen sich Christus dem Vater auf dem Altare aufopfert, sichtbar nachgebildet und dargestellt. Christus leidet und stirbt nicht mehr, nachdem Er von den Toten auferstanden ist. Er ist als der verklärte Herr auf dem Altar, des Leidens und Sterbens gänzlich und schlechthin unfähig. Aber Er führt uns in der Feier der heiligen Messe, in der heiligen Wandlung, ein Bild, ein Andenken Seines blutigen Todes vor Augen. Er erscheint persönlich unter uns, derselbe, der sich am Kreuze für uns hingeopfert hat, Er erscheint mit der gleichen heiligen Opfergesinnung und mit ein und demselben innern Opferakt, der die Seele des blutigen Opfers am Kreuze ausmachte und der ebenso die Seele des Opfers ausmacht, das auf dem Altare vollzogen wird. Wie Er einmal am Kreuze Sein inneres Opfern, Seine vorbehaltlose liebende Hingabe an den Vater und Seine Liebe zu uns im blutigen Tode, das ist in der Tre:J)ung von Leib und Blut, sichtbar zum Ausdruck bracht~, so spricht Er täglich auf dem Altar ein und dieselbe innere Opfer gesinnung und den ununterbrochen von Ihm innerlich festgehaltenen Opferakt sichtbar aus: in den getrennten Gestalten von Brot und Wein, Leib und Blut. So ist die Feier der heiligen Eucharistie ein Bild, eine sichtbare Nachbildung, eine Erinnerung an ] esu Leiden und Tod. Wir sollen es täglich in diesem Bilde schauen, was Er es sich um uns hat kosten lassen. \Vie unendlich Er uns geliebt hat. Wie aufrichtig Er auf unsei ewiges Heil bedacht ist. "Er hat mich geliebt und hat sich fÜr mich hingegeben" (Gal. 2, 20). Aber nicht ein leeres Bild, wie es etwa ein Gemälde ist, das uns das Leiden des Herrn vor Augen stellt. Vielmehr ein Bild, das die ganze \Virklichkeit in sich schließt: Christus, Seinen Leib, Seine Seele, Seinen Opferwillen und Seinen innern, ununterbrochen festgehaltenen Opferakt. Ein Bild und ein Vorbild, auf daß wir im Aufblick zu dem Andenken

24 Die Zeit nach Pfingsten: Zweite \Voche.

und Bild des Leidens und Todes des Herrn lernen, täglich vollkommener mit dem sich opfernden Haupte Christus ein Opfer an den Vater zu werden, in der gleichen Opfer gesinnung und innern Opfertat wie Er!

3. Im 11 ittelpunkt des christlichen Frömmigkeitslebens steht die Mitfeier der heiligen Messe. Die heilige Messe aber weist auf das blutige Opfer am Kreuze hin. Die Teilnahme an der heiligen Messe wirkt also in uns naturnotwendig ein tieferes Verständnis für das Opferleben Jesu und fÜr des Christen Beruf, mit Jesus ein Opfer zu sein, ein Opferleben zu führen. Hier, in der Teilnahme am heiligen Opfer der Messe, müssen wir begreifen lernen, daß das Opfer die Wurzel, das Herz und die Krone alles großen, edlen, wahrhaft christlichen Lebens ist. Hier müssen wir das Verständnis, den Mut und die Kraft zum Opfer schöpfen, Solange die Mitfeier der heiligen Messe uns nicht zum freudigen, liebenden Verzichten, Entsagen, Tragen, zu einem mutigen Leben des ununterbrochenen Opfers um Gottes und Christi willen stark gemacht hat, haben wir die heilige Messe noch nicht mit Frucht mitgefeiert,

FÜr den Herrn ist die Eucharistie das Sakrament der vollkommenen Selbst3ufgabe und Selbsthingabe. Darf es für uns etwas anderes sein? Muß nicht der eucharistische Herr gleichsam die Seele meines Wesens sein? Darf ich etwas anderes sein als di e unscheinbare Hostie, ganz von Ihm in Besitz genommen, von Seinem Opfergeist erfüllt, mit Ihn1 eine Opfergabe an den Vater? Eine eucharistisch~ Seele ist notwendigerweise eine sich im Opfer hit Gott und Christus verzehrende Seele.

Gebet.

o Gott, Du hast uns in dem wunderbaren Sakramente das Andenken an Dein Leiden hinterlassen Wir bitten Dich: laß uns dIe heiligen Geheimnisse Deines Leibes und Blutes so verehren, daß wir die

Sam»tag: Die heilige ;\1 esse,

25

Frucht Deiner Erlösung allezeit in uns erfahren, Der Du lebst und herrschest in alle Ewigkeit. Amen.

Samstag nach dem Fronleichnamsfest.

Die h e i 11 ge M e s s e,

1. "Die Priester des Herrn bringen Gott Weihrauch dar und Brot: und darum werden sie heilig sein vor ihrem Gott und Seinen Namen nicht entweIhen. Alleluja" (Offertorium), Die heiligste Eucharistie ist das Opfer des N euen Testamentes, das hochheilige Opfer der Kirche.

2. Die wes e n t I ich s t eTa t der ehr i s tli c h e n Re li g ion und Frömmigkeit, das allein und einzig Wichtige im Leben ist das: "Geheiligt werde Dein Name". Gottes Namen heiligen, Gott verherrlichen, Gott als Herrn anerkennen und Ihm als dem Herrn dienen so vollkommen, als Er es verdient, das ist das Wesentliche. Wer aber kann Ihn so verherrl ichen, wie Er es verdient? Nur ein er, der menschgewordene Gottessohn, ] esus Christus. unser Herr. Er ist ein e s 'VVesens mit dem Vater. Er ist zugleich einer aus uns, Gott und Mensch in der Einheit der Person, kann Er dem Vater eine Huldigung bieten, wie sie dem Allerhöchsten gebÜhrt: eme Huldigung, Anbetung, einen Lobpreis von unendlichem Wert. Die Verherrlichung, die wir dem Vater bieten können und mÜssen, kann also nur darin bestehen, daß wir der unendl ichen 11 aj estät Gottes ] esus geben: denj enlgen, der als del Abglanz der Herrlichkeit des Vaters wesenhaft der unendlich heilige und vollkommene Lobhymnus auf den Vater ist, der Lobgesang, mit dem sich Gott von aller Ewigkeit her selber unendlich verherrlicht. Kur in Jesus und mit Ihm und durch Ihn können wir Gottes N amen heIl igen, Gott wÜrdig verherrlichen, Unsere ReligIOn und Frömmigkeit besteht deshalb in ihrem tiefsten 'VVesen darin, daß wir

20 Die leit nach Pfingsten: l\\('ltc \\'oche,

Gott, der heiligsten Dreifaltigkeit, Jesus geben, unsern Herrn. Und mit Ihm und in vol1ster Selbsthingabe an Ihn uns selbst. Darin, daß wir opfern, ] esus opfern und mit ] esus uns selber opfern, daß wir "geistige Opfer darbringen, die Gott wohlgefäl1ig sind durch Jesus Christus" (I Petr. 2, 5)·

\V i rap f ern ] e s u s in der h'e i li gen 11 es s e. \Vas wir aus uns selber tun und Gott bieten wol1en, ist vor Gott ebenso ein Nichts wie wir selbst, Und gleichwohl sind wir dazu berufen, Gott eine unendliche. Verherrlichung zu erweisen. Wie soll das geschehen? "Per Ipsum et cum Ipso et in Ipso - Durch Ihn (Christus) und mit Ihm und in Ihm ist Dir, allmächtiger Vater, in der Einheit des Heiligen Geistes al1e vol1kommene Ehre und Verherrlichung," I n der heil igen Messe ist es uns vergönnt, Gott dem Vater Jesus zu geben - der Inbegriff und die Zusammenfassung der unendlich heiligen, vollkommenen Gottverherrlichung. Gott hat uns Seinen Sohn im Gehel11111is der heiligen Weihnacht gegeben, nicht, damit wir Ihn fÜr uns behalten, sondern damit wir Ihn als Gegengabe kindlicher Liebe dem Vater wiedergeben - in der' Feier und M itfeier der heil igen 11esse, In dem hochheiligen Opfer auf dem Altar nehmen wir opfernd ] esus, unsere heilige Opfergabe, ] esu Herz, Seinen Leib, Seine heilige Seele, Sein kostbares Blut, Seine unendlichen Verdienste, Seine Anbetung und Huldigung an den Vater, Seine Liebe, Seinen Gehorsam, Seine Demut, alles, was Er Heiliges und Gottgefälliges in sich schließt, in unsere Hände und bieten es dem Vater zur Ergänzung dessen an, was wir aus uns unfähig sind, Gott wÜrdig zu verherrlichen, zu loben, Ihm zu danken, Ihm SÜhne zu leisten, wie Er es verdient, Das ist das heiligste, das höchste, das wichtigste Tun des Christen, Auf die Mitfeier der heiligen M esse sind wir getauft. Und al1ein wir, die Getauften, haben die Macht, Christus als unsere Opfergabe, als unser Eigentum in Anspruch

Samstag: Die heilige Messe.

zu nehmen und dem Vater anzubieten. "SuSClpe Pater - Nimm an, Vater, diese reine, heilige, makellose Opfergabe." "Durch Ihn und mit Ihm und in Ihm (d. i. kraft der lebendigen Einverleibung in Jesus, unser Haupt) ist Dir, allmächtiger Vater (auch von uns, von mir), eine unendliche Ehre und Verherrlichung" im Opfer der heiligen Messe.

3. Unser Heiland kommt in der Feier der heiligen Messe, damit wir Ihn als unsere Opfergabe dem Vater darbringen. Wollten wir unsere Andacht auf die heilige Hostie beschränken, den gegenwärtigen Herrn nur anbeten, Ihn lieben und nicht zugleich uns Seiner Selbsthingabe an den Vater anschließen und uns mit Ihm zu einer Opfergabe an den Vater machen, dann verständen wir die Gabe nicht, die uns der Herr in der heiligen Eucharistie anvertraut hat. Das ist das Entscheidende, daß wir uns in der heiligen Messe mitaufopfern.

Der Kern und Höhepunkt der christlichen Frömmigkeit ist in der Feier bzw. Mitfeier des Opfers der heiligen Messe gelegen. Auf die aktive Mitfeier des eucharistischen Opfers sind wir getauft. Sie ist unser erster und heili~ster Dienst, das Wichtigste und Wesentlichste, was wir zu tun haben. Pn ihr üben wir das Priestertum aus, zu dem wir in der heiligen Taufe geweiht wurden. "Laßt euch als lebendige Bausteine aufbauen zu einem heiligen Priestertum, um durch] esus Christus geistige, Gott wohlgefällige Opfer darzubringen" (I Petr. 2, 5 6).

Ge be t.

Nimm, Herr, diese Opfergabe huldvoll an, die wir (Priester) Deine Diener und Deine ganze Gemeinde Dir darbringen, Leite unsere Tage in Deinem Frieden, bewahre uns gÜtig vor der ewigen Verdammnis und reihe uns in die Schar Deiner Auserwählten ein, Durch Christus unsern Herrn.

Amen.

Die liturgische Meßfeier des zweiten Sonntags nach pfingsten.

1. Im Mittelpunkt der liturgischen Feier des heutigen Tages steht die Parabel vom "großen Gastmalft"', Wir sind es gewohnt, dieses Gastmahl mit dem Fronleichnamsfest in Verbindung zu bringen, in dessen Oktav feier wir stehen, als ob das Evangelium vom Gastmahl mit einer gewissen Absicht fÜr den Sonntag innerhalb der Oktav des Fronleichlumsfestes ausgewählt worden sei. Tatsächlich aber ward dieses Evangelium am zweiten Sonntag nach Pfingsten gelesen schon viele Jahrhunderte. bevor das Fronleichnamsfest eingeführt wurde. Im Sinne der Liturgie umfaßt das große Gastmahl nicht bloß das Opfermahl der heiligen Kommunion, sondern überhaupt das ganze uns von Gott in freier Liebe angebotene Heil, Menschwerdung, Erlösung, Taufe, Eucharistie, Gnade und himmlische Seligkeit.

2, Dankbar schauen wir im Einzugslied (Introitus)

auf das große Heilserlebnis zurück, das uns in der Berufung zum Gastmahl des übernatürlichen Lebens und der übernatürlichen Heilsgüter in der Osternacht geworden. "Der Herr (Christus) ward mein Beschützer. Er führte mich heraus ins Weite. Weil Er mich liebte, hat Er mich errettet. Der Herr ist mein Fels, mein Hort und mein Befreier." Dankbar und voll freudiger Sehnsucht gehen wir dem Gastmahl entgegen, das uns in der heiligen Opferfeier der Eucharistie bereitet ist. In dem Opfer und Opfermahl ist Christus "meine Rettung, mein Hort, mein Befreier". In ihm rufen wir: Christe, eleison. "Laß uns Dich zugleich fürchten und lieben", dann können wir am großen Gastmahl der Übernatürlichen Heilsgüter und insbesondere der heil igsten Eucha, ristie mit Frucht Anteil haben (Oration). Die Epistel

Die liturg, Meßfeier des 2. Sonntags n. Pfingsten. 29 ruft die Gläubigen zum christlichen Gemeinschaftssinn auf, zum engen Anschluß an die Kirche. Sie sind zusammen ein Leib, ein Organismus, getragen und geleitet von ein e m Geist, verbunden durch ein e Liebe, Die Gemeinschaft, die Kirche ist das Haus, in welchem das Gastmahl zubereitet ist. In ihr findet sich die Fülle der Heils- und GnadengÜter: "Wir wissen, daß wir vom Tode zum Leben übergegangen sind (Erlösung, Gnade, Heil), w eil wir die BrÜder lieben (in der Gemeinschaft der Kirche). Wer nicht liebt, bleibt im Tode." So flehen wir im Graduale zum Herrn, Er möge uns von allem, was uns von der Teilnahme am großen Gastmahl abziehen kann, befreien, daß es uns nicht ergehe, wie den Geladenen des Evangeliums. Viele sind zum Gastmahl eingeladen. Aber die Geladenen, die zuerst Berufenen, lehnelJ es ab, zum Gastmahl zu erscheinen, irdischer Sinn, Weltgeist, Gleichgültigkeit gegenÜber den HeilsgÜtern, Verfangensein in irdischen Interessen, Geschäften und Genüssen halten sie fern. DafÜr werden nun die Armen und Siecl1en, die Bettler und die Verachteten, Zertretenen und Enterbten gerufen:

An die Stelle der Erstberufenen (Juden) treten andere (die Heiden); an die Stelle der Satten treten die Hungernden; an die Stelle der Großen, SelbstgenÜgenden treten die Kleinen, die Armen. "Selig die Armen im Geiste; selig die Trauernden; selig die Hunger und Durst haben nach der Gerechtigkeif', d. h. nach den übernatürlichen HeilsgÜtern des großen Gastmahles. Sehnsuchtsvoll schauen wir im Opferungslied nach der Teilnahme am Gastmahle aus. In der Feier der heiligen Messe dÜrfen wir alll großen Gastmahl teilnehmen. Durch die heilig-e Taufe sind wir zur Teilnahme eingeladen. Wehe uns, wenn wir durch Weltsinn und Genußsucht uns verleiten lassen, der Einladung nicht zu entsprechen, "Keiner von jenen, die geladen waren, wird vom Mahle kosten." Deshalb stellen wir uns unter die Zahl der Armen, der Bettler, der Kranken, der Kleinen, rler

30 Die Zeit nach Pfingsten: Dritte Woche.

BedÜrftigen und Suchenden des Evangeliums. Diese sind es, die zur Gemeinschaft der Kirche und ihrer

HeilsgÜter (Gastmahl) gerufen sind.

3. Im heiligen Opfer entsagen wir, wie einst in der heiligen Taufe, dem Welt sinn, der Augenlust, ' der Fleischeslust, der Hoffart des Lebens. Wir geben uns zusammen mit dem sich opfernden Christus Gott und Seinen Interessen hin und nehmen im Opfermahl Sein Heil und Seine Gnaden entgegen. Dankbar singen wir das schöne Kommunionlied :

"Dem Herrn will ich singen, der mir Gutes getan." Er gibt mir mit Seinem Fleisch und Blut das Unterpfand der Teilnahme am großen Mahl des ewigen

Lebens.

Sonntag in der Fronleichnamsoktav.

Die he i 1 i ge Kom m uni 0 n.

1. Jubelnd, dankend kommen wir heute zur helligen Opferfeier. Wir erinnern uns an die Gnaden der Menschwerdung und der Erlösung, an Weihnachten, Ostern und Pfingsten und stimmen freudig in den Gesang des Introitus ein: "Der Herr ward mein Beschützer. Er fÜhrte mich ins Weite (befreite mich aUS den Banden Satans, der SÜnde, der Hölle). Er hat mich errettet: denn Er hat mich lieb." Ich bin erlöst, vom Herrn geliebt. "Dich lieb' ich, Herr, meine Stärke Der Herr ist (in der heiligen Eucharistie) mein Fels, mein Hort und mein

Befreier" (Introitus).

2. "E i n Man n b e r e i t e tee i n g roß e s

Gas t m a h 1 und lud viele dazu ein. Als die Stunde des Mahles nahte, sandte er seinen Knecht aUS und ließ den Geladenen sagen, sie möchten kommen, es sei alles bereit." Die Geladenen aber ließen' sich beim Gastgeber entschuldigen: der eine hat sich ein Landgut, der andere ein paar Ochsen gekauft, der dritte hat sich ein Weib genommen und kann nicht

Sonntag: Die heilige Kommunion, 3 I

kommen, "Da ward der Hausvater zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh hinaus auf die Straßen und Gassen und führe die Armen und Schwachen, die Blinden und Lahmen herein. ] a, gehe an die Wege und Zäune und nötige dIe Leute hereinzukommen, damit mein Haus voll werde. Ich sage euch aber, keiner von denen, die geladen waren, wird von meinem Mahle kosten" (Evangelium). Das Gastmahl ist bereitet, heute, täglich, in der heiligsten Eucharistie., Die Satten, d. h. diej enigen, die nur irdische, materielle Interessen und BedÜrfnisse kennen, lehnen die Einladung zum eucharistischen Mahle ab: sie finden keinen Geschmack dar an. Die geistig Armen aber, die von der ungeordneten Begierde an die Erdendinge Gelösten, die ~ranken, die Schwachen, die vom Leben nicht Gesegneten, die sind e" die das heilige Mahl der Eucharistie genießen, Wir freuen uns, zu denen zu gehören, die zum Mahle der heiligen Eucharistie geladen sind. Wir erheben uns Über die ungeordneten Anhänglichkeiten an die irdischen GÜter und GenÜsse und sehnen uns nach den GÜtern der Eucharistie. "Die Hungrigen sättigt Er mit GÜtern, die Satten läßt Er leer ausgehen" (Lu!<. I, 53). Auf den Hunger, auf das Verlangen nach der heiligen Eucharistie, nach der heiligen Kommunion konmit es vor allem an. Auf die Erkenlltnis, daß wir arm, schwach, blind und lahm sind und so sehr der Kraft und Hilfe des hochheil igen Sakramentes bedÜrfen.

Die be san der e Fr u c h t der Teilnahme am Mahle der heiligsten Eucharistie ist der Geist der Liebe, der Wille und die Kraft zur Liebe (Epistel). "Geliebte, wundert euch nicht, wenn die Welt euch haßt. 'v'Jir wissen, daß wir vom Tode zum Leben Übergegangen sind, weil wir die BrÜder lieben. Wer 1..1..i.ch.lli..~bt.., blÜbl im Tode. (de.r Sünde \_ leder~ der seinen Bruder haßt, ist ein Menschenmörder. Und ihr wißt, daß kein Mörder das ewige Leben in sich haben kann. Daran haben wir die Liebe Gottes er-

\ 2 Die Zeit nach Pnng-sten: Dritte Woche,

kannt, daß Er Sein Leben für uns hlllgegeben hat.

So sollen auch wir fÜr die Brüder das Leben hingeben. Wer die GÜter dieser \Velt besitzt, aber' sein Herz verschließt, wenn er seinen Bruder Not leiden sieht, wie soll in ihm die Liebe Gottes bleiben? Meine Kindlein, laßt uns lieben, nicht mit Worten oder mit der Zunge, sondern in der Tat und Wahrheit" (I Joh. 3, 13-18), "An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen" (Matth. 7, 16): an der Frucht der brüderlichen Liebe, der Hingabe an die Gemeinschaft der Kirche im großen und im kleinen, werden die andern und werden wir selber erkennen, wie weit wir uns aus dem Empfang der heiligen Kommunion Nutzen schöpfen, sie also gut, empfangen, Nichts macht uns im täglichen Leben mehr Schwierigkeit als das Gebot der Liebe. Je enger wir mit den andern zusammenleben, um so drückender fÜhlen wir des andern Last (Gal. 6,2), um so mehr wird die Liebe erschwert. Aber aus der heiligen Kommunion schöpfen wir die Kr.aft der Liebe, der Selbstbeherrschung, des Verzichtes auf die eigenen Wünsche und AnsprÜche; die Kraft, zU tragen, zU verzeihen, zu verstehen, wohlwollend und gÜtig zu sein; die Kraft dazu, daß wir nicht bitter, verstimmt und lieblos werden; die Kraft, um, trotz aller entgegenstehenden Mächte von innen und von außen, den Frieden, die Eintracht zu bewahren und zu suchen, wie wir ja durch die heilige Komm\1nion ein Brot, ein Leib, ein Geist werden (I Kor,

10,17)·

3, "Dich lieb' ich, Herr, 0 meine Stärke. Der Herr

ist ja mein Fels, mein Hort und mein Befreier" (Introituspsalm). Das muß unsere Antwort auf di( Liebe sein, die uns der Herr im Sakrament del heiligen Eucharistie erzeigt. "Daran haben wi Seine Liebe erkannt, daß Er Sein Leben fÜr un dahingab" (Epistel), einmal blutigerweise im wirk lichen Sterben am Kreuze, ununterbrochen in Ull blutiger Weise in dem Opfer der heiligen Euchar

Montag: Die heilige Messe das Opfer Christi. 33

stie. Und Seine Liebe im Tabernakel, da Er bestän·dig uns nahe sein wili! Müssen wir Ihn nicht innig lieben?

"Dem Herrn will ich singen, der mir Gutes getan, will preisen den Namen des Herrn, des Allerhöchsten" (Communio), der sich in der heiligen Eucharistie zu uns herabläßt und sich uns zur Nahrung gibt!

So viele antworten 'auf diese Seine Liebe mit Kälte und GleichgÜltigkeit. Sie sind zum Gastmahl der heiligen Kommunion geladen, aber sie entschuldigen sich, als hätten sie \Vichtigeres zu tun. So wenig schätzen sie die heilige Eucharistie. Es fehlt am lebendigen Glauben,

Viele kommen zum Gastmahl, das der Herr ihnen bereitet. Aber es ist ihnen etwas fast zu Alltägliches, Vertrautes. Sie bringen nicht die Glut mit, die den Genuß der heiligen Kommunion fruchtbar macht, nicht den lebendigen Glauben, die heilige Ehrfurcht, das glÜhende Verlangen, mit dem Herrn vereinigt und von Seinem Leben erfÜllt zu werden.

Was sollen wir erst von jenen, leider nicht wenigen, sagen, die zur heiligen Kommunion kommen, ohne das hochzeitliche Kleid der Gnade zu tragen?

Ge be t.

Herr, laß uns immerdar Deinen heiligen Namen zugleich fürchten und lieben. Du entziehst ja nie Deine Leitung jenen, die Du fest in Deiner Liebe begrÜndest, Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Montag nach dem Fronleichnamsfest,

Die he i I i g e M e s s e das 0 p f e r C h r ist i.

1. "Das ist Mein Leib, der für euch hingegeben wird. Das ist der Neue Bund in Meinem Blute" (Epistel). Mit diesen Worten setzte der Herr das hochheilige Opfer der Messe ein. Das Blut, das

Baur, Werde Lieht. 111 3

34 Die Zeit nach Pfing5ten: Dritte Woche,

"vergossen wird zur Vergebung der Sünden", ist im Sprachgebrauch der Heiligen Schrift Opferblut. Es ist mit einem wahren und wirklichen Opfer verbunden. Die Feier, der heiligen Messe ist das Selbst-

opfer Christi,

2, Die 0 p f erg a b e der h eil i g e 11 M e s s e

ist Christus, unser Herr, Wie Er einst am Kreuze blutigerweise, !n qualvollem Todesleiden, im Drang unaussprechlicher Liebe, sich dem Vater fÜr

uns zum Opfer gebracht hat, so bringt Er sich in

der Opferfeier der heiligen Messe als der verklärte, unsterbliche, Über alles Leiden erhabene Herr, dem Vater sich selbst zum Opfer dar: Sein hochheiliges Herz mit allem, was es an Huldigung und Liebe,

an Anbetung und Lobpreis Gottes, an Kraft zU bitten, Verzeihung und Gnaden zu erwirken in sich schi ießt. Er bietet dem Vater Seinen heiligen Leib, Sein kostbares Blut, Sein heiliges Leben, das Er auf Erden gelebt, Seine VerdIenste, die Er erworben, und die Tugenden, die Er geÜbt, Sein Leiden und Sterben an. Er nimmt in Seine Opfergabe alles auf, was Er yom ersten Augenblick Seines Eintrittes in diese 'Welt an gebetet, gearbeitet und gelitten hat; alles, womit Er den Vater verherrlicht hat, in Bethlehem, in N azareth, im öffentlichen Wirken, auf dem Kreuzweg, am Stamme des heiligen Kreuzes. "Eine reine, heilige, makellose Opfergabe", an welcher der Vater Sein Wohlgefallen hat, Seit den Tagen Abels und Kains baut sich die Menschheit Opferaltäre und schlachtet sie ihre Opfer. Sie weiß sich schuldig, gottfern, Sie will zu Gott zurÜck, bei Ihm Gnade und Verzeihung finden. Darum die Opfer, das Opferblut ungezählter Tiere, sogar M enschenopfer. Aber daran kann Gott kein Wohlgefallen haben, so gut die Opfer alle gemeint sind. "Opfer und Gaben willst Du nicht. An Brandopfern und SÜhnopfern hast Du kein Wohlgefallen. Da sprach Ich: ,Siehe, Ich komme'" (Hebr. 10, 5 f.), der eingeborene Sohn Gottes. Er opfert sich in Liebe und

Montag: Die heilige Messe das Opfer Christi, 35

Gehor sam am Kreuze und setzt jetzt, auf unsern Altären in unblutiger \Veise das Opfer fort, das Er blutigerweise einmal am Kreuze vollzogen hat. Die Weissagung des Propheten ist in der Feier der heiligen Messe erfÜllt: "Ich nehme von eurer Hand, d, i, von den Priestern des Alten Bundes, kein Opfer mehr an, Denn vom' Aufgang bis zum Niedergang der Sonne ist Mein Name groß unter den Heidenvölkern, und es wird Meinem N amen unter allen Völkern und an allen Orten eine reine Opfergabe dargebracht werden" (Mal. I, 10 f.), in der Kirche des N euen Bundes, in der Feier der heiligen Messe.

Der Pr i e s t er, der in der heiligen Messe die Opfergabe Gott darbringt, ist "ein und derselbe, der sich dereinst am Kreuze dargebracht hat" (Konzil von Trient), Schon immer standen Priester an den Altären der Menschheit und brachten Gott ihre Opfergaben dar. Aber ihnen allen galt das Wort des Herrn an den Propheten: "Ich habe kein Gefallen an euch und nehme kein Opfer aus euern Händen an" (Mal. I, 10), Der menschlichen Priester Hände und Herzen sind allzu unrein, mit SÜnden befleckt. Voll Mitleid mit unserer Unfähigkeit und UnwÜrdigkeit wird Gottes Sohn einer aus uns. Er wird Mensch und ist als Gott-Mensch vom ersten Augenblick Seines Eintrittes in diese Welt der _Hohepriester. "Siehe, Ich komme." Er ist es, der mit göttlich reinen Händen die heilige, makellose Opfergabe, sich selbst, in der heiligen Messe dem Vater aufopfert, durch den sichtbaren menschlichen Priester. Der eigentliche Priester der heiligen Messe ist Christus der Herr. Und darum ist das Opfer der heiligen Messe immer ein reines, heiliges, Gottes würdiges Opfer, immer wirksam, immer unendlich wertvoll. Mit dem Auge des Glaubens erkenn~n und sehen wir Ihn, den Herrn, der unter den Gestalten von Brot und Wein lebendig und persönlich gegenwärtig in einem heiligen Opferakt sich selbst, Seinen Leib uno Seine Seele, Sein Leben, Leiden uno

3'

36 Die Zeit nach Pfingsten: Dritte Woche.

Sterben d<:lll Vater darbr1l1gt; mit der gleichen Liebe zum Vater und zu uns, wie Er es einst am Kreuze getan. Ist aber der Herr selber der eigentliche Priester, dann .wird in der heiligen Messe dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist eine der Gottheit würdige, unendlich vollkommene Ehrung und Verherrlichung erwiesen. Dann steigen aus dem Herzen des sich opfernden Herrn Bitten und FÜrbitten fÜr uns zum Himmel empor, denen der Vater nicht widerstehen kann, Dann wird dem heiligen Gott eine ganze, volle SÜhne geleistet für all die unzähligen Sünden und Entehrungen, die von der Erde zum Himmel um Rache schreien! Der Altar ist das Heiligtum der Kirche, der Menschheit, der Brunnen lebendigen Wassers. Alles Hohe und Hehre, alles Herrliche und Göttliche strömt von unsern Altären Über die Menschheit, über die Seelen aus. "Wir haben einen Hohenpriester, Jesus, den Sohn Gottes"

(Hebr. 4, 14)·

3, ] esus ist in der heiligen Messe die Opfergabe

und der Hohepriester. Die hl. Gertrud erzählt, wie sie in einer Vision den Herrn sah, den eigentlichen Priester, den erhabensten Opferer: Er richtete sich auf Seinem Thron im Himmel auf und hob mit eigener Hand Sein heiligstes Herz in die Höhe, es dem Vater darbietend, Priester tmd Opfer zugleich, "In dem Augenblicke, wo Gott Sohn dem Vater Sein göttliches Herz hinreichte, läuteten die Glocken auf dem Turm zur Wandlung."

Jesus unser Hoherpriester, in der Feier der hei· ligen Messe. Mit derselben Glut der Liebe wie arr Kreuz, mit dem gleichen Gehorsamswillen, mit derr gleichen Verlangen, den Vater zu verherrlichen, Ihn fÜr unsere Sünden SÜhne zu leisten. Mit dem glei chen "M ich dÜrstet" (J oh. 19, 28). Sein Herz is dem Vater zugewandt, Ihn zu lobpreisen, Ihn wÜrdig Dank zu sagen, Ihn so zu lieben, wie E es verdient. Sein Herz ist uns zugewandt, um al unserer Statt den Vater anzubeten, zu loben, Zl


Dienstag: Die heilige Messe das Opfer der Kirche. 37


lieben und so zu ersetzen und zu ergänzen, was wir nicht vermögen und was wir fehlen lassen,

Das ist der Reichtum des Christen: "Wir haben einen Hohenprie!!ter, ] esus, der Sohn Gottes. Er ist aus uns 11 enschen genommen und fÜr uns aufgestellt in unsern A:ngelegenheiten bei Gott (Hebr. 4, 14; 5, I). Er ist "heilig, schuldlos, rein, von den SÜndern getrennt und über die Himmel erhoben" (Hebr. 7, 26). Darin liegt unser Vertrauen, unser Trost. Wir haben zugleich eine unendl ich heilige, wÜrdige Opfergabe, das hochheiligc Herz unseres Erlösers.

Ob wir nicht oft allzu sehr beim menschlichen Priester, gleichsam bei Fleisch und Blut, stehen bleiben und darob die wahre, große, heilige Wirklichkeit, die dahinter steht, unbeachtet lassen! So viele Schwierigkeiten wÜrden wir uns ersparen, wolUen wir mit leuchtendem Glauben auf den Hohenpriester Ch ristus sehen!

Gebet.

Schirme uns, 0 Herr, die wir Deinen heiligen Geheimnissen, der Opferfeier der heil igcn Messe, uns widmen, damit wir, den göttlichcn Dingen ergeben, mit Leib und Seele Dir dienen. Durch Christus unsern Herrn. Amcn.

Dienstag nach dem Fronleichnamsfest.

Die h eil i g e M e s s e das 0 p f erd e r Kir c h e.

J. "Das ist Mein Leib, der fÜr euch hingegeben wird. Dieser Kelch ist der Neue Bund in Meinem Blute." Wir haben in unserer heiligen Kirche das eucharistische Opfcr. Es ist der 11 ittelpunkt und Höhepunkt des christlichen Kultes, der christlichen Religion und Frömmigkeit.

2. Die h eil i g e 11 e s sei s t das 0 p f erd e r Kir c h e. Tag fÜr Tag steht die Kirche in Tauenden ihrer geweihten Pries.ter am Altar. "N imll\

38 Die Zeit nach Pfingsten: Dritte Woche,

diese Opfergabe huldvoll ,an, die wir, Deine Diener (die Priester) und Deine ganze Gemeinde (die mitfciernden Gläubigen, die gesamte Kirche) Dir darbringen." Sie hat 11l ihren jungfräulichen Händen die reine, heil ige, makellose Opfergabe, "das heilige Brot des ewigen Lebens und den Kelch des immerwährenden Heils", den Leib und das Blut des Herrn, Seine Verdienste, Seine Genugtuungen, Seine Gebete. "Durch Ihn und mit Ihm und in Ihm" opfert die Kirche als Ganzheit ununterbrochen dem Vater, dem Sohne und dem Heiligen Geiste eine unendlich wertvolle, Gottes würdige Anbetung, Verherrlichung, Danksagung, Liebe, SÜhne und Genugtuung. Die Kirche, wir alle. Wir opfern in jeder heiligen Messe, die irgcndwo auf Erden gefeiert wird, mit. Wir opfern ohne Unterlall in und mit der opfernden Kirche. Wir nchmen an jeder heiligen Messe teil und Üben so ununterbrochen unser Priestertum aus, das uns in der heiligen Taufe Übertragen wurde, Das heilige Opfer wird von der Gemeinschaft dargebracht, nicht bloß vom zelebrierenden Priester, nicht bloß von denen, die der heiligen Messe körperlich beiwohnen, vielmehr von der ganzen Kirche, "Lasset uns die Danksagung (Eucharistie) feiern dem Herrn, unserem Gott." "vVir opfern Dir." "Laß uns, Herr, bei Dir Aufnahme finden." "Nimm dieses Opfer von uns, Deinen Dienern, sowie von Deiner ganzen Familie gnädig auf." Welche Gnade, daß wir in der Gemeinschaft der heiligen Kirche ununterbrochen Gott das Opfer der Anbetung, des Dankes, der Bitte, der SÜhne weihen dÜrfen, bei Tag und Nacht! Welche Gnade, wenn wir daral1 denken, daß dieses heilige Opfer jedesmal wie von der Kirche, so auch fÜr die Kirche, fÜr die Gemeinschaft dargebracht wird! Der Kelch wird geopfert, damit er "im Angesicht der göttlichen Majestät fÜr unser und der ganzen Welt Heil mit lieblichem Wohlgeruch emporsteige". L~ib und Blut Christi sind Opfergabe "zu unserer

Dienstag: Die heilige Messe das Opfer 'der Kirche, 39 und der ganzen Kirche Wohlfahrt", Ein Opfer "fÜr die ganze heilige Kirche auf dem ganzen Erdkreis". Täglich hebt die Kirche in ihrem Priester ohne Unterbrechung das heilige Brot und den Kelch des Blutes empor, um für uns alle, fÜr jedes von uns Verzeihung, Gnade, Licht, Schutz und Hilfe zu erlangen. Wo Menschen uns längst vergessen haben, opfert die Mutter für uns und betet für uns. Haben wir der Mutter dafÜr gedankt?

Dieheilige Messe istauch unser Opfer.

In der heiligen Taufe ist uns mit dem unauslöschlichen und unverlierbaren Taufcharakter die Berufung und Bevollmächtigung, das Recht und die Pflicht geworden, in der Gemeinschaft der Kirche, an den Altar zu treten und unser sog. al1gemeines Priestertum auszuüben. Wir dÜrfen opfern. \Vir dürfen Christus, den Leib und das Blut des Herrn, als unsere Opfergabe in die Hand nehmen und dem Vater im Himmel anbieten, stel1vertretend fÜr uns, Nicht mehr bloß das Blut von Tieren oder leeres Brot, wie die Alten es getan, sooft sie zum Tempel nach Jerusalem kamen, ihr Opfer darzubringen. \Vir sind Maria, die im Tempel erscheint, Jesus in ihren Armen. Wir dÜrfen zum Ersatz für das, was uns abgeht, und zur Ergänzung unseres' ungenügenden und unvol1kommenen Tuns und Betens, Liebens und Lobens das Herz unseres Heilandes, Sein Leiden und Sterben, Seine Verdienste und Tugenden aufopfern. Sie gehören uns. ,,\Vas Mein ist, ist dein" (Joh, 17, 10), Sein Herz, Sein Leben, Seine Verdienste, Tugenden und Genugtuungen sind in der heiligen Opferfeier unser Eigentum. Er wird in der Feier des heiligen Opfers wir und betet an, liebt, dankt, sÜhnt und bittet an unserer Statt, ste1Jvertretend fÜr uns: Wir in Ihm, wir durch Ihn, wir mit Ihm, mit Seiner Liebe, mit der Glut Seiner Hingabe an den Vater. \lVir beten den Vater mit Jesu Herz an, wir lieben Ihn mit ] esu Liebe, wir bitten 1h\1 mit ~em Gebete J es~, des Heiligen, der imrt1~r

40 Die Zeit nach Pfingsten: Dritte Woche.

erhört wird; wir bieten dem Vater Jesu Blut als SÜhne fÜr unsere SÜnden. Das ist die höchste, heiligste Tat der Frömmigkeit, unser wirksamstes Beten und Tun: "durch Ihn und mit Ihm und in Ihm", in der Mitfeier der heiligen Messe. In der Opfer, gemeinschaft mit] esus, unserem Hohenpriester und unserer Opfergabe, in der Eillheit der heiligen Kirche,

3. "Wir, Dein (in der Taufe) geheiilgtes (dem Hohenpriester und der Opfergabe ] esus und der Kirche lebendig eingegliedertes) Volk opfern Deiner Majestät eine reine, eine heilige, eine unbefleckte Opfergabe", den Leib und das Blut Deines vielgeliebten Sohnes. Das Herz, das Blut Jesu in Händen haltend und zum Vater emporhebend werden wir vom Vater wohlgefällig aufgenommen und wird unser Beten sicher erhört. In diesem Vertrauen, gestÜtzt nicht auf unser Tun, sondern auf die Opfergabe Christus beten wir mit dem Priester nach der heiligen vVandlung fÜr unsere lieben Toten, fÜr uns selbst und fÜr alle, und sprechen mit dem Priester und der opfernden Kirche das kostbarste Gebet, das uns gegeben ist, das Vaterunser. vVir beten es "durch Ihn, in Ihm und mit Ihm". Er betet es durch uns und mit uns und in uns:, Er das Haupt, wir die Glieder: ein e Person, ein Christus!

"Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, aus allen deinen Kräften" (Matth. 22, 37). Wann tun wir dies vollkommener, als wenn wir Gott mit der Liebe des heiligsten Herzens Jesu lieben? vVir tun es in der Mitfeier der heiligen Messe.

Wir dÜrfen Jesus opfern als unsere Gabe, \Velch herrliches Priestertum, begrÜndet in der heiligen Taufe, da wir Ihm, dem Herrn und Haupt, lebendig einverleibt wurden! Soll das etwa heißen: Wir opfern Gott den Heiland, dann ist's getan? Nimmermehr, Gott den Heiland aufopfern heißt, in Ihm

Mittwoch: "Tut dies ZlI Meinem Andenken," 41

uns selber zum Opfer bringen. Nicht das Haupt ohne den Leib und ohne die Glieder. Wollten wir uns selber vom Opfer ausschlteßen, nicht selber eine Opfergabe sein, dann wÜrden wir ChrIstus verstÜmmeln, Wir sind "ein Teil Jesu Christi". Im Brot und \Vein bringen wir in der heiligen Wandlung uns selber zum Opfer. Wir wollen, das ist der Sinn der Mitfeier der heiligen Messe, wir wollen ein Opfergegenstand des heiligen Willens Gottes sein, wie ein Opfertier zur Ehre Gottes geschlachtet werden, Wir wollen dem eigenen Ich, den Leidenschaften, der Sünde und all dem sterben, was Gott mißfällt. Wir 1I'01len Ul1S im Feuer der göttlichen Liebe verzehren lassen, Wir wollen unser ganzes Leben zu einem beständigen Opfer des Dankes, der Anbetung, der SÜhne, dei Verherrlichung Gottes machen. So bringen wir, indem wir Christus opfern, in Ihm uns selbst zum Opfer.

Was muß uns also die Feier des Opfers der heiligen Messe sein? 11uß nicht unser ganzes Tagewerk, was wir beten, arbeiten, tun und leiden, eine beständige Fortsetzung der eucharistischen Feier sein? Ein immerwährendes: Durch Ihn und mit Ihm und in Ihm ist Dir, Vater, aile Verehrung und Verherrlichung?

Ge b e t,

Wir bitten Dich, 0 Herr, heilige unsere Gaben \'on Brot und \Vein und mache durch sie uns selber zur vollendeten, ewigen Opfergabe fÜr Dich. Durch Christus unsern Herrn, Amen.

Mittwoch nach dem Fronleichnamsfest.

"T u t die s z u 1\1 ein e mAn deli k e n."

I. "Tut dies zu Meinem Andenken." Der Herr hat sich beim letzten Abendmahl unter den Gestalten von Brot und Wein dem Vater zum Opfer dargebracht. Den Aposteln gab er den Auftrag: "Tut

42 Die Zeit nach Pfingsten: Dritte Woche,

dies zu Meinem Andenken": dasselbe, was Er getan. Er hat sie damit zu Priestern bestellt und geweiht, mit der Vollmacht, das eucharistische Opfer zu vollziehen. Indes nicht fÜr sich allein sollen sie opfern, sondern im N amen der Gemeinschaft, mit uns und fÜr uns. Auch wir dÜrfen und sollen opfern, mitopfern. Auf das Mitopfern sind wir getauft. Das Mitopfern ist die wesentlichste Tat des christlichen Lebens und der Frömmigkeit. "Tut dies!" So lautet der Auftrag des Herrn. Er gilt jedem Christen, wenn schon in anderer Weise dem geweihten Priester, in anderer Weise dem Nichtgeweihten.

2. "Geheiligt werde Dein Name." Nichts

ist wichtig auf der Welt als allein, daß Gott verherrlicht werde. "Ehre sei Gott in der Höhe" (Luk. 2, 14). Das ist der letzte Sinn der Erschaffung der V./ elt, nicht weniger als des Werkes der Erlösung, der Menschwerdung des Sohnes Gottes und unserer einstigen Verklärung im Himmel. Wer aber kann Gott so verherrlichen, wie Er es verdient, wie Er es wÜrdig ist. Niemand als der menschgewordene Sohn Gottes, als J esus. Obwohl Gottes Sohn, hat Er sich erniedrigt und ist Er gehorsam geworden bis zum Tode: der Sohn Gottes in und nach Seiner menschlichen Natur, die Er angenommen hat. Weil die menschliche Natur mit dem ewigen Worte Gottes in der Einheit der Person vereinigt ist. i<ann J esus dem Vater eine Huldigung von unendlichem Wert darbieten. Wie kommen also wir Christen unserer Aufgabe nach, Gott zu verherrlichen? Wie können wir Ihm eine wÜrdige Verherrlichung zukommen lassen? Dadurch, daß wir dem Vater Christus gaben, den wesenhaften unendlichen Lobpreis Gottes. Worin besteht also unsere Verherrlichung Gottes? Wie erfüllen wir das, was wir im Vaterunser Gott wünsehen: Geheiligt werde Dein Name? Dadurch, daß wir dem Vater Christus bieten, Christi Leben, Christi Persoll, Sein Fleisch und Blut, Sein Ren:,

Mittwoch: "Tut dies ZU Meinem Andenken." 43

Seine Verdienste, Seine Anbetung des Vaters, Seine Hingabe an den Vater, Seinen Gehorsam, Seine Liebe, ~nd dadurch, daß wir in Christus, dem Haupte, uns selber an den Vater hingeben, in innigster Einheit mit Christus, in völliger Selbstaufgabe an Ihn, in ganzer Unterordnung unter Ihn. Unsere Vereh rung Gottes ist eine wesenhaft priesterliche Handlung: ein ununterbrochener Wille zum Opfern, ein stetes Opfern. Das Opfer, das wir darbringen, ist nicht etwa bloß der Herr für sich allein genommen, sondern der ganze Christus. Er umfaßt Haupt und Glieder. In der heiligen Taufe haben wir "das königliche Priestertum" empfangen, um geistige Opfer darzubringen, die Gott wohlgefällig sind, durch Jesus Christus" (I Petri 2, 5)· Wir sind ein lebendiges "Gloria Patri", geschaffen zum Lobpreis Gottes, ein steter, lebendiger Lobhymnus auf Gott, ein Hymnus, der Gottes würdig ist. Damit wir das vermögen, wird Gottes Sohn einer von uns und macht uns zu einem Stück Christus, zu einem Teil Seiner selbst. Er ist uns gegeben worden, damit wir Ihn als Gegengabe kindlicher Liebe dem Vater zurÜckgeben und so der Majestät Gottes all unserem Nichts, unserer Unwürdigkeit und Armut zum Trotz, imstande seien, Gott eine unendliche Verherrlichung zu bieten, Wie hat Gott un-s erhöht!

"Tut dies zu Meinem Andenken." Unsef11 priesterlichen Beruf, Gott eine unendliche Ehre zu erweisen, erfÜllen wir am vollkommensten in der 11itfeier der heiligen Messe. Da wird der Herr in der Konsekration des Priesters unsere Opfergabe, Er wit;d uns gegeben, damit wir Ihn dem Vater weihen. "Durch Ihn und mit Ihm und in Ihm ist Dir, Gott, vollkommene Verherrlichung und Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit." "Tut dies." Wir tun, was Jesus getan, 'vVir nehmen Ihn in unsere Hand und opfern Ihn dem Vater auf, Sein Fleisch und Blut, Sein Leben, Leiden und Sterben, alles was Er ist und in sich schließt, Wir bieten d~m Vater J esus

44 Die Zeit nach Pfingsten: Dritte Woche.

hin, unsere Opfergabe von unendlichem Wert, eine Gottes vollkommen wÜrdige Gabe und Verherrlichung! \Vir kommen zur heiligen Messe, nicht eigentlich um den Herrn, der auf dem Altar erschienen ist, anzubeten oder zunächst um uns 'von Ihm bereichern und beglÜcken, erwärmen und entzÜnden zu lassen, sondern zu allererst, um Ihn dem Vater zu schenken. Er wird in der heilij;en Messe gegenwärtig nicht etwa zunächst fÜr sich selber oder für uns, sondern um der M aj estät Gottes eine wÜrdige Huldigung zu erweisen. Wir schließen uns Ihm an. "Tut dies!"

3. "Es ist uns innerste Herzenssache, daß der wahre christliche Geist in allen Gläubigen wieder aufblÜhe und unvermindert erhalten bleibe, D;,trum mÜssen wir vor allem fÜr die Heiligkeit und WÜrde des Gotteshauses sorgen: denn dort versammeln sich die Gläubigen, um diesen Geist aus der ersten und unentbehrlichsten Quelle zu schöpfen, nämlich aus der aktiven Teilnahme an den hochheiligen Mysterien", der Feier der heiligen Messe (Pius X., Motuproprio, 22. Nov. 1903).

Die Feier der heiligen Messe, d. i. die Liturgie, hat in erster Linie nicht die Absicht, zu belehren, aszetische V orschri ften zu geben, erz ieherisch zu wirken. Sie tut das auch. Sie verlangt sogar den ganzen Menschen restlos fÜr Gott in Christus. Und dies gerade, weil sie in erster Linie nicht Lehre, Aszese, Pädagogik, sondern Gottesverehrung ist. Dadurch ist sie Vermittlung des neuen Lebens. Aus diesem neuen ~eben erwächst ein neues Tun: ein Fruchtbringen für das ewige Leben in der \Veise, daß die Tugenden, deren Keime in der heiligen Taufe in die Seele gelegt worden, durch die Mitfeier der heiligen Messe, ciurch die Liturgie, sich organisch entfalten. Dabei ist unsere Mitwirkung miteingeschlossen. Also an erster Stelle das "Tut dies".

\Vir leiden unter dem GefÜhl, daß wir Gott nicht ~o huldi&,en können, wie Er es verdient. Wir wehren

Oktavtag von Fronleichnam: Die hl. Kommunion 45 uns gegen diese Ohnmacht und machen allerlei Anstrengungen, um jene Unzulänglichkeit los zu werden. Gewiß~ aus unserem Eigenen können wir Gott eine Seiner würdige Verherrlichung nicht bieten. Deshalb nehmen wir unsere Zuflucht zur heiligen Opferfeier und tun das, was der Herr uns zu tun befohlen hat. In Ihm und mit Ihm und durch Ihn weihen wir im heiligen Opfer dem unendlichen Gott eine vollwertige Anbetung und Ehrung.

"Durch Ihn seid ihr reich geworden" (I Kor. 1,5), in der Mitfeier des eucharistischen Opfers und in der Teilnahme am Opfermahl der heiligen Kommunion.

Ge be t.

Herr, das Opfer, das wir Deinem Namen weihen, läutere uns und fÜhre uns von Tag zu Tag mehr zur Betätigung eines himmlischen Lehens. Durch Christus LAsern Herrn, Amen.

Oktavtag des Fronleichnamsfestes.

Die h eil i g e Kom m uni 0 n.

I. "Wer Mein Fleisch ißt und Mein Blut trinkt, der bleibt in Mir und Ich in ihm" (Evangelium), Die heil ige Eucharistie ist das Sakrament der Vereinigung, "communio",

2. "D erb lei b tin Mir und Ich in i h !TI," Im Genuß der heiligen Eucharistie vollzieht sich eine unaussprechlich innige, lebendige, fruchtbare Vereinigung Christi mit der Seele. "Gieße geschmolzenes Wachs in ein anderes geschmolzenes Wachs, dann' durchdringen sich beide vollständig. Wenn wIr den Leib und das Blut des Herrn empfangen, dann geschieht etwas Ahnliches: Christus geht in uns, wir gehen in Ihm auf" ChI. Cyrill von] erusalern), "Nichts anderes erstrebt die Gemeinschaft des Leibes und Blutes Christi, die heilige Kommunion, als daß wir in das übergehen, was wir genießen,

---

46 Die Zeit nach Pfingsten: Dritte Woche.

und daß wir denjenigen, in welchem wir gestorben, begraben worden und auferstanden sind, im Geiste

und Fleische tragen" (h1. Leo). Durch die Sp~ise werden wir Ihm einverleibt, und deshalb ist es notwendig, daß wir dorthin erhoben werden, wo Chri-

stus ist, in eine unaussprechlich reiche, erhabene' Gemeinschaft des Lebens, des Geistes und der Güter Christi, des Sohnes Gottes. Er in uns, wir in Ihm, Nun sind wir der Gegenstand einer übernatürlich unendlich fruchtbaren Liebe des Vaters, die uns in Christus neu und inniger als bisher zu Kindern Gottes macht und uns in den Schoß des Lebens der heiligsten Dreifaltigkeit aufnimmt. Nun werden wir mit der Fülle der Gottheit, des göttlichen Lebens überschüttet, gleichsam vergöttlicht, teilhaft der Herrlichkeit, die der Sohn vom Vater erhalten hat. Jetzt erfüllt sich J esu Wort: "Ich habe die Herrlichkeit (der Gotteskindschaft), die Du, Vater, Mir gegeben hast, ihnen gegeben" (Joh. 17, 21). Jetzt sind wir ein e s Leibes und Blutes mit Ihm. Wir sind also Christusträger, da wir Sein Fleisch und Blut in uns aufnehmen, und somit der göttlichen Natur teilhaftig" (h1. Cyrill von J erusalem), das göttliche Leben mitbesitzend. Die Teilnahme am Leben Gottes ist zugleich eine ErfÜllung unseres Wesens mit dem Heiligen Geiste. Er wohnt ja in besonderer Weise im Leibe Christi, den wir genießen. Er ergießt sich also im reichsten Maße über uns, die wir mit Christus zU ein e m Leibe vereinigt werden, Weil wir mit unserem Herrn zu ein em Leibe verbunden werden, deshalb werden wir von Seinem Geiste, von Seiner göttlichen Lebenskraft erfüllt, ein e s Geistes mit Ihm, so wahr, so innig, wie Christus in der heiligen Eucharistie

mit uns ein Leib wird \

"Wer M ich ißt, wir d dur c h M ich 1 e ben,

so, wie Ich durch den Vater lebe" (Evangelium). Das ist das \\' under der eucharistischen Vereinigung, Es besteht nicht so sehr darin, daß wir

Oktav tag yon Fronleichnam: Die hl. Kommunion. 47 unsern Willen dem in uns wirkenden Herrn angleichen und unterwerfen; auch ni~ht darin, daß Christi Geist auf unsern Geist einwirkt und ihn leitet. Die Einheit des Geistes, welche durch den Empfang der heiligen Kommunion hergestellt wird, gründet auf einer wahren, innern Durchdringung unseres Geistes durch den göttlichen Geist, der in Christus lebt. Gott senkt sich in seinem innersten Wesen in unsere Seele hinein und erfÜllt sie mit Seinem eigenen Leben. Er ergreift sie wie ein verzehrendes Feuer, um sie mit Seinem Licht und mit Seiner Wärme zu durchdringen und um sie mit Seiner Herrlichkeit zu überkleiden. Jetzt sind wir ein Geist mit Gott, durch die heilige Eucharistie, kraft der heiligen Kommunion bildet der Sohn Gottes Sein göttliches Leben in uns nicht bloß nach, Er setzt es in uns fort und lebt es in uns weiter. "Ich lebe, doch nicht mehr ich, vielmehr lebt Christus in mir" (Gal. 2, ~o). "Alles, was Mein ist, ist dein, und alles, was dein ist, ist Mein" (vgl. Joh. 17, 10). Sein Lieben und unsere Liebe, Sein Denken und unser Denken, Sein Wollen und unser Wollen sind in ein Lieben, Denken und Wollen verschmolzen, so wie zwei Weihrauchkörner, in ein e m Weihrauchgefäß miteinander verbrannt, nur ein e n Duft zum Himmel emporhauchen. Der Herr vernichtet in unserer Seele unser bloß natÜrlich-irdisches Denken, Sehen und Streben und pflanzt uns Seine Art zu urteilen, zu sehen, zu streben, Seine Gesinnungen und Meinungen ein. Er entreißt uns unserem blinden Selbst und hebt uns in das Verständnis und in den Geist Seiner Armut, Seiner Liebe zum Vater, Seiner Demut, Seines Gehorsams, Seiner Liebe zum Kreuze hinauf. Wir beginnen, den natürlich-eigensÜchtigen WÜnschen, Plänen, Regungen und Absichten zu entsagen und durch Seinen Geist und nach Seil1em Geist und Sinn zu leben. ,,\Ver Mich ißt, wird durch Mich leben."

3 ,,\\T enn du doch nur die Gabe Gottes erkänn-

48 Die Zeit nach Pfingsten: Dritte Woche ..

test!" (J oh. 4, 10.) Wie unvergleichlich erhaben ist die WÜrde und der Reichtum der Seele, welche die heilige Kommunion empfängt. Aber rein muß sie sein, wenn sie zu diesem heiligen Sakrament hinzutreten will. "Es prÜfe sich der Mensch, und so esse er von diesem Brot. Denn wer unwürdig ißt, der ißt sich das Gericht, die Verdammnis, da er den Leib des Herrn nicht von gewöhnlichem Brote unterscheidet" (Epistel. Com111unio).

Je öfter wir die heilige Kommumon empfangen, um so mehr müssen wir dem natürlichen Menschen tot, von dem Geiste und den Gesinnungen J esu durchdrungen sein. Um so mehr mÜssen wir lieben, schätzen und suchen, was Er liebt, schätzt und sucht. Er liebt die Armut, das Gebet, das N ichtssein vor der Welt, die Demut, die Einfalt, das Kreuz, das Opfer. Wenn wir also nicht nach und nach das zu lieben beginnen, was Er auf Erden liebte und in dem Er lebte, müssen wir uns dann nicht gestehen, daß die heilige Kommunion in uns die Wirkungen nicht hervorbringt, die sie hervorbringen müßte? Wo liegt die Schuld?

"Wer Mich sieht, sieht auch den Vater" (Joh, 14, 9). So innig ist Jesus mit dem Vater verbunden. Wenn wir also die heilige Kommunion so oft empfangen, muß dann nicht jeder, der uns sieht und hört, Christus sehen und hören? Muß er aus unserer Art zu denken, zu reden, mit dem Mitmenschen, mit der Arbeit umzugehen, zu leiden nicht Christus herausmerken, der in uns lebt, betet, arbeitet und

leidet?

Gebet.

O· Gott, Du hast uns in dem wunderbaren Sakrament das Andenken an Dein Leiden hinterlassen. Wir bitten Dich, laß uns die heiligen Geheimnisse Deines Leibes und Blutes so verehren, daß wir die Frucht Deiner Erlösung allzeit in uns erfahren. Der Du lebst und herrschest in alle Ewigkeit. Amen.

Herz-Jesu-Fest: Das heiligste Herz ]esu. 49

Fest des allerheiligsten Herzens ] esu.

Das h eil i g s t eHe r z ] e s u.

I. An das Fronleichnamsfest schließt die heilige Liturgie, gleichsam als dessen Fortsetzung, das Fest des heiligsten Herzens ] esu an. Gegenstand der Feier ist das Herz Jesu, d. i. das körperliche Herz des Gottmenschen, mit der Gottheit und mit der Menschheit Jesu, als lebendiges Glied mit dem Ganzen organisch verbunden. Das körperliche Herz, insofern es Symbol und Offenbarung der Liebe] esu zu uns Menschen ist, die sich insbesondere in der Erlösung am Kreuz und im Geheimnis der heiligsten Eucharistie kundgibt. Wir verehren das Herz Jesu als Symbol und Ausdruck der Liebe ] esu zu uns. Wir verehren die Liebe] esu zu uns im Symbol des körperlichen Herzens. Im Herzen] esu meinen wir zuletzt die Person ] esu, die göttliche Person, die uns die göttliche und menschliche Liebe] esu zu uns unter dem Symbol des körperlichen Herzens kundgibt. Die Geheimnisse der Menschwerdung, der Erlösung am Kreuz, der Sendung -des Heiligen Geistes, der einstigen Auferstehung, der ewigen Teilnahme am Leben Gottes gründen zuletzt in dem einen Geheimnis der Liebe des Erlösers zu uns. Sie steHt sich uns im Herzen] esu verkörpert dar, In sie woHen wir uns am Herz-Jesu-Fest vertiefen, sie ehren,

2, 0 a s Her z - ] e s u - B i 1 d der h eil i f{ e n Li t u r g i e ist uns im Introitus, Im Evangelium und in der Präfation der Messe gezeichnet. "Seines Herzens Sinnen waltet von Geschlecht zu Geschlecht, ihre Seelen dem Tode zu entreißen und sie im Hunger zu nähren" (Introitus). "Kommt alle zu Mir, Ich will euch erquicken" (Matth. 11,28). Jesus sinnt nur Liebe, Wohltun. Das Evangelium fÜhrt uns ans Kreuz Christi. "Als sie (die Soldaten, die den zwei Mitgekreuzigten die Gebeine zerbrochen hatten) zu Jesus kamen, sahen sie, daß Er schon Baur. Werd. Lieht. 111. 4

SO Die Zeit nach Pfingsten: Dritte Woche.

tot war. Sie zerschlugen Ihm daher elie Gebein< nicht, sondern einer der Soldaten öffnete Sein< Seite mit einer Lanze. Und sogleich floß Blut un< Wasser heraus." Das Geheimnis der öffnung de Herzens J esu durch die Lanze enthÜllt uns di~ Prä fation: es wurde deshalb durchbohrt, "damit Seil geöffnetes Herz, dieses Heiligtum göttlicher Frei gebigkeit, Ströme des Erbarmens und der Gnad, auf uns ergieße. Dieses Herz, in dem die Glut deo Liebe zu uns nie erlischt, sollte den Frommen eiI1l Stätte der Ruhe werden, den BÜßenden aber al rettende Zuflucht offen stehen." Ihr Vorbild ha die Herzenswunde J esu in dem Eingangstor, da N oe an der Arche anbringen mußte: durch diese Tor gingen alle diej enigen ein, die vor dem Ver derben durch die Sintflut gerettet werden solltel (Hymnus der Laudes). Die Wunde des Herzen:

J esu ist der Eingang zum Heil!

Unsere Aufgabe gegenÜber dem hei I i g s t e n Her zen J e s u wird uns in der OratiOi des Festes vorgelegt: wir haben Ihm die Huldigun~ unserer liebenden Hingabe (Anbetung, Lobpreis Dank) an Ihn zu erw~isen und zugleich Ihm eil Werk wÜrdiger SÜhne zu entrichten. Das ist dei ljturgische Festgedanke. Wir erkennen und ver· ehren im heiligsten Herzen J esu das gesamte gott. menschliche Innenleben mit allen Tugenden, Affekten und Regungen, mit dem gottmenschlichen Emp. finden und Wollen. Wir erkennen und verehren irr Herzen J esu insbesondere die unaussprechliche Lieb( J esu zu uns, die sich am Kreuze und im Geheimnisse der heiligsten Eucharistie offenbart. \Nie vie Grund haben wir also zu danken, anzubeten, zu huldigen! Wir erkennen anderseits unsern Undank unsere vielen und beständigen Untreuen gegenÜbel Seiner Liebe und Seinen Gnaden, die Er uns arr Kreuze verdient hat und uns in den heiligen Sakramenten zuwendet, unsere Kälte und Interesselosigkeit gegenüber J esus. Wie viel haben wir also heute

Herz-Jesu-Fest: Das heiligste Herz Jesu. 5 I

und täglich zu bereuen, abzubitten, zu sühnen! Zuerst fÜr uns. Dann für die Beleidigungen, die dem heiligsten Herzen J esu von andern zugefÜgt werden: von den Christen, von uns Katholiken, sogar von den J esu besonders Geweihten! Hätten wir nur eine wirkliche Liebe zu J esus, eine glühende Liebe!

3. "Nur Schmähung und Leid hat Mein Herz zu erwarten_ Da schau Ich aus, ob einer Mitleid mit Mir habe - niemand kommt. Einen Tröster suche Ich - keinen finde Ich!" (Offertorium.) N ein, an mir soll Er einen finden, der mit Ihm MItleid hat. An mir soll Er einen finden, der Ihn tröstet, ähnlich dem Engel, der Ihn in Seiner Not im ölgarten getröstet hat. J esus trösten dürfen durch Genugtuung, durch Sühne, durch Liebe!

"Siehe da das Herz, das die Menschen so sehr geliebt hat!" In der Menschwerdung, in der Krippe, am Kreuz! Wer kann sie ausdenken, die Liebe des Herzens J esu! Und wenn wir erwägen, wer Er ist und was wir sind! Wahrlich, wir haben keine AnsprÜche an Hin und Seine Liebe als nur jene, die Er selbst in Seiner erbarmenden Liebe für uns erfunden hat. Was kann unliebenswÜrdiger sein als wir sind! Was weniger edelmÜtig, was undankbarer! Und doch liebt Er uns mit einem Übermaß von Liebe. Wie können wir jemals diesen Gedanken vergessen und an etwas anderem ein Interesse finden als an dieser unendlichen Liebe J esu zu uns UnwÜrdigen? Sollten wir nicht wie Menschen, die eine irdische Liebe haben, Essen und Trinken und Schlafen vergessen, da wir uns zu jeder Stunde des Tages und der Nacht als den Gegenstand der zärtlichsten Liebe Jesu wissen! Das ist das Wunder Über alle Wunder: Segnungen werden auf uns gehäuft, daß wir sie kaum ertragen können, Gnaden auf Gnaden, daß wir nicht imstande sind, sie zu zählen. Sein Erbarmen ist mit jedem Morgen neu. Und dann. nach alledem soll noch die Belohnung'

4·-

,-2 Die Zeit nach Pfingsten: Dritte Woche.

kommen, die kein Auge je gesehen, die kein Ot gehört und keines Menschen Herz je begriffen ha Herz Jesu, wie liebst Du uns! Und wir bleibe immer noch kalt und unempfindlich. Wir habe immer noch Interessen, die uns viel, viel wichtig(

sind als Er! -

Gebet.

Gott, im Herzen Deines Sohnes, das unsere SÜI den verwundeten, schenkst Du uns voll erbarmend( Huld die unendlichen Schätze der Liebe. Wir bitte Dich, laß uns durch die Huldigung unserer liebel den Hingabe an Ihn zugleich ein Werk wÜrdig( SÜhne entrichten.

Deine heiligen Opferspeisen, Herr Jesus, möge göttliche Glut in uns hineintragen. Lehre uns i ihrer Kraft das Irdische verachten und das H imn lische lieben, nachdem wir die SÜßigkeit Deines liel reichsten Herzens gekostet haben. Der Du leb und herrschest in alle Ewigkeit. Amen.

Samstag nach dem Herz-Jesu-Fest.

Die L i e b e J e s u z u uns.

1. Dem Apostel Paulus ist die Gnade gewordel den Heiden "die unergrÜndlichen ReichtÜmer Chr sti" zu offenbaren, d. i. die ReichtÜmer der Gnat und des Heils, die uns in Christus geschenkt siI1l Er beugt das Knie und betet zum Vater um d Gnade, daß wir "die Breite und Länge, die Höb und Tiefe (des göttlichen Erbarmens, das sich i unserer Berufung offenbart) begreifen und daß w die Liebe Christi verstehen, die alles Erkenne Übersteigt" (Epistel).

2. "D i e B r e i t e und L ä n g e, die H ö heu n T i e f e" des Erbarmem Gottes an uns. Im Gehein nis der unendlichen Herablassung des Sohnes Gow .zu uns Menschen. "Und das vVort ist Fleisch g(

Samstag: Die Liebe J esu ZU uns. 53

worden und hat unter uns Wohnung genommen" (Joh. I, 14). Im Geheimnis des Lebens der freiwilligen Armut, der Niedrigkeit, des Gehorsams bis zum Tode, der Geduld, der Demut und Sanftmut, der Bereitschaft zu allem, was der Vater von Ihm will. "Die Breite und Länge, die Höhe und Tiefe", die unendlichen Dimensionen des Erbarmens J esu in Seinem Erlöserleiden und Erlösertod am Kreuze. Da Seine Seele bis zum Tode betrÜbt ist. Da der blutige Angstschweiß Seinen Körper rötet. Da Er vor das Gericht der Juden gestellt und als Gotteslästerer verdammt wird. Da Er grausam gegeißelt wird und das schwere Kreuz zur Richtstätte schleppt, gekreuzigt wird und stirbt. Um unseretwillen. Um an unserer Statt Gott genugzutun. Er hat uns nichts vorenthalten. Es gibt nicht ein e n Akt Seines Geistes oder Willens, der nicht zu unserer Erlösung beigetragen, nicht ein Glie·d Seines anbetungswÜrdigen Leibes, das nicht fÜr uns gelitten hat. Es gibt keine Pein, keine Schmach und Unbill, die Er nicht auf sich genommen hat. Nicht ein e Tl Tropfen Seines kostbaren Blutes, deI! Er nicht fÜr urrs vergossen hat. Wer faßt die Breite und Länge, die Höhe und Tiefe eies Erbarmens des heiligsten Herzens J esu! "Begreifen" die Dimensionen des Erbarmens des He~zens J esu, das sich in unserer Berufung zur Gnade, zum Heile, zur Kirche offenbart. In der Berufung zum hochheiligen Sakramente der Taufe und zur Teilnahme am eucharistischen Opfer und am Opfermahl der heiligen Kommunion. Die Berufung zur lebendigen Eingliederung in Christus, den Weinstock, zum Mitbesitz des göttlichen Lebens, jetzt in der Form der Gnade, dereinst ewig in der Form der Glorie des Himmels. Andere hat Er Übergangen. 'Warum hat Er mich nicht Übergangen, warum hat Er mich auserwählt? Nicht weil ich dessen wÜrdiger wäre, nein, aus reinem Erbarmen und Mitleid. vVelche Tiefen und Höhen des göttlichen Erbarmens!

51 Die Zeit nach Pfingsten: Dritte Woche.

"D i e Li e b e ehr ist i, die all e s E r k e n 11 e n übe r s t e i g t." Warum Übt Er an uns Sein Erbarmen? Welches ist die tiefste Wurzel des Erbarmens Gottes und J esu gegen uns? "Gott ist die Liebe" (I Joh. 4, 8). Jesus ist Gott. Jesus ist also die Liebe. Sein Wesen ist Liebe. Sein Sinnen ist Liebe. Er liebt uns mit einer Liebe, die kein Wort aussprechen, kein geschaffener Verstand erfassen kann. Liebe ist ein Aufheben von Ich und Du. Dem Liebenden ist der Geliebte kein Du mehr. FÜr den Liebenden gibt es keine Zweiheit mehr, sondern nur noch eine Einheit. "Alles, was M ein ist, ist dein, und was dein ist, ist Mein" (Joh. 17, ro). Jesus hat die trennenden Schranken zwischen sich und uns niedergelegt, da Er uns in der heiligen Taufe in die lebendige Einheit mit sich, dem Haupte, einverleibte. Kraft dieser mystischen Einheit sind Jesu Verdienste, J esu Genugtuungen, J esu Gebete unser Gut und Besitztum. Und was unser ist, ist Sein. Wenn wir leiden, so leidet Er in uns und durch uns. Wenn wir uns verdemÜtigen, so huldigt Er durch uns in Demut dem Vater. Leben wir im Geiste Jesu das Leben der Armut, so ehrt Er in unserer Armut den Vater. "Alles, was Mein ist, ist dein, und alles, was dein ist, ist Mein." Es genügt Jesus nicht, daß Er einmal fÜr uns den Lösepreis entrichtet hat: Es genÜgt Ihm nicht, daß Er uns Lehrer und Vorbild ist. Die Liebe eint. Er zieht uns in einer geheimnisvollen, aber durchaus wirklichen Lebens-, GÜter- und Verdienstgemeinschaft in Sein Leben hinein, in die Einheit mit sich. Mehr kann Er nicht tun. Vollkommener kann Er uns Seine Liebe nicht schenken. Und diese Seine Liebe, aie alle unsere 'l3egrlne unil A'tmungen 'ütH~rSterg'r, offenbart sich uns im Symbol des heiligsten Herzens!

3. Was bedeutet also die Herz-Jesu-Verehrung?

Sie bedeutet einen lebendigen Glauben an J esu Erbarmen und Liebe. Paulus wÜnscht ein Begreifen,

Samstag: Die Liebe Jesu zu UDS. 55

ein Verstehen. Sie bedeutet ein bewußtes und gewolltes Eindringen in die Geheimnisse der unaussprechlichen Liebe J esu zu uns. Sie bedeutet vornehmlich ein ehrfurchtsvolles, dankbares Bei ahen der lebendigen Liebeseinheit zwischen J esus, dem Haupte, und uns, den Gliedern. Ein stetes Frohsein ob unserer Einheit mit Jesus, darüber, daß wir in Ihn aufgenommen sind und Seine GÜter, Sein Leben mitbesitzen.

"So möget ihr mit allen Heiligen (d. i. Christen) begreifen die Breite und Länge, die Höhe und Tiefe, und auch die Liebe Christi verstehen, die alles Erkennen Übersteigt, und so mit der ganzen FÜlle (der Gnaden) Gottes erfÜllt werden" (Epistel). Das sei also der Gegenstand, mit dem wir uns beschäftigen: die unendlichen Dimensionen des Erbarmens und der Liebe Jesu. Zuerst auf Ihn schauen! Zuerst und vor allem uns unserer mystischen Einheit mit Ihm bewußt werden! So werden wir mit der ganzen Fülle Gottes erfÜllt werden.

Gebet.

Allmächtiger, ewiger Gott, schaue auf das Herz Deines geliebten Sohnes, auf die Lobpreisungen und Genugtuungen, die es im Namen der SÜnder Dir darbringt, und schenke ihnen, die Deine Barmherzigkeit anflehen, gnädig Verzeihung im Namen eben dieses Deines Sohnes Jesus Christus, der mit Dir lebt und herrscht in der Einheit des Heilig-en Geistes, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Die liturgische Meßfeier des dritten Sonntags nach Pfingsten.

1. Der Ostergedanke beherrscht die Texte und Gebete der heutigen Meßfeier: Christus. der Heiland, der Erlöser, der Erwecker zum Leben. Er ist gezeichnet im Evangelium der Messe: "Wer von euch, der hundert Schafe besitzt und eines davon verliert, läßt nicht die neunundneunzig in der Wüste und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? Hat er es gefunden, so nimmt er es voll Freude auf seine Schultern." Ist das nicht unser eigenstes Ostererlebnis ? Aber die erste Erlösung durch den guten Hirten, in der heiligen Taufe, ist noch nicht die Vollendung: noch immer bleiben wir der Gefahr ausgesetzt, Ihn aus dem Auge zu verlieren, in der WÜste zurÜckzubleiben, uns in das Irdische und in die SÜnde zu verstricken und so verloren zu gehen. Noch immer haben wir gegen die bösen Mächte und Gewalten im Innern ebenso wie gegen die Verfiihrungen und Lockungen von außen zu ringen.

2. Darum wenden wir uns, dem verirrten Schäflein gleich, im Eingang der heutigen Messe flehend zum Herrn: "Schau her auf mich und hab' mit mir Erbarmen; ich bin so einsam und so arm. Sieh an mein Elend und mein Leid. Mein Gott, vergib mir alle meine Sünden. Zu Dir, 0 Herr, erhebe ich meine Seele" (Introitus). In der gleichen Richtung bewegen sich das Kyrie eleison und die Bitten de~ Gloria in excelsis Deo: "Der Du die SÜnden dei Welt hinwegnimmst, erbarme Dich unser. Der Dl die Sünden der Welt hinwegnimmst, nimm (gnädig: auf unser Flehen. Der Du zur Rechten des Vater sitzest, erbarme Dich unser!" Mit dem Tag e s ge be t flehen wir: "Häufe Über uns Dein Erbarme1 und laß uns unter Deiner FÜhrung so durch di

Die liturg. M eßfeler des 3· Sonntags n. Pfingsten. 57 zeitlichen GÜter hindurchgehen, daß wir nicht die ewigen verlieren." Das Schäflein verstrickt in den Dornen des Zeitlichen! Welches ist also des Christen Pflicht? Am Irdischen vorÜber auf das Ewige schauen, auf Gottes fÜrsorgende Hand und Vorsehung: "All eure Sorgen werfet auf Ihn, denn Er sorgt fÜr euch" (Epistel). "Der Gott aller Gnaden, der uns zu Seiner ewigen Herrlichkeit berufen hat (Taufe), wird uns nach einer kurzen Zeit des Leidens vollenden." Das Zeitliche dient der Vollendung der Seele im Jenseits. Es hat einen J enseitswert. Es ist nicht des Menschen Gott, sein höchstes und einziges Gut. "Wirf also deine Sorgen auf den Herrn, Er wird fÜr dich sorgen." Er ist der gute Hirte, der sich gerade um die Verlorenen, um die Verirrten bemüht. Wir sind heute das verlorene Schäflein des Evangeliums, das Er zu Ostern (Taufe) auf Seine heiligen Schultern nahm und in das Haus Seiner Kirche trug. Dort in der Gemeinschaft der Kirche ruft Er Seine Freunde, die Getauften, zusammen zum Freudenmahl -der eucharistischen Feier. "Und zÜndet nicht ein Weib, das zehn Drachmen hat und eine davon verliert, ein Licht an, kehrt das ganze Haus aus und sucht sorgfältig, bis es die Drachme findet?" Ein Bild der Kirche, die das Licht (Christus) in der Hand trägt und die im Irdischen und in der SÜnde verfangene Seele sucht und findet. Wie freut sie sich, wenn der SÜnder Buße tut, seine bisherigen Wege verläßt und sich ganz zu Christus kehrt!

3- In der Opferhandlung wird das Wirklichkeit, was wir in Epistel und Evangelium gehört. Wir sind das in den Diesseitssorgen, in den Anhänglichkeiten an das Irdische und an die SÜnde verstrickte Schäflein, die verlorene Drachme. Im Opfer der heihgen Messe entwinden wir uns nun starkmÜtig der verkehrten Verstrickung in das Irdische und in die SÜnde: wir verzichten, sterben und lassen um von Christus finden und gefangen nehmen, der uns

5 S Die Zeit nach Pfingsten: Vierte \Voche.

in seinem Leiden und Sterben liebend nachgegangen ist. V/ir bereuen unsere Verirrung, unsere Untreue gegen Christus, in der wir, statt Ihm zu folgen, bei delO. GenÜssen der irdischen Dinge geblieben sind. Opfernd geben wir uns Christus hin und werden ein e Opfergabe mit Ihm, im Verlangen, frei von der verkehrten Liebe zum Irdischen, zum Gottfremden, ganz Gott zu gehören, Gott zu dienen, Gott anzuhangen. Und wie wir so im Opfer als neue Menschen zu Gott zurÜckkehren, da bereitet Er uns, den Wiedergefundenen, das Freudenmahl der heiligen Kommunion.

Sonntag in der Oktav des Herz-Jesu-Festes. ,,"Verfet eure Sorge auf den Herrn."

1. An Ostern wurden wir wiedergeboren. Pfingsten brachte uns den Heiligen Geist und mit Ihm die Mannesreife, den Mannesmut und die Manneskraft. Nun sind wir in die Schwierigkeiten und Versuchungen, in die Sorgen, MÜhen und Nöten des Lebens hineingestellt. Auf unserem Weg durch das harte, sorgenvolle Leben kommen wir zum Herrn:

"Schau her auf mich und hab' mit mir Erbarmen" (Introitus). "Laß Deine Barmherzigkeit in noch reicherer FÜlle als bisher Über uns walten, damit wir unter Deiner Leitung und FÜhrung so durch die zeitlichen GÜter hindurchgehen, daß wir die ewigen nicht verlieren" (Oration).

2. "Wer f eta 11 e eu reS 0 r g e auf Ihn, denn Er trägt Sorge um euch" (Epistel). Die Gefahr droht uns von den zeitlichen GÜtern und Angelegenheiten. Wie das verlorene Schäflein des Evangeliums in das GestrÜpp geraten ist, dem es sich nicht mehr entwinden kann, so verstricken und verlieren wir uns an die zeitlichen GÜter und Sorgen. Dereinst haben wir geschworen: Ich widersage der \,y elt und ihren Eitelkeiten. Und jetzt? Mehr als wir es

Sonntag: ,,\"erfet eure Sorge auf den Herrn." 59

ahnen und glauben, bemÜhen wir uns um die zeit7 lichen GÜter und machen uns Übermäßig zeitliche Sorgen. So sehr, daß wir über den zeitlichen Angelegenheiten, GÜtern und Sorgen das ewige Heil der Seele, das einzig Notwendige, fast vergessen. Viele sind von ihren täglichen Arbeiten, von dem Erwerbsleben, von den Sorgen in der Familie, im Beruf derart in Anspruch genommen, daß sie ihrer Seele und dem innern Leben und Fortschritt kaum einige Aufmerksamkeit mehr widmen. Selbst die Gnaden, die ihnen Gott durch die Predigt, durch die Lektüre, durch innere Einsprechungen gibt, bringen ihnen keinen Nutzen. Der Same des Sämanns fällt bei ihnen unter die Dornen. Sie hören das Wort, "aber die Sorgen des Lebens, der Trug des Geldes und das Verlangen nach irdischen Dingen ersticken das Samenkorn, so daß es keine Frucht bringt" (Matth. 4, 18 f.). "Werfet eure Sorge auf den Herrn, denn Er trägt Sorge um euch." Wie weit sind wir davon entfernt! Wie wenig vertrauen wir Ihm die Sorge fÜr unser Dasein, fÜr unser körperliches und geistiges Wohlergehen, fÜr unsere Familie, fÜr unsere Lieben an! Wir wollen alles selbst tun und machen. So sehr vertrauen wir -auf uns

selbst!

"E r t r ä g t So r g e um eu c h." Das ist das

Herz- Jesu-Bild der Liturgie des heutigen Sonntags. "Wer von euch, der hundert Schafe hat und eines davon verliert, läßt nicht die neunundneunzig in der Wüste und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? Und wenn er es gefunden hat, so legt er es voll Freude auf seine Schultern; und wenn er nach Hause kommt, so ruft er seine Freunde und N achbarn zusammen und spricht zu ihnen: Freuet euch mit mir, denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war." Ein zweites Herz-Jesu-Bild! "ZÜndet nicht eine Frau, die zehn Drachmen hat und eine davon verliert, ein Licht an, kehrt das ganze Haus um und sucht sorgfältig, bis sie die Drachme

60 Die Zeit nach Pfingsten: Vierte Woche.

findet? Und hat sie diese gefunden, so ruft sie die Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und spricht: Freuet euch mit mir, ich habe die Drachme gefunden, die ich verloren hatte." Ein sprechendes Bild der liebenden Sorge, mit welcher der Herr sich um uns bemÜht, uns zu retten. Wie sehr dürfen wir auf Seine Liebe und Treue bauen und vertrauen! "Auf Dich, 0 Herr, sollen alle hoffen, die Deinen N amen, Dein liebevolles Herz, kennen: Denn Du verlässest keinen, der Dich sucht" (Offertorium).

3· "Kommt alle zu Mir, die ihr mÜhselig und beladen seid, Ich will euch erquicken" (Matth. 11,28).

"Werfet all eure Sorge auf den Herrn." Sollen wir also um gar nichts besorgt sein? Gewiß. Es gibt ein rechtes Sorgen. Der Herr selber lehrt es uns. Er will, daß wir um das tägliche Brot arbeiten und beten. Er verlangt, daß wir zu den fÜnf Talenten, die Er uns anvertraut hat, fÜnf weitere hinzugewinnen. Er tadelt den faulen Knecht, daß er das ihm vom Herrn anvertraute Geld nicht auf die Wechselbank auf Zinsen angelegt hat (Matth. 25. 14 ff.). Wir mÜssen also um den notwendigen Lebensunterhalt sorgen und uns darum bemÜhen. Es gibt aber auch ein unrechtes, verkehrtes Sorgen. Viele geh'en in den irdischen SOl gen auf und bemÜhen sich um die zeitlichen Angelegenheiten in einer \Veise. als ob es fÜr sie keine VorsehOng und Vatersorge Gottes gäbe. Dieses unruhige, ängstliche Sorgen verwirft der Herr und verwirft die heilige Liturgie. "Werfet eure Sorge auf den Herrn." Laßt das ängstliche, unruhige Sorgen. Glaubt an den Herrn' und Seine Liebe. "Er trägt Sorge um euch."

"Werfet all eure Sorge auf den Herrn." Wir haben nur das ein e zu tun und uns um das ein e zu sorgen, daß wir in jedem Augenblick das tun und annehmen, was der Herr uns in diesem Augenblick zu tun oder zu tragen auferlegt. Alle andere Sorge werfen wir auf den Herrn, in gläubiger, blinder überlassung an Seine Hand.

Montag: "Er nimmt sich der Sünder an." 6 I

"Werfet all eure Sorge auf den Herrn." Die Sorge fÜr das zeitliche und die Sorge fÜr das ewige Wohl; die Sorge um unsere Vergangenheit und um unsere Zukunft. Wir legen alles vertrauensvoll in Seine Hand. "Er trägt Sorge um euch."

Ge be t.

o Gott, Du BeschÜtzer aller, die auf Dich hoffen.

Nichts ist stark, nichts heilig ohne Dich. So laß denn Deine Barmherzigkeit in reicherer FÜlle Über uns walten, damit wir unter Deiner Leitung und FÜhrung durch die zeitlichen GÜter so hindurchgehen, daß wir die ewigen nicht verlieren. Durch Christus unsern I-Ienn. Amen.

Montag der vierten Woche nach Pfingsten.

"E r n i m m t s ich der S Ü n der a n."

1. "In jener Zeit kamen Zöllner und SÜnder zu Jesus, um Ihn zu hören. Da murrten die Pharisäer und Schriftgelehrten und sprachen: Dieser nimmt sich der SÜnder an und ißt mit ihnen" (Evangelium).

2. J e s u s n i m m t s ich der S Ü n der a n.

Gottes Sohn ist "wegen uns Menschen und wegen unseres Heiles vom Himmel herabgestiegen". So bekennen wir im Credo der Messe. Viele sind mit Recht der Ansicht, daß der Sohn Gottes Überhaupt nur deshalb Mensch geworden ist, um uns Menschen von der SÜnde zu erlösen. Hätte Adam nicht gesÜndigt und gäbe es keine ErbsÜnde, dann wäre der Sohn Gottes nie auf Erden erschienen: dann gäbe es keinen Christus, kein Weihnachten und kein Ostern, kein Tabernakel und keine heilige Messe. Er "ist gekommen, um zu suchen und selig zu machen, was verloren war" (Luk. 19, 10). Er ist für die Kranken gekommen, die des Arztes bedürfen (Luk. 5, 31). Er l11mmt sich in liebendem Erbarmen

62 Die Zeit nach Pfingsten: Vierte Woche.

des Zöllners und der BÜßerin Magdalena an. F die Ehebrecherin, welche die Pharisäer vor 11 bringen, hat Er ein Wort des Erbarmens. Wie hel lich zeichnet Er Se1l1e Liebe zu den SÜndern Gleichnis vom guten Hirten, vom verlorenen Soh Wie opfert Er sich fÜr uns SÜnder in Sein( Leiden und Sterben! "Er nimmt sich der Sünd an." Kaum, daß Er das Werk der Erlösung va bracht und von den Toten auferstanden ist, g Er uns am ersten Osterabend das Sakrament ( Buße. Er haßt die SÜnde mit dem Hasse, mit dl Gott selber sie haßt. Aber Er liebt den SÜnder u will ihn retten. Wie sehr haben wir es an uns seit erfahren, daß Er sich um die SÜnder annimmt! Sakrament der heiligen Taufe, im Sakrament ( Buße, in den vielen innern Einsprechungen, Gnac und FÜhrungen! Wo wären wir heute, wenn sich nicht mit so göttlich großer, starker Liebe ( SÜnder annähme? Wenn Er uns uns selber Üb lassen hätte? Wie viel haben wir Ihm zu danh

"Die wahre Gerechtigkeit hat Mitleid 1 dem SÜnder, die falsche stößt ihn von sich. Ge\ empören sich auch die Gerechten Über die SÜnd aber in rechter Weise. Nicht aus Stolz t Geringschätzung, sondern aus Eifer fÜr d was sich gehört. Sie verfolgen den SÜnder, a' aus Liebe. Wenn sie nach außen hart vorgehen. bleiben sie im Inriern sanft, weil sie lieben. ziehen diej enigen, welche sie tadeln mÜssen, in ihr I nIlern sich selber vor und halten diej enigen, sie richten. fÜr besser als sich selber. Diej enil aber, welche auf ihre verkehrte Frömmigkeit s etwas einbilden, verachten die SÜnder und kenl kein Mitleid mit den Schwachen: in dem Grade. sie glauben, sie seien gerecht, sind sie erst re SÜnder. So waren die Pharisäer, die im Evangeli den Herrn -tadeln, weil Er sich um die SÜnder nimmt" (hl. Gregor der Große in den Lesunl der Mette).

Montag: "Er nimmt sich der Sünder an." 63

3· "Auf Dich, 0 Herr, sollen alle hoffen, die Deinen Namen kennen; denn Du verlässest keinen, der Dich sucht. Lobsinget dem Herrn, der auf Sion (im Tabernakel) wohnt; denn Er hat nicht ver-gessen das Flehen der Armen" (Offertol ium).

"Er nimmt sich der SÜnder an und ißt mit ihnen."

Jetzt, im Opfer der heiligen Messe, gibt Er sich dem Vater hin, um uns die Ve··7.eihung unserer Sünden zu erlangen. Er opfert sich, um uns die Gnade zu erwirken, Über die SÜnde, die Leidenschaften, die Versuchungen Herr zu werden. In der heiligen Kommunion hält Er mit uns Gastmahl. So unendlich groß ist Seine Liebe zu uns SÜndern.

"Ich sage euch, es wird im Himmel mehr Freude sein Über einen SÜnder, der Buße tut, als Über neunundneunzig Selbstgerechte, die der Buße nicht bedÜrfen" (Evangelium). Prüfen wir uns ernstlich, ob nicht auch in uns bis zu einem gewissen Grade der Selbstgerechte lebt, der der Buße nicht zu bedürfen glaubt, der Über die andern zu Gericht sitzt, der mit bitterem Eifer Über die Fehler und SÜnden der andern herfällt und den "SÜnder" von oben herab anschaut. Die Frömmigkeit wird so leicht Anlaß zum Stolz, zur Selbstgerechtigkeit, zur Geringschätzung des Mitmenschen. Sie glaubt der Buße nicht zu bedÜrfen und verläßt den Weg der ernsten Abtötung, der SÜhne.

Ge be t.

o Gott, Du BeschÜtzer aller, die auf Dich hoffen.

Nichts ist stark, nichts heilig ohne Dich. So laß denn Deine Barmherzigkeit in reicherer FÜlle Über uns walten, damit wir unter Deiner Leitung und FÜhrung durch die zeitlichen GÜter so hindurchgehen, daß wir die ewigen nicht verlieren. Durch Christus unsern Herrn. Amen.


- --------.

64 Die Zeit nach Pfingsten: Vierte Woche.

Dienstag der' vierten Woche nach Pfingsten.

Die h eil i g e Kom m uni 0 n.

1. ,,0 heiliges Mahl, in welchem Christus genossen wird!" Im Augenblick der heiligen KQmmunion besitzen wir den menschgewordenen Gottessohn mit allem, was Er ist und hat. "ln Ihm seid ihr reich geworden" (I Kor. I, 5)·

2. Wir b e s i t zen C h r ist u s n ach Sei n e r me n sc h I ich e n Na t ur. Die heilige Kommunion ergießt in unsere Seele das himmlische, selige Leben Seiner heiligsten Menschheit, Seines gottmenschlichen Herzens, Seiner heiligen Seele. Die hl. Angela von Foligno schaut in einer Vision die Herrlichkeit der verklärten Menschheit J esu. Es verbleibt ihr von diesem Anblick zeitlebens eine grenzenlose Freude, ein erhabenes Licht, ein unsagbares beständiges Ergötzen, ein Seligsein beglÜckender als alles, was den Menschen sonst beglÜcken kann. Und diese heiligste Menschheit J esu, diesen hochheiligen Leib, dieses Herz, das einen Abgrund von Heiligkeit, Gnade, Tugend, Liebe umschließt; diese schöne, heilige. lichtumflossene, leben- und gnaden durchflutete, friede- und freudeatmende Seele, dieses Heiligtum und Paradies der Gottheit genießen. empfangen wir in der heiligen Kommunion. Haben wir es ganz erwogen?

Wir besitzen Christus nach Seiner Go t t he i t. "Da Er die Seinen liebte, liebte Er sie bis ans Ende" (Joh. 13, I), d. i. bis zu den letzten Forderungen und Möglichkeiten der Liebe. Jesus kommt in der heiligen Kommunion als Gott, als der Sohn, das Kind Gottes des Vaters, um in uns Sein Leben des Sohnes, des Kindes Gottes. hinÜberzupflanzen und uns dar an Anteil nehmen, es mitleben zu lassen. "Wer Mich ißt, wird durch Mich leben" (Joh. 6, 58), das Leben mitleben, das Er, der Sohn durch den Vater besitzt. Ewig gibt der Vater derr Sohn das Leben, ganz, ohne Einschränkung. ir

Dienstag: Die heilige Kommunion. 65

solcher Vollkommenheit und in einem solchen Erguß der Liebe, daß Vater und Sohn nur ein e Gottheit bilden, mit demselben Leben, mit derselben FÜlle von Liebe, Freude, Friede, Seligkeit. Und dieses Leben, das vom Vater in den Sohn Überströmt und das vom Sohne Gottes in die von Ihm angenommene heilige Menschheit J esu hineingetragen wurde, senkt sich im Genusse der heiligen Kommunion in unsere Seele ein. Wir werden es nie verstehen, was der Herr uns in Seiner Liebe in der heiligen Eucharistie bereitet hat. "Hoch preiset meine Seele den Herrn, und mein Geist frohlockt in Gott, meinem Heilande!" (Luk. 1,46.)

Wad e r V a t e run d der Sah n s i n d, d ais t au c h der H eil i g e Gei s t. In der heiligen Kommunion wird unser Leib und unsere Seele die Stätte unaussprechlicher Wunder. In uns leben Vater, Sohn und Heiliger Geist in heiliger Stille ihr geheimnisvolles gottliches Leben, ganz, ungeschmälert so, wie im Himmel. Wir selber sind der Himmel Gottes geworden. In unserer Seele spricht der Vater Sein Wort: "Mein Sohn bist Du. Ich habe heute Dich gezeugt" (Ps. 2, 7). In Seinem Worte drückt der Vater sich ganz aus, mit der FÜlle Seines Wesens, in unserer Seele. Im \Vort, im Sohn, bringt Er Sein Bild, den Abglanz Seiner Vollkommenheiten und Seines Wesens hervor, in unserer Seele. "Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen" (Credo der Messe). Er schaut und umfängt den Sohn nllt unendlicher, göttlich reiner, seliger Liebe. Der Sohn antwortet dem Vater mit der gleichen unendlichen Liebe. Ein gegenseitiger heiliger Liebeserguß im Heiligen Geiste, der als die göttliche Liebe den Vater mit dem Sohne verbindet: in unserer Seele! Und diesem Leben der drei göttlichen Personen werden wir in der heiligen Kommunion angeschlossen und verbunden, daß wir es, in der heiligmachenden Gnade und in den ÜbernatÜrlichen Tu-

Ba',r, Werde Licht. IIl.

66 Die Zeit nach Pfingsten: Vierte Woche ..

genden, insbesondere in den göttlichen Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, mitbesitzen und mitleben! Jetzt unvollkommen und im Dunkel des Glaubens. Dereinst vollkommen, im Lichte der unmittelbaren Anschauung Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. ,,0 heiliges Mahl, in welchem Christus genossen wird!"

3. Wie unwÜrdig sind wir gegenÜber der Gnade der heiligen Kommunion! Sie will, sie muß uns Immer tiefer in das Leben Gottes hineinheben. "vVer Mein Fleisch ißt und Mein Blut trinkt, der bleibt in Mir und Ich in ihm" (Joh. 6, 56). Eine Vereinigung Jesu mit uns so innig, wie es sonst in der ganzen geschaffenen Welt keine gibt. Sein Leib vereinigt sich mit unserem Leib, Seine Seele mit unserer Seele, Sein Wirken mit unserem vVirken, alles ganz ÜbernatÜrlich und fÜr die Zwecke unserer Heiligung und Vollendung in Ihm! Eine Vereinigung, die unser ganzes Ich mit allem, was wir sind. die SÜnde und die böse Begierlichkeit ausgenommen, in J esus und Sein Leben hineinzieht. Eine Vereinigung, die nach der Absicht des Herrn dauernd ist und nie endigen oder irgendwie gelockert werden sollte. Würden nur wir es nie an uns fehlen lassen I

Warum ist die Vereinigung nicht immer so vollkommen, wie sie es nach J esu Absicht sein sollte? Es fehlt an uns. Wir schätzen die heilige Kommunion nicht genÜgend. Und deshalb lassen wir es viel an der Vorbereitung fehlen. Vor allem an der entfernteren, dauernden Vorbereitung. Diese besteht zutiefst darin, daß wir von einer heiligen Kommunion zur andern dauernd immer vollkommener in Jesus bleiben. Daß wir uns im Alltag von Seinem Geiste leiten und bestimmen lassen. Daß wir uns nicht gestatten, bewußt etwas zu denken, zu suchen, zu reden, zu tun, das Er nicht als Sein Eigen erklären und unterzeichnen könnte. Hieran fehlt es. An der nötigen Wachsamkeit, an dem dauernden sich Seinem Wunsch und Willen zur VerfÜgung-

Mittwoch: Liebe und Sühne.

stellen. Ewig der eigene Geist, die eigenen WÜnsche, die Eigeniiebe!

Ge b e t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, laß uns gesättigt werden durch den ewigen Genuß Deiner Gottheit, auf den der zeitliche Empfang Deines kostbaren Leibes und Blutes hinweist. Der Du lebst und herrschest von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Mittwoch der vierten Woche nach Pfingsten.

L i e b e und S Ü h n e.

1. Wir stehen in der Oktav des Herz-Jesu-Festes.

Wir beten mit der heiligen Liturgie: "Laß uns durch die Huldigung unserer liebenden Hingabe an Ihn (J esus) zugleich ein Werk wÜrdiger Sühne entrichten" (Oration). Wir haben dem heiligsten Herzen J esu gegenÜber eine zweifache Pflicht: die Pflicht der liebenden Hingabe und der SÜhne.

2. Der Die n s t der Li e b e. Liebe ruft nach Gegenliebe. Auf Jesu Liebe, die wir im Symbol des heiligsten Herzens verehren, antworten wir mit unserer "liebenden Hingabe". Sie bedeutet zunächst ein inniges Verlangen danach, daß Er gekannt, geehrt und geliebt werde; ein freudiges Wohlgefallen an der Verwirklichung Seiner Interessen, an dem Siege Seiner Lehre, Seiner Kirche, Seiner Gnade; einen edlen Schmerz beim Anblick der SÜnde. Diese Liebe treibt uns an, voll Vertrauen zu Ihm zu gehen und Ihm unser Herz auszuschÜtten, unsere Kälte, unsere Fehler und Unvollkommenheiten bei Ihm zu beklagen, Ihm unsere MÜhen, TrÜbsale, Schwierigkeiten und PrÜfungen vorzulegen und kindlich, in Gleichmut, Ihm alles zu Überlassen. Sie geht einen Schritt weiter und macht uns zu lebendigen Abbildern Jesu, Seines Innern und Seines Äußern. Sie drängt uns zum Leben einer beständigen Selbstentäu13erung und Ahtötung: wir beschränken unsere

5*

68 Die Zeit nach Pfingsten Vierte Woche.

BedÜrfnisse; wir beherrschen unsere Sinne; wir mäßigen selbst unsere unschuldigen Freuden. Wir lösen uns innerlich und, soweit es unser Beruf erlaubt, auch äußerlich von den Geschöpfen los. Wir vereinigen unsern Willen in vollkommener Gleichförmigkeit mit Seinem heiligen Wohlgefallen. Wir leben nicht mehr aus dem eigenen Geiste, sondern in bewußter Abhängigkeit von Seinem Geiste und von dem Antrieb Seiner Gnade. GlÜcklich wir, wenn Er unsere Seele mit Seiner Liebe verwundet, so daß sie allen Geschmack an dem verliert, was Er nicht ist und was nicht auf Ihn Bezug hat! Glücklich wir, wenn Er mit Seiner Liebe alle unsere Gedanken, Affekte, Worte und vVerke so sehr durchdringt, aaß wir nichts anderes mehr können als Ihn suchen. So sehr, daß wir jeder andern Liebe entsagen; daß jeder andere Gedanke aus unserem Geiste verschwindet und Er unsere Seele ganz in Besitz nimmt! "Ich lebe, nicht mehr ich, vielmehr lebt Christus in mir" (Gal. 2, 20). Ja, wir weihen Ihm unsere Liebe.

Der Die n s t der S Ü h n e, der Abbitte, der Genugtuung fÜr uns und fÜr die andern. Wer Jesus liebt, fÜhlt naturgemäß die Unbilden mit, die Ihm zugefÜgt werden. Dieselbe Liebe, die Jesu Interessen zu den unsrigen macht, macht uns betrÜbt, wenIl wir J esus belei,digt und verachtet sehen. Wir nehmen uns Seine Beleidigungen zu Herzen. Sie tun uns wehe wegen der Liebe, die wir zu Ihm haben. Je mehr wir J esus beleidigt und mit Kälte behandelt wissen, um so mehr drängt es uns, Ihm unsere Liebe zu beweisen. Um so sorgfältiger bewahren wir uns vor Fehlern und Untreuen, vor allem, was Ihm wehe tun mÜßte. Um so mehr legen wir uns Entsagungen, Bußen und Abtötungen auf, um Ihm im Opfer die Echtheit unserer Liebe zu beweisen. Um so mehr beten wir an, bewundern und lobpreisen wir Seine Herrlichkeit und Fülle. Um so mehr bitten wir um Verzeihung und Gnade.

Mittwoch: Liebe und Sühne.

Um so vollkommener verrichten wir unsere Werke und um so bereitwilliger nehmen wir die Leiden und PrÜfungen des Lebens aus Seiner Hand an. Alles aus dem Drang der Liebe zu J esus, der uns so unendlich geliebt.

3. "Armer J esus", pflegte der hl. Alfons Maria von Liguori zu sagen. "Armer J esus ! Wer kÜmmert sich um Dich, um Deine Interessen!" Was hat Er getan, um unsere Liebe zu gewinnen! Wie sehr verlangt Er danach, von uns geliebt zu werden. Und wir! Wir sehen das Kruzifix an: und es bewegt uns nicht. Wir hören von Seinem Leiden und Sterben: und wir bleiben kalt, gleichgÜltig. Wir knieen zum Gebete nieder, und halten es kaum ein ViertelstÜndchen bei Ihm aus. Wir sehen andere sÜndigen, und es kÜmmert uns nicht, daß J esus beleidigt wird, wenn nur wir unser Seelenheil nicht der Gefahr aussetzen. Seltsame Zeichen der Liebe! Jesus nimmt offenb.ar nur einen geringen Platz in unserem Herzen em.

Herz- J esu-Fest! Und wir gehen unsere eigenen Wege und tun unsern eigenen Willen. Unser Streben geht dahin, daß wir unsere WÜnsche befriedigen und uns alles möglichst leicht und angenehm machen. Wir suchen leibliche Bequemlichkeiten und GenÜsse. Und unser geistliches Leben soll in nichts anderem bestehen als in einem reichen Maß innern Trostes. Wir fÜhren das Herz J esu im Munde, und suchen doch in allem uns selbst. Wo ist unsere Liebe, wo die Kraft zum Leben der SÜhne?

Gebet.

Gott, im Herzen Deines Sohnes, das unsere SÜnden verwundeten, schenkst Du uns voll erbarmender Huld die unendlichen Schätze der Liebe. Wir bitten Dich nun, laß uns durch die Huldigung unserer liebenden Hingabe an Ihn zugleich ein Werk wÜrdiger SÜhne entrichten. Durch denselben Christus unsel'l1 Herrn. Amen.

70 Die Zeit nach Pfingsten: Vierte Woche.

-Donnerstag der vierten Woche nach Pfingsten. "D u r c h die z ei t li c he n D i n geh i n dur c h."

1. Die Kirche fleht in dem Kirchengebet, Gott möge Über uns in noch reicherer FÜlle Seine Barmherzigkeit ausgießen, damit wir unter Seiner Leitung und FÜhrung also durch die zeitlichen Dinge hinrlurchgehen, daß wir die ewigen nicht verlieren. Die zeitlichen sind uns zum Gebrauch gegeben, die ewigen, Gott, zum Genuß.

2. Die z e i tl ich enD i n g e s i n dun s zum Ge b rau c h ge g e ben. Wir haben durch sie "hindurchzugehen", an ihnen gleichsam vorbeizugehen. Alles, was nicht Gott ist, alle geschaffenen Dinge, die lebenden und die leblosen, die leiblichen und geistigen, die natÜrlichen Dinge und die Dinge der Übernatur ; auch alles, was jeden Tag geschieht, die Vorkommnisse jeglicher Art, im Reich der Natur, der Menschen, der Gnade: alles ist uns zum Gebrauch und allein zum Gebrauch gegeben. Als Mittel und Werkzeuge, deren wir uns bedienen sollen, um damit fÜr Gott zu arbeiten, Ihm zu dienen und uns so den Himmel zu erwerben. Wohl hat Gott mit dem Gebrauch der Geschöpfe fÜr den Menschen mannigfache Freude und Befriedigung verbunden. Aber nicht dazu, daß er darin seine Ruhe suche. Diese Freude darf vielmehr nur der öltropfen an der Maschine sein - eine Freude, ein Genuß, den wir dankbar aus Gottes Hand annehmen, in der Absicht, um damit dem Herrn um so treuer, standhafter, freudiger und vorbehaltloser zu dienen. Die Kirche weiß, wie sehr wir Menschen, auch wir Christen, geneigt sind, die geschaffenen Dinge nicht so sehr bloß in Gebrauch zu nehmen, als vielmehr in ihnen zu ruhen, unser GlÜck, unsere Freude, unsern Gott zu finden. Sie weiß, wie viele bei sich sprechen: Gott mag man fÜrchten, respektieren, in respektvoller Entfernung anbeten, Ihm opfern. Aber im Übrigen suchen sie ihren Genuß in den geschaf-

Donnerstag: "Durch die zeitlichen Dinge hindurch." 7 I fenen Dingen: gut leben, Sport, Reisen, Meisterwerke der Kunst, schöne Gestalt, Gesundheit, Ehre, Erfolg, GlÜck, Wohlergehen. Darin leben sie, darin finden sie ihre Freude. Voll \1\' ehmut schaut die Kirche in diesen Wochen nach Pfingsten auf diese ihre Kinder, die so wenig vom Geiste Gottes erleuchtet sind. Sie fleht inbrÜnstig zu Gott. Er möge Erbarmen haben, an diesen ihren verirrten Kindern noch mehr Erbarmen Üben als bisher und ihnen Seinen Heiligen Geist eingießen, auf daß sie die geschaffenen Dinge so gebrauchen lernen, als brauchten sie sie nicht. Auf daß sie durch sie so hindur ehgehen, daß sie mit ihrem Herzen, WÜnschen, Lieben und Verlangen an ihnen nicht hängen bleiben. \Vir teilen den Schmerz der Kirche und beten aus tiefstem Herzensgrunde mit ihr zum Vater, daß Er uns allen die Gnade gebe, durch die geschaffenen Dinge ,0 hindurchzugehen, daß sie mit ihnen die ewigen Dinge, Gott, gewinnen.

G 0 t t a 11 ein ist u II s zum Gen u 13 g e g e ben.

Gott der Vater, der unergründliche Quellgrund der Gottheit; Gott der Sohn, das ewige, strahlende Wort; Gott der Heilige Geist, der ewige unendlich selige Liebeserguß des Vaters zum Sohn und des Sohnes zum Vater; die heiligste Menschheit Jesu, das heiligste Herz] esu: alles das ist uns gegeben, daß wir es genießen, darin ruhen. Der große heilige Gott ist in der Gnadenstunde der heil igen Taufe liebend in unsere Seele eingegangen und lebt dort in uns, mit uns, damit wir Ihn genießen, Ihn beSitzen, Sein göttliches Leben mitbesitzen und mitleben. Da gibt Er sich uns als liebenden Vater hin, dem wir Kinder ,ein dÜrfen, mit dem wir als Kinder vertraulich reden und Umgang haben dÜrfen. Er gibt sich uns hin, damit wir mit dem in unserer Seele lebenden und wirkenden Gott leben, an Ihm unsere Freude und Wonne finden, Über alles hinaus, was nicht Gott ist. GlÜcklich wir Kinder der Kirche, die wir Jesus \<~nnen, die wir Ihn besitzen als unsere heilige

72 J)ie Zeit nach Pfingsten: Vierte \Voche.

Opfergabe in der Feier der heihgen Messe, als die Nahrung unserer Seele in der heiligen Kommunion, als unsern Freund und Weggenossen im Tabernakel, als den -lebenspendenden Weinstock, dem wir in der Gemeinschaft der Helligen als Zweige eingefügt sind. Er hat sich uns zum Genusse gegeben. Nicht damit wir vor Ihm nur Angst haben, sondern daß wir an Ihm Freude haben, mit Ihm und bei Ihm unser GlÜck und unsere Wonne finden. Gott gibt sich uns zum Genuß in allen Dingen, Ereignissen und Vorkommnissen: wir gehen durch das Sichtbare hihdurch und schauen in allem, was uns den Tag über in den Weg tritt, sei es uns willkommen oder unwillkommen, Ihn, Seine Nähe, Seinen heiligen Willen, Seine Weisheit, GÜte und Liebe, Sein heiliges Wohlgefallen, Seine FÜgung und Zulassung. Durch alle Arbeiten, Mühen, Leiden, Widerwärtigkeiten hindurch stoßen wir zu Gott vor, zu Seinem heiligen Willen, zu Seiner Liebe zu uns. Da ruhen wir im heiligen Wohlgefallen Gottes, in Seiner Weisheit, in Seiner Güte, in Seiner unendlichen Liebe zu uns, Dann kränken wir uns nicht wegen gewisser Ungerechtigkeiten, die uns von den Menschen zugefügt werden. Dann sorgen wir uns nicht Übermäßig und ängstlich um Gesundheit, um Existenz, um irdische Werte. Wir haben den Frieden gefunden, in Gott. Einen kleinen Anfang jenes seligen Friedens, der uns im Himmel wird, wo wir Ihn vollkommen besitzen und genießen werden.

3. "Die Zeit ist kurz bemessen. Darum sollen die Verheirateten leben, als wären sie nicht verheiratet; die Trauernden, als trauerten sie nicht; die Fröhlichen, als wären sie nicht fröhlich; die etwas erwarten als solche, die nichts besitzen; die mit der WeH verkehren als solche, die nicht mit ihr verkehren: denn die Gestalt dieser Welt vergeht" (I Kor. 7, 29).

Wir gehen durch die zeitlichen Dinge hindurch.

Sie sind uns nur zum Gewand gegeben, als Mittel,

Oktav d. Herz-Jcsu Festes: "Der Reichtum Christi." 73 um Gott zu gewinnen. Wir gebrauchen sie nur zu dem Zweck, zu dem sie uns gegeben sind. Nur soweit und solange, als sie uns dazu dienen, Gott zu leben. Wir stellen uns in der heiligen Freiheit des Geistes und des Herzens Über sie und machen uns nie zum Sklaven eines geschaffenen Dinges. Gott allein, Christus) esus allein, und das, was Ihm lieb ist.

Gebet.

o Gott, du BeschÜtzer aller, die auf Dich hoffen.

Nichts ist stark, nichts ist heilig ohne Dich, so laß denn Deine Barmherzigkeit in reicherer FÜlle Über uns walten, damit wir unter Deiner Leitung und FÜhrung durch die zeitlichen GÜter so hindurchgehen, daß wir die ewigen nicht verlieren. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Oktavtag des Herz-Jesu-Festes.

"D e run erg r Ü n d I ich e Re ich t u m C h r ist i."

1. "Mir, dem Geringsten unter allen Heiligen (Christen), wurde die Gnade verliehen, den Heiden den unergrÜndlichen Reichtum Christi zu verkÜnden" (Epistel). Mit diesen Worten wendet sich der Apostel Paulus an uns. Den l1J1ergrÜndlichen Reichtum Christi findet die heilige Liturgie beschlossen im. heiligsten Herzen J esu, das alle Schätze der Weisheit und des \Vissens in sich schließt, in welchem die ganze FÜlle der Gottheit wohnt, dem Quell des Lebens und der Heiligkeit. Im Herzen Jesu schenkt uns Gott voll erbarmender Huld die unendlichen Schätze der Liebe (Oration).

2. Der une n d I ich e Re ich t u m C h r ist i ist im Herzen Jesu beschlossen. Das heiligste Herz ist die Zusammenfassung all des unendlich Heiligen, Großen, Liebenswürdigen, Erhebenden und Anziehenden, was die liebende Seele in J esus finden kann. Es umschließt die unendliche FÜlle des Innern J esu, Seines Gedanken- und Willenslebens, Seines Affekt-

74 Die Zeit nach Pfingsten: Vierte Woche.

lebens, Seiner Regungen, Wünsche und GefÜhle. Es umschließt das gesamte Gebetsleben J esu: die unendlich heilige, Gottes vollkommen wÜrdige. ununterbrochene Anbetung Gottes, den Lobpreis, die Danksagung, die Liebe und Hingabe an den Vater: im Himmel, in unsern Tabernakeln auf Erden. Es umschließt die unendliche FÜlle der Gnaden, der Tugenden, der Heil igkeit J esu. Sein Leben des Gehorsams gegen den Vater; der freiwilligen Selbstentäußerung und tiefsten Selbsterniedrigung; der Liebe zur Demut, zur Armut. zum Kreuz; das Leben Seiner Liebe zum Vater und zu uns SÜndern, des glühenden Eifers fÜr unser ewiges Heil. Es umschließt die unerschöpflichen Schätze der Verdienste, die Jesus vom ersten Eintritt in diese Welt an bis zum letzten Seufzer am Kreuz fÜr uns erworben hat. Es umschließt den Reichtum der Genugtuungen und SÜhne, die der Herr während Seines Erdenlebens dem Vater für uns geleistet hat. Es umschließt die FÜlle der M acht Über Satan, Über die Elemente, Über die Geister und Herzen der Menschen. "I\'[ ir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden" (Matth, 28,18). In Ihm, im Herzen unseres Heilandes, "haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden, dank dem Reichtum Seiner GI)ade, die Er auf uns Überströmen ließ" (Eph. I, 7).

Unser Reichtum. Jesu Herz gehört uns.

Gott hat das Herz J esu uns geschenkt. So versichert uns die Festoration: "Gott, im Herzen Deines Sohnes schenkst Du uns die unendlichen Schätze der Liebe." Uns gehören die ReichtÜmer des heiligsten Herzens J esu: Seine Gebete, Seine Verdienste, Seine Genugtuungen. Wir dÜrfen es mit all dem Großen und Heiligen, das es in sich schließt, in un~ere Hand nehmen und in der heiligen Messe als unsere Opfergabe dem Vater anbieten. Da bringen wir der al1erheiligsten Dreifaltigkeit eine wÜrdige Verherrlichung dar, einen wÜrdigen Lobpreis, eine vo11l,ommene D anksagun& und eine ganze SÜhne dar.

Oktav d.l1crz.]eslI-Festcs: "Dcr Reichtum Clnisti." 7S Aber auch außerhalb der heiligen Messe. Immer und jeden Augenblick dÜrfen wir Über das heiligste Herz verfügen u»d es dem himmlischen Vater darbieten. Immer u~ ununterbrochen betet J esus an, liebt Er, dankt Er, bietet Er für uns Seine Genugtuungen an, bittet Er fÜr uns alle. So dÜrfen wir unsere Gebete immer in das heiligste Herz J esu hineinbeten und sie mit den Gebeten des heiligsten Herzens vereinigen! Wir dürfen, wenn wir einen Fehler gemacht haben, dem Vater das Herz J esu zur SÜhne für das, was wir gefehlt, aufopfern! Wir dÜrfen, so oft wir eine Gnade und Hilfe von Gott nötig haben, das heiligste Herz J esu mit seinen FÜrbitten für uns zum Vater emporheben. Wir dÜrfen, so oft ",ir etwas zu leiden haben, es mit dem Opferleiden Jesu vereinigen, der im gleichen Moment auf irgend einem der vielen Altäre der Erde Sein Leiden und Sterben dem himmlischen Vater aufopfert. Wir dürfen durch J esus beten, wirken und leiden! Und Gott lieben! Mit der Liebe des Herzens J esu. Es gehört uns! Durch J esu Herz beten wir Gott auch im Namen derer an, die Ihn nicht anbeten. Durch Jesu Herzlieben wir den Vater auch im Namen derer, die Ihn nicht lieben, ja derer, die Ihn hassen und schmähen. Durch Jesu Herz leisten wir dem Vater Genugtuung fÜr alle SÜnder und SÜnden der Welt. Wie sind wir reich und mächtig im heiligsten Herzen Jesu! "Gott, Du schenkst uns im Herzen Deines Sohnes die unendlichen Schätze der Liebe."

3. Aus uns so arm, sind wir reich, sobald und in dem Maße, als wir uns nicht auf uns, sondern auf Jesus, auf das heiligste Herz Jesu stÜtzen und Über es verfÜgen. "Ich bete um nichts mehr und biete nichts mehr an. Ich schließe mich einfach an den Heiland an und spreche: 0 Gott, ich opfere Dir Deinen lieben Sohn auf zur Danksagung fÜr alles Gute, das Du mir erweisest, als meine Gabe. als meine Anbetung, statt aller meiner Vorsätze. Ich opfere Ihn Dir auf '111 S\<1tt all meiner l.iebe l1t1d llks

76 Die leit nach Pfingsten: Vierte Woche.

Übrigen. Nimm Ihn hin, himmlischer Vater, an Stelle all dessen, was Du von mir haben möchtest. Ich habe ja nichts, was Deiner wÜrdig wäre, als Ihn, den Du selbst mit so viel Liebe mir zum Besitz

gegeben hast" (hl. Maria Alacoque). '

"Wen dÜrstet, der komme zu Mir und trinke" (Joh. 7, 37). DÜrsten wir nicht danach, Gott zu lieben, Gott zu ehren, würdig, so wie Er geliebt, geehrt, angebetet zu werden verdient? Mit all unsern Anstrengungen vermögen wir es nicht. Es kommt darauf an, daß wir uns endlich einmal aus dem Spiel lassen und dem Vater J esus darbieten, J esu Herz, Jesu Liebe, Jesu Anbetung - in der heiligen Messe und jeden Augenblick des Tages. Das ist HerzJ esu- Verehrung.

Gebet.

Lehre uns, 0 Herr, die wir die SÜßigkeit Deines liebreichsten Herzens gekostet haben, das Irdische verachten und das Himmlische lieben, der Du lebst und herrschest von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Samstag der vierten Woche nach Pfingsten.

S tal z und Dem u t.

1. Pfingsten schenkte uns den Heiligen Geist.

Durch Ihn sind wir Vollchristen geworden, stark für das christliche Leben, Kämpfen und Leiden. Zur Festigkeit und Mannhaftigkeit im Leiden, im Kampfe, mahnt uns die Epistel: "DemÜtigt euch unter die starke Hand Gottes, damit Er euch erhöhe zur Zeit der Heimsuchung. Der Gott aller Gnaden, der uns zu Seiner ewigen Herrlichkeit berufen hat, wird uns nach kurzer Zeit des Leidens zur Vollendung fÜhren, stärken, kräftigen und befestigen." Def Weg zur ewigen Vollendung heißt: "DemÜtigt euch unter die starke Hand Gottes." Denn "den Stolzen widersteht Gott, den DemÜtigen aber gibt Er Seine Gnade" (I Petr. 5, 5).

Samstag: Stolz und Demut.

77

2. .,D e n S t 0 I zen w i der s t e h t G 0 t 1." Stolz ist, wer seinem eigenen Geist und Sinne lebt. Stolz ist, wer sich dem Willen, den Geboten, Schickungen und FÜgungen Gottes nicht unterwerfen will, der sich mit seinem Meinen und Wollen gegen Gottes Gebot und FÜgung auflehnt. Stolz ist, wer nur seinen eigenen Willen kennt, wer sein eigener Herr sein will, dem auch Gott nichts zu sagen hat. Der Stolz ist der Anfang aller SÜnde, die Wurzel alles Bösen im Menschen. Mit ihm beginnt jede Abkehr des Menschen von Gott. Er ist auch das tiefste und letzte Hemmnis auf dem Weg der RÜckkehr zu Gott. Er ist das eigentliche, ja im Grunde das einzige Hindernis für die Vereinigung mit Gott und die Unterwerfung unter Ihn. Er gedeiht nicht bloß in der Welt, sondern auch in den Herzen der Getauften, auch der guten Christen. Er ist das Unkraut unter dem vVeizen. Als .echtes Unkraut wächst er von selber. Jeder Windhauch verbreitet dies Unkraut weiter. Je besser der Boden, llm so leichter faßt es Wurzel. Tausendmal ausgerissen, wächst es wieder nach, wenn auch nur ein Fäserchen zurÜckgeblieben ist. Gerade in jenen, die ein intensives religiöses, ein frommes Leben fÜhren wollen. Je mehr sie das Leben des Geistes leben, um so mehr sind sie versucht, sich auf ihre Geistigkeit, auf ihr Über gewisse menschliche BedÜrfnisse und Sch wäehen Erhabensein etwas einzubilden. Sie gefallen sich in einer gewissen aszetischen Strenge. Es schmeichelt ihnen, wenn sie mit einer gewissen ehrfÜrchtigen Scheu angesehen werden. Sie sind versucht, geringschätzig auf "die andern" herabzusehen, wenig edel von ihneIl zu denken, hinter ihnen fast nur Schlechtes und Unwahrhaftigkeit zu vermuten Sie sind gern bereit, aus falschem Eifer heraus andere zu tadeln, zu korrigieren, Über sie geringschätzig zu reden und «bzuurteilen. Sie werden ob der außerordentlichen Langsamkeit, mit der Gott wirkt, ungeduldig Sie verweilen gern bei dem

78 Die Zeit nach Pfingsten: Vierte Woche.

Guten, das sie tun, Allzuleicht steigt aus diesen Guten ein Nebel auf, und nun sehen sie es doppelt Der geheime Stolz in uns wird zum Hemmnis dei Gnade, der Gottvereinigung, der reinen Liebe, dei vorbehaltlosen Hingabe und überlassung an· Got und Sein Wohlgefallen. Lebt da etwa Jesus, dei Weinstock, Sein Leben wirklich in uns? DÜrfer wir uns wundern, wenn wir nicht recht weiter kommen? Trotz Betrachtung, trotz täglicher heiliger Messe und Kommunion, trotz heiliger Lesung und so vielen frommen übungen? "Den Stolzen wider. steht Gott."

,.Den Demütigen gibt Gott Seine G n ade." So ist es Gesetz im Reich der Gnade. "Wer sich erniedrigt, der wird erhöht" (Matth. 23, 12). Nach alleIJ Forderungen der Gerechtigkeit kann die selbstherrliche Auflehnung gegen Gott, der Stolz, der Urgrund aller SÜnde, nur durch die Unterwerfung unter Gott, durch die Demut, das bewußte und frei gewählte Kleinwerden aufgehoben werden. "Laßt die Kleinen zu mir kommen, ihrer ist das Himmelreich" (Matth. IO, 14) der Gnade, der Vereinigung mit Gott, der innigen Christusverbunden_ heit. Demut ist der Geist J esu Christi. "Lernet von Mir" (Matth. Ir, 29). Nicht Wissenschaft, nicht Wohlleben, nicht Wundertun, nicht vor der Welt glänzen lind große Taten vollbringen, sondern: Demut, von Herzen demÜtig sein. Demut ist der Inhalt all dessen, was Jesus durch Wort und Beispiel lehrte. Demut ist der Inbegriff Seines Lebens, die eigentliche Tugend Christi. Demut ist das Fundament des geistlichen Gebäudes, das Fundament, auf dem allein die Tugenden sicher ruhen. Der Anfang, die Wurzel alles Guten, die TÜre zum Himmelreich der Gnade und Tugend. Unser Fortschritt in der Gottvereinigung und Christusverbundenheit hängt am Fortschritt in der Demut. Die Vollkommenheit aber bedarf um so mehr der Demut, je höher sie baut. Ohne Demut haben wir kein Leben des Grau-


79

bens. Ohne Demut keine Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Ohne Demut keine Hochherzigkeit, keinen Opfermut, keine hingebende Liebe. Sind wir demÜtig, dann denken wir nicht an uns selbst. Das Urteil der Menge, die eigene Ehre, der Vorteil, die Befriedigung der eigenen Wünsche und Neigungen schaltet im wahrhaft DemÜtigen aus. Ihn kÜmmert nur Gottes Wille, Verherrlichung Gottes. \Vas außer Gott glänzt, läßt ihn kalt. Was von Gott kommt und zu Gott fÜhrt. das interessiert ihn, das hebt und begeistert ihn, gleichviel auf wen der Glanz davon fällt. Es gibt nie größeren Mut als in der Demut. Drohungen, Hohn, Verleumdung machen den Demutigen nicht irre. Schmeicheleien prallen an ihm ab. Und wenn er, um Gottes \Nillen zu tun, alles verlassen und opfern muß, er bringt es Über sich. I;:s versteht sich das fÜr ihn von selbst. Die Demut sucht allein Gott. Gottes Wohlgefallen und Willen. Sie schreckt vor keiner Aufgabe, vor keinem Opfer, vor keiner Anstrengung, vor keinem Leiden zurÜck. Sie weiß: in dem Kleinsein, in der gänzlichen Unterwerfung unter Gottes Willen und FÜgung, unter -das Gebot der Arbeit, unter die Regel und die Ordnung des Klosters, unter die Anordnungen der heiligen Kirche, angefangen von den Geboten der Kirche bis herab zur letzten Zeremonie und Rubrik des Meßbuches und des Breviers, hier liegt die Quelle unserer Kraft. Sie nimmt das Wort des Apostels in seiner ganzen Weite und Tiefe fÜr sich in Anspruch: "Ich kann alles in dem, der mich stärkt" (Phil. 4, 13)· "Den DemÜtigen gibt Gott Seine Gnade."

3. "DemÜtigt euch unter die starke Hand Gottes, damit Er euch erhöhe zur Zeit der Heimsuchung." Das ist die ernste M ahnung der Liturgie der vierten Woche nach Pfingsten. Der Heilige Geist. der Geist Chnsti. will Seine Herrschaft in uns begrÜnden, erweitern, sichern Er kann es nur da. wo unsere Seele Semem Wirken und Willen gegenÜber vollkommen klein und untertan wird. In dem Maße. als

80 Die Zeit nach Pfingsten: Vierte Woche.

wir unser Nichts, unsere UnwÜrdigkeit erkennen, bej ahen, in ßemut tragen und vertrauend zum Herrn kommen, wird Er uns "zur Zeit der Heimsuchung", d. i. des Gebetes, der heiligen Messe, der heiligen

K{)mmunion erhöhen, mit Gnade erfÜllen. .

Jesu Leben ist Liebe zur Demut, zum Nichtssein in den Augen der Welt, zur Überlassung an den Willen, die Zulassungen unc\ FÜgungen des Vaters,' an das Kreuz, an die Leiden, an die ZurÜcksetzungen und Kränkungen aller Art. Wir sind Zweige an Ihm, dem Weinstock. Wir leben also Jesu Leben mit. Kann, darf demnach unser Leben etwas anderes sein als ein Leben der Demut, der freudigen Abhängigkeit von Gott und Gottes Zulassungen und FÜgungen? "Wer sich erniedrigt, der wird erhöht."

Ge b e t.

o Gott, Du BeschÜtzer aller, die auf Dich hoffen; nichts ist stark, nichts heilig ohne Dich. So laß denn Deine Barmherzigkeit in reicherer FÜlle Über uns walten, damit wir unter Deiner Leitung und FÜhrung durch die zeitlichen GÜter so hindurchgehen, daß wir die ewigen nicht verlieren. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Die liturgische Meßfeier des vierten Sonn tags nach Pfingsten.

I. Der Ostergedanke tritt in der heutigen Meßfeier deutlich hervor. Ringsum das weite Meer mit seinen Gefahren und StÜrmen, ringsum Feinde, Unheil, Verderben, N acht. Da fliehen wir zum Herrn: "Der Herr (Christus) ist mein Licht, mein Heil, wen soll ich fÜrchten?" (Introitus). Wir halten zum Herrn. Er hat die Zügel der Weltregierung in Seiner Hand. Er wird machen, daß "der Gang der Welt friedlich fÜr uns verlaufe und wir ungestört, in Freude, Ihm dienen können" (Oratio). Wohl kommen Leiden und Nöten, aber sie sind fÜr denjenigen, der sich an Christus hingegeben hat, nicht zu vergleichen mit der Herrlichkeit, die einmal an uns offenbar werden soll (Epistel). Wie die gesamte Schöpfung sich nach der Befreiung von der Knechtschaft der SÜnde und des SÜndenfluches sehnt, so harren auch wir des Augenblickes, in welchem die Kindschaft Gottes sich zu ihrer vollen Herrlichkeit entfalten soll: in dem Eintritt in die ewige Seligkeit und in der einstigen Auferstehung des Fleisches. Die ErfÜllung dieser Sehnsucht kann aber nur vom Herrn kommen_ Zu Ihm mÜssen wir stehen.

In eben diesen Wochen feiern wir das Fest der heiligen Apostel Petrus und Paulus. Darum finden wir den Herrn heute im Schifflein, das dem Petrus gehört (Evangelium), in der auf Petrus gegründeten Kirche. Wir drängen uns um Ihn, um Sein Wort zu hören, das Er vom Schifflein Seiner Kirche aus an die Welt ergehen läßt. Wir sind jene Fischlein, welche sich da, wo es anfing Tag zu werden (d. i. in der heiligen Taufe, Ostern), in die Netze der heiligen Kirche drängten und dort das Heil suchten und .fanden. Im Schifflein der heiligen Kirche sind ßall!'. "'erde Licht. IlL 6

82 Die Zeit nach Pfingsten: Fünfte Woche.

wir gerettet. Daß wir nur dem Heil, das uns in der heiligen Taufe und in der Kirche geworden. treu bleiben! Um diese Gnade flehen wir im Opferungs-

lied. •

2. Wir machen den Opfergang. Wir treten auf Christi Seite, wie dereinst am Tage, da wir die heilige Taufe empfingen. Im heiligen Opfer, da, wir heute mitfeiern, treten wir in engste Opfergemeinschaft mit Christus und machen uns zu ein e 1 Hostie mit ihm. Wir wählen den Weg Christi, den Weg des Kreuzes, der Entsagung, des Verzichtes, der Absage an die Sünde und an die Welt mit ihren Lockungen, Reizen und GenÜssen. Wir wissen, daß die Leiden und die Absage an SÜnde und Fleisch und Welt nicht zu vergleichen sind mit der Herrlichkeit der Gotteskinder, zu welcher wir auf dem Weg der Entsagung und des Kreuzes geboren werden sollen. So legen wir heute ausdrÜcklich und nachdrÜcklich selbst unsern "rebellischen", opferscheuen, vor Leiden und Entsagung, vor Gottes Willen und Gebot zurückschreckenden Willen, unser letztes Stück Ich auf die Patene: eine ?;rÜndliche, ganze Erneuerung unseres: "Ich widersage" , das wir in der heiligen Taufe gesprochen (Stillgebet). Durch die Teilnahme am Leiden und Sterben Christi, das wir im Opfer der heiligen Messe begehen und innerlich mitmachen. treten wir zugleich ein in die Herrlichkeit des neuen Lebens, des Lebens des Gotteskindes, von dem die Epistel spricht. Die M itfeier der heiligen M esse bedeutet nicht bloß Teilnahme am Leiden und Sterben, sondern auch Teilnahme an der Auferstehung Christi. Opfernd, uns selbst mitopfernd mit Christus, werden wir, ähnlich wie es der Substanz des Brotes und Weines ergeht, in Christi Geist und Leben umgebildet. Das in der helligen Taufe in uns begrÜndete übernatÜrliche Leben wird im heiligen Opfer vertieft, verinnerlicht, gesteigert und erweitert. Der Geist und die Art des Sohnes Gottes steigt auf unsere Seele nieder, ver-

Sonntag: Bei Petrus.

~3

klärt und vergöttlicht sie und drängt mit unwiderstehlicher Macht auf die endgÜltige Herrlichkeit und Erlösung des Geistes und des Körpers hin:

Dies alles aber wirkt der Herr im Schifflein Petri,

d. h. in Seiner heiligen Kir c h e, in der Er in Petrus und des seIl Nachfolgern sichtbar erscheint und lehrt. Er wirkt es an denen, welche mit den Fischlein des heutigen Evangeliums freudig sich zu den Netzen drängen, welche Petrus in der Kraft und im Auftrag Christi ausgeworfen hat. Nur wo Christus ist, ist Licht und Heil und Erlösung, im Schifflein Petri, in der heiligen Kirche. Ihr ist das Opfer anvertraut, aus dem uns alles Heil und alle Gnade fließt. Selig also der Tag, der uns in der heiligen Taufe zu Christus gefÜhrt und uns zu Gliedern der Kirche Christi gemacht hat! "Der Herr ist in der heiligen Kirche und im heiligen Opfer, mein Fels, mein Hort, mein Heil" (Kommunionlied).

Vierter Sonntag nach Pfingsten.

Bei Pet r u s.

1. Am Ufer des Sees Genesareth liegen zwei Schifflein. Die Fischer sind ausgestiegen und waschen die Netze. Da steigt J esus in das eine der beiden Schifflein. Es gehört dem Simon Petrus. Petrus ist bei Ihm im Schifflein. Er stößt das Boot etwas vom Lande ab. Am Ufer steht das Volk. J esus redet zu ihm vom Schifflein aus. Nachdem Er zum Volk geredet, wirkt Er das Wunder des reichen Fischfanges. Petrus und seine Gehilfen tun, wie Jesus ihnen sagt, und fangen eine so große Menge Fische, daß das Netz zerreißen will. Dann bestellt Er den Petrus zum Menschenfischer: "Von nun an wirst du M enschen fangen."

2. "S i e f i n g e 11 ein e sog roß e M eng e Fis c h e, daß ihr Netz zerriß. " Eine ull?;eahnte Beute! Der Liturgie eill Gleichnis und Bild. Die 6*

84 Die Zeit nach Pfingsten: Fünfte Woche.

Fischlein die Petrus auf Geheiß des Herrn gefangen ~ind wir die Gläubigen. "Wir Fischlein lVerde~ im Wass~r (der heiligen Taufe) geboren" (Tertullian). Durch Petrus, durch die auf Petrus gegründete Kirche, sind wir in der heiligen Taufe aus dem Meer der Welt, der Sünde, des Verderbens herausgezogen, zu Christus gebracht und so gerettet worden. Immer wieder ergeht an Petrus der Auftrag des Herrn: "Wirf das Netz aus." In d~r VerkÜndigung des Wortes Gottes. In der FeIer des heiligen Opfers. In der Spendung der heiligen Sakramente. Wie oft möchte Petrus, die Kirche, der Priester dem Herrn klagen: "Herr, siehe, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen." Aber der Herr drängt weiter: "Wirf das Netz aus." "FÜrchte dich nicht!" Und Petrus, die Kirche, das katholische Priestertum, das so viele Ruinen und Mißerfolge erlebt, nimmt die Arbeit neu auf. "In verba autem tuo - Auf Dein Geheiß hin" - im blinden Glauben an Sein unsichtbares, geheimnisvolles Gnadenwirken, im demÜtigen Gehorsam gegen Sein Wort, auch wo, menschlich gesehen, jede Aussicht auf Beute und Erfolg geschwunden ist. Petrus, die Kirche, das Priestertum bietet sein ganzes Können auf: aber es erwartet den Erfolg nicht vom eigenen Tun, sondern ganz von Seiner Gnade. "Auf Dein Wort hin." Es hat oft den Anschein, als wollte der Herr alles Wirken und Schaffen Se,iner Kirche, Seiner Priester zuschanden machen, in einem gewissen Sinn vernichten. Er demÜtigt, um zu erhöhen. Am Morgen der Ewigkeit wird sie "die große Menge der Fische" sehen und die Kraft des Herrn bewundern, die in ihrer Schwachheit sich so mächtig und fruchtbar erwiesen hat. "Auf Sein Wort hin", in Seiner Kraft, hat sie durch die Jahrhunderte der Menschheit, allen Hemmnissen, Schwierigkeiten und scheinbaren Mißerfolgen zum Trotz, ihren Auftrag ausgefÜhrt: "Von nun an wirst du M enschcn fischen."

Sonntag: Bei Petms.

"D a s V 0 I k d r ä n g t e s ich an J e s u s her a 11, um das Wort Gottes zu hören" (Evangelium). Jesus steigt in das Schifflein und lehrt das Volk vom Schifflein aus, das dem Simon Petrus gehört. J esus und Petrus gehören zusammen! Das Volk, das sich um Jesus drängt, um Sein Wort zu hören, sind wir. Er redet zu uns aus dem Schifflein Petri. Wollen wir Sein Wort unverfälscht, in seiner ganzen Wahrheit und Fruchtbarkeit vernehmen, dann haben wir zum Schifflein Petri, zur Kirche zu kommen. Sie ist unfehlbar die "Säule und StÜtze der ·Wahrheit" (I Tim. 3,15). Sie trägt in sich den Heiligen Geist. Er ist ihr gegeben, damit Er sie "alle Wahrheit" lehre (Joh. r6, 13). Hinter Petrus und Seinen Nachfolgern und Gehilfen steht der H~rr selber. Von Petrus, von der Kirche, dem Papste, den Bischöfen und Priestern werden wir nicht betrogen. Der Herr ist mit ihnen. Er redet durch sie zu uns. "Wer euch hört, hört Mich" (Luk. IO, 16). Wir dÜrfen getrost ins Netz gehen, das Petrus und seine Helfer auswerfen. In diesem Netz gelangen wir zum Herrn und haben wir "die Wahrheit, den Weg und das Leben" (Joh. 14, 6). Das Leben der Gnade und der Kindschaft Gottes mit dem Anrecht auf das Erbe im Himmel. Hier, bei Petrus, in der Gemeinschaft der Kirche, dÜrfen wir jubeln: "Der Herr ist mein Licht und mein Heil, wen soll ich fÜrchten? Der Herr ist der BeschÜtzer meines Lebens. Vor wem soll ich zittern? Die Feinde, die mich rings bedrängen, stürzen kraftlos zu Boden" (Introitus). Hier empfangen wir die heiligen Geheimnisse, das Sakrament der Taufe und der Eucharistie. Durch sie werden wir von der Schuld unserer SÜnde gereinigt (Postcommunio) und erhalten wir das Wachstum in der Gnade und im Mitbesitz des göttlichen Lebens. Hier ist "der Herr mein Fels, mein Hort und mein Befreier, mein Erlöser, mein Gott, mein Helfer" (Communio).

3· Ein Tag des innigsten Dankes an den Herrn,

86 Die Zeit nach Pfingsten: Fünfte Woche.

der uns durch Petrus, durch die Kirche und ihr Priestertum dem Verderben entrissen hat, dem dle Menschheit durch die SÜnde Adams verfallen war.

Ein Tag des Dankes an Petrus und das Priestertum der Ki rche, das an uns den Auftrag des Herrn vollzogen hat: "Von nun an wirst du Menschen fangen."

Ein Tag der erneuten, vertrauensvollen Hingabe an Petrus und die mit ihm verbundene Kirche: bei Petrus haben wir die vVahrheit, die Verzeihung der SÜnde, die Gnade, die Erlösung. "Ich glaube an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche." "Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich Meine Kirche bauen" (Matth. 16, 16). "Wer euch hört, hört Mich. Und wer euch verachtet, verachtet Mich" (Luk. IO, r6).

Gebet.

Wir bitten Dich, 0 Herr, gib, daß der Lauf der Welt unter Deinem Walten eine friedliche Entwicklung fÜr uns nehme und Deine Kirche Dir in Ruhe freudig diene. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Montag der fünften Woche nach Pfingsten.

Uns e reH 0 f f nun g.

1. In frÜheren Zeiten wurde der Sonntag dieser Woche der zweite Sonntag vor dem Feste Peter und Paul genannt. Er trägt zum Teil den Charakter der Vorbereitung auf das nahe AposteIfest. Das Evangelium berichtet von Petrus, rlem reichen Fischfang, der Bestellung des Apostels zum "Menschenfischer", der heroischen Tat des Petrus, Jakobus und Johannes:

"Sie zogen ihre Schiffe ans Land, verließen alles und folgten J esu nach."

2. "W i r h a r ren der Voll end u n g der Kin d s c haft Gott es, der Erlösung unseres Leibes" (Epistel). Was ist der Christ? Er ist ein Mensch, der wartet. Auf was? "Auf die Herrlich-

Montag: Unsere Hoffnung.

keit, die an uns offenbar werden wird." Wir haben al1en Grund, mit dIeser Herrlichkeit zu rechnen. "Denn auch das Sehnen der Schöpfung, der vernunftlosen Natur ist ja ein Harren auf diese Offenbarung der Kinder Gottes. Die Schbpfung ist der Vergänglichkeit, dem Tode unterworfen. Doch gab Gott der Schöpfung die Hoffnung, daß auch sie ell1st von der Knechtschaft des Verderbens befreit und zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes gelangen werde. Aber nicht al1ein sie, auch wir, die wir die Erstlingsgabe des Geistes (in der Gnade der Gotteskindschaft) bereits besItzen, seufzen in unserem Innern und harren der Vollendung der Kindschaft entgegen, der Erlösung des Leibes", in der Auferstehung von den Toten und in der Aufnahme 111 die Wonnen des ewigen Besitzes und Genusses Gottes (Epistel). Der Schwerpunkt unseres Sinnens und Trachtens als Christen liegt im Jenseits. Wir sind des seligen Jenseits sicher und halten es bereits heute , fest in der Hoffnullg. In dieser Hoffnung auf das ewige Ostern liegt die Quel1e unseres ganzen GlÜckes, unserer steten heiligen Freude, unseres christlichen Optimismus. Unser GlÜck hat darin seinen Ursprung, daß der vielgeliebte Sohn Gottes Mensch geworden ist. Diesen Menschen Christus liebt Gott als Seinen Sohn. Wir sind eins mit dem Sohne Gottes, Ihm eingegliedert, mit Ihm Kinder des Vaters. Darum dehnt der Vater die Liebe, die Er zu Seinem Sohne trägt, auf uns aus. Die Liebe, mit der Er uns liebt, ist die Liebe, die Er zu Seinem Sohne hat, auf uns Übergreifend und Über uns ausgegossen. Diese Liebe des Vaters zu uns gibt uns die Sicherheit und Seligkeit unserer Hoffnung. Der Vater trennt uns nicht von Seinem Sohn.. Wo der Sohn ist, da werden auch wir sein, die wir mit Ihm und in Ihm Kinder Gottes sind. So sicher für den Herrn der Tag der Herrlichkeit des ewigen Lebens im Himmel gekommen ist, ebenso sicher wird der Tag der Herrlichkeit an Seele und Leib fÜr uns kommen, das ewige

88 Die Zeit nach Pfingsten: Fünfte Woche.

Ostern. Wir harren dessen, was kommen wird, der Überschwenglichen Herrlichkeit, die an uns, den Kindern Gottes, offenbar werden wird. Wir heben Geist und Herz zu dieser Herrlichkeit empor und "halten dafÜr, daß die Leiden dieser Zeit nicht zu vergleichen sind mit der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden wird", wenn wir nach diesem Leben zur Erbschaft zugelassen werden. "Sind wir Kinder, dann auch Erben: Erben Gottes und Miterben mit Christus" (Röm. 8, 17). In dieser Hoffnung gehen wir an den irdischen GenÜssen und Lockungen vorbei, dem Ewigen, dem wahren und vollen GlÜck entgegen. Gott sehen, Gott besitzen, Gott genießen'

"In Christus Jesus, unserem Herrn."

Auf Ihm, auf unserer Gemeinschaft mit Ihm, grÜndet die Sicherheit und Seligkeit unserer Hoffnung. In Ihm hat sie Bestand. Je mehr wir Ihm lebendig verbunden sind, im Glauben, im Vertrauen, in der Liebe, in dem Mitleben Seines Lebens und im Mitbesitz Seines Geistes, um so sicherer dÜrfen wir auf die Offenbarung der Herrlichkeit der Kindschaft Gottes an uns rechnen. Christus J esus aber finden wir "im Schifflein, das dem Simon Petrus gehört", in der auf Petrus gegrÜndeten Kirche. Dem Petrus gibt der Herr den Auftrag: "Fahr hinaus in die See und wirf die Netze aus!" Im Gehorsam gegen den Herrn, auf Sein Wort hin, wirft Petrus die Netze aus und fängt eine so große Menge Fische, daß er darÜber erschrickt. "Herr, geh weg von mir, ich bin ein sÜndiger Mensch." Der Herr aber antwortet ihm: "FÜrchte dich nicht, von nun an wirst du Menschen fangen" (Evangelium). Das ist des hl. Petrus, seiner N achfolgcr und Stellvertreter Beruf: sie sollen Menschen fangen. Im Auftrage Jesu, in der Kraft Jesu. Menschen .fangen, um sie zu Jesus zu fÜhren, damit sie in Christus J esus der Kindschaft Gottes teilhaft wÜrden. "Wenn aber Kinder, dann auch Erben Gottes und Miterben Christi" (Röm. 8, 17). Freudig

Montag. Unsere Hoffnung.

bei ahen wir die Aufgabe und die Autorität des hl. Petrus und seiner Nachfolger, des katholischen Priestertums. Wir sehen in Petrus, seinen N achfolgern, Gehilfen und Stellvertretern nicht "den sÜndigen Menschen". Auch nicht den bloß natÜrlichen Menschen, der "die ganze Nacht hindurch arbeitet und nichts fängt". Wir sehen in ihnen die Autorität und die Person des Herrn, der sie beruft und bestellt, daß sie ins weite Meer der Welt hinausgehen und Menschen fischen. Die Kirche hat das Recht, die Menschen fÜr Christus und das ewige Leben zu erobern. Sie hat das Recht, ja die Pflicht, Über die Geister und Herzen der Menschen zu befehlen. Und wir alle haben die Pflicht, uns von Petrus, von dem katholischen Priestertum fischen und fangen zu lassen. "M ir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie und lehret sie alles halten, was Ich euch befohlen habe" (Matth. 28, 19). "Wer euch hört, hört Mich. Wer euch verachtet, verachtet Mich. Wer aber Mich verachtet, der verachtet den, der M ich gesandt hat" (Luk. IO, 16). Der Weg zu Christus, zur Kindschaft Gottes, zur ewigen Erlösung führt Über Petrus und die Kirche.

3. "Du, Vater, hast sie Mir anvertraut" (Joh. 17,6). Nicht bloß als Kampf- und Leidensgenossen. Auch nicht bloß als BrÜder, sondern als Glieder Meines Leibes. Darum will Ich, daß wo Ich bin, 'auch sie bei Mir seien, damit sie Meine Herrlichkeit schauen, die Du Mir gegeben hast" (Joh. 17,24)· Sie schauen und am eigenen Leibe erfahren, m itbesitzen, mitgenießen. "Du hast sie Mir gegeben", groß genug, daß ich sie ihnen allen mitteilen kann

"Ich werde in ihnen sein" (Joh. 17, 23). Deshalb muß die Liebe, mit der Du, Vater, Mich liebst, sich auch auf sie erstrecken. Und deshalb muß auch die Freude und Glorie, die Du Mir gegeben hast, auf sie Übergehen und ihr Besitz werden, damit "Meine

90 Die Zeit nach Pfingsten' Fünfte Woche,

Freude vollkommen die ihre werde" (Joh. I7, I3). Dieser Offenbarung der Herrlichkeit unserer Gotteskindschaft sehnen wir uns entgegen. Sie wird uns gegeben in Christus und in Seiner Kirche!

"Möge Gott die Augen eures Herzens erleuchten, damit ih r einsehet. zu welcher Hoffnung ihr berufen seid, wie reich und herrlich Sein Erbe fÜr die Heiligen (Getauften) und wie Überwältigend groß Seine Macht ist, die Er an uns Gläubigen gezeigt hat" (Eph. I, 18 f.).

Gebet.

Wir bitten Dich, 0 Herr, gib, daß der Lauf der Welt unter Deinem Walten eine friedliche Entwicklung für uns nehme und Deine Kirche Dir in Ruhe freudig diene. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Dienstag der fünften Woche nach Pfingsten.

Woher unser Mißerfolg?

1. Pfingsten hat uns mannbar, stark gemacht fÜr das christliche Leben. "Fahr hinaus und wirf die Netze zum Fange aus." Wir haben es versucht, j eden Tag neu die Arbeit aufgenommen und uns abgemÜht. Und was haben wir in Wahrheit erreicht? Wo ist unser Fortschritt? Was können wir aufweisen? SÜnden, Verkehrtheiten, Untreuen, Unvollkommenheiten. Im Petrus des Evangeliums erkennen wir uns selbst. Wir kommen zum Herrn:

"Herr, wir haben die ganze Nacht gearbeitet, aber nichts gefangen."

2. ,;W i r hab end i e ga n zeN ach t ge a rb e itet, aber nichts gefangen." Warum kommen wir, trotz der vielen Gnaden, Übungen, Abtötungen, Gebete, Betrachtungen, Gewissenserforschungen, heiligen Beichten und Kommunionen nicht recht voran? Wo fehlt es? Wir arbeiten "in der Nacht", ohne das helle, klare Licht eines leben-

Dienstag: Woher unser Mißerfolg? 91

digen, das ganze Denken, Urteilen, vVollen, Tun und Lassen tragenden und bestimmenden Glaubensgeistes. vVir leben mechanisch, routinenhaft, ohne eine bestimmte ÜbernatÜrliche Meinung. Wir tun, was wir tun, aus vorwiegend natÜrlichen BeweggrÜnden, vielfach aus Eigenliebe, Stolz, Selbstsucht, Eitelkeit und gewinnen mit unserem Tun und Wollen so viel wie nichts. Wir arbeiten ferner, wie Petrus in jener Nacht es tat, ohne Jesus. Was uns zu unserem Tun und Lassen bestimmt, ist nicht der Geist J esu, Sein Beispiel, der Blick auf Ihn, auf Sein Wirken in uns, die Liebe zu Ihm. Wir arbeiten, beten, leiden und opfern nicht im klaren Bewußtsein unserer organischen Verbundenheit mi t Ihm, dem Weinstock. Was wunder,. wenn es kein rechtes Wachstum und Gedeihen geben will? "Ohne Mich, getrennt, isoliert von Mir, vermöget ih~ nichts" (Joh. 15, 5). "Wie der Rebzweig, wenn er nicht am Weinstock bleibt, aus sich selbst keine Frucht bringen kann, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in Mir bleibt" (Joh. 15, 4). Endlich arbeiten wir, wie Petrus es tat, aus eigener Initiative, aus dem Antrieb des eigenen Willens. Wir bestimmen selbst, was wir tun und wie wir es tun oder nicht tun wollen: wir handeln aus unserem eigenen Willen heraus und nach unserem Gutdünken und Willen. Deshalb die Unfruchtbarkeit. Erst wenn der Herr uns Seine Weisung gibt, wo, wann, wie wir die Netze auswerfen sollen, und wenn wir freudig auf Seine Weisung eingehen und mit Petrus sprechen:

"Auf Dein Wort hin werfe ich das Netz aus" erst dann hat unser Tun Erfolg. Es fehlt uns am Geist und Blick des Glaubens, am lebendigen Bewußtsein unserer Christus verbundenheit, am restlosen Eingehen auf den Willen und am vollkommenen Aufgehen unseres Wollens im Wollen des Herrn. Daher die Tatsache: "Herr, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen."

"A b e rau f Dei n Wo r t hin wer f e ich das

92 Die Zeit nach Pfingsten: Fünfte Woche.

N e t z wie cl e rau s." "Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fÜrchten 0 Der Herr ist der BeschÜtzer meines Lebens, vor wem soll ich bangen?" (Introitus.) Soll ich mich entmutigen lassen, wenn ich an mein eigenes· Unvermögen, an meine Schwachheit, an mein so vielfaches Versagen denke? Die Antwort gibt uns die heutige Liturgie. J esus ist da, bei uns. Im Wort des Evangeliums hören wir Ihn: "Fahre hinaus in die See und wirf deine Netze aus." Wir sehen Sein wunderbares Eingreifen. Kaum haben wir mit Petrus, gehorsam dem Worte des Herrn und auf Seinen Antrieb hin, die Netze gelegt, siehe da: "Sie fingen eine große Menge Fische, so daß ihr Netz zerriß." Er ist bei uns im Opfer der heiligen Messe. Er kommt, unsere Schwäche zu heilen, unserem Unvermögen aufzuhelfen, unserem Beten und Bitten die volle Kraft zu verleihen. Er tritt, unsere Opfergabe geworden, an unserer Statt vor den Vater und erfleht fÜr uns das Licht und die Kraft, standhaft den Weg der christlichen Heiligung und Vollendung weiterzugehen. Er kommt zu uns und ist uns nahe in der heiligen Kommunion. Da hebt Er uns in Sein eigenes Leben hinein. Wir wissen uns christuserfÜllt, eins mit Ihm, dem lebendigen Weinstock, hinaufgehoben in die Welt der göttlichen Gnade. Der Wassertrapfen im Kelch ist in den Wein aufgenommen. Ein Kelch des Heiles. Was sollen wir uns also fÜrchten? Jeden Morgen kommt Er mit neuer Liebe, mit neuer Hingabe an uns, mit neuen Gnaden, im Opfer der heiligen Messe, in der heiligen Kommunion. Jeden Augenblick dÜrfen wir, sei es im Geiste, sei es auch dem Körper nach, zu. Seinem heiligen Tabernakel kommen und uns an der Sonne der heiligsten Eucharistie wärmen und mit neuem Leben erfÜllen lassen. Wir schauen nicht so sehr auf unser Unvermögen, als vielmehr und zuerst auf Seine Nähe, auf Sein Leben und Seine Kraft in uns. "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reb-

Mittwoch: Innerlichkeit.

93

zweige. Wer in Mir bleibt und in wem Ich bleibe, der bringt viele Frucht" (Joh. 15, 5). Er lebt in uns, Er streitet und ringt in uns und durch uns. Er siegt in uns und durch uns. "Ich kann alles in dem, der mich stärkt" ('Phi!. 4, 13). "Der Herr ist mein Fels, mein Hort und mein Befreier, mein Gott, mein Helfer!" (Communio.)

3. "Auf Dein Wort hin!" Sooft wir uns auf uns selber stÜtzen und aus uns selber tätig sein wollen, versagen wir und ernten wir Mißerfolg. Wir trennen uns ja vom lebenspendenden Weinstock, von demj enigen, ohne den wir nichts vermögen. Darin liegt das Maß und Geheimnis jeder Schwäche und jeden Versagens : Wer sich auf sich selber stÜtzt, fällt. Darum bleibt uns nur der eine Weg: daß wir uns auf Christus, auf Seine Gnade stÜtzen, auf die Kraft, die Er, der Weinstock, uns, den Zweigen, einströmt. "Auf Dein Wort hin!" "Wer in Mir bleibt und in wem Ich bleibe, der bringt viele Frucht. Getrennt von Mir könnt ihr nichts" (Joh. 15, 5).

Petrus macht den Mißerfolg zum Gewinn. Er bleibt beim Mißerfolg nicht stehen. Er sieht den Fehler ein, den er gemacht: er hat es aus sich selber, allein machen wollen. Er kommt zum Herrn. In Demut bekennt er seinen Fehler. Er erhebt sich zum Vertrauen. "Auf Dein Wort hin." Er erzielt einen ungeahnten Erfolg.

Ge be t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, laß Dich versöhnen und dränge unsern Willen, ob er sich auch sträube, in Gnaden zu Dir hin. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Mittwoch der fünften Woche nach Pfingsten.

I n n e r I ich k e i t.

1. "Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen" (Evangelium). Ein langes,

94 Die Zeit nach Pfingsten: FÜnfte Woche.

mÜhevolles Schaffen. Aber in der Nacht, ohne Jesus. ohne die vVeisung des Herrn, unabhängig von dem Willen und von den Absichten Jesu. Wie kann es

Erfolg haben? .

2. "D i e ga n zeN ach t ge a rb e i te tun d nichts gefangen." Es ist, als hörten wir unsere heutige Zeit zum Meister sprechen: "Wir haben die ganze Nacht gearbeitet." Arbeit ist heute die Losung. In den Kreisen der natÜrlich-irdischen Berufe. Ein Hasten und Laufen bei Tag und Nacht. Arbeit ist die Losung ebenso in den Kreisen derer, welche der Frömmigkeit leben. Wir martern uns ab und seufzen unter selbstgemachten Lasten, die keiner tragen kann (Matth. 23, 4). Wir säen tausend gute Werke und ernten wenig. Wir kleiden uns in eine gewaltige, schwere RÜstung von Übungen und Vorschriften, und werden ni.cht warm. Wir verschlingen jede neue Erfindung der Frömmigkeit und werden nicht satt. Und wenn wir meinen, etwas erreicht zu haben, dann ist es gerade, als hätten wir alles in einen durchlöcherten Sack gesteckt. Wir sehen uns nach neuen Methoden, nach neuen Andachten und Heiligen um. Wir buchen, rechnen, kontrollieren und merken, daß es nicht richtig geht. Arbeit ist die Losung endlich auch in den Kreisen derer, die dem Heil der Seelen, der "caritas", dem Apostolat, der Katholischen Aktion leben. In fieberhafter Aufregung arbeiten sie auf den BÜros und an der Schreibmaschine. Es werden neue Unternehmungen und neue Organisationen gegrÜndet. Es werden neue Mitglieder und neue Arbeitskräfte gesucht. Es werden eine Unmenge von BÜchern und Zeitschriften gedruckt und versandt. Es werden große Reden ge~ halten und Kongresse veranstaltet. Alles ist glänzend organisiert - und der Erfolg all dieser arbeitsamen Frömmigkeit? All dieser "caritas", Werke, Unternehmungen? Der Erfolg unseres lauten Apostolats, unserer sozialen und religiösen Geschäftigkeit und Tätigkeit? MÜssen wir nicht allzu oft mit

Mittw0ch: Innerlichkeit.

95

Petrus zum Meister kommen und bekennen: "Die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen"?

"Aber auf Dein Wort hin." Jetzt wirft Petrus auf Jesu Wort hin das Netz aus. Nicht mehr nach eigenem Willen und GutdÜnken, sondern auf Jesu Geheiß und Weisung hin, abhängig vom Willen des Herrn. Und er hat vollen Erfolg! Das ist das Geheimnis des fruchtbaren, gottgesegneten Arbeitens und Wirkens: Erst innerlich die Werke ordnen, die man äußerlich zu tun hat (Nachfolge Christi I, 3, 3). "Suchet zuerst das Reich Gottes und Seine Gerechtigkeit (d. i. die Pflege des innerlichen Lebens), dann wird euch alles andere dazugegeben werden" (Luk. 12, 31). Die Last äußerlicher Werke und Leistungen, das immer noch Mehr an Geschäften und Unternehmungen sichern den Erfolg nicht. Die Menge der frommen Übungen macht nicht heilig. Was unserem Wirken den Erfolg sichert, ist die Kraft, die aus der Innerlichkeit, aus dem Streben nach der Vereinigung mit Gott und nach wahrer Heiligkeit fließt. Aus dem Geiste, aus dem Innern muß sich das Leben in die äußern Werke ergießen, wie der Saft in die Zweige und BlÜten. Zuerst die stillen innern Tugenden: der lebendige Glaube, die demÜtige Unterwerfung unter Gott und Seinen \Villen, die Selbstverleugnung, die Pflege des Gebetes, die heilige Gottes- und Christusliebe. Wir haben unsere Welt, unsern Wirkungskreis zuerst in unserem eigenen Innern. Da gibt es so viel zu tun, nicht so sehr mit uns selbst als vielmehr mit dem Heiligen Geiste, der in uns wohnt; mit Gott, der in uns wirkt und lebt, zu uns redet, uns drängt und leitet. Erst wenn in dem Leben der Innerlichkeit, der Loslösung vom eigenen Geist und Wollen, die verkehrten Leidenschaften Überwunden und der Gei,t Gottes und Christi, das göttliche Leben in uns zur Herrschaft gelangt ist, sind wir imstande, ohne Eigenliebe und Selbstsucht, ohne verkehrte Absichten und Ziele, ganz und wahrhaft um Gottes willen,

96 Die Zeit nach Pfingsten: Fünfte Woche.

aus dem Beweggrund der reinen Liebe, zu wirken. Dann ist unser Wirken gesegnet und fruchtbar. Denn erst das innere Leben macht uns wahrhaft opferwillig, geduldig, starkmÜtig, ausdauernd, großherzig, pflichttreu. Es gibt uns die Kraft, uns zu Überwinden, unsere Pflicht mit mehr innerer Bereitschaft, mit mehr Sammlung und Ruhe, mit voller Abhängigkeit vom Willen Gottes, mit innerer und äußerer Vollkommenheit zu tun. Es gibt uns den Mut und die Kraft, zu leiden, ruhig und gelassen um Gottes und Christi willen alles Harte und Bittere anzunehmen, richtig zu tragen und zu benÜtzen. Aus der Innerlichkeit heraus ist uns der Segen Gottes und die Fruchtbarkeit unseres Arbeitens gesichert.

3· "Der Herr ist meine Leuchte und mein Heil, wen soll ich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Hort, vor wem soll ich da zittern? Die mich bedrängen, mÜssen kraftlos niedersinken" (Introitus). Das ist die Sprache des Menschen der Innerlichkeit. Er sieht in allen Dingen und Vorkommnissen Gott, er meint in allem Gott, er stÜtzt sich nicht auf sich' und sein Tun, sondern ganz und in allem auf Gott, auf den Herrn und Seine gnadenvolle, helfende Nähe. "Auf Dein Wort hin."

"Mach hell mein Auge, sonst sinke ich in Todesschlaf" (Offertorium). Gib uns ein ganzes Verständnis fÜr das Leben der Innerlichkeit, der wahren Frömmigkeit, die in allem Gatt sieht, meint und liebt, und zwar um Gottes willen. Das ist die Bitte, die wir heute auf die Patene legen. "Dränge unsern Willen zu Dir hin" (Stillgebet), daß er in allen Pflichten und Werken Dir lebe, Dich suche, Deinen heiligen Willen, Deine Verherrlichung. Nimm mich mir und gib mich Dir."

In uns will der Herr Sein Leben weiterleben, der Weinstock in den Zweigen. Er kommt in der heiligen Kommunion in unsere Seele, uns noch wirksamer als bisher mit Seinem Geist und Leben zu

98 Die Zeit nach Pfingsten: Fünfte Woche.

Alten gesagt wurde: Du sollst nicht töten; wer tötet, soll dem Gerichte verfallen sein. Ich aber sage euch, wer immer seinem Bruder (auch nur) zÜrnt, soll dem Gerichte verfallen sein" (Matth. 5, 21 ff.). Im Alten Bunde "wurde gesagt: Du sollst ni.cht ehebrechen. Ich aber sage euch: Jeder, der ein Weib ansieht, um sie zu br.gehren, hat in seinem Herzen bereits Ehebruch mit ihr begangen" (Matth. 5, 27 f.). Er gibt Antwort auf die Frage: Wie gewinnen wir das Himmelreich? Welches ist der allein wahre Lebensinhalt ? Selig, die dem Geiste, der Gesinnung nach Armen, die Sanften, die Trauernden, die nach der Gerechtigkeit Hungernden, die Barmherzigen (Matth. 5, 3 ff.). Den wahren Lebensinhalt gibt die Welt nicht. Das wahre Lebensgut ist nicht das Genießen, es ist nicht der Besitz, der uns durch Gewalt oder Betrug gegen unsern Willen genommen werden kann. Der wahre Lebensinhalt ist ein geistiges Ringen und Wirken aus der Kraft eines gottbezogenen, gottzugewandten Strebens. Ein tatkräftiges Ringen in Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Reinheit, inmitten einer Welt der Ungerechtigkeit, des. Egoismus, der Unreinheit und Gottabgewandtheit. "Sammelt euch nicht Schätze auf Erden. Sammelt euch Schätze im Himmel" (Matth. 6, 19). "Tretet ein durch die enge Pforte! Weit ist die Pforte und breit der Weg, der ins Verderben fÜhrt, und viele betreten ihn. Wie eng ist die Pforte. und wie schmal der Weg, der zum Leben fÜhrt, und nur wenige finden ihn" (Matth. 7, 13). In diesem Tone und Sinne predigt Er vom Schifflein Petri aus dem Volk, das am Ufer steht und mit gespannter Aufmerksamkeit seinem Worte lauscht. Es sind Worte des Lebens.

Je s u sie h r tun s. Täglich kommt Er in der heiligen Wandlung und steigt gleichsam neu in das Schifflein Petri, der heiligen Kirche. "Siehe, Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt" (Matth. 28,20). Er, unser Herr und Heiland, steht

Donnerstag' Jesus unser Lehrer. 99

hinter Petrus, hinter dem kirchlichen Priestertum und Lehramt. Der Mensch, der Papst, die Bischöfe und Priester sind nur Vi erkzeuge, Organe. Durch sie spricht, lehrt, befiehlt und wirkt Christus, der Herr, die untrügliche, göttliche Wahrheit. Das Priestertum, das Amt in der Kirche, ist wesentlich ein Dienst, der im Namen und Auftrag des Herrn allein vollzogen wird. Es hat seine Kraft und Bedeutung ausschließlich von ·der Autorität Christi her. Nicht der Mensch und seine Persönlichkeit predigt und tauft und regiert in der Kirche, sondern allein Christus, der Herr. In der Kirche, die auf Petrus gebaut ist, besteht ·nur ein e Autorität zurecht, nur ein Lehrer, Christus, der Herr. "Wer euch hört, hört Mich. Wer euch verachtet, verachtet Mich" (Luk. IO, '16) .. "Nur ein e r ist euer Lehrer, Christus" (Matth. 23, 10). Wenn der katholische Priester das V/ort Gottes verkÜndet, so predigt nicht der Mensch, den wir vor uns sehen, der bloße Mensch, sondern Christus selbst. Die Predigt des Bischofs, des berÜhmtesten, zÜndendsten Kanzelredners hat fÜr das gläubige Bewußtsein nicht mehr Gewicht als das Wort des einfachsten Pfarrers oder Kaplans. Denn nicht Petrus. nicht Paulus, nicht Pius predigt, sondern Christus, der Herr, im Schifflein Petri. Darum kennt die Kirche in ihrer Lehre keinen Ausgleich mit dem Zeitgeist. Ihre Lehre ist ausschließI ich an J esus orientiert. Er aber ist die unwandelbare göttliche Wahrheit. "Christus ist gestern und heute, Christus in Ewigkeit" (Hebr. 13, 8). Das ist unsere Beruhigung und Zuversicht: Wir hören Christi Wort und Predigt. Er predigt, Er lehrt uns vom Schifflein Petri aus.

3. "Wer euch hört, hört Mich." Warum hat es die Welt seit den Tagen der Apostel gerade auf das Priestertum der Kirche abgesehen? Im Priestertum haßt und verfolgt sie Christus. Er ist gemeint, wenn es gegen den Priester geht. Mit Petrus steht das Priestertum fÜr Christus ein: "Gott hat Ihn zu

7*

100 Die Zeit nach Pfingsten: Fünfte Woche.

Seiner Rechten zum Herrscher und Heiland erhö Und wir sind Zeugen dieser Tatsachen wie at: der Heilige Geist, den Gott denen verliehen hat, I Ihm gehorchen." "Bei diesen Worten gerieten je in Wut und waren entschlossen, sie zu töten!' (AI 5, 29 ff.).

Um so treuer stehen wir, "das Volk", zu Christ in Seinen Priestern. Wir lassen uns durch Mens( lichkeiten und selbst durch die sittlichen Mänl und Lücken, die wir an der Person des Priest( entdecken, nicht irre machen. Wir wissen, sie t rühren nicht den in den Priestern wirkenden, le ren den Herrn. "Wer euch hört, hört Mich", au da, wo das andere Wort des Heilandes g-eIten mu "Alles, was sie. euch sagen, das tut; was sie ab tun, das tut nicht" (Matth. 23, 3).

Auch ein Petrus konnte schwach werden. U gerade auf ihn hat der Herr Seine Kirche gebal Durch den Fall war Petrus dem Herrn um so näh gekommen. "Simon, liebst du Mich? Liebst I Mich mehr als diese?" "Herr, Du weißt alles. I weißt auch, daß ich Dich liebe" (Joh. 21, 15 ff.).

Ge b e t.

Allmächtiger, ewiger Gott, Dein Geist heiligt UI durchherrscht den ganzen Leib der Kirche. So e höre unser Flehen für alle geistlichen Stände, al daß Dir mit dem Beistand Deiner Gnade von all< Rangstufen treu gedient werde. Durch Christi unsern Herrn. Amen.

Freitag der fünften Woche nach Pfingsten.

Das 0 f f e n bar wer den uns e r erG 0 t t e s. kin d s c h a f t.

r. Im Pfingstgeheimnis haben wir die Geistestaul erhalten, um das Leben der Gnade, das wir in Kra der heiligen Taufe leben, treu zu bewahren und il Alltag zur Reife zu bringen. Ein Hauptmittel daz

100 Die Zeit nach Pfingsten: Fünfte Woche.

Seiner Rechten zum Herrscher und Heiland erhöht. Und wir sind Zeugen dieser Tatsachen wie auch der Heilige Geist, den Gott denen verliehen hat, die Ihm gehorchen." "Bei diesen Worten gerieten jene in Wut und waren entschlossen, sie zu töten" (Apg. 5, 29 ff.).

Um so treuer stehen wir, "das Volk", zu Christus in Seinen Priestern. Wir lassen uns durch Menschlichkeiten und selbst durch die sittlichen Mängel und Lücken, die wir an der Person des Priesters entdecken, nicht irre machen. Wir wissen, sie berÜhren nicht den in den Priestern wirkenden, lehrenden Herrn. "Wer euch hört, hört Mich", auch da, wo das andere Wort des Heilandes g-eIten muß:

"Alles, was sie. euch sagen, das tut; was sie aber tun, das tut nicht" (Matth. 23, 3).

Auch ein Petrus konnte schwach werden. Und gerade auf ihn hat der Herr Seine Kirche gebaut. Durch den Fall war Petrus dem Herrn um so näher gekommen. "Simon, liebst du Mich? Liebst du M ich mehr als diese?" "Herr, Du weißt alles. Du weißt auch, daß ich Dich liebe" (Joh. 21, 15 ff.).

Gebet.

Allmächtiger, ewiger Gott, Dein Geist heiligt und durchherrscht den ganzen Leib der Kirche. So erhöre unser Flehen fÜr alle geistlichen Stände, auf daß Dir mit dem Beistand Deiner Gnade von allen Rangstufen treu gedient werde. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Freitag der fünften Woche nach Pfingsten.

Das 0 f f e n bar wer den uns e r erG 0 t t e skin d s c h a f t.

r. Im Pfingstgeheimnis haben wir die Geistestaufe erhalten, um das Leben der Gnade, das wir in Kraft der heiligen Taufe leben, treu zu bewahren und im Alltag zur Reife zu bringen. Ein Hauptmittel dazu

Freitag. Unsere Gotteskindschaft. 101

bietet uns die Liturgie der Wochen nach Pfingsten. Sie will, daß wir den Herrn, Seine einstige Wiederkunft, mit glühender Sehnsucht erwarten. An jenem Tage, da der Herr wiederkommt, wird die Herrlichkeit der Gnade und Gotteskindschaft an uns offenbar werden. Auf dieses Offenbarwerden der Herrlichkeit des christlichen Lebens, Entsagens und Leidens weist uns die Epistel hin. Der Christ lebt in der Hoffnung auf die Wiederkunft des Herrn.

2. "W i r se u f zen in uns e rem In n ern und harr e n auf die (V 0 I I end u n g der) Kindschaft Gottes" (Epistel). "Denn erst der Hoffnung nach sind wir gerettet" (Röm. 8, 24). Aber unsere Hoffnung ist untrÜglich. Die Gotteskindschaft ist uns Unterpfand der einstigen Herrlichkeit. Vier Zeugen garantieren uns dafür, daß unsere Hoffnung in Erfüllung gehen wird. Erstens die körperliche Schöpfung. infolge unserer Sünde der Vergänglichkeit unterworfen, trägt in sich die Hoffnung, daß sie dereinst von der gegenwärtigen Verderbnis erlöst und zur Teilnahme an der Herrlichkeit der Kinder Gottes gelangen wird. Deshalb seufzt sie und liegt sie in Geburtswehen, eine neue Schöpfung, einen neuen Himmel und eine neue Erde zu gebären. Zweitens der Heilige Geist, der in unser'e Herzen ausgegossen ist. Er "kommt unserer Schwachheit zu Hilfe. Er betet in uns mit unaussprechlichen Seufzern" und legt uns die rechten Bitten auf die Lippen. Er ist in uns und bezeugt damit unsere einstige Herrlichkeit. In der heiligmachenden Gnade nämlich, in den Gnaden der heiligen Sakramente, die wir empfangen, in den täglichen Erleuchtungen und Anregungen, die Er in uns wirkt, besitzen wir "die ErstlInge des Geistes". Sie künden die nahe Ernte an: das Leben der Gnade reift aus zum Leben der Glorie. Der dntte Zeuge ist der Vater. Er hat uns die dereinstige Verklärung ausdrücklich versprochen. "Alles gereicht denen, die Gott lieben, zum Heil. Denn die Er vorher-

102 Die Zeit nach Pfingsten' FÜnfte Woche.

erkannt hat, die hat Er auch vorherbestimmt, dem Bilde Seines Sohnes gleichförmig zu werden. Die Er vorherbestimmt hat, die hat Er auch berufen; und die Er berufen hat, die rechtfertigt Er. Und die Er gerechtfertigt hat, die verherrlicht Er" (Röm. 8, 28 ff.). Der vierte Zeuge ist "Christus Jesus, der gestorben und auferstanden ist, der zur Rechten des Vaters sitZt und für uns Fürsprache einlegt", und uns so Seine starke, in Treue bewährte Liebe bekundet. ,,'vVer wird uns von dieser Liebe Christi (d. i. die Christus zu uns hat) trennen können?" (Röm. 8, 34 ff.). Nichts, als nur wir allein. Christi Liebe zu uns gibt unserer Hoffnung die festeste Stütze. Nichts "kann uns scheiden von der Liehe Gottes, die da ist in Christus Jesus, unserem Herrn" (Röm. 8, 39). Der Vater selbst liebt uns, die wir in' Christus Jesus sind. Zweige am Weinstock. Uns ist also das Anrecht auf die ewige Herrlichkeit gegeben. Wir sind Kinder Gottes. Wenn aber Kinder, dann auch ErbeIl. Erben Gottes, Miterben Christi! Noch ist die künftige Herrlichkeit nicht offenbar. Aber wir haben die untrügliche Hoffnung auf das Offenbarwerden unserer Gotteskindschaft. Und wir schauen sehnsÜchtig nach dem Tage aus, an dem der Herr kommt, uns auch dem Leibe nach in das Gewand der himmlischen Herrlichkeit zu kleiden. "Sursum corda! - Hinaus, empor über das Gegen-' wärtige, Zeitliche!" Wir sind für das Ewige gemacht, fÜr das Leben der ewigen Herrlichkeit im Mitbesitz der Herrlichkeit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!

"Nur müssen wir mit Ihm leiden, um mit Ihm auch verherrlicht zu werden." So sehen wir sie, die streitende Kirche. "Haben sie Mich verfolgt, so werden sie auch euch (die Kirche, die einzelnen Glieder der Kirche) verfolgen" (Joh. 15, 20). J esus lebt in uns Sein Leben weiter. Sein Erdenleben war Leiden, Ver demütigung, Verleumd\1ng, Ungerechtigkeit von aUen Seiten. Sie ruhen

Freitag: Unsere Gotteskindschaft. 103

nicht, Ihn zu verfolgen und zu schmähen, bis sie Ihn ans Kreuz geschlagen. Er stirbt und wird begraben. Am dritten Tage legt Er in Seiner Auferstehung das Gewand der Glorie an. Dieses Sein Leben wiederholt und lebt Er in Seiner Kirche weiter, in uns, den Gliedern Seines mystischen Leibes. Je tiefer wir Ihm eingegliedert werden, um so mehr werden wir in Sein Leiden mithineingezogen. "Nur müssen wir mit Ihm leiden, um mit Ihm verherrlicht zu werden." Wir leiden im Bewußtsein. daß "die augenblickl iche, leichte Bedrängnis uns eine überschwengliche, ewige, alles aufwiegende Herrlichkeit verschafft. Nur müssen wir unsern Blick nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare richten" (2 Kor. 4, 17), auf die Herrlichkeit, die an uns offenbar werden wird. Sie ist nichts Geringeres als der Mitbesitz der Herrlichkeit, der Reichtümer, der Seligkeit Gottes und des im Himmel verklärten Herrn. Darum leiden wir gern und starkmütig, im Glauben an die Herrlichkeit, die uns gegeben werden wird, die wir mit Christus den Weg des Kreuzes, der Armut, der Entsagung, Verdemütigung, Zurücksetzung gehen dürfen. Er kommt dereinst wieder, uns mit Seiner Herrlichkeit zu erfüllen. Die Wiederkunft des Herrn ist uns Licht und Stütze.

3. In der Kraft des Heiligen Geistes, der in uns wohnt, folgen wir dem Ruf des Herrn: "Duc in altum - Fahr hinaus in die See", in die Stürme und Wogen, Kämpfe und Sorgen des Lebens. Wir sind nicht allein. "Der Herr ist mein Licht und mein Heil, wen sollte ich fürchten?" Wir "halten dafür, daß die Leiden dieser Zeit nicht zu vergleichen sind mit der Herrlichkeit, "die an uns offenhar werden wird". Wir wissen: "Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Herrschaften, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges wird uns von der Liebe Gottes scheiden können." "Gott ist die Liebe" (1 )oh. 4, 8). Seine Liebe zu ups ist göttlich groß

104 . Die Zeit nach Pfingsten: Fünfte Woche.

und treu. Er ist mit uns. So wagen wir die Fahrt. Der Vater ist am Steuer!

"Wir seufzen in unserem Innern und harren der Vollendung der Gotteskindschaft, der Erlösung und Verklärung unseres Leibes entgegen." Das ist· die Haltung der Liturgie der Zeit nach Pfingsten. Die Kirche harrt der Ankunft des Bräutigams und der himmlischen Vermählung entgegen. Wir schließen uns der Kirche an und heben unsern Blick, über alles Zeitliche hinaus, zum Herrn empor, voll des Verlangens nach Seiner Wiederkunft, nach der Herrlichkeit der Verklärung der Seele und des Leibes. "Ich erwarte die Auferstehung von den Toten und das ewige Leben" (Credo der Messe).

Ein Unterpfand dieser letzten Ankunft des Herrn und des Offenbarwerdens der Herrlichkeit unserer Gotteskindschaft ist uns die tägliche Ankunft des Herrn in der Feier der heiligen Messe. Er kommt mit der FÜlle Seiner Herrlichkeit: sie ist unserem Auge aber noch verhüllt. In der heiligen Kommunion senkt Er Sein verklärtes Wesen täglich neu und tiefer in unsere Seele ein. Wir warten mit Geduld und heiligem Sehnen auf den Tag der großen, ewigen Kommunion, auf die Gemeinschaft und den Mitbesitz Seiner unverhüllten Herrlichkeit. "Der Herr ist mein Fels, mein Hort und mein Befreier, 1I1~in Gott, mein Helfer" (Communio).

Ge b e t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, nimm unsere Opfergaben an. Laß Dich versöhnen. ZW1I1ge alI unser Wollen, auch das aufrührerische, in Deiner Güte zu Dir hin. Amen.

Samstag der fünften Woche nach Pfingsten.

Die Lei den die s erZ e i t.

1. Die gegenwärtige Woche ist Vorbereitung auf das Fest des hl. Petrus. Wir sehen ihn in seinem

Samstag' Die Leiden dieser Zeit. 105

mühevollen apostolischen Wirken, und insbesondere in seinem glorreichen Martyrertod in Rom. Aber aus seinem leidensvollen Selbstopfer für Christus den Herrn ist ihm die Herrlichkeit des Himmels erwachsen. "Die Leiden dieser Zeit sind nicht zu vergleichen mit der Herrlichkeit, die an uns offenbar

wird" (Epistel).

2. "D i e Lei den die s erZ e i t." Wir fühlen

es der Liturgie der fÜnften Woche nach Pfingsten an: die Kirche ist bedrängt. Sie ist "von Feinden umringt" (Introitus); "der Lauf der Welt" (Oratio) ist unruhig, unsicher und erschwert die Arbeit der Kirche. Sie müht sich ab, wirft ihre Netze nach Seelen aus, sie geht in so vielen Missionaren, Priestern, Laienaposteln, Anstalten, Unternehmungen seit Jahrhunderten den Seelen nach, sie zu retten und zu heiligen, und sie hat, menschlich gesprochen, Mißerfolg auf Mißerfolg, ähnlich wie der Petrus des Evangeli.ums mit se1l1er nächtlichen Arbeit. "Die ganze N acht gearbeitet und nichts gefangen." In ihrem eigenen Schoß so viele Argernisse. Apostaten. Unh:eue, Verräter, Unwürdige und Unheilige ! Die Leiden der Kirche in dieser Weltzeit. Die Kirchengeschichte weiß davon zu berichten. Und die Leiden der einzelnen Glieder der Kirche! Wie viele körperliche Leiden jedes einzelnen von der Wiege bis zum Grab, Tag für Tag, vielfach ohne Unterbrechung, und nur Leiden. Und gerade die Besten! Je näher sie zu Gott kommen, um so mehr werden sie im F euer der Leiden geläutert. Je mehr sie Gott leben. um so mehr werden sie von der Welt, von der Umgebung mißverstanden. verachtet, hinausgestoßen, angefeindet. "Weil Ich euch von der Welt auserwählt habe, darum haßt sie euch" (Joh. 15, 19)· Ja selbst diej enigen, die einem 'nahe stehen, auf ö,ie man bisher mit Recht etwas gehalten und auf die man gebaut hat, und die es von ihrem Standpunkt aus gut und ehrlich meinen, werden an einem irre, verlassen und verstoßen einen. Tief einschneidende

106 Die Zeit nach Pfingsten: Fünfte Woche.

Leiden! Gott selbst scheint sich sogar auf die Sei-t der Feinde zu stellen: Er läßt es zu, daß gerade di, j enigen, die ehrlich ringen, und die ohnehin vo allen Seiten mit Mißtrauen beobachtet werden, g' wisse Menschlichkeiten und Unvollkommenheite zur Schau tragen, Unklugheiten und Fehler begehe und sich Blößen geben, so daß die andern in ihrel ungünstigen Urteil über sie bestärkt und die wen gen, die noch zu ihnen hielten, an ihnen irre werdeI Dazu jener furchtbare Zustand, in welchem all, Böse mit zehnfacher Kraft in der Seele wieder aul lebt und alles Gute erstorben zu sein scheint. All Kraft ist wie geschwunden: der Geist ist stumI zum Gebete; die Einbildungskraft mit den häßlicl sten Bildern angefüllt; das Gedächtnis so leer, als hätt man nie etwas von Gott vernommen; der Wille träg, ohne Leben, das Herz aller Andacht bar. Zu diesel Leiden gesellt sich eine Art Gottverlassenheit, laut( Seelenleiden, dIe jede Ahnung dessen übersteigel der sie nicht mitmachen durfte. So muß es seil Wir sind auf das Mitleiden und Mitsterben m Christus getauft. Warum? Weil wir auch mit Chr stus auferstehen sollen!

"D i e k ü n f t i geH e r r I ich k e i t, die an ur offenbar wird." Ihr gegenüber sind die Leiden d( gegenwärtigen Lebens eigentlich nichts, belanglo Vor uns steht Petrus, der Apostel. Er hat währen der Jahre seines Erdenlebens nichts Schönes gehab Erst ein rauhes, armes Fischerleben. Dann die kUi zen Jahre des Umgangs mit J esus, des Aposte schönste Jahre. Dann ein mühevolles Missionslebe in Jerusalem, Antiochien, Rom, in vielen Entbel rungen, B itterkeiten, Enttäuschungen, Verfolgungel Anfeindungen, Verdemütigungen. Schließlich wir er unter Kaiser N ero gekreuzigt. Ganz so, wie ( ihm der Herr vorausgesagt hatte: "In deinen junge Jahren gürtetest du dich selbst und gingest, wohi du wolltest. Wenn du aber alt geworden sein wirs dann wirst du (am Kreuze) deine Arme ausbreite]

Samstag: Die Leiden dieser Zeit. 107

und ein anderer wird dich gürten und dahin führen, wo du nicht willst" (ans Kreuz) (Joh. 2I, 18). Heute triumphiert er in der Herrlichkeit des ewigen Lebens. Die Zeit der Leiden ist vorbei. Was ihm Verlust war, ist ihm reichster Gewinn geworden. Durch das Kreuz und Leiden hat er die Krone der unvergänglichen Herrlichkeit verdient. Er steht vor uns und ermutigt uns: "Die Leiden dieser Zeit sind nicht zu vergleichen mit der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden wird." So glaubt, so vertraut die Kirche. So glauben und vertrauen auch wir.

3· In der heiligen Kommunion zieht uns der Herr in Sein Leben hinein. Wie Er uns in der Stunde der heiligen Taufe gefragt, so fragt Er uns in jeder heiligen Kommunion wieder: "Könnt ihr den Kelch trinken, den Ich getrunken habe?" Wir vertrauen auf Seine Kraft in uns und sind bereit, "Seinen Kelch zu trinken" (Matth. 20, 22 f.). "Die Leiden dieser Zeit sind nicht zu vergleichen mit der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden wird." "Dieses Verwesliche muß mit Unverweslichkeit, dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit bekleidet werden" (I Kor. 15,53).

Wir sind in der heiligen Taufe mit Christus mitgekreuzigt. Täglich machen wir uns in der Mitfeier der heiligen Messe zu ein e r Opfergabe mit dem sich opfernden Herrn. Täglich wird uns Seine Kraft neu eingeströmt, in der heiligen Kommunion, in so vielen Gnaden des Beistandes. Täglich wird uns die Gelegenheit, das Kreuz zu umarmen. Aber wir haben es noch nicht gelernt, uns "im Kreuze Christi zu rühmen" (Gal. 6, 14), uns der Leiden, der Teilnahme am Kelche, den der Herr getrunken, zu freuen, das Kreuz zu lieben, wie der Herr es geliebt hat. Das Kreuz hat in uns "seine Kraft verloren" (I Kor. I, 17): in unsern Gedanken, in unsern Herzen, in unserem Leben. Ja sogar in unserem Glauben. Und doch liegt im Kreuze die Kraft und Fruchtbarkeit der Kirche, der religiösen Gemeinschaften,

lOS Die Zeit nach Pfingstp.n: Fünfte Woche.

des Innenlebens des einzelnen. "Im Kreuz ist das Heil."

Ge b e t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, gib, daß der Lauf der Welt unter Deinem Walten fÜr uns eine friedliche Entwicklung nehme und Deine Kirche Dir in Ruhe freudig diene. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Die liturgische Meßfeier des fünften Sonn tags nach Pfingsten.

1. Der Geist Christi, der sich zu Pfingsten über die Kirche ergossen hat, ist der Geist der Liebe und drängt zur Liebe. Soviel als Gottes- und Nächstenliebe in der Kirche und in der Einzelseele vorhanden ist, soweit ist Gottes und Christi Geist in ihr zur Herrschaft gelangt, und soweit ist das Samenkorn der heiligen Taufe aufgegangen. Deshalb bemÜht sich die heutige MeßIiturgie darum, uns mit dem Eifer für den Geist d«r Liebe zu Gott und zum Nächsten zu erfüllen. Die Liebe öffnet den Zugang zu den himmlischen GÜtern, die jedes Verlangen übersteigen; sie löst die Seele von ihrer Erdverhaftung und Ichverfangenheit und gibt ihr Flügel zum Streben nach oben, nach jenem Ziele, für welches wir in der heiligen Taufe (Ostern) neugeboren wurden.

2. So ziehen wir im Eingang der heiligen Messe in die heiligen Hallen des Gotteshauses, den Blick auf den Herrn gerichtet. Er ist unser Licht und unser Heil. Flehend erheben wir die Hände und bitten: "Gieße unsern Herzen~den Geist Deiner Liebe· ein" (Oratio), jener Gottesliebe, die mit der Nächstenliebe, wie sie die Epistel schildert, untrennbar verbunden ist. Diese Nächstenliebe ist mitleidig. brüderlich, barmherzig, vergilt nicht Böses mit Bösem, sie kennt vielmehr nur Segen, auch wenn sie um der Gerechtigkeit willen leiden muß. Zur vollkommenen übung dieser starkmÜtigen Liebe bedarf es einer mächtigen Gnade. Darum erneuert sich im Graduale unser Flehen: "Schau her, 0 Gott, erhöre Deiner Knec~te Flehruf." Das Alleluj a ist der Gewährung der Bitte um die Gnade des Geistes der Liebe sicher:

"In Deiner Kraft. 0 Herr. freut sich der KÖnig (der

110 Die Zeit nach Pfingsten: Sechste Woche.

Getaufte) und frohlockt laut über Deine Gnadenhilfe." Auch das Evangelium verkündet die Botschaft der christlichen Liebe. Insbesondere wendet es sich an jene, die heute die heilige Messe mitzufeiern im Begriffe stehen. "Wenn du deine Opfergabe. zum Altar bringst und dich daselbst erinnerst, daß dein Bruder etwas wider dich hat, so laß deine Gabe dort vor dem Altar zurück, gehe zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder. Dann komme und opfere deine Gabe." Eine tiefernste Botschaft zur Feier der heiligen Messe. So viel hält Gott auf die Liebe!

3. In dieser Erkenntnis machen wir den Opfergang. Wir flehen, der Herr möge uns die Kraft geben, de'r gewonneIlen Einsicht wirksam Folge zu leisten. In den sichtbaren Opferelementen von Brot und Wein tragen wir unsern Willen und die Bereitschaft zur wahren christlichen Liebe zum Altar. Vor unsern Augen steht in greifbarer Nähe und Wirklichkeit der Berg Kalvaria, Christus hängt verblutend am Kreuz, und wir hören sein Wort der Liebe:

"Vater, verzeihe ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." Was Epistel und Evangelium uns zur Aufgabe gemacht, ist in der heiligen Wandlung Wirklichkeit geworden. Wir sehen eine Liebe, die Böses mit Gutem vergilt, die Schmähungen mit Segen beantwortet, die für den grausamsten Feind und Verfolger nur die Antwort der Verzeihung- kennt. Im heiligen Opfer nehmen wir dies Herz der Liebe als unsere Opfergabe in die Hand und tragen es vor Gott als Danksagung für die unendliche Liebe und Gnade, die uns seit dem Tage der heiligen Taufe geworden; als Sühne für unsere Verletzungen der christlichen Liebe; als Bittopfer, daß unsere Herzen im heiligen Opfer eins werden mit dem Herzen und Geist des sich opfernden Heilandes und aus Seinem Herzen den Geist der Liebe schöpfen. Im heiligen Opfer vergessen wir wie Christus alle Beleidigungen, die man uns angetan, und beten mit und aus dem Herzen des sich opfernden Erlösers: "Vater, ver-

Sonntag: Christliche Eintracht. I I I

zeihe ihnen." Unsere Gebete, unsere Aufopferungen, unsere Gnaden und Verdienste gehören allen. Zu ein e m Herzen und zu ein e r Seele zusammengeschmolzen beten wir: "Vater uns e r. Uns er t ä g I ich e s B rot gib uns heu t e. Vergib uns, wie auch wir vergeben, erlöse uns vom Übel." Den Höhepunkt der christlichen Liebe ersteigen wir im Empfang der heiligen Kommunion: ein e Nahrung, ein Geist, ein Gedanke, ein Ziel, ein Interesse! .. E i n Brot, ein Leib sind wir alle, die wir von dem ein e n Brote nehmen" (I Kor. IO, 17). Da ist Christus "unser Friede" (Eph. 2, 14). Er durchdringt uns mit Seinem Geist, dem Geist der heilig-en Liebe. Hier, am Tische des Herrn,·im "Hause des Herrn" (Kommunionlied), im heiligen Opfer und Opfermahl ist die Pflanzstätte und Hochschule der christlichen Liebe. Hier wird unser Herz im heiligen Opfer in einer segensreichen heiligen Wandlung umgeschaffen, neu geschaffen und stark gemacht zum Eifer der Übernatürlichen, christI ichen Liebe! Nun giIt es, was das heilige Opfer uns gegeben hat, in den Alltag hineinzutragen und im Leben zu betätigen.

Fünfter Sonntag nach Pfingsten.

Christliche Eintracht.

J. Wir begehen heute den Sonntag nach dem Feste Peter und Paul. Peter und Paul war in früheren Zeiten nach dem Osterfeste einer der g-rößten und heiligsten Feiertage des Jahres. Anläßlich dieses Festes fanden sich in Rom nebst vielen Pilgern alle Bischöfe des sog. römischen Patriarchates ein, um mit dem Papst zusammen das Hochfest zu begehen und das allj ährliche römische ,Konzil abzuhalten. Ein Fest der einträchtigen Liebe der um den Vater vereinigten Gottesfamilie, am Grabe des Apostelfürsten.

2. "S eid all e ein m ü t i g i m G e b e t." Der

I 12 Die Zeit nach Pfingsten: Sechste Woche.

Apostelfürst predigt der um sein Grab versammelten Gemeinde die Liebe. "Seid alle einmütig im Gebet, mitleidig, barmherzig, bescheiden, demütig. Vergeltet nicht Böses mit Bösem, nicht Schmähung mit Schmähung. Vielmehr segnet einander (wünschet, erflehet einander Gottes Gnade); denn dazu seid ih r berufen, den Segen, die von Christus gespendete Segensfülle, zu erben." Das ist der Herzenswunsch des Apostels und der heiligen Kirche: daß wir eins seien. Es ist der Herzenswunsch des Heilandes selber. Er fleht im hohenpriesterlichen Gebet zum Vater, "daß sie alle eins seien, wie Du, Vater, in Mir bist und Ich in Dir bin. So sollen auch sie in uns eins sein, damit- die Welt glaube, daß Du M ich gesandt hast" (Joh. 17, 21). Eins im Glauben, eins in der Liebe, eins im Gebet. Eins, ein H erz und ein e Seele insbesondere, wann wir an der Opferfeier der heiligen Messe teilnehmen. Wir beten nicht isoliert, jeder für sich."Nicht: mein Gott, erhöre mich, sondern Vater unser, unser tägliches Brot gib uns heute. Lasset uns beten. Gieße unsern Herzen Deine Liebe ein. Unser Beten muß ein Beten mit der Gemeinschaft sein, zuerst für die Interessen der Gemeinschaft, nach ihren Absichten und Meinungen, für ihre Anliegen, Nöte und Bedürfnisse: praktisch ein Beten mit der Kirche, mit der heiligen Liturgie. Nie befolgen wir die Mahnung des hl. Petrus vollkommener, als wenn wir uns eng an die Liturgie anschließend das eigene Ich hinter das Wir zurückstellen und ihm unterordnen. Tun wir es? Freilich. um im Gebete einmÜtig zu sein, ist es notwendig daß wir im täglichen Leben daran arbeiten, ei r Herz und ein e Seele zu sein. "Mitleidig, brüder· lieh, barmherzig, bescheiden, demütig." Dazu bedarJ es reicher Gnade und des Geistes der Liebe, die siel: selbst vergißt, die um Christi willen alles duldet alles gut auslegt, alles verzeiht, allen aufrichti~ wohlwill und alle segnet. Wie man betet, so leb man. Wie man lebt, so betet man.

Sonntag: Christliche Eintracht. I 13

"H alt e t nur C h r ist u s he i I i gin eu ren Her zen." In Rom herrscht N ero, der grausame WÜterich. Er dürstet nach Blut, nach dem Blut der Christen. Er beschuldigt sie, als hätten sie die Stadt Rom in Brand gesteckt. Er nennt sie Feinde und Hasser der Menschheit, der Kultur, des Staates. Er läßt sie in grausamster Weise morden und weidet sich an ihren Todesqualen. Aber, so tröstet Petrus seine Christengemeinde: "Wer kann euch schaden, wenn ihr im Guten eifrig seid? Wenn ihr aber um der Gerechtigkeit, um des christlichen Wandels wil. len leiden müßt, dann selig ihr! Fürchtet ihre Drohungen nicht und laßt euch nicht irre machen. Haltet nur Christus, den Herrn, heilig in euren Herzen": schaut auf Jesus, glaubet an Ihn! Auch Ihm legten sie die schlimmsten Verbrechen zur Last. Er schwieg, Er unterwarf sich in Demut und Geduld dem Unrecht, dem Todesurteil., Er drohte nicht, Er fluchte Seinen Feinden nicht, vielmehr erflehte Er ihnen vom Vater Gnade und Verzeihung: "Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun" (Luk. 23,34). Heiligt Christus in euern Herzen: glaubt an Ihn, folgt Seinem Beispiel, so wird die Verfolgung euch nichts schaden können. Am Tage der Ewigkeit werdet ihr, wie ihr mit Christus Unrecht erlitten habt, so mit Ihm verherrlicht sein. Immer wird es solche geben, welche Christus in Seiner Kirche, in seinen Gliedern verleumden und verfolgen. Wenn wir nur im Guten eifrig sind, wenn wir nur gerecht und heilig sind, uns nichts zu schulden kom- _ men lassen, ein reines Gewissen haben, an Christus glauben, treu zu Seiner Lehre stehen und Seinem Beispiele folgen! Das genügt! "Der Herr ist meine Leuchte und mein Heil. Wen sollte ich fürchten?" (Introituspsalm ).

3· "Seid alle einmütig im Gebet." "Wenn du deine . Gabe zum Altare bringst und dich daselbst erinnerst, daß dein Bruder etwas gegen dich hat, so laß deine Gabe dort vor dem Altare. gehe zu vor hin und ver-

Baur. Werde Licht IU

8

TI4 Die Zeit nach Pfingsten: Sechste \Voche.

söhne dich mit deinem Bruder: dann komme und opfere deine Gabe" (Evangelium) Wie sollen wir mit Zorn, Abneigung, Groll und Lieblosigkeit im Herzen am Opfer dessen teilnehmen können, der sich in Liebe für uns und für unsere BrÜder .hinopfert? Wie solIen wir mit Ihm mitopfern und mit Ihm ein e heilige Opfergabe an den Vater werden, wenn Neid und Eifersucht und Haß und Geringschätzung unser Inneres beflecken?

"Communicantes. - In der heiligen Gemeimchait stehend." So betont es die Liturgie in der heiligen Messe mit Nachdruck. Wir können nur soweit mitopfern und die Gnaden und Früchte des eucharistischen Opfers entgegennehmen, als wir in dem. Wir aufgegangen sind, kraft der aufrichtigen Liebe zueinander. "Seid mitleidig, brüderlich, barmherzig, bescheiden, demütig. Vergeltet nicht Böses mit Bösem, vielmehr segnet einander." Das ist wie die seelische Verfassung zur fruchtbaren Mitfeier des heiligen Opfers, so auch deren Frucht. Darum flehen wir im "Agnus Dei": "Gib uns den Frieden", die gegenseitige Eintracht, daß wir ein Herz und ein ~ Seeie seien, ohne j eden Schatten von gewollter Abneigung von Haß und Zwietracht. Jetzt dürfen wir die Frucht des heiligen Opfers entgegennehmen, die heil ige Kommunion.

Je mehr, je reiner wir lieben, um so mehr halten wir Christus in unserem Herzen und in unserem Leben heilig und sind wir eine Ausstrahlung Seines Wesens und Geistes.

Ge b e t.

o Gott, Du hast jenen, die Dich lieben, unsichtbare Güter bereitet. So gieße denn unsern Herzen Deine Liebe ein, auf daß wir Dich in allem und über alles lieben und so Deine Verheißungen, die alles Sehnen übertreffen, erlangen. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Montag' Die Liebesgemeinschaft. T T 5

Montag der sechsten Woche nach Pfingsten.

Die Liebesgemeinschaft.

I. Der Menschengeist trennt und isoliert: er ist ein Geist der Selbstsucht, des Stolzes. Gottes Geist eint die Herzen in einem liebenden Verstehen unu aufrichtigen \Vohlwollen. Kaum daß am erstell Pfingsttage der Heilige Geist auf die Apostel und auf die junge Kirche von Jerusalem gekommen ist. lesen wir: "Sie alle waren ein Herz und ein e Seele. Alles hatten sie miteinander gemeinsam" A pg. 4, 32). Gemeinsam verharren sie "im Brotbrechen (Eucharistiefeier ) und im Gebet. Täglich verharrten sie einmütig im Tempel und priesen sie Gott" (Apg. 2, 42). Wo der Geist Gottes, der Geist Christi die Herzen leitet, da fÜhrt Er sie in heiliger, selbstloser Liebe zusammen. Die vom Geiste Christi belebte Kirche ist also notwendigerweise ein "Bund der Liebe" (hi. Ignatius von Antiochien), der Eintracht, die Gemeinschaft der Liebe.

2. Das Vor b i I d der Li e b e s g- e m e i nsc h a f t ist der dreieinige Gott. "Damit sie alle eins seien, wie Du, Vater, in Mir und Ich in Dir eins bin. So sollen auch sie in uns eins sein." Vater, Sohn und Heiliger Geist, die Vielheit (Dreiheit) der Personen, des Selbstandes, in der vollkommenen Einheit der Natur, des ein e n göttI ichen Wesens, Erkennens, Wollens, Liebens, Wirkens, der ein und derselben Macht,Weisheit, Seligkeit, Herrlichkeit, Ewigkeit. So sollen auch sie, die Kinder der Kirche, alle eins sein, wie Du, Vater, in Mir bist und Ich in Dir bin." "Ich habe die Herrlichkeit, die. Du Mir gegeben hast, ihnen gegeben, damit sie eins seien, wie Wir eins sind." Die Herrlichkeit Seiner Gottessohnschaft hat Christus in der Gnade der Gotteskindschaft, d. i. in der heiligmachenden Gnade, UllS mitgeteilt. In der heil igmachenden Gnade besitzen wir das Leben der allerheiligsten DreifaItigkeit mit. Es strahlt sich und wirkt sich in uns. in der Form

8*

I 16 Die Zeit nach Pfingsten: Sechste Woche

der heiligmachenden Gnade aus. Durch sie werden auch wir, die Vielen, ein Wesen, ein Leib" (Röm. 12, 5), ähnlich wie die drei göttlichen Personen der ein e Gott sind, eine erhabenste Gemeinschaft. Deshalb ist die heiligmachende Gnade, die Gotteskindschaft, immer und überall gemeinschaftsbildend, Geist und Herzen einigend und verbindend. Sie drängt zur Gemeinschaft hin und verleiht das Gemeinschaftsbewußtsein und den Willen zum Für- und M iteinander. Sie lehnt die IsolIerung, das sich allein Genügenwollen, das allein Opfern, Beten, Danken, Lobpreisenwollen, das sich allein Retten und Heiligenwollen ab. Die Absicht der Gnade geht dahin, "daß wir eins seien" wie der Vater, der Sohn und der Heil ige Geist. Daran also erkennen wir, wie weit die Gnade in uns wirksam ist, wie weit der Heilige Geist, Christi Geist, in uns die Herrschaft führt, daß wir den Sinn und das Verständnis für die Gemeinschaft haben. Darin, daß wir den innern Drang und das BedÜrfnis haben, in die Gedanken, Empfindungen, Anschauungen, Bestrebungen des Ganzen, der Kirche, der Diözese, der Pfarrei, der Familie, der religiösen Gemeinschaft, der wir angehören, einzugehen, mit Verzicht auf alles Sondertum. Je mehr die Gnade, das göttliche Leben, in uns sich entfaltet, um so mehr werden wir in Christus, in der Gemeinschaft des Leibes Christi, in der Gemeinschaft der Kirche sein und so das Leben des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes mitleben und nachleben.

Der Weg zur L i e b e s g e m ein s c h a f t ist ein dreifacher. Erstens der Weg der harten, beständigen, konsequenten Aszese. Ihn gibt uns die Sonn-

. tags-Epistel an: "Seid mitleidig, brüderlich, barmherzig, bescheiden, demütig. Vergeltet nicht Böses mit Bösem, vielmehr segnet einander." Überlegen wir Wort für Wort. Und prüfen wir uns darauf! Einen zweiten Weg enthüllt uns die Oration. Dieser Weg heißt, um den Geist der Liebesgemeinschaft

Montag: Die Liebesgemeinschaft. I 17

beten. Er ist, wie die Gnade selber, eine Gabe Gottes. Die gefallene Natur ist Stolz, Selbstsucht, Selbstherrl ichkeit. Der christliche GemelI1schaftssinn und Gemeinschaftswille stammt aus Gott, aus den Tiefen der Gemeinschaft der drei g-öttl ichen Personen. Darum läßt uns die Kirche beten; "Gieße unsern Herzen Deine Liebe elI1, auf daß wir Dich lI1 allem und über alles lieben." Echte Gottes- und Christusliebe ist aber zugleich und notwendigerweise wahre Liebe zum Nächsten, zur Gemeinschaft, zum ein Herz und ein e Seele sein. Der dritte \Veg zur Liebesgemeinschaft fÜhrt über das eucharistische Opfer und das Opfermahl der heiligen Kommunion. Wenn wir Christi Opfer mitfeiern und durch SelI1en Opferleib in der heiligen Kommunion mit Ihm eins werden, dann kann es nicht anders sein, als daß wir in die Gemeinschaft der Kirche hineinwachsen. Das heilige Opfer ist ja das Opfer des Ganzen, der Kirche. der GemelI1schaft des Leibes Chnsti und aller Seiner Glieder. Das Opfermahl ist "communio - Gemeinschaft". das "ut omnes unumdaß sie alle eins seien" in dem ein e n Brot, das sie essen. Je aufrichtiger und vollkommener wir im Opfergang der heiligen Messe uns als Opfer hingeben, unser Ich, unsern Stolz, unsern Egoismus hinschlachten, um so reiner wird unser Opfer und das Opfer der Kirche sein. Um so inniger und tiefer wird unsere Eingliederung in Christus, den Weinstock, in die Gemeinschaft der Kirche, der Familie, der religiösen Genossenschaft sein.

3· "Seid alle einmütig!" Das ist das große Anliegen der heiligen Kirche in den Wochen nach Pfingsten. Wie wunderbar hat sich die Herabkunft des Heiligen Geistes lI1 der ersten Christengemeinde erwiesen! "Sie waren alle ein Herz und ein e Seele." Wie sollte sich das jährliche Pfingstfest auch heute in der Kirche, in der christlichen Familie, in den religiösen Vereinen und Häusern auswirken! Wie wenig kann man heute von den Getauften sagen:

118 Die Zeit nach Pfingsten: Sechste Woche.

"e I n Herz und ein e Seele!" Selbst von denen, die der Frömmigkeit leben, die Gebete auf Gebete, Übungen auf Übungen häufen, die täglich das heilige Opfer mitfeiern und die heilige Opferspeise genießen! "Die Früchte des Geistes sind Liebe, Freude, Friede, Geduld, Milde, Güte, Vertrauen, Sanftmut, Bescheidenheit, Keuschheit" (Gal. 5, 22). Wo sind sie bei uns? Bei mir? Wo ist die Frucht des Pfingsttages?

Wir flehen um den Geist der Gemeinschaft für alIe, alle. "Erhör mein Rufen, Herr, mit dem ich zu Dir flehe: Sei Du mein Helfer, verlaß mich nicht, o Gott, mein Heil" (Introitus). "Siehe her, 0 Gott, Du unser Schützer, und schau herab auf Deine Knechte" (Graduale). Vernichte in uns allen den großen Feind der innern Einheit der Glieder Deines Leibes, den Stolz, die Eigenliebe. Gib uns den neuen Geist, den Geist der Selbstlosigkeit, der Demut, der Hingabe an Dich in der Gemeinschaft Deines Leibes, der heiligen Kirche, der Familie.

Ge b e t.

o Gott, Du hast jenen, die Dich lieben, unsichtbare Güter bereitet. So gieße denn unsern Herzen Deine Liebe ein, auf daß wir Dich in allem und über alles lieben und so Deine Verheißungen, die alles Sehnen übertreffen, erlangen. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Dienstag der sechsten Woche nach Pfingsten.

C h r ist u s ver b und e n h e i t.

I. Da wir im Opfergang der heiligen Messe im Geiste unsere Gabe zum Altare tragen, legt uns die Kirche die Worte auf die Lippen: "Beständig habe ich den Herrn vor Augen. Zur Rechten steht Er mir, daß ich nicht wanke."

2. "B es t ä nd i g hab eie h den Her r n vor Au gen." Das ist die Haltung der heilig-en Mutter

Dienstag Chnstusverbunclenheit. 119

Kirche angesichts des vielen Leides und Wehes, das ihr auf dem harten Weg durch die Generationen, Zeiten und Kulturen widerfährt. Wie viel ist sie bedrängt, mißverstanden, gehaßt, von den eigenen Kindern verraten, verlassen, verleugnet! Sie empfindet es tief. Aber sie bleibt ruhig und läßt sich nicht verwirren. "Beständig habe ich den Herrn vor Augen." Hinter allem Leid und Weh, hinter allen Kämpfen, Niederlagen, Verlusten, Mißerfolgen -und Siegen sieht sie den Herrn. Er hat ihr "Einsicht gegeben.". Die Einsicht, daß Er alles in allem wirkt; daß Er alles in der Hand hat, daß Ihm "alle Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden"(Matth.28,I8); daß Er alles zuläßt, ordnet und leitet, zum Wohl und Wachstum Seiner Kirche. Sie vertraut blind auf Seine Weisheit und Macht; sie vertraut auf Seine Liebe zu ihr und zu jeder einzelnen Seele. Hat Er ja für Seine Kirche und für jede Seele Sein Leben hingegeben. Hat Er ja dreiunddreißig Jahre hindurch für Seine Kirche und für jede Seele gebetet, gearbeitet, sich abgemüht. Gibt Er ja täglich an ungezählten Altären im Opfer der heiligen Messe aufs neue Seinen Leih, Sein Blut, Sein Herz dem Vater hin, zum Wohl Seiner Kirche und der Seelen. Und hebt Er ja ununterbrochen im Tabernakel betend, fürbittend, sÜhnend, stellvertretend für Seine Kirche und fÜr die Kinder der Kirche Seine reinen Hände zum H immel empor! "Beständig habe ich den Herrn vor Augen" im Geheimnis Seiner Menschwerdung, Seines Leidens und Sterbens, Seines Lebens beim Vater, da Er "immerfort lebt, um für uns Fürsprache einzulegen" (Hebr. 7, 25); im Geheimnis des eucharistischen Opfers, des steten Verweilens im Tabernakel und des 'vVirkens in den Seelen mittels des Priestertums, des immerwährenden Gebetes der Kirche, der heil igen Sakramente, der innern Erleuchtungen und Antriebe aller Art!

"Z u r Re c h t e n s t e h t E r mir, daß ich nie h t w an k e." So jubelt die Kirche. Sie ist sich

120 Die Zeit nach Pfingsten: Sechste Woche.

der Tatsache lebendig bewußt, daß der Herr, Chri. s-tus, in ihr wohnt und lebt, und sie Seinen mystischen Leib mit Seinem Leben durchströmt und erfÜllt. Sie vertraut: "Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwäItigen" (Matth. 16, 18). "Siehe, Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Zeiten" (Matth. 28,20). "Ich will den Herrn lobpreisen, der mir Einsicht gab" (Offertorium), die glaubensvolle Einsicht in das Geheimnis ihrer Christuserfülltheit und Christusdurchlebtheit. Diese Einsicht g-ibt ihr die Ruhe und sieghafte Zuversicht in den unaufhörlichen Kämpfen, die sie zu bestehen hat. "Zur Rechten steht Er mir, daß ich nicht wanke." So jubelt auch die der heiligen Kirche verbundene Seele. "Ich will den Herrn lobpreisen, der mir Einsicht gab": die Einsicht in das Geheimnis ihrer lebendigen Christusverbundenheit. "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Rebzweige" (Joh. 15, 5). Er ist uns nicht nur die Wahrheit, di~ wir gläubig annehmen. Er ist uns nicht bloß der Weg, das Beispiel und Vorbild, nach dem wir uns formen. Er ist uns vor allem und mehr als alles andere das Leben. Wir dÜrfen, wir sollen das Leben, das ] esus in sich trägt, mitleben, mitbesitzen. Als das Haupt, als aer Weinstock ist Er uns, den Gliedern, den Rebzweigen, nahe. Er trägt, speist und nährt uns mit Seiner Kraft zum Sieg über das Böse und zum Erwerb der Tugend. Er durchlebt uns, um unser Denken zu bestimmen, unsern Willen zu behüten, zu kräftigen, zu leiten, um in ,1I1S und durch uns, die Glieder, zu beten, zu kämpfen, zu arbeiten, zu leiden. "Ich lebe nicht mehr ich, vielmehr lebt Christus in mir" (Gal. 2, 20). "Ich will den Herrn lobpreisen, der mir Einsicht gab: zur Rechten steht Er mir, daß ich nicht wanke" (Offertorium).

3· "Beständig habe ich den Herrn vor Augen."

Nicht bloß und zuerst als Beispiel und Vorbild, als Lehrer der Wahrheit, als den Herrn, der mir befiehlt, als den Allwissenden, vor dessen

Mittwoch: Gott in allem sehen und lieben. 121 Richterstuhl ich mich einst zu verantworten habe, sondern zu allererst und zu allermeist als den mich liebenden, schützenden, leitenden Herrn, der mit Seiner Kraft in mir wirkt, streitet und siegt. Was fÜrchte ich noch die Schwierigkeiten des täglichen Lebens? Was lasse ich den Mut sinken angesichts der eigenen Schwachheit, der Macht der Versuchung, der Leidenschaften, der bösen Gewohnheiten? Ja, wenn wir wirkl ich immer auf den Herrn schauten und auf Seine Kraft, mit der Er in uns wirkt! Unser Leben wäre froher, freudiger, freier, fruchtbarer!

"Beständig habe ich den Herrn vor Augen", um Ihm zu dienen, um mich auf Schritt und Tritt zu weihen, Seinen heiligen \Villen zu erlauschen und zu erfÜllen.

"Beständig habe ich den Herrn vor Augen", um mit allem, was der Tag bringt, sofort zu Ihm zu gehen, Ihm zu danken, vor ihm meine Armseligkeit zu bekennen, Ihn um Kraft und Hilfe zu bitten. Alles, was die Seele beeindruckt und beweg-t, muß in einem Blick auf Ihn, in einem kurzen Gebet zu Ihm, in einem Akt des Dankes, der Liebe, der Bitte, der Hingabe, des Vertrauens, der Reue, der Ahbitte, der Fürbitte seine Auslösung finden. "Er steht mir zur Rechten, auf daß ich nicht wanke."

Ge be t.

o Gott, Du hast jenen, die Dich lieben, unsichtbare GÜter bereitet. So gieße denn unsern Herzen Deine Liebe ein, auf daß wir Dich in allem und über alles lieben und so Deine Verheißungen, die alles Sehnen Übertreffen, erlangen. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Mittwoch der sechsten Woche nach Pfingsten.

G 0 t tin a 11 e m s ehe nun d I i e ben.

1. Mit der heiligen Kirche beten wir, Gott möge in unsere Herzen die Liebe zu sich eingielJen, so daß

122 Die Zeit nach Pfingster.: Sechste \\'oche.

wir Ihn in allem und Über alles lieben. Der Pfingstgeist, den wir erhalten haben, ist ein Geist der Liebe. Um aber Gott in allem zu lieben, müssen wir Ihn zuerst in allen Dingen seher:.

2. Go t tin all e m se he n. Wir haben auf unserem Lebensweg mit Menschen zu tun, die es mit uns zum Teil gut meinen, zum Teil uns weniger gut oder selbst feindlich gesinnt sind. Wir stehen in einer FÜlle von Arbeiten, Pflichten, Beschäftigungen drin. Wir sind den verschiedenen Leiden, Schwächen, Unannehmlichkeiten, Krankheiten, Prüfungen, Versuchungen unterworfen. AllÜberall begeg-nen wir rätselhaften Zulassungen, Fü~ung-en, Schickungen, v ielfach einer unverständlichen Tragik des eigenen oder fremden Lebens. Wir freuen uns der Gesundheit, der Natur, der Kulturwerte, der Gaben des Geistes, des Herzens, des Körpers, des Wohlstandes, der Gaben der Gnade; wir trauern über den Verlust lieber Menschen, der Güter u. dgl. Wir sind es gewohnt, diese Dinge, die alle mehr oder weniger tief in unser Leben eingreifen, mit dem bloß natÜrlichen Auge der Vernunft, besser gesagt, der durch die Selbstsucht getrübten Vernunft zu sehen und zu wer· ten. Wir quälen uns in unsern Gedanken und Phan· tasien mit einem Leiden ab, das uns betroffen odel uns bedroht, mit einer Unannehmlichkeit, die UII! begegnet ist, mit einer Beleidigung, die uns zugefüg wurde, mit einer Arbeit, die uns schwer geworden mit den Verhältnissen, in die wir hineingestellt sind Wir sind ängstlich auf unser Wohlsein bedacht, au die Gesundheit, auf den guten Fortgang des Ge schäftes, auf die guten Beziehungen zu diesen ode jenen Menschen, auf unsere Achtung und GeItuni bei den höheren StelleIl. Wir bleiben bei den Ge nüssen des Lebens, den edlen und weniger edlel stehen und geben uns ihnen hin. Und das gan andere in den Dingen, in den Menschen und Vor kommnissen, sehen wir nicht. Gott, der in allen wirkt: Gottes Zulassung, Anordnullg, FÜgu1lg, Got

Mittwoch: Gott in allem sehen und lieben. 123 tes unendlich weise, liebende, machtvolle Vorsehung, Gottes Nähe, Gottes Hand, Gottes Wirken in den Dingen und durch die Dinge und Menschen. Der erste und entscheidendste Schritt, der Schlüssel zum innerlichen, christlichen Leben besteht darin, daß wir Gott, den ganz Andern, sehen. "Wir sind auf Erden, um Gott zu erkennen." Um Ihn zu sehen in allem, in allen Vorkommnissen, Zufällen, Geschehnissen, Erlebnissen, im kleinen wie im großen, komme es direkt von Gott, komme es zunächst von den Menschen, von den Verhältnissen oder anderswoher. "Nichts geschieht von ungefähr, alles kommt vom Höchsten her." Gott ist die wahre Wirklichkeit der Dinge, Vorgänge und Erscheinungen. Gott in allem sehen! In allem durch die äußere Hülle zur innern Fülle vorzustoßen! Zu Gott, zu Seinem Wirken in den Dingen, zu Seinem Willen, zu Seinen Zulas. sungen, Fügungen und Schickungen, zu Gott, der uns liebt. Dann ist der Weg für die heilige Gottesliebe frei.

Go t tin all e m li e ben. Leben wir nur natürlich-menschlich, nach den Eingebungen unserer gefallenen Natur, dann lieben wir in den Dingen, Menschen, Arbeiten, Leiden nur uns selbst. Wir suchen unsern Genuß, unsere Ehre, unser Interesse, unsere Freude, das, was uns befriedigt. Wir beziehen das gesamte Leben, das uns umgibt, auf uns selbst und stellen uns zu den Menschen und Dingen so oder anders, je nachdem wir dabei auf unsere Rechnung zu kommen hoffen. Das ist unsere große .v erkehrtheit, unsere Selbstsucht, geboren aus einem geheimen, tiefen Stolz. Die Gnade, der Heilige Geist, reißt uns aus dieser unheilvollen Verderbnis heraus. Sie drängt uns, daß wir das ganz andere, Gott, in allem suchen und lieben. Gott in allem lieben bedeutet, uns in allem, was das Leben bringt, an den hei\i'gen, unendlicl\ weisen und gÜtigen Gott anschI ießen, der alles in allem wirkt. Wir unterwerfen uns in Demut unu liebender Hingabe den Zulassungen und

124 Die Zeit nach Pfingsten: Sechste Woche.

FÜgungen Gottes. V/ir sind entschlossen, dem Gebote Gottes, jedem Wunsch und Willen Gottes, so wie Er sich uns in den Dingen, Vorkommnissen, Verhältnissen, Unannehmlichkeiten, Störungen, Verlusten usw. kundgibt, uns vorbehaltlos hinzugeben. W'ir haben das ehrliche Verlangen, nie den eigenen 'vVillen zu tun, den eigenen 'vVÜnschen und Neigungen' Rechnung zu tragen, sondern an erster Stelle und vor allem andern das zu tun und anzunehmen, was Ihm lieb ist, was Ihm wohlgefällt. Wir bej ahen alle unsere Pflichten und alle unsere Leiden und Schwierigkeiten zuerst und entscheidend aus keinem andern Beweggrund, als weil es Ihm so lieb ist, weil Er es uns auferlegt, schickt, gibt und nimmt. So lieben wir Gott in den Dingen, umfassen, bej ahen Seinen heiligen Willen und wollen in Wahrheit in allem Sein göttliches Wollen mit. So leben wir mit allem zugleich vollkommen der Ehre und Verherrlichung Gottes.

3. Gott in den Dingen sehen und lieben! Das will uns der Pfingstgeist leh ren. Er will uns über unser bloß natürlich-menschliches Sehen und Suchen hinausheben, in die \Velt des Geistes, Gottes. Unter dem Wirken dieses Geistes wird die Seele von Blindheit und von ihrer Selbstsucht geheilt. Sie erhebt sich über die Unruhe der Gedanken, Erregungen und Sorgen. Sie kennt nur eines: das Interesse, das Wohlgefallen, die Ehre Gottes. Sie findet den Frieden, die Ruhe, die volle Geborgenheit in Gott. "Komm, Heiliger Geist, erfülle die Herzen Deiner Gläubigen." Lehre sie, in allem Gott sehen und lieben.

Gott in allem sehen und lieben, sich in allem Ihm und Seinem Wohlgefallen hingeben, einigen! So halten wir uns von jeder ungeordneten Hochschätzung und Liebe der Menschen, der Arbeit, der Dinge frei. Eine heilige Freiheit über jede Sklaverei gegenüber den Bedürfnissen, Notwendigkeiten, Freuden, Genüssen und Sorgen des Lebens. Eine heilige Freiheit

Donnerstag: Die Liebe zu Gott. 125

und Gelassenheit gegenüber allen Schwierigkeiten, Leiden, KrankheIten, Verlusten. Eine heilige Entschlossenheit und Tapferkeit gegenÜber den Mühen, Anstrengungen und Opfern, die von uns gefordert werden. Eine heilige Herrschaft über die natürlichen Regungen der Ungeduld, der Sinnlichkeit, des Stolzes, des Ehrgeizes, des Geltenwollens, der Lieblosigkeit. Ein heiliger Umgang mit Gott, ein ununterbrochenes Beten aus einem Herzen voll innerer Freiheit, voll Ruhe und Vereinigung mit Gott und Christus. "Komm, Heiliger Geist, erfülle die Herzen Deiner Gläubigen."

"Selig die reinen Herzens sind: sie werden Gott schauen" (Matth. 5, 8), Gott in allem sehen.

Ge bet.

o Gott, Du hast denen, die Dich lieben, unsichtbare Güter bereitet. So gieße denn unsern Herzen Deine Liebe ein, auf daß wir Dich in allem und über alles lieben und so Deine Verheißungen, die alles Sehnen übertreffen, erlangen. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Donnerstag der sechsten Woche nach Pfingsten.

Die L i e b e zuG 0 t t.

I. Das große Anliegen der vom Heiligen Geiste erfÜllten Kirche Christi bringt die Oration in den Worten zum Ausdruck: "Gieße unsern Herzen Deine Liebe ein." Die Liebe, kraft deren wir "Gott in allem und über alles lieben". Zu dieser Liebe drängt der Geist Christi, der in der Kirche, in den Seelen lebt und wirkt. Wir mac.hen das Anliegen der Gemeinschaft auch zu unserem persönlichen Anliegen und flehen zu Gott, daß Er uns die Gnade gebe, Ihn in Wahrheit übe; alles zu lieben.

2 .• "Daß wir Dich Über alles lieben."

Wir ·streben nach der Liebe. Sie ist unsererseits die einzige Gesinnung, die Gottes würdig ist. Sie hat Er

126 Die Zeit nach Pfingsten: Sechste Woche.

zum großen Gebote gemacht. Sie ist die allei11i Gesinnung, welche unser Herz wahrhaft umwande es auf Gott hinrichtet und von den Geschöpfen lc löst, es erweitert und stark macht, alles für Gc zu tun und zu leiden. vVir lieben. Wir sind er schlossen, eher alles zu opfern und zu verl~eren, a Ihn zu beleidigen oder Ihm zu mißfallen. Wir woll< und wünschen nichts anderes mehr, als was Er w und wie Er will. Über alle irdischen Werte, Vergnüge Reichtümer stellen wir das ein e Glück. Um Ihm lebe Seine Ehre fördern, Ihm gefallen zu können, sin wir bereit, Vater und Mutter zu verlassen, irdisch( Liebe zu entsagen, alles hintanzusetzen, was uns dd Leben Angenehmes zu bieten vermag. Wir spreche mit dem Apostel: "Was mir (als natürlichem Mer sehen) als Gewinn gaIt, das habe ich um Chrisl willen fÜr Schaden erachtet. Ja, ich haIte alles (wa die Erde bieten kann) für Verlust und erachte e für Kehricht, nur um Christus zu gewinnen" (Phi] 3, 7). Wir verstehen, was der Heiland sagt: "We Vater und Mutter mehr liebt als M ich, ist Meine nicht wert. Und wer Sohn oder Tochter mehr lieb als Mich, ist Meiner nicht wert" (Matth. 10, 37) Gott vor allem, über alles! Gott und Sein heilig-el \i\1ille an erster Stelle! Und das nicht nur dann unc wann, bei besondern Anlässen. Gott, Gottes Wille une Wohlgefallen ist unser einziger Gedanke, Unser einziges Verlangen, die Welt, in der wir uns bewege!]. Wir denken nicht mehr an uns selbst und sind ebenso bereit zum Schmerz wie zur Freude, zur Armut wie zum Überfluß, zur Krankheit wie zur Gesundheit. Gott, Gottes heiliger Wille, Gottes Wohlgefallen und Ehre über alles!

Vor jedem andern Beweggrund der Beweggrund der Liebe! Der natür.liche Mensch ist gewohnt, aus rein natürlichen Motiven zu handeln. Ein edler Mensch aus edlen, ein egoistischer, unedler, verkehrter Mensch aus egoistischen, unedlen, verkehrten und sündhaften Motiven.

Donnerstag: Die Liebe zu Gott. 127

Indes auch der um die Vollkommenheit des christlichen Lebens ringende Christ findet in sich eine erschreckende Leichtigkeit und Fertigkeit, an die Spitze all seiner Beweggründe die Rücksicht auf sich selbst zu setzen. Immer ist er versucht, zuerst an den eigenen Vorteil, an seinen Gewinn, an seine Befriedigung zu denken, nicht an Gott, Gottes Willen und Ehre. Die Gewohnheit, zuerst auf sich seIber zu sehen und sich selber zu suchen, ist auch in den Guten und Geistigen so eingewurzeIt, daß sie es gar nicht mehr merken, wie sehr sie sich von andern Beweggründen bestimmen lassen als von dem Beweggrund der Liebe Gottes. Gott über alles lieben heißt nicht, jeden andern, auch menschlichnatÜrlich edlen Beweggrund des W ollens und Handelns ausschließen. Es heißt nur: jeden andern Beweggrund, mag er noch so edel und gut sein, dem Beweggrund der Liebe zu Gott unterordnen. Der erste, bestimmende, entscheidende, alle übrigen Motive beherrschende Beweggrund des wahren Christen ist der Beweggrund der Liebe zu Gott. "Weil es Dir so lieb ist. Weil Du es so wünschest, fügst, zulässest, mir auferlegst, gibst." Der bösen Gewohnheit, die uns anhaftet, zuerst auf uns selber zu schauen und uns selber zu suchen, stellen wir bewußt nicht nur hie und da einen Akt, eine gute Meinung, sondern eine Gewohnheit entgegen, die Gewohnheit, zuerst auf Gott, auf Christus den Herrn, zu sehen, und alles zuerst von Gott, von Christus her anzusehen und zu werten, alles zuerst im Hinblick auf Gott, auf Christus zu suchen, zu tun, zu unterlassen, zu opfern, zu tragen, zu meiden, zu lassen.

3· "Gieße unsern Herzen Deine Liebe ein." Eine Liebe, die uns alles andere und uns selbst vergessen läßt. Eine Liebe, die uns bereit macht, Gott, dem Heiland eher alles zu opfern, als Ihm auch nur im geringsten wehe zu tun. Eine Liebe, welche das Glück, Ihm zu gefallen, über jedes andere Gut hochschätzt und uns auf die Freundschaft mit Ihm eifer-

128 Die Zeit nach Pfingsten: Sechste Woche.

süchtiger macht als auf irgend eine Freundschaf der Menschen und der Großen dieser Erde. Ein. Liebe, welche nicht bloß Sein bestimmter Wille sondern schon Sein bloßes Wohlgefallen Gesetz un( Richtschnur ist. Eine Liebe, welche jede mensch liche Rücksicht hintansetzt, jede Drohung und jede:

Versprechen verachtet. Eine Liebe, welche keinl Macht abhalten kann, Seinen Willen zu tun.

Wer führt uns auf die Höhen der Liebe? Dil heilige Kirche weist uns heute an, zu beten und mi ihr das heilige Opfer zu feiern. Da legen wir da: große Anliegen auf die Patene, in die Hände de: sich für uns und mit uns opfernden Herrn. EI erwirkt uns beim Vater Erhörung. In der heiliger Kcmmunion trägt Er die Glut Seiner reinen, ver· zehrenden Liebe zum Vater in unser Herz, auf dal wir in Seiner Liebe weiterglühen. "Ich liebe der Vater" (Joh. 14,31).

Ge be t.

Gott, Du hast jenen, die Dich lieben, unsichtban Güter bereitet. So gieße denn unsern Herzen Dein~ Liebe ein, auf daß wir Dich in allem und Über alle! lieben und so Deine Verheißungen, die alles Sehner übertreffen, erlangen. Durch Christus unsern Herrn Amen.

Freitag der sechsten Woche nach Pfingsten.

SeI i g die F r i e d f e r t i gen.

I. "Wenn du deine Gabe zum Altare bringst und dich daselbst erinnerst, daß dein Bruder etwas gegen dich hat, so laß deine Gabe dort vor dem Altar, gehe zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bru· der. Dann komme und opfere deine Gabe."

2. "Selig die Friedsamen!" (Matth. 5, 9.) Unser Herr und Heiland kennt kein "Aug um Aug, Zahn um Zahn". Er ist als Fürst des Friedens (Is. 9, 6) in diese Vvelt gekommen. "Friede den

Freitag: Selig die Friedfertigen. 129

Menschen auf Erden" (Luk. 2, 14) singen die Engel der Weihnacht. "Friede sei euch", grüßt er die Seinen. "Seinen Frieden hinterläßt Er" uns (Joh. 14, 27)., da Er von dieser Welt scheidet. "Friede". solIen die Apostel in das Haus bringen, das sie betreten (Matth. IO, 12). Friede soll die kostbare Frucht des Evangeliums sein (Eph. 6, 15). "Der Friede Gottes, der alle Begriffe übersteigt" (Phil. 4, 7) steht am Ende aller apostolischen Arbeit. Christus selber ist der leibhaftige Friede. Seine Seele kennt keine Entgleisungen und keine Stürme. Sie kennt nur den starken, tiefen Frieden der Gottgeborgenheit. Ob sie alIes Böse von Ihm sagen, ob sie Ihn belästigen, beleidigen, mit Geißeln schlagen, unter Hohn und Spott Ihn mit Dornen krönen und kreuzigen, sie können Ihn nicht erschüttern und aufregen. Sein Leben ist in allweg ein "Pax vobis Friede sei euch". Vor Ihm kommen die erregten Gemüter zur Ruhe. Vor Ihm werden sogar die von den bösen Geistern Besessenen still. Vor Ihm erstirbt die Wut des tosenden Sees. Vor Ihm versiegen die Tränen. Vor Ihm sieht sich selbst der gerechte Zorn Gottes über uns böse Menschen entwaffnet. Seine Friedensseele und Sein Friedensgruß sind die Waffen, mit denen Er Seine Feinde Überwindet und Seine Getreuen schützt. Was hat man Ihm an Unrecht zugefügt! Was hat man Ihm Böses angetan! Wie viel Grund hatte Er zu zürnen, Gerechtigkeit zu verlangen, den Vater zu bitten, daß Er Ihm Legionen kampfgerüsteter Engel schicke und Seine Hasser vernichte! Statt dessen schließt Er über all der Bosheit und Blindheit der Menschen die Akten und besiegelt sie mit dem Siegel des Friedens: "Vater, verzeihe ihnen. Sie wissen nicht, was sie tun" (Luk. 23, 34). Wahrhaftig: "Selig die Friedsamen!"

"Wen n du dei n e Gab e zum Alt are b r i n g s t." Täglich bringen wir unsere Gabe, Brot und "IVein, zum Altare, und in Brot und Wein uns selost, unsere g:l11ze Bereitschaft, alIes zu geben, Baur, Werde Licht. 111. 9

J 30 Die Zeit nach Pfingsten: Sechste Woche.

um Gott alleill zu leben. Es ist uns wirklich ef! mit unserem Gott. Wir erwarten also, daß das Hul antlitz Gottes über uns leuchte, wie es einst Üb dem Opfer Abels leuchtete. "Einen freudige~ Geb hat Gott ja immer lieb" (2 Kor. 9, 7). Aber da lie noch ein düsterer Schatten auf unserer Seele: irg-eI eine Spannung, eine Verstimmung, ein Zerwürfni ein Unfriede mit dem Bruder. Wegen einer Nicl tigkeit. Die Schuld liegt, wenigstens zum Teil, aue auf unserer Seite. Noch hat keiner das erste Wo zum Frieden gefunden. Die WeIt ist ja groß gentI! um einander auszuweichen, zu meiden und seine Weg und seinen Gott auch ohne den Bruder z finden. Das Leben ist ja auch viel zu groß, so da es auf eine Feindschaft oder eine Freundschaft mi .einem Menschen nicht ankommt. So kommen wi zum Altar und bitten um den Segen Gottes. Es wirt uns ein unerwarteter Empfang. "Laß deine Gabe Erst gehe hin und versöhne dich mit deinem Bru der." "Selig die Friedsamen!" Sie allein ernten deI Segen des heiligen Opfers. Niemand kann für seim eigene Person, isoliert, ohne seinen Bruder, das Opfer der. heiligen Messe mitfeiern und dessen Gnaden gewinnen. Es ist die heilige Messe ihrem innersten Wesen nach das Opfer des ganzen, in heiliger Liebe geeinten Leibes Christi, das Opfer der Gemeinschaft. "Wir" beten, "wir" opfern, "wir, Deine Diener (Priester) und Deine ganze Gemeinde, bringen Dir diese Gabe dar", "in Gemeinschaft stehend". "Wir bringen dieses Opfer dar für alle Umstehenden, für die ganze heilige, katholische Kirche auf dem ganzen Erdkreis". Wie wollten wir also mitopfern, wenn wir auch nur, durch unsere eigene Schuld, mit einem Glied der Gemeinschaft im Unfrieden wären! wenn wir untertags unsere MÜhen, Arbeiten und Leiden Gott anbieten wollen als eine Gabe der Huldigung, der Anbetung, der Liebe, der SÜhne, haben aber durch eigene Schuld Unfrieden mit dem Bruder in Christus, werden wir wieder

Freitag: Selig die Friedfertigen. 131

hören: "Laß deine Gabe stehen. So nimm Ich' sie nicht an." Und wenn wir zum Tabernakel kommen, Ihm unser Herz zu schenKen, wird Er uns wieder sagen: "Laß deine Gabe. Ich kann an ihr kein Gefallen finden." "Erst gehe hin und versöhne dich", mache Frieden! Der Altar ist eine Stätte des Friedens. Wer im Unfrieden lebt, darf sich ihm nicht nahen.

3. Wie wenige sind es, die es mit der Mahnung des Herrn genau nehmen: "Wenn du zum Altare kommst und dich erinnerst, daß dein Bruder etwas gegen dich hat, dann laß deine Gabe stehen und gehe und versöhne dich mit deinem Bruder." Auch unter denen, die täglich opfern und mitopfern, ist so viel Erregtheit, Gereiztheit, Nervosität, Streit und Unfriede! So viel vom "Aug um Aug, Zahn um Zahn" des Alten Bundes. Wäre es nicht an der Zeit, daß wir anfingen, der Mahnung des Herrn vollkommen nachzukommen? Muß Er uns, wenn wir zum heiligen Opfer erscheinen, nicht zurufen:

Entweder - oder. Entweder Friede mit dem Bruder, oder aber laß dein Opfern und Kommunizieren. Auf die Liebe zum Nächsten kommt es an!

"Wenn eure, der Christen, Gerechtigkeit, Frömmigkeit nicht vollkommener ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr in das Himmelreich nicht eingehen" (Evangelium). Worin bewährt sich unsere Gerechtigkeit und Frömmigkeit? In unserem Willen und Werk der Liebe zum Bruder. Die Liebe öffnet uns den Zugang zum Altar, zur Opfergemeinschaft mit Christus und der Kirche, zum Empfang der heiligen Kommunion.

"Ich will den Herrn lobpreisen, der mir Einsicht .g-ab."

Ge b e t.

Herr, sei unsern Bitten gnädig und nimm diese Opfergaben Deiner Diener und Dienerinnen huldreich an, damit allen zum Heile diene, was die ein-

9*

132 Die Zeit nach Pfingsten: Sechste Woche .

. zeInen zur Ehre Deines Namens dargebracht haben.

Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Samstag der sechsten Woche nach Pfingsten.

G 0 t t e 5 - und N ä c h 5 t e n I i e b e.

J. Die Liturgie verbindet heute die Gottes- und Nächstenliebe. Das Kirchengebet fleht um die Liebe Gottes, kraft derer wir Ihn über alles und in allem lieben. Epistel und Evangelium mahnen zur Liebe des Nächsten. Gottes- und Nächstenliebe lassen sich voneinander nicht trennen.

2. "Wenn jemand sagt: Ich liebeGott,seinen Bruder aber haßt, so ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht" (I Joh. 4,20). Warum? Weil die Liebe zu Gott und zum Nächsten ein und dieselbe Liebe ist. Wir lieben den Bruder um Gottes und um Christi willen, d. i. mit derselben Liebe, mit welcher wir Gott und Christus lieben. Wir bleiben nicht beim Menschen stehen. Wir sehen ihn von Gott, von Christus her an. Wir sehen und lieben in ihm das Gotteskind, an dem der Vater Sein Wohlgefallen hat. Wir sehen in ihm die Seele, an der das Blut des Erlösers hängt, die Seele, fÜr die der Sohn Gottes Mensch geworden ist, für die Er ans Kreuz gestiegen, für die Er die heilige Kirche, die heiligen Sakramente eingesetzt hat. Wir sehen im Mitmenschen das Glied an Christus, dem I-Iaupte. Was wir dem Gliede tun, das tun wir dem Haupte, Christus dem Herrn. "Was ihr dem Geringsten der Meinigen getan habt, das habt ihr Mir getan. Was ihr dem Geringsten der Meinigen, nicht getan habt, das habt ihr Mir nicht getan" (Matth. 25, 40-45). Das ist der Adel der christlichen Nächstenliebe: sie ist ein und dieselbe Liebe mit unserer Gottes- und Heilandsliebe. Auf diesen Zusammenhang weist uns die Liturgie des fünften

Samstag: Gottes· und Nächstenliebe. 133

Sonntags nach Pfingsten hin. Wir lieben also Gott und den Heiland so weit und nur so weit, als wir den Bruder lieben. "Wer seinen Bruder nicht liebt, der kann Gott nicht lieben."

"D a 5 ist M ein Ge bot, daß ihr euch einander so liebet, wie Ich euch geliebt habe" (Joh. 15, 12). Wie treu, wie innig hat Jesus uns geliebt! So müssen wir den Bruder, die Schwester lieben, im Zeitlichen und in der Sorge um seine Seele und sein ewiges Wohl. Wer wird das Gebot des Herrn erfÜllen können? Nur derjenige, welcher die Eigenliebe überwunden hat. Sie ist ja der große Feind der Nächstenliebe. Sie engt uns auf uns selber ein und macht, daß wir den Nächsten als einen Fremden betrachten, der uns nicht berührt. Sie weckt in uns den Geist der Selbstsucht, der Eifersucht, des Stolzes, des Neides, der Abneigung und des Hasses und macht eine vollkommene Liebe zum Mitmenschen unmöglich. Sie verleitet uns zu tausend Fehlern gegen die Liebe; denn sie macht uns unempfindlich, kalt, abgeneigt, ungerecht, parteiisch, bitter. Wollen wir also das Gebot der christlichen Liebe erfüllen, so mÜssen wir der Eigenliebe gestorben sein. Wir sind es in dem Maße, als wir von der Liebe zu Gott und Christus erfÜllt sind. Die Liebe Gottes und die Eigenliebe sind ja wie die zwei Schalen einer Waage: die eine kann nur heruntergehen, wenn die andere emporsteigt. Die Eigenliebe schwindet in eben dem Grade, als die Gottesliebe in die Seele einzieht. Die Nächstenliebe kann demnach nur so weit vollkommen geübt werden, als in uns die Gottesliebe lebt. Je vollkommener wir die Gottesliebe besitzen, um so vollkommener werden wir auch die Nächstenliebe üben. So sehr gehören die Gottes- und Nächstenliebe zusammen. Aus der Gottesliebe und in der Kraft der Gottesliebe die Nächstenliebe!

3. "Gieße unsern Herzen Deine Liebe ein, auf daß wir in allem und über alles Dich lieben." Dann

134 Die Zeit nach Pfingsten Sechste Woche.

lieben wir auch den Nächsten. Dann sind wir "einmütig im Gebet, mitleidig, brüderlich, barmherzig, bescheiden, demütig." Dann "vergeIten wir nicht Böses mit Bösem, nicht Schmähung mit Schmähung. Dann segnen wir einander, wie wir ja auch berufen sind, den Segen zu erben. Dann bewahren wir die Zunge vor dem Bösen, und die Lippen, daß sie nichts TrÜgerisches reden" (Epistel).

"Wenn eure Gerechtigkeit nicht vollkommener ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen." Worin bewährt sich die Erhabenheit der christlichen Gerechtigkeit und Vollkommenheit über die Gerechtigkeit der Schriftgelehrten und Pharisäer? Vorzüglich in unserer Stellungnahme zur Liebe. "Den Alten ist gesagt worden: Du sollst nicht töten; wer tötet, wird dem Gericht verfallen. Ich aber sage euch: Wer seinem Bruder auch nur zürnt, verfällt dem Gerichte." Um so mehr, wer ihn einen Taugenichts oder gar einen Gottlosen nennt! (Evangelium.) "Ein neues Gebot gebe Ich euch: Liebet einander. Wie Ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben" (Joh. 13, 34).

Der Gradmesser unserer Gottes- und Heilandsliebe und damit auch des Standes unseres gesamten innern Lebens, unseres Betens, unserer Frömmigkeit ist unsere Liebe zum Mitmenschen. "Wir :wissen, daß wir vom Tode ins Leben versetzt worden sind, die heiligmachende Gnade besitzen, weil wir die Brüder lieben. Wer nicht liebt, bleibt im Tode" .(der SÜnde, der Gottferne) (r Joh. 3, 14).

Gebet.

Gott, Du hast jenen, die Dich lieben, unsichtbare GÜter bereitet. So gieße denn unsern Herzen Deine Liebe ein, auf daß wir Dich in allem und über alles lieben und so Deine Verheißungen, die alles Sehnen iibertreffen, erlangen. Dur<;:hChristus Unsern Herrn. Amen.

Die liturgische Meßfeier des sechsten Sonntags nach Pfingsten.

1. Am heutigen Sonntag klingt das Ostermotiv durch die Texte und Gesänge der Meßfeier hindurch. Was Ostern uns in Taufe und Eucharistie gegeben und als lebensvolle Keime in die Seele gelegt hat, das soll unter dem Hauch des Pfingstgeistes wachsen und ausreifen.

2. Dankbar schauen wir beim Einzug in das Gotteshaus auf die Heilsgüter zurück, die wir an Ostern erhalten haben. Durch die heilige Taufe sind wir "Sein Volk", "Gesalbte" (Christen) geworden. Er ist "unsere Kraft" (d. i. Quell unserer Kraft) geworden, der übernatürlichen Heilsgüter Hort und Hüter. Wie sollten wir ohne Seine Hilfe die herrlichen GÜter des Übernatürlichen Lebens bewahren und erhalten können? So reiht sich unserem Dank für die vergangcnen Gnadentage unmittelbar die Bitte für die Zukunft an: "Errette, Herr, Dein Volk (die Getauften), segne Dein Erbteil (die Getauften), und sei ihm Konig in Ewigkeit" (Introitus), die Bitte um Erhaltung und Gedeihen der ÜbernatÜrlichen Ostergüter. Wir legen diese Bitte in unser "K y r i e eIe iso n" und in das "G I 0 r i a in excelsis" hinein: "Der Du die Sünden der WeIt hinwegnimmst (und in der heiligen Taufe erbarmungsvoll von uns genommen hast), erbarme Dich unser, nimm auf unser Flehen" um ErhaItung und Wachstum der ÜbernatÜrlichen Heilsgüter. "Verleihe uns Wachstum in der Liebe" (Oration).

Das erste und grundlegendste der übernatürlichen HeilsgÜter ist das Gut der heiligen Taufe, des Christenstandes. "Wir alle sind (an Ostern) auf Christi Tod getauft", gleichsam eingetaucht, d. h. "wir sind mit Ihm durch die Taufe im Tode be-

136 Die Zeit nach Pfingsten: Siebte Woche.

graben", gestorben, aber nur zu dem Z \Ve~k, um einem wahrhaft Übernatürlichen, göttlichen, Über ( Erde hinausragenden Leben, aufzuerstehen. Das der Sinn der heiligen Taufe und unseres Christe standes: "Auch ihr sollt euch als solche betrachte die der Sünde abgestorben sind und nur Gott leb in Christus Jesus, unserem Herrn" (Epistel). Wo d natürliche Mensch in uns in Wahrheit in den Christi umgewandeIt ist, da schlägt die Übernatürliche N al rung des Christen an und zeitigt ganze Frucht: d Taufe ist die Türe zur heiligsten Eucharistie (Eval gelium). "Mich erbarmt des (hungernden) Volkes' das in der Wüste des Erdenlebens zu erliegen droh Aus liebendem Erbarmen spendet Christus den S'e nigen das Brot des Lebens. Dankbar antworten wi auf die Botschaft des Evangeliums über die Eucha ristie mit unserem "Ich glaube", und flehen auf neue: "Gib mir sicheren Tritt auf Deinen Weger Tu ein Wunder Deiner Huld" (Offertorium), wi Du es im Evangelium an dem hungernden Volk, gewirkt hast.

3· Und Er wirkt das Wunder Seiner Huld une Liebe an uns im Opfer der heiligen Messe. In ihl bekommt das, was Epistel und Evangelium vor. gelegt haben, Leben. Da werden wir mit dem Sein Kreuzesopfer geheimnisvoll erneuernden Christus "im Tode begraben". Da wird "unser alter Mensch mitgekreuzigt, damit der Leib der Sünde zerstört wird und wir nicht mehr der Sünde leben". Denn dazu sind wir getauft und zur Feier der heiligen Messe gekommen, damit wir in der heiligen Messe mit dem gekreuzigten und in unendlicher Liebe sich verzehrenden Herrn ein Opfer werden, im Sterben und im Auferstehen. "Wenn wir (im Opfer der heiligen Messe) mit Christus gestorben sind, wissen wir, daß wir auch mit Christus leben" (Epistel). Wir sind in unserer Opfergabe Christus gleichsam aus dem Banne des Irdischen und der Welt mit ihren Lockungen und Genüssen heraus-

Sonntag: Die heilige Taufe.

137

getreten und haben uns in der 'vVelt Gottes, Seiner Gedanken und Interessen, Seiner Güter und Seligkeiten niedergelassen. Hier wollen wir leben, durch Christus, mit Ihm und in Ihm. Gott die ganze, Ihm gebührende Ehre erweisen in Ewigkeit. Nur "Gott leben", Seinem heiligen Gebot und Willen, den Aufgaben, die Er uns im Alltag stellt. Wir sind das Volk des Evangeliums, das mit Ihm aus der Welt hinausgeht "in die Wüste" und das Er dort voll Erbarmen mit einer wunderbaren Nahrung beglückt, im Opfermahl der heiligen Kom m uni 0 n. In der Kraft dieser Speise ist es uns möglich gemacht, ferne der Welt in der Wüste zu bleiben, in die uns die heilige Taufe geführt, und hier "Gott zu leben in Christus Jesus unserem Herrn". Wahrlich, "der Herr ist Seines Volkes Stärke und dem Gesalbten (uns) Hüter Seines Heils".

Sechster Sonntag nach Pfingsten.

Die h eil i g eTa u f e.

I. Wir sind Getaufte (Epistel). Wir nehmen teil an der heiligsten Eucharistie (Evangelium). Beides, Taufe und Eucharistie, ist als Samenkorn in unsere Seele gelegt und soll unter der Glut des Pfingst-. geistes im praktischen christlichen Leben wachsen und zur Vollendung heranreifen.

2. "Wißt ihr nicht, daß wir alle, die wir auf Christus getauft sind, auf Seinen Tod hin getauft, in Seinen Tod hineingetaucht sind? Denn wir wurden durch die Taufe mit Ihm im Tode beg-raben. Wir wissen, daß unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist, damit der Leib der S4nde, der alte, sündige Mensch in uns, zerstört werde und wir nicht mehr der Sünde leben. 'vVenn wir also mit Christus gestorben sind, wissen wir, daß wir auch mit Christus leben. Wir wissen ja, daß Christus, von den Toten auferstanden, nicht mehr stirbt. Denn da Er starb,

138 Die Zeit nach Pfingsten: Siebte Woche.

starb Er ein für allemal der SÜnde; da Er lebt, le Er für Gott" (Epistel). Das ist der Christ. So w ihn Gott, so will ihn die Kirche. Er ist der SÜnl gestorben. Sie hat keinen Teil mehr an ihm. Wc mit Christus der Sünde gestorben, lebt er mit Chr stus, er der lebendige Zweig am Weinstock Chr stus. Er lebt Jesu Leben weiter, das Leben der HiI gabe an Gott, der heiligen Liebe zu Gott. Dreimal "Wir wissen." Ja, wüßten wir doch nur um unser Taufe, wie die Christen der ersten Jahrhunderte ur ihre Taufe wußten! Wie lebten sie dem, was di heilige Taufe ihnen gegeben und sagte! Tod de Sünde! Christi Leben mitlebend ! Wunderbarer Ade und Reichtum des Christen!

"Eine'große Menge Volkes" ist dem Hern in die Einsamkeit der Wüste gefolgt, um Sein Wor zu hören. Schon drei Tage harren sie bei Ihm aw und haben nichts mehr zu essen. Er ruft also Seine Jünger zu sich und sagt ihnen: "Mich erbarmt de~ Volkes! Wenn ich sie hungrig nach Hause gehen lasse, werden sie auf dem Wege erliegen." Ratlos stehen die Jünger da. "Woher soll man in der WÜste Brot bekommen, sie zu sättigen?" Sie haben noch sieben Brote. Er nimmt die Brote, segnet sie, bricht sie und gibt sie den Jüngern, daß sie sie unter das Volk verteilen. Alle erhalten von dem Brote und essen sich satt. Die heilige Liturgie erkennt in dem Volke, das dem Heiland in die Wüste gefolgt ist, uns Christen. In der heiligen Taufe haben wir es geschworen: "Ich widersage Satan und all seinen Werken und all seiner Herrlichkeit. Ich glaube an Gott den Vater. Ich glaube an Jesus Christus, Seinen Sohn, unsern Herrn. Ich glaube an den Heiligen Geist, an die katholische Kirche, an die Gemeinschaft der Heiligen, an die Auferstehung des Fleisches und das ewige Leben." Wir haben uns für Gott, für Christus entsrh ieden und sind Ihm nachgefolgt. "In der Wüste", abseits von der Welt, ihren Grundsätzen. ihrem Sinnen und Trachten,

Sonntag: Die heilige Taufe.

139

hören wir auf Christus und eignen uns Seinen Geist an. Seine Liebe zur Armut, zum Kleinsein, zum Kreuz und Leiden. Damit wir auf dem harten Wege durch die WÜste nicht erliegen, reicht Er uns jeden Morgen durch die Hand Seiner Jünger, der Priester, die heilige Eucharistie. In der Kraft dieser Speise leben wir das neue Leben, auf das wir getauft sind. Wir sind der Sünde gestorben und leben Gott in Christus J esus, dem Weinstock, dessen Leben wir, die Zweige, mitleben.

3· "So sollt ihr euch als solche betrachten, die der Sünde gestorliJen sind und für Gott leben in Christus Jesus" (Epistel). In der heiligen Taufe Glieder Christi geworden, bilden wir Christi Tod und Auferstehung während unseres Erdenlebens nach. "Christus ist unser Weg: schauen wir auf Ihn. Er litt, um sich die Herrlichkeit zu gewinnen. Er suchte die Verachtung, um erhöht zu werden. Er ist gestorben, aber auch auferstanden" (hl. Augustin).

"Er ward hingegeben um unserer Sünden willen und ist auferstanden um unserer Rechtfertigung willen" (Röm. 4, 25). Tod und Leben! Wir wiederholen in unserem Leben das Geheimnis Christi, Tod und Leben, das uns mit Ihm vereinigt. "Indem ihr mit Ihm in der Taufe begraben wurdet, seid ihr mit Ihm in der gleichen Taufe auferstanden. Euch, die ihr tot waret in der Sünde, hat Er lebendig gemacht mit Ihm" (Kol. 2, 12 f.).

Alle unsere Größe und übernatürliche WÜrde hat ihren Quell und Ursprung in der heiligen Taufe. Sie hat uns das göttliche Leben geschenkt, in der Eingliederung in Christus. Mag das natÜrlichmenschliche Leben noch so glänzend und reich erscheinen, es ist im Vergleich mit dem, was uns die heilige Taufe gegeben, eitel, nichts, Nacht und Tod. Erst durch die Gnade der heiligen Taufe erhält unser Leben seinen Adel und seinen Wert für die Ewigkeit. Am Tage unserer heiligen Taufe sind wir zur ewigen Seligkeit geboren worden. In der heilig-

J

J 40 Die Zeit nach Pfingsten: Siebte ·Woche.

machenden Gnade, die wir in der heiligen Taufe erhalten, tragen wir in uns das Unterpfand der zukünftigen Herrlichkeit. Was können wir anders als danken und uns freuen?

Gebet.

Gott der Heerscharen, in Dir ist ganz und gar die Fülle des Guten; so pflanze unsern Herzen die Liebe zu Deinem N amen ein und gib uns Wachstum im religiösen Leben; laß das Gute erstarken und bewahre mit eifriger Vatergüte das Erstarkte. Durch Christus unsern Hen n. Amen.

Montag der siebten Woche nach Pfingsten.

"Mich erbarmt des Volkes."

1. "Der Herr ist Seines Volkes Stärke und Seines Gesalbten rettender Beschützer" (Introitus). Sein Volk sind wir, in der Gemeinschaft der Kirche. Sein "Gesalbter" (Christus) sind wir, nachdem wir in der heiligen Taufe mit heiligem Chrisam gesalbt worden sind: "Ich salbe dich mit dem 01 des Heiles in Christus J esus, unserem Herrn, auf daß du das ewige Leben habest." Wie Er Seines Volkes Stärke und Seines Gesalbten Retter ist, führt uns das Evangelium des Sonntags aus.

2. "E i n e g roß e V 0 I k s m eng e bei Je s u s" in der Wüste, und sie haben nichts zu essen! Sie sind Ihm gefolgt, begierig, Sein Wort zu hören, und glücklich, Ihn in ihrer Nähe zu haben. Wir sind jene Volksmenge. Wir haben uns in der heiligen Taufe Jesu angeschlossen. Mit freudiger Hingabe haben wir bekannt: "Ich glaube an J esus Christus. An die Gemeinschaft der Heiligen." Wir bekennen uns auch heute zu Ihm, zu Seinem Evangelium, zu Seinen Grundsätzen, zu Seinem Beispiel. Was wir einmal in der heiligen Taufe versprochen haben, halten wir mit ganzer Treue. Tägl ich widersagen wir

Montag: "Mich erbarmt des Volkes." 141

aufs neue und noch vollkommener als gestern dem Satan, der Sünde, den Eitelkeiten und GenÜssen des Lebens, der Eigenliebe, dem bloß natÜrlichen Denken und Urteilen. Die Welt hat eine große Gefolgschaft, leider auch unter den Getauften. Sie halten Ihm die Treue nicht, wie sie es in der heiligen Taufe versprochen haben. Sie entsagen mehr oder weniger der Nachfolge des Herrn. Sie ist ihnen zu beschwerlich, zu unbequem, zu unmodern, zu wenig vorteilhaft. Um so treuer folgen wir dem Herrn in die Wüste, auf den harten Wegen der freiwilligen Einschränkung und Armut, der Liebe zur harten Arbeit, zu den Leiden aller Art, zu den Verdemütigungen und Kränkungen durch die M enschen. Wenn wir nur bei Ihm sind und Ihn haben! "Suchet zuerst das Reich Gottes und was vor Ihm recht ist" (Matth. 6,33). Wir wissen uns als Glieder Christi Ihm in innigster Lebensgemeinschaft verbunden. In Überströmender Fülle ist uns Sein Heil und Seine Gnade eingesenkt. Wenn wir Ihm folgen, wandeln wir nicht in der Finsternis (Joh. 8,12): wir sind vielmehr aus der Finsternis und dem Reiche des Todes herausgerissen und "in das Reich des Sohnes Seiner Liebe" (KaI. 1,13) hineingehoben. "Mitbürger der Heiligen" (Eph. 2,19), der Starken, der Reinen, und "Hausgenossen Gottes" (Eph. 2, I9), um dereinst "Miterben Christi zu sein" (Röm. 8,17), des Sohnes Gottes. Wir folgen Ihm und kennen keinen andern, dem wir unser Herz, unser Leben, unsere Talente und Kräfte weihen.

"M ich erb arm t des V 0 I k es". Die Volksmenge, die nun schon drei Tage beim Herrn in der \V'üste ausgeharrt hat, hat nichts mehr zu essen. Da drängt Ihn Sein erbarmendes, mitleidiges Herz, Hilfe zu schaffen, auf daß sie alle glÜcklich der Heimat zueilen können. Dies Volk sind wir. Wir folgen dem Herrn auf den harten, rauhen Pfaden des gegenwärtigen Lebens. Ein langer Weg, zumeist Wüstenweg, Sand und glÜhende Sonne, kaum

142 Die Zeit nach Pfingsten: Siebte Woche.

je eine Oase, die Schatten und frisches Wasser bi tet. Wie sollen wir so in die Heimat, ins himmlisd Vaterhaus gelangen? Müssen wir nicht alle auf deo Wege erliegen? Da ist "der Herr Seines .volkt Stärke und Seines Gesalbten rettender Beschützer' Er nährt uns wunderbar mit dem Brote der heilige Eucharistie. In der Kraft dieser Speise werden wi das Ziel erreichen! Täglich erleben wir in unsere Mitte, an unsern Altären, das Wunder der Ver wandlung des Brotes in Seinen heiligen Leib uni des Weines in Sein heiliges Blut. Täglich weist E Seine Jünger, das Priestertum der Kirche an, deI Getauften dieses Brot zu reichen. Für uns wirkt EI unaufhörlich das Wunder Seiner Allmacht in dei Wandlung der heiligen Messe. Das Wunder Seiner Liebe in der Hingabe an uns in der heiligen Kommunion. "Der Herr ist Seines Volkes Stärke und Seines Gesalbten rettender Beschützer." Glücklich, die dem Herrn in die Wüste folgen! Er sorgt für sie im Manna der heiligsten Eucharistie! "Suchet zuerst das Reich Gottes und was vor Ihm recht ist. Das andere wird euch dazu gegeben werden."

3· Wir geben Ihm im Opfergang der heiligen Messe die paar Brote, von denen das Evangelium berichtet. Er kann aus dem Kleinsten das Größte machen. Ein paar kleine Brote, Hostien. Er wandelt sie in Sein eigenes Fleisch um und speist damit die Seelen derer, die nach Ihm, nach dem Leben, nach Gott hungern.

Er verlangt so wenig: eine kleine Entsagung, den Verzicht auf eine Lektüre, auf einen neugierigen Blick, auf eine neugierige Frage, die Überwindung einer verkehrten Regung, die Beherrschung einer Ungeduld. Ein kleines Opfer aus Liebe zu Ihm, und Er wirkt in der Seele das 'vVunder der innern Erleuchtung, der Befreiung, des Wachstums an Gnade!

"Alleluja, alleluja. Auf Dich, 0 Herr, vertraue ich, ich werde ewig nicht zuschanden." "Befreie mich und rette mich. N eig her Dein Ohr und eile, mich

Dienstag: Die l1eilige Taufe

143

zu retten. Alleluja" (Allellljavers). Sollen wir nicht vertrauen? Ihn "erbarmt ja des Volkes". ,,0 Herr, schaff Deinem Volke Heil, gib Deinem Erbe Seg(,l1 und leite es in Ewigkeit" (Introitus).

Ge b e t.

Herr, wir sind in der heiligen Kommunion mit Deinen Gaben gesättigt worden. Gib, wir bitten Dich. daß ihre \~irksamkeit uns läutere und ihre Hilfe uns schirme. Amen.

Dienstag der siebten Woche nach Pfingsten.

Die h e i ! i ge Tau fe.

r. Mit allem Nachdruck werden wir an den Sinn unseres Christenglaubens erinnert. Der durch die Sünde Adams befleckte, im Zustand der Sünde geborene "alte Mensch" wurde in der heiligen Taufe begraben. Er ist im Grabe, ein Toter. Der neue Mensch ging aus den Wassern der Taufe hervor, ein Nachbild des aus dem Grabe erstehenden Herrn. Er trägt in sich das Leben der Gnade, der Kindschaft Gottes. Die heilige Taufe, die wir einmal empfingen, bedeutet Tod und Leben.

2. "D u r c h die Tau fes i n d wir mit Ihm im Tode begraben" (Epistel). Nach Gottes Absicht sollten wir als Gotteskinder in dieses Leben eintreten, im Besitz der heiligmachenden Gnade, der Tugenden und der Gaben des Heiligen Geistes, teilhaft des göttlichen Lebens. Adams Sünde vereitelte diesen Plan Gottes. Durch seine Sünde verlor er für sich und für die ganze Menschheit, deren Haupt und Stellvertreter er war, die Gnade und das Recht auf die Erbschaft, die unser im Himmel wartete. Gott hatte Erbarmen mit uns. Er sandte Seinen Sohn, daß Er als das neue Haupt der Menschheit fÜr die Gott zugefÜgte Beleidigung Sühne leiste. Deshalb trägt das ganze Erdenleben des Heilandes

144 Die Zeit nach Pfingsten. Siebte Woche.

bis zur Vollendung Seines Opfers am Kreuze der Stempel des Todes, des Opfers. Er ist das Lamm das die Sünden der Welt auf sich nimmt. Gott ha die gesamte Sündenschuld der Menschheit auf lhl gelegt. Er willigt vom ersten Augenblick Seine' Erdendaseins in alles das ein, was der Vater Ihn zugedacht hat. So wird Sein Leben ein ununter brochenes Opfer. Die Erniedrigung in Bethlehem die Flucht vor den Nachstellungen des Herodes, dei Haß Seiner Feinde während Seines öffentlicher Lebens, Seine Passion und Sein Tod am Kreuze er weisen Ihn als das Opferlamm, das zur Schlacht bank gefÜhrt wird (Jer. II, 19), als den zertretener Wurm, von dem der Psalm spricht (Ps. 21,7) "Durch die Taufe sind wir mit Ihm im Tode be graben." Wir sind kraft der Taufe in Sein Leber des beständigen Opfers, der Leiden, der Verzicht, mitaufgenommen. "Allezeit tragen wir J esu Todes leiden an unserem Leibe" (2 Kor. 4, 10). Wir sin( mitgekrtuzigt mit Ihm (Epistel) und trinken Seiner Leidenskelch (Matth. 20, 22). Was von Ihm ge schrieben steht, gilt auch für uns: "Mußte nich Christus dies leiden und so in Seine Herrlichkei eingehen?" (Luk. 24, 26.) "Durch die Taufe wurder wir mit Ihm im Tode begraben", in Seinen Tm hineingetaucht, wurden wir Mitgenossen Seine! Opfers und Todes.

"Wie Christus von den Toten aufer s t a n den ist, so sollen auch wir in einem neuer Leben wandeln." In Seiner Auferstehung" hat dei Herr ein neues Leben begonnen. Gewiß hat EI auch in Seinem sterblichen Leben ganz dem Vatel gelebt. Er kannte ja nur ein es: "Das, was den Vater lieb ist, tue Ich immerdar" (J oh. 8, 29) Aber während Seines Erdenlebens lastet die Schul( der Menschheit auf Ihm, die Notwendigkeit zu lei· den und zu sterben. Nach Seiner Auferstehung ha Er nicht mehr zu leiden oder zu sterben. Die Schul( der Menschheit gegenüber Gott ist ja abgetrager

Dienstag: Die heilige Taufe.

145

und gesühnt. Er besitzt das Leben nun in seiner ganzen Fülle, Festigkeit und Sicherheit. "Der Tod hat keine Macht mehr über Ihn. Wenn Er lebt, so lebt Er Gott." Im Auferstandenen trägt alles die Signatur des Lebens. Eines glorreichen Lebens voller Freiheit, Geistigkeit, Leidensunfähigkeit, Unverweslichkeit; eines Lebens ununterbrochenen Dankes und Lobpreises an den Vater; eines Lebens, das nach vierzig Tagen mit der Himmelfahrt und endgültigen Erhöhung J esu gekrönt wird. "So sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln." Gleichwie Christus bei Seiner Auferstehung das Linnentuch, Symbol Seiner Leidensfähigkeit und Seines Todes, im Grabe zurückließ und frei, in einem neuen Leben, aus dem Grabe hervorging, war unsere Seele, da sie den Wassern der heiligen Taufe entstieg, von der Sünde gereinigt und mit dem Leben der Gnade, mit der Herrlichkeit des göttlichen Lebens geschmückt. Wir wandeln in "einem neuen Leben", in der Kraft und Herrlichkeit des Lebens der Gnade. Es ist uns als SenfkörnIein in die Seele gepflanzt worden. Es muß wachsen, sich im Kampf gegen die böse Begierlichkeit in uns und gegen die Welt außer uns erhalten und durchsetzen und sich täglich wirksamer in aller Tugend und Heiligkeit betätigen.

3. Tod und Leben! Je mehr Tod, um so mehr Leben!

Niemand kann zwei Herren dienen, Gott und dem Mammon. Auch nicht Gott und der Sünde, dem neuen und dem alten Menschen. Das Christentum verlangt Charakter, Grundsatzfestigkeit, Klarheit, Mannhaftigkeit.

In der Mitfeier sterben wir, uns mitopfernd, mit und in der Brotsubstanz, um wie sie, gestorben, das neue Leben zu gewinnen. In der Kraft der Opfergemeinschaft mit dem sich opfernden Herrn vollziehen wir im Alltag an uns das Geheimnis des Todes und des Lebens: Wir sind tot fÜr die SÜnde

Ballt". WcrJe Licht III.

10

und leben Gott, in Christus J esus, in der Kraft des heiligen Opfers, das wir mitfeiern, und des Opfermahls der heiligen Kommunion.

So ringen wir Tag für Tag um das vollkommene Sterben und um das vollkommene Leben. Dieses wird unser Anteil in der Ewigkeit, wenn der Herr uns ruft: "Wohlan du guter und getreuer Knecht: geh ein in die Freude deines Herrn" (Matth. 25, 21).

Gebet.

Gott der Heerscharen, in Dir ist ganz und gar die Fülle des Guten; so pflanze unsern Herzen die Liebe zu Deinem Namen ein und gib uns Wachstum im religiösen Leben; laß das Gute erstarken und bewahre mit eifriger VatergÜte das Erstarkte. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Mittwoch der siebten Woche nach Pfingsten.

"E r neu e r t e u c h."

1. Das göttliche Leben, das wir durch die heil ige Taufe erstmals erhalten, ist uns nur als Keim eingesenkt. Es muß unter dem steten Einwirken der Gnade des Heiligen Geistes sich beständig entfalten.

2. Wir erwägen:

"D e r Tod der S ü n d e" ist in der heiligen Taufe erfolgt. Aber er muß täglich, ununterbrochen festgehalten, bej aht, erneuert und befestig-t werden. So ist es heiliges Gesetz der gegenwärtigen Heilsordnung. Durch eine einzige Sünde Adams haben wir mit einem Schlage alle übernatürlichen GÜter verloren. Wohl gibt uns Gott im Sakrament der Wiedergeburt das göttliche Geschenk der Gnade, der Gotteskindschaft zurÜck. Aber keineswegs in der Fülle und Kraft, in welcher Er es Adam gegeben hatte. Trotz der heiligen Taufe und der Tilgung der Erbsünde sowie aller persönlichen Sünden; trotz

1

Mittwoch: "Erneuert euch."

147

der Eingießung der heiligmachenden Gnade· in die Seele, bleibt in uns die böse BegierIichkeit. Sie ist die Quelle der Sünde, die in uns das göttliche Leben zu zerstören droht. Sie ist es, die uns den richtigen Blick, die Ruhe der Überlegung nimmt; die uns fÜr die Lockungen der Welt und des Fleisches empfänglich macht und uns beständig in Gefahr bringt, Gott und unserer heiligen Taufe untreu zu werden. Die Taufe hat die böse Begierlichkeit in unserem Herzen gelassen, auf daß wir unsere Verderbtheit täglich an uns erfahren und einsehen lernen, welche AbgrÜnde der sittlichen Verderbtheit und Gemeinheit in uns sind, auf daß wir kraft dieser Einsicht in Demut unser Unvermögen und unsere Sündhaftigkeit erkennen und uns eingestehen; auf daß wir uns um so mehr an Gott und die Gnade klammern; auf daß wir endlich im stete'n Ringen und Kampf gegen die Macht der Sünde, der Leidenschaften und Lockungen bewußt, gewollt, Gott die Treue halten und uns Tugend erwerben. "Der Tod der SÜnde" ist erfolgt; aber wegen der BegierIichkeit, die wir auch als Getaufte in uns tragen, und im "Gesetz der Sünde, das in unsern Gliedern herrscht" (Röm. 7, 23), zu fühlen bekommen, muß das Sterben fortdauern: im beharrlichen, unnachgiebigen Widerstand gegen Satan, in der wirksamen Ablehnung der Einflüsterungen des Teufels und der Lockungen des Fleisches und der Welt.

"E rn e u e r t eu chi neu e r e 111 S i n ne und ziehet den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit" (Eph. 4, 20). Die Gnade, der Urgrund des übernatürlichen Lebens in uns, drängt nach Entfaltung. Sie ist ein Keim. Sie ist das Gottesreich in uns, das, dem SenfkörnIein gleich, zum großen Baume heranwachsen will (Matth. 13, 31). "Wer gerecht ist, werde noch gerechter" (Offb. 22, II). Keiner ist hier auf Erden je so vollkommen, daß er nicht noch vollkommener werden könnte und. müßte. Ja

10*

148 nie Zeit nach Pfingsten: Siebte Woche.

"mü];lte". Es gibt kein bestimmte<; Maß der Tugend, des Glaubens, der Gottes- und Nächstenliebe, dem wir nicht immer noch etwas hinzufügen könnten. Tun wir es nicht, hören wir auf, weiter zu streben, in der Gnade und Tugend zu wachsen, dann hören wir auf, vollkommen, d. i. das zu sein, was wir nach Gottes Anordnung sein sollten. Unsere Vollkommenheit auf Erden besteht gerade darin, daß wir immer mehr das Gnaden- und Tugendleben, d. i. die Taufgnade, zur Entfaltung bringen. Sie besteht im steten Fortschritt. Sind wir einmal zurückgeblieben oder gar gefallen, dann nehmen wir den Fortschritt mit um so größerem Eifer wieder auf. "Erneuert euch" täglich, jeden Augenblick "in euerem Sinne". Stillstehen können wir nicht: denn nichts Geschaffenes bleibt, wie es ist. Entweder wächst es oder es nimmt ab. Entweder arbeiten wir voran oder es geht rückwärts. Entweder werden wir tiefer in Gott und Christus hineinwachsen oder aus Gott und Christus herausfallen. Nicht umsonst haben sc

. viele unserer Heiligen sich dur('h ein Gelübde dazu verpflichtet, unaufhörlich am Fortschritt in GnadE und Tugend zu arbeiten. Sie kannten den M enscher in seiner Schwäche, Feigheit und Unbeständigkeit Sie wußten, wie leicht er, sich selbst überlassen Zeit und Gnade vergeudet und hinter dem Zie zurückbleibt, das ihm gesteckt ist. "Erneuert euch' täglich "in euerem Sinne und ziehet den neuer Menschen an, der nach Gott geschaffen ist". Wil sind kraft der heiligen Taufe Glieder Christi, be rufen, Sein Leben zu leben, so sehr, so intensiv daß wir nach und nach "in das nämliche Bild" um gewandelt (2 Kor. 3, 18), Christi Gnaden- un( TugendfÜlle ausstrahlen!

3. Tod und Leben erneuern sich also seit de:

Stunde der heiligen Taufe in unserem L~ben. De Tod zum Leben und um des Lebens willen. "lei muß abnehmen, Er muß (in mir) wachsen" (Joh

Mittwoch: "Erneuert euch."

149

3, 30). "Ihr alle, die ihr in Christus g-etauft seid, habt Christus angezogen" (Gal. 3, 27), nicht wie ein Kleid, äußerlich, sondern innerlich. "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Rebzweige" (Joh. r5, 5)· Er will, Er muß in Seiner Kirche, in dem einzelnen Christen Seinen Geist, Seine Reinheit, Seine H ingabe an den Vater, Sein Leben der Demut, des Gebetes, weiterleben, täglich vollkommener.

Im Gedanken Gottes ist unser "der Sünde tot sein" endgültig. Und das neue Leben ist unsterblich. Leider aber können wir, durch unsere Schuld, in den Tod der Sünde zurÜckfallen. Daher die Notwendigkeit der Aszese. Sie stammt aus der T3Jufgnade und hat nur den einen Zweck, dem in der Taufe in die Seele gelegten Keim zur Entfaltung zu verhelfen. Das christliche Leben ist nichts anderes, als die stetig fortschreitende Entfaltung der durch die Taufe gegebenen GÜter, Tod und Leben. Diesem Zwecke dient insbesondere auch die heilige Liturgie. Sie stellt uns täglich in der Mitfeier der heiligen Messe in den Tod und das Leben Christi und der heiligen Kirche hinein und drängt uns damit, daß wir uns "in unserem Sinne erneuern".

Auch 'unser Leben im Himmel wird Tod und Leben sein: die vollkommene Befreiung von SÜnde, Tod und Leid und die volle Entfaltung des in der heiligen Taufe uns eingesenkten Keimes der Gnade.

Ge be t.

Laß mich in Treue Deine Wege wandeln, damit mein Fuß nicht wanke. 0 neig Dein Ohr, erhöre meine Bitte: laß Dein Erbarmen Wunder wirken: denn Du errettest, Herr, die auf Dich hoffen (Offertorium).

IS0 Die Zeit nach Pfingsten: Siebte Woche.

Donnerstag der siebten Woche nach Pfingsten.

"In Christus Jesus."

1. "Wir alle sind auf Christus getauft" (Epistel), in der kräftigen Sprache des Apostels in die Person Christi, des Herrn, hineingetaucht, hineingesenkt und dadurch in die innigste Verbindung und Lebensbeziehung zu Christus gebracht. Wir sind in die Sphäre des Lebens, das in Christus l4Id Seinem mystischen Leibe pulsiert, hineingehoben und aufgenommen. Das ist das unfaßbare Geheimnis, das am Anfang unseres christlichen Lebens steht.

2. Die he i li g eTa u f eis t die g ö it li eh g roß eHe i Ist a t im Leben des einzelnen, ähnlich wie es die Menschwerdung des Sohnes Gottes für die gesamte Menschheit war. Diese in der Taufe obj ektiv gegebene Gottestat begründete in uns das "Bauwerk Gottes" (1 Kor. 3, 9). Was wir selber in unserem Vollkommenheitsringen schaffen, ist im Verhältnis zu dieser Gottestat unendlich wenig. Aber anderseits ist die Aufgabe, die uns durch die Heilstat Gottes an uns gestellt wird, von einer ungeheuren Größe. Die Taufe, die wir einmal empfangen, ist die größte und allumfassendste Verpflichtung: zum Streben nach der christlichen Vollkommenheit und Heiligkeit. Mit einem absoluten, uneingeschränkten "Du sollst" bestimmt sie unser persönliches, freies Heilsstreben. So bietet uns die heilige Taufe, richtig verstanden und gewürdigt, ein Motiv des Strebens nach Vollkommenheit, dem kein anderes von ähnlicher Kraft oder von gleichem Werte an die Seite gestellt werden kann. Die heilige Taufe bildet in Wahrheit den. Ausgangspunkt für unser christliches Streben und Leben. Sie gibt grundlegend die Richtung. Sie trägt und kennzeichnet unser gesamtes christliches Leben und Streben. "So müßt auch ihr dafürhalten: ihr seid der Sünde tot und lebt Gott in Christus Jesus" (Röm. 6, II).

Donnerstag: "In Christus J esus." I 5 I

Die he i I i g eTa u f e ge b i e r tun s i n C h r is t u s hin ein. Indes nicht nur als einmaliger, vorübergehender Akt. Vielmehr begründet sie eine dauernde innere Lebensverbindung und Lebensgemeinschaft mit Christus in Seinem mystischen Leibe. dem Gnadenorganismus der heiligen Kirche. Die Gnade der heiligen Taufe ist die Urgnade. Sie drängt uns, daß wir die in der Taufe vollzogene Christusgemeinschaft dankbar, freudig, bewußt zu. täglich neuer, vertiefter Christusgemeinschaft entfalten und weiterbilden. Wie? Dadurch, daß "wir der Sünde sterben und für Gott leben in Christus Jesus". Es fehlt uns nicht das ehrliche Streben nach Vollkommenheit, wohl aber das freudige Bewußtsein der göttlichen Heilstat, welche in der heiligen Taufe an uns gewirkt worden; die Einsicht, daß diese Großtat Gottes an uns der Beginn und die Grundlage alles persönlichen Heilsstrebens ist und daß all unser Ringen nur die organische Entfaltung des übernatürlichen Lebenskeimes ist, der in der he.iligen Taufe in uns hineingelegt worden. Wreviel freudiger und kraftvoller wäre unser Streben, wenn es auf dem lebendigen Bewußtsein der großen Heilstat Gottes an uns, der heiligen Taufe, aufgebaut wÜrde! Wie viel wahrer wäre unser Ringen, wenn wir uns dessen lebendig bewußt blieben, wie gewaltig groß die Ausmaße des Ur-Sakramentes unseres Heiles sind, und wie unbedeutend und erbärmlich klein dagegen unser Vollkommenheitsstreben bleiben muß und ist! Mit wie viel größerem Mut gingen wir an die Arbeit! Um wie viel dauerhafter und kraftvoller wäre unser geistliches Streben! Darum stellt die heilige Liturgie den Taufgedanken in den Mittelpunkt ihrer heiligen Feiern hinein: in den Messen der heiligen Fastenzeit, in der Weihe des Taufwassers am Karsamstag, in den Messen der Sonntage nach Ostern und Pfingsten! Ja an jedem Sonntag erinnert sie uns in der Austeilung des Weihwassers eindringlich an das große Sakrament

152 Die Zeit nach Pfingsten' Siebte Woche.

der Taufe, das wir empfangen, an das von Got gelegte Fundament, auf dem wir weiterbauen.

3· Wir sind es gewohnt, in unserem Vollkommen heitsstreben von dem Gebote des Herrn, von Seinen Beispiel und insbesondere von den sog. evangelischer Räten auszugehen, die der Herr durch V/ort une Beispiel gelehrt hat. "Willst du vollkommen sein, s< gehe hin, verkaufe alles, was du hast, gib den Erlö den Armen, und dann komme und folge Mir nach' (Matth. r9, 2r). Wir tun gut daran. Aber wir über sehen dabei die grundlegende Verpflichtung kraf unserer Einverleibung in Chr:stus, in dessen Lebens fÜlle und Lebenskraft wir in der heiligen Tauf, aufgenommen worden sind. Wir sehen einseitig nu unser Verpfiichtetsein und unser MÜhen, nicht di, uns tragende Kraft und LebensfÜlle, die Gotte Heilstat in der heiligen Taufe in uns begründet hat Wir sehen allzu sehr und allzu ausschließlich nu uns allein, unser Unvermögen, unsere SÜndhaftig keit, unsere Anstrengung, und nicht zuerst und vo allem den in uns wirkenden, triumphierenden Herrn Ihn, den Weinstock, an dem wir Zweiglein seIt dürfen, getragen, gehaltf!n, genährt, geformt von VI! einstock.

"So müßt auch ihr festhalten : ihr seid Tote gegen Über der SÜnde, aber Lebende fÜr Gott", in der Ein verleibung in Christus, das Haupt, dessen Geist unc Kraft euch erfÜllt und durchlebt!

Gebet.

Gott der Heerscharen, in Dir ist ganz und ga: die FÜlle des Guten; so pflanze unsern Herzen dic Liebe zu Deinem Namen ein und gib uns Wachs· tum im rel igiösen Leben; laß das Gute erstarker und bewahre mit eifriger Vatergüte das Erstarkte Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Freitag: Abtö:ung.

'53

Freitag der siebten Woche nach Pfingsten.

Abt ö tun g.

I. Der Herr führt die Se;nen in die Wüste, abseits von den Bequemlichkeiten, Reizen und Genüssen des Erdenlebens. "Wir alle, die wir auf Christus getauft sind, sind auf Seinen Tod getauft" (Eprstel). Das Leben des Getauften ist seinem innersten Wesen nach ein beständiges Sterben. Und nur soweit wird er das Leben Christi in sich tragen und es entfalten und vollenden, als er in bewußter, zielsicherer Abtötung und Herrschaft über sich selbst täglich sich selbst verleugnet und sein Kreuz auf sich nimmt (Matth. 16, 24). Diese Wahrheit will uns die Liturgie von heute wieder in die Seele schreiben.

2. "Wir alle sind auf Seinen Tod getau f t." Die Eingliederung in Christus durch die Taufe ist ein Sterben in Christus, ein Gekreuzigtund Begrabenwerden mit Christus, Todesgemeinschaft mit Christus, ein Verbundenwerden mit dem Tode des Herrn, mit dem sterbenden, gekreuzigten Christus. Getauftsein bedeutet also sterben mit Ihm, der zu unserem Heil freiwillig das Leben der Armut, Entbehrung und Abtötung und das Kreuz, den Tod auf sich ge.nommen hat. Der V/eg zum neuen Menschen in Christus, zum neuen Leben, zum Mitbesitz des göttlichen Lebens in Christus und Seiner Kirche fÜhrt unausweichlich über das tägliche, stÜndliche Mitsterben mit Christus. Vor dem Auge des Getauften steht als Ziel seines Strebens und Sehnens die Vereinigung mit Gott, dem wahren Gut. Vollkommen wurde diese Vereinigung vollzogen, als der Sohn Gottes eine geschaffene Menschennatur aunahm und sie sich in der Einheit der göttlicheIl Person verband. Aber nach Seiner menschlichen Natur mußte unser Herr und Heiland diese Einheit mit Gott in sittlicher Tat vollenden. Sein menschliches Wollen mußte ganz aufgehen im göttlichen

154 Die Zeit nach Pfingsten' Siebte Woche.

Wollen. Das menschliche und göttliche Wollen mußte in allen Dingen vollkommen zusammenklingen. Wie kennte das anders geschehen als in einer beständigen, vorbehaltlosen Hingabe des menschlichen Wollens und Begehrens an den Willen des Vaters? Als in steter Selbstverleugnung, im vollendeten Ausdruck des Verzichtes auf sich selbst, in der freiwilligen Übernahme des bitteren, schmachvollen Kreuzestodes? In der höchsten Selbstverleugnung und Abtötung, im Tode am Kreuz, vollzog sich die vollkommenste sittliche Vereinigung der menschlichen Natur. Christi mit Gott, die vollkommenste Vereinigung des menschlichen Willens mit dem göttlichen Willen in die vollkommenste Liebeshingabe. Der Weg Christi aber, des Hauptes, ist auch der Weg Seiner Glieder, der Getauften. Wir sind Ihm in der heiligen Taufe angeschlossen und aufgepfropft, Ihm als dem Haupte vereinigt worden. Aber diese grundlegende Vereinigung muß in sittlicher Tat vollendet werden. Der Weg zu dieser Vollendung ist die Überwindung des Ich, die Abtötung und Selbstverleugnung nach dem Vorbilde des Hauptes Christus, und das bis zur höchsten Gleichförmigkeit mit dem Leben und Sterben Christi, des Hauptes. "Willst du vollkommen sein, so verkaufe was du hast, und komme und folge mir nach" (Matth. 19,21). "Wer nicht allem entsagt, was er hat, kann Mein JÜnger nicht sein" (Luk. 14, 33). Abtötung und Selbstverleugnung sind eine Grundforderung des Lebens in Christus. Ohne Abtötung und Selbstverleugnung kann es ein wahrhaft christliches Leben, ein in Christus Hineinwachsen, ein das Leben Christi MitbesÜzen und Mitleben nicht geben. "Wir sind auf Seinen Tod getauft."

"Wir sind also nicht Schuldner des F lei sc he s, so daß wir nach dem Fleische leben mÜßten. Wenn ihr nämlich nach dem Fleische lebt, werdet ihr sterben. Wenn ihr aber durch den 'Geist die Triebe des Fleisches ertöte!, werdet ihr leben"

FreItag: Abtötung.

ISS

(Röm. 8, 12). Das in Christussein bedeutet grundsätzl ich den Kampf gegen die bösen Triebe des niederen Menschen in uns, gegen die Begierlichkeit. Wohl ist unser Leib, kraft der heiligen Taufe, ein Tempel des Heiligen Geistes (I Kor. 6, 19). Wohl ist er durch die Einordnung Gottes in uns, durch die heiligmachende Gnade, durch die Gliedschaft mit dem uns lebendig verbundenen Christus geheiligt (1 Kor. 7, 34) und berufen, "dem Leibe der Herrlichkeit des verklärten Herrn gleichgestaltet zu werden" (Phi!. 3,21). Aber noch lebt in ihm die Begierde, die durch die Sünde in ihm herrschen will (Röm. 6, 12). Wir leben im Fleische, und deshalb suchen die sündhaften Begierden in uns wirksam zu werden (Röm. 7,5). Es lebt in unsern Gliedern ein Gesetz, das dem Gesetz des Geistes, der Vernunft, widerstreitet (Röm. 7, 23) und zu den Werken des Fleisches drängt, zur "Unzucht, Unfeinheit und Schwelgerei" (Ga!. 5, [9). Das Leben in Christus, das durch die heilige Taufe in uns begrÜndet ist, verlangt deshalb notwendigerweise die Ertötung der Begierlichkeit. "Die Christi sind, haben das Fleisch samt seinen Leidenschaften und Lüsten gekreuzigt" (Gal. 5,24). Von selbst stirbt nun kein Unkraut ab, am wenigsten das der Seele. Von selber wächst auch die Tugend, das vollkommene M itleben des Lebens Christi in uns nicht. Beständig muß gearbeitet werden, das Unkrau't ausgerissen, das Erdreich der Seele mit scharfem Spaten umgegraben werden: in der Abtötung der Geschlechtsund Gaumenlust, in der Abtötung der Sinne, in der Abtötung der Seele, ihrer Neigungen und Leidenschaften, der Empfindlichkeit und Heftigkeit, der Launenhaftigkeit und Verdrießlichkeit, in dem Kampf gegen die Fehler des Naturells und Charakters. "Wenn jemand Mir nachfolgen will, dann verleugne er sich selbst" (Matth. 16,24). Das ist das Grundgesetz des Lebens in Christus.

3· "Wir alle, die wir auf Christus getauft sind,

156 Die Zeit nach Pfingsten: Siebte \\'oche;

sind auf Seinen Tod getauft." So ist ein unabänder liches Gesetz des christlichen Lebens: Es gibt keil Heil als nur in der Teilnahme am Kreuze Christi in der Nachfolge des Gekreuzigten. Ob man un Christen von heute nicht allzu sehr mit Grund. unse optimistisches Ruhebedürfnis vorwirft? Unsere hel lenistische Schönheitsfreudigkeit, unsere humanisti sche Kulturtrunkenheit, unsere genußsüchtige Welt freudigkeit? Ob man uns nicht allzu sehr mit Rech nachsagt, daß wir ein allzu modernisiertes Christen turn leben? Denen, die Ihm in die Wüste folgen, di den Weg der christlichen Selbstverleugnung geher: gibt Er zu essen, Seine auserwählten Gnaden.

Daß wir die Sprache der Liturgie verstehen möch ten: Abtötung und Selbstverleugn~ng sind der Wei Christi, sind der Weg der Glieder Christi, der Ge tauften. "Christus ist gestern und heute, Er ist aucJ in Ewigkeit" derselbe (Hebr. I3, 8).

Gebet.

Ptlanze unsern Herzen, 0 Gott, die Liebe zu Dei nem N amen ein und gib uns Wachstum in de Gottesfurcht Nähre in uns das Gute und hüte e, Amen

Samstag der siebten Woche nach Pfingsten.

Lei den s g e m ein s c h a f t.

I. "Wir alle sind auf Seinen Tod getauft." Au die Leidens- und Todesgemeinschaft mit Ihm. Ihr höchste Vollendung erreicht die christliche Selbst verleugnung in der freudigen und bereitwillige Teilnahme am Leiden, am Kreuze des Herrn.

2. "Wer Mir na c hf 0 I gen will, nehme täg lieh sein Kreuz auf sich, und so folge er Mir (Matth. 16,24). Gottes Sohn verläßt den Himm( und kommt zu uns auf diese Erde, um unser Lebe zu teilen. Erst ist Er Mensch geworden, dann ha Er sich müde gearbeitet, ist unaufhörlich den Seele

Samstag: Leidensgemeinschaft. 157

Ilachgegangen; hat sich von den Menschen Beleidigungen und Widerstand gefallen lassen, bis sie Ihn endlich zum Tode verurteilten und kreuzigten. Sein Leben ist Leiden. Und Er hat es selber so gewählt. Freiwillig, mit voller Hingabe an den Willen des Vaters hat Er den Kelch getrunken, den Ihm der Vater zu unserem Heil zu trinken befohlen hatte. Um uns zum Vater zurÜckzuführen, um uns den Himmel zu erschließen und dem UnglÜck der ewigen Verdammnis zu entreißen, hat Er Sein Leben in Leiden, Schmerz und Entsagung zugebracht. Der "Mann der Schmerzen" (ls. 53, 3) von der Krippe bis zum Kreuz. Er liebt das Kreuz, die Armut, die Entbehrung. Er wehrt sich nicht, wenll Er unschuldig zur Geißelung geführt wird. Er leidet schweigend, innerlich sich vollkommen dem Vater hingebend, wenn sie Ihn in wüstester, verdemÜtigendster Weise verspotten und zum Hohn mit Dornen krönen. Er nimmt still, im Aufblick zum Willen des Vaters, Sein Kreuz auf sich und schleppt es die Anhöhe des Kalvarienberges hinan. Er leidet namenlose Pein. Nach drei Stunden, während derer Er am Kreuze langsam verblutet, "ist es vollbracht" (Joh. 19,30). Das ist der Sohn Gottes! Er geht den Weg des Kreuzes, der Leiden.

"Wir alle sind auf SeinenTod getauft."

Das ist der Chnst. Wir lieben es, das Leiden des Herrn zu betrachten, sei es an Hand des Betrachtungsbuches, sei es an Hand der Kreuzwegstationen, sei es im häufigen Aufblick zum Bilde des Gekreuzigten. Wir tun gut daran. Indes, unser Christsein, das "auf Seinen Tod Getauftsein", fordert mehr als nur eine Leidensbetrachtung. Es verlangt eine wirkliche, im praktischen Leben vollzogene und wirksam gewordene Leidensgemeinschaft mit Christus. Auf diese heilige Leidensgemeinschaft sind wir getauft. Wir sind dazu berufen, dereinst die Verklärung des Hauptes mitzubesitzen und mitzugenießen. Allein, zur Gemeinschaft Seiner Herrlichkeit wer-

158 Die Zeit nach Pfingsten: Siebte Woche.

den wir nur auf dem Wege gelangen können, auf dem auch Er, das Haupt, sich Seine Herrlichkeit erworben hat, in der Gemeinschaft Seiner Leiden. Nur dadurch, daß wir "mit Christus mitgekreuzigt" (Ga!. 2,19), mit Ihm in der Ahnlichkeit des Todes verwachsen sind (Röm. 6, 5). "Wir alle sind auf Seinen Tod getauft." Nur wenn wir und soweit wir Sein Leiden teilen, können wir dem durch Leiden und Tod hindurchgegangenen Herrn ähnlich werden. "Immerfort werden wir, die wir leben, dem Tode Überliefert, um J esu willen, damit auch das Lebe;l J esu an unserem sterblichen Leibe offenbar werde" (2 Kor. 4, II). "Immerfort tragen wir die Tötung Jesu an unserem Leibe herum, damit auch das Leben Jesu an uns offenbar werde" (2 Kor. 4, 10). Unser Leiden ist ein Christusleiden. Unsere TrÜbsale sind Christustrübsale (2 Kor. 1,5). Wir erachten alles Irdische für Kehricht und fÜr Verlust. Wir verlangen nur danach, daß wir "in der Gemeinschaft Seiner Leiden" erfunden und "Seinem Tode gleichgestaltet werden" (Phi!. 3, 9 10). Wir wollen mit Paulus keinen andern kennen als "Christus, und zwar den Gekreuzigten" (I Kor. 2, 2). Unser Lebell der Entsagung, der Abtötung, des Leidens ist ein bewußtes, freudiges Mitleben mit Christus, Mitsterben mit Christus - zum Mitleben mit Ihm. Wir lieben das Kreuz, die Entsagung, die Armut, die Abtötung, das uns von Ihm gesandte Leiden. Er gibt uns Seine eigene Leidenskraft und führt uns durch die Leidensgemeinschaft mit sich empor zu den Höhen der Gemeinschaft Seines Sieges, Seiner Auferstehung und himmlischen Herrlichkeit!

3. "Das ist Gnade, wenn einer aus Gewissenhaftigkeit gegen Gott das Leid trägt, das ihm ungerecht zugefÜgt wird. Wenn ihr Leiden erduldet, obschon ihr Gutes tut: das ist Gnade bei Gott. Dazu seid ihr ja berufen. Auch Christus hat fÜr euch gelitten und euch ein Beispiel hinterlassen, daß ihr in Seine Fußstapfen tretet" (I Petr. 2, 19).

Samstag: Leidensgemeinschaft. 159

Wen der Herr zur Heiligkeit erheben will, den schlägt Er erst ans Kreuz. Deshalb sind auch die mit Christus vollkommen Mitgekreuzigten diej enigen, denen Gott die größten Gnaden gibt.

Die Leiden sind wie für Christus, das Haupt, so für uns, die Glieder, die Pforte, durch die wir in die Wonnen d'er Verklärung eingehen. Es gibt also, im Sinne Christi gesehen, kein größeres übel in dieser Welt, als kein Leiden haben. Wenn wir nur in Christi Tod eingesenkt sind, christlich leiden, so ist es genug. Sind wir, krank oder von den andern verlassen, geächtet: wir leiden und sind zufrieden Können wir nicht so den geistlichen übungen uns widmen, wie wir es ersehnten: wir leiden und sind zufrieden., Ist es uns nicht gegeben, dem Nächsten zu dienen, wie wir es wünschten: wir leiden und sind zufrieden. Geht es uns in unserem Gebet oder in unsern Unternehmungen nicht so gut vonstatten: wir leiden und sind zufrieden. In Christus, mit Christus leiden ist besser als wirken, besser als Erfolge erzielen, bess'er als seine Zwecke erreichen. Die größte Wissenschaft ist: Wissen mit Christus zu leiden. "Wir sind auf Seinen Tod getauft."

Die heilige Liturgie fÜhrt uns täglich in die Kreuzesschule des Opfers der heiligen Messe. Da gehen wir immer tiefer in die Opfer- und Leidensgemeinschaft mit Christus ein, um 1ll der heiligen Kommunion Ihm zu neuer, innigerer Lebensgemeinschaft verbunden zu werden.

Gebet.

Laß mich in Treue Deine Wege wandeln, damit mein Fuß nicht wanke. 0 neig Dein Ohr, erhöre meine Bitte. Laß Dein Erbarmen Wunder wirken: denn Du errettest, Herr, die auf Dich hoffen (Qffertori um).

Die liturgische Meßfeier des siebten Sonntags nach Pfingsten.

I. Aufbau und Ausbau des Übernatürlichen, 111 der heiligen Taufe (Ostern) und in der Herabkunft des Heiligen Geistes (Pfingsten) begründeten Lebens, das ist das Thema des heutigen Sonntags. Wenn wir heute in das Gotteshaus eintreten, um die heilige Messe mitzufeiern, nimmt- uns die heilige Liturgie an Ihre Hand und weist uns hin auf den auferstandenen, in himmlischer Maj estät und Herrlichkeit thronenden Gottkönig Christus: "Der Herr ist erhaben, furchtgebietend, ein großer König, herrschend Über alle Welt." Er hat Seine Herrschaft auch über mich und all das M einige angetreten, seitdem Er mich in der heiligen Taufe aus der Gewalt der SÜnde und der Hölle herausgerissen hat. Dankbar, jubelnden Herzens anerkenne ich Sein Gnadenwalten und Seine Herrschaft über mich (Introitus) und flehe im Kyrie eleison, Er möge die Herrschaft Seiner Gnade und Huld, die Er in mir in der heiligen Taufe begrÜndet hat, festigen und vollenden (Oratio).

2. Es ist ein großes Werk, zu dem wir durch die heilige Taufe berufen worden sind: "Wie ihr dereinst eure Glieder in den Dienst der Unreinigkeit und Zuchtlosigkeit gestellt habt, so stellet sie jetzt in den Dienst der Gerechtigkeit und lebet heilig." Groß ist auch die Frucht, die aus einem der heiligen Taufe entsprechenden Leben erwächst: "Heiligkeit und das ewige Leben. Denn der Sünde Sold ist der Tod, die Gnade Gottes aber ist ewiges Leben in Christus Jesus, unserem Herrn" (Epistel). So zeichnet uns der hl. Paulus den Ungetauften und den Getauften, den Unerlösten und den durch die Gnade Erlösten, den Knecht der SÜnde und den Diener der

Die liturg. Meßfeier d. 7. Sonntags n. Pfingsten. 161 Gerechtigkeit. Da nimmt die heilige Liturgie sehr ernste Züge an. Sie hat offene Augen, es kann ihr nicht entgehen, daß es auch unter den Getauften, unter denen, die heute zur heiligen Opferfeier gerufen sind, "falsche Propheten" gibt, eitel N amenund Geschäftschristen, im Kleide und im äußern Gebaren Schäflein der Herde Christi, in Wahrheit reißende Wölfe. "An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen." Die Abwaschung mit den Wassern der heiligen Taufe, die Salbung mit heiligem öl, die Abschwörung, die sie dereinst gelobt, entscheiden nicht: es entscheiden die Werke, in denen die innere Gesinnung, der innere Mensch, sich ausspricht. Auch die Worte, die religiösen Übungen, der äußere Besuch des Gottesdienstes, die Teilnahme an christlichen Organisationen, Feiern und Veranstaltungen entscheiden nicht. "Keiner, der zu mir sagt: Herr, Herr, wird in das Himmelreich eingehen, sondern der den Willen meines Vaters tut, der wird in das Himmelreich eingehen." Mit diesen ernsten Worten schließt das Evangelium. Nicht mit frommen Worten wird das Reich Christi in der Seele auf- und ausgebaut, sondern mit heiligen Gesinnungen und Werken. Da beten wir unser Credo fast nur mit Zittern und Bangen. Verurteilen wir, indem wir uns zu diesem Worte Christi bekennen, nicht selbtr unsere Denkart, unser Tun und Leben?

3. "Wie ein Brandopfer von Widdern und von Tausenden von Lämmern, so sei unser Opfer heute vor Deinem Angesichte" (Offertorium). Ein Opfer, das den Opfernden etwas kostet, das er fühlt. Unendlich kostbarer als das kostspieligste Brandopfer des Alten Bundes ist unsere Opfergabe, Christus. Aber gerade hier gilt: "Keiner, der beim heiligen Opfer zu mir sagt: Herr, Herr." Wollen wir in Wirklichkeit die heilige Messe heute mitopfern, so genügt es nicht, einige Formeln zu sprechen, zu wiederholen: "Herr, Herr." Opfern, mitopfern, heißt sich selbst hingeben, seinen Willen, seine Neigungen Baur, Werde Licht. Ill. 11

162 Die Zeit nach Pfing,ten. Achte Woche.

hlIlOpfern an "den Willen des Vaters, der im H immel ist", allem sterben, was nicht mit dem heiligen Willen Gottes vereinbar ist: der SÜnde, den bösen Gelegenheiten und Anhänglichkeiten, den verkehrten Absichten, Worten, Werken, Beziehungen und Banden aller Art. Opfern, mitopfern, heißt mit seinem Denken und Urteilen, Streben und Wollen, Reden und Tun ein s werden mit Christus, eingehen in Christi Geist, so wie wir es in der heiligen Taufe gelobt und versprochen haben. Heißt im Alltag, im Beruf, im praktischen Leben Gott und Seinem heiligen Gebote leben, und so als guter Baum gute Früchte tragen. Zu dieser Gesinnung und zu dieselTl Willen bekennen wir uns heute, wo wir die heilige Messe mitfeiern. Wir legen nicht bloß leere Worte und inhaltslose Formeln auf die Patene, seien sie an sich noch so heilig, wir tragen unsern Willen zum Altar, unser Selbst, unser Herzblut, den Entschluß: "In allem ganz und nur, was und wie Gott will". Den Entschluß, fÜr die ganze kommende Woche unsere "Gliedcr dem Dienste der Unreinigkeit und Zuchtlosigkcit" zu entziehen und sie "in den Dienst der Gerechtigkeit (des heiligen Willens Gottes) zu stellen". Dann neigt Gott vom Himmel herab Sein Ohr zu mir und streckt Seine Vaterhand aus, um mich des Heiles teilhaftig zu machen, zu welchem Er mich in der heiligen Tallfe berufen hrlt lind dessen Unterpfand Er mir im Opfermahl der heiligen Kommunion gibt

Siebter Sonntag nach Pfingsten.

Der alt e und der neu e M e n sc h.

In scharfen Umrissen stellt die heutige Liturgie die bei den Typen einander gegenÜber: den alten Menschen, den Menschen ohne Gott, ohne Christus, den Menschen der "reinen Menschlichkeit", und den neuen Menschen, der in der heiligen Taufe aUi Gott

Sonntag: Der alte und der neue Mensch. 163 geboren, ll1 der heiligen Firmung vom Heiligen Geiste erfÜllt, als der geistige, gott- und christusdurchlebte Mensch dem Ziele des ewigen Gottes zueilt

2. DeI alt e Me n sc h "Einst habt Ihr eure Glieder in den Dienst der Unreinigkeit und Ungebundenheit gestellt, um ungebunden zu leben", nac11 den Gelüsten des zum Bösen geneigten Herzens. Ungebunden, frei, unbekÜmmert um das Gebot Gottes, um das Sittengesetz, das Er jedem Menschen ins Herz geschrieben hat. "Ihr waret Knechte der Sünde", nicht der Gerechtigkeit dienstbar" (Epistel). In dÜstern Farben zeichnet der Apostel den unerlösten Menschen. "Obwohl sie Gott erkannten, haben sie Ihn nicht als ,Gott geehrt. Vielmehr verfielen sie in ihren Gedanken auf Nichtigkeiten (d. i. Götzen), und ihr unverständiges Herz verfinsterte sich. Weil sie es verschmähten, Gott anzuerkennen, Überließ sie Gott ihrer verworfenen Gesinnung, so daß sie taten, was sich nicht geziemt. Sie wurden voll j egl icher Ungerechtigkeit, Bosheit, Habsucht, Verkommenheit, voll Neid, Mordlust, Streitsucht, Arglist und Tücke, erfinderisch im Bösen, unbotmäßig gegen die Eltern, ullverständig, treulos, herzlos, erbarmungslos" (Röm. I, 21 ff.). So hat es Paulus erlebt und gesehen. Und der moderne Mensch bestätigt das Urteil des Apostels. Sein e'-ster Grundsat, lautet:

Weg mit Gott, mit dem Glauben an einen Gott, an einen Christus, an eine Ubernatur, an ein Jenseits. Es gibt nur ein e n Gott: und dieser ist der Menschengeist, das Menschtul1l. Der Mensch ist sein eigener Gesetzgeber, sein eigenes Gesetz, sein eigener Richter. Ja es wäre unsittlich, wollte der Mensch ein Gebot erfüllen, das el sich nicht selber gegeben hat; und wäre jenes Gebot <luch der ausdrückliche Wille Gottes. Deshalb fort mit der Lehre von einer Erbsünde, von einem Erbverderben ! Die menschliche Natur, so wie sie ist, Ist gut, ist schön, ist keusch, ist rein, ist heil ig Was braucht uer Mensch

11'

164 Die Zeit nach Pfingsten: Achte Woche.

anders, als seiner Natur zu folgen, sich auszuleb sich seinen Trieben und Begierden hinzugebE Wozu brauchen wir also noch einen Erlöser, e Menschwerdung Gottes, eine Kirche, eine göttlic Hilfe, eine Gnade? Das ist der Geist des modern, autonomen, gottfreien Menschen Er ist sich seit Gott und Gesetz! Was dürfen wir uns wunde! wenn wir von allen Seiten nur von Ungerechtigke Unwahrhaftigkeit, Egoismus, Verkommenheit, v grenzenlosem sittlichem Elend Unserer heutig Menschheit lesen und hören? "Weil sie es VE schmähten, Gott anzuerkennen, Überließ sie Gr ihrer verworfenen Gesinnung." Knechte der SÜnd des Unglaubens, der Gottesleugnung, des Gotte hasses, der Selbstvergötterung I "Das Ende von d dem ist der Tod."

Der neu e Me n sc h st~llt seine "Glieder in dE Diep.st der Gerechtigkeit, um heilig zu leben. n seid, (durch die heil ige Taufe) von der Sünde b, freit, Knechte Gottes geworden. Ihr habt als eur Frucht Heiligkeit und am Ende das ewige Leben (Epistel). Kraft der heiligen Taufe und der Eir gliederung in Christus, den Weinstock, sind wir "de gute Baum" geworden, lebendige Zweige am "gute Baum", Christus! "Jeder gute Baum bringt gut Früchte." Nicht bloß leere Blätter. Der Herr for dert FrÜchte. "N icht wer zu Mir sagt: Herr, Herr wird ins Himmelreich eingehen, sondern wer deI Willen Meines Vaters tut." Das ist der neue Mensch der Christ. Tot den eigenen GelÜsten, den Reizel der Begierlichkeit des Fleisches, dem Zuge zur Hin gabe an die irdischen Dinge und Genüsse, dem Verlangen nach Ehre und Glanz bei den Menschen. lebt er "dem Willen des Vaters". Der gute Baum. der gute Frucht bringt! Gott und Gottes heiliger Wille in allem! Und Gott allein, Sein heiliger Wille, Sein heiliges Wohlgefallen allein in allem und vor allem! Das ist die Frucht des neuen Menschen! Sn haben wir es in der heiligen Taufe geschworen: "Ich

Sonntag: Der alte und der nelle Mensch. 165

glaube an Gott", d. i. "ich weihe mich Gott, ich lebe Gott, Seinem Willen und Gebot, Seinem Wohlgefallen!

3. Die heilige Liturgie steilt uns heute vor eine ernste Selbstprüfµng. "An ihren FrÜchten werdet lhr sie erkennen" - den alten Menschen und den neuen Menschen. "Als Werke des Fleisches (des alten Menschen) sind offenkundig Unzucht, Wollust, Götzendienst, Feindschaft, Streit, Eifersucht, Zorn, Zwietracht, Spaltungen, Parteiungen, Neid, Mord, Trunksucht und -dergleichen. Die derartiges treiben, werden das Reich Gottes nicht erben. Die Früchte des Geistes (des übernatÜrlichen, neuen Menschen) sind Liebe, Freude, Friede, Geduld, Milde, Güte, Vertrauen, Sanftmut, Bescheidenheit, Enthaltsamkeit, Keuschheit" (Gal. 5, 19 ff.).

"Wie ihr einst eure Glieder in den Dienst der Unreinigkeit und Ungebundenheit gestellt habt, um ungebunden zu leben, so stellet jetzt eure Glieder in dell Dienst der Gerechtigkeit, um heilig zu leben." Wir haben uns in der heiligen Taufe mit Leib und Seele in den Dienst der Gerechtigkeit, der Erfüllung des Willens Gottes gestellt. Wir vertiefen und bekräftigen diese unsere Hingabe an Gott und Seinen heiligen Willen in der täglichen Mitfeier der heiligen Messe. Wir legen alles auf die Patene, was wir sind und haben. Nichts von uns gehöre mehr der Welt. der Erde, der SÜnde, dem eigenen Willen, alles ganz und allein Gott und Seinem heiligen Willen! In der heiligen Kommunion vertiefen wir unsere Eingliederung in Christus und lassen uns noch voll· kommener VOll Seinem Geiste erfüllen, auf daß wir unsere Glieder vollkommen in den Dienst der Ge· rechtigkeit stellen und sprechen können: ., NI eine Speise ist es, den Willen des Vaters zu tun, der im Himmel ist" (Joh. 4, 34)·

166 Die Zeit nach Pfingsten: Achte V,'oche.

Ge u e t.

o Gott, dessen Vorsehung sich in - ihren schlüssen nicht täuscht, wir flehen in Demut zu wende alJes Schädliche von Uns ab und gewähre alles, was uns voranbringen kann. Durch Chr. unsern Herrn. Amen.

Montag der achten Woche nach Pfingsten.

Echte Frömmigkeit.

1. Kraft der heiligen Taufe sind wir Zweige Christus, dem fruchtbaren ~Teinstock. "Jede R an Mir, die keine Frucht bringt, schneidet Er ( Vater, der Weingärtner) ab. Jede, die Frucht brin reinigt Er, damit sie noch mehr Frucht brin~ (Joh. I5, I). Wir sind berufen, Frucht zu bringl "Jeder gute Baum bringt gute Früchte." "An ihr Friichten werdet ihr sie erkennen" (Evangelium).

2. "N ich t IV erz u Mir s iI g t : Her r, Her wir d in das Hirn m el re ich ein geh e n." W ueten. Wir beten viel. Aber wir beten vielfach nic richtig. Wir halten es leicht mit jenen, die "Her Herr" sagen - und dann weiter Ihren eigenen Ei! fällen folgen, ihren kleineren oder größeren Liel habereien frönen. \Vie viele beten stundenlang, ma chen täglich ihre Betrachtung, sind treu in ihre Lesungen, Gewissenserforschungen und Gebets Übungen alJer Art. Dabei aber sind sie gegen ihrl Umgebung verstimmt, launisch, rÜcksichtSlos, ego istisch. Sie beten, sind aber im Alltag ob jedel Kleinigkeit ungehalten, ohne Selbstbeherrschung, volJ liebloser Urteile im Denken, im Reden. Soll das die Frucht des christlichen Betens sein? Wahrlich, das ist kein wahres, gottgefälJiges Beten. Auch kein Beten, das den Menschen gefalJen kann. Es kann nur abstoßen und die Frömmigkeit verächtlich machen. Auf solchem "Herr-Herr"-Sagen ruht kein Se~en. Vielmeqr cjer f'Iuch' .. Sie werden in cjas

Montag: Echte Frömmigkeit. 167

Himmelreich" des vollen, chrrstlichen Lebens "nicht eingehen". ,,jeder Baum, der keine guten Früchte bringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen werden."

"Wer den W i I I e n M ein e s V a t e r s tut, der wird in das Himmelreich eingehen." "An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen." "Der gute Baum bringt gute Früchte." Nicht bloß Worte, ein leeres "Herr, Herr", sondern Früchte erwartet Gott von uns, die wir Christo eIngegliedert sind. Die Frucht aber ist: "Den Willen des Vaters tun." Das praktische Leben ist die Probe darauf, ob unser Beten echt ist. Werden wir durch unser Gebet nicht täglich von uns selber losgelöster, opferbereiter, treuer gegen Gott, dann ist unser Beten nicht echt. Macht es uns nicht j eden Tag noch eifriger im Kampf gegen unsere verkehrten Neigungen und Fehler, geduldiger und milder gegen die fremden Fehler und Schwächen, nicht unermÜdlicher in der Selbstverleugnung und in der Berufstreue, dann ist es nicht echt. Bewirkt unser Betrachten und Beten nicht, daß wir noch jeden Tag vollkommener, mit mehr Bereitwilligkeit uns Gottes Zulassungen und Schikkungen, den Leiden, Krankheiten, schwierigen Verhältnissen, Unannehmlichkeiten aller Art, Versuchungen und innern Prüfungen unterwerfen, dann ist es nicht echt. Echtes Beten drängt unfehlbar und mit innerer Notwendigkeit zur Bereitschaft, in allem, in gar allem Gottes Willen zu tun und Gottes Willen anzunehmen, mag die Natur noch so seh r zu leiden haben. Das Letzte und Tiefste im Gebet ist die Liebe: Soweit wir lieben, soweit beten wir. Gott liebell aber heißt bereit sein, Gottes Willen zu tun und anzunehmen. "Wer den Willen Meines Vaters tut, der wird in das Himmelreich eingehen."

3· Die Frömmigkeit erschöpft sich nicht darin, daß wir Übungen der Frömmigkeit verrichten, gerne und viel beten. Frömmigkeit ist eine Willenshaltung, die in das ganze Leben eingreift Und es bestimmt. Sie

168 Die Zeit nach Pfingsten' Achte Woche.

ist das Streben, alles, was der Tag brIngt, von Gott von der Zulassung, vom Willen und Wohlgefallen von der Vorsehung und Liebe Gottes her zu be trachten und anzunehmen, es in Gott zu sehen unI im Hinblick auf Gott, Gottes 'Wohlgefallen und Ehfl zu lieben, zu tun, zu leiden. "Wer den Willen Mei nes Vaters tut!" Die Frömmigkeit bricht mit allem womit wir Gott beleidigen oder Ihm mißfallen müß· ten. Angstlieh flieht sie jede bewußte Verfehlung Untreue, Unvollkommenheit. Sie ist ebenso um da! Gebet besorgt, wie um die Liebe zum Nächsten une um die Pflichterfüllung. "N icht wer sagt: Herr Herr, wird in das Himmelreich eingehen, sondern nur, wer den Willen Meines Vaters tut." Soweit sind wir in Wahrheit fromm, innerlich, vollkommen, als wir uns bemÜhen, den Willen des Vaters zu tun, der im Himmel ist.

"Wie ihr einst eure Glieder in den Dienst der Unreinigkeit und Zuchtlosigkeit gestellt habt, so stellt jetzt eure Glieder in den Dienst der Gerechtigkeit und lebet heilig. So habt ihr als eure Frucht Beiligkeit und am Ende das ewige Leben" (Epistel). Das ist "unsere" Frucht: Heiligkeit, in der ErfÜllung des vVillens des Vaters, der im Himmel ist, und am Ende das ewige Leben. "Jeder gute Baum bringt gute FrÜchte."

Gebe t.

o Gott, dessen Vorsehung sich in ihren Ratschlüssen nicht täuscht, wir flehen in Demut zu Dir: wende alles Schädliche von uns ab und gewähre uns alles, was uns zum Heile sein kann. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Dienstag der achten Woche nach Pfingsten.

Der gute Baum

I. Ostern hat uns das neue Leben geschenkt. Der Piingstgeist bringt es zur vollen Entfaltung 1Jnd

Dienstag: Der gute Baum.

169

fÜhrt es der Reife entgegen, ähnlich wie in der N atm der Sommer mit seinem Licht und seiner Glut die Saaten heranreifen läßt. Wie ein Landmann im Sommer die Felder anschaut, wie sie stehen, ob alles wachse und reife, so tut es heute die heilige Liturgie. Sie erwartet FrÜchte. "An ihren FrÜchten sollt ihr sie erkennen" (Evangelium), die wahren Christen, die wahrhaft Frommen, Gottgeweihten. Nicht der Taufschein gilt. nicht die Zugehörigkeit zu einem religiösen Verein, nicht der Habit oder der Schleier. FrÜchte werden verlangt. "Jeder Baum, der keine guten Früchte bringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen" (Evangelium). Die Liturgie nimmt es mit dem Wachsen und Reifen des göttlichen Lebens ernst.

2."Der schlechteBaum bringt schlechte Fr ü c h t e." Auch er bringt Frucht. Aber schlechte Frucht, die unbrauchbar ist und weggeworfen wird. Schlechte Bäume sind wir, solange wir den Trieben, Leidenschaften und Werken der gefallenen Natur leben, fern vom Leben Gottes und Christi, ohne die heili-ge Taufe, ohne die heiligmachende Gnade. Wir mögen in diesem Zustande arbeiten, uns abmÜhen, die Welt mit unsern Leistungen in Erstaunen setzen: es sind leere Früchte, wilde FrÜchte, lauter Totgeburten, ohne einen Wert für das ewige Leben, fLir das wir berufen sind. Schlechte Bäume sind wir, solange wir, durch die heilige Taufe Gott und Christus verbunden, unserer Taufe untreu werden und durch schwere SÜnden uns von Gott und Seinem Leben trennen. Noch hält uns der Charakter der heiligen Taufe und der heilige Glaube an Gott und ChristlIs: aber wir sind abgestorbene, verdorrte Zweige am Weinstock Christus, unfruchtbar an guten, heiligen Früchten, fruchtbar an bösen, unheiligen, sÜndhaften Gedanken, Begierden, Taten. Schlechte Bäume sind wir, solange wir zwar durch den Besitz der heiligmachenden Gnade Gott und Christus lebendig verbunden bleiben. es aber mit der

170 Die Zeit nach Pfingsten: Achte Woche.

Pflege des göttlichen Lebens in uns nicht ernst nehmen. Wir tun keine großen SÜnden. Aber im übrigen ist uns wenig an einem Wachstum des innerlichen Lebens gelegen. Wir wollen es uns bequem machen, uns nicht anstrengen, an keine Ordnung halten; das Religiöse auf ein Mindestmaß einschränken. Wir sind lau. Und die Frucht davon? ,,0 daß du kalt wärest oder warm! Weil du aber lau bist, will Ich anfangen, dich aus Meinem Munde auszuspeien" (Offb. 3, 16). Schlechte Bäume sind wir, solange wir uns nicht ehrlich um ein inneres Wachstum. um Tugend und Vollkommenheit bemÜhen. V/ir sind ein Baum, der grünt und blÜht, es aber auch nur zu grÜnen Blättern bringt: unser Vollkommenheitsstreben, unser Christentum ist geboren aus dem Verlangen nach Menschenehre, nach Geltung vor den Menschen, nach Erfolg oder aus einer Wichtigtuerei, aus dem Wunsch, es andern gleich zu tun. FrÜchte, ja, aber ~Lhlechte Früchte!

"E i n gut erB a u m k a n n n ich t s chi e c h t e Fr Ü c h t e b r i n gen." Ein guter Baum ist die hei" lige Kirche. Sie ist der Baum "an Bachesrand gepflanzt. Er trägt seine Frucht zur rechten Zeit, sein Laub welkt nie" (Ps. I, 2). Die Wurzeln dieses hehren Baumes liegen in Gott, in Christus, in der geöffneten Seite des am Kreuze schlafenden zweiten Adam. Aus Ihm. aus der unendlichen FÜlle Seines Lebens schöpft sie in ihren heiligen Sakramenten ununterbrochen frisches Leben, neue Kraft und Fruchtbarkeit. Unaufhörlich setzt der Baum deI' Kirche neue Zweige an und reift sie aus in den vielen reinen, heiligen Seelen, die sie täglich dem himmlischen Bräutigam entgegenführt. Gute Bäume können auch wir sein, im Garten der heiligen Kirche. Uns schaute Ezechiel, da er die Quelle sah, die vom Tempel ausging und zu einem lebenspendenden Strom wurde, an dessen Ufern Bäume standen, jeder reich mit Früchten beladen. Der Tempel, von dem die Quelle ausging. ist Christtls der Herr "Von

Dienstag: Der gute Baum. 171

Seiner FÜlle haben wir alle empfangen" (Joh. 1, 16). Ihm smd wir als lebendige Zweige verwachsen:

"Icn Dm der Weinstock, ihr seid die Zweige" (J oh. 15, 5). Der Strom ist die von Christus, dem Erlöser, ausgehende Gnade, die sich in den heiligen Sakramenten der Kirche und in den vielen Beistandsgnaden, Erleuchtungen, Anregungen über uns ergießt. Der Baum sind wir. Er trägt seine Frucht zur rechten Zeit: die Frucht heiliger Gesinnung, heiliger Werke, heiliger Gottes- und Nächstenliebe; die Frucht der Verdienste fÜr das ewige Leben. Es kommen auch Über uns die StÜrme der Versuchungen, PrÜfungen und Leiden. Aber sie können unsere Lebenskraft und Fruchtbarkeit nicht hemmen, solange unsere Wurzeln in Christus verwachsen sind. Wir ziehen unsere Kraft und Fruchtbarkeit aus Ihm, dem heiligen Quell, der FÜlle alles Heiligen, Edlen, Reinen, Starken! "Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen." Alles kommt darauf an, daß wir dem Weinstock Christus lebendig ver· bunden bleiben und täglich noch inniger Ihm verwachsen. Darauf, daß wir Ihm restlos die Treue halten, wie wir es Ihm in der heiligen Taufe versprochen haben. Darauf, daß wir freudig und entschlossen allem entsagen, was unser Hineinwachsen in Christus hindern, aufhalten oder gar stören könnte! "Erkenne, 0 Christ, deine WÜrde!" (HI. Leo der Große.) Sei ein guter Baum, der nur gute Früchte zeitigt!

3. Wir sind als gute Bäume in den Garten der Kirche gepflanzt. Alle Lebensbedingungen und alles, was zum Wachstum und Fruchttragen notwendig ist, ist uns in reichstem Maße zur VerfÜgung gestellt. Wo sind die FrÜchte? FrÜchte müssen wir aufweisen. Alles andere trÜgt.

Gute FrÜchte! FrÜchte einer wahren Buße und Umkehr. Früchte vor allem der Liebe zum Nächsten. Wer glaubt, er liebe Gott, er liebe Christus, liebt aber seinen Nächsten nicht, def täuscht sich:

172 Dit' Zeit nach Pfingsten: Achte Woche

er 1st ell1 uufruchtbarer Baum_ Tatkräftige, gebende. unterstützende, helfende Nächstenliebe, die das Ihrige mit dem Armen, N otleidenden teilt und gern auch von dem Wenigen gibt, das sie besitzt.

,,] eder gute Baum, der keine Frucht bringt, wiFd ausgehauen und ins Feuer geworfen." "Nicht wer zu Mir sagt: Herr, Herr, wird ins Himmelreich eingehen." "Saget nicht, wir sind Kinder Abrahams" (Matth. 3,8), wir sind getauft, Kinder dfr Kirche. Saget nicht: Wir katholische Christen haben die Wahrheit. Das Getauftsein, die Zugehö!-igkeit zur Kirche, die Wahrheit, die wir besitzen, muß Frucht bringen! Nicht leere Bäume will Gott, sondern Früchte!

Ge be t.

Dein heilsames Wirken, 0 Herr, befreie uns von unsern verkehrten Neigungen und führe uns zu dem hin, was recht ist. Amen.

Mittwoch der achten Woche nach Pfingsten K n e c h t eGo t t e s und Kin der G 0 t t e s.

I. Die Kirche ruft uns: "Kommet, Kinder, höret auf mich: die Furcht des Herrn will ich euch lehren. Nahet euch Ihm und ihr werdet licht und euer Angesicht wird nicht verstört" (Graduale). Das ist gleichsam die Antwort der Kirche, der Mutter, auf das Wort der Epistel: "Von der Sünde befreit, seid Ihr Knechte Gottes geworden. Lebet Ihm, dienet Ihm, mit der Treue des Knechtes, aber im Geiste des Kindes, glücklich, dem Vater leben zu dürfen!

2. "Ihr seid Knechte Gottes geworden."

Knechte Gottes und deshalb ganzes, ausschließliches Eigentum Gottes. Unser ganzes Sein, Denken, Wollen, Tun gehört Ihm und darf nur Ihm gehören. So haben wir es in der heiligen Taufe geschworen:

"Ich glaube an Gott." Ich glaube: "mit allem, was ich birt und besitze, gehöre ich Gott an und bin ich

Mittwoch Knechte Gottes u. Kinder Gottes. 173 Ihm geweiht. Knechte Gottes. Also kommt für uns Getaufte nur ein e s in Betracht: der heilige Wille Gottes, des Vaters. Unser Leben ist soweit ein christliches Leben, als es in den Dienst des \Nillens Gottes gestellt ist. In nichts dem eigenen Willen leben, den Wünschen des Herzens, dem eigenen Geiste, den Eingebungen irgend einer ungeordneten Leidenschaft, in nichts sich von der Eigenliebe bestimmen lassen, sondern allein und ausschließlich von dem, was Gott lieb ist, was Er zuläßt, fügt und schickt, an Obliegenheiten und Pflichten, an Verdemütigungen, Störungen, Widerwärtigkeiten, Enttäuschungen, Leiden aller Art. "Nicht wie ich will, sondern wie Du willst" (Matth. 26, 39). Wie der Tropfen Wasser, den der Priester bei der Opferung in den Kelch gießt, vollkommen im Wein aufgeht, so muß des Christen Wille in allen Dingen und Verhältnissen unaufhörlich in das Wollen Gottes eingehen und in Ihm untergehen. Wenn das Samenkorn in die Erde gesenkt und durt gestorben ist, dann bringt es viele Frucht. Wird es aber nicht in die Erde gesenkt, dann bleibt es allein, ohne Frucht (Joh. 12, 24). Erst, wenn unser ganzes Suchen und Wollen in die Abgründe der -Weisheit, Reinheit und Heiligkeit des göttlichen Wollens hinabgesenkt und dort in Gottes Willen eingegangen ist, bringt es viele Frucht: es ist aufgenommen in das heilige, selige Wollen Gottes. Ein Wollen mit dem Wollen Gottes! In diese Höhen wollen uns Ostern und Pfingsten hinaufheben. "Kommet, Kinder, die Furcht des Herrn will ich euch lehren. Nahet euch Ihm (in dem Eingehen in Seinen Willen) und ihr werdet licht." Ein Leben unaussprechlichen GlÜckes und heiliger Ruhe in der Vereinigung mit Gott!

Gott sandte den Geist Seines Sohnes in unser Herz, der da ruft: "Abba, Vater. So bist du denn nicht mehr Knecht, sondern Kind" (Gal. 4, 6). Knechte Gottes, aber nicht mit der Gesinnung des Knechtes, des Sklaven, sondern des Kin-

174 Die Zeit nach Pfine-sten: Achte Woche

des. Der Knecht dient aus Furcht vor der Strafe Er gehorcht, aber nicht aus dem Drang der Liebe um dem Herrn Freude zu machen, er gehorcht aw Zwang, aus Not, mit innerem Widerspruch une Widerwillen, ohne Interesse für die Sache des Herrn ohne innere Teilnahme, ohne innern Antrieb. Ander~ das Kind, der Sohn. Er dient dem Vater, weil er ihn liebt; weil er ihm Freude machen; ihn beglücken will. Er hat ein aufrichtiges Interesse für alles, was den Vater berÜhrt, und kennt nur die eine Furcht, den Vater nicht so zufrieden stellen zu können, wie er es möchte, oder gar mit irgend etwas dem Vater wehe zu tun. Wir dienen Gott als Kinder, im Drang der Liehe, nicht der beengenden, hemmenden Furcht vor der Strafe der Hölle. Die Furcht ist gut und notwendig, um in uns den Geist dei Buße und Abtötung lebendig zu halten; sie ist notwendig, da wir oft gefährlichen Gelegenheiten und Versuchungen ausgesetzt· sind. Aber das, was uns in unserem Tun und Lassen vorherrschend bestimmt und drängt, muß die heilige Liebe sein. Unser Gott und Vater verdient es, daß wir Ihm aus edleren und erhabeneren Motiven dienen als aus dem Motiv der Furcht. Wir sind auf die Liebe Gottes getauft "Du sollst den Herrn, Deinen Gott, lieben" (Matth 22, 37). Die Furcht hält uns vom Bösen zurück Die Liebe drängt uns zum Guten. Ja sie macht uns erst eigentlich stark, um das Böse zu überwinden. Sie achtet der Opfer, der Schwierigkeiten, des Widerstandes der Natur nicht. Sie schaut allein auf den Vater, auf das, was Ihm lieb ist, was Seinen Interessen, Seiner Ehre dient, und gibt hochherzig alles. Sie hat nie genug geliebt, nie genug gegeben und getan. Sie drängt zu immer neuen Beweisen der Liebe, zu Opfern und Taten der Liebe! Und Gott antwortet Seinerseits mit neuen Erweisen Seiner Liebe. Er zieht die Seele an sich: die Furcht, welche die Seele bisher gefangen hielt und sie im liebenden Umgang mit Gott noch hemmte, weicht

Mittwoch Knechte Gottes u. Kinder Gottes. 175 ell1er unaussprechlIch seligen Vertraulichkeit und einem unerschütterlichen Vertrauen auf Seine Liebe. Selbst die Furcht, Ihn zu wenig zu lieben, Ihm wehe zu tun, ist nicht mehr eine quälende Furcht. Sie spornt die Seele vielmehr an, um so wachsamer zu sein, um so tapferer zu kämpfen und mit allem, was Er nicht ist, zu brechen. Und wenn sie dem Vater einmal mit etwas wehe getan, dann eilte sie in Demut, Reue und Vertrauen zu Ihm und weiß, daß Er ihr den Kuß des Friedens gegeben. Immer reiner lebt in ihr das Verlangen, Ihm alles zu geben. "Du sollst den Herrn, Deinen Gott, lieben." "Die Liebe, vollkommen geworden, vertreibt die Furcht" (I Joh. 4, 18). Auf diese Liebe hin sind wir getauft.

3. Wie der Vater es mit uns gut meint! "Einst ,tclltet ihr eure Glieder in den Dienst der Unreinigkeit und Zuchtlosigkeit und waret ihr Knechte der Sünde, nicht der Gerechtigkeit, nicht dem, was recht ist, dienstbar." Und die Frucht davon? "Das Ende \'on all dem ist der ewige Tod" (Epistel). Gott hat uns aus reiner Liebe und Gnade "von der Sünde befreit". Wir sind "Knechte Gottes" und haben den Beruf und die Kraft erhalten, "unsere Glieder in den Dienst der Gerechtigkeit zu stellen und heilig zu leben". Unsere Frucht: "Heiligkeit und am Ende das ewige Leben". Was können wir anders als danken? Danken mit Worten, danken mit der Darbringung unserer Opfergabe Christus, danken mit unserem Leben!

"Ihr Völker alle, klatschet in die Hände, umjauchzet Gott mit JubelschalI" (Introitus). Die große Aufforderung an uns, die Getauften, die Kinder Gottes, daß wir Ihm immer und allezeit Dank sagen, vorzüglich in der Feier des heiligen Opfers. "Wie Brandopfer von Widdern und Farren und tausender fetter Lämmer, so soll heute unser Opfer sein vor Deinem Angesichte" (Offertorium): ein Opfer des Dankes und Lobpreises durch Christus, unsern Herrn.

176 Die Zeit nach Pfing-sten' Achte Woche.

Gebet.

Dein heilsames Wirken, 0 Herr, befreie uns 1 unsern verkehrten Neigungen und führe uns zu d hin, was recht ist. Amen

Donnerstag der achten Woche nach Pfingste' Der Wille Gottes

L "Von der Sünde befreit, seid ihr Knechte G tes geworden. Als eure Frucht habt ihr Heiligk und am Ende das ewige Leben" (Epistel). In die, kurzen Worten hat der Apostel unser ganzes Leb dargestellt: VOll der Sünde empor zum Leben f Gott, zur Heiligkeit, zum ewigen Leben. Kned Gottes, mit der Aufgabe, den Willen Gottes zu tt Das ist das Gesetz unseres Lebens: In allem Gott Willen tun. Und deshalb zuerst in allem Gott \i'v'illen sehen.

2. Go t t e s Will e n i n all e m se h e n. In all Dingen, Vorkommnissen, Obliegenheiten, Arbeite Schwierigkeiten, Leiden, VerdemÜtigungen. In an Forderungen der gesunden Vernunft, des beru lichen, gesellschaftlichen Lebens. In allem, was u: den Tag über begegnet, Angenehmes und Una genehm~s. In a.llem Gott sehen: Seine Vorsehun Seine Fügung, Zulassung, Schickung, Sein Wirke Seine Hand. Es braucht einen tiefen, lebendig, Glauben. Ein Auge, das nicht bei der äußern Hül der Dinge, der Erlebnisse, und nicht beim erste Eindruck stehen bleibt. Vielmehr ein Auge, das i allem zum Letzten und Tiefsten der Dinge und d! Lebens vordringt, zu Gott, zu Seinem Wirken i den Dingen, zu Seiner unendlich weisen und lieber den, alles leitenden und ordnenden Vorsehung. Da ist der Christ. Er sieht mit den Augen Gottes, m dem Auge des Glaubens und urteilt nicht mehr bio nach menschlich-natürlichen Gesichtspunkten un Grundsätzen Er si~ht auch nicht zuerst das eigen

Donnerstag: Der Wille Gottes. 177

Interesse, den eigenen Vorteil, das Ich vor dem Willen Gottes. Er stellt die Sorge um das eigene Wohlergehen, um die Gesundheit, um die Erfüllung dieses und jenes Wunsches, um die Befreiung von dieser oder jener Unannehmlichkeit, von diesen oder jenen Verhältnissen, Personen, Schwierigkeiten, Mühen, Prüfungen, Versuchungen und Leiden bewußt und jederzeit hinter den Willen Gottes zurück. Gottes heiliger Wille ist das erste, was er in den Dingen sieht. GlÜcklich die Seele, der alles andere vor dem Glan~ und der Schönheit des göttlichen Willens verschwindet.

Gottes \-Villen lieben und tun. V\'ohl Ist der Wille Gottes, der sich wie ein Gesetz auf unser Leben legt und j eden Schritt und Tritt bestimmt und regelt, der Natur und ihren Wünschen und N eigun gen oft unerwünscht und unangenehm. Ein Joch, das ihr nicht selten hart und drückend erscheint. Wer sich diesem Joch nur ungern und widerstrebend beugt, den erdrückt es. Wer es aber mit willigem Herzen umfängt, den trägt es zur Einheit mit rlem reinen, heiligen, machtvollen Wollen Gottes empor. Wer aus dem Geiste Christi lebt, liebt das Gesetz, das Joch des Willens Gottes. Er liebt die Arbeit, die Pflicht, die Anordnungen der Eltern, der Vorgesetzten. Er liebt die Gebote Gottes, die Gebote und Vorschriften der Kirche,. die Regeln, die Disziplin des Ordens, dem er angehört. Mehr als die Natur vor den Schwierigkeiten der Arbeit und Pflichterfüllung, vor den Entsagungen, Verdemütigungen und Widerwärtigkeiten des Lebens zurÜckschreckt, liebt er den Willen Gottes, den er in allem sieht und sucht. Deshalb wird er stark, alle Pflichten und Vorschriften mit ganzer, edler, beständiger Treue zu erfüllen. Nichts ist ihm klein, unbedeutend, so daß er es vernachlässigen dÜrfte. Ihm ist alles ein beglÜckendes und unendlich bereicherndes lI'Iitwollen des Wollens Gottes, Mitleben des Lebens Gottes. In allem begegnet er und berÜhrt er sich mit Bom. Werde Lirbt. Tl L 12

178 Die Zeit nach Pfingsten: Achte Woche.

Gottes Willen. So 1st ihm alles heilig, ehrfurchtgebietend, auch die kleinste Obliegenheit. Der wahre Christ wird nicht mehr von der rein menschlichen Auffassung und von bloß menschlich-natürlichen BeweggrÜnden bestimmt: sein Leben ist lautere, starke Liebe zu dem, was Ihm wohlgefällt, was Ihm lieb ist, was Er will und wünscht. Er fragt nicht mehr: \Nie weit bin ich verpflichtet? Wie weit bin Ich frei und kann ich tun, wie es mir gefällt? Bis wohin kann ich mich einer Pflicht ohne Sünde entziehen? Er liebt. Die Liebe kennt solche Unterscheidungen und Fragen nicht. Und in dem Grade, als er liebt, erfüllt er den Willen Gottes, freudig, ohne Vorbehalt, ohne zu ermüden, ja täglich noch mehr, noch treuer, noch heiliger. Ein guter Baum, der gute Früchte bringt.

3. Wir sind auf Erden, um Gott zu erkennen, in allem zu sehen; um Ihn zu lieben, Ihm zu dienen, und dadurch in den Himmel zu' kommen. Zuerst Gott, Seine Verherrlichung, dann wir, unser Wohl, unser Heil, unsere Seligkeit in Gott und durch Gott!

"Kommt, ihr Kinder, höret mich, die Furcht des Herrn will ich euch lehren" (Graduale). "Wie ihr einst eure Glieder in den Dienst der Unreinigkeit und Zuchtlosigkeit gestellt und zuchtlos gelebt habt, so stellt jetzt, als Getaufte, eure Glieder in den Dienst der Gerechtigkeit", der Erfüllung des Willens Gottes. "Wer den Willen Meines Vaters tut, der im Himmel ist, der wird in das Himmelreich eingehen."

"Wer den Willen Meines Vaters tut, der wird in das Himmelreich eingehen." Er läßt sich gegenüber seinen Pflichten und Obliegenheiten nicht bei der äußern Erscheinung, bei dem Schleier der äußern Obliegenheit aufhalten, um Gott in der Ferne, in einer Andachtsübung zu suchen. Er weiß Gott nahe, ganz nahe. Er entdeckt Ihn in der Arbeit, in der Pflichterfüllung. Er weiß, Gott ist da, wo Sein Wille ist, in dieser Obi iegenheit, in dieser Arbeit. Er weiß, wo

Freitag-: Der Wille Gotte~.

179

Sein Wille ist, da ist auch Seine Gnade und Seine Hilfe. Er weiß, er begegnet Gott in der Erfüllung seiner Pflicht. Er versenkt sich in die Erfüllung seiner Pflicht, um sich so in Gott zu versenken und sich Gottes Willen zu vereinigen! Er findet in allem Gott, das Himmelreich.

Gebet.

o Gott, dessen Vorsehung sich in ihren Ratschlüssen nicht täuscht, wir flehen in Demut zu Dir: wende alles Schädliche von uns ab und gewähre uns alles, was uns voranbringen kann. Durch Christus llnsern Herrn. Amen

Freitag der achten Woche nach Pfingsten.

Der W i I 1 eGo t t e s.

I. "ihr Völker alle, klatschet in die Hände, jubelt Gott mit lautem Jauchzen. Denn hoch erhaben und gewaltig ist der Herr, der große König über alle Welt" (Introitus). Ihm sind wir, von der Sünde befreit, "Knechte geworden" (Epistel), berufen und bereit, Seinen Willen zu tun und anzunehmen. Tun und annehmen. Tun, was immer Gott von uns wünscht, daß wir es tun (geoffenbarter Wille Gottes), annehmen, uns dem unterwerfen, was Er liebend in uns und an uns wirkt (Wille des Wohlgefallens Gottes). Tun und annehmen, aktive und passive Erfüllung des Willens Gottes: das ist der vollkommene Weg zur Heiligkeit und zum ewigen Leben. "Von der Sünde frei, seid ihr Knechte Gottes geworden und habt als Frucht Heil igkeit und das ewige Leben."

2. Go t t f ü h r tun s. Er tut es auf zweifache Art. Entweder nimmt Er uns bei der Hand und läßt uns mit sich gehen. Er gibt uns Seinen Willen =Q. uml läßt uns in den Geboten, Pflichten, Ob-

liegenheiten, "Ford.erun~end.er ~atuI uuQ.d.e~ ~e- 12*

180 Die Zeit nach Pfingsten: Achte Woche.

seIlschaftlichen Lebens erkennen, was wir zu tUl haben ("geoffenbarter Wille Gottes"). Wir halteJ uns in der ErfÜllung Seines Willens an der Hanl "Seiner Absichten, Gebote und Forderungen uni machen so "unsere kleinen Schritte" (hl. Franz VOJ Sales). Oder aber - und das ist die zweite Art, au die Gott uns fÜhrt - Er trägt uns in Seinen Armen wir lassen uns von Seinem Wirken in uns und auße uns tragen, wie das Kind von der Mutter ("Will, des Wohlgefallens Gottes"). Dieses liebende, macht volle und zugleich sanfte Wirken Gottes in uns uni an uns begleitet uns auf Schritt und Tritt, in allel Lagen und Umständen. Gott ist immer an der Arbeit unsere Seele zu reinigen, zu heiligen und mit Sei nem Leben zu erfÜllen. "Verkauft man nicht fün Spatzen fÜr ein paar Pfennig? Und doch ist keine von ihnen von Gott vergessen. Fürchtet euch nicht Ihr geltet mehr als viele Spatzen zusammen" (Luk 12,6). "Er sorgt sich um euch" (1 Petr. 5, 7). "Keil Haar fällt von unserem Haupte ohne den Willel eures Vaters, der im Himmel ist" (Lu!<. 21, 18) Soweit geht die Sorge Gottes um uns. Alles dien Ihm dazu, das Kleine und das Große, die Welt dei Sterne ebenso wie die uns umgebende Natur, dil Welt der guten und der bösen Engel wie die Wel der Menschen. Alles ordnet, leitet, lenkt und benütz Er so, daß es uns, mir persönlich ein Weg, ein Auf· stieg zu Gott, eine Gnade, eine Hilfe wird. "Denen die Gott lieben, dient alles und jedes zum Heil' (Röm. 8, 28). In unendlicher Weisheit und Lieb, wirkt Gott in uns und an uns. Er ergreift j eweil! die besten Mittel, die gÜnstigste Gelegenheit, der gÜnstigsten Zeitpunkt, in der günstigsten Weise Seine liebende Vorsehung, mit der Er UIlsern Lebens· weg bestimmt und uns fÜhrt, "wendet von uns alle~ Schädl iche ab und gewährt uns alles, was uns Zl1IY Heile dient" (Oration). So glauben und vertrauer WIr.

"L a ß Go t t cl e n Weg 0 ff e n und hoff auf Ihn

Freitag: Der Wille Gottes.

181

Er wird es machen" (Ps. 36, 5). Wir glauben an das Wirken Gottes an uns, an den "Willen des Wohlgefallens Gottes". Wir glauben, daß denen, die Ihn lieben, alles zum Besten gereicht. Wir glauben, daß Er es mit all Seinem Wirken an uns göttlich gut meint; daß es immer und in allweg Seine Liebe ist, die Sein Wirken diktiert und Seine Hand führt, auch wenn sie schlägt. Wir sehen hinter den Unannehmlichkeiten, Leiden, Kränkungen und Bitterkeiten nicht etwa bloß die Menschen und der Menschen Absichten: wir stoßen vor zu Gott und sehen Ihn an der Arbeit. Wir glauben. Und wir sprechen unser Ja. Wir beugen uns Seinem heiligen Wirken, dem Kreuz, das Er uns auferlegt. den Zulassungen, die uns oft so geheimnisvoll und dunkel sind. Wir llnterwerfen uns vertrauensvoll den Schickungen und Fügungen, PrÜfungen und Heimsuchungen, in der vollen Bereitschaft, Ihn mit uns ganz und gar machen zu lassen, wie es Ihm wohlgefällig ist. "Laß Gott den Weg offen", gestatte Ihm freien Eintritt und freie Tätigkeit in deiner Seele. Lerne das Leben ganz so nehmen, wie es von der Hand der Vorsehung gegeben wird! Laß alles eigene Voraussehen und Sorgen! "Hoffe auf Ihn. Er wird es machen.'" Jetzt, da wir uns vorbehaltlos dem Willen Gottes anheimgegeben haben, jetzt sind wir ganz "Knechte Gottes" geworden. Unsere Frucht ist die Heiligung und das ewige Leben. "Wer sich erniedrigt, der wird erhöht werden" (Luk. 18, 14). "Lasset die Kleinen zu Mir kommen", die Gott mit sich machen lassen, wie es Ihm gefällt, "ihrer ist das Himmelreichl' (Matth. 19, 14). "Wenn ihr nicht wie die Kinder werdet, werdet ihr in das Himmelreich nicht eingehen" (Matth. 18,3).

3- "Wer den Willen Meines Vaters tut. der wird in das Himmelreich eingehen". Das ist unser Weg, die Erfüllung des Willens Gottes. Wir tun, was Gott uns zu tun aufgibt: aktive Frömmigkeit. Und wir unterwerfen uns allem und jedem, was Er in

182 Die Zeit nach Pfingsten: Achte Woche_

Seiner Vorsehung uns gibt und nimmt, über uns zuläßt und uns zu tragen auferlegt: passive Frömmigkeit.

Gott zuerst, wir folgen. Gottes Wollen und Wirken zuerst, unser Wollen und Wirken folgt .nach, in voller Abhängigkeit vom Wollen und Wirken Gottes. Gott gibt, wir nehmen an. Er tritt in unser Inneres ein, wir vereinigen uns mit Ihm und sind mit Ihm tätig. Je vollkommener wir im Willen Gottes aufgehen und uns Seinem Wirken überlassen, um so fruchtbarer wird unser Leben. Unser eigenes Denken, Wollen, Tun, unsere Anstrengungen und Anläufe sind sterblich, tot. Gottes Wollen und Wirken ist lebendig und lebengebend.

Ge b e t.

Herr, Dein heilkräftiges Wirken befreie uns von unsern verkehrten Neigungen und führe uns zu dem hin, was recht ist. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Samstag der achten Woche nach Pfingsten.

Der Will eGo t t e s.

I. "Wer den Willen Meines Vaters tut, der im Himmel ist, der wird in das Himmelreich eingehen" (Evangelium). Eine unzweideutige, vollkommen bestimmte Verheißung, aus dem Munde der untrüg· lichen Wahrheit. Der Weg der Erfüllung des Wil· lens Gottes ist der sichere, gerade Weg in da~ Himmelreich.

2. "D a s H im m e Ire ich" ist dort, wo mar Gott lebt, wo Gott angebetet, anerkannt, gepriesen verherrlicht wird. Dort, wohin sich die Kirche, diE christliche Seele glaubend, hoffend, liebend erhebt in dem Maße, als sie das bloß Geschaffene, Gegen· wärtige, Vergängliche hinter sich läßt und abstreift überall da, wo Gott in Seinem Wesen, in Seiner Eigenschaften, in Seinem unendlich helligen, weisen

Samstag: Der Wille Gottes.

gerechten Wollen und Wirken erkannt, anerkannt und angebetet wird, ist das Himmelreich. Es beginnt hier auf Erden in der heiligen Kirche und in der christlichen Seele und dauert dereinst ewig, in der Herrlichkeit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes: als das Reich des klaren,. lichten Schauens und Erkennens Gottes, als das Reich des seligen Genießens Gottes, als das Reich unaussprechlich beglÜckender ewiger Huldigung an Gott, des Lobpreises, der Danksagung, der Freude an Gott. "Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto." Da, wo wir anfangen, Gott zu erkennen, Ihn, Seine Nähe. Sein Wirken, Seine Vorsehung, Seinen heil igen Willen in allem, was da kommt und geht, zu sehen, Ihm und Seinem Wirken und Wollen in Demut zu huldigen, da treten wir in das Himmelreich ein. Und so oft wir uns Ihm und Seinem heiligen Wil~ len neu hingeben, Ihn liebend umarmen und aufrichtigen Sinnes erfüllen, treten wir in eine neue, vollkommenere Wohnung dieses Reiches ein. "Im Reiche des himmlischen Vaters gibt es ja viele Wohnungen" (Joh. 14, 2). Der letzte Eintritt wird der sein, der uns vom Erdenleben scheidet und in die Wohnung einführt, in der wir ewig bleiben dürfen. Dann wird das Reich Gottes, in das wir eintreten, in uns eintreten und uns mit den unaussprechlichen Wonnen und Seligkeiten Gottes überfluten. "Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört, und in keines Menschen Herzen ist eine Ahnung davon aufgestiegen, was Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben" (I Kor. 2, 9)·

Der Weg zum Himmelreich ist der Will eGo t t es. Es gibt nur diesen einen Weg. Das Gebet, die Gnaden, die Gott uns anbietet, die Anregungen, Einsprechungen, die tausend Gelegenheiten, die sich uns täglich bieten, sind nur Mittel. Sie können uns erst dienen, wenn wir uns auf dem richtigen und sicheren \Veg bewegen. "Wer den Willen Meines Vaters tut." Das ist der richtige,

184 Die Zeit nach Pfingsten: Achte Woche.

sichere Weg. Das ist der einzige Weg. Ihn müssen wir, betreten, ihn durchlaufen. Um ihn betreten und durchlaufen zu können, müssen wir ihn kennen Er gibt sich uns kund in den Forderungen der gesullden, unverbogenen Vernunft und Menschennatllf. Er gibt sich uns kund in den Zehn Geboten Gottes, d. i. in dem Gebot der Gottes- und Nächstenliebe. Er gibt sich uns kund in den Geboten der heiligell Kirche, im Fastengebot, im Freitagsgebot, in dem Gebot der Sonntagsmesse, der Osterbeicht und Osterkommunion, in den liturgischen Gebräuchen und Vorschriften der Kirche, in den Bestimmungen des Kirchenrechtes. Er gibt sich uns kund in den Standespflichten, sei es des geistlichen Standes und Ordensstandes, sei es des Berufes als Vater und Mutter, Vorgesetzter, Untergebener, als Beamter, als Arbeit· geber und Arbeitnehmer, als Dienstbote und Hausangestellte. Allen ist uns der Wille Gottes kundgetan. Alle kennen wir den Weg zum Himmelreich Es kommt nur darauf an, daß wir ihn gehen. "Wer den Willen Meines Vaters tut, der wird in das Himmelreich eingehen."

3. In der heiligen Taufe hat uns der Herr in S~in Leben hineingehoben, damit Er Sein Leben in uns lebe und fortsetze. "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Rebzweige" (J oh. 15, 5). Sein Leben ist aber restlose, vorbehaltlose Hingabe an den Willen des Vaters. "Nicht wie Ich will, sondern wie Du willst" (Matth. 26, 39). "Meine Speise ist es, daß Ich den Willen dessen tue, der Mich gesandt hat" (Joh. 4, 34)· Wir leben Sein Leben mit in einer gänzlichen, ausnahmslosen Hingabe unserer Wünsche, Pläne und Absichten an das, was "dem Vater lieb ist".

"Nahet euch Ihm" in der Vereinigung eures Wollens mit Seinem Wollen. "Ihr sollt strahlen vor Freude. Nicht wird euer Antlitz in Enttäuschung erröten" (Alleluj avers). Die volle Hingabe unsere, Willens an das, was Ihm lieb ist, muß die Frucht der Mitfeier der heiligen Messe und der heiligen

Samstag: Der Wille Gottes.

I8S

Kommunion sein. In der heiligen Kommunion durchglÜht Er uns täglich neu mit dem heiligen Feuer Seines Geistes und Seiner liebenden Hingabe an den Vater. "Die Welt soll" in uns, Seinen Gliedern, "erkennen, daß Ich den Vater liebe, und daß Ich so tue, wie der Vater Mir aufgetragen hat" (Joh. 14,3 [).

Ge be t.

Glückselig, die da makeUos des Weges zieh 'n, die im Gesetze Gottes wandeln. Glückselig, die Seine Gebote durchforschen, die Ihn mit ganzem Herzen suchen. Befohlen hast Du, Herr, Deine Weisung zu befolgen. 0 möchten meine Wege darauf zielen, daß ich Deine Gebote treu befolge! Dann werde ich nicht zuschanden, wenn ich Dein Gebot beachte. Von ganzem Herzen such' ich Dich: laß mich von Deinem Gebote niemals weichen! Mein Anteil ist, Herr, zu halten Dein Gebot. Dein Antlitz suche ich von Herzen, sei gnädig mir nach Deiner Verheißung. Ich bin bereit, Dein Gebot zu halten (Ps. 1 [8, r ff).

Die liturgische Meßfeier des achten Sonntags nach Pfingsten.

1. Die Berufung zum Christentum durch die hei.lige Taufe hat den Menschen vor gewaltige Entscheidungen und Aufgaben gestellt. Und dies für das ganze Leben, täglich und stündlich. Dazu gibt Gott die Lebenszeit. damit der Christ die in der heiligen Taufe empfangenen Lebenskeime und Lebenskräfte ausbaue und entfalte. Woher soll er aber den Mut und die Kraft nehmen, allen Widerständen und Gegenströmungen zum Trotz das übernatürliche Leben des Gotteskindes zur Entfaltung zu bringen, die Übernatürlichen Lebensgüter treu zu bewahren und zu mehren? Er bedarf stets neuer Impulse, neuer Anregungen, neuer Hilfen und Stützen. Dies bietet ihm die Li t u r g i e, insbesondere die Mitfeier der ,onntäglichen M eßfeier.

2. Der Eingang der heutigen Opferfeier ruft uns die Stunde der heiligen Taufe, das Ostet'geheimnis, in Erinnerung: "Wir haben, 0 Gott, (in der heiligen Taufe) Deine Barmherzigkeit edahren. Voll der Gerechtigkeit (d. h. der Heilsgerechtigkeit, Erlösungsgnade) ist Deine Rechte", Dein Wir· ken an den Menschen. "Groß ist der Herr" in Seinem Wirken an uns, "lobwürdig über alles in unseres Gottes Stadt, auf Seinem heiligen Berge" (in der heiligen Kirche, in welcher "die Gnadenströme der heiligen Sakramente fließen und den Menschen die Güter des Heiles erschlossen werden). Unser Dank und Jubel klingt in die Bitte aus, Gott möge in uns die Gnade der heiligen Taufe erhalten und uns die Kraft verleihen, nach den Forderungen und Verpflichtungen der heiligen Taufe zu leben

(Oratio). .

Was die heilige Taufe näherhin vom Christen fordert, entwickelt in eindringlicher Sprache die Epistel: "Brüder, wir sind (als Christen) nicht

Die liturg. Meßfeier d. 8. Sonntag-s n. Pfingsten' 187 dem Fleische mehr Schuldner, so daß wir nach dem Fleische leben", nach den Trieben und Lüsten des Fleisches, vielmehr sind wir berufen, als Kinder Gottes, Erben Gottes und Miterben Christi "durch den Geist die Werke des Fleisches zu ertöten" und "uns vom Geiste Gottes leiten zu lassen", im Göttlichen, Übernatürlichen, Ewigen zu leben. Es kostet freilich einen heißen Kampf, bis der Geist die Mächte des Fleisches gemeistert und dem Geiste, dem Göttlichen, dienstbar gemacht hat. Aber, so sagt es uns das Graduale, wir sind in diesem Ringen des Geistes mit dem Fleisch nicht auf uns allein gestellt: "Gott, auf Dich vertraue ich, Herr, ich werde ewig nicht zuschanden" (unterliegen). Wie ringt der Erdenmensch, der Diesseitsmensch, um die W ahrttng seiner Interessen, wie setzt er alles in Bewegung, um ·sein Diesseitsziel zu erreichen! Da von legt der ungerechte Verwalter des Evangeliums Zeugnis ab. Er ist ungerecht, ein Mensch, der nach dem Fleisch und nach der Klugheit des Fleisches lebt; aber er ist in seiner Art und in seinem Sinn ein Mann voll Eifer, Rührigkeit und Umsicht, den Kindern des Lichtes, 'den Christen, ein Vorbild des Eifers und der klugen Tatkraft' im Erstreben ihrer Übernatürlichen Ziele. Aber leider, "die Kinder dieser Welt sind in ihrer Art klÜger, als die Kinder des Lichtes" es für ihre Interessen sind.

3. So Über die Aufgaben unseres Christentums neu belehrt, treten wir den Opfergang an. Indem wir uns mit dem sich opfernden Christus zu ein e m Opfer machen, erfÜllen wir in Wirklichkeit, was die Epistel von uns verlangt: opfernd entsagen wir, wie dereinst beim Empfang der heiligen Taufe, dem "Leben nach dem Fleische", und entscheiden uns aufs neue fÜr das Leben nach dem Geiste, so wie es in der heiligen Taufe grundgelegt und angelegt ist. Opfernd bekennen wir uns aufs neue zu den heiligen Verpflichtungen uIld Bindungen, die uns durch die

188 Die Zeit nach Pfingsten: Neunte Woche.

heilige Taufe auferlegt sind, aber auch zum Glauben an unsere Gotteskindschaft (Pater noster) und zum unerschütterlichen Vertrauen auf unsere ewige Erbschaft im Himmel. Im Opfermahl der heiligen Kommunion senkt uns der verklärte Gottessohn Sein Leben in die Seele und gibt uns damit die -Versicherung, daß wir mit Ihm, dem Erstgeborenen, Kinder des Vaters sind, zur seligen Erbschaft berufen, von der uns in der heiligen Kommunion bereits ein untrügliches Unterpfand gegeben ist. "Kostet und sehet, wie gut der Herr ist. sei ig, wer auf Ihn vertraut."

Achter Sonntag nach Pfingsten.

F 1 eis c he s m e n s c h u 11 d Gei s t e sm e n sc h.

1. Ein Tag voll dankbaren Oster- und Pfingstjubels. "Wir haben, 0 Gott, Dein Erbarmen empfangen inmitten Deines Tempels" (Introitus), in dem Empfang der Wasser- und der Geistestallfe. "Wie Dein Name, so reicht auch Dein Ruhm bis an die Grenzen der Erde. Voll der Gerechtigkeit (Gnade) ist Deine Rechte." Ostern und Pfingsten haben uns unendlich reich gemacht: Gott ist unser Vater. Christus ist unst'r Bruder In uns wohnt der Heilige Geist. Wir sind Kinder Gottes, deshalb auch Erben Gottes, Miterben mit Christus. Was fehlt uns noch? Um uns unsere Größe in Christus ganz zum Bewußtsein zu bringen, stellt uns die heutige Liturgie die zwei Menscllen vor Augen: den Fleischesmenschen und den Geistesmenschen, das Weltkind und das Kind Gottes, den Menschen in Christus und den Menschen, der von Christus, dem Weinstock, getrennt ist.

2. Der F lei sc h e sm e n sc h ist der diesseitsgerichtete Mensch. Sein Sinnen und Trachten geht auf das, was auf der Erde ist. Er ist dargestellt im ungerechten Verwalter des Evangeliums. Er sinnt nur auf Mittel, in den zeitlichen Geschäften vor-

Sonntag: Fleischesmensch u. Geistesmensch. 189 wärts zu kommen. Ob sein Vorgehen in al1weg der Gerechtigkeit entspreche, ist nicht seine Hauptsorge. Er gehört zu den Kindern dieser Welt, die sich um das zukünftige Leben, um Gottes Gebot, um ein Leben nach dem Beispiel Christi und nach den Grundsätzen des Evangeliums so gut wie nicht kümmern. "Wenn jemand die Welt liebt, so ist die Liebe des Vaters nicht in ihm. Denn alles, was in der Welt ist, ist Begierlichkeit de5 Fleisches, Begierlichkeit der Augen und Hoffart des Lebens, was nicht vom Vater, sondern von der vVelt ist. Die Welt mit ihrer Lust vergeht: wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit" (1 Joh. 2, 15-17). "Wenn ihr nach dem Fleische lebt, so werdet ihr sterben (ewiger Tod der Verdammnis)" (Röm 8, 13). "Die fleischlich sind, trachten nach dem, was des Fleisches ist. Die fleischliche Gesinnung ist der Tod, denn sie ist Feindschaft wider Gott, weil sie sich dem Gesetze Gottes nicht unterwirft. Die fleischlich sind, können Gott nicht gefallen" (Röm. 8, 5 ff.). Darum "sind wir nicht dem Fleische verpflichtet, daß wir nach dem Fleische leben" (Röm. 8, 12) (Epistel). Vielmehr hat uns Gottes Gnade in der heiligen Taufe und in der Sendung des Heiligen Geistes der Sklaverei der Begierlichkeit des Fleisches und der Weltlichkeit entrissen und uns zu Geistesmenschen gemacht, die nach dem streben, was des Geistes ist" (Röm. 8, 5). "Wir haben, 0 Gott, Dein Erbarmen empfangen inmitten Deines Tempels", der heiligen Kirche (Introitus).

Im Geistesmenschen, in "jenen, die in Christus sind, die nicht nach dem Fleische wandeln, findet sich nichts Verdammungswürdiges (Sündhaftes und Strafwürdiges ) mehr Denn das Gesetz des Geistes, das lebendig macht, hat mich in Christus jesus vom Gesetz der Sünde und des Todes freigemacht." "Ihr lebt nicht dem Fleische, sondern dem Geiste." Deshalb "ertötet ihr durch den Geist die Triebe des Fleisches und lebet (j etzt das Leben

190 Die Zeit nach Pfingsten: Neunte Woche

der heilIgmachenden Gnade, dereinst das Leben der Glorie). Denn alle, die sich vom Geiste Gottes leiten lassen, sind Kinder Gottes. Ihr habt jaden Geist der Kindschaft empfangen, in dem wir rufen:

Abba, Vater. Wenn aber Kinder, dann auch Erben" (Röm. 8, I 8 13 ff.). Der Geist Gottes, der Christus erfüllt und geleitet hat, lebt im Getauften. Er ist der Hauch Gottes, die Lebensflamme Gottes, der ewige Liebeserguß des Vaters zum Sohne, des Sohnes zum Vater, Gott. Er bewirkt, daß wir vom göttlichen Leben ergriffen sind, daß wir vom Feuer der Gottesliebe erglühen, daß wir mit kindlichen Gefühlen zum Vater kommen. Er bewirkt, daß wir das Leben mit den Augen Gottes ansehen und nach den Absichten Gottes werten; daß wir unsere Freude an dem finden, was Gott, was Christus schätzt und liebt. Er drängt uns, daß wir der Anhänglichkeit an die irdischen GÜter und Interessen entsagen; daß wir das, was die Menschen, die Welt, an Ehren und Genüssen bieten, für nichts halten. Selig die Armen, die innerlich vom Irdischen Losgelösten. Selig die Sanften, die sich mit Geduld allem Harten und Unangenehmen unterwerfen, um Gottes und Christi willen. Selig die Trauernden, die bewußt sich der Vergnügungen und Eitelkeiten des Weltkindes begeben. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, nach einem gottgefälligen und gottgleichen Leben. Selig, die reinen Herzem sind. Selig, die um der Gerechtigkeit willen Ver· folgung leiden. Die unschuldig geschmäht, ver· leumdet, verfolgt, unterdrückt werden, um Gotte~ und Christi willen (Matth. 5, I ff.). Das sind wir die wir getauft, in der heiligen Firmung den Bei ligen Geist empfangen haben. Geistesmenschen !

3. "Gott, wir haben inmitten Deines Tempels in der Gemeinschaft der heiligen Kirche, Deil Erbarmen empfangen", im Sakrament des Wasser und des Geistes (Introitus). Wir danken.

Groß und erhaben ist das Leben des Geistes. Arn

Montag: Geist der Kindschaft. 19 I

nach außen, ist es nach innen überreich. N iedflg, unscheinbar und verborgen nach außen. ist es über alles erhaben, was nicht Gott ist. Es hebt uns in das Leben Gottes hinein und bringt uns Gott ins Herz. Es gibt uns eine heilige Freiheit und Friede und Ruhe in Gott. Wer ist glÜcklicher, freier, ausgeglichener und stärker als der vom Geiste geleitete Mensch? Er lebt das Leben Gottes mit.

Gebet.

Wir bitten Dich, 0 Herr, schenk uns in Deiner Güte immerdar eine solche Gesinnung, daß wir denken und tun, was recht ist. So werden wir Deinem Willen entsprechend zu leben vermögen, die wir ohne Dich nicht sein können. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Montag der neunten Woche nach Pfingsten.

Geist der Kindschaft.

1. "Wir sind nicht dem Fleische verpflichtet, so daß wir nach dem Fleische leben mÜssen" (Epistel). Wir haben ja in der heiligen Taufe und Firmung den Geist empfangen. Er wohnt in uns, der Geist Christi, der Heilige Geist. Er schafft in uns jene Gesinnu'ng und Willensrichtung, die uns in allem auf Gott und auf das Gute schauen läßt. Er ist es vor allem, der uns in der heiligen Taufe in die Lebensverbincung mit <Zhristus hineinversetzt hat, w sehr, daß die Gemeinschaft mit Christus sich danach richtet, ob und wieweit wir den Heiligen Geist besitzen. Denn "wenn jemand den Geist Christi nicht hat, dann ist er nicht Sein".

2. ,,1 h r hab t den Gei s t der Kin d s c h a f t er hai t e n" (Epistel). In dem Augenblick, da wir die heilige Taufe empfingen, zog die heiligmachende Gnade in unsere Seele ein. Und mit ihr der Heilige Geist. Er hat in uns das Leben der Gnade gewirkt, ähnlich wie Er bei der Verkündigung durch

192 Die Zeit nach Pfingsten: Neunte Woche.

den Engel über die Jungfrau von N azareth herabkam und das Wunder der Menschwerdung des Sohnes Gottes wirkte. Christus muß in uns geboren werden. ,,'>Nie soll das geschehen?" "Der Heilige Geist wird auf dich herabkommen und· die Kraft des Allerhöchsten wird dich überschatten" (Luk. I, 34 f.) - in der Gnadenstunde der heiligen Taufe. Seitdem wohnt Er in der Seele und zieht sie in den Strom der Beziehungen hinein, die vom Vater zum Sohn, vom Sohn zum Vater gehen, irp Heiligen Geiste, d. i. in der Liebe, mit der Vater und Sohn sich gegenseitig lieben. Die Liebe geht vom Vater zum Sohn, vom Sohn zum Vater, in einem göttlichen Liebeserguß. Und dieser göttliche Liebeserguß des Vaters zum Sohn und umgekehrt ist der Heilige Geist, die wesenhafte Liebe, die den Vater mit dem Sohn, den Sohn mit dem Vater verbindet. Der Heilige Geist leitet den Strom der Liebe, die Er selbst ist, an uns Menschen weiter "Die Liebe Gottes ist in unsere Herzen ausgegossen durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt" (Röm. 5, 5). Kraft dieser Liebe, die uns so gegeben ist, werden wir Glieder Christi, aufgenommen in Christus, das Haupt, um von nun an das neue Leben in Christus zu haben und in Christus liebend, als Kinder zum Vater zu gehen. Der Geist, der uns gegeben ist, wandelt uns um, zieht uns in die Liebe hinein, mit der Christus, der Sohn Gottes, den Vater liebt und läßt uns so das Leben der Liebe zum Vater, das in Christus lebt, 'mitbesitzen und mitleben. Auch von uns gilt jetzt das Wort des Sohnes: "Ich liebe den Vater" (Joh. 14, 31). Der Geist, der in uns lebt, ist der Geist der Liebe des Kindes Gottes zum Vater. "Ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen, den Geist Christi, des Sohnes, des Kindes Gottes." Euer Lebensgesetz ist alse dasselbe Gesetz, welches das Leben Christi be· stimmt: "Diligo Patrem - Ich liebe den Vater."

"D ure h den Gei s t er t ö t e t ihr die Wer k (

Montag: Geist der Kindschaft. 193

des F lei sc h e s" (Epistel). "Die Kinder dieser Welt sind gegen ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes" (Evangelium). Sie leben das Leben des natürlichen Menschen. Sie denken menschlichirdisch, preisen diej enigen glücklich, die Geld haben, die sich alles gönnen und leisten können, die von den Menschen geachtet sind und in der Gesellschaft einflußreiche Posten einnehmen. Aus dieser irdisch gerichteten Geisteshaltung heraus streben sie nach Besitz, nach Wohlstand und Ehre und leben der Sorge um die rein zeitlichen Interessen. Sie leben nach dem Geiste der Welt. Sie sind dargestellt im ungerechten Verwalter des Evangeliums. Die aber den Geist der Kindschaft empfangen haben, die Getauften, die Gefirmten, lassen sich in ihrem Denken und Tun vom Geiste Gottes bestimmen und leiten. In der 'Kraft des Heiligen Geistes, der in .ihnen wohnt und wirkt, ertöten sie die Werke des Fleisches: die Sünde, den Menschengeist und seine Werke. Der Geist der Kindschaft ist der Geist der Liebe, der kindlichen Liebe zum Vater. Wo diese Liebe die Seele ergriffen hat, da drängt sie die bloß natürlich-irdischen Gedanken und die bloß natÜrlichirdischen Rücksichten und BeweggrÜnde von der Seele ab. Sie ist mit dem Lichte Gottes erfüllt. Sie wertet und schätzt die Dinge nach den Grundsätzen des Glaubens, nach der Lehre und dem Beispiele Christi. Wenn einer meinte, "auf das Fleisch vertrauen zu können", auf Geburt und Abstammung, auf Bildung und Wissen, auf Charakter, Fähigkeiten und Leistungen, wandelt ihn der Geist so sehr um, daß er mit Paulus sagt: "Was mir einst als Gewinn galt, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja ich halte alles für Verlust, weil die Kenntnis meines Herrn Jesus über alles erhaben ist. Ja ich erachte es für Kehricht, um Christus zu gewinnen und in Ihm erfunden zu wer-den" (Phi!. 3, 5 ff.), aufgenommen in Christi Leben, in Seinen Geist, den Geist des Kindes Gottes.

B.ur, Werde Lieht. III. 13

194 Die Zeit nach Pfingsten: Neunte Woche.

3. " Wenn ihr nach dem Fleische lebt, werdet ihr sterben. Wenn ihr aber durch den Geist die vVerke des Fleisches tötet, werdet ihr leben." Durch der Geist der Kindschaft, des kindlichen Vertrauem und der kindlichen Liebe zum Vater. "Strebet nach der Liehe" (I Kor. 14, 1).

Der Herr sendet in unsere Seele, solange wil Ihm nicht durch Todsünden den Eing-ang in sie verschließen, den Heiligen Geist, den Geist deI Kindschaft und Liebe. Dieser Geist der Kindschaf1 und Liebe drängt hinwieder zurück zum Vater, dat wir in Christus in kindlicher, freudiger, vertrauen· der Hingabe dem Vater und Seinen Interessen leben

Der Heilige Geist besiegelt und vollendet die ewige Verbundenheit des Vaters und des Sohnes. In ähnlicher Welse ist Er das eigentliche Prinzip und die Ursache der Verbundenheit Christi, des Hauptes. mit uns, den Gliedern. In der Kraft des Heiligen Geistes leben Haupt und Glieder ineinander und miteinander. \Vie sehr mÜssen wir uns also de1 Heiligen Geistes freuen, der uns gegeben ist! Wie sehr danach streben, daß wir Ihm alle Tore deI Seele auftun und offenhalten, auf daß Er in uns wirke!

Gebet.

Wir bitten Dich, 0 Herr, schenke uns in Deiner Güte immerdar eine solche Gesinnung, daß wir denken und tun, was recht ist. So werden wir Deinem Willen entsprechend zu leben vermögen, die wir ohne Dich nicht sein können. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Dienstag der neunten Woche nach Pfingsten, Leb e n n ach dem Gei s t e.

I. "V/ir sind nicht dem Fleische verpflichtet, so daß wir nach dem Fleische leben müßten. Denn wenn ihr nach dem Fleische lebet, werdet ihr

Dienstag: Leben nach dem Geiste. 195

sterben. Wenn ihr aber durch den Geist die Werke des Fleisches tötet, werdet ihr leben" (Epistel). Der Geist schafft Leben, Freiheit. Sein Gesetz ist "das vollkommene Gesetz der Freiheit" (Jak. 1, 25).

2. "Wen n ich das Gut e tun will, 1 i e g t mir das Bös e nah e. Ich gewahre in meinen Gliedern ein anderes Gesetz, das dem Gesetze meines Geistes widerstreitet und mich unter dem Gesetze der SÜnde gefangen hält" (Röm. 7, 21 f.). Es ist viel Niedriges, Unedles, Ungeistiges, Sinnliches in uns, das gegen die Seele Krieg führt. Doch hinter dieser Triebhaftigkeit schlummert die Seele, gleichwie der Same im Erdreich schlummert und zur Entfaltung drängt. Die Seele will sich zur Geistigkeit erheben. Wenn sie sich nicht zu reinem. edlem, heiligem Sinn emporschwingt und durchkämpft, prägen sich ihr die ZÜge des tierischen, fleischlichen, animalischen Menschen auf. Sie ist also genötigt, entweder sich den tierischen Trieben zu Überlassen und eine Unfreie, eine Sklavin des Unedlen, des Gemeinen, des Fleisches und seiner Begierden zu werden. oder unermÜdet den Kampf zu fÜhren. vVollte sie den Kampf scheuen, sie müßte zum Verräter an ihrer eigenen Geistigkeit werden; sie wÜrde ihr eigenes Wesen mißverstehen; wir müßten darauf verzichten, ein wahrer, voller, edler Mensch, ein Kind Gottes zu werden, teilhaft des Adels, der Freiheit, des Glückes des Kindes Gottes. "Denn alle, die sich vom Geiste Gottes leiten lassen, sind Kinder Gottes" (Epistel ), und nur sie. Nur im Kampf gegen das Gesetz der SÜnde, der Begierlichkeit des Fleisches, der Augen, der Hoffart des Lebens wird das Gotteskind geboren. ,,\N enn ihr nach dem Fleische lebt, werdet ihr sterben", ungeistig, unfrei, Sklaven "des Gesetzes der Sünde". "Ich unglÜcklicher Mensch! Wer wird mich von diesem todbringenden Leib befreien?" (Röm. 7, 23·) Das Gesetz Gottes, des Geistes. Der Heilig" Geist tut es uns kund, daß der Weg zur

13*

196 Die Zeit nach Pfingsten: Neunte Woche.

edlen natÜrlichen und übernatürlichen Geistigkeit nur im .Kampfe freigelegt wird, in ernster Aszese und Selbstüberwindung. Er ist uns in der heiligen Firmung als Geist der Stärke gegeben. Er will uns zum Siege über das Gesetz des Fleisches, zur vollkommenen Gotteskindschaft führen.

"Wenn ihr durch den Geist die Werke des F lei s c h e s t ö t e t, wer d e t ihr leb e n." Das Gesetz des Heiligen Geistes ist das Gesetz der Freiheit. Es ist das Gesetz des Sonnenstrahles, daß er leuchte, wärme, Leben schaffe. Es ist das Gesetz der Blume, daß sie sich in Schönheit kleide. Es ist das Gesetz des Menschen, daß er nach den ihm von Gott angegebenen Maßen und Normen lebe und das in ihm von Gott angelegte Große, Edle ergreife u~d entfalte' und ins Leben umsetze. Dieses Gesetz des Geistes verhilft ihm zur Freiheit von Sünden und Fehlern. Es gibt ihm eine hellsehende, in allem das Göttliche erkennende und witternde, auf das Edle, Göttliche gerichtete Seele. Es hebt ihn aus den Fesseln der Selbstsucht, der Leidenschaft und führt ihn zur Freiheit der Kinder Gottes empor. "Wenn ihr durch den Geist die Werke des Fleisches tötet, werdet ihr leben." Das Gesetz des Geistes ist das Gesetz der Freiheit, das "königliche Gesetz" (J ak. 2, 8), das uns aus den niederen Grenzen des Daseins erhebt und uns mit Kraft, mit überlegenheit und Siegesbewußtsein, mit dem königlichen Sinne erfüllt. Die Bande der natürlichen Trägheit, Schwerfälligkeit zum Guten, der Unlust zum Religiösen, zur Pflege des innern Menschen fallen. Wir fÜhlen uns frei, unbehindert, stark. Wir lieben das Gesetz des Geistes, wir erfÜllen es nicht gezwungen, sondern mit Freiheit, mit ganzer liebender Bereitschaft, im Drang der Liebe zu Gott, die in unsere Herzen durch den Heiligen Geist ausgegossen ist. Wir fühlen es: im Gesetze des Geistes wird uns das Leben. Es kommt den tiefsten Forderungen unseres nach Gott, nach dem Wahren, Guten, Edlen ver-

Mittwoch: Der Pfingstgeist.

197

langenden Wesen entgegen, um es zu befreien, zu erheben, mit göttlichem Leben und mit göttlicher Kraft zu erfüllen.

3. "Als Werke des Fleisches sind offenkundig: U nkeuschheit, Feindschaft, Streit, Eifersucht, Zorn, Zwietracht, Spaltungen, Parteiungen, Neid und dergleichen. Die derartiges treiben, werden das Reich Gottes nicht erben. Die Früchte des Geistes sind:

Liebe, Friede, Freude, Geduld, Milde, Güte, Vertrauen, Sanftmut, Bescheidenheit, Enthaltsamkeit, Keuschheit" (Gal. 5, 19-22).

In der Mitfeier der heiligen Messe erneuern und bekräftigen wir unsere Absage an das Fleisch und seine Werke, wie wir sie in der heiligen Taufe vollzogen haben. Wir schließen uns in heiliger Geistesgemeinschaft dem sich opfernden Herrn an. Die nächste Frucht des Opferns ist die heilige Kommunion. In ihr bildet Er in uns j eden Tag aufs neue Seinen Heiligen Geist hinein und macht uns so zu Menschen des Geistes.

"Komm, Heiliger Geist."

Gebe t ..

Wir bitten Dich, 0 Herr, schenk uns in Deiner Güte immerdar eine solche Gesinnung, daß wir denken und tun, was recht ist. So werden wir Deinem Willen entsprechend zu leben vermögen, die wir ohne Dich nicht sein können. Durch Christus l1nsern Herrn. Amen.

Mittwoch der neunten Woche nach Pfingsten.

Der P f i n g s t gei s t.

1. "Ihr habt den Geist der Kindschaft bekommen, III dem wir rufen: Abba, Vater" (Epistel). Der Heilige Geist steht am Ursprung unseres Lebens in Christus. Er leitet unsere Einverleibung in Christus, das Haupt, ein. Er vereinigt uns mit dem Sohne Gottes, Christus, und macht uns der Gnade teilhaft, mit Christus Kinder dei Vater> :i\U se\n.

198 Die Zeit nach Pfingsten: Neunte Woche.

Er ist der Geist "der Gememschaft des Sohnes Gottes" (1 Kor. 1, 9) und dadurch der Geist der Gemeinschaft des Leibes Christi, der Kirche, der Glieder der Kirche untereinander.

2. Der Gei s t "d erG e m ein s c h a f t des Sah n es". So weit haben wir die Eingliederung in Christus, den Sohn Gottes, als wir "die Gemeinschaft des Heiligen Geistes" (2 Kor. 13, 13) haben. Dem Apostel Paulus bedeutet "in Christus leben" dasselbe wie" im Geiste leben". Die Taufe ist bei ihm ebenso als Taufe in Christus wie als Taufe im Geiste bezeichnet. Es ist das Grundgesetz des christlichen Lebens:" Wenn jemand Christi Geist'nicht hat, der ist nicht Sein" (Röm. 8, 9)' Christi Geist ist aber der Heilige Geist. Deshalb ist der "Christus in euch" zugleich das Leben des Geistes: ,,\i\T enn Christus in euch ist, so' ist euer Leib zwar dem Tode verfallen infolge der SÜnde (muß sterben), der Geist aber ist Leben infolge der Rechtfertigung" (der heiligmachenden Gnade) (Röm. 8, IO). Der Heilige Geist zieht uns so sehr in die Gemeinschaft des Sohnes hinein, daß Paulus, kaum daß er gefragt hat: "Wisset ihr nicht, daß eure Leiber Glieder Christi sind?" anfÜgt: "Wisset ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt?" (1 Kor. 6, 15 I9.) "Wer dem Herrn, Christus, anhängt, ist ein Geist mit Ihm" (I Kor. 6, 17). Wir können also nicht in Christus sein, ohne zugleich in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes zu stehen. Wir können nur insoweit zusammen mit Chrlstus, dem erstgeborenen Sohne Gottes, Kinder des Vaters sein, als wir vom Heiligen Geiste erfüllt und getragen sind. "Daran erkennen wir, daß wir in Ihm bleiben und Er in uns, daß Er uns von Seinem Geiste mitgeteilt hat" (1 Joh. 4, 13). Denn "nicht für sich, als den eingeborenen Sohn Gottes, sondern für uns empfängt der menschgewordene Sohn Gottes den Heiligen Geist" (hl. Cyrill von Alexandrien). "Die Gläubigen werden insoweit Christi Leib, als

Mittwoch: Der Pfingstgeist.

I99

sie entschlossen sind, vom Geiste Christi zu leben. N ur der Leib Christi lebt vom Geiste Christi" (h!. Augustinus). In dem Augenblick also fangen wir an, das Leben Jesu mitzubesitzen und mitzuleben, d. i. in Christus zu sein, als wir anfangen, den Heiligen Geist zu besitzen und vom Geiste zu leben. In dem Maße, als wir geistig werden, wachsen wir in Christus hinein und leben wir Sein Leben mit. Das will die Liturgie der Sonntage nach Pfingsten an uns wirken: daß wir geistiger, mehr vom Geiste Gottes erleuchtet, erfüllt, geleitet werden.

Der Gei s t der G e m ein s c h a f t des L e ibe s C h r ist i. "Es sind (in der Kirche) verschiedene Gnadengaben. Aber es ist derselbe Geist. Es gibt verschiedene Ämtet, verschiedene Kraftwirkungen, aber es ist immer derselbe Gott, der alles in allem wirkt. Ein und derselbe Geist verleiht dem einen die Gabe der Weisheit, dem anderr1 die Gabe der Lehre, dem dritten die Gabe einer besondern Glaubenskraft und Glaubenszuversicht. Aber alles das wirkt ein und derselbe Geist, der jedem Seine Gaben zuteilt, wie Er will" (I Kor. 12, 4 ff.). Wie im natürlichen Organismus sich die Lebenskraft der einzelnen Glieder und Organe nur dadurch fruchtbar betätigen kann, daß die Verschiedenheit der Organe in der Einheit des Organismus zusammengefaßt sind, so muß auch im Organismus des Leibes Christi, der Kirche, die Verschiedenheit der Glieder, der Ämter und Gaben in der Einheit des Organismus, des Ganzen, zusammengefaßt sein. Diese Einheit wird hergestellt durch den Heiligen Geist. Er ist es, der die Verschiedenheit der Glieder und Betätigungen auf das Wachstum und die Vollendung des Leibes Christi hinordnet. Wir gehören zu Christus nicht als Ich, als Einzelglieder, sondern nur als Glieder des Ganzen, der Gemeinschaft. Wir sind auf die andern Glieder bezogen und hingeordnet. Das Glied lebt nicht vom eigenen Leben, sondern vom Leben des Organismus. Es lebt auch

200 "Die 2e\t nacb 'Pnngßten~ Neunte "Vocbe.

nicht für sich, sondern für den Organismus. Deshall müssen wir wie dem lebendigen Haupte so jeden andern Gliede verbunden sein, in der Gemeinschaf des Heiligen Geistes. Er ist das Prinzip der Ein heit in der Vielgestaltetheit und Verschiedenhei der einzelnen Glieder, Kräfte und Ämter der Kirche Die Kirche ist eine vorn Heiligen Geiste gewirkt, und im Heiligen Geiste lebende Gemeinschaft. Si, ist "e i n Leib und ein Geist" (Eph. 4, 4) in de Gemeinschaft des Geistes, der das einzelne Glie, mit Christus und durch Christus mit dem Vate verbindet. Weil ein Geist, deshalb ist sie auch eil Leib. Je mehr wir vorn Geiste Gottes geleite werden, um so inniger wachsen wir in die Gemein schaft des Leibes Christi, die Kirche, hinein. Um s' mehr sind wir gedrängt, unser Sorgen, Beten, Lebel in den Dienst der Gesamtheit, der BrÜder unI Schwesterh in Christus, zu stellen. Um so meh fÜhlen wir uns als Glieder des Ganzen, mitverant wortlieh für das Wohl und Wehe des Ganzen. Un so mehr wächst in uns die heilige Liebe zu dei Seelen, zu den Armen, zu den Verblendeten, zu dei VerfÜhrten, zu den Gefallenen. Um so mehr ver stehen und leben wir, was uns Paulus so eindring lieh als den" vorzÜglicheren Weg" vor Augen stellt "Wenn ich mit Menschen- und Engelzungen redete hätte aber die Liebe nicht, so wär' ich wie eil tönendes Erz oder wie eine klingende Schelle. Une wenn ich die Prophetengabe hätte und wüßte all( Geheimnisse und besäße alle Erkenntnis, hätte abel die Liebe nicht, ich wäre ein Nichts. Trachtet nacl der Liebe" (I Kor. 13, I ff.).

3· "Gott, wir haben Dein Erbarmen empfanger inmitten Deines Tempels" (Introitus): im Heiliger Geiste die Gemeinschaft des Sohnes Gottes und di, Gemeinschaft des Leibes Christi. Werte von uno endlichem Gehalt. Durch reine Gnade Gottes! Wil danken: "Gratias agamus Domino Deo nostro.' Heute soll die Feier der heiligen Messe eine "Eucha·

Donnerstag: Geist der Kindschaft. 20 I

ristia - ein Dankopfer" , sein, dargebracht im Namen aller, die in der Gemeinschaft des S'ohnes Gottes und d~s Leibes Christi stehen. Und ein Opfer der Bitte für alle, auf daß wir alle die Gnade erkennen, die uns in der heiligen Taufe (Ostern) und Firmung (Pfingsten) zuteil geworden, und daß wir als Christen, als Geistesträger, in Christus und im Geiste leben! Nein, wir sind wirklich nicht dem Fleische verpflichtet. Wir haben den Geist empfangen. Wir sind ein e s Geistes mit unserem Herrn Christus. Wir leben aus dem Geiste Gottes, aus dem Geiste Christi! Dazu gibt uns der Herr Seine Gnade, wenn Er in der heiligen Kommunion in uns Seinen Heiligen Geist neu ausgießt. "Kostet und sehet, wie lieb der Herr ist. Selig der Mann, der auf Ihn vertraut!" (Communio.)

Gebet.

Herr, das himml ische Geheimnis erneuere uns an Leib und Seele, auf daß wir die Wirkung dessen erfahren, was wir in feierlicher Handlung vollziehen. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Donnerstag der neunten Woche nach Pfingsten.

Geist der Kindschaft.

I. "Ihr habt nicht den Geist der Knechtschaft empfangen, so daß ihr aufs neue (wie vor euerer Taufe) Furcht haben mÜßtet, sondern den Geist der Kindschaft, in dem wir rufen: Abba, Vater" (Epistel). "Seht, welche Liebe uns der Vater geschenkt hat, daß wir Seine Kinder heißen und sind" (I J oh. 3, I).

2. Go t t korn m t zu uns l\l e n s ehe n in der Ge s tal t des Kin des. Nicht als Engel, nicht als Herr und Richter, nicht einmal als liebender Vater kehrt Gott sichtbar in die Menschheit ein. Er kommt in der demütigen Ohnmacht und Hilflosigkeit des Kindes. Er bringt nichts mit in diese We1t,

202 Die Zeit nach Pfingsten: Neunte Woche.

nicht Geburts.adel, nicht Maj estät oder Glanz, nichts ab das Leben, die Hilflosigkeit und LiebenswÜrdigkeit des Kindes. Er hätte anders kommen können. Aber Er wählt die Ohnmacht des Kindes. Er weiß, es gibt unter den Menschen keine größere sittliche Macht als die Ohnmacht des Kindes. Sie bezwingt selbst das roheste Herz, den härtesten Menschen. Sie beschwört alle guten Geister um sich herauf. Gott kann die Menschen zwingen, sie zertreten. Aber Er will sie gewinnen. Und um sie zu gewinnen, kommt Er in der Ohnmacht des Kindes, nicht in der Allmacht, die unser nicht bedarf, sondern in der Ohnmacht. die nicht ohne uns sein kann und sein will. Damit wir ja alles Fremdsein und Erschrockensein verlernen und Ihm mit kindlichem Sinn begegnen 1 "Empfangen haben wir, 0 Gott, in· mitten Deines Tempels Dein Erbarmen" (Introitus).

"L ass e t die K lei n e n zuM ir korn me n 1" (1\1 atth. 19, 14.) Dem Kindsein Gottes vor uns Menschen entspricht das "Kindsein der Menschen vor ihrem Gott". "Ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen." Das Kindsein vor Gott ist der W'eg zu Gott, zum Himmelreich der Gnade, des M itbesitzes des Lebens und der Erbschaft Christi, des Sohnes Gottes. Alles wahre Christentum ist darin beschlossen, daß wir "Kinder Gottes heißen und sind". Ein Kind hat hinter sich und unter sich nichts anderes als das instinktive BewuGtsein des Geborgenseins in Vater und Mutter. Es kennt keine Sorge, keinen Kummer, keine Angst vor dem Leben. Ein Kind hat über sich einen immerdar sonnigen Himmel, voller Sterne und Hoffnungen und Seligkeiten. Ein Kind ist zufrieden mit dem was es sieht und ergreift. Es braucht und hat einen alles erklärenden und verklärenden Glauben. Es braucht und hat einen Himmel, es braucht und hat einen Vater und eine Mutter. Es will glauben, es will beten, es will über sich hinaus zu Gott, dem Vater, zu Maria, der Mutter. Ein Kind hat auch Schwächen

Donnerstag: Geist der Kindschaft. 203

und Fehler. Aber auch diese ohne große Sorgen. Wennschon der Vater es strafen wird, so wird doch des Vaters Liebe die Rute führen: er kann es ja mit seinem Kinde nur gut meinen. "Ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen." Wir wissen uns vor Gott als Kinder. Weil wir uns als Kinder fÜhlen, deshalb stehen wir am geheimnisvollen, rätselvollen Strom des Lebens, ohne uns zu ängstigen und uns quälende Sorgen zu machen .. Wir wissen uns in Seiner Liebe und Vorsehung geborgen. Wir Überlassen unser Schicksal, unsern Weg ganz und gar der Leitung des liebenden Vaters. Alle Schickung-en und Fügungen sind uns willkommen: sie sind vom liebenden, wohlmeinenden Vater ersonnen, abgemessen und zugewogen, so wie es uns am zuträglichsten ist. \Vir lassen uns den Weg führen, den der Vater für uns bestimmt Itat. vVir werfen uns dem Vater in die Arme, wie ein Kind. dem es nur darum zu tun ist, daß es von der Mutter getragen werde, daß es an ihrer Brust ruhe und Liebe um Liebe gebe. Jeder \Vunsch, jeder \Vink des Vaters ist uns heilig, ist uns Gebot. Mit allem, was wir tun, wollen wir dem Vater unsere Liebe zeigen und Ihm Freude bereiten. Wir haben unsere Fehler und Unarten. Aber kaum daß wir ihrer bewußt werde!l, bedauern wir, dem Vater wehe getan zu haben. Wir bitten ab, und Er gibt uns neue Gnaden, neue LiebeserweIse.

3- "Ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen."

Es gibt so viel unkindliche Frömmigkeit, die Gott nicht als Vater kennt. Eine Frömmigkeit der Furcht, der Unfreiheit, der bedrÜckenden, lähmenden Angstlichkeit. Wie kann der Gott aus Liebe dienen, der Gott nicht als den liebenden Gott kennt? Darum sind so viele trocken und kalt gegen Gott, weil sie in Ihm nur den Herrn, den Gesetzgeber, den Richter sehen. Darum so viele unkindliche Gefühle gegen Gott. Diese sind die Quelle aller Unlust im religiösen Leben. Aus der unkindlichen Einstellung

204 Die Zeit nach Pfingsten: Neunte Woche.

gegen Gott entstehen so viele Versuchungen gegen den Glauben und so viele Angstlichkeiten, welche die :zarte Hingabe an Gott hindern und den freudigen Geist liebender Abtötung auslöschen.

Gott will, daß wir uns Ihm gegenÜber als Kinder benehmen. Er senkt uns in der heiligen Taufe die Gabe der Frömmigkeit in die Seele, auf daß wir Ihm eine kindliche Gesinnung entgegenzubringen verstehen. Als Kinder glauben wir einfältig, wa 'i Er uns sagt. Kindlich unterwerfen wir uns Seinem Gebot und Willen. Wir lassen uns in allem vom göttlichen Antrieb bestimmen und leiten, in jenem Geiste des Glaubens, der sich über alles bloß natürlich menschliche Sehen, Denken und Urteilen erhebt. Wir vergessen uns selbst und ruhen ohne Sorge und Unruhe, vertrauend, liebend, am Herzen des Vaters. Wir lassen den eigenen Geist. Er, der Vater, soll in uns wirken, was Er will, wie Er will, soviel Er will. Wir bereiten Seinem Wirken in uns kein Hindernis. Im Kindsein sterben wir uns selbst, um dem Geiste, dem Willen, dem Wirken Gottes in uns Platz zu machen. "Aus dem Munde der Kinder bereitest Du Dir Lob" (Ps. 8. 3)·

Ge be t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, schenk uns in Deiner GÜte immerdar eine solche Gesinnung, daß wir denken und tun, was recht ist. So werden wir Deinem Willen entsprechend zu leben vermögen, die wir ohne Dich nicht sein können. Durch Christus unsern Ht'ITn. Amen.

Freitag der neun!en Woche nach Pfingsten.

Die Gotteskindschaft.

1. "Ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen.' Wir sind also "nicht mehr Fremdlinge und Gäste" die vorüberziehen, sondern M itgl ieder der Familj. Gottes, jenes Hauses, dessen Grundstein Christu:

Freitag: Die Gotteskindschaft. 205

ist (Eph. 2, 20). Unerschöpfliche ReichtÜmer, die uns durch die heilige Taufe und Firmung geschenkt worden sind. Schade, daß wir so wenig dar3n denken!

2. Die Go t t e ski n d s c h a f t ist die W u rz e I und der Ur g run d aller Tugend und Heiligkeit. Die Gaben der Natur sind mannigfach, in jedem Menschen anders. Auf der Natur baut die Gnade auf. Sie veredelt die angeborenen Fähigkeiten, Talente und Kräfte. Auch die Gnade ist in der einzelnen Seele verschieden. "Einern j eden von uns ist die Gnade verliehen nach dem Maße, wie Cl1fistus sie gegeben" (Eph. 4,7). In der Herde Christi trägt jedes Schäflein seinen eigenen N amen. Der Herr kennt jedes und ruft jedes bei seinem Namen (Joh. IO, 3). Jede Seele erhält eigene Gnaden, und jede hat der Gnade und den Absichten Gottes über sie in der eigenen Weise zu entsprechen. Je mehr sie sich dem zarten, ihrer Eigenart sich anpassenden Wirken des Heiligen Geistes hingibt, um so meh r wird sie in Christus, den Sohn Gottes, umgestaltet und Ihm verähnlicht werden. Hat sie unter der Führung des Geistes Gottes den ihr gegebenen Gnaden entsprochen, dann ist sie zur Heiligung gelangt. Indes, den ersten Ring in jener Kette von Gnaden und Gaben, die Gott uns schenkt, bildet jener Gnadenblick Gottes, mit dem Er uns vor al\er Ewigkeit zu Seinen Kindern vorausbestimmt hat. Dies war die Morgenröte aller Erbarmungen, die Gott uns erweisen will und erweisen wird. An die Gnade der Gotteskindschaft, die Gott uns zugedacht, die der Sohn Gottes an Weihnachten in der Menschheit grundgelegt und die er jedem von uns in der Stunde der heiligen Taufe geschenkt hat, knüpfen alle Mitte.ilungen Gottes an die Seele, alle Erleuchtungen, Anregungen und Hilfen der Gnade an. Ohne die Gnade der Kindschaft ist das an natürlichen Gaben reichste Leben, die großartigste Wirksamkeit, die staunenerregendste Geistesgröße des Menschen wert-

206 Die Zeit nach Pfingsten: Neunte Woche.

los für das ewige Leben. Die eine Gnade der Gotteskindschaft ist mehr wert als das ganze Universum (hl. Thomas von Aquin). Das ist unser Adel, unser Stolz: \Vir sind Getaufte, Kinder Gottes. In der Gnade der Kindschaft hat Er uns Seine eigene Natur mitgeteilt. Wir sind aus Gott geboren, besitzen Gottes Natur mit, soweit sich die göttliche Natur einem gescharrenen \Vesen zu eigen geben kann. Wir werden mit dem unendlich erha1:>enen Wesen, das wir nicht sehen noch mit dem Geiste erfassen können, lebendig verbunden. Wir steigen Über unsere Natur empor und leben das Leben Gottes mit: Gottes Erkennen und \Vahrheit, Gottes Urteilen und Werten, Gottes Lieben und Hassen, Gottes 'Nonnen und Seligkeiten, Gottes Vollkommenheiten und Herrlichkeiten, jetzt keimhaft, einst in der Vollendung der Gotteskindschaft ! 'Nieviel haben wir zu danken!

Gotteskindschaft ist Freundschaft mit Go t t. Freundschaft ist Vertraulichkeit, ist Herzensgemeinschaft. Der Freund ist gewissermaßen das andere Ich seines Freundes. Der Freund wÜnscht dem Freunde dasselbe Gute, das er sich selber wÜnscht. Er tut ihm alles Gute, das er ihm nur tun kann. Er sucht ihn auf, tauscht sich mit ihm aus, lebt mit ihm und teilt seine Ideen und Interessen. Freunde verstehen sich gegenseitig und teilen Freud und Leid miteinander. Sie leben gleichsam ineinander: eine einzige Seele belebt sie beide. Wir sind Kinder Gottes. Die Gnade der Kindschaft macht uns so schön, so rein, so groß, daß Gott sich fortan in uns selbst wiederfindet und uns mit der Liebe umfängt, mit der Er sich selbst liebt. Denn so liebt der Freund: er liebt den Freund mit der Liebe, mit der er sich selber liebt. Um uns zu versichern, wie aufrichtig und ernst Er es mit Seiner Freundschaft mit uns meint, ist Er in der Menschwerdung des Sohnes Gottes uns gleich geworden, in allem uns ähnlich, die SÜnde ausgenommen. So wahr Er sich in der Mensch\verdung zu uns herabgelassen

Freitag: Die Gotteskindschaft. 207

hat, so wahr Er in Seinem Erdenleben alle MÜhen und Leiden und Beschwerden auf sich genommen hat, um sie mit uns, Seinen BrÜdern, zu teilen, so wahr ist Er unser Freund geworden und nimmt uns in der Gnade der Gotteskindschaft in die \"Ionnen und Seligkeiten der Freundschaft mit Gott auf. Freundschaft ist eines der tiefsten Bedürfnisse des Menschenherzens. Es kann nicht zur Ruhe kommen, wenn es nicht ein anderes Herz hat, das seine GefÜhle teilt, seine Leiden mitfÜhlt, bei dem es ganzes Interesse, volle Teilnahme und ein tiefstes Verstehen findet. "Selig der Mann, der einen wahren Freund gefunden hat" (Sir. 25, 12). Aber Menschenherzen sind zu eng, zu beschränkt. Und wenn auch zwei sich gegenseitig stützen, sie sind immer zu beschränkt, um sich selber zu genÜgen, und zu schwach, einander in allen StÜrmen' zu halten. Nur ein Gottesherz kann uns genÜgen. Kraft der Gnade der Kindschaft tritt Gottes Herz unserem Herzen so nahe, daß es dieses ganz durchdringt und daß beide zu ein e m Herzen verschmelzen, das nur ein e Seele, nur ein Geist, der Heilige Geist, belebt. Und dieses Herz ist zugleich die FÜlle alles Edlen, Schönen, Reinen, Starken, LiebenswÜrdigen. Ein Herz voll Liebe, ein Herz voll Treue, ein Herz voll Selbstlosigkeit. Da kann es, soweit es auf Gott ankommt, nie einen Bruch der Freundschaft oder eine Enttäuschung geben. Freundschaft mit Gott! Er unser Freund, der immer, ohne Unterlaß uns nahe ist; der beständig, mit Seinem ganzen Interesse, mit Seiner ganzen Treue und Hingabe in unserer Seele wohnt; der jeden Gedanken, jeden \"Iunsch, jede Regung, jeden Schlag unseres Herzens vernimmt und versteht, so daß wir uns nicht erst um Worte und um den richtigen Ausdruck bemÜhen mÜssen. Ein Freund, der alle unsere BedÜrfnisse, Nöten, Schwierigkeiten, GefÜhle besser versteht als wir selbst. Ein Freund, der keine schwache Seite, keinen Fehler, keinen Mangel an sich hat, vielmehr die FÜlle aller Voll-

208 Die Zeit nach Pfingsten: Neunte Woche.

kommenheit umschließt. Ein Freund, göttlich uneigC'nnützig. Er sucht nichts für sich, alles nur für uns. Er verlangt nur, uns Immer noch vollkommener Sein Leben zu schenken, uns reiner, heiliger, gottförmiger zu machen, um uns dann noch mehr mit Seiner Liebe beglücken zu können. "Kostet und sehet, wie lieb der Herr ist. Selig der Mann, derauf Ihn vertraut" (Communio).

3. "Ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen."

Kinder Gottes, Freunde Gottes durch den Heiligen Geist, der in unsere Herzen ausgegossen ist. "Gott, wir haben Dein Erbarmen empfangen inmitten Deines Tempels. Groß ist der Herr und alles Lobes würdig in unseres Gottes Stadt, auf Seinem heiligen Berge. Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste" (Introitus).

"Was kann dir die Welt geben ohne Jesus? Ohne Jesus sein, ist eine harte Hölle, und bei Jesus sein, ist ein süßes Paradies. Wer Jesus findet, der findet den guten Schatz, ein Gut über alle GÜter. Wer Jesus verliert, verliert mehr als die ganze Welt. Ohne Freund kannst du nicht wohl leben. Und wenn J esus nicht vor allen dein Freund ist, wirst du gar zu traurig und elend sein" (N achfolge Christi 2,8).

Kindschaft Gottes! Freundschaft Gottes! Jede Gabe wird zur Aufgabe. Kind Gottes: also Gott ähnlich werden, Ihm, dem Vater leben, mit Ihm Umgang haben, Großes für Ihn tun und leiden! Freund Gottes: also ein e r Gesinnung, ein e s Willens, ein e s Geistes mit Ihm sein, fern a\lem, was SÜnde ist, erhaben über alles Geteiltsein.

Ge b e t.

Herr, das himmlische Geheimnis (der heiligen MelOie und Kommunion) erneuere uns an Leib und Seele, auf daß wir die Wirkung dessen erfahren, was wir in feierlicher Handlung vo\lziehen. Amen.

Samstag: Beten aus dem Geist der Kindschaft. 209 Samstag der neunten Woche nach Pfingsten.

Beten aus dem Geist der Kindschaft.

r. "Ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater" (Epistel). Der Geist der Gotteskindschaft erschließt uns das Heiligtum des wahren Betens, sei es daß wir das mündliche Gebet verrichten, sei es daß wir dem innerlichen Gebete obliegen.

2. "W i r w iss e n aus uns ni c h t, um was wir bit t e n soll e n" (Röm. 8, 26). Das Wichtigste im Gebet ist die übernatÜrliche FÜhlungnahme mit Gott. Aus ihr schöpft die Seele das göttliche Leben, das sie erfÜllen und zur Heiligkeit emporführen muß. Diese Fühlungnahme aber ist nicht die Frucht des BemÜhens und Suchens unseres Verstandes oder überhaupt einer rein natÜrlichen Änstrengung unseres Willens, unserer Kräfte. "Niemand kann auch nur geziemend und heilbringend Herr J esus sagen außer im Heiligen Geiste" CI Kor. 12, 3). Nur der glaubenden und liebenden Seele ist es vergönnt, im Gebet mit Gott in FÜhlung und lebendige Verbindung zu treten. Glauben und lieben kann sie aber nur unter dem Antrieb und Einwirken des Heiligen Geistes. Nur im Heiligen Geist kann sie und darf sie zum Vater kommen und mit den GefÜhlen der Vertraulichkeit, der Freiheit des Kindes mit Ihm sich aussprechen. "Wir wissen aus uns nicht, um was wir bitten sollen", was wir im Gebete sagen, Gott vortragen sollen. So sehr ist das Gebet ein Werk des übernatÜrlichen, durch den Heiligen Geist in Christus hineingehobenen und mit Christus, dem Kinde Gottes, einsgewordenen Menschen.

"D a tri t t der Gei s t seI b s t fÜr uns ein mit unaussprechlichen Seufzern. Und Er, der die Herzen erforscht, Gott, weiß, was der Geist begehrt, daß Er bei Gott für die Heiligen (Getauften) eintritt, wie es Gott haben will" (Röm. 8, 26 f.). "Ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen, in dem

Baur, Werd" Licht. Ill.

14

2IO Die Zeit nach Pfingsten: Neunte Woche.

wir rufen: Abba, Vater." Wir beten als Kinder des Vaters. Unser Beten ist der Ausdruck des innersten Empfindens, WÜnschens, Strebens, Verlangens und Vertrauens des Geistes der Kindschaft, der uns gegeben ist. Zutiefst betet in uns der Heilige Geist, der in uns wohnt. Er regt in uns das Beten an. Er weckt den Glauben, das Vertrauen, die Liebe. Er weckt in uns die Affekte des Dankes, der Ehrfurcht, rier Danksagung, der Hingabe. Er hat uns mit der heiligmachenden Gnade Seine sieben Gaben in die Seele gesenkt. Wenn Er uns zum Gebete drängt, zum Vater fÜhrt, dann greift Er in die Saiten diesel lebendigen Harfe. Er bewirkt die Entfaltung jener GefÜhle, welche unser Kindsein vor Gott auslöste. Er berÜhrt die Saite der heiligen Furcht, auf daß wir mit Ehrfurcht vor den Vater hintreten. Er weckt die Gnade der Frömmigkeit, auf daß unsere Ehrfurcht in fruchtbaren Einklang mit der Freiheit und Vertraulichkeit des Kl11des gebracht werde. Kraft der Gabe der Wissenschaft läßt Er uns die natÜrliche Wahrheit, Erfahrung und Erlebnisse im Lichte Gottes sehen und bewerten. Mittels der Gabe des Verstandes enthÜllt Er uns im Gebete die Tiefen der Wahrheiten unseres heiligen Glaubens, des Evangeliums, des Lebens Gottes und Christi. Mittels der Gabe der Weisheit gibt Er uns einen innern Zug, einen Geschmack' an Gott und Seinen Geheimnissen und läßt uns die Wonnen und den Trost der Gotteserkenntnis erfahren. So bringt der Heilige Geist in uns die Gefühle und die Gesinnungen des Kindes hervor, mit denen wir im Gebete zum Vater kommen. Er regt uns dazu an, daß wir in kindlichem Sinne den Vater anbeten, Ihm danken, Ihn lobpreisen, Ihm unser Herz, unsern Leib, unsere Seele, unsere Liebe schenken und Ihm unsere Bedürfnisse und Bitten unterbreiten. "Der Geist selbst tritt für uns ein. Und Gott, der Vater, weiß, was der in uns wohnende Geist begehrt." Er findet an dem, was der Geist der Kindschaft uns beten läßt,

Samstag: Beten aus dem Geist der Kindschaft. 2 I I

Sein Wohlgefallen und nimmt das Danken, die Anbetung, die Hingabe, die Bitten Seines Kindes wohlwollend auf. Darum ist unser Beten, das Beten aus dem Geiste der Kindschaft Gottes, so wertvoll, so fruchtbar. Darum schöpft die aus dem Geiste der Gotteskindschaft betende Seele aus Ihrem Umgang mit dem Vater so große Gnaden.

3· \Ver läßt sich im Gebete mehr vorn Geiste Gottes leiten als diej enigen, welche mit der Kirche beten. Sie ist die vorn Heiligen Geist geleitete große Orante, die betende Kirche. Da ist keine Gefahr, daß wir nach den eigenen, allzu natÜrlich-menschlichen Absichten und aus dem eigenen Geiste und Sinne beten. Je mebr wir uns im Gebete von der heiligen Kirche, von ihren Gebeten, von ihren religiösen Feiern, von ihren BedÜrfnissen und Gefühlen bestimmen lassen, um so vollkommener sind wir vorn Geiste Gottes geleitet und beten wir als Kinder Gottes.

Der Geist Gottes ist ein Geist der Gemeinschaft, auch im Gebet. Er drängt uns, daß wir beten: "Vater unser. Unser tägliches Brot gib uns heute. Vergib uns unsere Schuld. Erlöse und (bewahre uns) vor dem übel" (der SÜnde, des ewigen Todes). Der Geist Gottes drängt uns zum Wir-Gebet. Je vollkommener wir das Wir-Gebet pflegen, um so mehr wird unser Beten ein Beten aus dem Geiste der Kindschaft, aus dem Heiligen Geiste sein.

Ge be t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, schenk uns in Deiner Güte immerdar eine solche Gesinnung, daß wir denken und tun, was recht ist. So werden wir Deinem \Villcn entsprechend zu leben vermögen, die wir ohne Dich nicht sein können. Durch Christus unsern IIerrn. Amen.

14*

Die liturgische Meßfeier des neunten Sonntags nach Pfingsten.

1. Vor dem Auge unseres Geistes läßt die Liturgie des heutigen Sonntags eine eindrucksvolle Prozession vorüberziehen, das Volk Israel auf seiner Wüstenwanderung. Die großen, erhebenden und begeisternden Erlebnisse des Auszugs aus Agypten und des Durchzugs durch das Rote Meer liegen schon geraume Zeit zurÜck. Der Alltag der WÜste mit ihrer Eintönigkeit und ihrem Druck lastet auf den Herzen und auf den Gesichtern. Die Wüstenpilger sehnen sich zurück nach den GenÜssen Agyptens; v iele von ihnen tanzen um den goldenen Stier und treiben so schändlichen Götlendienst; andere treiben Unzucht, wieder andere murren wider Gott und Moses. Ob dieser Untreue kommen an ein e m Tage dreiundzwanzigtausend von denen um, die Unzucht getrieben; andere sterben durch den Biß der Schlangen, die Murrer werden vorn Würgengel getötet (Epistel). Und ein zweites Bild: Von den Höhen des Olbergs schaut Christus auf die Stadt Jerusalem hernieder. Und wie Er die schöne, stolze Stadt mit ihrem maj estätischen Tempel betrachtet, da fließen ihm die Tränen Über die Wangen: "Oh, wenn doch auch du erkenntest, und zwar an diesem deinem Tage, was dir zum Frieden dient!"

~. "Das alles widerfuhr jenen (den Israeliten auf dem Wüstenzug) vorbildlich. Uns nämlich ist es zur Warnung geschrieben. Wer darum meint, er stehe, der sehe zu, daß er nicht falle." Was wir in der Epistel an Israel in der Wüste, was wir im Evangelium an J erusalem sehen, das~elbe kann sich an uns, den Getauften, wiederholen. Es ist nicht damit getan, daß wir in der heiligen Taufe aus dem

Die liturg-. Meßfe'er d. 9. Sonntags n. Pfingsten. 2 I 3 Agypten der gottentfremdeten Welt ausgezogen sind; daß wir uns der Knechtschaft des Pharao (Satans) entzogen, daß wir durchs Rote Meer hindurchgeschritten und so der Gewalt des Feindes (Satans, der Hölle) entgangen sind; ebenso wichtig ist, daß wir uns der langen, ermÜdenden Vvanderung durch die WÜste des Lebens unterziehen, getreu den Verpflichtungen und Forderungen der heiligen Taufe und des Christenstandes : daß wir nicht gelüsten nach den Genüssen Agyptens (der Welt), daß \V i r nicht falschen Göttern leben (Augenlust, Fleischeslust, Hoffart des Lebens), daß wir nicht Unzucht treiben, nicht den Herrn versuchen, nicht murren. War Israel nicht auserwählt vor allen übrigen Völkern, hatte es nicht die Verheißungen Gottes, die Patriarchen, die Offenbarung, den Kult des wahren Gottes, die Opfer? Stand nicht in J erusalem der herrliche Tempel, von Herodes neu hergestellt 0 Brannte nicht unaufhörlich auf dem Brandopferaltar das heilige Opferfeuer, wohnte nicht im Allerheiligsten des Tempels in J erusalem Gott selbst? Deshalb vermeinte J erusalem zu stehen - und es fiel! Hatte nicht das Volk in der WÜste Gott selbst zum FÜhrer in der Feuer- und Wolkensäule, hatte es nicht die Bundeslade, die Opfer, einen gottbestellten FÜhrer (Moses )? Und trotz alledem, es fiel in der Wüste' SchÜtzt also die Taufe, die Zugehörigkeit zur Kirche Chri~ti, schÜtzt der Christenname allein vor denl Unheil und vor dem ewigen Untergang? "Wer meint, er stehe, der sehe :a:u, daß er nicht falle."

3. In diesem ernsten Gedanken gehen wir heute zur Feier der heiligen Messe. Was wir in der heiligen Taufe und Firmung in die Seele gelegt bekommen haben, muß in hartem Ringen erhalten, bewahrt, bewährt und entfaltet werden. Kampfbereit schauen wir beim Einzug in das Gotteshaus mit Vertrauen auf das in der Apsis herniederleuchtenoe hoheitsvolle Bild des Herrn und sprechen: "Siehe da, Gott hilft mir. In Deiner Treue vertilge meine

214 Die Zeit nach Pfingsten: Zehnte Woche

Feinde" (Introitus), jene Feinde, die nach Ausweis der Epistel dem Volk Israel zum Fall geworden sind: Weltliebe, Götzendienst, Unzucht, Murren. Diese Bitte legen wir in das Kyrie eleison, in die Oration und den Alleluj avers. Die WÜstenwanderer der Epistel, das J erusalem des Evangeliums sind wir selbst. Demütig bekennen wir, daß der Heiland leider nur zu sehr Grund hat. auch Über unsere untreue Seele zu weinen und ihr zu sagen: "Daß doch auch du es erkenntest, und zwar an diesem deinem Tage, was dir zum Frieden dient." Wir glauben an diese seine mitleidsvolle Liebe zu unserer Seele, und bekennen deshalb im Credo, daG er um des Friedens und Heiles unserer Seele willen vorn Himmel gekommen, gekreuzigt, gestorben, begraben worden und auferstanden ist. In der heiligen Wandlung kommt Er zu uns. Er weint über unsere Seele, Er erneuert für unsere Seele auf dem Altar Sein Sterben am Kreuze. \iVir aber legen unser Herz auf die Patene. Wir entsagen allen verkehrten GelÜsten, allem Götzendienst, aller Unzucht, allem Murren. Wir wenden uns aufrichtig zum Herrn und bekennen: "Des Herrn Gesetze (Gebote) sind gerecht, sie machen die Herzen froh. Seine Satzungen sind sÜßer als Honig und Honigseim. Dein Knecht befolgt sie" (Offertorium).

Neunter Sonntag nach Pfingsten.

Uns zur War nun g.

1. Eine erhabene Auserwählung ist uns in der Taufe und Firmung zuteil geworden. Die Liturgie der Wochen nach Ostern und Pfingsten ist nicht müde geworden, uns an unsere ReichtÜmer und Auserwählung zu erinnern. Heute spornt sie uns zur Treue gegen die Taufgnade, gegen unsern Christennamen an. "Wer glaubt zu stehen, sehe zu, daß er nicht falle" (Epistel). Wir können die Gnaden miB-

Sonntag-: Uns zur Warnung.

215

brauchen, unserer Berufung und Auserwählung untreu werden. Und dann!

2 "Wer glaubt zu stehen, sehe zu, daß ern ich t fall e!" Epistel und Evangelium lenken unsern Blick auf das auserwählte, reich begnadete Volk Israel. Mit Macht hat der Herr die Knechtschaft in Agypten gewendet. Unter steten Wundern und unter einern ganz besondern Schutz hat Er das Vqlk durch das Rote Meer gefÜhrt, mit ihm am Sinai den Bund geschlossen, ihm in den Zehn Geboten Seinen Willen kundgetan, ihm in der W olken;;äule ein schÜtzendes Dach gegen die sengende Sonne g-egeben und in der Feuersäule eine das ganze Lager erhellende Ampel hingestellt. Aus dem Felsen ließ Er reichlich 'Nasser strömen, und täglich speiste Er sie mit Manna. Und da sie endlich nach langen Jahren an den Jordan kommen, erleben sie neue Wunder: sie gehen trockenen Fußes durch das Strombett des Jordan; sie ziehen betend, Gott lobpreisend um die Mauern von Jericho und Überwinden die Stadt; sie erfahren es handgreiflich, wie Gottes Kraft ihre Feinde, die Kananäer, in ihre siegreichen Hände gibt. Sie nehmen das ihnen verheißene Land in Besitz. Sie haben die Bundeslade, sie haben das Gesetz, sie haben ein Priestertum, später an Stelle de, einfachen Bundeszeltes den herrlichen Tempel in Jerusalem und erfahren immer und immer wieder die Hilfe, den Schutz Gottes. Sie fÜhlen ihre Auserwählung. Sie verlassen sich darauf. Wir sind Kinder Abrahams, meinen sie (Matth. 3, 9); wir haben den Tempel des Herrn (Jer. 7, 4). "Sie glauben zu stehen", so sehr, daß die Vertreter und Führer des Volkes, die Priester und Schriftgelehrten, den von den Propheten verheißenen Messias ablehnen und verwerfen.

Das auserwählte Volk entspricht seine rAu s e r w ä h I u n g ni c h t. "Seien wir nicht nach dem Bösen lüstern, so wie jene (auf dem Zug durch die vVüste) lÜstern waren. Werdet auch keine

2 I 6 Die Zeit nach Pfingsten. Zehnte Woche.

Götzendiener wie ell1lg-e von ihnen, von denen geschrieben steht: Das Volk setzte sich zu essen und zu trinken; dann standen sie auf, um (um das goldene Kalb) zu tanzen. Laßt uns auch nicht Unzucht treiben, wie einige von ihnen Unzucht getrieben haben, weshalb an ein e m Tage dreiundzwanz'igtausend umkamen. Laßt uns Christus nicht versuchen, wie einige von ihnen Ihn versucht haben und durch Schlangen umkamen. Murret nicht, wie einige von ihnen gemurrt haben und durch den \i\TÜrgengel getötet wurden. Das alles widerfuhr jenen vorbildlich: es wurde fÜr uns zur Warnung geschrieben. Wer darum glaubt zu stehen, sehe zu, daß er nicht falle!" (Epistel.) Israel fällt! Es wird von Gott fallen gelassen, verstoßen. Wie sehr ist ihm der Herr nachgegangen! Mit wieviel Liebe hängt Er an J erusalem! Er weint über die Stadt. " Wenn doch auch du es erkannt hättest, und zwar an diesem deinem Tage (da dein Heiland dich heimsucht), was dir zum Frieden dient! Nun aber ist es vor deinen Augen verborgen. Es werden Tage Über dich kommen, da deine Feinde dich mit einern Walle umgeben, dich ringsum einschließen und dich von allen Seiten belästigen. Sie werden dich samt deinen Kindern zu Boden schmettern und in dir keinen Stein auf dem andern lassen, weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast." Wie ist das alles vierzig Jahre später buchstäblich eingetroffen. J erusalern, das von Gott auserwählte und auch bevorzugte J erusalem, fällt, weil es die Zeit der Heimsuchung nicht erkannt, die Gnaden Gottes mißbraucht hat. Uns Christen zur Warnung. Nicht die Auserwählung, nicht das Christsein allein tut es, sondern darauf kommt es an, daß wir die uns gebotenen Gnaden der Taufe, der heiligen Firmung, der heiligen' Mes'se und Kommunion, der Zugehörigkeit zur Kirche annehmen und in treuer Folgsamkeit gegen sie Schritt für Schritt dem eigenen Geist und Sinll

Montag: Sieg der Kirche. 2 I 7

sterben, auf daß das Gottesreich in uns zur Vollendung gelange.

3. "Das alles widerfuhr jenen vorbildlich; es wurde fÜr uns, die wir in den letzten Zeiten (d. i. in dem christlichen Weltalter) leben, zur Warnung geschrieben." "Wer zu stehen glaubt, sehe zu, daß er nicht falle." Daß es uns nicht ergehe wie J erusalem: "Du hast die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt" und hast den Gnaden nicht entsprochen.

Auch an den Getauften muß die Versuchung herantreten, um seine Treue gegen Gott und Christus zu erproben, zu befestigen, zu bewähren. Die Versuchung droht uns von dem eigenen Ich, von der bösen Begierlichkeit, vom Weltsinn, von der Eigenliebe, die ihren eigenen Wünschen folgen will und sich dem Wirken der Gnade und des Heiligen Geistes widersetzt.

Ge be t.

Herr, den Bitten der Flehenden tue auf Dein Ohr, und um den Bittenden ihre Wünsche gewähren zu können, laß sie verlangen, was Dir wohlgefällig ist. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Montag der zehnten Woche nach Pfingsten.

Sie g cl e r Kir c h e.

1. Einen eigenen Akzent bekommen die Texte der heutigen Messe durch den Introitus mit Graduale, Offertorium und Communio. Ein lautes Flehen um Hilfe und ein Gebet des Dankes für die gewordene Hilfe. ,,0 Gott, in Deinem Namen rette mich, in Deiner Kraft befreie mich" (Introituspsalm). "Mein Gott, errette mich von meinen Feinden, befreie mich von meinen Widersachern" (Allelujavers). Und daneben: "Siehe, Gott ist mein Helfer und der Herr der Hort meiner Seele. Wende auf meine Feinde das Unheil ab, vernichte sie in Deiner Treue

2 I 8 Die Zeit nach Pfingsten: Zehnte Woche.

(gegen mich), 0 Herr, mein BeschÜtzer" (Introitus). So betet die Kirche. "Vhe einst der auf natÜrliche Weise Geborene (Ismael) den nach dem Geiste Geborenen (Isaak) verfolgte, so geht es auch jetzt" (Gal. 4, 29). Das dereinst auserwählte, nunmel:lr von Gott verworfene Volk Israel wirft sich zum unversöhnlichen Feind und Widersacher Christi und Seiner Kirche auf. Es ist der ununterbrochene Kampf der Finsternis gegen das Licht, der Synagoge gegen die Kirche, des Antichristentums gegen das Christentum, dargestellt im Kampf des Saul gegen David (Psalm 53) (Introitus).

2. ,,0 Go t t, in Dei n e m Na m e n re t t e mi c h." David ist auf der Flucht vor Saul, in einern verborgenen V/inkel der WÜste Ziph, sÜdöstlich von Hebron. Die Einwohner jener Gegend aber verraten dem König Saul den Schlupfwinkel des FlÜchtlings und erklären sich bereit, den Sau I mit seinem Heere dahin zu fÜhren. David hat niemand mehr als seinen Gott. Mit der wachsenden Not wächst auch sein Glaube an Gottes Macht und Liebe und sein Vertrauen auf Gottes Nähe und wirksame Hilfe. "Hilf mir, Gott, durch Deinen N amen, schaffe mir Recht durch Deine Kraft. Erhöre mein Gebet." Sein Vertrauen ist um so begrÜndeter, als seine Verfolger sich um Gott und Gottes Gebot, um Wahrheit und Gerechtigkeit nicht kümmern, des Gerichtes Gottes nicht achten, sich vielmehr von ihrem Übermut und ihrer Leidenschaft zu jeder Ungerechtigkeit hinreißen lassen. Und siehe! Gott ist da und hilft! "Siehe, Gott ist mein Helfer, und der Herr der Hort meiner Seele." Schon hatten Saul und die Seinen den David so umzingelt, daß ein Entrinnen unmöglich war. Da wurde Saul die Meldung gebracht, die Phil.ister seien in sein Land eingebrochen. Das Unheil, das Saul dem David zugedacht hatte, fiel nun auf ihn selbst zurück. Ohne Verzug mußte Sau! heimkehren, um Volk und Land und seine Krone zu sichern.

Montag: Sieg der Kirche.

219

"Siehe, Gott ist mein Helfer, und der Herr der Hort meiner Seele. Er wendet auf die Feinde das Unheil ab (das sie Über mich beschlossen haben) und vertilgt sie in Seiner Treue (gegen mich), der Herr, mein BeschÜtzer." Saul und David, Synagoge und Kirche. Immer wird Christus in Seiner Kirche und in Seinen Gliedern verfolgt werden. Aber "Gott ist getreu. Er läßt euch nicht Über eure Kräfte versuchen (verfolgen): Er gibt bei der Versuchung auch den rechten Ausgang" (Epistel). "Gott ist mein Helfer", triumphiert die Kirche. Seit zweitausend Jahren hat sie es unaufhörlich an sich erfahren. "Gott ist mein Helfer", jubeln auch wir, die Kinder der Kirche. Kämpfen mÜssen wir allezeit. Aber Gott ist getreu. Er ist unser Helfer. Wie oft haben wir es schon erfahren!

,,\i'.,r end e das Unh eil auf uns e r e Fe i n d e zur Ü c k. Vernichte sie, 0 Herr, mein BeschÜtzer." Die Synagoge ist der geborene Feind Christi und der Kirche, schon vom ersten Pfingstfeste an. Sie will die junge Kirche vernichten. Sie hat Geld, sie hat Einfluß in Rom, beim Kaiser. Sie steht hinter den großen Christenverfolgungen durch N ero und Domitial;l. Sie steht im Bunde mit allen Mächten des Antichristenturns, bis auf unsere Tage. Der Riese Goliath! Daneben der kleine David, die Kirche. Sie hat nur Gott und die Waffe des Gebetes. Aber sie wird siegen! Ein untrÜgliches Unterpfand ihres Sieges Über das Antichristenturn und über die Mächte, die ihr das Grab schaufeln wullen, ist das Strafgericht, welches das heutige Evangelium der Stadt J erusalem, d. i. der Synagoge, androht. "Es werden Tage Über dich kommen, da deine Feinde dich mit einern Walle umgeben. Sie werden dich samt deinen Kindern zu Boden schmettern und keinen Stein auf dem andern lassen." Der Untergang J erusalems im Jahre 70 nach Christi Geburt ist das untrÜgliche, allen offenkundige Siegel auf den Schutz, den der Herr Seiner Kirche gewährt.

220 Die Zeit nach Pfingsten: Zehnte Woche.

Und in der Kirche allen Kindern der Kirche. Wir alle dürfen jubeln: "Siehe, Gott ist mein Helfer. Er wendet das Unheil auf meine Feinde ab und vernichtet sie, der Herr, mein BeschÜtzer." Es ist ein Schauspiel, das sich in der Geschichte der Kirche und ihrer Kinder oft wiederholt hat! .

. 3· ,,0 Herr, unser Herr, wie wunderbar ist doch Dein Name allüberall auf Erden (in der Geschichte der Kirche)! Deine Herrlichkeit ist erhaben über alle Himmel" (Graduale).

"Des Herrn Gesetze sind gerecht, sie machen froh die Herzen. Und Seine Satzungen sind sÜßer noch als Honig und Honigseim. Daher befolgt sie auch Dein Knecht" (Offertorium). Im Opfergang der heiligen Messe schließen wir uns dem Herrn an und leben Ihm, Seinem Gebot und Willen. Nichts fÜr mich, alles fÜr Ihn, zu Seiner Ehre, nach Seinem heiligen Willen.

"Siehe, der Herr ist mein Helfer." "Wer Mein Fleisch ißt und Mein Blut trinkt, der bleibt in Mir und Ich in ihm, spricht der Herr" (Communio). Die heiligste Eucharistie macht die Kirche, uns, eins mit Ihm. Deshalb ist "der Herr mein Helfer". Er läßt die Kirche, uns Getaufte, an Seinen PrÜfungen, Verfolgungen, Leiden teilnehmen und "Seinen" Kelch mittrinken. Aber mittels der heiligsten Eucharistie teilt Er uns Seinen Geist und Seine allvermögende Kraft zum Siegen mit. "Siehe, der Herr ist mein Helfer." Er ist getreu. Er läßt Seine Kirche, uns, nicht über unsere Kräfte versucht werden, sondern gibt bei der Versuchung (PrÜfung) auch den günstigen Ausgang" (Epistel).

So jubeln' auch wir siegesgewiß : "Siehe, der Herr ist mein Helfer, der Hort meiner Seele." Ich stehe zu Ihm und Seiner heiligen Kirche mit ihrem hochheiligen Opfer und Sakrament. Er wendet das Unheil auf meine Feinde zurück und vernichtet sie. Wir beten für sie: "Vater, verzeihe ihnen, sie wissen nicht, was sie tun."

Dienstag: Mißbrauchte Gnaden. 221

Gebet.

o Herr, den Bitten der Flehenden tu auf Dein Ohr, und um den Bittenden ihre Wünsche gewähren zu können, laß sie verlangen, was Dir wohlgefällig ist. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Dienstag der zehnten Woche nach Pfingsten.

M i ß b rau c h t e G n ade n.

1. "Das Volk setzte sich zu essen und zu trinken.

Dann standen sie auf, um zu tanzen" (Epistel). Das ist das auserwählte Volk, nach den staunenswerten Wundern, die Gott an ihm gewirkt, von Gott gerettet, gefÜhrt, mit Manna gespeist, unaufhörlich mit Gnaden gesegnet. Es vergißt der Gnaden, es vergißt des Gelobten Landes, dem es entgegenzieht. Es setzt sich, um zu essen und zu trinken, es sich wohlsein zu lassen. "Das alles ist uns zur Warnung geschrieben."

2. "J e r usa lern, Je r usa lern. Wie oft wollte ich deine Kinder sammeln wie eine Henne ihre Küchlein unter ihre Flügel nimmt!" (Matth. 23, 37.) "Du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind" (ebd.). Was tut Gott nicht alles für Sein auserwähltes Volk! Wie oft sandte Er ihm Seine Propheten, es zu belehren, zu mahnen, es auf den rechten Weg zu führen ünd vorn Götzendienste abzubringen. Lauter Gnaden! Und J erusalem antwortet auf di.se Gnaden damit, daß es die Propheten, die Gesandten Gottes, steinigt und tötet! "Ich komme meinem Liebling mit meinem Lied von seinem Weinberg. Er hatte einen Weinberg an fetter Bergeshalde. Man hatte ihn behackt und ihn entsteint und ihn mit Edelreben angepflanzt und einen Turm in ihm erbaut. Man hob auch eine Kelter in ihm aus. Nun hoffte man, daß er Trauben brächte. Er aber brachte böse Früchte. Was gab's an Meinem Weinberg noch zu tun, das Ich an ihm

222 Die Zeit nach Pfingsten: Zehnte Woche.

nicht getan?" (Is. 5, I ff.). Ein Bild der Gnaden des Beistandes, mit denen Gott uns überhäuft. So herrlich die heiligmachende Gnade ist, sie ist doch nur der übernatÜrliche, ruhende Lebensgrund der Seele. So sehr uns mit der heiligmachenden Gnade Übernatürliche Fähigkeiten und Kräfte in die Seele gelegt sind, sie mÜssen unter dem Einfluß einer ÜbernatÜrlichen Atmosphäre und einer Übernatürlichen Sonne geweckt werden, daß sie wirksam' werden. So sehr wir mit der heiligmachenden Gnad~ zugleich auch die sieben Gaben des Heiligen Geistes empfangen haben, sie sind doch nur die Segel, mit denen das Schifflein unserer Seele dem Gestade des Himmels zueilen soll. Indes die Segel mÜssen vom kräftigen Hauch des Heiligen Geistes geschwellt und getrieben werden. Wir bedürfen der Beistandsgnaden. Auch wenn der Rebzweig das Leben in sich trägt, so muß er doch ununterbrochen vom Weinstock genährt werden, sonst verliert er sein Leben. Wir sind Zweige an Christus, dem Weinstock. Christus "strömt in die Gerechten (d. i. die die heiligmachende Gnade haben) wie das Haupt in die Glieder und der Weinstock in die Rebzweige ohne Unterlaß Seine Kraft ein, eine Kraft, die ihren guten Werken vorangeht, sie begleitet, ihnen nachfolgt und jenen Wert verleiht, ohne den sie Gott nicht angenehm oder verdienstlich sein können" (Konzil von Trient,. 6. Sitzung, Kap. 16). "Denen, die Gott lieben (d. i. die im Stande der Gnade sind), gereicht alles zum Guten" (Röm. 8, 28). An alles, was ihnen im Alltag begegnet oder unter die Hände kommt, hat der Herr in liebender Sorge um ihr Seelenheil, um ihr inneres Wachstum, um ihre Heiligung eine Beistandsgnade geknÜpft: eine Erleuchtung, eine Mahnung, eine Einsprechung, eine Anregung zu einern Akt der Liebe, des Dankes, der Reue. In jedem Augenblick steht der Herr mit einer Beistandsgnade an der TÜre unseres Herzen> und klopft an. Wir leben in einer Atmosphäre der

Dienstag' Mißbrauchte Gnaden. 223

Gnade und sind rings von Gnaden umgeben! "Wenn doch auch du es erkenntest!"

"D u ab e r ha s t ni c h t ge woll t 1 (Matth. 23, 37.) "Jerusalem, Jerus-alem! Du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft wollte Ich deine Kinder sammeln, du aber hast nicht gewolltI" Mißbrauchte Gnaden! "Wenn doch auch du es erkannt hättest, was dir zum Frieden dient." Zum Frieden dient ein freudiges, großmütiges Ja zu den Gnaden des Herrn, Seinem Pochen an der Türe des Herzens, zu den Einsichten, die Er uns gibt, zu den innern Anregungen, mit denen Er uns drängt, dies zu lassen, jenes zu bessern; dies zu meiden, jenes zu tun. "N un aber ist es vor deinen Augen verborgen." Du mißkennst, mißachtest Gottes Gnade und Einsprechung. Du willst deinem eigenen Sinn und Geiste folgen und setzest der Einladung und der Gabe, die der Herr dir anbietet, ein kaltes, wenn nicht trotziges, verächtliches Nein entgegen! "Du aber hast nicht gewollt." "Seht, euer Haus wird verlassen dastehen." Jerusalem, die Seele, wird sich selbst überlassen. Die Hilfen, der Schutz und Segen Gottes werden der Seele entzogen. Nun hat der Feind leichtes Spiel. Der Feind von innen: die Eigenliebe,' die böse Begierlichkeit. Der Feind von außen:

Satan, der Wel1:sinn. "Sie werden dich mit einern Walle umgeben, dich ringsum einschließen und dich von allen Seiten bedrängen, weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast."

3. "Das alles widerfuhr ihnen vorbildlich, uns zur Warnung." Ja, es will die Liturgie des heutigen Sonntags uns eindringlich warnen. "Wer steht, sehe zu, daß er nicht falle."

Geringschätzung, Unter schätzung der Gnade, der heiligmachenden Gnade und der Gnaden des Beistandes. Das ist unsere große Sünde. "Wie oft wollte Ich - du aber hast nicht gewollt." Ein unergrÜndl iches Geheimnis. Wir benötigen der Bei-

224 Die Zeit nach Pfingsten: Zehnte Woche.

standsgnade j eden Augenblick, zu allem und jedem, was wir beten, opfern, tun, leiden, um es recht zu tun, so wie es sich für ein Gotteskind geziemt. Und dabei haben wir gewohnheitsmäßig den Anregµngen der Gna.de gegenÜber ein Nein! "Ich bin nicht verpflichtet, dies zu tun. Ich brauche diesen Genuß nicht zu opfern, es ist nicht geboten. Ich bin nicht gehalten, diese Abtötung auf mich zu nehmen." Die Gnade ruft, die Gnade zieht - und wir verachten sie. "Daß auch du es erkenntest, und zwar an diesem deinem Tage!"

" Was nÜtzt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, wenn er an seiner Seele Schaden leidet?" (Matth. 16, 26.) Mit jeder mißbrauchten, verscherzten Beistandsgnade leidet er an seiner Seele Scha.den. "Daß doch auch du es erkenntest", welche Schätze dl1 mit .Hilfe der Gnade aufhäufen kannst, wie eine Gnade eine weitere nach sich zieht, wie jede gut angewandte Gnade uns ein Wachstum an heiligmachender Gnade, an göttl.ichem Leben, an Verdienst für die Ewigkeit und zugleich an Gnaden fÜr die Kirche, für die Seelen der andern, im Gefolge hat!

Gebet.

o Herr, den Bitten der Flehenden tu auf Dein Ohr, und um den Bittenden ihre Wünsche gewähren zu können, laß sie verlangen, was Dir wohlgefällig ist. Durch Ch ristus unsern Herrn. Amen.

Mittwoch der zehnten Woche nach Pfingsten.

Hoc h s c h ätz u n g der G n ade.

I. "Das Volk setzte sich zu essen und zu trinken. Dann standen sie auf, um zu tanzen" (Epistel). Und das am Sinai, nachdem sie kurz zuvor in Blitz und Donner die Nähe der Maj estät Gottes erfahren und die Stimme Gottes vernommen hatten. So bald hat es die \Vunder des Durchgangs durch das Rote

Mittwoch: Hochschätzung der Gnade. 225

Meer, die Gnadengegenwart Gottes in der Wolkenund Feuersäule, die Gnade des Manna, das ihm täglich gereicht wird, vergessen. Moses ist auf der Höhe des Sinai, im heiligen Umgang mit Gott. Das Volk drunten arri. Fuße des Berges ißt und trinkt und tanzt und huldigt dem Stier, dem Götzen der Agypter. "Uns zur Warnung."

2. "Wen n du die Gab eGo t t e s e r k ä n nte s t !" (J oh. 4, 10), den Wert der heiligmachenden Gnade! Sie hebt uns über den bloß natürlichen Menschen und sein Erkennen, Wollen und Können himmelhoch empor, hinein in das Mitleben des Lebens des dreifaltigen Gottes. Die Seele wird Gott innigst verbunden und in das Licht und Feuer der Gottheit eingetaucht. Dadurch nimmt sie den Glanz, die Glut und Geistigkeit Gottes an und erhält eine Schönheit, einen Adel, ein Leben nach Art der göttlichen Schönheit, des göttlichen Adels und Lebens. Die Seele wird ganz Licht, ganz Herrlichkeit, ganz Schönheit, teilhaft einer Seinsform, die sie der göttlichen Natur in der dieser eigenen Reinheit und Geistigkeit ähnlich macht. "Wenn du die Gabe Gottes erkänntest!" Den Wert der aus der heiligmachenden Gnade erwachsenden Tugenden, de·s Glaubens, der Hoffnung, der Liebe. Im Glauben sehen wir Gott und die Welt, die Ereignisse und Menschen, mit dem Auge Gottes an: wir sehen wahr. Die Hoffnung trägt uns Über alles Geschaffene empor: wir ruhen im Schoße Gottes, des liebenden Vaters; wir stützen uns auf Seine Kraft und sind stark, wirksam, nach dem höchsten, unendlichen Gut zu streben, das keine geschaffene Kraft erreichen kann. Die Liebe endlich steigt zu Gott empor: wir lieben Gott um Seiner selbst willen, so wie Er sich liebt, und so, wie Ihn der ewige Sohn Gottes liebt; ja, kraft der heiligen Liebe versenken wir uns so in Gott und gehen wir so in Ihn ein, als wären wir ein, e Natur mit Ihm, ein s mit Ihm. Kann es in der Welt einen Wert geben, Baur, Werde Licht. IlI. I 15

226 DIe Zelt nach Pfingsten: Zehnte Woche.

der dem Werte der heiligmachenden Gnade und der unmittelbar aus ihr erwachsenden göttlichen Tugenden gleich käme?

"Wen n d 0 c hau c h du e s e r k ä n n t e s t, was dir zum Frieden dient! Nun aber ist es vor deinen Augen verborgen." Diese Worte sind auch an' das J erusalem unserer eigenen Seele gerichtet. Das große Übel, an dem wir leiden, ist die Unter-. schätzung der Gnade, der ÜbernatÜrlichen Werte. "Das Volk setzte sich zu essen und zu trinken. Dann standen sie auf zu tanzen." Uns gilt Talent, Wissen, Leistung mehr als die Gnade. Wir ziehen ihr, ohne auch nur zu merken, wie unrecht wir tun, irdische, weltliche, zeitliche, oft sogar unerlaubte und sÜndhafte Dinge vor. Wir unterschätzen das Denken, Urteilen aus dem Glauben: wir denken, urteilen nach rein natÜrlich-menschlichen Grundsätzen, werten die Dinge so, wie der große Haufe sie wertet, rein menschlich. Wir unterschätzen die Gnade, indern wir aus rein natürlich-menschlichen Antrieben und Motiven handeln, unsere Pflicht erfÜllen, unser Kreuz tragen, ohne uns zuerst vom Glauben und von den Antrieben der Gnade bestimmen zu lassen. Wir unterschätzen das Gebet, das allein uns die nötigen Gnaden vermitteln kann. Wir arbeiten, wir schreiben, wir reden und unser Herz verdorrt, weil "wir vergessen, unser Brot zu essen" (Ps. IOI, 5), zu beten. Verdorrte Herzen so vieler, die reden, die arbeiten. Verdorrtes Leben, verdorrte Bäume! Wir vernachlässigen es, unsere vielen Gedanken, Worte, Werke durch die Übernatürliche Meinung zu heiligen und sie so fÜr uns, für die Kirt:he, fÜr die Seelen verdienstlich zu machen! "Wenn du es doch erkänntest, was dir zum Frieden dient!" Die richtige Wertung der Gnade, des ÜbernatÜrlichen! "Nun aber ist es vor deinen Augen verborgen." Wir unterschätzen die Gnade, die Übernatur, die Sakramente, die Kirche und ihre Lehre und Vorschriften. Hier liegt der Ursprung unserer

Mittwoch:. Hochschätzung der Gnade. 227

Unfruchtbarkeit, unseres Zurückbleibens ! So schädigeh wir die Interessen Gottes, die Interessen J esu, der Kirche, der Seelen, der eigenen Seele! Ob der Herr nicht auch Über uns weinen muß, die wir Seine Gnade, Seine Liebe also mißkennen, geringschätzen und ihr die Eitelkeiten des Lebens vorziehen!

3. Mit dem Allelujavers rufen wir zum Herrn, daß Er uns vor dem UnglÜck der Unterschätzung der Gnade, der Gotteskindschaft bewahre. "Mein Gott, errette mich von meinen Feinden. Befreie mich von meinen Widersachern", dem Mangel an Glaubensgeist, dem Weltsinn. So flehen wir für uns und fÜr alle unsere Brüder in Christus.

"Mein Haus ist ein Haus des Gebetes. Ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle gemacht" (Evangelium). Das Haus, der Tempel Gottes, sind wir, die wir das GlÜck der Gotteskindschaft besitzen. Und mit der Gnade der Gotteskindschaft die Einwohnung Gottes des Vaters, des Sohnes, des Heiligen Geistes. Ein Haus des Gebetes! In heiliger Sammlung, in ununterbrochenem Dienst der Liebe, der Huldigung, der Hingabe loben wir' den in der Seele wohnenden göttlichen Gast. "Ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle gemacht." Wohl wohnt Gott noch im Tempel: wir sind ja im Stande der Gnade. Aber wir ziehen der Gnade, ein Kind Gottes zu sein und dem Vater zu leben, tausend andere Dinge vor. Wir lassen Ihn stehen. Durch allerlei weltliche, unnÜtze, eitle, sÜndhafte Gedanken, Regungen, Wünsche, Neigungen, durch ununterbrochene Unarten gegen den in uns wohnenden Gott, durch die vielen Untreuen und den Ungehorsam gegen Seinen heiligen Willen profanieren und entweihen wir das Heiligtum.

"Wer glaubt zu stehen, sehe zu, daß er nicht falle."

15*

228 Die Zeit nach Pfingsten: Zehnte Woche.

Ge be t.

o Herr, den Bitten der Flehenden tu auf Dei Ohr, und um den Bittenden ihre WÜnsche gewähre' zu können, laß sie verlangen, was Dir wohlgefälli; ist. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Donnerstag der zehnten Woche nach Pfingsten.

M i ß b rau c h t e G n ade n.

1. Jesus hält Seinen feierlichen Einzug in Jeru salem. Die Scharen des Volkes jubeln ihm zu: "Ge benedeit sei, der da kommt im Namen des Herrn Hosanna dem Sohne Davids!" Jesus aber wein über Jerusalem. Er liebt Jerusalem. Und weil Er e liebt, darum schmerzt es Jesus tief, daß es die Zei der Heimsuchung nicht erkannt hat.

2. "E s wer den Tag e übe r d ich korn m e n da deine Feinde dich mit einern Walle umgeben dich ringsum einschließen und von allen Seiten be drängen. Sie werden dich samt deinen Kindern Zl Boden schmettern und keinen Stein in dir auf den andern lassen, weil du die Zeit deiner Heimsuchuni nicht erkannt hast" (Evangelium). Hätte J erusalerr die Zeit seiner Heimsuchung etwa nicht erkenne! können? Haben nicht die Priester und Schrift. gelehrten, da die drei Weisen aus dem Osten kamel und nach dem neugeborenen König der Juden frag· ten, genauen Bescheid geben können? Hat nich' J ohannes der Täufer der offiziellen Abordnung deI Priester in Jerusalem, die zu ihm an den Jordar kam und ihn fragte, wer er sei und warum er taufe es klar gesagt: "Ich taufe mit Wasser. Aber mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt, der nach mir kommt. Ich bin nicht wÜrdig, Seine Schuhriemen zu lösen." "Ich bin die Stimme des Rufenden in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, wie der Prophet Isaias gesagt hat"? (J oh. I, 19 ff.) Hatte nicht der Herr in Seiner öffentlichen Wirk-

Donnerstag: Mißbrauchte Gnaden. 229

!amkeit vor den Augen des ganzen Volkes in Galiläa und in Jerusalem der Wunder genug gewirkt, die fÜr Ihn Zeugnis gaben? Eben noch vor wenigen Tagen das Wunder der Auferweckung des Lazarus draußen vor den Toren J erusalems? Aber durch eigene Schuld hat J erusalem die Zeit seiner Heimsuchung nicht erkannt. Es hatte auf einen politischnationalen Messias gewartet, der seine irdischt'n Hoffnungen erfülle. So hat es den ihm gesandten Messias, die Zeit der gnadenvollen Heimsuchung nicht verstanden. Und nun ist es ·der Strafe verfallen. Wenige Tage noch, und der Vorhang im Tempel wird von oben bis unten zerreißen: der Bund Gottes mit Seinem Volk ist aufgelöst. Pfingsten wird der Geburtstag eines neuen Gottesvolkes, des N euen Bundes, der Kirche Christi: das Heil wandert von dem bisher auserwählten Volk zu den Völkern der Heiden. Eine Generation noch, dann werden die Römer kommen, J erusalem belagern, es erobern und vollkommen zerstören. Sie werden buchstäblich keinen Stein auf dem andern lassen, "weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast". "Alles das ist uns zur Warnung geschrieben." Die Heimsuchung des Herrn, die wir durch unsere eigene Schuld nicht erkennen, die Gnade, die wir abweisen und mißbrauchen, schreit nach Rache, nach Strafe und SÜhne. Das ist des Herrn Liebe: Er will uns retten. Und wenn wir nicht verstehen wollen, dann greift Er zur Zuchtrute, um uns zur Einsicht zu bringen.

"D u h ast das W 0 r t des Her r n ver w 0 rfe n, deshalb verwirft dich der Herr" (I Kön. 15, 26). Der König Saul hat Gottes Wort vernommen. Aber er hat es verachtet und gegen Gottes Weisung gehandelt. Deshalb wird er von Gott verworfen und wird die Königskrone einem andern gegeben. "Uns zur Warnung." Wo wir einer Gnade widerstehen, ihr nicht entsprechen, sie mißbrauchen, da setzen wir uns der Gefahr aus, unser ewiges Heil zu ver-

'230 Die Zeit nach Pfingsten: Zehnte Woche.

\\'irken. Eine Gnade ist mit einer andern Gnade, mit einer ganzen Reihe von Gnaden verkettet. BenÜtzen wir eine Gnade, dann hat diese Gnade eine weitere, größere Gnade im Gefolge; und diese zieht ebenso eine lange Reihe neuer, vollkommenerer Gnaden nach sich. Verlieren und verscherzen wir eine Gnade, dann verlieren wir in dieser einen Gnade zugleich die ganze lange Kette der Gnaden, die an jene Gnade geknüpft war. Könnte von dieser Gnade nicht alles für uns abhängen, die ganze EWIgkeit? Immer und überall gilt das Gesetz: Zur Strafe fÜr eine mißbrauchte Gnade entzieht uns Gott neue Gnaden. "Du hast Mein vVort, Meine Einsprechungen, verworfen: deshalb will Ich dich verwerfen." So ist es ja nur gerecht. Wenn der Heilige Geist an der TÜre unserer Seele anklopft und wir Ihm den Eintritt verweigern, so wird Er wieder davongehen. Wenn Er spricht und wir nicht auf Sein Wort hören, dann wird Er schweigen. Wenn Er Sein Licht über uns aufgehen läßt und wir die Augen verschließen, dann wird Er sich zurÜckziehen. Und dann?

3· "Laßt uns Christus nicht versuchen, wie einige von ihnen (auf dem Wüstenzuge ) Ihn versucht haben" (Epistel). Sie kannten Gottes Gebot und Willen. Aber sie mißachteten Ihn, gleichsam um zu sehen, ob Er es mit Seinem Gebot und Willen so ernst nehme. "Laßt uns Christus nicht versuchen", Seine Gnade, Seine Einsprechung, Seine Anregung, Sein Gebot, Seinen Willen nicht mißachten, in der Meinung, der Herr bestehe nicht auf Seinem Wort, auf Seinen Einsprechungen!

Freudig bekennen wir uns aufs neue zur Treue gegen die Gnade, zur Hochschätzung der Gnade. "Des Herrn Gesetze (Wille, Einsprechungen, Anregungen, Gnaden) sind gerecht, sie machen froh die Herzen. Und Seine Satzungen sind süßer als Honig und Honigseim. Daher befolgt sie auch Dein Knecµt" (Offertorium). Diesen Willep zur Treue

Freitag: Richtende Liebe.

~egen den Herrn und Seine Gnade legen wir im Opfergang auf die Patene.

"Wer Mein Fleisch ißt und Mein Blut trinkt, der bleibt in Mir und Ich in ihm" (Communio). Die Frucht der heiligen Opferfeier und der heiligen Kommunion ist die Geistes- und Herzensgemeinschaft mit Christus dem Herrn. Wir sind mit Ihm "e i n Herz und ein e Seele", ein Wollen und Lieben. Er gibt sich uns. Er durchdringt uns mit Seinem Licht, auf daß wir die Zeit Seiner Heimsuchung erkennen. Er gibt uns die Kraft, daß wir liebend den Anregungen Seiner Gnade entsprechen. "Siehe, Gott ist mein Helfer und der Herr der Hort meiner Seele" (Introitus). \Vir glauben, wir vertrauen.

Ge be t.

o Herr, den Bitten der Flehenden tu auf Dein Ohr, und um den Bittenden ihre Wünsche gewähren zu können, laß sie verlangen, was Dir wohlgefällig ist. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Freitag der zehnten Woche nach Pfingsten.

R ich t end e L i e b e.

1. Der Herr kommt in die Stadt Jerusalem. Und wie Er die Stadt sieht, da weint Er Über sie. So liebt Er sie. "Wenn doch auch du es erkänntest, was [lir zum Frieden ist!" "Dann ging Er in den Tempel und trieb die Käufer und Verkäufer, die darin waren, hinaus. Und Er lehrte täglich im Tempel." Erbarmende Liebe und strafende, richtende Liebe. Die Liturgie will es uns tief in die Seele hineinsagen : Der Herr kommt zum Gerichte, zu richtell die Lebenden und die Toten. Seine Liebe, mit der Er uns, "die Lebenden", retten, erlösen will, ist eine richtende Liebe.

2. Je s u s li e b t Je r usa lern. Er zieht feierlich in die Stadt ein, die Ihn heute in vielen ihrer Kinder

232 Die Zeit nach Pfingsten: Zehnte Woche.

freudig begrüßt. Aber Er weiß es: das Hosanna von heute macht in wenigen Tagen dem "Kreuzige Ihn" Platz. Er weiß, daß sie Ihn in diesen Tagen zum Tode verurteilen werden; daß Er, noch ehe eine Woche um ist, auf der Höhe des Kalvaria' am Kreuze hängen wird, von Seinem eigenen Volke, das Er so liebt, verworfen, gemordet. Er weint. Nicht Über das, was Seiner in Jerusalem wartet. Er denkt an die arme, dem Untergang geweihte Stadt. In weniger als vierzig Jahren wird sie in Trümmer liegen. Sie hat sich der Gnade unwürdig gemacht, die heilige Stadt zu sein, den Tempel, die Wohnung Gottes zu besitzen. Eben in diesem Augenblick schickt sie sich an, das Maß voll zu machen, im Morde des Herrn. "Wie oft wollte Ich deine Kinder sammeln, du aber hast nicht gewollt" (Matth. 23, 37). Das ist der Schmerz, der Jesus die Tränen aus preßt : J erusalem hat die Gnade Gottes verscherzt und abgewiesen. Deshalb wird es von Gott verworfen. Es hat sich von dem Verlangen und der Hoffnung auf irdischen Glanz und Vorteil bettügen lassen.

Je s u s r ich t e t. Er geht in den Tempel und treibt die Käufer und Verkäufer hinaus. "Die Tische der Wechsler und die Stände der Taubenhändler stieß Er um. Er lehrte sie und sprach: Mein Haus soll ein Bethaus sein. Ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle gemacht" (Mark. Ir, 16). Christus liebt. Und deshalb übt Er Gericht. Echte Liebe ist eine richtende Liebe. Wenn die Sonne erscheint, verscheucht sie alle Verschwommenheit und Finsternis. Es müssen alle Dinge in den klarsten Umrissen und in ihrer ungeschminkten Wahrheit erscheinen. Da, wo die Liebe auftritt, wird die Selbstsucht in allen ihren Gestalten und VerhÜllungen klar erkannt. Da, wo die höchste Reinheit Gestalt annimmt, leuchtet sie bis in die verborgensten Gedanken und Regungen hinab und verurteilt die ganze N acht und Finsternis des Ungeläuterten, Ungei-

Freitag: Richtende Liebe.

233

stigen und Unreinen, das im Menschenherzen nistet. Wenn schon die Gegenwart eines ganz edlen und wahrhaft liebevollen Menschen uns die eigene Unfeinheit und Selbstsucht zum Bewußtsein bringt, wie viel mehr erst die Gegenwart Christi, der höchsten, heiligsten Liebe? Ist nicht jedes Wort, das Er spricht, ein Gericht über uns? Ein Gericht, das bis zu unsern geheimsten Gedanken und Regungen hinuntersteigt? Die Seele kann nicht mehr anders, als sich von Ihm aus zu ri;:hten und zu beurteilen. Je mehr der Herr liebend einer Seele naht, um so grÜndlicher läßt Er Sein Licht in sie eindringen, sie von allem Unheiligen zu reinigen, zu trennen und alles auszuscheiden, was sich ihrem Heil und Frieden hemmend entgegenstellt. Seine Liebe verurteilt alles, was unrecht, selbstsÜchtig, nicht auf Gott bezogen ist. Sie dringt in die Seele ein und läßt sie klar alle zerstörenden Kräfte erkennen, die in ihr wirksam sind. Sie läßt einzig das gelten, was heilig, gottgefällig ist.

3. Der liebende Herr ist vorn richtenden Herrn untrennbar. Denn nur die Liebe, die uns richtet, liebt uns wahrhaft und will aufrichtig und wirksam unser Heil. Deshalb ist es ein heiliges Gesetz der Gnaden- und Heilsordnung: Jedes Heil nimmt den Weg über das Gericht, über die Ruinen des Unreinen, des Unheiligen, des Ungöttlichen. So im großen, so im kleinen. Stirb und werde! Durch das Sterben zum Leben! Wenn uns der Herr mit Seinem Gerichte heimsucht, in den Katastrophen des großen Weltgeschehens, in den verschiedenen Prüfungen, in den Krankheiten, Schwierigkeiten, Versuchungen und Leiden aller Art, dann will Er durch das Gericht uns retten und heilen. "Oh, daß auch du es erkänntest 1"

Liebe ohne Gericht ist Liebe ohne Wahrheit. Sie kann nicht erlösen. Nur die Liebe, die richtet, die uns in den Abgrund der Selbsterkenntnis, der VerdemÜtigung vor Gott und vor uns selbst, der Reue

234 Die Zeit nach Pfingsten: Zehnte \Voche.

und Zerknirschung wirft, kann uns aus den Fesseln unserer innern Unreinheit, Verderbtheit, unseres Hochmutes, unserer Selbstsucht und Unwahrheit erretten und uns aus der Finsternis zum Licht empor ..

tragen I .

Der Herr ist der Richter der Lebenden und der Toten. Er richtet uns immerfort, weil Er uns liebt. Er verurteilt in uns alles und jedes, was Ihm nicht gefallen kann. Je mehr Er uns liebt, um so schonungsloser richtet Er uns.

Gebet.

o Herr, den Bitten der Flehenden tu auf Dein Ohr, und um den Bittenden ihre Wünsche gewähren zu können, laß sie verlangen, was Dir wohlgefällig ist. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Samstag der zehnten Woche nach Pfingsten.

Der eifernde Gott.

1. "In jener Zeit, als Jesus sich Jerusalem näherte und die Stadt sah, weinte Er über sie. Dann ging Er in den Tempel und trieb die Käufer und Verkäufer, die darin waren, hinaus. Und Er lehrte täglich im Tempel" (Evangelium). Ein sprechendes Bild des Wirkens des Herrn an der christlichen Seele, der Er nahe kommt. Er liebt sie. Und Seine Liebe ist eine harte, ja eifersüchtige Liebe. Soll Er in das Heiligtum der Seele eingehen, dann muß alles andere versch winden.

2. "I c h bin der Her r, dei n Go t t, der Starke, der Eiferer" (2 Mos. 20,S). "Herr ist Sein Name (Wesen), Gott ist ein eifersÜchtiger Gott" (2 Mos. 34, I4). Er hat Sein Volk mit göttlicher Liebe geliebt. Er wollte ihm' göttlich wohl und tat alles, um es Seiner Liebe zu versichern. Er hat es mit wunderbarer Macht aus Agypten befreit, e~ ins Gelobte Land gefÜhrt, sich ihm auf die ver-

Samstag: Der eifernde Gott.

235

schiedensten Weisen kundgegeben, ihm gotterfüllte Männer, Propheten, Lehrer gegeben. Er nahm immer und immer wieder die Rute in die Hand und schlug Sein Volk und brachte es zur Besinnung. "Ich bin dein Gott. Du sollst keine fremden Götter neben Mir haben." Und das arme Volk Israel, in seiner Mehrzahl, verstand die strafende; rufende, eifersÜchtige Liebe Seines Gottes nicht! Es verg-aß seines Gottes und verlor seine Gedanken und sein Herz an Nichtigkeiten, an die Götzen der Heiden und an die rein irdischen Interessen und Güter. Wohl karnen sie noch Jahr für Jahr zum Tempel, ihr pflichtmäßiges Opfer darzubringen. Aber sie ehrten Gott nur mehr mit den Lippen, ihr Herz war wo anders (Matth. IS, 8), weit weg von Gott. "Daß auch du es erkannt hättest, was dir zum Frieden dient!" Gottes eifernde Liebe wird nach so langem, vergeblichem Liebesmühen und Liebeswerben zur strafenden Liebe, die in J erusalem keinen Stein mehr auf dem andern läßt. Zur strafenden Liebe, die den Feind ruft, daß er Jerusalem mit einern Walle umgebe und es von allen Seiten bedränge. Zur strafenden Liebe, die zur Geißel greift und alles, was in das Heiligtum des Tempels nicht hineinpaßt, hinausschafft und sich dann selber im Tempel niederläßt.

"I c h e i f e r e urne u c h mit Go t t e sEi f e rs u c h t" (2 Kor. I I, 2). Wie auf das J erusalem der Geschichte und des heutigen Evangeliums, so ist der Herr auf die Seele eifersüchtig, die Er in der heiligen Taufe liebend an sich gezogen und in Sein Herz geschlossen hat. Er ist eifersüchtig auf die Huldigung unseres Geistes und auf die Huldigung unseres Herzens. Er will uns ganz haben. Unser Denken, unser Urteilen und Sinnen. Daß es sich Über Fleisch und Blut, über das rein natürlichmenschliche Denken, Sehen, Werten, Urteilen, über die Sinne und die bloße Vernunft erhebe und Gottes und Christi Gedanken denke, in Gottes und Christi

236 Die Zeit nach Pfingsten: Zehnte Woche.

Licht sehe und urteile. Daß es schätze, was Er schätzt, liebe, was Er liebt, verachte, was Er. verachtet, verwerfe, was Er verwirft. Er ist eifersÜchtig auf die Huldigung unseres Herzens. Darauf,. daß wir Ihn zum Mittelpunkt und Zielpunkt all unseres Wollens und Strebens, all unserer WÜnsche und Neigungen, all unseres Tuns und Lassens machen. Darauf, daß wir in allem zuerst und nur auf Ihn schauen, Ihm Liebe erweisen und Freude machen. Darauf, daß wir, jedem selbstischen Wunsch und Verlangen gestorben, nur mehr Sein Wohlgefallen kennen und im Himmel und auf Erden nichts suchen als Gott. Er will "der Gott unseres Herzens sein und all unser Reichtum in Ewigkeit" (Ps. 72, 25). Seine Eifersucht kennt keine Grenzen. Erst wenn wir Ihm alles gegeben, was Er fordert, das Letzte, den letzten Rest des eigenen Geistes, des Ich, des eigenen WÜnschens und Begehrens, ist Er befriedigt. Er gibt keine Ruhe, bis das Ich vernichtet ist. Und weil wir selber unsere Eigenliebe nicht zerstören werden, deshalb legt Er selber Hand ans Werk Schonungslos, erbarmungslos zerreißt Er alle die Bande, die unsern Geist, unser Herz, unser Ich noch an etwas anderes binden außer an Ihn: Prüfungen von innen, Trockenheiten, verdemütigende Einsichten und Erfahrungen, Versuchungen, wie wir sie zuvor nie kannten; Prüfungen von außen, durch die Verhältnisse, durch die Menschen, Krankheiten, Leiden, Verdemütigungen, Zurücksetzungen, Mißdeutungen, Verleumdungen, Mißerfolge; N acht und Finsternis mit dem schmerzlichen Gefühl, daß auch Er uns verlassen, verst.oßen hat. So arbeitet Seine eifersÜchtige Liebe an der Seele. Dadurch wird die Seele geläutert. Sie wird von allen Banden der Eigenliebe frei. Sie ist nunmehr ebenso bereit zum Schmerz wie zur Freude, zur Armut als zum Überfluß, zum Tode als zum Leben. Sie kennt einzig Ihn. Nun zieht Er in das Heiligtum der Seele ein. "Er lehrte täglich im

Samstag: Der eifernde Gott. 237

Tempel." Die Seele Sein Eigentum, Sein Aufenthalt. Er redet zu ihr. Sie lauscht, wie Maria zu den FÜßen des Meisters! Sie erfährt die ganze Süßigkeit der eifernden Liebe des Herrn. "Ich eifere um euch mit Gottes Eifersucht."

3. "Siehe, Gott ist mein Helfer, und der Herr der Hort meiner Seele." Er liebt mich mit eifernder Liebe. "Daß auch du es erkänntest, an diesem deinem Tage", in jenen Zeiten der harten Liebe, wo Er in der Seele, der Er nahezukommen gedenkt, keinen Stein mehr auf dem andern läßt; wo Er ihre Feinde ruft, die Leiden, die Trübsale, die Krankheiten, die PrÜfungen von innen und von außen, damit sie Sein Werk an der Seele tun: sie reinigen, sie von der Selbstsucht, vorn Eigendünkel, von der Selbstgerechtigkeit loslösen und das Heiligtum des Herzens für Ihn frei machen! Es ist Seine eifernde Liebe!

Freudig legen wir in der heiligen Messe unser ganzes Wesen auf den Altar, in Seine Hände. Er sei Herr im Tempel unserer Seele. Ihm huldigt unser Geist, Ihm huldigt unser Herz. Wir geben

• alles!

Gebet.

o Herr, den Bitten der Flehenden tu auf Dein Ohr, und um den Bittenden ihre Wünsche gewähren zu können, laß sie verlangen, was Dir wohlgefällig ist. Durch Christus unsern Herrn.

Die liturgische Meßfeier des zehnten Sonn tags nach Pfingst'en.

1. Zwei Faktoren sind es, welche die Entfaltung und das Wachstum des Reiches Gottes in uns be· stimmen: Die Gnade Gottes und die Haltung der Seele gegenÜber dem Wirken der Gnade. "Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber es ist ein und derselbe Geist. Es gibt verschiedene Wunderkräfte, aber es ist ein und derselbe Gott, der alles in allen wirkt. Dem einen wird durch den Geist das Wort der Weisheit verliehen, einern andern die Gabe der Erkenntnis, einern dritten der Glaube, einern andern die Gabe wund'erbarer Heilungen. Das alles wirkt ein und derselbe Geist, der jedem seine Gabe zuteilt, so wie Er will" (Epistel). Diesem allmächtigen und vorn Menschen völlig unabhängigen Wirken der Gnade entspricht vonseiten des Menschen die demutsvolle Anerkennung des eigenen Unvermögens:

"N iemand kann sagen: Herr J esus, als nur im Heiligen Geiste" (Epistel). Das ist die Lehre der LesestÜcke der heutigen Messe: Wo ganze Anerkennung des eigenen Unvermögens gegenÜber den Gütern und Forderungen des übernatÜrlichen Lebens, da allein ist eine Entfaltung und Entwicklung des Gnadenlebens im Menschen möglich.

2. So gehen wir heute im Bewußtsein der Unzulänglichkeit unserer eigenen, menschlich-natÜrlichen Kraft, ja im GefÜhle unserer UnwÜrdigkeit zur Feier der heiligen Messe. Vor uns steht der Pharisäer. Er stellt sich im Gotteshaus auf und betet:

"Gott, ich danke dir, daß ich nicht bin wie die übrigen Menschen." Er ist sich seines Wertes und seiner sittlichen Überlegenheit Über die andern bewußt. Aber sein stolzes Beten wird ihm zum Unheil: "Ich sage euch, dieser (demÜtig, reumÜtig

Die liturg. Meßfeier d. ro. Sonntags n. Pfingsten 239

betende) • Zöllner ging gerechtfertigt nach Hause, jener (der Pharisäer) aber nicht." "Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden." Wir teilen die demütige, reuige Gesinnung des Zöllners. und wagen es kaum, die Augen zum Himmel zu erheben. Unser Gebet ist ein aufrichtiges "mea culpa", ein lautes: "Gott sei mir armen SÜnder gnädig!" In der Anerkennung unserer UnwÜrdigkeit und unseres Unvermögens wenden wir uns ·vertrauensvoll an den Herrn: "Ich schreie zum Herrn" (Introitus, Kyrie), der Seine Macht gerade darin erweist, daß Er schont und Erbarmen zeigt (Oratio), der "alles in allen wirkt und jedem zuteilt, wie es Ihm wohl gefällt" (Epistel). Von Seinem Erbarmen hängt in letzter Linie unser ganzes Heilswirken ab.

3· In der Feier der heiligen Messe sind wir heute selber der demÜtig und reumÜtig betende Zöllner. Wir sollen es im Opfer an uns erfahren, daß, wo wir uns reuig und demÜtig bittend vor Gott erniedrigen, wir auch von Ihm erhöht werden, indern wir Verzeihung und Gnade finden. Wir gehen "gerechtfertigt nach Hause". In der Mitfeier der heiligen Messe bej ahen wir unser eigenes UngenÜgen. Wir klammern uns an eine höhere Kraft: "Zu Dir, 0 Herr, erhebe ich meine Seele, mein Gott, auf dich vertraue ich" (Offertorium). Überzeugt, wie sehr unser eigenes Beten und Opfern aus uns selber nichts ist, suchen wir vertrauensvoll die Opfergemeinschaft mit Christus und den innigsten Anschluß an Sein unendlich wertvolles Beten und Opfern. Das ist die Erhöhung, die wir in der heiligen Meßfeier an uns erfahren, daß Er unsere eigene Opfergabe wird, daß Er stellvertretend fÜr uns vor den Vater hintritt und unsere Sache vor Gott verficht, daß es uns vergönnt ist, "durch Ihn und mit Ihm und in Ihm" im heiligen Opfer den Vater würdig zu ehren, anzubeten, zu lieben, Ihm zu danken, Ihm SÜhne zu leisten und Ihm unsere Bitten so vorzutragen, daß sie Ihm ge-

240 Die Zeit nach Pfingsten: Elfte Woche.

nehm sein mÜssen. Eine weitere Erhöhung erfahren wir im Genusse der heiligen Kommunion. Der lebendige, verklärte und erhöhte Christus wird selber unsere Nahrung und strömt in reichster FÜlle Sein Leben in uns ein. "Wer sich erniedrigt, wird erhöht werden."

I

Zehnter Sonntag nach Pfingsten.

Pharisäer und Zöllner.

I. Vor dem Auge der Liturgie steht heute Christus, der Herr, der Richter. "Von Deinem Antlitz (Munde) komme mir mein Recht, Dein Auge achte auf Gerechtigkeit" (Graduale). Christus richtet Über die Selbstgerechtigkeit, dargestellt im Pharisäer, und Über das reumütige, demÜtige Schuldbekenntnis des SÜnders, dargestellt im Zöllner. ,,0 Gott, sei mir Sünder gnädig." Er entscheidet zu Gunsten des reuevollen, demütigen Schuldbekenntnisses, gegen die eingebildete Selbstgerechtigkeit.

2. "Z w e i M ä n n erg i n gen in den Te m p e I hin auf, der eine ein Phari-säer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stellte sich hin und betete bei· sich also: Gott, ich danke Dir, daß ich nicht hin wie die übrigen Menschen, die Räuber, die Diebe und Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner da. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich besitze. Der Zöllner aber stand von ferne und wagte nicht einmal die Augen zum Himmel zu erheben. Er schlug vielmehr an seine Brust und sprach: 0 Gott, sei mir SÜnder gnädig." Zwei Parteien, zwei Vertreter der Religion, der Frömmigkeit, zwei Welten, beide vor dem Angesichte Gottes im Tempel zu J erusalem! Der Richter erscheint, Christus, und fällt das Urteil:

"Ich sage euch: dieser (der Zöllner) ging gerechtfertigt nach Hause, jener nicht." Und die Urteilsbegründung : "Ein jeder, der sich selbst erhöht. wird

Sonntag: Pharisäer und Zöllner. 241

erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden." Vor Gott findet der SÜnder Gnade, solange er in Reue und Demut sich als SÜnder, als Unwürdigen bekennt und zum Herrn um Verzeihung und um die Kraft zum reinen Leben fleht. Aber wehe der stolzen Selbstgerechtigkeit, die der Reue, der Buße und Umkehr nicht bedarf. Wehe jener Frömmigkeit, die sich auf sich etwas einbildet, sich in ihren guten Werken, in ihren Entsagungen, Tugenden und innern Fortschritten gefällt und auf die andern, die Räuber, die Diebe, die Ehebrecher, die Zöllner von oben herabsieht. Ihr Beten kann Gott nicht gefallen, so wenig wie ihre Werke. "Den Stolzen widerstehet Gott, den DemÜtigen gibt Er Seine Gnade" (I Petr. 5; 5).

"Z u Dir, 0 Her r, e r heb e ich me i n e See I e. Mein Gott, auf Dich vertraue ich." Siehe da, die in Demut flehende Kirche! Der Pharisäer des Evangeliums ist der Liturgie von heute der Vertreter des Volkes Israel, der Juden. Der Zöllner der Vertreter des -Heidentums, der Kirche, die aus den Heiden berufen ist. Wieder leuchtet uns die große Tatsache der Heilsgeschichte auf: die Verwerfung der Juden und die gnadenvolle Aufnahme der Heiden in die Kirche. ,,0 Gott, Du offenbarst Deine Allmacht vor allem durch Nachsicht und Erbarmen." Die aus den Heiden berufene Kirche weiß, daß sie Sünder in war, der Berufung vollkommen unwürdig. Sie ging im Zöllner zum Tempel: sie suchte Gott, sie rang um Gott. Sie blieb aber von ferne stehen, weit zurück hinter dem erstberufenen Volke Israel, und wagte nicht einmal die Augen zum Himmel zu erheben. Sie konnte nur rufen: Gott, sei mir Sünderin gnädig. Sie hatte nichts zu geben, sich keiner Werke vor Gott zu rÜhmen; sie konnte nur ihr Elend und ihre Unwürdigkeit und das Bekenntnis ihrer SÜndhaftigkeit mitbringen. Gott nimmt in Erbarmen ihr Bekenntnis an. Er richtet und entscheidet für sie. Er sendet Seinen eigenen Sohn, daß Er sie aus dem Bau!', Werde Liebt 111. 16

242 Die Zeit nach Pfingsten: Elfte Woche.

Sumpf und Schmutz der Sünde erhebe, sie in Seinem Blute reinige, sie sich zur jungfräulichen Braut nehme und zur Königin mache. "Dieser ging gerechtfertigt nach Hause, jener nicht." Das ehedem auserwählte Volk Israel zieht sich durch sein Pochen auf Gesetzestreue und Gesetzesgerechtigkeit die' Verwerfung zu. "Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt. Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht." Das ist der Wesenszug. unserer heiligen Kirche: Sie weiß, sie ist die Frucht des reinen Erbarmens Gottes. Was sie an Gnade, an Tugend, an Heiligen hat, ist reine Gnade, lauteres Erbarmen und unverdiente Liebe Gottes. ,,0 Gott, Du offenbarst Deine Al!macht vor al1em durch Nachsicht und Erbarmen." Sie ist Tag für Tag der reuige Zöllner, der zum Tempel wallt. Sie weiß, daß ihre Kinder unheilig sind, unrein, befleckt, allzu sehr in den Banden der Sünden und bösen Leidenschaften gefesselt, unwürdig der Verzeihung und Gnade. Aber Tag für Tag weiß sie auch um die Al!macht des Erbarmens Gottes und fleht zusammen mit ihren Kindern und fÜr alle: "Gott sei mir Sünder in gnädig."

3· Mit der Kirche gehen wir zum heiligen Opfer, in der Gesinnung des demÜtigen, reumÜtigen Zöl!ners. Tief beugen wir uns beim Staffelgebet und bekennen: "mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa". Im Kyrie eleison rufen wir um Verzeihung und Erbarmen ob unserer SÜnden und Untreuen. Im Opfergang tragen wir unsere Gaben zum Altar: ein reumütiges Herz, das sein Vertrauen einzig auf das Erbarmen Gottes setzt: "Zu Dir, 0 Herr, erhebe ich meine Seele. Mein Gott, auf Dich vertraue ich", nicht auf das eigene "Vollen und Wirken. Denn "Gott ist es, der in euch das Wollen und Vollbringen wirkt" (Phi!. 4, 13)· "Heiliger Vater, allmächtiger ewiger Gott, nimm diese makellose Opfergabe gnädig an. Dir bringe ich, Dein unwürdiger Diener, sie dar für meine unzähligen Sünden. Fehler und Nachlässigkeiten. "

Montag: Stolz und Demut.

243

Mit der Kirche kommen wir, um anzubeten, zu opfern und um im Opfer mit Christus, in Ihm und durch Ihn in Gott aufgenommen zu werden. Christus, der Herr, hat Sein Opfer auf Golgatha im Geiste der Demut und tiefsten Erniedrigung gefeiert. Wir können es nur insoweit feiern, als wir in den Geist der Demut Christi eingehen. "Den, der keine Sünde kannte, hat (der Vater) für uns zum Träger der SÜnde gemacht" (2 Kor. 5, 2I) und dem Tode überantwortet. Jesus belädt sich mit unserer Sünde und bekennt sich des Todes wÜrdig. Je mehr wir in der Feier der heiligen Messe in Jesu Demut eingehen, uns ob unserer SÜnde des Todes würdig bekennen und den Tod J esu mitsterben, um so mehr werden wir mit Ihm im heiligen Opfer Auferstehung feiern und zu einem neuen Leben erhöht und verklärt in der heiligen Kommunion, in der einstigen Auferstehung des Fleisches und im Besitz des ewigen Lebens. "Wer sich erniedrigt, wird erhöht."

Gebet.

o Gott, Du offenbarst Deine Allmacht vor allem durch Nachsicht und Erbarmen: so schenk uns denn Deine Barmherzigkeit in noch reicherem Maße und mache uns, die wir Deinen Verheißungen entgegeneilen, der himmlischen Güter teilhaftig. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Montag der elften Woche nach Pfingsten.

Stolz und Demut.

1. Pharisäer und Zöllner, Stolz und Demut! Der stolze, selbstbewußte Unglaube, der keinen Gott und keinen Erlöser, keine Kirche und kein Gebet braucht. Und die Kirche, die in demÜtigem Glauben und innigem Flehen von Gott das Licht und die Gnade zum Guten erbittet, die nicht auf sich selber vertraut, sondern alles von Ihm und Seinem Erbarmen er-

16*

244 Die Zeit nach Pfingsten. Elfte Woche. ,

wartet. Diese, die Kirche, die Demut, ging gerechtfertigt nach Hause, jener aber, der Unglaube, der Stolz, nicht. Denn "ein jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht." Siehe da, das Grundgesetz der Welt7 und Heilsordnung!

2. Wer s ich sei b s t er h ö h t, wir der n i ed r i g t." Stolz ist Schwäche. Der Stolze glaubt. alles selber machen zu können. Er braucht weder Gott noch die Menschen. Er genÜgt sich selbst. Und die Folge davon? Täglich muß er es erfahren, wie wenig der Mensch fÜr sich allein ist, wie viele Fehler er macht, wie oft er versagt. Er erlebt täglich peinliche Enttäuschungen. Er wird darob verdrossen, verärgert und verstimmt. EI' sucht die eigene Ehre und hascht nach dem Schein. Er rechnet und geht mit den wechselnden Interessen des eigenen Vorteils, mit der M einung der andern, mit der eben herrschenden Mode und Strömung, und wird so dauernd in Aufregung, Unruhe und Spannung gehalten. Der Stolz ist engherzig, ganz auf sein Ich und seine kleinlichen Interessen eingeschraubt. Er trägt seinen Lohn in sich selber: er wird erniedrigt. Nicht nur von Gott wird er verstoßen, auch die Umwelt verachtet ihn, auch wenn sie ihm schmeichelt und dient. Nicht genug damit: er wird sich selbst zur Strafe. Auf dem Stolz liegt kein Segen. "Den Stolzen widersteht Gott." So fÜhrt er notwendig zur innern Unruhe, zur Zerrissenheit, und schwächt des Menschen Kraft, weil sie nicht Gottes Kraft zur VerfÜgung hat. Der Stolze stützt sich auf sein Talent, seine Einsicht, sein Mühen und Tun, auf "ein gebrechliches Schilfrohr. Wenn du dich auf es gestützt hast, bricht es und dringt es dir in die Hand und durchbohrt sie" (Is. 36, 6). Stolz ist Schwäche. Denn "Gott hat das Schwache erwählt, um das, was sich stark dÜnkt, zu beschämen. damit sich ja keiner vor Gott rühme" (I Kor. 1,27).

"Wer si c h seI b s t ern i e d r i g t, wir d e r-

Montag: Stolz und Demut.

245

h ö h t.'· Demut ist Stärke. Sie ist immer und überall mit der Hochherzigkeit verbunden. Die Hochherzigkeit ist der Schmuck aller übrigen Tugenden. Sie ist nie mit dem Schein, mit etwas Halbem zufrieden; sie sättigt sich nicht mit eingebildeter Anerkennung und vorÜbergehendem Erfolg. Sie ist im Guten unermÜdlich und unersättlich, im Opfer freudig, in den Beweisen der Liebe erfinderisch. Warum? Weil sie die Demut zur Wurzel hat. Der Demütige denkt nicht an sich. Das Urteil der Welt, der Menschen, die eigene Ehre, der Vorteil, die Befriedigung der eigenen Wünsche und Neigungen kommt fÜr ihn nicht in Betracht. Ihn kümmert nur der heilige Wille Gottes und die Verherrlichung Gottes. Was außer Gott glänzt, ist ihm nichts. Nur was von Gott kommt und zu Gott fÜhrt, hat fÜr ihn Bedeutung. Der DemÜtige ist selbstlos. Und deshalb ohne Neid und Eifersucht. "Wenn nur Christus gepredigt wird" (Phi!. I, 18). Fremde Taten wirken nicht lähmend auf ihn. Sie spornen ihn nur an, um so treuer zu seIn und so der Gemeinschaft, dem Ganzen zu dienen. Der DemÜtige ist der Mutigste. Drohung, Hohn, Verleumdung machen ihn nicht irre. Schmeicheleien und Verlockungen erweisen sich an ihm wirkungslos. Er ist zu allem bereit, was Gottes Wille von ihm verlangt. Ihm darf man jede Aufgabe anvertrauen, die schwierigste, die erniedrigendste. Er erschrickt nicht vor der Anstrengung, nicht vor den Opfern, vor den Leiden, vor irgend einer Macht:

Er vermag alles in dem, der ihn stärkt. Je wenig-er der DemÜtige auf sich selber vertraut, um so unerschÜtterlicher ist seine Zuversicht, daß die göttliche Allmacht ihm das Größte möglich macht. Wie oft mühen große Geister sich ab und lassen kaum ein Ergebnis ihrer Anstrengung zurÜck. Andere dagegen, die sich vor den großen Geistern und Talenten nicht sehen lassen dÜrfen, ernten Segen bei allem, was sie in die Hand nehmen. Das Geheimnis der Demut, des Mißtrauens auf sich selbst, des Vertrauens auf

246 Die Zeit nach Pfingsten: Elfte Woche.

Gott, auf die Gnade. "Dem DemÜtigen gibt Gott Seine Gnade." "Vver sich selbst erniedrigt, wird erhöht."

3· Hier liegt das Geheimnis der Kraft unserer heiligen Kirche und ihrer UnÜberwindlichkeit.· Sie lebt vorn Geiste des Herrn. Es ist ein Geist der Demut, des Kleinseins, der Unterwerfung unter Gott. Sie erwartet alles von Gott. "Zu Dir, 0 Herr, erhebe ich meine Seele. Mein Gott, auf Dich vertraue ich. Die auf Dich vertrauen, werden nicht enttäuscht" (Offertorium). Ringsum bedrängt, geschmäht, verfolgt, ist sie voll Siegesgewißheit : "Er schÜtzt mich vor denen, die mir feindlich nahen." Sie kennt nur ein e n Schutz und ein e Quelle der Kraft: das Gebet und die demÜtige Unterwerfung unter Gott, "der alles in allen wirkt". Sie ist die betende Kirche. Sie stützt sich auf Gottes Erbarmen, Gnade und Hilfe. "Ich schrie zum Herrn, und Er erhörte meinen Ruf" (Introitus). Das Flehen der Demütigen tut Gott Gewalt an. Er kann es nicht unerhört lassen.

Hier liegt auch das Geheimnis der Kraft des Christen: in dem Geiste der Demut, der ihn beseelt. "Den Demütigen gibt Gott Seine Gnade." Je mehr Demut, um so mehr Empfänglichkeit und Raum fÜr Gottes Wirken in der Seele. Was immer Gutes und Großes in dem Menschen und durch den Menschen gewirkt werden soll, kann nur unter dem Schutz der Demut wachsen und gedeihen.

Woher Unsere Schwäche, die vielen Fehl~r und RÜckfälle? Daher, daß wir in unserer Frömmigkeit auf uns selber vertrauen und darauf vergessen, daß es Gott ist, der in uns das \Vollen und Vollbringen wirkt (Phil. 2, 13). "Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden."

Gebet.

o Gott, Du offenbarst Deine Allmacht vor allem durch Nachsicht und Erbarmen: so schenk uns denn

Dienstag: Stolz und Demut.' 247

Deine Barmherzigkeit in noch reicherem Maße und mache uns, die wir Deinen Verheißungen entgegeneilen, der himmlischen GÜter teilhaftig. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Dienstag der elften Woche nach Pfingsten.

S t 0 I z und Dem u t.

L "Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht." Der Pharisäer und der Zöllner. Die Eigenliebe, die bis zur Hintansetzung Gottes fortschreitet und sich selber rÜhmt, und die Gottesliebe, die den Menschen um Gottes und um der Wahrheit willen auf sich selbst vergessen und sein ganzes Vertrauen auf Gottes Erbarmen und Gnade setzen läßt. Stolz und Demut. Der Stolz der Geist der Welt, die Demut der Geist Christi und der Kirche, der Geist des Leibes Christi.

2. S t 0 I z ist der Gei s t der W e I t, des Unchristentums. Stolz ist, wer seinem eigenen Geiste und Willen folgt, wer nur seinen eigenen Willen kennt. Im Stolz wendet sich der Mensch von Gott ab. Im Stolz weigert er sich, die ihm von' Gott gegebenen Talente, Anlagen und Kräfte des Leibes und des Geistes in den Dienst der Gebote und des Willens Gottes zu stellen. Er will sein eigener Herr sein. Auch Gott soll ihm nichts zu sagen haben. Mit dem Stolz, der Verweigerung der UnterwÜrfigkeit unter Gott, beginnt alle und jede SÜnde. Der Stolz legt den Grund zur Sünde: die Befriedigung einer Leidenschaft, die Habsucht, die Sinnlichkeit macht sie dann fertig. Der Stolz ist der Anfang, die Ursache, das Haupt jeder Sünde, die Wurzel alles Bösen. Er ist der Sauerteig, der das Gute im Menschen ansteckt und es, weiterfressend, verdirbt. Er ist das größte, ja das einzige Hemmnis für die Vereinigung mit Gott. Er ist auch der Maßstab fÜr die Entfernung von Gott. Gerade das macht den Weltgeist aus: er ist Abkehr von Gott, Selbstl iebe. Selbst-

248 Die Zeit nach Pfingsten: Elfte Woche.

herrlichkeit. Die Welt kann es ohne Gott, ohne Gottmenschen und Erlöser, ohne eine Kirche, ohne Gebet und Sakramente. Sie hält sich fÜr stark und tüchtig genug, um aus eigener Kraft rein, geduldig und liebevoll zu sein. Und. dieser Geist der Welt des Stolzes und der Selbstherrlichkeit dringt auch ins Heiligtum der Kirche, in dir:' Herzen der Christen ein. Sie haben feierlich der Welt entsagt. Sie haben den Heiligen Geist empfangen, Und trotzdem so viel Menschenfurcht, so viel Sucht nach Lob und Menschengunst, nach Geltung und Ehre. So viel unwÜrdiges Sklaventum gegenÜber den Großen und Mächtigen der Erde. So viel Verständnislosigkeit für die christliche Demut, für den Geist Christi und Seiner Kirche, in den einzelnen und in den Gemeinschaften. Lauter Weltgeist! Was Wunder, daß das christliche Leben heute an so vielen Schäden leidet? Daß wir unsere christlichen Ideale und Grundsätze leichter Hand verleugnen und preisgeben und das Heiligste gegen einen elenden Linsenbrei eintauschen?

Dem u t ist der Gei s t C h r ist i. "Lernet von Mir!" (Matth. II, 29.) Nicht Wunder wirken. Nicht Welten schaffen. Nicht Tote erwecken. Nur das eine: Von Herzen demÜtig sein. Die Welt fand gegen ihre Krankheit, den Stolz, weder Arzt noch Arznei. Da kam Er und bot ihr in Seiner Person beides an. Der Stolz ist ein so fressendes Gift, daß er nur durch ein ganz kräftiges Gegengift geheilt werden kann. Das Heilmittel, das der Herr uns gebracht hat, ist so kräftig, daß es ein kräftigeres gar nicht mehr geben kann: die tiefste VerdemÜtigung des Sohnes Gottes! Der Sohn Gottes verlangt, da Er zu uns kommt, nach Unterwerfung, Armut, DemÜtigung, und wählt die tiefste Erniedrigung und den schmach vollsten Tod am Kreuze. Gott sterbend, erniedrigt, von den Menschen ausgestollen, als der gemeinste Verbrecher verurteilt, am Kreuze! Das ist die Demut J esu! Demut ist der Inbegriff Seiner

Dienstag: Stolz und Demut.

249

Heilsveranstaltung, der Inhalt dessen, was Er uns durch Wort und Tat und Beispiel lehrte. Demut ist das ganze Leben, die eigentlichste Tugend J esu. Und deshalb ist die Demut auch die eigentliche Tugend der Kirche, des Leibes Christi und jedes wahren Christen, des Gliedes Christi. Sie ist das Fundament ues geistlichen Gebäudes, auf dem allein die Tugenden sicher ruhen. Sie ist die Wurzel und der Anfang alles Guten und allen Heiles. Am Fortschritt in der Demut hängt das Wachstum der Gnade und Tugend. Das ganze Gebäude des Gnadenlebens ruht auf den zwei Grundpfeilern der Kraft des Kreuzes Christi und der Wirksamkeit des Heiligen Geistes. Die Last des Kreuzes J esu aber und des christlichen Lebens trägt nur, wer in der Demut tief begrÜndet ist. Und ebenso wird der Heilige Geist sich nicht in einer Seele niederlassen, die nicht von sich selber leer ist. So ist die Demut das Fundament, auf dem das christliche, ÜbernatÜrliche Leben ruht: die demÜtige Unterwerfung unter Gott, das Nichtssein vor Gott räumt die Hindernisse weg, die das vom Stolz verdorbene Herz dem Glauben, der Hoffnung, der Liebe und jeder andern Tugend entgegensetzt! "Lernet von Mir, Ich bin demÜtig von Herzen."

2. Vlir sind Zweige an Christus, dem Weinstock.

Mit Paulus sprechen wir: "Ich kann alles in dem, der mich stärkt" (Phi!. 4, 13). Aus uns selber nichts, sind wir stark in Ihm.

Was immer wir ÜbernatÜrlich Gutes besitzen und vermögen, fließt uns von einern andern zu, vorn \Veinstock, von Christus, dem Haupte. "Aus Seiner FÜlle haben wir alle empfangen, Gnade um Gnade" (Joh. I, 16). Was wir sind und haben, sind und haben wir nur als Zweige am Weinstock, als Glieder Christi. Ihm gebührt alle Ehre und aller Dank. Soweit es auf uns ankommt, können wir uns nur "unserer Schwachheit" rÜhmen (2 Kor. 12, IO). "Alles wirkt ein und derselbe Geist, der jedem zuteilt, wie Er will" (Epistel).

250 Die leit nach Pfingsten: Elfte Woche.

"M it Freuden will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit in mir die Kraft Christi wohne. Deshalb habe ich Wohlgefallen an meinen Schwachheiten, Mißhandlungen, Nöten, Verfolgungen, Bedrängnissen um Christi willen; denn, wenn ich schwach bin, bin ich stark" (2 Kor. 12,9 ro).

Ge be t.

Gott, Du widerstehst den Stolzen und gewährst den Demütigen Deine Gnade; verleihe uns die Tugend wahrer Demut, als deren Vorbild Dein eingeborener Sohn sich selbst den Gläubigen vor Augen gestellt hat, und laß uns niemals durch Hochmut Deinen Unwillen herausfordern, vielmehr durch Unterwürfigkeit die Geschenke Deiner Gnade erlangen. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Mittwoch der elften Woche nach Pfingsten.

G 0 t t e s Wir k e n i nun s.

1. "Gott wirkt alles in allen" (Epistel). Das ist das Fundament der christlichen Demut. "Durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin, und Seine Gnade ist in mir nicht unwirksam geblieben. Im Gegenteil, ich habe mehr gearbeitet als alle andern (Apostel), das heißt nicht ich, sondern die Gnade Gottes in mir" (I Kor. 15,10). Was ist der Apostel aus sich' Er nennt sich eine "unzeitliche Geburt", des Berufes als Apostel Christi unwürdig. "Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, nicht wert, Apostel zu h<;ißen, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe" (I Kor. 15,8). Dem Demütigen, dem Zöllner, cler reumütig an seine Brust klopft, dem, der von sich gering denkt, wie der Apostel Paulus, dem gibt Gott Seine Gnade. Im Demütigen wirkt Er alles.

2. "G 0 t t ist es, der in uns das Woll e n wir k t" ('Phi!. 2,13). Zum Sündigen genügen wir uns selbst. Unsere ganze Natur neigt zum Bösen,

Mittwoch: Gottes Wille in uns. 251

nachdem sie einmal durch die ErbsÜnde geschwächt ist. Der Verstand ist in vielen Dingen und wichtigen Fragen und Entscheidungen uneinsichtig, wenn ihm nicht durch die Gnade das Licht von oben gegeben wird. 'Der Wille ist gelähmt, gehemmt, geschwächt, zum Bösen geneigt. Die Leidenschaften locken den Geist und ziehen ihn nur allzu leicht zu sich herab. Die böse Begierlichkeit hat eine unheimliche Macht über die Phantasie, die Gedanken, die Triebe und Neigungen des Menschen. So genügt der Mensch sich selbst zum SÜndigen. Aber nicht, um die SÜnde zu meiden und zu Überwinden. Auch nicht, um das übernatürliche Gute, das vor Gott Rechte zu tun. "Wir sind aus uns ja nicht imstande, einen guten Gedanken zu fassen: unser ganzes Können kommt \'on Gott" (2 Kor. 3,5). Erst recht nicht, etwas ÜbernatÜrlich Gutes zu wollen. "Gott ist es, der in uns das \Vollen wirkt." Er, Er allein. Wenn Er unsern \\'illen nicht aufweckt und ergreift, kommen wir ewig nie auch nur zum geringsten guten Wollen und TUJl. Gottes V"; irken regt unser Wollen an und bestimmt es. Der erste Antrieb, der Anfang jedes guten, rechten \Vollel1S und Tuns kommt nicht von uns selbst, sondern ist Gnade Gottes, reine (;nacle, reine> Erbarmen Gottes. Das gute Wollen wird uns von Gott gegeben. "Was hast du, daß du es nicht empfangen hättest? Wenn du es aber (von Gott) empfangen hast, was rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?" (I Kor. 4,7.) "Gott ist es, dn in uns das \Vollen wirkt." So ohnmächtig und L1Ilfähig sind wir aus uns selbst!

"G 0 t t ist e ~ , der i nun s das Voll b r i n gel! \Vi r k 1." "Er wirkt alles in allen", den Anfang, dCI! Fortgang, die Vollendung dcs Werkes. Unser Tun erhält sein Dasein, sein Maß, seine Richtung, seil!<:' Dauer, von der Tätigkeit Gottes. Es ist ein Tun, das in allem vom \Virken Gottes abhängt und auf es angewiesen ist. Da, wo Er nicht wirkt, ist nichts. So hängt unser Tun in zweifacher vVeise von Gottcs

252 Die Zeit nach Pfingsten: Elfte Woche.

Tun ab. Gott bestimmt es und regt zu ihm an. Got. tes Tun gibt unserem Tun Dauer und Maß. Unsere Tätigkeit kann der Tätigkeit Gottes weder vorgreifen, ihr voranschreiten, noch sie überholen, noch auch irgendwie auf sie verzichten. Sie ist nach. jeder Richtung auf das Wirken Gottes angewiesen. Wenn wir etwas übernatÜrlich Gutes tun, so ist uns nicht nur das Wollen des Guten von Gott gegeben, auch das Tun, das Vollbringen. Es ist eine unverdiente Gnade. vVie dürfen wir uns also auf das Gute, da, wir tun, irgendwie etwas einbilden? Es uns zu. schreiben? Wie uns auf unser eigenes Tun stÜtzen, als täten wir es in eigener Kraft? "Gott wirkt alle;; in allen." Alles, das Wollen und das Vollbringen "So soll kein Mensch sich vor Gott rühmen können" (I Kor. 1,29). Wenn der Herr uns das Wollen und das Vollbringen geben muß; wenn "nicht das Wol· len oder das Laufen (des Menschen) entscheidend ist, sondern Gottes Erbarmen" (Röm. 9, 16), was können und dürfen wir dann noch auf unser eigenes Wollen und Mühen vertrauen? Wir bekennen in Demut und Dankbarkeit mit dem Apostel: "Durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin." ,

3. "Wenn der Herr das Haus nicht baut, bauen die Bauleute vergebens. Nimmt der Herr die Stadt nicht in Hut, dann wacht der Wächter vergebens. Vergeblich ist's euch, früh aufzustehen und spät zur Ruhe zu gehen, in Sorgen euer Brot zu essen: gibt's der Herr doch Seinen Lieblingen im Schlaf. Siehe, Söhne sind Geschenke des Herrn, Sein Lohn des Leibes Sproß. Wie Pfeile in des Helden Hand sind Söhne in ihrer Jugendkraft. GlÜcklich der Mann, der sich mit ihnen seinen Köcher gefüllt, er wird nicht besc,hämt dastehen, wenn er am Tor (auf öffentlichem Platz) mit seinen Gegnern rechtet" (Ps. 126). Auf Gottes Arbeit kommt es an. Wenn Er nicht wirkt, ist des Menschen Tun eitel. Es ist ein Tun, aber ein Arbeiten ohne Gott, ohne Segen, ohne Frucht. Vergeblich steht ihr früh auf und

Donnerstag: Wahres Beten. 253

laßt euer Wollen, euer Tun Seinem Tun vorangehen. Ein solches Tun schließt das Wirken Gottes aus. Es ist eigener Geist, eigene Tätigkeit, nicht angeregt vom Tun Gottes, nicht abhängig vom Wirken der Gnade. Erst laßt euer Wollen ruhen, schlafen im Willen und Wirken Gottes. Hat der Herr eurem Wollen und Tun diesen Schlaf gegeben, dann werden euch Söhne geboren, Akte der wahren, starken, fruchtbaren Frömmigkeit, voll des Lebens und der Stärke. Es sind Kinder der Entäußerung vom eigenen Geist und Willen, Pfeile in der Hand des Starken.

"Wer sich erniedrigt, der wird erhöht." Das ist das Geheimnis der Frömmigkeit: erst die demÜtige Unterwerfung unter Gottes Wollen und Wirken, das Annehmen, das Kleinwerden, das sich Beugen. Alles beginnt damit und hängt davon ab. "Stehet auf, nachdem ihr zuvor geruht habt" (Ps. 126, 3). Erst ruhen, das Wirken Gottes mit ganzer Seele annehmen. Dann erhebt euch und wirket auch ihr in der Kraft des Wirkens Gottes.

"Zu Dir, 0 Herr, erhebe ich meine Seele. Mein Gott, auf Dich vertraue ich" (Offertorium).

Ge b e t.

° Gott, Du offenbarst Deine Allmacht vor allem durch Nachsicht und Erbarmen: so schenk uns denn Deine Barmherzigkeit in noch reicherem Maße und mache uns, die wir Deinen Verheißungen entgegeneilen, der himmlischen GÜter teilhaftig. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Donnerstag der elften Woche nach Pfingsten.

W a h res B e t e n.

1. Zwei Beter im Tempel! Der eine hebt an: ,,0 Gott, ich danke Dir, daß ich nicht bin wie die übrigen Menschen. Ich faste zweimal in der "Voche

2 54 Die Zeit nach Pfingsten: Elfte Woche.

und gebe den Zehnten von allem, was ich habe." Der andere steht von ferne und wagt nicht einmal die Augen zum Himmel zu erheben. Er schlägt an seine Brust und spricht: "Gott, sei mir Sünder gnädig." Der eine prahlt. Er hat Gott um nichts zu bitten. Er genügt sich selbst, bleibt in sich selber, schließt sich in sich selber ab, will alles von sich selber erhalten und glaubt, alles von sich selber erhalten zu haben. Der andere betet. Er tritt aus sich heraus, er schließt sein Herz weit auf, daß Gott ihm etwas gebe, er erhebt sich Über sich selbst zu Gott empor.

2. "Z u Dir, 0 Her r, er heb e ich me i n e See I e, mein Gott, auf Dich vertraue ich" (Offertorium). Im Gebete treten wir aus uns heraus und erheben uns zu Gott. Wer kann uns zu Ihm erheben, wenn nicht Er allein! Durch uns selber können wir nicht aus uns hinausgehen. Solange wir uns auf uns selber stÜtzen, wie der Pharisäer im Tempel es tut, gehen wir nicht aus uns selber heraus. Wir bleiben in uns und schließen uns in uns selber ein. Das ist Stolz. Wie können wir da in Wahrheit sprechen: "Zu Dir, 0 Herr, erhebe ich meine Seele"? Der Stolz betet nicht. Die Demut betet. Sie genÜgt sich nicht selber. Sie verschließt sich nicht in sich selber. Sie bekennt und anerkennt ihr eigenes Ungenügen, ihre vollkommene Ohnmacht und Abhängigkeit von Gott. Sie allein kann sprechen: ,,2 u Dir, 0 Herr, erhebe ich meine Seele." Wer so spricht, der hat und empfängt nichts von sich selbst: er hat und empfängt alles von Gott. Und alles, was er empfangen hat, das gibt er Ihm wieder zurück, ohne irgend etwas für sich zu behalten oder sich zuzuschreiben. Er hat nichts Eigenes, nichts für sich selber, um seiner selbst willen. Was er hat, das hat er von Gott und für GotL Nichts fÜr sich, nichts nach dem eigenen Willen, nichts durch sich selbst, vielmehr alles für Gott, alles nach dem Willen Gottes, alles gestützt auf Gott und durch Gott.

Donnerstag: Wahres Beten.

255

"Zu Dir, 0 Herr, erhebe ich meine Seele." Das ist wahres Beten: es ist Hingabe an Gott, Vereinigung mit Gott. Es ist ein Sich-selber-Verlassen, ein Aufsich-selber- Verzichten, um Gott anzuhangen, um das zu wollen und zu lieben, was Gott will, was Ihm lieb ist. Es ruht auf dem Grunde der Demut und ist Erhebung der Seele zu Gott.

"M ein Go t t, auf D ich ver t rau e ich, ich werde nicht erröten." Dem: "Zu Dir erhebe ich meine Seele" entspricht das "Ich werde nicht erröten", ich werde erhört. "Als ich zum Herrn aufschrie, erhörte Er mein Rufen und befreite mich von meinen Drängern" (Introitus)~ Wahres, demütiges Beten trägt die Erhörung durch Gott in sich. "Wer sich erniedrigt, der wird erhöht." \Vie soll es auch anders sein können? Immer gilt das Wort des Täufers: "Er muß wachsen, ich aber abnehmen" (Joh. 3, 30). In dem Maße, als wir betend aus uns heraustreten, tritt Gott in uns ein und edüllt Er uns mit Seinen Gnaden und Gaben. Je mehr wir uns betend unser selbst entäußern, um so mehr ziehen wir Gott in uns hinein. Je mehr wir selber klein und nichts werden und uns zu Ihm erheben, um so mehr wird Er uns alles in allem. Je mehr wir abnehmen, um so mehr wächst Er in uns, bis zu dem Tage, wo die Demut und Entäußerung vollständig und nichts mehr VOll uns selbst 1Il uns ist, wo vielmehr alles von Gott und fÜr Gott ist. Echtes Beten erweitert unser Herz und macht, daß es alle Gaben Gottes, ja daß es Gott selber aufnehmen kann. Wenn aber Er in uns ist, dann ist Er auch für uns. Und "wenn Gott für uns ist, wer ist dann wider uns"? (Röm. 8, 31.) "Als ich zum Herrn aufschrie, erhörte Er mein Rufen und befreite mich von allen Drängern. Zu Boden schlug Er sie, Er, der da ist vor aller Zeit und bleibt in Ewigkeit" (Intoitus) ,

3· Der Zöllner betet. "Er ging gerechtfertigt nach Hause." Die Macht des wahren, demütigen

256 Die Zeit nach Pfingsten: Elfte Woche.

Betens! Wir erfahren diese Macht des Gebetes um so mehr, je enger wir uns betend der großen Beterin Kirche anschließen. Im liturgischen Beten treten wir aus dem eigenen Ich heraus, entäußern wir uns selbst und treten in das Beten der Kirche ein. "Zu Dir, 0 Herr, erhebe ich meine Seele"; in der Gemeinschaft, im Geist der betenden Kirche. Dann gilt auch von uns: "Dieser ging gerechtfertigt nach Hause."

Wir werden in dem Grade gut und fruchtbar beten, als wir in Demut uns selber verlassen, dem eigenen Ich, dem eigenen Geist und Verlangen entsagen. Auch im Gebet. Wir sind unglÜcklich, wenn wir im Gebet es nicht so fertig bringen, wie wir es gedacht und gewÜnscht hatten. Unser Stolz, unser eigener Geist! Unser Gebet wird um so besser und wirksamer sein, je mehr wir im Gebet in Demut uns unserem Versagen, unserer Schwäche und Gebrechlichkeit beugen und Ihn mit uns machen lassen, so wie es Ihm gefällt. Vom demÜtigen Gebet und von ihm allein gilt das Wort des Herrn: "Dieser ging gerechtfertigt nach Hause."

Ge b e t.

Gott, du offenbarst Deine Allmacht am meisten durch Nachsicht uncl Erbarmen: so schenk uns denn Deine Barmherzigkeit in noch reichere1\l Maße und mache uns, die wir Deinen Verheißungen entgegeneilen, der himmlischen Güter teilhaftig. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Freitag der elften Woche nach Pfingsten.

F ru c h t bar e s B e t e n.

1. "Zu Dir, 0 Herr, erhebe ich meine Seele. Mein Gott, auf Dich vertraue ich und werde nicht erröten" (Offertorium). "Als ich zum Herrn aufschrie, erhörte Er mein Rufen" (Introitus). Die Kirche

Freitag: Fruchtbares Beten.

257

glaubt, daß ihr Gebet bei Gott Erhörung findet und daß sie mit ihrem Gebet bei Gott alles vermag. Sie weiß um die Kraft und um den Wert des Betens. Sie betet gestützt auf den Herrn, sie betet durch den Herrn, ein Gebet der Demut.

2. Die Kir c heb e t e t ge s t ü t :l tau f den Her r n. Er hat in Seinem Leben und Sterben unsere Schuld bezahlt und getilgt. Er hat für uns dem Vater Sühne geleistet und uns alle Gnaden verdient, deren wir bedürfen. Unaufhörlich bittet Er im Himmel, im Tabernakel den Vater für uns. "Er lebt Immerdar, um fÜr uns Fürbitter zu sein" (Hebr. 8, 25). Die Kirche weiß, daß sie aus sich schwach ist, in vielen ihren Kindern der Sünde unterworfen, aus sich unfähig, das Gute zu tun. Um so mehr beruft und stützt sie i>ich auf die Genugtuungen, die Verdienste und Gebete des Herrn. "Ich kann alles in dem, der mich stärkt" (Phil. 4, 13). Täglich, ununterbrochen bietet sie dem Vater in der Feier der heiligen Messe das Blut, die Verdienste und die Genugtuungen an, die der Herr in Seinem Erdenleben für uns geleistet haL Es sind Verdienste und Genugtuungen von unendlichem Wert. Gestützt auf dieses Opfer erweist die Kirche dem allheiligen Gott eine unendliche Huldigung, Lobpreisung und Verherrlichung. Kraft des Opfers der heiligen Messe leistet sie der göttlichen Gerechtigkeit eine vollgÜltige SÜhne und Genugtuung für unsere Sünden und SÜndenstrafen. In dem heil igen Meßopfer erwirbt sie Überfließende wirksame Gnaden, die den Sünder erleuchten und zu Akten der Buße und Reue bestimmen und ihn im Sakrament der Buße zur Freundschaft mit Gott zurückführen; Gnaden, die den Gerechten aneifern und stärken, das Gute zu tun, die Opfer zu bringen und sich zur \'ollkommenen Liebe zu Gott und zum Nächsten zu erheben. Im heiligen Opfer macht der Herr, der Hohepriester, sich zur Opfergabe Seiner Kirche. Er tritt vor den Vater hin und vertritt die Sache der Baur, Werde .Licht. Ur. 17

258 Die Zeit nach Pfingsten: Elfte Woche.

geliebten Braut, der Kirche. Wird wohl der Vater dem Sohne, an dem Er Sein Wohlgefallen hat, etwas abschlagen? Wird Er die Bitten, die Sein Sohn Ihm im N amen der Kirche und für die Kirche unterbreitet, unberÜcksichtigt lassen können? Nimmermehr. So glaubt die heilige Kirche. Sie betet, gestützt auf Christus, den Hohenpriester und Mittler: "Mein Gott, auf Dich vertraue ich. Ich werde nicht erröten."

Die Kirche betet durch Christus, den Her r n. Mit dem Wort "durch Christus unsern Herrn" schließt sie alle ihre Gebete ab. Er ist der gottbestellte Mittler zwischen Gott und uns. Vertrauensvoll legt die Kirche ihre Anliegen und Bitten, ihre Danksagungen und ihren Lobpreis in die Hände des Mittlers. Er nimmt sie entgegen, vereinigt und verschmelzt sie mit der Anbetung, den Danksagungen, Lobpreisungen Seines eigenen Herzens und eignet sie sich so zu, daß Er sie als Seine eigenen Gebete dem Vater anbietet. Kein Wunder, daß die Kirche jubelt: "Als ich zum Herrn aufschrie, erhörte Er mein Rufen" (Introitus). Kein Wunder, daß sie zu beten nicht mÜde wird! Kein Wunder, daß sie nicht bangt, obschon sie ringsum von Feinden bedroht, bedrückt und verfolgt wird! "Zu Dir, 0 Herr, erheb' ich meine Seele. Mein Gott, auf Dich vertraue ich, ich werde nicht erröten." Kein Wunder, daß sie unaufhörlich Triumph- und Siegeslieder erklingen läßL Sie weiß, sie betet durch Christus, den Mittler, der ihr Gebet in Sein allvermögendes Gebet aufnimmt und mit ihm vereinL

3· Wir beten mit der Kirche. Kraft unserer Gemeinschaft mit der Kirche beten, auch wir gestützt auf Christus, der in "den Himmel aufgefahren ist als unser Vorläufer" und zur Rechten des Vaters sitzt, "damit Er beständig fÜr uns bitte" (Hebr. 6, 20; 9, 24). Wir sind Ihm einverleibL Wir dürfen also mit vollem Recht vor den Vater hin-

Samstag: Demütiges Beten.

259

treten und sprechen: "Ich bin Dein Erstgeborener." Wir dürfen im N amen Seines Sohnes zum Vater sprechen und von Ihm alles, dessen wir bedürfen, mit vollstem Vertrauen erbitten.

Wir besitzen die heiligmachende Gnade, die Gnade der Gotteskindschaft. Durch sie sind unserer Seele die ZÜge Christi, des Sohnes Gottes, eingeprägt. Sieht uns also der Vater im Gewande der heiligmachenden Gnade, Seinem Sohne ähnlich, dann muß Er uns gewähren, um was wir Ihn bitten. Wir bitten Ihn, gestÜtzt nicht auf uns, so.ndern auf den, an dem der Vater Sein Wohlgefallen hat.

Gebet.

Gott, Du offenbarst Deine Allmacht vor allem durch Nachsicht und Erbarmen. So schenk uns denn Deine Barmherzigkeit in noch reicherem Maße und mache uns, die wir Deinen Verheißungen entgegeneilen, der himmlischen Güter teilhaftig. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Samstag der elften Woche nach Pfingsten.

Dem Ü t i g e s B e t e n.

I. "Ich schrie zum Herrn, und Er erhörte mein Rufen" (J ntroitus). Die heilige Kirche ist stets auf dem Weg zum Tempel, um Zl.l beten. Ihre Grundhaltung ist Huldigung an Gott, Kleinsein vor Gott, Anbetung, Demut.

2. Die Kir c h e h u 1 d i g t Go t t. Das erste Werk, das die Kirche Christi vollzieht, ist das Werk der Anbetung Gottes, der demÜtigen Unterwerfung unter GotL In Demut beugt sie sich dem Worte Gottes. Jede Seite der Offenbarung, der Heiligen Schrift des Alten und des N euen Testamentes ist ihr heilig. Unter jedes Wort des Evangeliums setzt sie ihr "Credo" - "Ich glaube." Glaube ist DemuL Tag und Nacht steht sie in ihren Priestern und Ordens-

17*

260 Die Zeit nach Pfingsten: Elfte Woche.

leuten im Heiligtum und huldigt GotL "Es ist geziemend und gerecht, daß wir Dir immerdar und überall in Dankbarkeit huldigen" (Präfation der Messe). Unaufhörlich jubelt sie ihrem Gott und Herrn die Psalmen zu, ein stetes "Wir loben Dich. wir. preisen Dich, wir beten Dich an, wir verherrlichen Dich." Immerfort steigt aus ihrem Herzen das "Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto" auf, das "Geheiligt w.erde Dein Name". Täglich, stÜndl ich, ohne Unterbrechung feiert sie das Opfer der heiligen Messe. Im Opfer bietet sie Gott in ihrer Opfergabe Christus eine unendlich wertvolle Anbetung und Huldigung an. "Durch Ihn und mit Ihm und in Ihm ist Dir, Gott, eine ganze Ehrung", eine unendlich vollkommene Anbetung.

Die Kirche empfängt alles ,"on Gott.

Was kann sie aus sich selber, ohne Gott, ohne Chri. stus ? Was kann der Leib ohne das den Leib belebende und bestimmende Haupt? Was kann der Rebzweig ohne den Rebstock? Sie weiß, daß "niemand sagen kann: Herr Jesus, als nur im Heiligen Geiste". Sie weiß um die vielen Gaben und Gnaden. die in ihren Kindern wirksam sind. "Dem einen wird die Gabe der Weisheit verliehen, dem andern die Gabe der Wissenschaft, einem dritten die Gabe des Glaubens, kraft dessen er Wunder wirken kann; einem vierten die Gabe, Kranke zu heilen; einem andern die Gabe der Weissagung oder der Unterscheidung der Geister." Aber all diese Gnaden und Gaben schreibt die Kirche nicht ihrem Miihen und Wirken zu. Sie hat sie empfangen. "Gott ist es, der alles in allem wirkt" (Epistel). Er ist es auch, der "in uns das Wollen und das Vollbringen wirkt" (Phi!. 2, r3). Sie weiß, daß sie nichts aus sich selber, vielmehr alles von demjenigen empfangen hat, in dem Gott die Fülle alles Guten niedergelegt hat: "Aus Seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade um Gnade" (Joh. I, r6). Deshalb erwartet und erfleht sie alles vom Herrn. "Ich

Samstag: Demütiges Beten.

261

schreie zum Herrn, Er erhört mein Rufen" (Introitus) .

Die Kir c h e gib t Go t t all e s zur ü c k. Sie behält das, was sie betend, bittend empfangen, nicht für sich. Sie wertet es in Huldigung, Anbetung, Lobpreis und Danksagung an Gott um, imbesondere im Opfer der heiligen Messe. "Dir, 0 Gott, ziemt Lobgesang auf Sion, und Dir entrichtet man (die Kirche) Dankgebete in J erusalem" (Alleluj aver5). Sie setzt das, was sie in Gaben und Gnaden empfangen, in ihren Gliedern in Werke der Näch5tenliebe, des Seeleneifers, der Gottes- und Christusliebe um und macht es für Gott und Gottes Intere~sen, für die Verherrlichung Gottes und fÜr das Heil der Seelen fruchtbar. Eine andere Jungfrau von N azareth, die nach ihrer gnadenvollen Gottesempfängnis nichts für sich behält, sondern im Hochgesang des Magnifikat ebenso wie im Eifer der Liebe zu Elisabeth und Johannes das, was sie empfangen, demj enigen zurückgibt, von dem sie es erhalten.

3. Wir schließen um der betenden Kirche an.

Je mehr wir das eigene Beten lassen und um in Demut und Glauben dem Beten der Kirche unterwerfen und einordnen, um so sicherer werden wir unserem Beten eine wirksame Erhörung sichern.

Nichts fÜr sich selber, alles für Gott. Da5 ist die Sprache der Demut. Wer richtig betet, hat nichts um seinetwillen. Was er hat, hat er von Gott und für Gott, für Christus und Seine Kirche. Echtes Beten drängt zum Ringen und Arbeiten für Gott, fÜr Christus und die Seelen. Es verbindet notwendigerweise, wie mit Gott und Christus, so mit der Kirche und den einzelnen. Es i30liert nicht, trennt nicht von der Kirche noch von den Brüdern in Christus.

Wer richtig betet, verkennt keine Gabe Gottes und verleugnet kein Geschenk Gottes. Er weiß, was Gott ihm gibt. Er weiß, daß ihm diese Gaben nicht dazu geschenkt wurden, daß er in ihnen ruhe, sich

262 Die Zeit nach Pfingsten: Elfte Woche.

in ihnen gefalle und sie zu seinen Zwecken benütze. Er verwendet sie fÜr Gott und Gottes Ehre. Alles fÜr Gott!

Gebet.

Gott, Du offenbarst Deine Allmacht vor allem durch Nachsicht und Erbarmen. So schenk uns denn Deine Barmherzigkeit in noch reicherem Maße und mache uns, die wir Deinen Verheißungen entgegeneilen, der himmlischen Güter teilhaftig. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Die liturgische Meßfeier des elften Sonntags nach Pfingsten.

1. Die Meßfeier des heutigen Sonntags ist ganz vom Ostergedanken beherrscht, von der Erinnerung an das unvergeßliche Erlebnis der Osternacht, an den Empfang der heiligen Taufe. So wird si~ zugleich zu einer Ern e u e run g des Tauferlebnisses, der Gnade und der Verpflichtungen der heiligen

Taufe.

Der siebenundsechzigste Psalm entwickelt ein groß-

artiges Osterbild. Er zeigt uns das Volk Israel auf seinem Zug ins Gelobte Land. Es verläßt Agypten, in dem es gefangen gehalten und geknechtet worden war; eS zieht freudig durchs Rote Meer, in dessen Wogen seine Feinde umkommen; es empfängt am Sinai das Gesetz; es wi rd mit Manna gespeist; es besiegt die Feinde, die ihm den Weg ins Gelobte Land versperren wollen, und gelangt glÜcklich in den Besitz des Landes Kanaan. Mit dem Volk Israel ist auch sein Gott, Jahve, vom Sinai nach den Höhen des Moria gezogen. Hier, auf dem Tempelberg in Jerusalem, hat Er Seine Wohnstätte erwählt. Hier schart Er die Gleichgesinnten um sich, die in ein e m Glauben und in ein e m Kulte Ihm ihre Gebete und Opfer weihen. Von hier aus gibt Er Seinem Volke

Kraft und Gnade.

Was so der Introitus vorführt, hat sich an uns

in der heiligen Taufe wiederholt: an Ostern wurden wir aus Agypten, dem Leben fern von Gott und Christus, herausgeführt, zogen wir durch die Wasser des Roten Meeres, empfingen Christi' neues Gesetz, wurden mit dem Manna der heiligen Kommunion genährt und in das Gelobte Land der heiligen Kirche, in das neue J erusalem, eingefÜhrt. "H ier, in der heiligen Kirche, die im christlichen Gotteshaus sym-

264 Die Zeit nach Pfingsten: Zwölfte Woche.

bolisch dargestellt ist, ist Gott (Christus) an Seiner heiligen Stätte." Hier in Seiner Kirche, in der Gemeinschaft mit Seinem mystischen Leibe, ist Er zu suchen und zu finden. Voll Dank fÜr die unaussprechliche Gnade der heiligen Taufe und der. Aufnahme in die heilige Kirche jubeln wir: "Gott ist an Seiner heiligen Stätte." Hier in der heilig-en Kirche, auf dem Altar des katholischen Gotteshauses, thront Er inmitten der Gemeinde, der Getauften, die alle eines Glaubens, einer Gesinnung, vom gleichen Gedanken, zu opfern, beseelt, sich in der Opferfeier der heiligen Messe um Ihn scharen. Hier, im eucharistischen Opfer, das auf dem Altare gefeiert wird, ist die Quelle der Kraft und des Segens für diej enigen erschlossen, die sich durch die Taufe Christus hingegeben.

2. "Brüder, ich mache euch die Botschaft kund, die ich euch gepredigt habe: ihr habt sie angenommen und verharrt in ihr. In ihr findet ihr das Heil, wenn ihr sie so festhaltet, wie ich sie euch gepredigt habe" (Epistel). Was sich vor langen Jahrhunderten einmal vollzogen hat, wird in der Feier der heiligen Messe wahrhaft, wenn auch geheimnisvoll, wieder Wirklichkeit: "Christus ist gestorben und VOll den Toten wieder auferstanden." Und mit Ihm sind wir in der heiligen Taufe gestorben und zu einem neuen Leben auferstanden. In der M itfeier der heiligen Messe erneuern wir nicht nur Christi Tod und Auferstehung, wir erneuern auch unser eigenes, in der heiligen Taufe begonnenes Mitsterben und Mitauferstehen. Wir sind heute der Taubstumme des Evangeliums und erfahren an uns geistig-geheimnisvoll jene gnadenvolle Berührung durch Christi Hand, die uns heilt und erlöst, ähnlich wie wir sie dereinst in der heiligen Taufe erfahren haben Dankbar sprechen wir im Offertorium: "Ich preise Dich, 0 Herr, daß Du (in der heiligen Taufe) mich aufgenommen (zu Deinem Eigentum angenommen) hast." Mit der ganzen Hingabe unseres We-

Sonntag: Die heilige Taufe.

~ens erneuern wir in der Opferfeier die heilige Taufe, indem wir aufs neue für die ganze kommende Woche allem entsa'gen und sterben, was an uns nicht Christus gehört, nicht Ihm geweiht und wohlgefällig ist. Wir leben Ihm aufs neue, in ungeteilter Hingabe und Weihe unserer Zeit, unserer körperlichen und geistigen Kräfte, unserer Gedanken, Neigungen, Beweggründe. Wir gehören Ihm an und leben Sein Leben mit, so wie die Communio uns mahnt: "Ehre den Herrn mit deinem ganzen Wesen und Besitztum", mit einem Ganzopfer. "Dann werden", entsprechend deiner Selbsthingabe, "deine Scheuern sich füllen bis oben", im .Empfange des Brotes der heiligen Kommunion. "Alleluj a, singt J ubellieder Gott, unserem Helfer. Alleluja."

Elfter Sonntag nach Pfingsten.

Die h eil i g eTa u f e.

I. "Wer sich erniedrigt, w.ird erhöht." In der letzten Woche ist es der heiligen Kirche und uns, ihren Kindern, neu aufgegangen, was wir aus uns selber sind: der Zöllner, der an seine Brust klopft und betet: "Gott, sei mir SÜnder gnädig." Heute weiß sich die Kirche durch Gottes Gnade erhöht, voll der Kraft und Stärke und voll des Lebens. Sie hat auf Gott vertraut. "Da wurde mir Hilfe, Aufblüht wieder mein Fleisch. Du nahmst mich auf, o Herr, Du ließest meine Feinde nicht triumphieren über mich." Heilige Osterfreude durchzittert die heutige Meßliturgie. Heilige Auferstehungsfreude, heiliger Jubel muß auch unsere Seele erfüllen.

2. ,,0 Herr, ich ruf' zu Dir" (Graduale).

"In jener Zeit verließ Jesus wieder das Gebiet von Tyrus und kam an das Galiläische Meer. Da brach· ten sie einen Taubstummen zu Ihm und baten Ihn, . Er möge ihm die Hand auflegen. Er nahm ihn ab-

266 Die Zeit nach Pfingsten: Zwölfte Woche.

seits vom Volke, legte ihm Seine Finger in die Ohren und berÜhrte die Zunge mit Speichel. Dann blickte Er zum Himmel auf, seufzte und sprach zu ihm: Ephphetha, d. h. tue dich auf. Sogleich öffneten sich seine Ohren, und das Band der Zunge ward gelöst, und er redete recht" (Evangelium). Ein Bild! In dem Taubstummen erkennt die heilige Kirche sich selber, zusammen mit allen ihren Kindern, mit uns. Was war die Kirche, was waren wir alle, bevor der Heiland sich zu uns neigte und in der heiligen Taufe uns mit Seinem Licht und Seinem Leben erfÜllte? Ein Taubstummer! Taub und stumm, die Seele fÜr das Göttliche verschlossen und unfähig, ein einziges rechtes, d. i. gottgefälliges Wort zu sprechen. Wie viel weniger das Wort Vater! Taub und stumm. Das waren wir, das sind wir aus uns selbst. Dazu hat uns die ErbsÜnde gemacht. Wenn Er uns nicht begegnet wäre! Wenn Er nicht in unendlichem Erbarmen sich unser angenommen hätte!

"L 0 b P re i sen will ich D ich, 0 Her r. Du nahmst mich auf." In der heiligen Taufe. Da brachten sie uns, den armen Taubstummen, zum Herrn. Die Mutter Kirche betete fÜr ihn zum Herrn, Er möge ihm die Hand auflegen. Er erschien sichtbar in Seinem Priester. Er legte uns in Seinem Priester Seine Finger in die Ohren; Er berÜhrte unsere Zunge mit Seinem Speichel und befahl: "Ephphetha - tue dich auf." Sogleich öffneten sich innerlich die Ohren, um die Stimme Gottes zu vernehmen. Und die Bande der Zunge lösten sich, und der bisher Taube und Stumme fing an zu verstehen und zu reden, und redete recht. "Widersagst du dem Satan?" wurde er gefragt. Er hörte und verstand. Er redete und sprach: "Ich widersage. " - "Und allen seinen Werken?" "Ich widersage." "Und all seiner Herrlichkeit?" "Ich widersage." Dann wurden wir mit heiligem OIe gesalbt und gefragt: "Glaubst du an Gott den Vater? Glaubst du

Sonntag: Die heilige Taufe.

an Gott den Sohn? Glaubst du an Gott den Heiligen Geist, an die heilige, katholische Kirche, an die Gemeinschaft der Heiligen, an die N achlassung der SÜnden, an die Auferstehung des Fleisches und das ewige Leben?" Der eben noch Taube und Stumme verstand und redete recht. "Ich glaube." Noch einmal wurde er gefragt: "Willst du getauft werden?" Er antwortete: ,,] a, ich will getauft werden." Dann wurden wir in den Tod mit Christus eingetaucht. Im Sterben mit Ihm erhielten wir Sein Leben, das Leben des Auferstandenen, der in uns lebt, das Haupt in den Gliedern. "Mein Fleisch blÜht wieder auf." Es Ist durchströmt von der Kraft und dem Leben des Auferstandenen. Mit dem auferstandenen Herrn, der in uns lebt, jubeln wir: "Lobpreisen will ich Dich, 0 Herr; Du nahmst mich auf, Du ließest meine Feinde nicht triumphieren Über mich. o Herr, ich schrie zu Dir, und Du hast mich geheilt" (Offertorium). "Gott, der in Seinem Heiligtum weilt, der in Seinem Haus (in der Kirche) die Menschen einmütig zusammenwohnen macht, Er ist's, der Seinem Volke (den Getauften) Kraft und Stärke gibt" (Introitus). Er hat uns das Leben gegeben.

3. "Vor allem habe ich euch darÜber belehrt, daß Christus für unsere Sünden gestorben ist; daß Er begraben wurde, daß Er am dritten Tage, gemäß der Schrift, wieder auferstand" (Epistel). Der Tod und die Auferstehung Christi 'sind der Quell des Lebens fÜr uns, die Glieder an Ihm, dem Leibe. Christus lebt. Und mit Christus leben wir, wenn und soweit wir mit Ihm sterben. Das ist der Sinn der heiligen Messe und der heiligen Kommunion. Wir sterben mit Ihm, in bewußter, gewollter Sterbens- und Todesgemeinschaft. Dann gießt Er uns Sein unsterbliches Leben ein, jetzt in der heiligen Kommunion, dereinst in der ewigen Glorie. "Der Herr gibt Seinem Volke Kraft und Stärke."

"Durch die Gnade Gottes bin ich, was ich hin,

268 Die Zeit nach Pfingsten: Zwölfte Woche.

und Seine Gnade ist in mir nicht wirkungslos geblieben" (Epistel). Das ist das dankbare Bekenntnis der heiligen Kirche. Auch unser Bekenntnis. Aus um selbst der Taubstumme, durch Seine Gnade christusdurchlebt, christuserfüllt. "Die Erbarmungen des Herrn will ich in Ewigkeit preisen" (Ps. 88, I).

Ge b e t.

Allmächtiger ewiger Gott, Du gibst im Übermaße Deiner Liebe den Flehenden mehr als sie verdienen und mehr als sie erbitten: so gieße denn über uns Deine Barmherzigkeit aus: nimm weg, was das Gewissen bangen macht, und schenk, was das Gebet nicht zu bitten wagt. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Montag der zwölften Woche nach Pfingsten.

Die h eil i g eTa u f e.

1. "Er hat alles wohl gemachL Den Tauben gibt Er das Gehör, den Stummen die Sprache" (Evangelium). So jubelt heute die Kirche dem Heiland zu. Sie w'ird nicht müde, dankbar anzuerkennen, was der Herr in der heiligen Taufe an ihr und an ihren Kindern getan. Ohne die Eingliederung in Ihn sind wir taub und stumm, Ihm eingegliedert sind wir hörend und recht redend. "Lobpreisen will ich Dich,

o Herr, Du hast mich aufgenommen" (Offertorium).

2. "D e n Tau ben gib t Erd a s Geh ö r." Bevor wir in Christi Leben aufgenommen waren, hatten wir ein Ohr nur fÜr die Stimme der gefallenen Natur, der Eigenliebe, des Fleisches, der WeIL Wir gefielen uns in dem, was dem natürlichen, gefallenen Menschen liegL Wir dachten, wie der Mensch des Alltags denkt und fÜhlt. Wir kannten nur das natürliche Sinnen und Trachten, wie es uns allüberall auf der Straße, in den Geschäften, in den Familien, in den Büchern, Zeitungen entgegentritL Wir waren taub für Gott, ohne Sinn

Montag: Die heilige Taufe.

für das, was Gottes ist. Da gab Er den Tauben das Gehör. Wir wurden Christen und bekamen von nUll an ein Ohr für die Stimme von oben, fÜr die Stimme des in uns wohnenden Gottes, für die Einsprechungen des Geistes Christi. Von nun an verstanden wir die Sprache Gottes, die Sprache des Glaubens, \Vir begannen, die Dinge und das Leben vom Standpunkt Gottes und des Evangeliums aus aufzufassen und zu verstehen. Auf einmal ging es uns auf, daß die Weisheit der Welt, daß ihr Urteil und ihre Grundsätze Torheit sind; daß das, was die Welt verachtet, flieht und verurteilt in Gottes Augen Weisheit ist. "Die Weisheit des FleIsches ist Gott feindlich" (Röm. 8,7). "Nicht die (weltlich-irdisch) Weisen hat der Herr erwählt, und sie fanden den Weg der Erkenntnis nicht. Weil sie die Weisheit nicht hatten, gingen sie an ihrer Torheit zu Grunde" (Bar. 3, 27). Uns gab Er den Geist der Weisheit, den Sinn für das, was Gottes ist. Deshalb achten wir das Irdische für nichts; deshalb ertragen wir die Widerwärtigkeiten und Leiden des Lebens mIt Geduld, ja mit Freude; deshalb steht unser Sinn darauf, mit dem in unserem Innersten wohnenden, lebenden und wirkenden Gott zu sein, auf Seine Einsprechungen und Anregungen zu hören und dem ewigen Ziel entgegenzueilen. "Gott, unserem Helfer, jauchzet zu, dem Gotte Jakobs jubelt" (Allelujavers).

"Den Stummen gibt Er die Sprache."

Ohne die heilige Taufe, ohne die Aufnahme in Christus und Sein Leben waren wir für Gott stumm. In der heiligen Taufe, in der Einverleibung in Sich löste uns der Herr unsere Zunge. Von nun an dÜrfen wir als Kinder zum Vater kommen. "Ihr habt (in der heiligen Taufe) den Geist der Kindschaft empfangen, III welchem wir rufen: Abba, Vater" (Röm. 8, 15). An uns ist in der heiligen Taufe das Wort des Propheten in ErfÜllung gegangen: "Ausgießen will ich über das Haus David

270 Die Zeit nach Pfingsten: Zwölfte Woche. .

und Über die Bewohner J erusalems (die Getauften) den Geist der Gnade und des Gebetes" (Zach. 12, IO). Christus einverleibt "können wir Gott voll Zuversicht und Vertrauen nahen" (Eph. 3, 12). Wir dürfen zum Vater sprechen. Und nicht bloß. daß wir zum Vater sprechen dÜrfen. Was im Evangelium vom Taubstummen berichtet wird, findet in uns seine vollste Erfüllung, "Er redete recht." Uns ist die Gnade gegeben worden, daß wir zum Vater reden, und daß wir zu Ihm recht reden, so wie es dem Vater angenehm ist und Freude macht. Wir beten ja in der Gebetsgemeinschaft mit Christus. Seitdem uns der Herr sich eingegliedert hat, nimmt Er unser Beten in Sein Beten auf.. Wir beten in Christus, mit Christus und durch Christus. Wir beten, wir sprechen zum Vater. Aber es ist nicht unsere Stimme, die der Vater hört, es ist vielmehr die Stimme dessen, an dem der Vater Sein Wohlgefallen hat. Wir beten "in Jesu Namen" (Joh. 14, 3), d. i. in lebendiger Verbundenheit mit ,Tesus und in der Kraft dieser Verbundenheit. Auch im Gebet, im Sprechen zum Vater, gilt das Wort des Herrn: "Wenn ihr (wie der Rebzweig) in Mir (dem Rebstock) bleibt und wenn Meine Worte in euch bleiben, dann möget ihr bitten, um was immer ihr wollt: es wird euch gegeben werden" (Joh. 15,7). Wir dürfen keine Furcht haben, als wÜrde dem Vater unser Beten und Reden nicht gefallen: wir beten ja in Christu~ Jesus. Mögen wir aus uns noch so arm und hilflos sein, unser Beten ist in Jesu als heiliges Beten aufgenommen. Das ist die Gnade der heiligen Taufe, der Eingliederung in Christus. "Den Stummen gibt Er die Sprache."

3. "Lobpreisen will ich Dich, 0 Herr: Du nahmst mich auf, Du ließest meine Feinde nicht über mich triumphieren" (Offertorium). Das heutige Opfer der heiligen Messe soll ein Opfer des Dankes an den· j enigen sein, der uns in der heiligen Taufe geheilt

Dienstag: Unser Glaube.

271

und mit überreichen Gnaden Überschüttet hat. "Gratias agamus Domino Deo nostro."

"Gott wohnt in Seinem Heiligtum. Er gibt denen, die ein e s Sinnes sind, in Seinem Hause Wohnung. Er ist es, der Seinem Volke Kraft und Stärke gibt" (Introitus). Im Zusammenhang des Psalmes 67, dem diese Worte entnommen sind, ein Triumphgesang der Kirche. Gottes Stätte ist der Himmel. Dorthin führt Er mit wunderbarer Kraft und Stärke Sein Volk. Der Weg geht durch die Wüste des Erdenlebens. Feinde lauern auf Gottes Volk. Er aber ist ihm Schutz. Der Herr verleiht Seiner Kirche Einheit, Vollkommenheit und Stärke. Diesem Volk Gottes sind wir durch die heilige Taufe angeschlossen. In der Feier der heiligen Messe bekennen wir uns aufs neue zu ihm. In der Gemeinschaft mit ihm gehen wir den richtigen vVeg zum Himmel und haben wir den Schutz und die Führung Gottes.

Gebet.

Allmächtiger ewiger Gott, Du gibst im Übermaße Deiner Liebe den Flehenden mehr, als sie verdienen, und mehr, als sie erbitten. So gieße denn Deine Barmherzigkeit Über uns aus. Nimm weg, was das Gewissen bangen macht, und schenke, was das Gebet nicht zu erbitten wagL Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Dienstag der zwölften Woche nach Pfingsten.

Uns erG lau b e.

1. "Gott wohnt in Seinem Heiligtum. Denen, die ein e s Sinnes sind, gibt Er in Seinem Hause eine Heimat" (Introitus). Die ein e s Sinnes, ein e s Geistes sind! Sie fÜhrt der Herr der Heimat des ewigen Lebens entgegen. "Ihr seid ja ein Leib und ein Geist, wie ihr auch bei eurer Berufung zu ein e r Hoffnung berufen wurdet. Ein Herr, ein Glaube, ein e Taufe" (Eph. 4,4). Die Einheit des

272 Die Zeit nach Pfingsten: Zwölfte Woche.

Gottesvolkes der Kirche grÜndet in der Einheit des Glaubens (Epistel).

2. "I c h w eis e e u c hau f das Eva n gel i u m hin, das ich eucll gepredigt habe." Ihr habt es angenommen, ihr stehet fest zu ihm, ihr haltet es und werdet dadurch selig. WÜrde es euch nicht selig machen, dann hättet ihr es vergebens angenommen "Vor allem habe ich euch darüber belehrt, wie auch ich belehrt worden bin, daß Christus fÜr uns Sünder gestorben ist; daß Er begraben wu;de, daß Er am dritten Tag, gemäß der Schnft, wieder auferstand" (Epistel). Die Predigt der Apostel! Im Mittelpunkt steht die Tatsache der Auferstehung des Herrn. Was uns seilg macht und worauf es zu allererst ankommt, ist der Glaube. Der blinde Glaube an das Evangelium, das uns von den Aposteln durch die Kirche verkÜndet wird. "Ein Glaube!" Da gibt es nicht verschiedene Meinungen und Ansichten; da gibt es nicht wissenschaftliche Auseinandersetzungen und Untersuchungen. GegenÜber dem, was Gott uns offenbart, und gegenÜber dem\. was Christus der Herr in Seinem Evangelium oder durch Seine Apostel und Seine Kirche uns zu glauben vorlegt, gibt es nur ein demütiges Ja unserer kleinen Vernunft. Das Ja des Verstandes gegenÜber der Übernatürlichen Wahrheit. Dieses Ja sprechen wir Kinder der Kirche. Heute, im 20. Jahrhundert, vollkommen das gleiche Ja zu den vollkommen gleichen Geheimnissen Gottes, Christi, der Kirche, der Heiligen Schrift, der Sakramente, der einstigen Auferstehung und des ewigen Lebens, wie die Christen der Kirchen von Jerusalem und Rom, von Korinth und Ephesus, Philippi und Thessalonich. Ein Glaube, heute und in den Tagen der Christenverfolgungen und der glorreichen Martyrer! Ein Glaube hier in Europa wie in dem fernen Australien. Ein Credo, das in allen Sprachen der Erde widerhallL Ein "Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto", zu dem sich die Kirche in allen ihren Kindern bekennt! "Denen, die ein e s Sinnes, ein e s

Dienstag: Unser Glaube.

273

'5

Glaubens sind, gibt Er in Seinem Hause, im Himmel, eine Heimat." "In ihm (dem ein enGlauben der Kirche) werdet ihr, nachdem ihr ihn angenommen habt, auch selig, wenn ihr ihn so haltet, wie ich ihn euch gepredigt habe" (Epistel). Das ist also unser Weg zum Vaterhaus: der ein e Glaube der Kirche.

"Ihr stehet fest im Evangelium", das ich euch gepredigt habe (Epistel). Das ist die Sorge der heutigen Liturgie und der Kirche, daß wir im Glauben, den wir einmal in der heiligen Taufe angenommen und beschworen haben, feststehen. Wenn vergangene Zeiten unser katholisches Credo beteten, fühlten sie sich im Lande des Glaubens so sicher geborgen wie das Kind an der Hand des Vaters. Gott war so gewiß und so nahe wie der leibliche Vater. Christus mit Seinen Heiligen war ihnen so vertraut wie der beste Freund und Bruder. Die Kirche war ihnen so selbstverständlich und lieb wie die eigene Mutter. Der Wille Gottes war ihnen unverbrÜchlich, mehr als das geschriebene Gesetz. Der Tag der Ewigkeit leuchtete ihnen heller als der lachendste Sonnentag. Die Welt der Übernatur war ihnen fast geläufiger und vertrauter als die Dinge dieser Welt. Heute ist das Credo der Kirche ein Kampfruf geworden. Eine ganze Welt streitet gegen unsern Glauben. Hier wird Christus als ein Mythus abgetan, dort wird aus Gott irgend ein Etwas gemacht, so wie eier Mensch es sich wÜnscht. Hier wird die Kirche als ein Gebilde hingestellt, das zufällig aus griechischem Geist und römischem Machtanspruch, aus orientalischer Frömmigkeit und germanischer Gemütstiefe erwachsen ist, dort vertauscht man den Glauben an die Vorsehung Gottes mit dem Glauben an die Karten und das Horoskop, oder predigt man den Menschen das Diesseits und Überläßt man den Himmel den Engeln und den Spatzen. Ein "neuer Glaube" wird verkündet. Er hat vor dem alten Glauben das eine voraus, daß die Menschen Baur, Werde Licht. UI. 18

n

274 Die Zeit nach Pfingsten: Zwölfte Woche.

von heute ihn tragen und verbreiten. Er spricht aus dem Munde der vielen Bücher und Zeitungen des Tages. Er sitzt auf den hohen Katheclern. Er schwebt Über den erhabenen Sitzen der Mächtigen. Er .leitet unsichtbar die Entscheidungen so vieler Konferenzen und Beratungen. Er gehört zu den Selbstverständlichkeiten der modernen Bildung. Wer noch zum Credo der Apostel, der Kirche hält, schließt sich selber vom Kreis der Herrschenden und Wissenden aus. Unser christlicher, katholischer Glaube verlangt von uns Charakter, Opfer, Heroismus. \Vollen wir mit der Masse und Moele gehen; wollen wir als freidenkender, als gebildeter, als moderner Mensch gelten, der mit der Zeit zu gehen versteht, dann mÜssen wir unserem Credo entsagen. Es ist unmodern. Wer heute zu seinem Glauben stehen will, der muß ein Held werden und den Heldenkampf der wenigen gegen die vielen, der Ganzen gegen die Halben, der Bewußten gegen die Gedankenlosen aufnehmen. Insbesondere wo dem Glauben der unsichtbare Feind im eigenen Innern erwächst! Wo die Atmosphäre des Zeitgeistes, der Moderne, des Unglaubens in die Seele und in die Gedanken eindringt und die Seele mit Zweifeln, Fragen, Problemen, mit geistiger Nervosität vergiftet. Der Christ von heute ist ein Martyrer geworden. Er lebt in einer Christenverfolgung der geistigen Nöte, der ZurÜcksetzungen, der Kaltstellung, der Ausschaltung. Daher die wohlbegründete Mahnung der Epistel: "Stehet fest im Evangelium, das ich euch gepredigt habe."

3· "Ephphetha. Tue dich auf!" und sei hörend.

Höre: "Ich weise euch auf das Evangelium hin, das ich euch gepredigt habe. Stehet fest in ihm", im heiligen katholischen Glauben' Und lebet nach eiern Glauben. Denn "der Glaube ist tot, wenn er keine Werke hat. Was nützt es, wenn jemand sagt, er habe den Glauben, hat aber die Werke nicht? Kanll etwa eier Glaube (ohne die Werke) ihn selig machen?" (Jak. 2, [4 ff.)

Mittwoch: Unser Glaube.

275

"Und er redete recht", im starken Bekenntnis des Glaubens. ,,'vVer M ich vor den Menschen bekennen wird, den will Ich auch vor Meinem Vater bekennen, der im Himmel ist. Wer M ich aber vor den M enschen verleugnet, den will Ich auch vor Meinem Vater verleugnen, der im Himmel ist" (Matth. ro,32).

Wir sind ein e s Sinnes, ein e s Glaubens, in der Hingabe an die heilige Kirche. Sie hat uns den Glauben zu geben und zu lehren Je treuer wi r zu ihr halten, um so tiefer, fruchtbarer wird unser Glaube. Die Kirche spricht ihren Glauben auf verschiedene Arten aus. In ganz hervorragender Weise tut sie es in der heiligen Liturgie. Wir beten mit der Kirche und stehen fest im Glauben!

Ge be t.

Reiche, 0 Herr, Deinen Gläubigen vom Himmel her Deine helfende Hand, damit sie Dich mit ganzem Herzen suchen, und erlangen, um was sie demÜtig bitten. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Mittwoch der zwölften Woche nach Pfingsten. - Uns erG lau b e.

1. "Er nahm den Taubstummen abseits vom Volke, regte ihm Seine Finger in die Ohren und sprach zu ihm: "Ephphetha - tue dich auf." Sogleich öffneten sich seine Ohren. Dankbar gedenkt die Kirche jenes Augenblickes, da der Herr an ihre Kinder herantrat und ihn el] gleichsam ein neues, inneres Ohr einsetzte, damit sie so fähig seien, Sein Wort so zu vernehmen und zu ergreifen, wie es zu dem Akte des Übernatürlichen Glaubens notwendig ist. Ohne dieses geheimnisvolle Ephphetha könnten wir nie ein wahres "Ich glaube" sprechen und nie zu Christus, zum Heile gelangen.

2. "I n dem Eva n gel i um, das ich eu c h ge p r t:. d i g t hab e, werdet ihr selig, wenn ihr es 18*

276 Die Zeit nach Pfingsten: Zwölfte Woche.

so festhaltet, wie ich es euch gepredigt habe" (Epistel). Mit diesen Worten des Apostels redet die Kirche heute uns, ihre Kinder, an. Der Glaube, den sie uns predigt, ist der Ausgangspunkt, der "Anfang des Heils, das Fundament und die Wurzel dei Rechtfertigung. Ohne den Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen (Hebr. II, 6) und zur Kindschaft Gottes, zur Teilnahme am Leben Gottes, zu gelangen" (Konzil von Trient, 6. Sitzung, Kap. 8). Der Glaube ist es, der uns mit Christus verbindet und in das Leben des Hauptes hineinstellL In den Akten des Glaubens bewegen wir uns zu Christus, dem Haupte, hin und schließen uns dem Haupte so an, daß wir zu Seinem Leibe gehören und an demselben ein Glied werden, das das Leben des Hauptes in sich aufzunehmen imstande isL Durch den Glauben und die heilige Taufe zusammen werden wir Glieder Christi 1. Soll der Leib Christi, die Kirche, gebildet und immerfort neu gebildet werden und sollen dem Leibe Christi unablässig neue Glieder hinzugefügt werden, so ist dazu der Glaube notwendig zugleich mit dem Sakrament der Taufe. Denn "durch den Glauben wohnt Christus in euern Herzen" (Eph. 3,17). Nur im Glauben, im Evangelium, das die Kirche von Christus und den Aposteln empfangen hat und den sie uns unverfälscht predigt, werden wir selig. Nur im Glauben an das geoffenbarte und uns von der Kirche Christi vorgelegte Gotteswort haben wir das Leben in Christus und das Heil. Uns hat der Herr diesen Glauben in die Seele gesenkt, auf daß wir im Glauben Christus und Sein Heil ergreifen mögen. "Er nahm den Taubstummen abseits

1 Anders im Kinde, anders im erwachsenen Täufling.

Das Kind erhält di~ Einverleibung in Christus durch das Sakrament der Taufe. Es vollendet diese Eingliederung, wenn es herangewachsen ist: subjektiv durch den Akt des Glaubens. Wird ein Erwachsener getauft, dann bildet der Akt des Glaubens den Anfang der Eingliederung in Christus: sie wird vollendet durch die heilige Taufe.

Mittwoch: Unser Glaube.

277

vom Volke, legte ihm Seine Finger in die Ohren und sprach zu ihm: ,Ephphetha. - tue dich auf.'" "Lobpreisen will ich Dich, 0 Herr, Du nahmst mich auf." "Durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin" (Epistel). "Was hast du, das du nicht empfangen hast?" (I Kor. 4,7.)

"Wen n ihr es so fes t haI t e t, wie ich es euch gepredigt habe." Wie ich, die Kirche, es euch unaufhörlich predige. Wenn ihr es so festhaltet im Geiste. Wenn ihr es so festhaltet im Leben. In dem glaubensvollen, beständig tieferen Eingehen in den Leib Christi, die Kirche, ·in ihren Glauben, in ihre Sittenlehre, in die Gemeinschaft ihres Betens und Opferns. In dem lebendigen Bewußtsein, daß wir mit Christus, dem Haupte, eins sind, in einer wahren Seins- und Lebensgemeinschaft mit Ihm verbunden, von Seiner Wahrheit erleuchtet, von Seiner Kraft getragen und von Seinem Leben durchflutet. Aus diesem Bewußtsein gewinnt unser Glaube Kraft und LebendigkeiL Je größer und lebendiger aber unser Glaube, um so inniger sind wir hinwieder mit Christus uf\d Seiner Kirche verbunden. Je vollkommener der Glaube, den die Kirche uns vorlegt, unser Denken und Streben beherrscht und bestimmt, um so tiefer wachsen wir in Christus, das Haupt, hinein, und um so reicher ergießt sich das Leben des Hauptes in uns, die Glieder. So ist es eine dringendste Pflicht, daß wir das Evangelium "so festhalten, wie ich (die Kirche) es euch gepredigt habe".

3. "Gott, der in Seinem Heiligtum weilt; Gott, der in Seinem Hause (in der Kirche) einmütig (eines Glaubens) wohnen läßt die Menschen. Er ist's, der Seinem Volke (den Getauften) Kraft und Stärke gibt" (Introitus). "Er hat alles wohl gemachL Den Tauben gibt Er das Gehör, den Stummen die Sprache." So jubeln wir dankbar mit der heiligen Kirche.

Ein Tag des innigsten Dankes fÜr die Gnade der heiligen Taufe und des heiligen Glaubens. Ein Tag, an dem wir unsern heiligen Glauben, den der Herr

278 Die Zeit nach Pfingsten: Zwölfte Woche.

u'ns aus freier Gnade geschenkt, liebend neu ergreifen und bej ahen, in der Gemeinscha ft der heiligen Kirche.

Als wir erstmals zur Mutter Kirche kamen, wurden wir von ihr gefragt: "Was begehrest du von der Kirche Gottes?" Und wir antworteten: "Den Glauben." "Was soll dir denn der Glaube geben?" fragte die Kirche weiter. Und wir antworteten:

"Das ewige Leben." "Wenn du also zum Leben eingehen willst, dann halte die Gebote. Du sollst den Herrn deinen Gott heben aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen GemÜte. So dann deinen Nächsteil wie dich selbst."

Gebet.

Lobpreisen will ich Dich, 0 Herr, Du hast mich aufgenommen. Du ließest meine Feinde nicht triumphieren über mich. 0 I-lerr, ich schrie zu Dir, und Du hast mich geheilt (Offertorium). Ja, Herr, Du holtest meine Seele aus den Tiefen des Verderbens, Du hast mich errettet, sonst wäre ich zu Grunde gegangen. Singt Ihm, dem Herrn, ihr Frommen, und preiset Seinen heiligen Namen (Ps. 29, 2 ff.).

Donnerstag der zwölften Woche nach Pfingsten.

Uns erG lau b e.

1. "Vor allem habe ich euch belehrt, daß Christus fÜr unsere SÜnden gestorben ist; daß Er begraben wurde, daß Er am dritten Tage wieder auferstand, gemäß der Schrift, und daß Er dem Petrus und andern erschien, zuletzt auch mir (Paulus)" (Epistel). Das ist die apostolische Predigt: einfach, kräftig, klar. Der Kernpunkt, um den sich alles dreht, ist die Tatsache, daß J esus, der Menschensohn, der Sohn Gottes ist und daß er zu unserer Erlösung und Heiligung auf die Erde geschickt und hingeopfert wurde.

Donnerstag: Unser Glaube.

279

2 ... \Ver an den Sohn glaubt, der hat rias ewige Leben. Wer aber dem Sohne nicht glaubt, wird das Leben nicht schauen, vielmehr wird der Zorn Gottes auf ihm bleiben" (Joh. 3,36). Gottes Zorn bleibt schon in diesem Leben auf dem, der nicht an Seinen Sohn, an Jesus, glaubL So hoch steht in den Augen Gottes der Glaube an Seinen Sohn. "So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß Er Seinen eingeborenen Sohn dahingab." \iVozu? "Damit alle, die an Ihn glauben, nicht verloren gehen. sondern das ewige Leben haben." Wie zur Erklärung fÜgt der Evangelist hinzu: "Gott hat Seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit Er die Welt richte (verdamme). sondern damit die Welt durch Thn gerettet werde. Wer an Ihn glaubt, wird nicht gerirh. let (verdammt), wer aber nicht an Ihn glaubt, der ist schon gerichtet, weil er nicht an den Sohn Gottes geglaubt hat" (Joh. 3, r6 ff.). Er ist o-chon gerichtet, verdammt. Er wird vergebens suchen, seine Seele zu retten, wenn er nicht an Jesus, den Sohn Gottes, glaubt. So ist es klar: die erste Voraussetzung, um am göttlichen Leben teilzuhaben und das Heil zu erlangen, ist der Glaube an den Gottessohn. der für uns Mensch geworden ist, der für uns gestorben und von den Toten auferstanden ist. Dreimal hat der Vater die Menschen .Seine Stimme hören lassen. Jeclesmal verkÜndete sie ihnen, daß Jesus Sein Sohn 'ei, der Gegenstand Seines Wohlgefallens und Seiner Freude: "Dieser ist Mein geliebter Sohn. Ihn sollt ihr hören" (Matth. 3, 17; 17, 5). Das ist das Zeugnis. das der Vater Seinem Sohne vor den Menschen glbt, auf daß sie an Ihn glauben. Zur Bekräftigung dieses Zeugnisses hat der Vater dem Menschen Christus die Macht Über die Elemente, über die Krankheiten und Über den Tod gegeben und Ihn am dritten Tage YOIl den Toten auferweckt. Wer dieses Zeugnis annimmt und an J esus als den Sohn Gottes glaubt, der hat das ewige Leben (J oh. 6, 40). Die gesamte geoffenbarte Wahrheit ist in

280 Die Zeit nach Pfingsten: Zwölfte Woche.

dem Zeugnis des Vaters enthalten: "Dieser ist Mein geliebter Sohn." Ebenso ist unser ganzer Glaube zuletzt darin enthalten, daß wir dieses Zeugnis des Vaters annehmen. Glauben wir an J esus, den Sohn Gottes, für uns Mensch geworden, dann glaubet!- wir zugleich an die gesamte Offenbarung des Alten und des N euen Testamentes, an die ganze Lehre der Apostel und der Kirche. Diese ist ja nichts anderes als die Entfaltung des Zeugnisses des Vaters: "Dieser ist Mein geliebter Sohn." So ist es die lebendige überzeugung von der Gottheit J esu Christi, welche die Grundlage unseres gesamten übernatÜrlichen Lebens bildet. Auf dieser Grundlage ruhte das Leben der ersten christlichen Jahrhunderte. Darum ist ihr Christentum, ihre Frömmigkeit so tief, so stark, so männlich und geistig.

"Wenn wir das Zeugnis der Menschen an n e h m e n, so steht das Zeugnis Gottes noch höher. Und das ist das Zeugnis Gottes: Er hat Zeugnis abgelegt von Seinem Sohn. Wer an den Sohn Gottes glaubt, der hat das Zeugnis Gottes in sich. Wer Gott nicht glaubt, der macht Ihn zum Lügner: denn er glaubt nicht an das Zeugnis, das Gott für Seinen Sohn abgelegt hat" (I Joh. 5,9 ff.), "Dieses Zeugnis Gottes besagt: Gott hat uns das ewige Leben gegeben, und dieses Leben ist in Seinem Sohne. Wer den Sohn hat, hat das Leben" (ebd. 5, II). "Das Leben." Das Leben des Vaters besteht darin, daß Er in einem einzigen, ewigen Akt Seinen Sohn zeugt und Ihm die Fülle Seines Seins und Seiner Vollkommenheiten mitteilL Wodurch? Dadurch, daß der Vater sich selbst, Sein Wesen und Sein, in diesem einzigen, ewigen Worte aussprichL Jenes Zeugnis, das der Vater der Welt kundtut, da Er ihr verki.ll1det: "Dieser ist Meih geliebter Sohn", ist nur der hörbare Widerhall, die hörbare Aussprache jenes innergöttlichen Wortes: "Mein Sohn bist Du, heute habe Ich Dich gezeugt" (Ps. 2,_ 7). "Wer an den Sohn Gottes glaubt, der hat das Zeug-

Donnerstag: Unser Glaube.

281

nis Gottes in sich." Wenn wir das Zeugnis des Vaters annehmen; wenn wir glauben und bekennen: das Kind in der Krippe, der Jüngling in der Werkstätte zu N azareth, der Mann der Schmerzen, den sie verurteilen, geißeln, mit Dornen krönen, kreuzigen, ist der SohnGottes. Wenn wir vor der heiligen Eucharistie das Knie beugen und glauben: Hier ist der Sohn Gottes mit Leib und Seele, mit Gottheit und Menschheit; wenn wir mit Petrus zu J esus kommen und anbeten: "Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes" (Matth. I6, 16); wenn wir Jesus alle unsere Liebe schenken, unsere Dienste und Kräfte weIhendann ist unser Leben ein Widerhall, ein Fortschwingen des Lebens des Vaters geworden, der in einem ewigen Worte Seinen Sohn "spricht"; dann schließen wir uns dem Leben des Vaters an, besitzen lind leben es mit, "Wer an (Jesus) den Sohn Gottes glaubt, der hat das Zeugnis Gottes", und im Zeugnis das Leben Gottes in sich, durch das der Vater Seinen Sohn spricht.

3. Die Kirche glaubt. Ihr ganzes Wesen und Leben ist ein "Ich glaube an Jesus Christus, den eingeborenen Sohn Gottes, empfangen vom Heiligen Geist, geboren aus Maria der Jungfrau, gelitten, gekrel!zigt, gestorben, begraben, von den Toten auferstanden." Sie hat das Zeugnis Gottes in sich. Wir stehen zu ihr und zu ihrem Glauben an J esus, den Sohn Gottes, für uns Mensch geworden.

Das Christentum ist das gläubige Ja an Jesus, den Sohn Gottes, für uns Mensch geworden, und zu all dem, was sich für uns aus der Tatsache der Gottheit Christi ergibt. Ein ganzes Ja zur Lehre Jesu, zu Seinem Beispiel, zu Seiner Kirche. Je mehr wir von dem Glauben an J esus, den wahren Sohn Gottes, erfÜllt sind, um so mehr wir·d in uns das Reich, das Leben Gottes und der Heiligkeit begründet sein. Die tiefinnerste überzeugung, daß J esus Gott ist und daß Er uns gegeben ist, enthält in sich

282 Die Zeit nach Pfingsten: Zwölfte Woche.

unser gesamtes geistliches Leben. Sie versenkt uns in die innigste Anbetung und Hingabe an Ihn und an Seinen heiligen Willen.

Ob wir heute nicht doch den Akzent zu wenig auf die apostolische Predigt legen und dafÜr Wahrheiten und Gedanken herausstellen und betonen, die wahr und gut sind, aber doch nUr immer an ihrem Platze, in der richtigen Unterordnung unter die Grundwahrheit : J esus Christus, der Sohn Gottes? Ob wir uns nicht enger an die betende Kirche anzuschließen hätten? Diente dieser Anschluß nicht sehr der so notwendigen Einheit in den Dingen de~ geistlichen Lebens?

Ge b et.

Allmächtiger ewiger Gott, Du gibst im Übermaße Deiner Liebe den Flehenden mehr, als sie verdienen. und mehr, als sie erbitten. So gieße denn Deine Barmherzigkeit Über uns aus. Nimm weg, was das Gewissen bangen macht, und schenke, was das Gebet nicht zu erbitten wagt. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Freitag der zwölften Woche nach Pfingsten.

Mac h t der G li ade.

1. Die Liturgie der zwölften Woche nach Pfingsten beleuchtet die Heilung des Taubstummen mit dem Hinweis auf den Apostel Paulus. "Zuletzt von allen erschien (der Auferstandene) auch mir, einer unzeitigen Geburt. Denn ich bin der Geringste unter den Aposteln, nicht wert, Apostel zu heißen, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe. Aber durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin, und Seine Gnade ist in mir nicht unwirksam geblieben: im Gegenteil, ich habe mehr gearbeitet als alle andern (Apostel); das heißt, nicht ich, sondern die Gnade Gottes mit mir" (Epistel). In der Begegnung mit Christus, da Saulus wutschnaubend gen Damaskus kam, die Kirche

Freitag-: Macht der Gnade.

Christi zu vernichten, erhielt er durch das Erbarmen und die Macht des Herrn das neue innere Ohr eingesetzt: er lernte Jesus verstehen. Und von nun an "redete er recht": er verkündigt J esus, den Gekreuzigten, den Juden ein Argernis, den Heiden eine Torheit, denen aber, die glauben, Gottes Kraft und Gottes Weisheit" (I Kor. 1,23).

2. "D u r c h die G n ade Go t t e s bin ich, was ich bin." Paulus, das Wunder der Gnade Gottes. Wer denkt weniger daran, sich Christo anzuschließen, als Saulus auf seinem Gang nach Damaskus? Wer ist, menschlich gesprochen, weniger auf den Einbruch der Gnade in die Seele vorbereitet und eingestellt als Paulus. Er hat etwas ganz anderes im Sinn. Und im Herzen lodert der Haß gegen den Galiläer in hellen Flammen auf. Eben da, wo Saulus am wenigsten daran denkt, steigt das Erbarmen des Herrn auf ihn herab. Die Gnade wirft ihn zu Boden. Sie macht ihn für die bisherigen Gedanken, Auffassungen, Lebensanschauungen und Ziele taub und stumm. Saulus bricht mit seiner Vergangenheit vollkommen. In den drei Tagen der Stille und Ruhe in Damaskus wird aus Saulus der Paulus. Er wird getauf 1. "Tue dich auf!" Sein Inneres tut sich auf fÜr das Licht, fÜr die Erkenntnis, für die Wahrheit Christi. Begierig lauscht er dem, was die Gnade ihm zuflüsterL Dann löst ihm der Herr die Zunge, und er predigt Christus, den Gekreuzigten, den Auferstandenen. Er pre.digt das Erbarmen Gottes, die Gnade, die ihm geworden. "Durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin." Er überläßt sich 111 allem dem Zug und Drang der Gnade, die zu ihm redet, und arbeitet mehr als alle andern Apostel und JÜnger des Herrn - die Gnade mit ihm. "Die Gnade Gottes ist in mir nicht unwirksam geblieben." Wir staunen ob dieses Wunders der Gnade, ob der Macht des Herrn, der den Tauben das Gehör, den Stummen die Sprache gibt. Wir bekennen zusammen mit Paulus, dem Apostel der Gnade: "Vom Herrn wurde mir Hilfe. Auf-

284 Die Zeit nach Pfingsten: Zwölfte Woche.

blÜhte wieder mein Fleisch. Drum WIll Ich Ihn preisen aus ganzer Seele." Wie ist der Herr gut, wie ist Er mächtig! "Gott, Du gibst im übermaße Deiner Liebe den Flehenden mehr, als sie verdienen, und mehr, als sie erbitten." Saulus hat nicht ZUlP Herrn gebetet: und der Herr gab ihm, im übermaß der Liebe, so starke, reiche Gnade.

"U n d Sei n e G na dei s tin mir ni c h t u nwir k sam ge bl i e ben: im Gegenteil, ich habe mehr gearbeitet als die andern (Apostel); das heißt, nicht ich, sondern die Gnade Gottes mit mir". Kaum getwft, eilt er in die Synagoge von Damaskus und predigt den Juden Christus, den er eben noch verfolgt hat. Er scheut sich nicht, für Christus einzutreten, auch vor denen, die ihn kannten, die ihn in Damaskus erwartet hatten, um ihm die ihnen bekannten Christen auszuliefern, auf daß er sie gefangen nach J erusalem fÜhre. Was werden sie von ihm denken? Paulus hört auf solche Gedanken nicht. Die Gnade arbeitet in ihm. Sie drängt ihn, sein ganzes \\lissen und Können fÜr Christus einzusetzen. Sie drängt ihn, dreimal die weiten, beschwerlichen Missionsreisen nach Kleinasien und Griechenland zu unternehmen. Sie drängt ihn, fÜr die Sache des Herrn alles zu dulden und zu leiden, Hunger und Durst, Kälte und Blöße, Kerker und Rutenstreiche. Dreimal leidet er Schiffbruch, einen ganzen Tag und eine ganze Nacht treibt er auf hoher· See umher, j eden Augenblick in Gefahr, in den Wassern umzukommen. Allüberall Verfolgungen durch die Juden, durch die Heiden, in den Städten, auf dem Lande (2 Kor. 11, 23 ff.). Die Gnade drängt ihn, sich in Liebe um die Kirchen und Gemeinden anzunehmen, die er gegründet. Er belehrt sie, er mahnt sie, er tröstet sie in seinen unsterblichen Briefen. Er eifert für sie "mit göttlicher Eifersucht, denn er hat sie ein e m Manne verlobt, um sie als reine Jungfrauen Christus zUlmführen" (2 Kor. II, 2). "Wer wird schwach, ohne daß ich schwach werde?

Freitag: Macht der Gnade.

Wer nimmt AnstoU, ohne daß ich entbrenne?" (2 Kor. II, 29.) In der Tat: Paulus hat mehr für den Herrn gearbeitet als alle andern. "Aber", so korrigiert er sich selbst, "nicht ich, sondern die Gnade Gottes mit mir". Paulus ist ganz abhängig von der Gnade. Er ist nur Werkzeug. Die Gnade Gottes tut es. "Gott, der in Seinem Heiligtum wohnt, Er ist's, der Seinem Volke Kraft und Stärke gibt" (Introitus). Der Herr ist's, der "im übermaße Seiner Liebe den Flehenden mehr gibt als sie verdienen, und mehr als sie erbitten". Er ist's, der "in uns das Wollen und das Vollbringen wirkt" (Phil. 2, 13). Was Paulus ist, ist er durch die Gnade, die ihm vor Damaskus, ohne sein Verdienst, ohne sein Gebet, ohne daß

. er danach verlangt hätte, zuvorgekommen ist und sich in ihm wirksam erwiesen hat! Was kann der Mensch, der sich ganz dem Zug und Drang der in ihm wirkenden Gnade hingibt?

3· In Saulus - Paulus erkennen wir uns selber.

Aus uns sind wir Saulus. Die Gnade macht uns zu Paulus aus reinem Erbarmen· Gottes. "Mein Fleisch blüht wieder auf." Wir kommen zur Mitfeier der heiligen Messe, zum Empfang der heiligen Kommunion. Da lebt unser Fleisch wieder auf, in der Berührung mit dem Fleisch, mit der allmächtigen Bad des Herrn, die den Tauben das Gehör, den Stummen die Sprache gibt. Lobpreisen will ich Dich, 0 Herr, Du hast mich aufgenommen.

"Durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin."

Könnten wir nur auch in Wahrheit mit Paulus sagen: "Und Seine Gnade ist in mir nicht unwirksam geblieben."

GebeL

Allmächtiger ewiger Gott, Du gibst im übermaße Deiner Liebe den Flehenden mehr, als sie verdienen, und mehr, als sie erbitten. So gieße denn Deine Barmherzigkeit über uns aus. Nimm weg, was das Gewissen bangen macht, und schenke, was das Gebet

286 Die Zeit nach Pfingsten: Zwölfte Woche.

nicht zu erbitten :\yagt. Durch Christus unsern Herrn. Amen

Samstag der zwölften Woche nach Pfingsten.

"Mein Fleisch blüht auf."

1. "Ich weise euch auf das Evangelium hin, das ich euch gepredigt habe: daß Christus für unsere SÜnden gestorben ist und daß Er am dritten Tage auferstand" (Epistel). Die Kirche wird nicht müde, diese Botschaft zu verkÜndigen, mit Worten und in ihrem liturgischen Tun und Opfern: es ist die Botschaft des Lebens fÜr alle, die in der heiligen Taufe und in der Feier der heiligen Messe mit Christus sterben.

2. pM ein F lei sc h bl Ü h tau f. Darum werde Ich Ihn aus ganzer Seele preisen" (Graduale). Ein sieghaftes, dankerfülltes Osterlied, so wie es sich für den Sonntag des Christen geziemL Ist ihm ja jeder Sonntag ein heiliges Ostern. Jeden Sonntag wird es ihm durch die heilige Liturgie der Messe neu und tiefer zum Bewußtsein gebracht, daß er das Leben besitzt, weil er es in dem Tod mit Christus dem Herrn hingegeben hat. Die Feier der heiligen Messe ist ihm eine Erneuerung und Fortführung seiner Taufe, da er "in Seinen Tod hineingetaucht wurde". 'Wir wurden, so lehrt uns der Apostel, durch die Taufe mit Ihm begraben, damit wir mit Christus in einem neuen Leben wandeln. Unser alter Mensch wurde mitgekreuzigt, damit der sÜndige Leib vernichtet werde und wir nicht mehr der Sünde dienen. Wir betrachten uns als solche, die der Sünde gestorben sind" (Röm. 6, 3 ff.). Christus ist auferstanden. Christus lebt. Deshalb leben auch wir, die Glieder Christi, die Zweige am Weinstock, weil wir mit Ihm gestorben sind. Wir leben das Leben des Auferstandenen mit. "Mein Fleisch blÜht auf." Erst tief gedemÜtigt unter dem Fluch und der Knechtschaft der SÜnde und der Lüste des Fleisches,

Samstag: "Mein Fleisch blüht auf" 287

ist es in der heiligen Taufe durch die Kraft des Herrn zu einem Gefäß des göttlichen Lebens umgestaltet worden. "Ephphetha - tue dich auf!" Zweig des Weinstockes Christus, von des Auferstandenen Kraft und Stärke geschwellt, trotzt der wahre Christ den Anstürmen des Versuchers. den Lockungen des Fleisches und der W elLEr erhebt seine Gedanken und sein Herz zu Gott, zu Ch ristus, um sein Inneres fortwährend mit göttlicher Lebenskraft zu erfÜllen und immer vollkommener der auferstandene, der geistige, christusdurchlebte Mensch zn werden, der aus der reichen Fülle seiner Gottund Christusverbundenheit auch über die andern Licht, Kraft und Segen ausgießL "Mein Fleisch blÜht auf" im gnadenvollen Besitz des Lebens der Gotteskindschaft, der christlichen Tugend und Gottverbundenheit! "Darum will ich Ihn aus ganzer Seele preisen." Er ist es ja, "der Seinem Volke Kraft und Stärke gibt" (Introitus), in "Seinem Hause, in dem Er sie einmütig wohnen läßt", in der Liebesgemeinschaft der heiligen Kirche!

"D u gib s tim Übe r maß Dei n e r L i e b e den Flehenden mehr, als sie verdienen, und mehr, als sie erbitten." Sie bringen einen Taubstummen zum Herrn und bitten Ihn, Er möge ihm die Hände auflegen. Und der Herr tut mehr, als sie zu bitten wagen. Er legt dem Armen die Finger in die Ohren und berührt seine Zunge mit Speichel und spricht das Machtwort: "Ephphetha - tue dich auf!" Das ist das Übermaß Seiner Liebe. Wohlmeinende Herzen und Hände brachten uns, kaum daß wir geboren waren, zum Herrn und baten, Er möge uns dem Tode der Sünde entreißen. Und Er nahm uns auf, wusch im Bade der Wiedergeburt unsere Seele von der Sünde rein. Aber das genügte Seiner Liebe nicht. Er erfüllte uns mit Seinem Leben, dem unsterblichen Leben des Auferstandenen, und legte damit in unsere Seele und sogar in unser armes Fleisch das Samenkorn der einstigen Auferstehung und

288 Die Zeit nach Pfingsten: Zwölfte Woche.

seligen Verklärung, der überfülle des Glückes in Gott, des ewigen Ostern. "Es blüht mein Fleisch auf." "Ich sterbe nicht, ich werde leben" (Ps. II 7, 17). "Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es vernommen und in keines Menschen Herz ist· eine Ahnung von dem aufgestiegen, was Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben" (I Kor. 2, 9), schon jetzt auf Erden und dereinst im Lande der Verheißung. "Gott, Du gibst im übermaße Deiner Liebe den Flehenden mehr, als sie verdienen, und mehr, als sie erbitten." "Alleluj a, alleluj a. Gott, unserem Helfer, jauchzet zu, dem Gotte Jakobs jubelt. Hebt an den sÜßen Psalm mit Saitenspiel. Alleluja!"

3. Die Auferstehung des Herrn, Ostern, steht im Mittelpunkt des christlichen Glaubens und Lebens. Sie ist der Quell des göttlichen, unsterblichen Lebens der Getauften. Ein unversiegbarer, unerschöpflicher Quell! "Ich weise euch auf das Evangelium hin, das ich euch gepredigt habe, daß Christus für unsere Sünden gestorben ist und daß Er am dritten Tage auferstand" (Epistel). "Ich lebe, und auch ihr werdet leben" (Joh. 14, 19). Wir glauben. Wir halten zum Auferstandenen,

"Christus ist fÜr unsere SÜnden gestorben und von den Toten auferstanden." Diese Botschaft verkündet uns die Kirche in der Feier der heiligen Messe. Die Feier des eucharistischen Opfers ist ja nichts anderes als die eindringliche Verkündigung des Todes und der Auferstehung des Herrn. Er lebt. Wir tauchen in Seinen Tod unter und gelangen zur Teilnahme an Seinem Leben. Hier erfahren wir es, wie Er "Seinem Volke Kraft und Stärke g-ibt". Hier sind wir an der Quelle. Hier werden wir geheilt und "an Seele und Leib gekräftigt" (Postcommunio).

In der Feier der heiligen Messe ehren wir den Herrn mit unserer Habe und mit den Erstlingen unserer Früchte (Communio): wir geben alles hin und legen es als Opfergabe auf den Altar. Alles, ohne Vorbehalt. Ein heiliges Sterben! "Dann werden

Samstag: "Mein Fleisch blüht auf." 289

sich deine Scheunen mit Überfluß fÜllen und deine Keltern überfließen von Wein." Reichstes Lebenl Christus lebt - auch wir werd.en leben, weil wir und soweit wir mit Ihm, opfernd, entsagend, liebend, gestorben sind.

Gebet.

Allmächtiger ewiger Gott, Du gibst im Übermaße Deiner Liebe den Flehenden mehr, als sie verdienen, und mehr, als sie erbitten. So gieße denn über uns Deine Barmherzigkeit aus. Nimm weg, was das Gewissen bangen macht, und schenk, was das Gebet nicht zu bitten wagt. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Die liturgische Meßfeier des zwölften Sonntags nach Pfingsten.

1. "Selig die Augen, die sehen. was ihr sehet; denn ich sage euch: Viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr seht. und haben es nicht gesehen, und hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört." Hier die Menschheit des NeueIl Bundes, wir Christen, die wir heute zur Opferfeier gekommen sind: "Selig die Augen, die sehen, was ihr seht!" Dort die "vielen Propheten und Könige", die Menschheit des Alten Bundes, die Menschen der Zeit vor und ohne. Christus. So stellt uns die Liturgie des heutigen Sonntags wieder in den Glanz des Ostergeheimnisses hinein: sie enthüllt uns das Glück, der Zugehörigkeit zu Christus und Seinem Reich, das uns in der heiligen Taufe geworden, und erinnert uns an die Pflichten, die wir in dem Empfang der heiligen Taufe auf uns genommen.

2. In der heiligen Osternacht haben wir im Sakramente der Wiedergeburt den Weg zu Christm gefunden und die ersten Anfänge des Lebens erhalten, das in der Gemeinschaft mit Christus begründet ist. Es ist zunächst nur ein Samenkorn das sich langsam entwickeln und ausreifen soll Diesem Leben drohen Gefahren, Schwierigkeiten vor außen und von innen hemmen seine Entwicklung und bedrohen seinen Bestand. Aus diesem Bewlllk sein heraus flehen wir heute im Einzugslied urr Hilfe von oben: "Herr, hab' acht, sende mir Hilie Herr, eile mir zu helfen, beschämt werden solleT meine Feinde, die mi r nach dem Leben (der Gnade: trachten" (Introitus). Im "Kyrie eleison" setzen wil diesen Flehruf fort. "Gib uns, daß wir ohne Hemm· nis den Verheißungen, die uns durch die heiligt

Die liturg. Meßfeier d. 12. Sonntags n. Pfingsten. 291 Taufe und in der Zugehörigkeit zu Christus und Seiner Kirche geworden sind, zueilen."

Was hat uns die heilige Taufe in der Lebensgemeinschaft mit Christus Großes gebracht! Das Alte Testament war ein "Dienst des Todes und der Verdammnis", da es wohl den Tod, d. i. die SÜnde, zeigte und zum Bewußtsein brachte und Strafurteile über Sünde und Sünder fä.llte. Aber "den Geist", das Übernatürliche Leben der Gnade konnte es am sich nicht geben! Anders der Neue Bund, der Bund des leben schaffenden, d. h. gnadenwirkenden Geistes, der Bund der innern Rechtfertigung der Seele vor Gott. Diesem Bund sind wir eingegliedert worden. Dafür "will ich den Herrn lobpreisen" (Graduale). Hier wird dem durch die SÜnde verwundeten, zum Tode gequälten Menschen das Leben geschenkt. Der Alte Bund geht an dem Verwundeten ohnmächtig vorüber. Da kommt Christus, der Neue Bund, der barmherzige Samaritan. Er gießt 01 und Wein in die Wunden (Taufe und Eucharistie), bringt den Halbtoten in die Herberge der Kirche und sorgt für ihn, so daß er das volle, gesunde Leben wieder findet (Evangelium).

3. Das Gleichnis vom barmherzigen Samaritan ist an uns, den Kinder der Kirche, des Neuen Buncles, Wahrheit ge orden. Wir selbst sind der Wanderer, der unter die Räuber gefallen ist, den Christus mitleidsvoll ngesehen und in dem heiligen Sakrament der Taufe in die Kirche aufgenommen hat. Dankbar antwor en wir auf die Worte des Evangeliums mit unserem "J eh glaube an ein e heilige, katholische Kirche, ich glaube an ein e Taufe". Als der barmherzige Samaritan erscheint Christus in der Opferfeier der heiligen 1\1 esse persönl ich in unserer Mitte, um an uns Sein Werk der Heilung und der LebensmItteilung weiterzufÜhren, der Vollendung entgegen. Ein zweiter M oses tritt Er flehend vor Gott hin (Offertorium) und bietet zugleich mit Seinem Flehen Sein eigenes Fleisch

19*

292 Die Zeit nach Pfingsten: Dreizehnte Woche.

und Blut, Sein Herz, sich selbst dem Vater als Opfergabe an. Wir dÜrfen Ihn als unsere eigene Opfergabe in die Hände nehmen und durch den geweihten Priester opfernd Gott darbringen. "S.elig die Augen, die sehen, was ihr seht", und die Hände, die opfern, was ihr opfert! Wie viel höher steht ChrIstus opfernd und betend über Moses, dem Mittler des Alten Bundes! Wie viel höher steht unser Opfer, das Opfer der Getauften, Über den Opfern der Zeiten vor und ohne Christus! "Selig- die Augen, die sehen, was ihr sehL" "Von der Frucht Deiner Werke" (des eucharistischen Opfers) wird die Erde (die Seele der Mitopfernden) gesättigt" in der heiligen Kommunion. Da ist Christus in der vollendetsten Hingabe der barmherzige Samaritall, Liebe im Herzen, Wein und öl in der Hand. "Wein erfreut das Herz, öl erfrischt das Angesicht und Brot macht stark" (Communio). Da gießt Er neues Leben in unsere Seele, Leben von Seinem Leben, Geist von Seinem Geist, Liebe von Seiner Liebe. Als "barmherzige Samaritane" steigen wir von der Opferfeier und vom Opfermahle in den Alltag hinab, um Christi Wort zu erfüllen: "Gehe hin und tue desgleichen!"

Zwölfter Sonntag nach Pfingsten.

Der bar m her z i g e Sam a r i t a n.

1. Wieder sollen wir uns von dem Glauben an die Herrlichkeit und Erhabenheit dessen durchdringen lassen, was uns' durch Christus, den barmherzigen Samaritan, in der heiligen Kirche zuteil geworden isL "Selig die Augen, die sehen, was ihr seht!"

2. "I c h sag e eu c h: Vi eIe Pro p h e t e nun d K ö ni g e (des Alten Bundes) wollten sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört" (Evangelium). Sie hatten die Beschneidung, sie hatten das

Sonntag: Der barmherzige Samaritan. 293

Gesetz des Moses, den Tempel, das tägliche Opfer in Jerusalem, die Psalmen, die heiligen Bücher; sie gehörten zum Volk Gottes, genossen den besondern Schutz Gottes. Und doch: sie wollten sehen und hören, was wir, die Getauften, die Kinder der Kirche des N euen Bundes, sehen und hören: Christus. Es war ihnen nicht vergönnt. Der Alte Bund konnte mit seinem Gesetz, seiner Lehre und seinem Kult die Menschheit nicht erlösen. "Ein Mann ging von'

. J erusalem nach J ericho und fiel unter die Räuber.

Diese plÜnderten ihn aus, schlugen ihn wund, gingen hinweg und ließen ihn halbtot liegen. Da traf es sich, daß ein Priester denselben Weg hinabzog : er sah ihn und ging vorüber. Desgleichen kam ein Levit vorbei, sah ihn und ging weiter" (Evangelium). Ein Bild der armen, unerlösten Menschheit, vom Teufel ausgeplündert und halb totgeschlagen. Ein Bild auch des Alten Testamentes, das in seinem Priestertum und Levitentum außerstande ist, die sündige Menschheit zu retten. Es enthält Gesetze, es schreibt Opfer und Gebete vor, die Beobachtung von "Tagen, Monaten, Festzeiten und Jahren" (Gal. 4, 10); es legt eine Fülle von Reinigungen, Enthaltungen und Bußen auf: aber es kann den UnglÜcklichen, der unter die Räuber gefallen war, nicht retten. Es verfügt ja nur über "kraftlose und armselige Elemente", welche das wahre übernatÜrliche Leben nicht geben können. Es ist ein "Dienst des Todes", unfähig, das Leben der Gnade zu vermitteln. "Selig also die Augen, die sehen, was ihr seht." Selig wir, die wir dem Neuen Bunde, dem Bunde der Gnade, angehören. "Allzeit will ich den Herrn dafür lobpreisen. Stets sei in meinem M undc Sein Lob. Im Herrn will ich mich rühmen" (Graduale).

"S e I i g die A u gen, die s ehe n, \V a S 1 h r se h 1." Das Priestertum und das Levitentum des Alten Bundes gehen an dem unter die Räuber Gefallenen vorbei. Sie können ihm ja nicht helfen.

294 Die Zeit nach Pfingsten: Dre;zehnte Woche. "Ein reisender Samaritan aber, der in seme Nähe kam, sah ihn und ward von Mitleid gerührt. Er trat zu ihm hin, goß 01 und Wein in seine Wunden und verband sie. Dann hab er ihn auf sein Lasttier, brachte ihn in die Herberge und pflegte ihn" (Evangelium). Der barmherzige Samaritan ist niemand anders als Christus, der Herr. Als barmherziger Samantan stieg Gottes Sohn von den Höhen des Himmels hernieder, um sich der armen, verlorenen Menschheit anzunehmen. Täglich neigt Er sich erbarmend zu uns, um in den heil igen Sakramenten unsere Wunden zu heilen und uns das Leben zu schenken. Er gießt 01 (Taufe) und Wein (Eucharistie) in unsere Wunden und übergibt uns der Mutter Kirche mit dem Auftrage, daß sie für uns Sorge trage, bis Er wiederkommt (im Tode; am Jüngsten Tage). Ihn haben die Propheten und Könige des Alten Bundes, Ihn hat die Menschheit ohne Christus und außer Christus ersehnt. Er kommt und gründet den Bund der Herrlichkeit. Der Dienst dieses Bundes ist "ein Dienst, der zur Rechtfertigung führt" (Epistel). Nur in Christus und Seiner Kirche ist das Heil. Uns ist es gegeben, den bannherZIgen Samaritan, Christus, das Heil, das Leben, "zu sehen und zu hören". Zu uns läßt Er sich herab in den heiligen Sakramenten der Taufe, der Buße, vor allem im Sakrament der heiligen Eucharistie. Uns ist Er nahe als der Weinstock in den Zweigen, als das Haupt in den Gliedern, die Er mIt Seinem Leben erfüllt! "Selig die Augen, die sehen, was ihr seht": Christus, dem wir durch die heil ige Taufe und die heilige Eucharistie lebendig verbunden sind! "Allzeit will ich den Herrn lobpreisen, stets sei in meinem Munde Sein Lob. Im Herrn will ich mich rühmen" (Graduale).

3· "Selig die Augen, die sehen, was ihr seht, und die Ohren, die hören, was ihr hört!" Christus, den heilenden und lebenspendenden Samaritan. Wir sehen Ihn in Seinen Stellvertretern, dem Papste, den Bi-

Montag: Der barmherzige Samaritan. 295

schöfen, den Priestern. "Wie M ich der Vater gesandt hat, so sende Ich euch" (Joh. 20, 21). "Wer euch hört, hört M ich. Wer euch verachtet, verachtet M ich. Wer aber M ich verachtet, der verachtet den, der Mich gesandt hat" (Luk. ro, r6). Der katholische Priester ist uns auf Grund seiner heiligen Weihe ein anderer Christus.

"Er hat uns befähigt, Diener des N euel1 Bunde~ zu sein. Wenn nun schon der Dienst des Todes, des Alten Bundes, mit solcher Herrlichkeit umkleidet war, daß die Söhne Israels dem Moses nicht ins Angesicht schauen konnten wegen des Glanzes auf seinem Antlitz, wie viel mehr l\luß dann nicht der Dienst des Geistes, das Priestertum des N euen Bundes, voll Herrlichkeit sein?" Es ist nicht eigentlich der Priester, der Über das Brot die Worte spricht: "Das ist Mein Leib": es ist Christus selber. Der Priester ist Ihm nur Werkzeug und Organ. Wir bleiben nicht beim Werkzeug stehen, wir sehen nicht das Werkzeug für sich, wir trennen es nicht von dem, dessen Werkzeug es ist: wir sehen, achten, hören, lieben im Priester Christus, den Herrn, den Hohenpriester!

Ge be t.

Allmächtiger und barmherziger Gott. Dein Gnadengeschenk ist es, wenn Deine Gläubigen Dir würdig und untadelig dienen. Wir bitten Dich daher, verleihe uns, daß wir Llnaufhaltsam Deinen Verheißungen entgegeneilen. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Montag der dreizehnten Woche nach Pfingsten.

Der bar m h e t z i g e Sam a r i t a n.

r. Ein Tag des lauten Rufens und Flehens: "Gott, merk' auf meine Hilfe; Herr, eile mir zu helfen." Das Rufen des unter die Räuber Gefallenen. Und ein Tag des 1I1nigen Dankens: "Allzeit will Ich den

296 Die Zeit nach Pfingsten: Dreizehnte Woche. Herrn lobpreisen, stets sei Sein Lob in meinem Munde" (Graduale). Der Dank an den barmherzigen Samaritan, Christus, der dem unter die Räuber Gefallenen das Leben zurÜckgibt.

2. "E i n Man n gin g von J e r usa I e m n!l c h Je r ich 0 und fiel unter die Räuber. Diese plünderten ihn aus, schlugen ihn wund, gingen hinweg und ließen ihn halbtot liegen" (Evangelium). Der Mensch, der von Jerusalem nach Jericho geht, ist Adam, der Vater und das Haupt unseres Geschlechtes. Er verläßt J erusalem, den Stand der Gnaden und Gaben des Paradieses, des kindlich-vertrauten Umganges mit Gott, und steigt nach J ericho hinab, in den Stand der gefallenen Natur. Die Räuber sind die Teufel, die ihn zur Sünde verführen, ihn der heiligmachenden Gnade, der Gotteskindschaft und der Übrigen Gaben des paradiesischen Lebens berauben. Selbst die im Paradies in allweg- geordnete und befriedete Natur gerät in Unfrieden und Unordnung. "Wenn ich das Gute tun will, liegt mir das Böse nahe. Dem innern Menschen nach habe ich zwar Freude am Gesetz (Gottes, des Geistes). Aber ich gewahre in meinen Gliedern ein anderes Gesetz, das dem Gesetz meines Geistes widerstreitet und mich unter dem Gesetz der SÜnde gefangen hält" (Röm. 7, 21 ff.). In Adam erkennen wir die gesamte Menschheit: wir alle sind in Adam von J erusalem nach J ericho gezogen und unter die Räuber gefallen. Wie viele von uns sind vom J erusalem des Kindesalters mit seiner Unschuld in das Jericho des Jünglingsalters und des Lebens hinausgezogen und sind unter die Räuber gefallen! Wie viele haben im Sakrament der heiligen Buße, in einer Volksmission, in Tagen der Einkehr den Weg in die heilige Stadt Jerusalem, in den Stand der Gotteskindschaft, zurückgefunden I Dann aber haben wir sie um eines weltlich-irdischen Interesses willen wieder verlassen. Wir zogen nach Jericho hinab und fielen unter die Räuber! Alle die vielen, die von J erusalem

Montag: Der barmherzige Samaritan. 297

nach ] ericho hinabziehen und unter die Räuber fallen, um die Unschuld, um den Glauben, um ihr inneres Glück, um Gott betrogen werden, schaut die heilige Liturgie, die Kirche. Sie fühlt mütterlich ihre Not mit und ruft in ihrem N amen zum Herrn empor: "Gott, merk' auf meine Hilfe; Herr, eile mir zu helfen. Zuschanden und beschämt w.erden sollen meine Feinde, die mir nach dem Leben trachten" (Introitus). Wir gehen in die Empfindungen der heiligen Liturgie ein und flehen, die innere Not unserer Brüder mitfÜhlend, aus ganzem Herzen:

Herr, erbarme Dich. Christus, erbarme Dich. Herr, erbarme Dich.

"D a t r a fes s ich, daß ein P r i e s t erd e nsei ben Weg hin a b zog." Dann ein Levit. Das Alte TestamenL Es war nicht fähig, den Halbtoten zu retten, und ging vorbei. "Ein Samaritan aber, der vorbeikam, sah ihn und ward von Mitleid gerÜhrt. Er trat zu ihm hin, goß 01 und Wein in seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Lasttier und brachte ihn in die Herberge." Der Samaritan ist Christus, der Herr. Das Lasttier ist die heilige Menschheit, die der Sohn Gottes angenommen. Auf dieses Lasttier legte er den Verwundeten, da Er in Seinem Fleische unsere Sünden trug, um sie am Kreuze zu tilgen. Das 01 und der Wein, die er in die Wunden goß, sind die heiligen Sakramente des N euen Bundes. Die Herberge ist die heilige Kirche. Der Samaritan kehrte in Seiner Himmelfahrt in den Himmel zurück. Er gibt der Kirche zwei Denare, die Lehre und die Sakramente, mit dem Auftrag, fÜr den Kranken Sorge zu tragen. "Selig die Augen, die sehen, was ihr seht!": das Erbarmen Gottes in der Menschwerdung des ewigen Wortes, in der Erlösung am Kreuz, in der Gründung der heiligen Kirche, in der Einsetzung der Hierarchie und der Sakramente der Kirche! Gott hat das Flehen der unter die Räuber gefallenen Mensc~heit angehört: "Gott, merk' auf meine Hilfe;

298 Die Zeit nach Pfingsten: Dreizehnte Woche. Herr, eile mir zu helfen. Zuschanden unp beschämt sollen werden meine Feinde, die mir nach dem Leben trachten, Zurückweichen und erröten sollen die mir Böses wÜnschen" (Introitus).

3· "Gott, merk' auf meine Hilfe; Herr, eile mir zu helfen!" Jetzt, wo Du in der Feier des heiligen Opfers hern·iedersteigst. Wir alle bluten aus brennenden Wunden, wir, die einzelnen. wir die Gesamtheit der Kinder Gottes, der Ki rche, der Menschheit! Steige hernieder und geh nicht an uns vorbei: "Erzeige uns Deine Barmherzigkeit und gib uns Dein Heil" (Staffelgebet), jetzt, in dieser heiligen Opferstunde. Sei der barmherzige Samaritan. "Zuschanden und beschämt werden sollen meine Feinde", die Feinde der Kirche, der Seele!

"Sehet zu, daß euch niemand irreführe. Denn viele werden unter Meinem N amen auftreten und sagen: Ich bin Christus (der Messias), und sie werden viele irrefÜhren. Ihr werdet von Kriegen und KriegsgerÜchten hören. Man wird euch der Drangsal überliefern und töten. Um Meines Namens willen werdet ihr von allen Völkern gehaßt sein. Da werden viele im Glauben irre werden, einander verraten und hassen. Falsche Propheten werden auftreten und viele verführen. Weil die Gottlosigkeit Überhand nimmt, wird die Liebe in vielen erkalten" (Matth. 24, 6 ff.). Wo ist Christus, der wahre Christus? Da, wo Er mit dem 01 und Wein in der Hand kommt, mit den Heilskräften der Taufe, der heiligen Eucharistie. An dem "barmherzigen Samaritan", an der tatkräftigen Liebe, die sich demutsvoll zu den Verblendeten, den Gefallenen, den SÜndern herabläßt, daran werden wir Ihn erkennen. Da, wo Er in die Herberge kommt, in die heilige Kirche, da finden wir Ihn'

Das Gottesreich, wie Christus es will und in die Welt gesetzt, ist Liebe und kommt auf dem Wege der Liebe, der erbarmenden, helfenden Liebe. Es trägt 01 und Wein mit sich. "Daran wird man er-

Dienstag: Erntesegen.

299

kennen, daß ihr Meine JÜnger seid, wenn ihr einander liebet" (Joh. 13, 35). Die Kirche ist Liebe. Sie ist die dauernde, sichtbare Erscheinung des in ihr wirkenden. heilenden, rettenden barmherzigen Samaritans. Sie ist Liebe, und zwar in den Belangen der unsterblichen Seele. Eine ~iebe, welche den Mitmenschen. den einzelnen, die Völker, die Gemeinschaft zu Gott fÜhrt. Dazu hat der Herr ihr die zwei Denare zurückgelassen: die Lehre und die Sakramente. und ihrem Herzen den Geist des barmherzigen Samaritans eingepflanzt. Und sie wird so viel mißverstanden. ihre Barmherzigkeit, ihre Liebe. ihr Wirken so sehr mißdeutet. Um so mehr bemühen wir uns. sie zu verstehen. und um so mehr halten wir uns an sie.

Gebet.

Allmächtiger und barmherziger Gott. Dein Gnadengeschenk ist es, wenn Deine Gläubigen Dir würdig und untadelig dienen. Wir bitten Dich daher, verleihe uns, daß wir unaufhaltsam Deinen Verheißungen entgegeneilen. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Dienstag der dreizehnten Woche nach Pfingsten.

Ern t e s e gen.

1. Als der barmherzige Samaritan steigt der Sohn Gottes in die Menschheit hernieder und träufelt Wein und 01 in ihre Wunden. Deutlich drückt die heilige Liturgie ihren Gedanken in den Worten aus, die den Empfang der heiligen Kommunion begleiten:

"Von der Frucht Deiner Werke, 0 Herr, wird satt die Erde. Du lässest Brot und Wein der Erde entsprießen, und des Menschen Herz erfreut der Wein. Das 01 gibt seinem Antlitz heiteres Leuchten, und Brot macht stark des Menschen Herz" (Communio).

2. "V 0 n der F ru c h t Dei n e r H ä n d e wir d s a t t die Erd e." Es ist Erntezeit. Im Namen

300 Die Zeit nach Pfingsten: Dreizehnte Woche.

der Menschheit sendet die Kirche in der Communio des heutigen Sonntags ihren Dank zum Himmel empor. Seine, Gottes Hände haben den Erntesegen gegeben: Brot und Wein und öl sind das Werk und die Gabe der Weisheit, Macht und Güte Gottes. "Alle Wesen harren Dein, daß Du ihnen Speise gebest zur rechten ZeiL Wo Du spendest, da sammeln sie. Du öffnest Deine Hand, und sie werden reichlich gesättigt" (Ps. 103, 27). "Die Augen aller warten Deiner, 0 Herr, zur rechten Zeit gibst Du ihnen Speise. Du öffnest Deine Hand und erfÜllst alles, was da lebt, mit Segen" (Ps. I44, 15). Jahr für Jahr gebietet der Herr der Natur, und sie bringt ihre Frucht hervor, die Nahrung für die unzähligen Lebewesen auf Erden. Das Wunderwerk der Erhaltung der Menschheit mittels der wenigen Samenkörner, die alljährlich in die Erde gesenkt werden! Das Wunderwerk der Weisheit, Macht und Liebe Gottes. Es steigt der barmherzige Samaritan jedes Jahr, täglich, stündlich, liebend zu unserer Gebrechlichkeit und zeitlichen Not herab, reicht uns das tägliche Brot und erhält uns das Leben. "Von der Frucht Deiner Hände wird satt die Erde." Wie viel haben wir zu danken!

"D u I ä s ses t B rot und We i n der Erd e e n t s p r i e ß e n, und des Menschen Herz erfreut das öl." Die Erde und ihre Frucht sind der Liturgie Symbol, Sinnbild. In der Erde, der Brot und Wein entsprießen, schaut die heilige Kirche die menschliche Natur des Gottessohnes Jesus Christus. Diese hochbegnadigte, in die innigste Gemeinschaft mit der Person des göttlichen Wortes aufgenommene menschliche Natur ist das fruchtbare Erdreich, dem die eucharistischen Gaben des Brotes und Weines entsprießen. In der Glut des Todesleidens am Kreuze sind die kostbare, übervolle Ähre und die große Traube ausgereift, aus denen das neue Geschlecht der Getauften die übernatürliche Nahrung gewinnen soll. "Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter

Dienstag: Erntesegen. 301

haben das Manna in /er Wüste gegessen und sind gestorben. Wer von diesem Brot ißt, wird in Ewigkeit leben. Das Brot aber, das Ich geben werde, ist Mein Fleisch fÜr das Leben der Welt. Wer Mein Fleisch ißt und Mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben" (Joh. 6, 49 ff.). Brot und Wein sind die Gaben des barmherzigen Samaritans. Sie wirken Heilung, sie wirken zugleich Kraft und Leben, ein Leben in freier, heiliger Harmonie von Geist und Natur, ein Leben der Heiligkeit, Gottgefälligkeit und Gerechtigkeit vor Gott. In der Kraft der heiligen Eucharistie werden wir mit dem heiligen OIe, d. i. mit dem Geiste des Herrn, mit dem Heiligen Geiste, gesalbt. Er ist Licht und Leben, Erkenntnis und Liebe, Glaube und Kraft. Er ist "das 01 der Freude" (Ps. 44, 8), das vor dem Tode bewahrt, das verwundete Leben wieder herstellt und die FÜlle der Heiligkeit über uns ausgießt. "Du lässest der Erde (der heiligen Menschheit Christi) Brot und Wein entsprießen, und des Menschen Herz erfreut der Wein" der heiligen Eucharistie. Alles unverdiente Liebe und Gnade des barmherzigen Samaritans!

3. "Von der Frucht Deiner Werke, 0 Herr, wird satt die Erde, die Menschheit. Du lässest Brot der Erde entsprießen, und des Menschen Herz erfreut der Wein. Das 01 gibt seinem Antlitz heiteres Leuchten, und Brot macht stark des Menschen Herz" (Communio). Der Dank fÜr den zeitlichen Erntesegen führt die Liturgie unmittelbar zum Gedanken an den übernatÜrlichen Segen, der uns in Christus und im Brot und Wein der heiligen Eucharistie geworden ist. Die Liturgie sieht bei des, den zeitlichen Segen und den übernatÜrlichen Segen. Aber sie sieht den zeitlichen Segen nicht für sich gesonderL Ihr Glaube ist so tief und lebendig-, daß ihr das Zeitlich-NatÜrliche unmittelbar und wie von selbst eine H i.ille und ein Bild des Geistig-Übernatürlichen wird.

302 Die Zeit nach Pfingsten: Dreizehnte Woche.

"Das Brot macht stark des Menschen Herz." Wir denken an das Brot der heiligsten Eucharistie. Es ist das Brot des Lebens, das vom Himmel stammt. Es heilt, was in uns krank ist. Es ersetzt und erneuert die aufgezehrten Kräfte. Es stärkt gegen' die M acht der bösen Begierlichkeit und der Leidenschaften. Es regt die Seele an, daß sie mit neuem, unüberwindlichem Mut und Eifer den Weg des Guten und der Vollkommenheit gehe. "Wie Mich der lebendige Vater gesandt hat und Ich durch den Vater lebe, so wird auch der, der Mich ißt, durch Mich leben" (J oh. 6, 57). Christi Kraft ist in uns wirksam. "Ich kann alles in dem, der mich stärkt" (Phi!. 4, 13)·

Wir rufen nicht vergebens: "Gott, merk' auf meine Hilfe; Herr, eile mir zu helfen. Zuschanden und beschämt sollen werden meine Feinde" (Introitus). "Wenn Gott für un's ist, wer ist dann wider uns? Wenn Er Seines eigenen Sohnes nicht geschont, sondern Ihn fÜr uns alle dahingegeben hat, wie sollte Er uns mit Ihm nicht alles schenken?" (Röm. 8, 31 f.) Wir besitzen Christus. "Selig die Augen, die sehen, was ihr seht!" Wer darf mehr vertrauen als wir?

Ge be t.

Allmächtiger und barmherziger Gott, Dein Gnadengeschenk ist es, wenn Deine Gläubigen Dir wÜrdig und untadelig dienel1. Wir bitten Dich daher, verleihe uns, daß wir unaufhaltsam Deinen Verheißungen entgegeneilen. Durch Christus uns\Orn Herrn. Amen.

Mittwoch der dreizehnten Vloch6! nach Pfingsten.

Der Neu e B und.

1. Die Liturgie des heutigen Sonntags jubelt auf im Gedanken an die Herrlichkeit des Neuen Bundes. Er ist der Bund des lebendigmachenden Geistes,

Mittwoch: Der Neue Bund.

der Bund, dessen Dienst zur Rechtfertigung fÜhrt. GlÜcklich, die diesem Bunde angehören!

2. "D a wir ein une r s c h Ü t t e r I ich e s Reich empfangen haben, so lasset uns dankbar sein und Gott mit Furcht und Ehrerbietung dienen" (Hebr. l2, 28). Ein Reich voll Festigkeit, Unveränderlichkeit, Dauerhaftigkeit und Sicherheit. Es ist uns geschenkt im N euen Bund, in den wir in der heiligen Taufe, ohne unser Zutun oder Verdienst, aufgenommen worden sind. Er umschließt die FÜlle der herrlichen, geistig-ÜbernatÜrlichen Welt, die Gott.in Christus Jesus geschaffen hat. In diesem Bunde sind wir unendlich reich. "Alles ist euer" (I Kor. 3, 23): Christus mit den unerschöpflichen ReichtÜmern des menschgewordenen Gottessohnes. "Wir haben Seine Herrlichkeit gesehen, die I-Ierrlichkeit des Eingeborenen vom Vater, voll der Gnade und Wahrheit" (Joh, 1, 14). Er umschließt Christi Erlösungswerk: die Schuld, die wir der göttlichen Gerechtigkeit zu entrichten hatten, ist beglichen; fÜr unsere SÜnden ist vollwertige SÜhne geleistet. Die SÜnde ist Überwunden, die Gewalt der Hölle gebrochen, der Tod besiegt, der Himmel geöffnet. "Cott hat in Seiner grollen Liebe, womit Er uns geliebt hat, uns, die wir durch unsere SÜnden tot waren, mit eh ristus lebendig gemacht, hat uns in Christus mitauferweckt und mit ins Himmelreich versetzt. Denn ihr seid erlöst kraft des Glaubens, Nicht euer Verdienst ist es, es ist Gottes Geschenk" (Eph. 2, 4 ff.). All diese Herrlichkeiten sind Bestandteile des neuen und ewigen Bundes, 'in den wir aufgenommen sind. "Alles ist euer," Dieser Bund umschließt endlich die ReichtÜmer und Schätze der heiligen Kirche: die göttliche Wahrheit, die der Kirche anvertraut ist, die heilIgen Sakramente, die FÜlle der Gnaden, Tugenden, Gebete, Verdienste der Kirche auf Erden und im Himmel. "Alles ist euer." "Wir haben ein unerschÜtterliches Reich empfangen", voller Relchtli1l1er und ÜbefllatÜrlicher Herrlichkeit.

304 Die Zeit nach Pfingsten: Dreizehnte Woche.

Wir Christen sind in ein Reich, in eine geistige Ordnung und Welt hineinversetzt, deren Besitz uns Über alles Ahnen reich und glÜcklich machen kann und will. Wenn wir nur von dem Gedanken an dieses Reich durchdrungen wären!

"W i r all e sc hau e n mit u n ver hüll t e m An t 1 i t z die Herrlichkeit des Herrn und werden so immer vollkommener in dasselbe Bild umgewandelt, durch den Geist des Herrn" (2 Kor. 3, 18). Für uns tritt an die Stelle des irdischen Moses mit dem verhüllten Antlitz, von dem die Epistel spricht, der Herr, dessen Antlitz unverhÜllt ist, leuchtend in Herrlichkeit. Dieses Antlitz dÜrfen wir Christen ungescheut und ungeblendet schauen. Sein Anblick erfaßt uns in den letzten Tiefen unseres Wesens und bildet uns um. Christi Bild wird uns eingeprägt, Christi Herrlichkeit leuchtet in uns auf. Christus spiegelt sich in uns wider. Das gläubige Anschauen des Einen, der in Seiner Person den ganzen N euen Bund umschließt und darstellt, gibt uns das neue Antlitz. Das stete Betrachten des Antlitzes Christi, Seiner Person und Seines Werkes; das stete Aufschauen zum Herrn, zu dem, was Er ist und was Er fÜr uns ist, fÜr uns getan und fortwährend tut, gestaltet uns in Christus um. Es drängt uns zu einem unablässigen Danken, zu einem steten Lobpreis auf den j enigen, der alles, alles fÜr uns getan, noch bevor wir Ihn kannten, noch da wir Kinder des Zornes waren, und durch den wir ohne unser eigenes Zutun zu Erben Gottes gemacht wurden. Wenn wir es einmal, allen M ühseligkeiten und Leiden des Erdenlebens zum Trotz, dahin gebracht haben, daß wir die unverdiente Gnadenherrlichkeit des N euen Bundes nicht aus dem Auge verlieren; daß unser erstes und wesentlichstes BemÜhen darin besteht, die innern Vollkommenheiten des Herrn. Seines Werkes und Seiner Kirche zu betrachten, sie zu glauben, auf sie zu vertrauen, sie zu preisen und fÜr sie zu danken, dilnn haben wir das Wesen

,..

Mittwoch: Der Neue Bund.

305

des christlichen Lebens erfaßt. Hier liegt die Wurzel und der Nährboden der wahren Fruchtbarkeit des christlichen Lebens: im steten Betrachten des Antlitzes Christi. Unsere Fruchtbarkeit kann und darf nichts anderes sein als das Überquellen der Vollkommenheit und Herrlichkeit des N euen Bundes, in den wir aufgenommen sind; als das Widerstrahlen der Herrlichkeit des Antlitzes des Herrn, das wir mit unverhülltem Auge sehen und durch dessen Betrachtung wir immer vollkommener in das Bild des Herrn umgewandelt werden, "durch den Geist des Herrn".

3. "Selig die Augen, die sehen, \1as ihr seht!"

"M it unverhÜlltem Antlitz die Herrlichkeit des Herrn" in der Offenbarung und Gnade des N euen Bundes. Aber leider, wir schauen zu wenig die Herrlichkeit Christi, Seiner Person, Seines Werkes, Seiner Kirche. Wir danken zu wenig fÜr das erhabene Reich, den Neuen Bund, in den wir aufgenommen sind. Wir bauen zu wenig auf die innere FÜlle und Kraft dieses Bundes und der Herrlichkeit, die er umschließt, und verlieren so einen großen Teil der Kraft, des Mutes und der Zuversicht, die Paulus sprechen läßt: "Wer wird gegen Gottes Auserwählte Anklage erheben? Gott ist es, der sie fÜr gerecht erklärt! Wer soll sie verurteilen? Christus J esus, der gestorben, der auferstanden ist, der zur Rechten Gottes sitzt, Er ist es, der FÜrsprache fÜr uns einlegt" (Röm. 8, 33). Sprächen doch auch wir mit Paulus die Sprache des mutigen, vertrauenden, sIeghaften Christentums!

Ge be t.

Allmächtiger und barmherziger Gott, Dein Gnadengeschenk ist es, wenn Deine Gläubigen Dir wÜrdig und untadelig dienen. Wir bitten Dich daher, verleihe uns, daß wir unaufhaltsam Deinen Verheißungen entgegeneilen. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Baur, Werde LICht, Ur.

20

306 Die Zeit nach Pfingsten: Dreizehnte Woche. Donnerstag der dreizehnten Woche nach Pfingsten.

Der Die n s t des Tod e s und des Gei s t e s.

1. Im Opfergang stellt uns die heilige Liturgie den Mittler des Aiten Bundes vor Augen, M oses, der vor das Angesicht Gottes tritt und fÜr das untreue, sÜndige Volk um Gnade fleht. "Und besänftigt hielt der Herr das Unheil zurÜck, das Er Seinem Volke angedroht hatte" (Offertorium).

2. "War sc ho n der Die n s t des Alt e n B und e s so her r I ich, um wie viel herrlicher muß der des N euen Bundes sein" (Epistel). Moses, der Mittler des Alten Bundes, weilt auf dem Berge Sinai, im stillen Umgang mit Gott. Da er lange auf dem Berge blieb, hielt sich das in der Ebene harrende Volk fÜr enttäuscht. "Sie rissen die goldenen Ohrringe ab und brachten sie Aaron. Und er nahm sie aus ihrer Hand und machte daraus ein gegossenes Kalb. Da sprachen sie: Das ist, Israel, dein Gott, der dich aus Agypten herausgefÜhrt hat." Sie opferten dem falschen Gott. Dann setzten sie sich zum Essen und Trinken und erhoben sich, um sich zu belustigen. Da sprach der Herr zu Moses: "Geh hinab zum Volk! Sie haben sich ein gegossenes Kalb gefertigt, beten es an und opfern ihm. Nun sehe Ich, woran Ich mit diesem Volke blll: es ist ein widerspenstiges Volk. Laß Mich machen, daß Mein Zorn wider sie entbrenne und Ich sie vernichte." Da begÜtigte Moses den Herrn, indem er sprach:

"Warum zÜrnst Du, Herr, so heftig Deinem Volke, das Du mit großer Kraft und starkem Arm aus dem Agypterland herausgefÜhrt hast? Sollen die Agypter sagen dÜrfen: In einer unglÜcklichen Stunde hat Er sie herausgefÜhrt, 'nur um sie im Gebirge umzubringen und von der Erde zu vertilgen? Laß Deinen Zorn. Gedenke des Abraham, Isaak und Jakob, daß Du ihm bei Di r selbst geschworen und ihnen versprochen hast: Ich mache euern Stamm so zahlreIch wie die Sterne des Himmels. Da änderte Gott

Donnerstag: Der Dienst des Todes u. des Geistes. 307 Seinen Entschluß hinsichtlich des Urteils, das Er Seinem Volke anzutun gedroht hatte" (2 Mos. 32, I ff.) (Offertorium). Die Herrlichkeit des Dienstes, den Moses, der Mittler des Alten Bundes, vollzog: er springt vermittelnd ein und bewahrt durch sein Gebet das Volk vor dem Zorne Gottes und dem Unheil, das es sich ob seines Abfalles von Gott zugezogen hatte! So viel vermag der Dienst des Alten Bundes, "der Dienst des Todes", der Dienst, der "zur Verurteilung fÜhrte".

"W i e vi e 1 re ich e r an Her r I ich k e i t muß dan n der Die n s t sei n, der zur Rechtfertigung fÜhrt", der Dienst des heiligen Opfers, das wir im N euen Bund besitzen und tägl ich feiern i Da ist es nicht mehr ein Moses, es ist vielmehr Christus, der Hohepriester, der Sohn Gottes, der fÜr Sein Volk, die Gläubigen, vor den Vater hintritt. Er hat eine unendlich wertvolle Opfergabe zu geben:

Sein eigenes Blut, Sein Leiden und Sterben, Sein Herz. Er fleht fÜr Sein Volk um Gnade und Verzeihung und beschwört den Zorn, Gottes, den wir, die Getauften, so oft verdient haben. Begehen nicht auch wir, all den großen und reichen Gnaden und HeilsgÜtern, die uns gegeben sind, zum Trotz, täglich Untreuen gegen das Gebot und die HeiligkeIt Gottes! Wie oft haben wir die Strafe Gottes verdient! Weh uns, wenn nicht der Herr, unser Moses, täglich fÜr uns die Hände erhebt, betet und Seine Opfergabe anbietet! Er tut es im Opfer der heiligen Messe! Er bietet Sein Leben an wie einst am Kreuze. Er schaut mit Mitleid auf uns und fleht zum Vater:

"Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun" (Luk. 23, 24). Dem Bitten und Opfern Seines Sohnes kann der Vater nicht widerstehen. Er läßt sich durch das Opfer der heiligen Messe besänftigen und hält das Unheil zurÜck, das Er Seinem Volke angedroht hatte. Das ist der Dienst, der zur Rechtfertigung, zur Rettung, zum Heile fÜhrt. Ein Dienst, um so viel herrlicher und wirksamer als der Dienst

20*

308 Die Zeit nach Pfingsten: Dreizehnte Woche.

des Alten Bundes, je mehr das Leben, Leiden und Sterben, das Blut des Herrn Über das Beten und Flehen eines Moses, eines bloßen Menschen, und wäre er noch viel heiliger als Moses, erhaben ist! So reich sind wir in dem Dienste des N euen Bundes, im Opfer der heiligen Messe, in unserem Hohenpriester Christus. "Selig die Augen, die sehen, was ihr seht. Ich sage euch: viele Propheten und Könige", das ganze Alte Testament, "wollten sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen."

3. Diesen "Dienst des Geistes, der zur Rechtfertigung fÜhrt", hat der Herr dem Priestertum Seiner Kirche Übertragen. Der Priester "wird aus der Zahl der Menschen genommen und fÜr die Menschen aufgestellt in ihren Angelegenheiten bei Gott. Er soll Gaben und Opfer für ihre SÜnden darbringen" (Hebr. 5, I) und ihnen so die Rechtfertigung vor Gott, den Nachlaß der SÜnden und' das GlÜck der Gotteskindschaft vermitteln. "Wie Mich der Vater gesandt hat, so 'sende Ich euch", mit der gleichen Sendung und Kraft ausgerÜstet. Dann hauchte Er die Apostel an und sprach: "Empfanget den Heiligen Geist. Welchen ihr die SÜnden nachlasset, denen sind sie nachgelassen, und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten" (Joh. 20, 21). Seinen Aposteln und deren Nachfolgern und Gehilfen, den Bischöfen und Priestern, gibt Er die Macht Über Brot und Wein, daß sie sie in den Leib und das Blut des Herrn verwandeln: "Das ist Mein Leib. Das ist Mein Blut." Der Dienst des Geistes, des N euen Bundes, der "zur Rechtfertigung fÜhrt". "Selig die Augen, die sehen, was ihr seht!"

"Während die Priester des Alten Testamentes in größerer Zahl Priester geworden sind, weil der Tod sie hinderte, es immer zu bleiben, besitzt dieser, Christus, ein unvergängliches Priestertum, weil Er in Ewigkeit bleibt. Darum vermag Er auch diejenigen vollkommen zu retten, die durch Ihn vor Gott hintreten, da Er allezeit lebt, um fÜr sie FÜrsprache

Freitag: Die Kirche, der barmherzige Samaritan. 309 einzulegen" (Hebr. 7, 23 ff.). Unser Hohepriester vollzieht den Dienst des Geistes nicht bloß einmal am Kreuz, sondern fortwährend, im Opfer der heiligen Messe, in Seinem ununterbrochenen Gebet im Himmel und im Tabernakel. "Selig die Augen, die sehen, was ihr seht!"

Ge be t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, die heilige Teilnahme an diesem Geheimnisse der Opferfeier möge uns beleben und uns Versöhnung wie auch zugleich Schutz gewähren. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Freitag der dreizehnten Woche nach Pfingsten.

Die Kir c h e, der bar m her z i g e Sam a r i t a n.

1. "Meister, was muß ich tun, um das ewige Leben zu haben?" fragt der Gesetzeslehrer. J esus antwortet mit der Gegenfrage: "Wie liesest du im Gesetze (des Moses)?" Der Gesetzeslehrer : "Du sollst den Herrn deinen Gott lieben. Und deinen Nächsten wie dich selbst." Jesus antwortet ihm: "Du hast recht geantwortet. Tu das, so wirst du leben." Jener aber wollte sich rechtfertigen und fragte: "Wer ist denn mein Nächster?" J esus entwickelt die Parabel vom barmherzigen Samaritan und fragt dann den Gesetzeslehrer : "Welcher von diesen dreien nun scheint dir der Nächste von dem gewesen zu sein, der unter die Räuber gefallen war?" Jener antwortete: "Der ihm Barmherzigkeit erwiesen hat." J esus sprach zu ihm: "Gehe hin und tue desgleichen." Das ist des Herrn Gebot: Gehe hin und sei auch du der barmherzige Samaritan.

2. "V 0 n der Fr u c h t Dei n e r Wer k e, Her r, wir d s a t t die Erd e" (Communio). Das Brot und der Wein der heiligen Eucharistie geben der Kirche die Kraft und die Verpflichtung, an der Menschheit der barmherziJ;e Samaritan zu

3 10 Die Zeit nach Pfingsten: Dreizehnte Woche.

sein. Der Mensch ist ja nicht bloß zu einem natürlichen Endziel berufen, zur ErfÜllung seines natÜrlichen Wesens, zur Auswirkung seiner natürlichen Kräfte und Anlagen, sondern darÜber hinaus zu einer alle geschöpflichen Kräfte und Anlagen iilierschreitenden vVesenserhöhung, zur Teilnahme am göttlIchen Leben. Er soll mit göttlichen, heiligen und heiligenden Lebenskräften erfÜllt und durchsättigt und in die Lebensfülle Gottes hineingehoben werden. Diese Erhebung des Menschen zum Mitbesitz der göttlichen LebensfÜlle kann nicht das Werk des Menschen sein. Sie ist Gottes Tat. Die Tat der freien, erbarmenden Liebe' Gottes, ein Werk der Gnade. Mit der Erschaffung des Menschen im Paradies hat Gott zugleich den Besitz der Gnade verbunden. Beides, Natur und Gnade, war dem Adam für uns alle gegeben. Adam sündigte. Wir sÜndigten in ihm, dem Haupt und Stellvertreter des gesamten Geschlechtes. So ist die Menschheit der unter die Räuber Gefallene. \Ver wird ihn retten und ihm das Leben der Gotteskindschaft wiedergeben? Gott, durch Christus in Seiner Kirche und durch Seine Kirche. Ihr hat der Herr den Wein der Eucharistie, das 01 der Heiligungsgnade Übergeben. Sie tritt mit göttlicher Kraft und Vollmacht ausgerÜstet an die Menschheit heran. Sie will, sie muß an dem unter die Räuber Gefallenen ihren Dienst tun, den Dienst des barmherzigen, heilenden, lebenspendenden Samaritans. "Gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im N amen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehret sie alles halten, was Ich euch geboten habe" (Matth. 28,18). Seit zweitausend ] ahren erfÜllt die Kirche mit ungebrochenem Mut und einer heldenhaften Treue und Ausdauer diesen ihren Beruf, in der Kraft, die der barmherzige Samaritan in sie hineingelegt hat, da Er ihr die zwei Denare Übergab: die Lehrgewalt und die heiligen Sakramente, insbesondere in der Kraft, die ihr vom eucharistischen Herrn zufließt. "Von der Frucht Dei-

Freitag: Die Kirche, der barmherzige Samaritan. 3 I I ner Werke, der heiligen Eucharistie, wird satt die Erde", die Menschheit.

"S 0 r ge fÜr ihn!" Das ist des Herrn Auftrag an die Kirche. "Sorge fÜr ihn!" In erster Linie fÜr das Heil seiner Seele. Tue an ihm die Werke der Barmherzigkeit. Zuerst die Werke der geistigen Barmherzigkeit. "FÜr die Lebenden und die Toten beten", vorzÜglich fÜr die an der Seele Toten beten, daß sie zum Leben der Gnade auferweckt werden. Und die Kirche betet ohne Unterlaß. Sie tritt im heiligen Opfer, im ununterbrochen kirchlichliturgischen Stundengebet, ein anderer Moses, "vor das Angesicht des Herrn und fleht: Herr, was zÜrnest Du Deinem Volke? Halt ein mit dem Zorne Deines Herzens. Und besänftigt hält der Herr das UnglÜck zurÜck, das Er Seinem Volke angedroht hatte" (Offertorium). "Die SÜnder zurecht.weisen, die Unwissenden lehren." Die Kirche wird nicht mÜde, sich der Unwissenden, vor allem der SÜnder, 'anzunehmen, durch Belehrung, durch Ermahnung, durch die Spendung des heiligen Sakramentes der

Buße. Es ist das Sakrament der Barmherzigkeit. Da neigt sich die Kirche verstehend, mitleidsvoll zu dem unter die Räuber Gefallenen. Er' zeigt ihr seine Wunden. Sie gießt das 01 der Gnade, der Verzeihung durch Gott auf die Wunden. N eues Leben erwacht. Heilige Freude kehrt in die bisher geängstigte Seele zurÜck, neuer Lebensmut. Ein neuer Wille und eine neue Kraft zum Reinen und Guten. eine mächtige Sehnsucht nach Gott, ein wonniger Friede. So tröstet niemand, so heilt niemand, so erweist niemand Barmherzigkeit, wie die Mutter Kirche es tut im heiligen Sakrament der Buße. "Welcher von den dreien scheint dir der Nächste von dem gewesen zu sein, der unter die Räuber gefallen war?" Der Levit, der Priester des Alten Bundes, oder die Kirche des N euen Bundes in ihrem hochheiligen Sakrament der Buße? Sie hat "den Dienst, der zur Rechtfertigung. zum Leben, zur Gott-

3 I 2 Die Zeit nach Pfingsten: Dreizehnte Woche. vereinigung fÜhrt" (Epistel). Die Kirche Christi, sie allein! "Selig die Augen, die sehen, was ihr seht", die Mutter Kirche, den von den Erlöserkräften des Herrn durchrie,elten Leib Christi. "Selig die hören, was ihr hört", das lebengebende Wort aus dem Munde der Kirche: "Ego te absolvo - ich spreche dich los."

3. Der heiligen Kirche ist der Dienst übergeben, der zur Rechtfertigung fÜhrt. "Welchen ihr die SÜnden nachlassen werdet, denen sind sie nachgelassen;' welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten" (J oh. 20, 22). Eine richterliche Gewalt, die Gewalt nachzulassen und zu behalten.

Ein Gericht, in welchem wir zugleich Ankläger und Zeugen sind. Von unserer Anklage, von unserer Wahrhaftigkeit in der Anklage und in dem Streben nach Umkehr und Besserung hängt es mit ab, ob die Kirche an uns ihren Beruf des barmherzigen Samaritans ausÜben kann oder nicht.

"Viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, u~d hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört." Wir sehen, wir hören, wir besitzen, und denken so wenig daran und danken nicht dafÜr!

Gebet.

Allmächtiger und barmherziger Gott, Dein Gnadengeschenk ist es, wenn Deine Gläubigen Dir wÜ'rdig und untadelig dienen. Wir bitten Dich daher, verleihe uns, daß wir unaufhaltsam Deinen Verheißungen entgegeneilen. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Samstag der dreizehnten Woche nach Pfingsten.

"Selig die Barmherzigen."

1. "Gehe hin und tue desgleichen" (Evangelium).

Sei auch du der barmherzige Samaritan. Das ist der

Samstag: "Selig die Barmherzigen." 313

Dienst des N euen Bundes, des Getauften, der in so reichem Maße an sich das Erbarmen des Samaritans, des menschgewordenen Gottessohnes, erfahren hat. Taufe, Eucharistie, Bußsakrament verpflichten. "Gehe hin und tue desgleichen!"

2. "W el c her von den d re i e n (die auf den unter die Räuber Gefallenen stießen) scheint dir sein Nächster gewesen zu sein?" fragt J esus den Gesetzeslehrer. Er antwortet: "Der an ihm Barmherzigkeit getan." Wahre, christliche Nächstenliebe ist eine barmherzige Liebe. Sie ist die aus lebendigem Mitleid mit der Not des Mitmenschen entspringende Bereitschaft und das Verlangen, dem Mitmenschen zu helfen, soweit immer es möglich ist. "Gehe hin und tue desgleichen." Wir sind in der heiligen Taufe Glieder Christi geworden. In jeder heiligen Messe und Kommunion vertiefen und vervollkommnen wir die Eingliederung in Christus, das Haupt. Wir nehmen Seinen Geist, Seinen Sinn und Seine Kraft der Liebe tiefer in uns auf. So haben auch wir aus unserer Vereinigung mit Christus, dem Haupt, den Drang, Barmherzigkeit zu üben. In diesem Drang bewährt sich die Echtheit unserer Christusdurchlebtheit und unserer Gotteskindschaft. "Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist" (Luk. 6,36). "Selig die Barmherzigen, sie werden Barmherzigkeit erlangen" (M atth. 5, 7)· Unsere Christusverbundenheit legt uns gegenÜber jedem Unrecht, das uns persönlich geschieht, das Wort auf die Lippen: "Vater, verzeih ihnen, sie wissen nicht, was sie tun" (Luk. 23, 34). Christi Geist, der in uns lebt, läßt uns nicht kalt und hartherzig an der fremden Not vorbeigehen. Wir können nicht der Levit und nicht der Priester des Evangel iums sein, die das Elend des Nächsten sehen - und daran vorbeigehen. Wehe uns, wollten wir so handeln! Wir hätten den Geist Christi nicht. "Wer aber den Geist Christi nicht hat, der ist nicht Sein" (Röm. 8, 9)· "Was ihr dem Geringsten der Meinigen getan oder

, 314 Die Zeit nach Pfingsten: Dreizehnte Woche. nicht getan habt, das habt ihr Mir getan, Mir nicht getan" (Matth. 25, 4J).

"Gehe hin und tue desgleichen." Der Heiland verlangt die Gesinnung und Er verlangt die Werke der Barmherzigkeit. Es sind die Werke der leiblichen Barmherzigkeit: die Hungrigen speisen, die DÜrstenden tränken, die Nackten bekleiden, die Fremden beherbergen, die Gefangenen erlösen, die Kranken besuchen, die Toten begraben. Es sind die Werke der geistigen Barmherzigkeit: die SÜnder zurechtweisen, die Unwissenden belehren, den Zweifelnden recht raten, die BetrÜbten trösten, das Unrecht geduldig leiden, den Beleidigern gerne verzeihen, fÜr die Lebenden und Toten Gott bitten. Wonach werden wir bei der Wiederkunft des Herrn, beim Sterben, gerichtet? Auf was kommt es an? Was entscheidet Über Himmel und Hölle? Die Werke der Barmherzigkeit, hervorgegangen aus dem Verlangen, um Christi willen dem Mitmenschen, dem Gliede Christi) 'im Geiste Christi den DIenst des barmherzigen Samaritans zu erweisen. "Kommet, ihr Gesegneten Meines Vaters, und nehmet das Reich 1I1 Besitz, das seit Beginn der Welt für euch bereitet ist. Denn ich war hungrig, und ihr habt Mir zu essen gegeben. Ich war fremd, und ihr habt Mich beherbergt. Ich war nackt, und ih r habt mich gekleidet." Dann wird Er zu denen auf Seiner Linken sagen: "Hinweg von Mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das dem Teufel und seinem Anhange bereitet ist. Denn Ich war hungrig, und ihr habt Mir nichts zu essen gegeben. Ich war fremd, und ihr habt Mich nicht beherbergt. Ich war nackt, und ihr habt M ich nicht bekleidet" (Matth. 25, 34 ff.). Die Werke der Barmherzigkeit öffnen den Himmel, die Unbarmherzigkeit fÜhrt in die ewige Hölle!

3· "Moses flehte vor dem Angesichte des Herrn:

Herr, was zürnest Du Deinem Volke? Halt ein mit Deinem Zorn! Und besänftigt hielt der Herr das Unheil zurÜck, das Er Seinem Volke angedroht

Samstag: "Selig die Barmherzigen." 3 15

hatte" (Offertorium). Die Macht des Erbarmens! Hätte Moses nicht Grund gehabt, Seinem Volk zu zÜrnen, das drunten, am Fuß des Berges, um das Götzenbild tanzt? Aber er hat inniges Mitleid mit dem betörten, verblendeten Volk. Sein Gebet, geboren aus dem Mitleid mit dem Volk, findet Erhörung. Auch Gott läßt sich besänftigen. "Selig die Barmherzigen, sie werden Barmherzigkeit erlangen",

fÜr sich und für die andern!

So sind auch wir, die wir den Opfergang mach,en,

ein Moses, voll Erbarmen und Mitleid mit der leiblichen und geistigen Not unserer- Brüder und Schwestern. Mit einem Herzen voll des M itleidens und Erbarmens heben wir unsere Gabe zum Himmel empor. "Herr, was zürnest Du Deinem Volke? Halt ein mit Deinem Zorn! Und besänftigt hält der Herr das Unheil zurÜck, das Er Seinem Volk angedroht

hat."

In der heiligen Kommunion lassen wir uns vom

Geiste Christi durchdringen. Er ist der Geist des Mitleides "Mich erbarmt des Volkes" (Matth. 8,2). "Als Gottes Auserwählte, Heilige (Getaufte) und (von Gott) Geliebte ziehet herrliches Erbarmen an, Güte, Demut, Sanftmut, Geduld" (Kol. 3, 12).

Gebet.

Allmächtiger und barrnherziger Gott, Dein Gnadengeschenk ist es, wenn Deine Gläubigen Dir würdig und untadelig dienen. Wir bitten Dich daher. verleihe uns, daß wir unaufhaltsam Deinen Verheißungen entgegeneilen. Durch Christus unsern Herrn.

Amen.

Die liturgische Meßfeier des dreizehnten Sonntags nach Pfingsten.

1. Auch heute stellt die Liturgie den Alten und N euen Bund nebeneinander; dort das Leben außer Christus, hier das Leben in Christus und mit Christus; dort M oses, hier Christus; dort das Gesetz der SÜnde und des Todes, hier das Wort des Lebens. Christ, erkenne dein Glück, das GlÜck, durch die heilige Taufe Christo verbunden zu sein, mit Christus, dem Weinstock, zu ein e m Wesen und Leben verwachsen. Dem Abraham und seinem N achkommen sind die "Verheißungen gegeben worden", lehrt St. Paulus in der Epistel. Dieser glÜckliche und glÜckbringende Nachkomme aber ist nicht etwa Moses, d. h. der Alte Bund: das mosaische Gesetz befreit nicht von der Sünde und wirkt nicht das Leben. Die Verheißungen des Lebens erfüllt einzig Christus, und sie werden nur jenen zuteil, "die glauben" (Epistel). In Christus, im Glauben an Ihn, ist die Reinigung von der Sünde und das Leben. Darum hin zu Christus, ungeteilte Hingabe an den Glauben an Christus und ewiger Dank fÜr die Gnade der Berufung zu Christus in der heiligen Taufe und in der Teilnahme an der heiligen Eucharistie!

2. Wir sind Christen, die Gemeinde, "der Bund des Herrn" (Introitus, Graduale). Er hat uns vom Aussatz der ErbsÜnde befreit und uns die Keime des ÜbernatÜrlichen Lebens und des ewigen Heils in die Seele gesenkt. Aber undankbar fÜr die Gnade der Heilung (Evangelium), haben wir den Menschen der SÜnde und der Leidenschaften in uns wieder aufleben lassen, und sind in vielen Stücken dem heiligen Bunde mit Christus untreu geworden. 'Wir fÜhlen uns bei der heutigen Opferfeier eins mit der in der Mehrzahl ihrer Glieder noch sÜndigen, untreuen und unheiligen Gemeinde des Herrn und flehen im Eingang z.ur heiligen Messe: "Sieh an,

Die liturg. Meßfeier d. 13. Sonntags n. Pfingsten 3 I 7 o Herr, Christus, Deine Gemeinde und vergiß nicht völlig Deiner Armen. Steh auf, 0 Herr, tritt ein fÜr Deine Sache, vergiß nicht derer, die hilferufend, jetzt in der heiligen Opferfeier, Dich suchen" (Introitus). "Herr, erbarme Dich; Christus, erbarme Dich; Herr, erbarme Dich" (Kyrie eleison) und "gib uns Wachstum im Glauben, in der Hoffnung, in der Liebe, und laß uns Deine Gebote, die Taufverpflichtungen, lieben, damit wir das zu erlangen verdienen, was Du verheißen hast" (Oratio), kraft des Glaubens an Christus Jesus (Epistel). "Sieh an, o Herr, Deinen Bund. Du wirst unsere Zuflucht durch alle Geschlechter" (Graduale, Alleluja), Du hast seit 2000 Jahren Deine Kirche nach innen und nach außen stets neu belebt, neu gekräftigt, sie gefÜhrt, geheiligt, beschÜtzt und gerettet.

3. Was das Evangelium berichtet, hat sich dereinst an uns verwirklicht, als wir die heilige Taufe empfingen, und wird in der Meßfeier aufs neue selige Gegenwart und Wirklichkeit. Jetzt, in dieser Stunde kommt der Heiland "nach ) erusalem", '"in eine Gemeinde", in Seine Kirche, in unser Gotteshaus. Wir sind die an unsern SÜnden Erkrankten, "Aussätzigen" und "gehen Ihm entgegen": ,,) esus, Meister", so rufen wir, "erbarme Dich unser". Er sieht uns und weist uns an den Priester, der als Mittler dasteht zwischen dem Altar, d. i. Christus, und der mitopfernden Gemeinde und durch dessen Hand Christus sich opfert und Seine Gnaden, Erlösung und Leben von den Höhen des Altars in die Herzen der Gemeinde ergießt. In dem Maß, als wir I mit dem sich opfernden, Seinen Opfertod am Kreuze erneuernden Heiland ein Opfer werden, uns selbst, den Menschen der SÜnde und der Welt verlassen und uns in den sich opfernden Herrn aufnehmen und umgestalten lassen. Aber wie wenige sind es aus der Zahl der Gemeinde, die nach ihrer Taufe "dankbar" wiederkommen, d. h. die in der Mitfeier der heiligen Messe die heilige Taufe, die Taufgesin-

3 18 Die Zeit nach Pfingsten: Vierzehnte Woche.

nung, den Willen der Absage an SÜnde und Satan und Welt, und den Willen zum ganzen Leben mit Christus neu beleben, vertiefen und festigen und so sich für die Gnade der Taufe dankbar erweisen' "Sind nicht zehn rein geworden? Wo sind denn' die neun?" Eine vorwurfsvolle Frage an uns veräußer.lichte, undankbare Christen! Heil den Ganzen, den Dankbaren, denen, die das GlÜck des Christenstandes schätzen! "Brot vom Himmel hast Du uns gegeben" (Communio). Seliges GlÜck der Taufe und der Teilnahme an dem Opfer der heiligen Messe! Dankbar antworten wir auf das "Ite missa est" des Diakons mit einem tiefempfundenen "Deo gratias!"

Dreizehnter Sonntag nach Pfingsten.

Christus allein!

1. Wieder die Frage nach der Stellung des Alten zum Neuen Bund. Praktisch die Frage nach Christus. Die Frage, ob fÜr unser ewiges Heil Christus allein in Betracht komme, Christus mit Seiner und in Seiner Kirche, oder ob neben Ihm und Über Ihn hinaus noch das Gesetz des Moses, der Alte Bund, seine Geltung und verpflichtende Kraft habe und das Leben wirke. Die Antwort der Liturgie ist eindeutig und klar: Christus, Christus allein! "In Ihm allein ist Heil" (Apg. 4, I2).

2. "D e m Ab rah a m und sei n e n N ac hkom m e n sind die Verheißungen gegeben worden" (Epistel). "Verlaß dein Land und deine Verwandtschaft, verlaß das Haus deines Vaters und komme in das Land, das Ich dIr zeigen werde. Ich werde dich zu einem großen Volk machen und dich segnen. In dir sollen gesegnet werden alle Ceschlechter der Erde" (I Mos. 12, I ff.). Lange Jahre hat Abraham zu warten, bis ihm endlich, im vorgeriickten Alter, ein Sohn geboren wird: der Sohn der Verheißung, Isaak. Und diesen seinen einzigen Sohn, den Sohn der Verheißung, soll er mit eigener Hand auf dem

Sonntag: Christus allein I

Berge Moria dem Herrn opfern. So verlangt es Gott. Abraham gehorcht. Schon zÜckt er das Schwert, um seiften Sohn zu schlachten. Da gebietet ihm der Herr Einhalt. An Stelle des Isaak schlachtet er ein Opfertier. Jetzt wiederholt der Herr die Verheißung an Abraham: "Weil du deinen Liebling Mir nicht verweigert hast, will Ich dich reichlich segnen. Der Erde Völker alle sollen in deinem Nachkommen gesegnet sein, weil du auf M ein Wort gehört hast" (I Mos. 22, 16 ff.). Gott sagt nicht, so betont Paulus in der Epistel, "und deinen Nachkommen" , in der Mehrzahl, sondern "und deinem Nachkommen" . in der Einzahl. Und dieser Eine, in dem alle gesegnet werden und das Heil, die Erlösung, haben, ist Christus. In Ihm allein ist alles Heil, alle Gnade. "Alles ist ja der SÜnde verfallen. Juden und Heiden. damit die Verheißung, die verheißene Erlösung, denen zuteil werde, die glauben, auf Grund des Glaubens an Jesus Christus." "W'er glaubt und sich taufen läßt, wird gerettet werden. Wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden" (Mark. 16, 16).

>JA 1 s Je s u s na c h Je r usa lern zog, kam Er in einen Flecken. Da begegneten Ihm zehn Aussätzige." Sie rufen zu Ihm um Hilfe und Heilung. "Gehet hin und zeiget euch den Priestern." Sie gehen hin. Und während sie dahin gehen, werden sie vom Aussatze gereinigt. Das Gesetz des Moses. der Alte Bund mit seinem Priestertum und seinen Opfern kann die Armen nicht vom Aussatze heilen. Heil wird der kranken, sÜndigen Welt nur durch Christus. In Ihm werden alle Völker gesegnet. Zunächst nicht die Synagoge. Sie ist in den neun Geheilten des Evangeliums gemeint, die nicht zu J esus zurÜckkehrten, Ihm zu danken. Die Synagoge, das Judentum, schreibt das ihm gewordene Gute nicht Christus, sondern der eigenen Gesetzestreue, der menschlichen MÜhewaltung zu. Es kennt deshalb keine "eucharistia", keinen Dank an Christus. Ihm ist Christus nicht das Hell. Einer nur von den zehn

320 Die Zeit nach Pfingsten: Vierzehnte Woche. Geheilten kehrt zum Herrn zurÜck: ein Samariter, ein N ichtj ude. Er lobt Gott mit lauter Stimme. Er schreibt seine Heilung Gott, J esus zu. Er anerkennt, daß in J esus das Heil ist, nicht in dem eigenen Tun des Menschen, in den Werken, in der ErfÜllung. des Gesetzes des Alten Testamentes. Er tritt aus dem Gesetz des Moses heraus und hält sich an Christus. Er ist Typus der Kirche. Sie ist aus den Heiden und SÜndern berufen, "auf Grund des Glaubens an Christus". Sie glaubt, daß in Jesus allein die Rettung, die Erlösung ist. Sie wird nicht mÜde, zum Herrn zurÜckzukehren, um Ihm zu danken. Sie feiert ununterbrochen die Eucharistie, die Danksagung. Sie singt unermÜdlich das Lob des Herrn. "Auf Dich vertraue ich, 0 Herr, Christus. Ich sage:

Du bist mein Gott, in Deinen Händen ruhet mein Geschick" (Offertorium). Christus allein! "Es ist unter dem Himmel den Menschen kein anderer Name gegeben", durch welchen wir das Heil erlangen sollen (Apg. 4, 12).

3. Wir verstehen, was die Liturgie heute meint.

Wir glauben an Christus. An den Christus des Evangeliums, der Liturgie, der katholischen Kirche. Wir stehen zu Christus. zum Christus unserer Kirche. "Selbst wenn ein Engel vom Himmel euch einen andern Christus verkÜndigte, als wir euch verkÜndigt haben: er sei verflucht!" (Gal. 1,8.) In Ihm, in Ihm allein werden wir gerettet.

Allein der Glaube an Christus setzt uns in den Besitz der Erlösung und sichert uns das ewige Leben. Freilich der Glaube, der "durch die Liebe tätig ist" (Gal. 5,6). "Ohne den Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen" (Hebr. II, 6). Aber ebenso bleibt es wahr, daß die Liebe das Höchste ist. "Hätte ich allen Glauben, so daß ich Berge versetzte, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich ein Nichts" (I Kor. 13, 2).

In den Geheilten des Evangeliums erkennen wir uns selbst. In der heiligen Taufe hat der Herr uns,

,.

Sonntag: Christus allein.

321

ohne unser Verdienst, aus reinem liebenden Erbarmen vom Aussatze unserer Sünden gereinigt. Oft und oft in der zweiten Taufe, im heiligen Sakrament der Buße. "Gehet hin und zeiget euch dem Priester!"

Wir kommen heute, um Gott, dem Herrn, in würdiger Weise für die unendliche Liebe zu danken, die Er uns in so vielen Gnaden, täglich, stündlich erwiesen. Auch wo wir nicht daran dachten. Auch wo wir uns der neuen Gnaden unwürdig gemacht haben. Auch nachdem wir Ihn oft verlassen, Ihn hinter unserer Eigenliebe zurückgestellt haben.

Wir danken dem himmlischen Vater vor allem dadurch, daß wir Ihm in der Feier der heiligen Messe zum Dank für all Seine Liebe und Gnaden unsere Opfergabe weihen, das Fleisch und Blut, das Herz unseres Heilandes J esus: "Durch Ihn und mit Ihm und in Ihm wird Dir, Gott, allmächtiger Vater, in der Einheit des Heiligen Geistes, alle Ehre und Verherrlichung" und eine vollwertige Danksagung durch unsere reine, heilige Opfergabe, die wir Ihm darbringen dÜrfen.

Wir danken dem Herrn für die Gnade der heiligen Taufe, des heiligen Bußsakramentes, der heiligen Eucharistie mit unserem Gebet, vor allem aber mit unserem Leben: mit der Treue gegen die Gnade und die Versprechungen der heiligen Taufe; mit der Treue in der Erfüllung unserer Pflichten des Gebetes und der Arbeit; mit dem aufrichtigen, ernsten Streben, uns von jeder Sünde und bewußten, freiwilligen Untreue und Unvollkommenheit frei zu halten und unser Leben in Liebe für Ihn zu verzehren.

Gebet.

Allmächtiger ewiger Gott, gib uns Wachstum in Glaube, Hoffnung und Liebe; und damit wir zu erlangen verdienen, was Du verheißest, laß uns lieben, was Du gebietest. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Baur, Werde Lieht. Ill.

21

322 Die Zeit nach Pfingsten: Vierzehnte Woche.

Montag der vierzehnten Woche nach Pfingsten.

Das Bundesvolk.

1. Die Kirche ist in schwerer Bedrängnis. Sie ruft zum Himmel empor: "Herr, schau auf Deinen Bund" (Introitus). Ein Appell an Gottes Bundestreue ! Er hat ja mit Seinem auserwählten Volke, mit der Kirche, einen Bund, den N euen Bund, geschlossen. Er hat sich im Bunde verpflichtet, sich Seines Volkes, Seines E igentumes anzunehmen. Der Kirche, der Getauften Sache ist Gottes Sache. "Herr, schau auf Deinen Bund, verlasse Deine Armen nicht. Erhebe Dich, 0 Herr, fÜhre Deine Sache" (Introitus),

2. Die ses ist das B I u t des B und es, den der Herr mit euch geschlossen hat" (2 Mos. 24, 8), Von Anfang an schließt Gott mit der Menschheit einen Bund. Adam hat gesÜndigt. In unendlichem Erbarmen kommt Gott der gefallenen Menschheit entgegen und verheißt ihr den Erlöser. "Feindschaft will Ich setzen zwischen dir, der Schlange, und dem Weibe. Sie wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihrer Ferse nachstellen" (I Mos. 3, lS)· Ein Bund Gottes mit der Menschheit zur überwindung der Schlange, der Sünde, zur Erlösung und Rettung des gefallenen Geschlechtes! Die SÜnde der Menschen wird Übergroß. Der Herr schickt die Sintflut. Nach der Flut erneuert Gott den Bund mit Noe, dem zweiten Stammvater der Menschen. Später mit Abraham, dem Vater des Volkes Israel. Endlich ganz feierlich am Berge Sinai mit dem aus Ägypten befreiten Volke. Unter Blitz und Donner verkÜndet Gott von der Höhe des Berges herab das Bundesgesetz. Moses zeichnete es auf. Ein Altar wird errichtet. Sie opfern dem heiligen Gott und geloben, das ihnen von Gott verkÜndete Gesetz, die Zehn Gebote, zu beobachten. Dann nimmt Moses vom Blut der geopferten Tiere. Den einen Teil sprengt er an den Altar, mit dem andern besprengt er das Bundesbuch und das Volk. "Das ist das Blut des Bundes,

Montag: Das Bundesvolk.

den der Herr mit euch geschlossen hat Über alle diese Worte" und Gebote, die im Bundesbuch niedergelegt sind. "Ich bin der Herr. Ich will euch aus dem Kerker der Agypter herausfÜhren und euch aus der Knechtschaft befreien, Ich will euch Mir zum Volk nehmen und euer Gott sein" (2 Mos. 6, 6 f.). "Wohl dem Volk, dessen Gott Jahve, der Herr ist!" jubelt der Psalmist (Ps. 143, 14). Er preist Israel glÜcklich, daß der Herr es zu Seinem Volk und Eigentum erwählt hat. Der Herr ist Seinem Volke "Fels", das Felsenfundament, auf dem es sicher steht. Er ist ihm "Liebe". Er hat es gleichsam auf Seine Hand gezeichnet, um es nie zu vergessen, In den Zeiten der Bedrängnis ist ihm der Bundesgott eine starke, unbezwingbare Feste, eine Burg, der Erretter, Schild und Zuversicht. Nicht in eigener Kraft erobert Israel das gelobte Land und hält es durch die langen Jahrhunderte hindurch die Feinde fern: nur in der Kraft des Bundesgottes, der ihm die Erlösung zugesagt. Wohl ist ~es von Feinden bedrängt. Aber es vertraut auf seinen Gott. "Herr, neige Deine Himmel und steig herab. RÜhre die Berge an, daß sie rauchen. Laß Deine Blitze zucken und zerstreue die Feinde, sende Deine Pfeile und verwirre sie. Reich aus der Höhe Deine Hand, befreie mich, entreiße mich der großen Flut. Wohl dem Volk, dessen Gott Jahve ist! (Ps. 143, I ff.)

"D i e ses ist M ein B 1 u t des Neu e n B u ndes," Den vollkommenen, endgÜltigen Bund sohließt Gott mit der Menschheit in Christus J esus, unserem Herrn. Einen unabänderlichen Bund voll Herrlichkeit, Gnade und ewiger Werte. "Schlachtopfer und Speiseopfer verlangst Du, Vater, nicht. An Brandopfern und SÜndopfern hast Du kein Wohlgefallen. Da sprach Ich: Siehe, Ich komme, Deinen Willen zu tun, 0 Gott, so wie in der Buchrolle von Mir geschrieben steht" (Hebr. IO, 5 ff.). Ein Bund deli Vaters mit dem menschgewordenen Gottessohn, ein Bund zu unserer Erlösung! Der Herr tritt in diese

21*

324 Die Zeit nach Pfingsten: Vierzehnte Woche. Welt ein. In Seiner Menschwerdung kleidet Er sich in unsere Menschennatur und geht an das große Werk" das Er auf sich genommen. "Ich komme, Deinen Willen zu tun." In der Armut der Krippe und des Stalles von Bethlehem, in dem Leben des Gebetes und der Arbeit von N azareth, in den MÜhen und Entbehrungen der öffentlichen Wirksamkeit, in deu Leiden, Entehrungen und VerdemÜtigungen der Passion. "Ich bin gekommen, nicht Meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der Mich gesandt hat" (Joh. 6,39). "Das ist Mein Blut des Neuen Bundes." In Seinem Blut ist der Neue Bund geschlossen und besiegelt. Der Zorn des Vaters ist besänftigt. Die Macht der SÜnde und der Hölle ist gebrochen. Der Himmel ist aufgeschlossen. Wir sind Kinder des Vaters, "Geliebte, Auserwählte" (Kol. 3, T2), "in Christus J esus mitauferweckt und mitversetzt ins Himmelreich" (Eph. 2,6). "ln unsere Herzen ist die Liebe Gottes ausgegossen durch den Heiligen Geist, der uns geschenkt ist" (Röm. 5,5). Unser sind die Sakramente mit ihren Gnaden, unser ist die Kirche mit ihren unerschöpflichen ReichtÜmern der Wahrheit, des Lebens, der Kraft. Alles gegrÜndet auf dem Bund, den Gott in Christus und durch Christus mit uns geschlossen hat. Alles ohne unser Verdienst und Dazutun. Alles noch lange, bevor wir existierten oder jemand, außer Gott, an uns dachte. Alles in der unvergänglichen Dauerhaftigkeit und Festigkeit eines von Gott geschlossenen Bundes. " Ich will euch Mir zum Volke nehmen und euer Gott sein" (2 Mos. 6, 6). "Heil dem Volke, dessen Gott der Herr ist!" (Ps. 143, 14.) Wir sind das Volk des N euen Bundes, des Bundes der Gnade, der Erlösung, die uns durch ein heiliges Vermächtnis zugesichert ist. Wir danken! Wir sind glücklich, das Bundesvolk des N euen Bundes zu sein!

3. "Dem Abraham und seinem Nachkommen sind die Verheißungen gegeben worden", nämlich Christus, dem Haupt der Kirche, in Christus und der

Monta~: Das Bundesvolk.

325

Kirche uns allen. Im Neuen Bund, der mit Christi Blut besiegelt ist, sind sie niedergelegt, die Fülle der Wahrheit und Gnade. In der heiligen Taufe sind wir Glieder des Neuen Bundes geworden. Unser sind all seine Reichtümer der Erlösung. Wir brauchen nur immer mehr uns Christus und Seiner Kirche einverleiben lassen. Er ist die Fülle der Gnaden, der Ozean des göttlichen Lebens. In Ihm Ist alle Heiligkeit in ihrer letzten Fülle vorhanden. Also hin zu Christus!

In der Feier der heiligen Messe fließt das Blut des N euen Bundes geheimnisvoll auf dem Altar. Es wird uns als unsere Opfergabe in die Hand gelegt, damit wir es Gott anbieten zur SÜhne für unsere SÜnden, zur Erlangung der Gnaden und Hilfen fÜr uns, fÜr unsere BrÜder in Christus, für die ganze Menschheit. "Herr, schau auf Deinen Bund, auf das Blut des N euen Bundes, und verlasse Deine Armen doch nicht ganz und gar. Erhebe Dich, Herr, und fÜhre Deine Sache." Kraft des Bundes sind wir Dein Eigentum, Dein Volk. Unsere Sache ist Deine Sache! "Sei eingedenk der Schande Deiner Knechte" (Graduale), der Schmach, die man in Deinem Bundesvolke Dir antut. In dem Empfang der heiligen Kommunion wird das Blut des Bundes über unsere Seelen gesprengt. Der Herr schließt Seinen Bund im Blute J esu, das unsere Seelen berÜhrt, neu. Auch wir bekräftigen und erneuern in der heiligen Kommunion unsere Hingabe an Gott. "Du bist mein Gott, in Deinen Händen ruhet mein Geschick" (Offertorium). Dein bin ich, Dein will ich sein.

Gebet.

Allmächtiger ewiger Gott, gib uns Wachstum in Glaube, Hoffnung und Liebe. Und damit wir zu erlangen verdienen, was Du verheißest, laß uns lieben, was Du gebietest. Durch Christus u.nsern H~rrn, Am~n,

326 Die Zeit nach Pfingsten: Vierzehnte \\loche. Dienstar der vierzehnten Woche nach Pfingsten, Ver h eiß u n gen G 0 t t e s und C h r ist i.

1. "Dem Abraham und seinem Nachkommen sind die Verheißungen gegeben worden. Gott sag-t: un.d deinem Nachkommen, in der Einzahl, nämlich Christus" (Epistel), d. i. dem ganzen Christus, dem mystischen Leib Christi, der Kirche, uns, den gesegneten Kindern des N euen Bundes. Ist schon der Alte Bund auf Verheißungen gegrÜndet, die sicher in ErfÜllung gehen, an denen ein Israelit trotz aller Einwände der Vernunft und der Lebenserfahrung nie zweifeln kann, so erst recht der Neue Bund. Dieser ist in Christus beschlossen. Von Christus aber bezeugt der Apostel: "In Ihm haben sämtliche Verheißungen Gottes ihr Ja gefunden; darum sprechen wir durch Ihn, durch Christus, Gott zum Preise das Amen. Ja, so ist es" (2 Kor. I, 20). Das ist dem Apostel die "Heilsbotschaft, daß nämlich wir Heiden in Christus Miterben und Mitteilhaber der Verheißung sind" (Eph. 3, 6). Wir sind "die Kinder der Verheißung" (Gal. 4, 28).

2. "S ä m t 1 ich e Ver h eiß u n gen Go t t e s haben in Christus ihr Ja gefunden"(2Kor. I, 20). Was immer Gott den Vätern des Alten Bundes an Erlösung, an Segen, an Gnade, an himmlischem Lohn verheißen hat, ist uns in Christus geschenkt. In Christus, in Ihm allein, ist das Heil, die FÜlle, die Zusammenfassung aller HeilsgÜter, die Gott der Menschheit und den einzelnen Menschen zugedacht hat. Das ist der Heilsplan Gottes. "Er hat Seine Liebe an uns dadurch geoffenbart, daß Er Seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch Ihn leben" (I Joh. 4, 9). Er hat "Seinen eingeborenen Sohn dahingegeben" (J oh. 3, 16), damit dieser unser Bruder werde und wir dereinst Seine Miterben seien, im Mitbesitz Seiner Gnade und Herrlichkeit, "um so in den zukünftigen Zeiten den Überschwenglichen Reichtum

Dienstag: Verheißungen Gottes und Christi. 327 Seiner Gnade kundzutun" (Eph. 2, 7). Alles gibt uns Gott in Seinem Sohn J esus Christus. Nur in Ihm und durch Ihn will sich Gott mit uns und können wir uns mit Ihm verbinden. "Niemand kommt zum Vater als durch Mich" (Joh. 14, 6). Christus ist der Weg, der einzige Vveg, der uns zum Vater fÜhrt. "Ohne Ihn können wir nichts tun" (Joh. 15, 5), so wenig wie der Rebzweig Frucht bringen oder auch nur leben kann, wenn er nicht am Weinstock bleibt. "Er wird weggeworfen und verdorrt; man hebt ihn auf und wirft ihn ins Feuer, wo er verbrennt" (Joh. 15, 6). "Es kann niemand einen andern Grund legen als den, der gelegt ist, nämlich J esus Christus." Auf diesem Fundament haben wir und hat jeder aufzubauen. "Ein jeder sehe zu, wie er weiterbaue : ob er auf diesem Grund mit Gold, Silber und Edelsteinen baue, oder ob mit Holz, Heu und Stroh" (I Kor. 3, I I f.). Gott legt also die FÜlle Seines Lebens in die hochheilige Menschheit Christi hinein. Durch diese teilt Er es der Kirche, den einzelnen mit "nach dem Maße, in welchem Christus sie weitergibt' (Eph. 4, 7). Wir sind demnach nur in dem Maße des göttlichen Lebens und der göttlichen Heiligkeit teilhaftig, als Christus in uns lebt. Nur eine solche Heiligkeit will Gott von uns: entweder sind wir heilig in Christus oder Überhaupt nicht. Wir sind auserwählt "nicht unserer Werke wegen, sondern nach der Gnade, die uns in Christus Jesus verliehen ist" (2 Tim. I, 9)· So sehr ist Christus der Mittelpunkt, der Quell, die ErfÜllung und Zusammenfassung alJer Verheißungen. In Ihm allein ist das Heil, alles Heil, alle Gnade, alle Erlösung, alJe Hoffnung. So glaube1l wir. In diesem Glauben leben wir. "Auf Grund des Glaubens an J esus Christus wird nur denen, die glauben, die Verheißung zuteil" (Epistel).

Christus Jesus gibt auch Seinerseits Ver h eiß u n gen. Er gibt uns Verheißungen, deren ErfÜlJung in der Zukunft liegt. Er gibt Seiner

- 328 Die Zeit nach Pfingsten: Vierzehnte Woche.

Kirche die Verheißung, daß die Pforten der Hölle sie nicht Überwältigen werden. Er gibt ihr die Verheißung, daß Er alle Tage bei ihr sein werde bis zum Ende der Tage (Matth. 28, 20). Er gibt uns die Verheißung, daß Er dereinst mit Macht un,d Herrlichkeit wiederliommen werde (Matth. 24. 20). "Es kommt die Stunde, da alle, die in den Gräbern sind, Seine (des Menschensohnes) Stimme hören werden. Die Gutes getan haben, erstehen dann zum Leben, die aber Böses, zum Gerichte" (Joh.5, 28 f.). Er gibt uns eine zweite Reihe von Verheißungen. Es sind Verheißungen, die uns allen gelten und die uns als Hilfen und StÜtzen für unser persönliches christliches Leben und Streben gegeben sind. "Wer in Mir bleibt und in wem Ich bleibe, der bringt viele Frucht" (Joh. IS, S). "Wer Mich liebt, der wird auch von Meinem Vater wiedergeliebt; auch Ich werde ihn lieben und Mich ihm offenbaren" (Joh. 14, 21). "Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich. Selig die Trauernden, sie werden getröstet werden. Selig, die Hunger und Durst haben nach der Gerechtigkeit, nach Tugend und Heiligkeit, sie werden gesättigt werden. Selig, die reinen Herzens sind, sie werden Gott schauen. Selig ihr, wenn euch die Menschen schmähen und verfolgen und lÜgenhaft alles Böse Über euch aussagen: euer Lohn ist groß im Himmel" (Matth. S, 3 ff.). "Man wird euch den Gefängnissen Überliefern una vor Könige und Statthalter schleppen, um Meines N amens willen. Macht euch dann keine Sorge, wie ihr Rede stehen sollet. Denn Ich werde euch Beredsamkeit und Weisheit geben, der alle eure Widersacher nicht zu widerstehen vermögen. Ihr werdet sogar von den eigenen Eltern, Verwandten und Freunden ausgeliefert werden. Um Meines Namens willen werdet ihr von allen gehaßt werden. Aber kein Haar von eurerri Haupte soll verloren gehen" (Luk. 21, 8 ff.). "Dies habe Ich zu euch gesagt, auf daß ihr in Mir den Frieden habt. In der Welt

Dienstag: Verheißungen Gottes und Christi. 329 leidet ihr Drangsal: aber seid getrost, Ich habe die Welt Überwunden" (Joh. 16, 33). Er gibt uns Verheißungen, die sich an jene wenden, die aus Liebe zu Ihm alles verlassen. "Wahrlich, Ich sage euch:

Wer immer Haus, Bruder, Schwester, Vater, Mutter, Weib und Kind und Acker um Meines Namens willen verläßt, wird Hundertfältiges dafür erhalten und dazu das ewige Leben" (Matth. 19, 29). "Auf Grund des Glaubens an J esus Christus wird denen, die glauben, die Verheißung zuteil" (Epistel). Es sind nicht leere Worte, es sind untrügliche, göttlich sichere Worte. Wir dürfen daran keinen Abzug machen, wir dÜrfen sie nicht abschwächen. Gott, Christus ist göttlich treu. Wir haben nur zu glauben, die uns gegebenen Verheißungen freudig zu bei ahen.

3. In Christus, in Ihm allein, sind die Verheißungen, die den Vätern gegeben waren, erfüllt. Also in Christus allein haben wir die Erlösung, den Segen, das himmlische Erbe. Darum stehen wir zu Christus. "Ich weiß, wem ich Glauben geschenkt habe, und ich bin gewiß, daß Er die Macht hat, mein Ihm anvertrautes Gut bis auf jenen Tag (der Ewigkeit) aufzubewahren" (2 Tim. I, 12).

Neue Verheißungen werden uns nicht mehr gegeben. Die uns gegebenen Verheißungen sind so erhaben und umfassend, daß sich nichts auf der Welt mit ihnen vergleichen läßt. Hätten wir sie nur lebendig vor Augen! Wie viel Minderwertiges und Verkehrtes, das unserem christlichen Leben und unserer Frömmigkeit anhaftet, kommt gerade davon her, daß wir der großen Verheißungen vergessen, die uns von Gott und Christus gegeben sind! Es fehlt uns am Glauben, am lebendigen, bewußten Glauben! Und daher an innerem GlÜck, an der innern Kraft und Glut. "Unsere Kraft liegt in der Freude am Herrn" (Esdr. 8, 10).

....-JßD Die Zeit rr!lch Pfirrj;sterr: Vierzehnte Woch~.

Ge b e t.

Allmächtiger ewiger Gott, gib uns Wachstum in Glaube, Hoffnung und Liebe. Und damit wir zu erlangen verdienen, was Du verheißest, laß uns lieben, was Du gebietest. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Mittwoch der vierzehnten Woche nach Pfingsten.

"G rat i a sag a mus Dom in 0 Deo nos t r 0."

1. Zehn Aussätzige werden gereinigt. Nur ein einziger kehrt zum Herrn zurück, Ihm fÜr seine Heilung zu danken. "Wo sind denn die übrigen neun?" Ein sprechendes Bild der Kirche aus den Heiden, die im Blute des Herrn und in den Wassern der Taufe gereinigt, zum Herrn zurückkehrt, Ihm zu danken. "Gratias agamus Domino Deo nostro."

2. "E s ist bill i gun d h eil sam, Dir immer und üoerall Dank zu sagen, heiliger Herr, ewiger Gott, durch Christus unsern Herrn" (Präfation der Messe). Der Kirche Beten geht zuerst auf Gott. Es ist Anbetung, Lobpreisung, Danksagung. Jeden Morgen gedenkt sie beim Aufgang der Sonne jenes gesegneten Augenblickes, da es in ihren Kindern, im Empfang der heiligen Taufe, Licht wurde und sie aus dem Grabe des Sündentodes zum Leben auferstanden. In den Cantica der Laudes und vornehmlich im Lobgesang des Zacharias sendet die Kirche ihren Dank dafür zum Vater im Himmel empor, daß Er an ihren Kindern das Wunder der geistigen Auferstehung vom Tode zum Leben gewirkt hat. Die Sonne steigt höher. Die Kirche tritt in ihren Priestern an den Altar und feiert das heilige Opfer. Es ist das Opfer des Dankes für die Wohltat der Erschaffung, Erhaltung und Regierung der Welt; für die Gnade der Menschwerdung des Sohnes Gottes, fiir die Gnade der Erlösung und der Sendung

Mittwoch: "Gratias agamus Domino Deo nos.tro". 3 3 I de! Heiligen Geistes. Das Opfer des Dankei für die Gnade der Gotteskindschaft, der 'Einwohnung Gottes in den Seelen, der Einverleibung in Christus, das Haupt, die den Kindern zuteil geworden ist. Das Opfer des Dankes für die Erhaltung und Leitung der Kirche durch die Jahrhunderte und J ahrtausende, für die Ausbreitung der Kirche über die ganze Erde, fÜr die ununterbrochenen Gnaden des Beistandes, mit denen Gott zu ihren Kindern spricht, sie erleuchtet, sie mahnt, sie anregt, sie stützt, hält und göttlich weise fÜhrt. Gegen Abend, zur Vesper, schaut die Kirche dankbar auf den ablaufenden Tag zurück. Sie gedenkt der Gnaden, sie gedenkt vor allem der großen Gottesempfängnis, die sich in der heiligen Kommunion an ihren Kindern verwirklicht hat. Dankbar kleidet sie ihren Dank in den Hochgesang der jungfräulichen Gottesträgerin Maria und in den Lobgesang des greisen Simeon:

"Hoch preiset meine Seele den Herrn, und mein Geist frohlockt in Gott, meinem Heilande. Denn Großes hat (heute) an mir getan der Mächtige, dessen N amen heilig ist und dessen Erbarmen währt von Geschlecht zu Geschlecht" (Luk. I, 46). Und:

"Nun lässest Du Deinen Knecht in Frieden scheiden, denn meine Augen haben (heute) Dein Heil geschaut" (Luk. 2, 29), Deine Gnade und Liebe erfahren.

"Durch Christus unsern Herrn." Die Kirche ist sich einer Dankesschuld gegen Gott bewußt, so groß, daß sie dieselbe aus sich allein nie abtragen kann. Auch wenn alle Chöre der Engel und Seligen miteinstimmen: es ist keine Danksagung, wie sie Gott und den Gnaden und Gaben entspricht, die Er den Kindern der Kirche schenkt. Sie dankt deshalb "durch Christus, unsern Herrn". Er, der Mittler zwischen Gott und uns Menschen, macht die Sache Seiner Braut, der Kirche, zu Seiner eigenen Sache. Er vereinigt die Danksagungen Seiner Kirche l,lnd aller Kinder der Kirche mit den \lnendlich

332 Die Zeit nach Pfingsten: Vierzehnte Woche. wertvollen Danksagungen, die unaufhörlich aus Seinem heiligsten Herzen zum Vater emporsteigen. Er durchdringt die Danksagungen, welche die Kirche Gott weiht, mit dem Duft und mit der Kraft Seiner gottmenschlichen Danksagungen. Durch Ihn, den Mittler, bringt auch die Kirche Gott einen vollkommeneren, Gottes und der Gnaden- und Liebeserweise Gottes ebenbürtigen Dank dar. Was als Dank zu Gott emporsteigt, kommt als Segen, als Gnade auf die Kirche und auf die Kinder der Kirche zurück und drängt zu einem neuen, täglich tiefer empfundenen "Gratias agamus Domino Deo nostro".

3. Der Geist der Kirche ist ein Geist der Dankbarkeit. Je mehr wir uns der Frömmigkeit der Liturgie anschließen, um so mehr sind auch wir der Samariter, der geheilt zurückkehrt und Gott die Ehre gibt.

"Sind nicht zehn geheilt worden? Wo sind denn die übrigen neun?" Mit tiefem Leid erkennt die heilige Liturgie in den Geheilten, die aber nicht zum Herrn zurückkehren, eine große Zahl ihrer Kinder, die in der heiligen Taufe gereinigt sind; die in der ersten heiligen Kommunion die Liebe des Eerrn an sich erfahren haben; die vom Herrn besonders geliebt und auserwählt sind, zum Kusse Seines Mundes (Hohe!. I, I) zugelassen sind. Sie vergessen der Liebe, der Wohltat, die sie vom Herrn unverdienterweise, aus reiner Liebe empfangen, und kommen nicht zurück, Gott zu loben und dem Heiland zu danken. Eine erschreckende Proportion! Zehn sind vom Herrn gereinigt. Nur einer dankt. Und der "ist ein Samariter, ein Fremdling", nicht einer aus dem auserwählten Volke! Gerade die Kinder der Auserwählung, gerade die von Gott besonders reich mit Gnaden und Wohltaten Bedachten, gerade diejenigen, die im täglichen Leben von allen Seiten mit Gnaden umgeben sind, sind die Undankbaren. Sie achten der Auserwählung, der Gnaden nicht mehr. Sie wohnen mit dem Berrn unter einem

Donnerstag: Der Glaube an Jesus Christus. 333 Dach; sie haben so nah' zum Tabernakel; sie haben die heilige Messe; den sakramentalen Segen und so viele andere Gnaden. Und sie schätzen sie nicht. benützen sie nicht, danken nicht dafür! Wo sind denn die übrigen neun? Nur einer aus zehn! Gehöre ich zu den Undankbaren?

Ge be t.

Allmächtiger ewiger Gott, gib uns Wachstum in Glaube, Hoffnung und Liebe. Und damit wir zu erlangen verdienen, was Du verheißest, laß uns lieben, was Du gebietest. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Donnerstag der vier.zehnten Woche nach Pfingsten.

Der G 1 a u b e a n J e s u s C h r ist u s.

I. Mit Zähigkeit und Festigkeit ereifert sich die Liturgie für Christus: daß Er der Herr sei; daß Er in unserem Denken und Leben den ersten Platz einnehme; daß wir das Gute, das wir in uns finden, Ihm und Seinem Gnadenwirken in uns zuschreiben. "Von Seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade um Gnade" (Joh. I, 16). "Alles ist der Sünde verfallen, damit die Verheißung denen zuteil würde, die glauben, und zwar auf Grund des Glaubens an ] esus Christus" (Epistel ).

2. "D u r c h den GI a u ben a n C h r ist u s werden wir gerechtfertigt" (Ga!. 2, r6). Denn "alles ist der Sünde verfallen, Juden und Heiden, damit die Verheißung, die verheißene Erlösung, den Gläubigen zuteil würde auf Grund des Glaubens an Christus Jesus" (Epistel). Nicht auf Grund der Beobachtung des von Moses verkündeten Gesetzes, des eigenen, menschlichen M ühens und Ringens. "Denn alle haben gesündigt und sind der Herrlichkeit Gottes, der Teilnahme am göttlichen Leben, verlustig gegangen. Sie werden gerechtfertigt, ohne Verdienst, durch Seine Gnade, auf Grund der Er-

334 Die Zeit nach Pfingsten: Vierzehnte Woche. lösung durch Christus. Ihn hat Gott als blutiges Versöhnungsopfer hingestellt, damit jeder gerecht sei, der an Jesus Christus glaubt. Wo bleibt also das Rühmen? Es ist ausgeschlossen, durch das Gesetz nicht der Werke, sondern des Glaubens. Denn' der Mensch wird durch den Glauben gerechtfertigt, ohne die Werke des Gesetzes" des Alten Bundes (Röm. 3, 23 ff.). "Durch den Glauben an Jesus Christus seid ihr Kinder Gottes. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Da gilt nicht mehr Jude oder Heide, nicht mehr Unfreier oder Freier: in Christus seid ihr alle eins. Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr auch Abrahams Nachkommen und Erben, der Verheißung zufolge" (Ga!. 3, 26 ff.). Hier stehen wir im M ittelpunkt der Heils- und Gnadenökonomie: Wir empfangen die Gnade, die Gotteskindschaft durch den Glauben an J esus Christus. "Alle seid ihr Kinder Gottes durch den Glauben an J esus Christus" (Ga!. 3, 26). Durch den Glauben, versichert uns der heilige Apostel Johannes, nehmen wir das fleischgewordene Wort Gottes auf (Joh. I, I2). Durch den Glauben werden wir eins mit Ihm. Im Glauben geben wir uns Ihm hin. Er führt uns zum Vater, zum Mitbesitz des göttlichen Lebens. Je vollkommener, tiefer und fester unser Glaube an J esus, den Sohn Gottes, ist, desto größer wird unser Anrecht darauf, daß wir Kinder Gottes seien und am göttlichen Leben teilhaben. Mit Recht sagt demnach das Konzil von Trient: "Ohne Glauben ist es unmöglich, zur Kindschaft Gottes zu gelangen" (6. Sitzung, Kap. 8). Diesen Glauben haben wir in der heiligen Kirche und nur in ihr, im engen Anschluß an ihr Lehramt. •

"S t e hau fun d geh, dei n GI a u b e hat dir geh 0 I f e n" (Evangelium). Der vom Aussatz gereinigte Samariter kehrt zu J esus zurück, "fällt Ihm zu Füßen aufs Angesicht und dankt Ihm". Der Herr aber spricht zu ihm: "Stehe auf. Dein Glaube

Donnerstag: Der Glaube an ] esus Christus. 335 hat dir geholfen." Immer und immer ist es der Glaube an J esus, den GottessohIl, den der Herr verlangt. "N ach eurem Glauben geschehe euch", sagt Er zu den zwei Blinden, die von Ihm geheilt.werden wollen. "Und ihre Augen wurden aufgetan" (Matth. 9, 29 f.). "Glaube nur", sagt Er zum Synagogenvorsteher, dessen Tochter bereits gestorben war. "Glaube nur, und sie wird leben" (Luk. 8, 50). Den Glauben macht Er zur unerläßlichen Vorbedingung Seiner Wunder. Dem Glauben kann Er nichts versagen. Um des Glaubens willen gibt Er der reuigen Sünderin die N achlassung der Sünden (Luk. 7, 50) und erschließt Er dem guten Schächer am Kreuz den Zugang zum ewigen Leben. "Wahrlich, heute noch wirst du bei Mir im Paradiese sein" (Luk. 29, 43). Der Glaube, den der Herr verlangt, ist der Glaube an ] esus, den Sohn Gottes, der Mensch geworden ist, um uns zu erlösen. Der Glaube an das Zeugnis, das dreimal über Jesus vom Himmel erscholl: "Dieser ist Mein geliebter Sohn, an dem Ich Mein Wohlgefallen habe. Ihn höret!" (Matth. 3, I7; I7, 5; Joh. I2, 28.) "Der Vater, der Mich gesandt hat, hat Zeugnis für Mich abgelegt" (Joh. 5, 37). "Jeder, der den Sohn sieht und an Ihn glaubt, soll das ewige Leben haben" (Joh. 6, 40). "So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß Er Seinen eingeborenen Sohn dahingab, damit, wer an Ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe. Wer an Ihn glaubt, wird nicht gerichtet, wer aber nicht an Ihn glaubt, ist schon gerichtet, weil Er nicht an den Sohn Gottes geglaubt hat" (J oh. 3, I6-I8). Der Glaube an Jesus, den Sohn Gottes, ist die erste Voraussetzung, um das göttliche Leben zu haben. Der Glaube an die Gottheit Christi begreift zugleich alle übrigen geoffenbarten Wahrheiten in sich. Der Samariter, Typus der Kirche aus den Heiden, glaubt und vernimmt das Wort: "Steh auf und geh, dein Glaube hat dir geholfen."

3. Die Kirche glaubt an Jesus, den Sohn Gottes.

336 Die Zeit nach Pfingsten: Vierzehnte Woche.

Es haben im Laufe der Jahrhunderte die verschiedensten Irrlehrer Jesus, den Sohn Gottes, geleugnet. Die Kirche hält an ihrem Glauben unerschütterlich fest. Wir stehen zum Glauben der Kirche. "Jeder, der an den Sohn Gottes glaubt, soll das ewige Leben haben" (Joh. 6, 40).

"Dieser ist Mein geliebter Sohn" (Matth. 3, I7)· In diesem Zeugnis Gottes ist die gesamte Offenbarungswahrheit enthalten. In der Annahme dieses Zeugnisses ist auch unser ganzer Glaube enthalten. Wir glauben an Jesus, den Sohn Gottes. Damit glauben wir zugleich an die ganze Offenbarung des Alten Testamentes, das in Christus erfüllt ist. Wir glauben damit ebenso an die Offenbarunj:{ des Neuen Testamentes, an die Lehre der Apostel und der Kirche: die Lehre der Apostel und der Kirche ist ja nur die Entfaltung der Offenbarung, die Christus gegeben hat. Wer Christus im Glauben aufnimmt, nimmt die ganze Offenbarung auf. Wer Christus, den Sohn Gottes, verwirft, verwirft die ganze Offenbarung.

Die tiefinnerste überzeugung von Christus, dem Sohne Gottes, ist die erste Grundlage des übernatÜrlichen Lebens, der Heiligkeit. Auf dieser Grundlage baut unsere Mutter, die heilige Kirche, auf. Ihr "wird die Verheißung zuteil", denn sie glaubt.

Gebet.

Allmächtiger ewiger Gott, gib uns Wachstum in Glaube, Hoffnung und Liebe. Und damit wir zu erlangen verdienen, was Du verheißest, laß uns lieben, was Du gebietest. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Freitag der vierzehnten Woche nach Pfingsten.

Der h eil i g e G lau b e.

I. "Der Mensch wird durch den Glauben gerechtfertigt, ohne die Werke des Gesetzes" des Alten

Freitag. Der heilige Glaube. 337

Bundes (Röm. 3, 28). Durch den Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes. Alle sind an J esus Christus gewiesen. "Wer glaubt und sich taufen läßt, wird gerettet werden. Wer nicht glaubt, wird verdammt werden" (Mark. 16, 16).

2. "G ehe t hin und z e i g e t eu c h den P r i es t ern." So war es im mosaischen Gesetz angeordnet, daß, wer vom Aussatz geheilt ist, sich dem Priester vorzustellen hat. Der Priester stellt autoritativ fest, daß der Aussatz verschwunden ist. Die Aussätzigen machen sich auf den Weg in die nächste Priester stadt, um sich die Heilung bestätigen zu lassen. Neun von ihnen zeigen sich dem Priester und tun, was das Gesetz des Moses vorschreibt. Sie bauen auf die Werke des Gesetzes. Sie glauben, daß sie die Heilung diesen Werken zu verdanken haben. Deshalb kommt es ihnen nicht in den Sinn, zum Herrn zurückzukehren und Ihm zu danken. Es ist die unheilvolle Täuschung und Blindheit des Volkes Israel, als könnten die Werke, die Opfer, die Reinigungen, die Waschungen und Gebete, die vom Gesetze des Moses angeordnet sind, "das Leben verleihen" (Epistel). Die Täuschung, als käme das Leben der Gnade, das wahre Heil des Menschen, von irgendwo anders her als allein vom Glauben an Christus Jesus. Die Blindheit und, unheilvolle Täuschung jener, die sich auf das Tun, die Mühe, das Talent, die Kraft, das Genie des bloß natürlichen Menschen verlassen und glauben, der Übernatur entbehren zu können, die auf den Glauben an Christus, den Sohn Gottes, aufgebaut ist. "Nur wenn ein Gesetz gegeben wäre, welches das Leben verleihen könnte, käme die Rechtfertigung aus dem Gesetz. Allein die Schrift erklärt, daß alles der SÜnde verfallen ist, damit die Verheißung (die verheißene Rechtfertigung, Gnade, Erlösung) denen zuteil würde, die glauben, auf Grund des Glaubens an Jesus Christus" (Epistel). "Wer nicht glaubt, wird verdammt werden." In Christus allein ist

Baur, Werde Licht. Ur.

22

338 Die Zeit nach Pfingsten: Vierzehnte Woche. Hei!. Denn es ist den Menschen unter dem Himmel kein anderer Name gegeben worden, durch den wir das Heil erlangen sollen" (Apg. 4, 12) .•

"Steh auf und geh, dein Glaube ha.t dir geh 0 1 f e n." "Als aber einer sah, daß er rein sei, kehrte er um und lobte Gott mit lauter Stimme. Er fiel Jesus zu FÜßen und dankte Ihm." Er geht nicht zum Priester. Ihm ist es klar, daß er seine Heilung nicht den Werken des Gesetzes verdankt oder dem eigenen Mühen und BemÜhen. Er glaubt. "Dcin Glaube hat dir geholfen." Der Glaube an Jesus, den Sohn Gottes. Darum eilt er, sobald er bemerkt, dal3 CI' rein geworden ist, zurÜck und "lobt Gott mit lauter Stimme, fällt Ihm zu FÜßen aufs Angesicht und dankt Ihm." Der Liturgie ist er der Repräsentant derer, die glauben. Ihnen wird "die Verheißung zuteil, und zwar auf Grund des Glaubens an Jesus Christus" (Epistel). Ihnen gibt der Herr die Versicherung: "Dein Glaube hat dir geholfen." Denen, die sich auf die Werke des Gesetzes, auf das bloß natÜrlich-menschliche Tun verlassen und von ihm das Heil erwarten, gilt das furchtbare Wort~ "Wer nicht an den Sohn gl,mbt, der wird das Leben nicht schauen, vielmehr bleibt er de-m Zorn Gottes verfallen" (J oh. 3, 36).

3. Was uns das Evangelium von den zehn Aussätzigen berichtet, ist der Liturgie ein kategorisches "Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen" (Hebr. 11, 6). "Wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben." Und dieser allein. Denn "wer auf den Sohn nicht hören will, wird das Leben nicht schauen, sondern ist dem Zorne Gottes verfallen" (Joh. 3, 36).

In der heiligen Taufe wurde uns der Glaube in die Seele gepflanzt. Täglich stärken wir ihn, indem wir häufig Akte des Glaubens erwecken und beten:

Herr, mehre unsern Glauben. Je reiner und lebendiger unser Glaube an J esus, den Sohn Gottes, ist, um so fester, sicherer und fruchtbarer wird unser

Samstag: Wachstum in Glaube, Hoffnung u. Liebe. 339 geistliches Leben sein. Aus dem lebendigen Glauben an J esus, den Sohn Gottes, der uns geschenkt ist, entspringt unser geistliches Leben, die Heiligkeit. Zeigt J esus sich uns als hilfloses Kind in der Krippe, als Arbeiter in der Werkstätte, als Lehrer, der beständig dem Widerspruch der Feinde ausgesetzt ist; oder zeigt Er sich uns in der Schmach und Erniedrigung Seiner Passion und Seines Todes am Kreuze; oder zeigt Er sich uns in der Verborgenheit und Unbeachtetheit des Tabernakels; immer ist Er uns Christus, Gott und Mensch, an Majestät, Macht und Weisheit dem Vater wesensgleich. Dieser lebendige Glaube versenkt uns in die tIefste Anbetung und bewirkt in uns die Hingabe an den Willen dessen, der, Mensch, dennoch das bleibt, was Er ist, der allmächtige Gott, Gottes Sohn.

Der wahre Glaube an J esus, den Sohn Gottes, vollendet sich notwendigerweise in der Liebe. Er regt uns an, großmütig alles zu tun, was Jesus von uns verlangt, unerschütterlich fest zu stehen in den Versuchungen und st.ark zu sein in allem Leiden und Opfern.

"Auf Dich, 0 Herr, vertraue ich. Ich sag': Du bist mein Gott, in Deinen Händen ruht mein Geschick" (Offertorium).

Gebet.

Allmächtiger ewiger Gott, gib uns Wachstum in Glaube, Hoffnung und Liebe. Und damit wir zu erlangen verdienen, was Du verheißest, laß uns lieben, was Du gebietest. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Samstag der vierzehnten Woche nach Pfingsten. Wachstum in Glaube, Hoffnung und Li ebe.

r. Es ist Erntezeit. Gott hat den Fleiß des Landmanns gesegnet. Der im FrÜhjahr der Erde an- 22*

340 Die Zeit nach Pfingsten: Vierzehnte Woche. vertraute Same ist aufgegangen. Die zarten Keime sind langsam herangewachsen und zu schweren, wogenden Getreidefeldern geworden. Die Liturgie erinnert im Anblick des gesegneten Wachstums und Reifens auf den Feldern an das Wachstum im Innern des Menschen, an das Wachstum an Gnade und Tugend und betet: "Gib uns Wachstum in Glaube, Hoffnung und Liebe. Und laß uns lieben, was Du

gebietest. "

2. "Wachstum in Glaube, Hoffnung und

Li e b e." Die neun vom Aussatze Geheilten des Evangeliums nehmen die Wohltat entgegen, die der Herr ihnen erwiesen hat. Wenn sie nur geheilt sind, in ihre Familie zurückkehren und wieder arbeiten können. Weiter denken sie nicht! Ein Bild der vielen, die die Gaben und Wohltaten vom Herr.n annehmen, das Leben, die Gesundheit, die Kräfte des Körpers und des Geistes. Aber sie denken nicht weiter. Das Ewige, das übernatürliche, das Göttliche hat für sie wenig Interesse. Sie leben dem Diesseitig-N atürlichen und bemühen sich mit Einsatz aller ihrer Kräfte darum, daß sie in den irdischen Belangen vorankommen. So der Einzelne, so die Gesamtheit. Diesem einseitig natürlich-menschlichen, diesseitigen Sinnen und Trachten stellt die Kirche das Streben nach den geistig-übernatürlichen Werten entgegen. "Wachstum in Glaube, Hoffnung und Liebe." An erster Stelle das Leben der Gnade, der übernatur. "Suchet zuerst das Reich Gottes und Seine Gerechtigkeit, das, was vor Gott recht ist" (Luk. 12, 31). "Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber an seiner Seele Schaden leidet?" (Mark. 9, 36.) Zuerst Gott und das Leben für Gott, aufgebaut auf den Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe! Zuerst das übernatürliche Leben der Seele, der religiösen Innerlichkeit, der Gottverbundenheit, dann erst die Sorge und das Mühen um die zeitlichen Dinge! Die Kirche sieht mit Schmerz, wie ein Großteil ihrer

Samstag: Wachstum in Glaube, Hoffnung u. Liebe. 341 Kinder verweltlicht und veräußerlicht ist, fast nur natürlich-irdisch denkt und das Leben der übernatur, der Gnade vernachlässigt. Für diese alle fleht sie um "Wachstum in Glaube, Hoffnung und Liebe". Wir teilen den Schmerz der Mutter und flehen mit ihr:

"Gib uns Wachstum in Glaube, Hoffnung und Liebe."

"L a ß uns 1 i e ben, was D u g e b i e t e s t." Man muß mehr den Gehorsam lieben als den Ungehorsam fürchten. Das ist ein Lieblingswort des h!. Franz von Sales. "Lieben, was Gott gebietet": dann werden wir gegen eine übertretung und Untreue gesichert sein. Der Wille, das Gebot Gottes ist unserer Natur oft unwillkommen, ja unangenehm. Glücklich wir, wenn wir das, was Gott gebietet, lieben. Die Liebe macht das Joch süß und die Bürde leicht" (Matth. II, 30). Unterwerfen wir uns dem Willen und Gesetze Gottes ungern, gezwungen, so erdrückt es uns. Umfangen wir das, was Gott gebietet, mit gutem Herzen, so trägt es uns. Es kommt darauf an, daß wir im Gesetz unterscheiden, das was an ihm hart und drückend ist, und das, was an ihm süß und leicht ist. Hart ist das Gebot, die Verpflichtung. Süß ist der heilige Wille Gottes, den wir unter dem rauhen Äußern zu sehen und zu lieben wissen. Leicht macht uns das Gesetz das heilige W ohlgefallen Gottes, das uns unter dem peinvollen Außern anzieht und lockt. Die Liebe macht das, was Gott gebietet, süß und leicht. Sie macht auch, daß wir das, was Gott gebietet, mit ganzer Treue tun und befolgen. Sie bewirkt eine edle, großherzige, beständige Treue in allem, was Gott von uns will und wünscht. Eine Treue bis ins kleinste. Eine Treue, die nicht kleinlich macht, sondern dahinter das Große, den unendlich weisen, heiligen Willen Gottes sieht. Eine Treue, kraft deren wir im kleinen mit Gott in Berührung kommen und dadurch groß und weit werden. Welohe Weite, Leichtigkeit, Freiheit in der Seele der Heiligen! Sie sind ebenso treu als frei in allem! Sie geben sich an Gott hin, an Gott allein,

342 Die Zeit nach Pfingsten: Vierzehnte Woche.

und hängen an nichts als an Gott. Sie kennen keine pharisäische Strenge, keine skrupelhafte Engheit, keine Beunruhigungen. Sie sind genau in allem, aber von jener lebendigen, geschmeidigen und weiten Genauigkeit, die sich allen Bedürfnissen anpaßt, weil sie das, was Gott gebietet, lieben. Die Heil igen verstehen, daß unser Ziel nicht darin besteht, uns nach den Geboten zu richten, sondern uns durch die Gebote liebend nach Gott zu richten. So finden sie jene Weite in der Genauigkeit, jene Leichtigkeit in der Treue, jene Größe im Kleinen. So wünscht uns die heilige Liturgie. Deshalb betet sie fÜr uns, daß wir das, was Gott gebietet, lieben.

3. "Gib uns Wachstum in Glaube, Hoffnung und Liebe", an Sinn, Verständnis und Hochschätzung der Gnade, des übernatürlichen. Das ist's, was unserer Zeit abgeht: der Sinn für das übernatürliche. So im gewöhnlichen Denken, Reden, Handeln der Menschen, der Familien, der Völker und Staaten. So in der Wissenschaft unserer Tage. So in unserem eigenen Leben. Wir ziehen der Gnade weltliche, zeitliche, selbst sündhafte Dinge vor; wir handeln nach bloß übernatürlichem Antrieb, aus dem eigenen Geist heraus; wir unterschätzen insbeson'dere das Gebet, das doch der Quell ist, aus dem uns die Gnade zufließt. Wir unterlassen es, unsere Gedanken, Worte, Werke zu vergeistigen. Wir unterschätzen die Gelübde, die wir abgelegt, die freiwillige Armut, den Gehorsam. Wir unterschätzen die Kirche und ihre Sakramente. "Gib uns Wachs· turn in Glaube, Hoffnung und Liebe", Hochschätzung des übernatürl ichen.

Gebet.

Allmächtige'r ewiger Gott, gib uns Wachstum in Glaube, Hoffnung und Liebe. Und damit wir zu erlangen verdienen, was Du 'verheißest, laß uns lieben, was Du gebietest. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Die liturgische Meßfeier des vierzehnten Sonntags nach Pfingsten.

I. "Niemand kann zwei Herren dienen." Eine eindringliche Mahnung an den Getauften, daß er der Halbheit, dem Zweiherrendienst entsage und sich eindeutig für Gott und Christus erkläre. Er hat es einmal getan, beim Empfang der heiligen Taufe, er hat es täglich aufs neue zu tun und so sein heiliges Taufgelöbnis durch sein Leben zu besiegeln. Zwei Mächte stehen sich gegenüber: Geist und Fleisch (Epistel), Gott und Mammon (Evangelium). Niemand kann sich zu beiden zugleich bekennen.

2. Ledig jeder Unentschiedenheit und Halbheit stehen wir heute in der heiligen Meßfeier zu Gott, zu Christus. "Wie lieblich ist Dein Zelt (das christliche Gotteshaus), meine Seele sehnt sich, schmachtet nach den Hallen des Herrn." Hier, im katholischen Gotteshaus, findet der Getaufte sein Heim. Hier fleht er: "Sieh her, 0 Gott, blick (in Huld) an das Angesicht Deines Gesalbten (d. i. des Getauften, des Christen, der christlichen Gemeinde, der Kirche): weit besser ist ein Tag in Deinen Hallen, als tausend andere (Introitus). So ziehen wir heute aufs neue den Trennungsstrich zwischen uns und der Welt, dem Reich des Fleisches und der Sünde, und entscheiden uns für Gott, für das Reich des Geistes und des. Guten. "Sieh her, 0 Gott, blick an das Angesicht Deines Gesalbten", gib uns die Gnade, starkmütig diese Trennung zu vollziehen. So flehen wir innig im Kyrie eleison und in der Oratio.

3. Die Epistel zeichnet in grellen Farben das Reich des Fleisches. Es ist Unzucht, Wollust, Abgötterei, Feindschaft, Zorn, Spaltung, Neid, Schwelgerei: "Die solches tun, werden das Reich Gottes nicht erlangen", sie widersprechen ihrem Taufgelöb.

344 Die Zeit nach Pfingsfen: Fünfzehnte Woche.

nis und ihrer Taufverpfiichtung. Sind sie in gewissen Stücken noch Christen, so treiben sie Zweiherrendienst. Aber "niemand kann zwei Herren dienen". Dann entwickelt die Epistel das Reich des Geistes. Es ist das Reich der Liebe, der Freude, des Friedens, der Geduld, der Milde, der Güte, der Langmut, Sanftmut, Treue, Mäßigkeit, Enthaltsamkeit, Keuschheit." "Die aber Christus angehören, haben ihr Fleisch mit seinen Gelüsten gekreuzigt." Die wahren Christen dienen nur dem ein e n Herrn, Christus, dem Reiche des Geistes. Sie zieht es mit Macht weg vom Reich des Bösen zum Herrn (Graduale, Alleluja). Sie sorgen nicht ängstlich und übermäßig um die Erdengüter und um die leiblichen Bedürfnisse, sondern stellen an den ersten Platz das Reich Gottes und suchen vor Gott gerecht zu wandeln, im Vertrauen, daß ihnen das Übrige alles wird hinzugegeben werden. So leben sie ungeteilt Gott und Seinem Dienste. Sie bemühen sich auch um die irdischen Güter, sie schaffen auch Kulturwerte, gehen aber nicht darin auf und werden durch die Hingabe an die Arbeit um Erdengüter nicht von Gott und Christus getrennt. Für sie gibt es höhere Güter und Werte. "Kostet und sehet, wie lieb der Herr ist" (Offertorium).

4· Jetzt in der Feier des heiligen Opfers blickt Er huldvoll auf das Antlitz Seines Gesalbten, der christlichen Gemeinde. Er kommt persönlich in der heiligen Wandlung in ihre Mitte und wird ihre Opfergabe. "Kostet und sehet, wie lieb der Herr ist!" "Es ist besser, auf den Herrn (Christus) zu bauen als auf Menschen." Er, der Herr~ nimmt unsere Nöten und Bedürfnisse, auch unsere zeitlichen Anliegen und Sorgen, im heiligen Opfer in Sein heiligstes Herz auf, macht sie zu Seinen eigenen Anliegen und zum Gegenstand Seiner Bitten. Er trägt sie dem Vater im Himmel vor. "Darum sorget nicht ängstlich für euer Leben, was ihr essen sollt. Euer Vater weiß ja, daß ihr dies alles braucht.

Sonntag: Gottes Vorsehung.

345

Suchet zuerst das Reich Gottes", den Dienst Gottes im heiligen Opfer, die Ehre und Verherrlichung Gottes in der Mitfeier der heiligen Messe, insbesondere das Reich Gottes, so wie es im Genusse der heiligen Kommunion als Fülle des Geistes und Lebens Gottes in die Seele des Getauften herniedersteigt (Communio), dann "wird euch alles andere hinzugegeben werden".

Vierzehnter Sonntag nach Pfingsten.

Go t te s Vor s eh u n g.

I "Seid nicht ängstlich besorgt um euer Leben, was ihr essen, noch um euern Leib, was ihr anziehen werdet. Euer Vater weiß, daß ihr dies alles nötig habt" (Evangelium). Es gibt eine Vorsehung. Sie nährt die Vögel des Himmels, sie kleidet die Lilien des Feldes. Wird sie dann nicht viel mehr: den Menschen, das Kind Gottes, nähren und kleiden?

2. "D ein e Vor s eh u n g, Va t er, 1 e 11 k t das All" (Weish. 14, 3). Es gibt nichts, schlechthin nichts im Universum, im Weltgeschehen, im Menschenleben, das Gott nicht entweder direkt wollte und wirkte oder wenigstens zuließe. Was Sünde ist, kann Gott nicht wollen und wirken: Er läßt es geschehen. Alles andere will Er, wirkt Er, ordnet und leitet Er. Er allein! Und mit einer göttlichen, allumfassenden Weisheit: mit einer grenzenlosen, uneingeschränkten Macht, der nichts widerstehen kann; mit einer Güte und Liebe, die immer nur auf das Beste des Ganzen und des Einzelnen bedacht ist. "Verkauft man nicht fünf Sperlinge um zwei Pfennige? Und dennoch ist keiner von ihnen vor Gott vergessen. Geltet ihr nicht viel mehr als viele Sperlinge?" (Luk. 12, 6.) Die Sorge Gottes um uns Menschen ist die Sorge der Henne um ihre Küchlein, die Sorge der Mutter um ihr Kind. "Ich werde euch an Meiner Brust tragen und auf Meinen Knieen

346 Die Zeit nach Pfing-sten: FÜnfzehnte Woche. schaukeln. Wie eine Mutter ihr Kind liebkost, so werde Ich euer warten" (Is. 66, I2). "Kann eine 1'1 utter ihres Kindes vergessen und sich der Frucht ihres Leibes nicht erbarmen? Und wenn sie es könnte, Ich werde Deiner nicht vergessen können" (Is. 49,1.5). Es gibt eine Vorsehung. Über die allgemeine Vorsehung hinaus gibt es eine besondere Vorsehung. Sie erstreckt sich auf jene, die aufrichtig Gott suchen. Ihn lieben, Ihm leben, auf die Kinder Gottes. Für sie hat der Vater im Himmel ein besonders aufmerksames und wachsames Auge. Gegen sie erzeigt Er sich besonders reich, lieb und gut. Unablässig ist Er damit beschäftigt, sie zu heiligen. Immerfort, Tag und N acht, arbeitet Er in ihnen und an ihnen. V<las immer in der Welt vorgeht, dient ihnen zum Besten. Alles hat Gott in Seiner Weisheit, Macht und Güte so geordnet, abgemessen, angeordnet und miteinander verkettet, daß es ihrer Heiligung dient Alles, vollständig alles und jedes ohne Einschränkung, ohne Ausnahme. Und alles zu ihrem innern Wachs. tum, zur Vollendung ihrer Vereinigung mit Gott, zu

ihrem wahren Wohl und Glück. Wie werden wir einst von Staunen, Bewunderung und Dankbarkeit hingerissen sein, wenn es uns im Lichte der Ewigkeit aufgehen wird, wie göttlich weise, kraftvoll und gut hier auf Erden Gott an unserer Seele gearbeitet, unser Leben geordnet und geleitet hat. "Deine Vorsehung, Vater, lenkt das AI1."

"I h r K 1 ein g I ä u bi gen !" Wir haben in unserem bisherigen Leben so viele, greifbaren Beweise der Sorge Gottes um unsere Seele nicht weniger als um unser irdisches Wohlergehen erfahren. Wir brauchen nur wenig zuzusehen, und wir erkennen, wie sehr Er uns Seine Barmherzigkeit erwiesen; vor wie vielen Gefahren des Leibes und der Seele Er uns bewahrt, wie vielen Gefahren Er uns 'entrissen; in wie vielen Gelegenheiten zum Fall Er uns beschützt; wie viel Geduld und _Nachsicht Er mit uns gehabt hat; wie viel Erleuchtungen und An-

Sonntag: Gottes Vorsehung.

347

r

regungen zum Guten Er uns in die Seele gelegt hat, wie viel herrliche Gaben des Geistes, des Herzens, des Leibes. Uns, die wir aus uns nur fähig sind, zu sündigen, uns von Gott zu trennen, Ihm Unrecht zu tun und Ihn zu beleidigen. Wie oft haben wir es schon getan! Und Er hat uns, auch nachdem wir eigensinnig uns von Seiner liebenden Hand losgerissen hatten, in Güte und Erbarmen wieder an Seine Hand genommen und nicht aufgehört, uns Seine Liebe und Seine Gnaden zu schenken. Wie viel Grund, daß wir unser ganzes Vertrauen auf Ihn setzen! Und gerade daran fehlt es bei uns. Wir vertrauen zu wenig. Wir verdienen den Vorwurf des Herrn: "Ihr Kleingläubigen." Wann werden wir Sein Wort verstehen und befolgen: "Sorget nicht ängstlich und saget nicht: Was werden wir essen, was trinken, womit uns kleiden? Denn um das alles kümmern sich die Heiden." \Vo ist unser christlicher Glaube? Wann endlich wird das unser Grundsatz für das Leben sein: "Suchet zuerst das Reich Gottes, und dann wird euch all dies dazu gegeben werden"? Zuerst, in allem und vor allem Gottes heiligen Willen. Dann sorgt Er weiter!

3. "Die Engel des Herrn umgeben mit schützendem Wall die Gottesfürchtigen und erretten sie. Drum kostet und seht, wie lieb der Herr ist!" (Offertorium.)

Die Grundhaltung der Frömmigkeit der Kirche ist freudiges Vertrauen auf Gott, Vertrauen ist auch die Grundhaltung des Christen. Vertrauen, wenn uns der Beruf Enttäuschungen und Mißerfolge bringt. Vertrauen, wenn äußere Leiden uns die Freude an Gott nehmen wollen. Vertrauen, wenn innere Leiden, Versuchungen, Schwierigkeiten, Trokkenheiten, Fehler und SÜnden uns irre machen und entmutigen wollen! "Betrachtet die Vögel des H immels. Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen, und doch ernährt sie euer himmlischer Vater. Seid ihr nicht viel mehr als sie?"

I

~

348 Die Zelt nach Pfingsten: Fünfzehnte Woche. (Evangelium.) Die Vögel sind Ihm nur Geschöpfe. Ihr seid Ihm Kinder. Er ist "euer Vater". Seid ihr Ihm nicht viel mehr als sie?

Ge be t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, behüte Deine Kirche in steter Huld. Und weil ohne Dich die menschliche Schwäche zusammenbricht, so werde sie durch Deinen Beistand immer von dem ferngehalten, was schädlich, und zu dem hingeleitet, was heilsam ist. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Montag der fünfzehnten Woche nach Pfingsten.

Go t t e s Vor s eh u n g.

I. Sonntag der göttlichen Vorsehung! Die Liturgie gibt in dem Kirchengebet des vierzehnten Sonntags nach Pfingsten dem Glauben der Kirche an das Walten der Vorsehung über die Gläubigen Ausdruck. Wir Menschen sind schwach, völlig unzulänglich, uns von dem fernzuhalten, was uns schädlich ist; und unfähig, uns zu dem hinzuleiten, was uns heilsam ist. Aber über unserer Schwäche und Unzulänglichkeit steht die alles unendlich lieb und weise ordnende und lenkende Vorsehung. Sie hält von uns fern, was uns schädlich ist, sie führt uns zu dem hin, was uns nützlich und heilsam ist. Diese Vorsehung wacht über der Kirche und über deren Kinder. Das ist unser heiliger Glaube.

2. Go t t e s Vor s eh u n g h ä 1 t Y 0 nun s fe r n, was uns sc h ä d 1 ich ist. Unser Anteil ist "die menschliche Schwäche". Was vor uns liegt, was die nächste Stunde bringt, Gutes oder Böses, wir wissen es nicht. Wir erwägen, wir entscheiden uns für diesen Schritt, für diesen Weg. Wird er für uns gut sein, wird er unserer Seele zum Schaden werden? \Vir wissen es nicht. In uns die Schwäche, die Unwissenheit, die Unerfahrenheit, die Blindheit, dIe

Montag: Gottes Vorsehung.

349

Gefahr der Täuschungen durch die Menschen, durch die Welt, durch die eigenen Leidenschaften, durch die Menschenfurcht, durch die Eigenliebe, durch den Menschengeist, der immer zum Frieden, zum Wohlbehagen, zur Bequemlichkeit und Freiheit neigt. Von außen die Gefahren durch den Teufel, durch den Umgang mit den Menschen, durch die Sorgen um Existenz und Dasein; die tausend Gelegenheiten zur Sünde, zu Untreuen, zu Fehlern aller Art; die vielen Ablenkungen und Zerstreuungen, die Lockungen und Anreize zu dem, was der Welt, der Natur, der Begierlichkeit schmeichelt. Allüberall lauert auf uns das, was uns schädlich ist und unsere Seele von Gott, von ihrem wahren Wohl ablenkt. Wie sollen, wie wollen wir uns vor dem bewahren, was uns schädlich ist? Wahrlich, unsere Vorsehung, unsere Einsicht, unsere Wachsamkeit, unser Mühen versagt hier fast vollkommen. Wehe uns, wenn nicht ein anderer einspringt und, voll Erbarmen mit unserer Blindheit und Schwäche, uns an der Hand nimmt und von dem fernhält, was uns zum Verderben ist. Das ist Gottes, des himmlischen Vaters liebende Vorsehung. Wir wissen nicht, wie viel wir ihr zu danken haben.

Gottes Vocsehung führt uns zu dem hin, was uns h eil sam ist. Gott hört niemals auf, in unserer Seele zu wirken und an ihr zu arbeiten: zu unserem Heil. UnaufhörlIch ist Er damit beschäftigt, uns zu dem zu führen, was uns zum Heile dient. Was ist die Menschwerdung des Sohnes Gottes, Sein Tod am Kreuze, Seine Auffahrt in den Himmel, Sein Sitzen zur Rechten des Vaters, Sein immerwährendes Mittleramt und Fürbitteramt beim Vater anders als ein ununterbrochenes Arbeiten Gottes an unserem Heil ? Was will Er mit der heiligen Taufe, mit der Geistessendung in der heiligen Firmung, mit dem täglichen Opfer der heiligen Messe, mit den Sakramenten der Buße und der heiligen Eucharistie anders, als uns zu dem zu führen,

350 Die Zeit nach Pfingsten: FÜnfzehnte Woche.

was uns heilsam ist? Was will Er mit den Standesund Berufspflichten, mit den uns zugewiesenen Arbeiten 'und Beschäftigungen, mit den uns auferlegten Gebetspflichten, mit den heiligen Gelübden, die wir abgelegt, mit den Geboten und Vorschriften, die uns gegeben sind, anders, als uns reinigen und heiligen? Was will Er mit den täglichen Zufällen, Widerwärtigkeiten, Verdemütigungen, Mißerfolgen, Leiden, Prüfungen, Versuchungen, Schwierigkeiten im äußern und innern Leben, in dem Beruf, im Gebetsleben ; mit den Krankheiten und dem körperlichen Versagen, sogar mit den Fehlern und Sünden, in die Er uns fallen läßt, anders, als uns zu dem hinführen, was uns heilsam ist? Wissen etwa wir selber, was uns zum Heile dient? Wissen wir die richtigen Mittel zu wählen, iederzeit den richtigen Moment zu treffen, den richtigen Weg einzuschlagen? Wissen etwa wir, was für uns in jedem Augenblick das Heilsamere, das Bessere ist? Können wir uns selber zu dem hinführen, was für jeden Moment das wahrhaft. Gute, Heilsame ist? Wahrlich nicht. Wer kann es? Wer tut es? Gott, der Vater im Himmel, Seine unendlich weise, liebende, allwissende und allmächtige Vorsehung. "Laß Gott den Weg offen und hoffe auf Ihn: Er wird's machen" (Ps. 36, 5). Das ist unser Glaube, das unser dankbares Vertrauen: Gottes Vorsehung fÜhrt uns zu dem hin, was uns heilsam ist.

3. Gottes Vorsehung! "Kein Haar fällt von eurem Haupte ohne den Willen eures Vaters, der im Himmel ist" (Luk. 21,8). "Kein Sperling fällt zur Erde _ ohne den Willen eures Vaters. Ja sogar die Haare eures Hauptes sind alle gezählt. Fürchtet euch also nicht, ihr seid mehr wert als die vielen Sperlinge" (Matth. IO, 29f.). Was haben wir also zu fürchten? Wenn Er sich um uns sorgt! Wenn Er uns von dem fernhält, was uns schädlich ist! Wenn Er uns zu dem hinführt, was uns zum Heil der Seele ist! Was also fürchten? Stützen wir uns auf uns selbst, dann frei-

Dienstag: Gott, der Vater.

351

llch haben wir alles zu fürchten. Unser Eigendünkel, unser Stolz, unser verkehrtes Vertrauen auf uns selbst, muß uns ins Verderben fÜhren. Deshalb übergeben wir uns, unsere Seele, unser Heil, in die Hand des Vaters. Gott und Gottes Wille allein!

Gottes Wege sind zumeist sehr weit von den Wegen der Menschen entfernt. Die Wege der Menschen, der menschlichen Berechnung und Klugheit, der menschlichen Pläne und Vorsehung führen weit ab von den Wegen der Vorsehung Gottes. Und diese allein halten uns ab von dem, was uns schädlich ist, und führen uns zu dem, was uns heilsam ist.

"Wandelt im Geiste." In dem lebendigen, unerschütterlichen Glauben an Gottes liebende Vorsehung! "Besser ist es, auf den Herrn zu bauen als auf Menschen. Besser, auf den Herrn zu .hoffen als auf FÜrsten" (Graduale), auf menschliches Wissen und Können, auf das eigene Einsehen und MÜhen.

Ge b e t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, behüte Deine Kirche in steter Huld. Und weil ohne Dich die menschliche Schwäche zusammenbricht, so werde sie durch Deinen Beistand immer von dem ferngehalten, was schädlich ist, und zu dem hingefÜhrt, was heilsam ist. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Dienstag der fünfzehnten Woche nach Pfingsten.

Gott, der Vater.

1. "Betrachtet die Vögel des Himmels! Sie säen nicht und ernten nicht und sammeln nicht in Scheunen, und doch ernährt sie euer himmlischer Vater" (Evangelium). Mit Nachdruck betont der Herr:

"Euer himmlischer Vater." Sorget nicht ängstlich um Nahrung und Kleidung: "Euer Vater weiß ja, daß ihr all das nötig habt." Gott ist uns Vater. Es ist für unser Denken und Leben entscheidend, daß

352 Die Zeit nach Pfingsten: Fünfzehnte Woche;

wir in Ihm stets und in allem den Vater sehen. Sonst müssen die Quellen der Frömmigkeit in uns vertrocknen.

2. Go t t ist u 11 se r Sc h ö P f e rund deshillb unser Herr. Wir gehören mit allem, was wir sind und haben, Ihm an. Unser Leben ist ganz in Seinen Händen, ganz Seiner Vorsehung anheimgegeben Er ist unser Schöpfer, der Gott einer überwältigenden, uns fast zermalmenden Allwissenheit, Heiligkeit, Macht und Majestät. Ihm gegenüber sind wir der Staub, das Nichts, Finsternis, Unheiligkeit. Er ist unser Herr: unsere Pflicht ist also, Ihm zu dienen. Er ist, weil Herr, unser Richter, der um alle unsere Gedanken, Regungen, Worte und Werke weiß. Die erschreckende Genauigkeit Seines Wissens und Seiner Anklage macht uns stumm; dei Glanz Seiner unerträglichen Heiligkeit blendet uns. Wollen wir Gott ausschließlich unter einem dieser Gesichtspunkte betrachten, so werden wir immerdar feige, kriechende Mietlinge bleiben. Wir dienen Ihm nicht aus Liebe. Wir sind trocken und kalt gegen Ihn. Wir können nur ängstliche und unkindliche GefÜhle gegen Ihn aufbringen. Was wundern wir uns, wenn wir dann gegenüber den religiösen Pflichten von Unlust erfÜllt sind? Daß in uns Versuchungen gegen den Glauben aufstehen? Daß wir von Ängstlichkeit und Skrupeln gepeinigt wet:.den, welche jede zarte Andacht untergraben und den Geist der freudigen, liebeerfüllten Abtötung nicht aufkommen lassen? Es ist leider wahr, daß wir, auch wir Christen, fÜr gewöhnlich Gott einseitig im Gewande des Schöpfers, des Herrn und Richters sehen. Wir stellen so zwischen Gott und uns eine Mauer hinein, die uns hindert, mit den Gefühlen des Kindes, der kindlichen Liebe und des kindlichen Vertrauens zu Gott zu kommen. Darin liegt eines der Haupthindernisse unseres innern Lebens und der .vereinigung mit Gott.

Go t t ist uns e r Va t e r. Das ist das süße G1ÜL!,

Dienstag: Gott, der Vater.

353

des Christen: er glaubt und erlebt es glaubend auf Schritt und Tritt, daß Gott ihm Vater ist und als Vater an ihm handelt. Dazu hat Gott ja Seinen eingeborenen Sohn zu uns Menschen gesandt, damit "wir die Annahme an Sohnes Statt erhielten. Weil ihr nun Kinder seid, sandte Gott den Geist Seines Sohnes in unser Herz. So bist du nicht mehr Knecht, sondern Sohn" (Ga!. 4, 4 f.). Ja, Er hat in der heiligen Firmung in uns die Gabe der "Frömmigkeit" gelegt. Durch sie sind wir in den Stand gesetzt und berufen, mit Gott, dem Vater, immer und allezeit mit den zärtlichen Gefühlen des Kindes umzugehen. Gott ist uns Vater. Was immer Zärtliches und Liebevolles im Worte Vater liegt, ist in dem Vatergott in unendlicher Fülle beschlossen. Das Bewußtsein, daß Er uns Vater ist, hebt, weitet, tröstet und stärkt unsere Seele. Der Glaube an Gott, den Vater, hebt das Gefühl der Verlassenheit, des Einsamseins auf. Er stellt die Züchtigungen und Heimsuchungen, die uns treffen, in ein neues Licht. Er stärkt und ermutigt uns in unserer Schwäche. Er gibt uns Licht und Sicherheit in der Finsternis. Er läßt uns blind auf Gott vertrauen gegenüber den Rätseln, die uns beschäftigen und die wir nicht lösen können. Aus dem Glauben an Gott den Vater entstehen die kindlichen Gefühle gegen Ihn. Mit den kindlichen Gefühlen die Ruhe des Gewissens bei der Erinnerung an unsere Sünden und an unser verlorenes Leben. Wir stellen Ihm voll Ruhe, mit unerschütterlichem Vertrauen, die Entscheidung über unsere Ewigkeit anheim. Wir gelangen selbst in den unbedeutendsten Handlungen zu einer süßen innern Freiheit, die uns vor Angstlichkeit und Enggeistigkeit bewahrt und uns mit dem innigsten Verlangen erfüllt, dem Vater zu leben. Diesen kindlichen Gefühlen gegen Gott entspringt ein liebenswürdiges Vergessen seiner selbst, Freude am Gebet, Ruhe in schwierigen Lagen, Heiterkeit in Prüfungen, Ergebenheit in Trübsalen. Die heiligen Sakramente Baur, Werde Licht. III. 23

354 Die Zeit nach Pfingsten: Fünfzehnte Woche. wirken reichere Frucht als ehedem. Unser Leben wird ganz anders; wir haben in Gott unsern Vater gefunden. Wir arbeiten dann unter Seinen Augen. Wir sehen Ihn uns nahe mit Seiner Liebe, mit Seiner Hilfe und Gnade. Die Dinge, mit denen wir zu tun haben oder mit denen wir in Berührung kommen, nehmen ein neues Gesicht an. Sie verlieren das Unruhige, das Angstigende, das Erdrückende, das uns Zerreißende und Quälende. Sie sind voll Ruhe geworden, süß,'lieblich, beglückend, erfreuend: wir haben in ihnen den Vater gefunden.

3· Wir sind fast immer versucht, Gott in einem andern Lichte zu sehen als in dem des Vaters. Das ist unser großes Unglück, daß wir Ihn allzu wenig als den Vater erkennen, der uns liebt; der uns verzeiht; der uns in den Versuchungen nahe ist; der uns vor tausend Übeln bewahrt; der uns in allen Lagen des Lebens göttlich wohl will; der unser Gebet erhört; der auch diej enigen segnet, die wir gern haben und für die wir zu Ihm beten; der unsere Unarten und unsere Kälte mit einer Geduld erträgt, die uns selber fast unglaublich ist.

"Euer Vater" weiß um euch. Er denkt an mich, Er weiß um alles, was mir begegnet. Wie viel Tröstliches und Beruhigendes liegt in diesem Glauben I Was immer auch kommen mag, durch Schicksalsschläge oder durch der Menschen Unverstand, ja sogar Bosheit, kann unsern Frieden nicht stören, solange wir auf den Vater schauen: Er weiß darum. Er läßt es so zu. Er will, daß ich dies Kreuz trage, Er, der Vater: nur weil Er mich liebt. Was kann es Beglückenderes geben, als Ihm zu leben, Seinen Willen zu tun?

Wollten wir in allen Dingen des Alltags den Vater sehen, Seine Zulassung, Seine Fügung, Seine Nähe, Sein Wirken, Seine Liebe, wie müßten wir stets voller Freude sein! Die Freude in Gott, dem Vater, ist der Grundzug des christlichen Lebens. Unsere Religion ist die Religion der Freude, der stets wach-

Mittwoch: Wandelt im Geiste. 355

senden Freude. Hätten wir nur den vollen Glauben an Gott, den Vater

Gebet.

Wir bitten Dich, 0 Herr, behüte Deine Kirche in steter Huld. Und weil ohne Dich die menschliche Schwäche zusammenbricht, so werde sie durch Deinen Beistand immer von dem ferngehalten, was schädlich, und zu dem hingefÜhrt, was heilsam ist. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Mittwoch der fünfzehnten Woche nach Pfingsten.

W a n dei tim Gei s t e.

I. Den Sonntag der göttlichen Vorsehung nannte man ehedem den heutigen Sonntag. Er verkündet ja die Frohbotschaft der liebenden Vorsehung Gottes um die Vögel des Himmels, um die Lilien des Feldes, um die Kinder Gottes, um uns, die Erlösten, die wir in Christus sind, "im Hause des Herrn", um die heilige Kirche. "Kostet und sehet, wie lieb der Herr ist!"

2. "W i e li e bis t Dei n e Wo h nun g mir,

o Herr der Himmelsheere. Verlangend nach dem Haus des Herrn verzehrt sich meine Seele" (Introituspsalm ) .. So betet die Kirche, der Christ. Wir wollen bei Gott, bei Christus sein, "in dem, was des Vaters ist" (Luk. 2, 49). Unser Streben geht darauf, Christus, dem Haupte, lebendig angegliedert zu sein und Sein Leben mit- und weiterzuleben. Christus, der Heilige, SÜndelose, Reine, teilt uns Seinen Geist, Seine Reinheit, Seine Herrschaft über die niederen Triebe und Neigungen unserer gefallenen Natur mit. Wir "wandeln im Geiste" und haben hier auf Erden schon den Vorgenuß des seligen Lebens, das derer im Himmel wartet, die in Wahrheit Christi sind. Wir "kosten und sehen, wie lieb der Herr ist" und "suchen zuerst das Reich Gottes", das Leben in Christus und mit Christus. "Wie lieblich ist Deine

23 •

356 Die Zeit nach Pfingsten: Fünfzehnte Woche. Wohnung mir, 0 Herr!" \Vie gnadenvoll, wonnig und sättigend ist das Leben in Christus, dem Haupte, dem Weinstock. "Wer in Mir bleibt und in wem Ich bleibe, der bringt viele Frucht. Ohne Mich vermögt ihr nichts. Wer nicht in, Mir bleibt, wird wie eine Rebe weggeworfen und verdorrt" (Joh. 15, 5 f.). Darum "verzehrt sich meine Seele im Verlangen nach dem' Hause des Herrn", nach dem Leben in Christus. "Weit besser ist mir ein Tag- in Deinen Hallen als tausend andere."

"Wandelt im Geiste!" Die Epistel kennt den \Veg des Fleisches und den Weg des Geistes. Uns ist am Pfingsttage, am Tage unserer heiligen Firmung, der Geist gegeben worden. Er streitet wider das Fleisch mit seinen Begierden. Er gibt uns die Kraft, daß wir das Fleisch kreuzigen und so die Frucht des Geistes ernten. Sie ist "Liebe, Freude, Geduld, Milde, Güte, Langmut, Sanftmut, Treue, Mäßigkeit, Enthaltsamkeit, Keuschheit" (Epistel). Es ist unmöglich, zwei Herren zugleich zu dienen, dem Fleisch auf der einen Seite und dem Geist auf der andern Seite. Wir haben uns in der Stunde der heiligen Taufe für den Wandel im Geist entschieden. Für uns gibt es nur ein "Lebet Gott, lebt Ihm ungeteilt, in Christus und im Geiste Christi". Wohl stehen wir in der Welt. Wohl obliegt uns die Sorge um das tägliche Brot. Wohl haben wir für die Familie, die Gemeinschaft zu arbeiten. Aber an erster Stelle steht für uns das "Wandelt im Geiste". Das "Suchet zuerst das Reich Gottes". Das übrige "wird euch alles dazu gegeben werden. Euer Vater weiß ja, daß ihr dies alles braucht. Sorget also nicht ängstlich! Suchet zuerst, an erster Stelle, das Reich Gottes", das was Gottes ist. "Das Reich Gottes ist in euch" (Luk. 17, 21). Es besteht im Leben mit dem in unserer Seele wohnenden und wirkenden Gott, in dem liebenden, kindlich-vertrauten Umgang mit dem Vater, der im tiefsten Grunde unseres Wesens uns nahe ist. "Euer Vater weiß, daß ihr

Mittwoch: Wandelt im Geiste. 357

alles das braucht." An erster Stelle also das Leben der Innerlichkeit! "Alles andere wird euch dazu gegeben werden", als Frucht und Segen der Innerlichkeit. An Gottes Segen ist alles gelegen. "Wenn der Herr das Haus nicht baut, dann bauen die Bauleute umsonst" (Ps. 126, I).

3. "Sorget nicht ängstlich und saget nicht: Was werden wir essen? Was werden wir trinken, womit uns kleiden? Denn um all das kümmern sich die Heiden." Sich ängstlich um das Leben sorgen ist Heidentum! Der Christ glaubt. Was ihn vom Nichtchristen unterscheidet, ist der Glaube an Gott, den Vater, an Gottes alles ordnende, leitende, uns väterlich wohlwollende Vorsehung. Christsein heißt die Welt und die ängstliche Sorge um das Zeitliche lassen und sich blind in Gott hinablassen, wie in einen tiefen und doch göttlich sichern, lichtvollen Abgrund. "Selig, die nicht sehen, sondern glauben."

"Suchet zuerst das Reich Gottes und Seine Gerechtigkeit!" Das, was Gottes ist, das, was vor Gott recht ist, was Er will und fügt und anordnet. In einer blinden Überlassung an Ihn und Seine Vorsehung. Gott und Sein Wille allein! Ein vollkommenes Einssein unseres Wollens und WÜnschens mit dem, was Gott lieb ist, was Er will und fügt und gibt und nimmt. Einen erhabeneren, gnadenvolleren, glücklicheren Zustand und Weg kann es für uns nicht geben. Es ist der Weg des Glaubens, des Vertrauens, der kindlichen Hingabe und Liebe.

Die heilige Kirche geht uns diesen Weg voran.

Wie ist sie auf Erden bedrängt. Wie, wenn sie ängstlich sorgen wollte! Statt dessen sucht sie an erster Stelle das Reich Gottes. Sie feiert Tag für Tag, Jahr für Jahr die heilige Liturgie, ruhig, voll seligen Jubels. Täglich reicht sie uns die heilige Kommunion, auf daß auch wir, in der Kraft des Herrn, uns blind in die Arme· des Vaters werfen, uns nicht ängstlich sorgen und zuerst das Reich Gott~s suchen! "Venite! exsultemus pomino, - Kommt)

358 Die Zeit nach Pfingsten: Fünfzehnte Woche. laßt' uns dem Herrn jubeln." Auf diesen Ton ist die Harfe der Kirche gestimmt.

Gebet.

Wir bitten Dich, 0 Herr, behüte Deine Kirche .in steter Huld. Und weil ohne Dich die menschliche Schwäche zusammenbricht, so werde sie durch Deinen Beistand immer von dem ferngehalten, was schädlich, und zu dem hingefÜhrt, was heilsam ist. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Donnerstag der fünfzehnten Woche nach Pfingsten.

W a n dei tim Gei s t e.

1. "Wenn wir durch den Geist das Leben haben, so laßt uns auch im Geiste wandeln" (Gal. 6, 25). Das ist die Forderung der Liturgie der gegenwärtigen Woche. Wir haben durch den Heiligen Geist und durch Sein Wirken in uns das Leben des Kindes Gottes erhalten. Also "laßt uns auch im Geiste wandeln", den wir in der heiligen Taufe und in der heiligen ·Firmung erhalten haben.

2. "W e n n wir dur c h den Gei s t das Leb e n hab e n." Im Augenblick der heiligen Taufe sandten Vater und Sohn in unsere Seele den Heiligen Geist. Er ist die große Gabe Gottes an uns, die Mitgift unserer Vermählung mit dem Sohne Gottes. Eine Mitgift, die unsere Seele reich und in den Augen Gottes schön und liebenswürdig macht. Der Heilige Geist senkt sich in unsere aus uns so arme, dunkle Seele. Er macht sie göttlich reich. Er schmückt sie mit Seinen Gaben und läßt sie vor dem Auge Gottes in entzückender Schönheit auf strahlen. Er lebt, Er wirkt in der Seele. Er, selber Gott, der Hauch, der Liebeserguß Gottes, des Vaters, zum Sohn, des Sohnes zum Vater, die Liebesfiamme, die Vater und Sohn vereint und uns mithineinzieht in das Liebesl~b~n Gottes. Er bewirkt, oaß wir vom göttlichen

Donnerstag: Wandelt im Geiste. 359

Leben durchdrungen werden; daß wir das Feuer der Gottesliebe in uns tragen; daß wir mit warmen, kindlichen GefÜhlen zum Vater gehen und uns mit unaussprechlichen Seufzern nach dem Bräutigam sehnen. Der Heilige Geist treibt und drängt uns, in einer Weise zu denken, zu reden, zu handeln, zu leiden, wie sie Gott gefällt. Er bereitet Leib und Seele für die selige Umarmung Jesu zu, die wir im Empfang der heiligen Kommunion erleben dürfen. Ebenso für die ersehnte Vollendung unserer Vermählung im Himmel. Er ist es, der in uns das Leben der heiligmachenden Gnade wirkt. Und mit der heiligmachenden Gnade die übernatÜrlichen Kräfte und Gaben, die Tugenden: Glaube, Hoffnung, Liebe, Gerechtigkeit, Klugheit, Starkmut, Mäßigkeit. Dazu die Gaben des Heiligen Geistes, den Geist der Furcht des Herrn, der Frömmigkeit, der Weisheit, der Stärke, des Rates, des Wissens, der Einsicht. Er wirkt in uns das gesamte geistlich-übernatürliche Leben in all seinen FormE'n und Werken. Er nimmt die Bildung und Leitung unseres ganzen innerlichreligiösen Lebens in Seine Hand.

"S 0 laß tun sau chi m Gei s t e w a nd eIn."

Wir wandeln im Geiste, solange wir uns im Stande der heiligmachenden Gnade erhalten. Würden wir eine schwere Sünde begehen, dann müßte uns der Heilige Geist verlassen. Wir hätten uns für Seine Einwohnung in unserer Seele unfähig gemacht und hätten den göttlichen Gast vertrieben. Wir hätten mit Ihm, d'em Grund und Prinzip unseres innern Lebens, uns auch das Leben der Gnade genommen. Wir wandeln im Geiste, wenn wir den Erleuchtungen und Anregungen, der Führung und Leitung des in uns lebenden und wirkenden Heiligen Geistes mit Treue und UnterwÜrfigkeit entsprechen. Es geht nicht ohne eine weitgehende Selbstentäußerung, ohne den Verzicht auf unser bloß natürlich-menschliches Denken und Urteilen, ohne ein dauerndes liebevolles Aufmerken auf oie Anregungen des in uns wirken-

360 Die Zeit nach Pfingsten: Fünfzehnte Woche.

den Heiligen Geistes und ohne eine große Reinheit des Herzens; denn "die Weisheit geht nicht in eine Seele ein, die der Sünde unterworfen ist" (Weish. 1,4). Es geht nicht ohne ein unverdrossenes Mühen um jene Höhe der Herzensreinheit, die jede irgendwie erkannte, bewußte und freiwillige Untreue, läßliche Sünde, ja sogar Unvollkommenheit ausschließt. Es geht nicht ohne ein Leben der Sammlung, des äußern Schweigens, des Schweigens der unnützen Gedanken und Sorgen. Ohne einen Willen, der bereit ist, in allem, wie immer es kommt, sich völlig dem hf.iligen Willen Gottes unterzuordnen und anzuschließen, in einem freudigen Ja zu allem, was wir als von Gott gewollt, zugelassen, gefügt oder angeordnet erkennen.

3· Dem Wandel im Geist eqtehen vier Feinde: der eigene Geist, der Geist des "alten Menschen", der Geist der Welt, der böse Geist. Der eigene Geist treibt uns an, aus rein natürlichen Rücksichten und Beweggründen und in rein natürlicher Weise zu handeln, unabhängig vom Wirken des Heiligen Geistes in uns, unabhängig von der Gnade. Der Geist des alten Menschen treibt uns an, den \iV ünschen, Neigungen und Begierden des verdorbenen, gefallenen Menschen in uns zu folgen. Er verleitet uns zu vielen Sünden und stürzt uns in das größte sittliche Elend. Der Geist der Welt ist Augenlust (Habsucht, Genußsucht), Fleischeslust und Hoffahrt des Lebens: die Atmosphäre, die uns von außen umgibt und die auf uns einwirkt. Endlich der böse Geist, der Teufel, der uns mit seinen Versuchungen stört und belästigt.

Im Heiligen Geist, der uns gegeben ist, haben wir die Kraft, dem eigenen Geist, dem Geist des alten Menschen, dem Geist der Welt und den Versuchungen Satans zu widerstehen. Diese Geister müssen uns bedrängen, aber nur dazu, daß wir uns um so mehr an den in uns wirkenden Heiligen Geist anschließen.

Wir schenken der Nähe des in uns wirkenden

Frel~!: Wandelt im Geiste. 361

Heiligen Geistes zu wenig Aufmerksamkeit und leben zu wenig mit Ihm. \iVir danken Ihm zu wenig, der sich würdigt, in uns Wohnung zu nehmen, der unsern Leib zu Seinem Tempel weiht und unsere Seele sicher leitet und führt, wenn wir nur Ihm die FÜhrung Übergeben und überlassen.

Gebet.

\iVir bitten Dich, 0 Herr, behüte Deine Kirche in steter Huld. Und weil ohne Dich die menschliche Schwäche zusammenbricht, so werde sie durch Deinen Beistand immer von dem ferngehalten, was schädlich, und zu dem hingeführt, was heilsam ist. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Freitag der fünfzehnten Woche nach Pfingsten.

W a n deI tim Gei s t e.

1. In der Osterfeier, der heiligen Taufe, sind wir Christus einverleibt worden. Wir leben in Christus. In Christus leben aber bedeutet dem hl. Paulus fast dasselbe, wie "im Geiste leben'". "Dar an erkennen wir", erklärt der hl. J ohannes, "daß wir in Ihm bleiben und Er in uns ist, daß Er uns von Seinem Geiste mitgeteilt hat" (I Joh. 4, 13). Wir "sind Christi Leib, wenn wir vom Geist Christi leben. Vom Geiste Christi lebt nur der Leib Christi" (h1. Augustinus). Die Pfingstfeier hat uns den Heiligen Geist, den Geist Christi, geschenkt. Nun ergeht an uns die Aufforderung: "Wandelt im Geiste" (Epistel).

2. "D a s F lei sc h gel Ü s t e t w i der den Gei s t. Ihr dürft also nicht alles tun, was euch beliebt" (Epistel). Die kraft der Eingliederung in Christus durch die Taufe und die heilige Eucharistie "Christus angehören, haben ihr Fleisch samt seinen Lastern und Begierden gekreuzigt." Sie sind nicht mehr von den Begierden des niederen, ungeistigen, sIttlich verdorbenen Menschen geleitet. Sie sind

362 Die Zeit nach Pfingsten: Fünfzehnte Woche. neue, mit Christus aufersta ndene Menschen. Sie leben das Leben Christi und stehen deshalb über den "Werken des Fleisches". Diese sind Unzucht, Unreinigkeit, Wohllust, Abgötterei, Feindschaft, Zank, Eifersucht, Zorn, Hader, Uneinigkeit, Spaltung, Neid, Schwelgerei und dergleichen. "Die solches tun, werden das Reich Gottes nicht erlangen." Des Christen Weg ist notwendigerweise der Weg Christi, der Weg des Kampfes. Er hat uns sich eingegliedert, um Sein Leben in uns weiterzuleben. Am Beginn der Menschheitsgeschichte steht die Sünde Adams. Sie zu überwinden und so die Welt zu Gott zurückzuführen, kommt der zweite Adam, Christus. Er überwindet die Tat des ersten Adam durch Seine Selbstverleugnung und Seinen Tod. Christus gliedert uns sich ein, damit wir auf dem gleichen Wege der Selbstverleugnung und des unausgesetzten Sterbens, in freier Hingabe und Liebe Seine Selbstverleugnung und Sein Sterben fortsetzen. Wir fügen uns als Glieder dem Haupte zu ähnlicher Selbstverleugnung und zu ähnlichem Sterben an. Wir wachsen und entfalten uns zum Mitleben des Lebens Christi, des Hauptes, hin nach dem gleichen Prinzip des Sterbens und des Lebens, wie das Haupt. "Ihr dÜrft also nicht alles tun, was euch beliebt", wozu die gefallene Natur, die böse Begierlichkeit, die Leidenschaft, die Eigenliebe euch zieht. Sie will die Werke des Fleisches. Darum kreuzigen wir das Fleisch mit seinen Trieben, Leidenschaften und Begierden. Nur so kann der Geist in uns Sein Werk tun.

"Wandelt im Geiste", im neuen, Übernatürlichen Leben, das uns in der Einverleibung in Christus gegeben ist. Der Geist erhebt uns über die finstern Mächte der Leiden'schaften" über die Gelüste des niederen, irdisch, weltlich gesinnten Menschen. Er ruht nicht, bis Er die Werke des Fleisches in uns ertötet und alle Gedanken, Regungen, Neigungen und Absichten unseres Geistes und Herzens dem Wi r ken der Gnade unterworfen ha,t. Er i;;t der von

Freitag: Wandelt im Geiste.

Christus uns mitgeteilte bleibende, auf das übernatürlich Gute, auf Gott und Gottes Willen gerichtete Wille, der uns spornt und drängt, als gute Kinder in kindlicher Ehrfurcht, Dankbarkeit und Liebe dem Vater im Himmel mit allem, was wir tun und :>pfern, Freude zu machen, Ihm unsere Kindesliebe zu beweisen. Er treibt uns machtvoll an, die Tugend zu erstreben, dem Gebete, der heiligen Sammlung zu leben. Er lehrt uns, mit Christus die Armut, das Kreuz, den Gehorsam, die Keuschheit und Abtötung zu lieben. Er weckt in uns das Verlangen nach der Heiligkeit, den Eifer fÜr die Interessen Gottes und Christi und für das Heil der Seelen. Er gibt uns die Opferfreude, den Mut zur Treue im Kleinen, die Kraft zu heroischer Tat. Wunderbar sind Seine Früchte: "Liebe, Freude, Friede, Geduld, Milde, Güte, Sanftmut, Bescheidenheit, Enthaltsamkeit, Keuschheit" (Epistel). An diesen Früchten erkennen wir, ob wir im Geiste wandeln.

3. "Wandelt im Geiste, dann werdet ihr die Gelüste des Fleisches nicht vollbringen." Das ist das Wesentliche in unserem Leben, daß wir im Geiste wandeln, daß wir uns vom Geiste Christi, von der Gnade leiten lassen. Soweit, als unsere Werke aus dem Geiste Christi hervorgehen, sind sie gut, heilig, gottgefällig. Was nicht aus Seinem Geiste stammt, hat vor Gott keinen Wert.

"Gleich wie Mich der lebendige Vater gesandt hat und Ich durch den Vater lebe, so wird auch der, welcher Mich ißt, durch Mich leben" (Joh. 6, 58). Eine erhabene Verheißung. Das große Mittel, um den Geist zu erhalten, ist die heilige Eucharistie als Opfer und als Kommunion. "Wer Mein FleIsch ißt und Mein Blut trinkt, der bleibt in Mir und Ich in ihm" (Joh. 6,56). Je besser und öfter wir die heilige Eucharistie genießen, um so reichlicher nehmen wir den Geist in uns auf. Der "Wandel im Geiste" muß die Frucht der Mitfeier der heiligen Messe und des Genusses der heiligen Kommunion sein.

364 Die Zeit nach Pfingsten: Fünfzehnte Woche.

Ge b e t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, behüte Deine Kirche in steter Huld. Und weil ohne Dich die menschliche Schwäche zusammenbricht, so werde sie durch Deinen Beistand immer von dem ferngehalten, Was schädlich, und zu dem hingefÜhrt, was heilsam ist. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Samstag der fünfzehnten W oehe nach Pfingsten Z u e r s t das R eie h G 0 t t e s.

1. "Niemand kann zwei Herren dienen. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon" (Evangelium). Ein markantes Entweder-Oder. Entweder leben wir Gott - oder dem Mammon, der Erde, dem Staub. Einen Zweiherrendienst kann es nicht geben: sonst sind wir geteilt, innerlich zerrissen. "Sorget also nicht ängstlich und saget nicht: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit uns kleiden? Suchet zuerst das Reich Gottes, und dies alles, Nahrung und Kleidung, wird euch dazu gegeben werden. Um all das, Nahrung, Kleidung, sorgen sich die Heiden" (Evangelium), die Gott, den Vater, nicht kennen.

2. "S u ehe t z u e r s t das Re ich Go t t e s."

Des Christen erste Sorge ist die, daß er Gott lebe. Gott, Gottes Gebot, Gottes Wille, Gottes Wohlgefallen an erster Stelle und vor allem andern. Gott hat uns für sich gemacht. Er ist der ganze Grund unseres Daseins, der einzige Endzweck unseres Lebens. "Du hast uns für Dich erschaffen, und unser Herz ist unruhig, bis es ruhet in Dir" (h1. Augustinus). Zu dem Ende, daß wir Gott leben, hat Gott uns Seinen eigenen Sohn gesandt. Wir hatten uns ja in der Sünde an die Welt, an das Irdische, an das Abwegige verloren. Unser Leben, unser bestes Streben und Mühen hatten keinen Sinn und Inhalt mehr. Es war ohne Gott. Da, sapdte Er Seinen

Samstag: Zuerst das Reich Gottes. 365

Sohn, daß Er uns Gott zurückgebe, daß wir Ihn wiederfinden, daß wir Ihm Kinder seien, die ganz dem Vater leben. Unaufhörlich gießt der Herr uns das Licht und die Kraft ein, Gott vollkommener zu el kennen, uns von der Anhänglichkeit an die Welt und die Eitelkeiten des Lebens loszulösen und in vollkommener Liebe den Willen des Vaters zu tun, der im Himmel ist. Dazu, daß wir alles andere zu lassen und ungeteilt Gott zu leben vermögen, zieht Er uns j eden Tag in Sein heiliges Opfer hinein und gibt Sich uns in der heiligen Kommunion zur N ahrung. Immer mehr durchdringt Er unsern Geist mit Seinem Geist und mit Seinen Gesinnungen und macht uns frei und stark, mit Treue und Beharrlichkeit allem, was Gott nicht ist, zu entsagen und Ihm zu leben. Daß wir Gott leben ist unsere einzige Angelegenheit und Sorge. Hier geht es nicht bloß um unsere Ehre, um unser zeitliches Glück oder Unglück; hier geht es um die Ewigkeit. Daß wir Gott leben, ist die einzig notwendige Angelegenheit. Gegenüber dieser Sorge treten alle andern Angelegenheiten und Interessen zurück. Eine Angelegenheit, die wir um keinen Tag, um keine Stunde hinausschieben können. Eine Angelegenheit, die j eden Augenblick drängt. Das ist der ganze Mensch, daß wir Gott leben. Was diesem Ziele nicht dient, ist Tod, ist Nichtigkeit, Eitelkeit. Was in uns gar gegen Gott und Gottes Willen geht, ist bös, ist ein Übel, ist Verkehrtheit, ist Lebensvernichtung, ist Sünde. "Suchet zuerst das Reich Gottes." Keine Teilung!

"D i e s a 11 e s wir d e u c h d a zug e g e ben wer den." "Sorget nicht ängstlich: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit uns kleiden?" Wir haben nur die ein e Sorge, daß wir Gott leben. Leben wir Gott, dann tun wir und tragen wir, was Gott von uns will und uns zu tragen auferlegt. Wir tun und tragen, wie Er es von uns will und wie Er es uns auferlegt. Wir tun

366 Die Zeit nach Pfingsten: Fünfzehnte Woche. und tragen vor allem aus dem Beweggrund, weil Er es will und es uns so auferlegt. So haben wir das Un~erige getan. Gott will, daß wir das Unserige tun und daß dadurch, daß wir Ihm leben, für uns gesorgt sei. Beides ist getan, wenn wir tun, w-as Gott will, wie Er es will, weil Er es will. Dann aber wird uns all das, dessen wir bedürfen, dazugegeben werden. "Betrachtet die Vögel des Himmels: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen, und doch ernährt sie euer Vater, der im Himmel ist." Sie tun; was sie kraft der in sie gelegten Triebe zu tun haben. Was ihnen dann noch nötig ist, dafür sorgt Gott. "Seid ihr nicht viel mehr als sie?" "Betrachtet die Lilien des Feldes: sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Und doch war nicht einmal Salomon in all seiner Herrlichkeit gekleidet wie eine von ihnen." Gott hat die Gesetze des Wach sens in sie hineingelegt. Sie arbeiten nach diesen Gesetzen und schaffen sich so ihr Kleid. Für die nötigen Rohstoffe sorgt Gott. "Seid ihr nicht viel mehr als sie?" Wenn wir nach bestem Wissen und Können Ihm und Seinem heiligen Willen leben, haben wir das Unserige getan. Was wir außerdem noch für unser Leben nötig haben, dafür sorgt Gott, der Vater. "Euer Vater weiß ja, daß ihr all das, Nahrung, Kleidung und Wohnung, braucht." "Suchet also zuerst das Reich Gottes und Seine Gerechtigkeit", das, was vor Gott gerecht ist, das, was Er befiehlt, verlangt, wünscht und will!

3. "Sorget euch nicht ängstlich." Nicht, daß wir uns nicht mit allem Fleiß und aller Gewissenhaftigkeit um die Erfüllung unseres Berufes, unserer Amtspflichten und Standesobliegenheiten kümmern sollen. Aber nicht so, daß wir in den Mühen und Arbeiten, die uns auferlegt sind, untergehen, daß wir in dem irdischen Getriebe versinken und darüber unsere erste Aufgabe vernachlässigen: die Aufgabe, Gott und Gottes Gerechtigkeit zu suchen, d. i. vor

Samstag: Zuerst das Reich Gottes. 367

allem und in allem darauf zu achten, daß wir Gottes heiligen Willen tun.

"Um all das kümmern sich die Heiden." Wir Christen stehen den Dingen dieser Welt anders gegenüber als der Nichtchrist. Dieser ist von der Sorge um das Diesseits beherrscht. Der Gedanke an Nahrung, Kleidung, Gesundheit, Wohlergehen, Stellung, Geschäft, Fortkommen, Erfolg, Ansehen beherrscht ihn und bestimmt seine Entschließungen und Handlungen. Nicht so der Christ. Auch er muß sich darum sorgen. Aber nicht "ängstlich", nicht so, daß diese Sorge seinem Leben Inhalt und Form gebe. Was sein Leben bestimmt und ihm seine Form gibt, ist das unerschütterliche, kindliche Vertramen auf Gott. "Euer Vater weiß ja, daß ihr dies alles braucht." Er wird es uns geben, nachdem Er selbst den Tieren des Feldes, den Vögeln in der Luft und dem Gras und den wilden Feldlilien das Notwendige gibt.

"Besser ist es, auf den Herrn zu bauen als auf Menschen" (Graduale), auch als auf unser eigelles übermäßiges Sorgen!

Ge b e t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, behüte Deine Kirche in steter Huld. Und weil ohne Dich die menschliche Schwäche zusammenbricht, so werde sie durch DeiIlen Beistand immer von dem ferngehalten, was schädlich, und zu dem hingeführt, was heilsam ist. o-urch Christus ullsern Herrn. Amen.

Die liturgische Meßfeier des fünfzehnten Sonntags nach Pfingsten

1. "Ich lebe, und auch ihr sollt leben" (J oh. 15, 19). Es ist der Oster- und Taufgedanke, der in der heutigen Meßfeier zum Ausdruck kommt: Christus spendet das Leben. Er ist der Totenerwecker. Er hat uns dereinst in der heiligen Taufe vom Tode der Sünde zum Leben erweckt. Er erweckt uns mit jeder Gnade, insbesondere mit der heutigen Opferfeier, zu kräftigerem und fruchtbarerem Leben und legt im Opfermahl der heiligen Kommunion in uns als Frucht der Taufe und der Opferfeier den Keim zur Auferstehung des Leibes.

2. Die heutige Opferfeier ist vom Evangelium beherrscht. Jesus kommt nach N aim, in dem Augenbliek, wo man eben einen Jüngling zu Grabe trägt. \iVeinend folgt die Mutter, eine Witwe, der Totenbahre. Es sind der Christen so viele, die das herrliche Leben der Gnade, das sie in der heiligen Taufe empfangen, im Tode der SÜnde verloren haben. Trat;ernd steht die Mutter, die heilige Kirche, bei der Leiche. Im Namen und zu Gunsten dieser ihrer Schmerzenskinder fleht sie im Introitus: "Neige, Herr, Dein Ohr zu mir und erhöre mich; erbarme Dich meiner, Herr, ich rufe zu Dir den ganzen Tag. Erfreue die Seele Deines Knechtes", Deiner Kirche, wie Du im heutigen Evangelium die trauernde M utter erfreut und getröstet hast. Kyrie, eleison. Herr, erbarme Dich! "Reinige und schirme Deine Kirche, weil sie ohne Dich nicht heil bestehen kann" (Oratio); denn groß sind die Anforderungen, die an die Glieder der Kirche gestellt werden. Sie werden vom hl. Paulus in der Epistel in beredter Sprache entwiekelt. Graduale und Allelujavers bringen das Glück, getauft zu sein und das heilige Opfer mit-

Die liturg. Meßfeier d. 15. Sonntags n. Pfingsten. 369 feiern zu können, zum Ausdruck: "Es ist gut, den Herrn zu preisen, zu singen Deinem Namen. Ein großer Gott ist der Herr (Christus), ein großer König über alle Welt", der Herr über Leben und Tod. Alles ist Ihm unterworfen, nichts widersteht Seiner Macht. Zeuge dessen ist das Evangelium:

J esus geht in eine Stadt mit Namen N aim. Seine Jünger und viel Volk begleiten Ihn. Da Er zum Tore kommt, das in die Stadt führt, trägt man eben einen Toten heraus, den einzigen Sohn seiner Mutter, einer Witfrau. J esus sieht sie und wird von Mitleid gerührt. "Weine nicht!" Dann tritt Er an die Bahre heran, berührt sie und befiehlt dem Toten:

"Jüngling, Ich sage dir, stehe auf!" Der Tote richtet sich auf. Jesus gibt ihn lebend seiner Mutter zurück.

3· J esus gibt das Leben, und ] esus allein. So begegnete Er einst auch jedem von uns, die wir, in die Erbschuld verstrickt, Kinder des Todes waren .

. Um uns trauerte die Mutter, die Kirche. Von Mitleid gerÜhrt trat Christus in Seinem Stellvertreter an uns heran, berührte uns mit den lebenspendenden Wassern der heiligen Taufe, schenkte uns das Leben und übergab uns der getrösteten Mutter Kirche. Dankbar gedenken wir heute der heiligen Taufe. "Sehnsüchtig harrte ich des Herrn; Er sah mich an, Er erhörte meine Bitte und gab ein neues Lied in meinen Mund, einen Lobgesang auf unsern Gott" (Offertorium). Lebenspendend wird Er dereinst an unser Grab herantreten und uns befehlen: "Ich sage dir, stehe auf!" Dann werden sich die Pforten des Grabes auftun und unsern Körper freigeben. Freudig wird die verklärte Seele ihn umarmen, mit ihrem seligen Leben ihn durchströmen und in das Reich des Lebens tragen, in die Arme der jubelnden, verklärten Kirche des Himmels: "Sehnsüchtig harrte ich des Herrn; Er sah mich an und gab ein neues Lied in meinen Mund." Lebenspendend tritt Er heute in der heiligen Messe als mitleidiger, machtllaur, Ward. Licbt IH. :U

370 Die Zeit nach Pfingsten: Sechzehnte Woche. voller Totenerwecker in unsere Mitte. Wie viel herrscht noch der Tod in den Gliedern der Kirche! Die Sünde, die Leidenschaft, das Verstricktsein in das Irdische, in den Weltsinn, in die Gottvergessenheit, in ein Leben, das der heiligen Taufe ins Angesicht schlägt. Weinend, flehend steht die Ki"rche an so ungezählten Totenbahren! Da kommt der Totenerwecker in der heiligen Messe der trauernden Kirche entgegen. "Jüngling, ich sage dir, stehe auf!" Er opfert sich für die Toten, Er ringt mit dem Vater, daß Er Erbarmen übe und Verzeihung gewähre, Er ruft in unaussprechlichen Seufzern um Gnade und Kraft, daß Leben werde. "Ich lebe, und auch ihr sollt leben." Deshalb bietet Er ihnen Sein eigenes Leben in dem Opfermahl der heiligen Kommunion: "Das Brot, das Ich geben werde, ist Mein Fleisch fÜr das Leben der Welt" (Communio). "Ich lebe, und auch ihr sollt leben."

Fünfzehnter Sonntag nach Pfingsten.

Eine Totenerweckung.

1. Im Mittelpunkt der heutigen Liturgie steht die Totenerweckung, die der Herr am Jüngling von N aim vornimmt. Wir selber sind der vom Herrn in der heiligen Taufe zum Leben Erweckte, der von den Toten Erstandene. Nachdem Er uns das Leben gegeben, hat Er uns der betenden, um uns weinenden Kirche übergeben. D~r Ostergedanke strahlt heute mächtig auf. Es ist ein Tag des Dankes für die Gnade der Taufe und des Sakramentes der Buße.

2. "J ü n g I i n g, Ich sag e dir, s t ehe auf!"

Ein Toter! Im Sinne der Liturgie einer jener vielen geistig Toten, der Heiden, der Ungläubigen, der Abgefallenen, der Gotteshasser, derer, die sogar Christen sind, die aber, ihrer Berufung untreu, die Wege der Sünde gehen. Hinter der Totenbahre die Mutter, weinend, betend: die Kirche, die auf dem weiten Erdenrund ununterbrochen ihre Hände zum Herrn

Sonntag: Eine Totenerweckung. 37 t

erhebt und für die vielen geistig Toten um Gnade und Erbarmen fleht: "Erbarme Dich meiner, Herr: ich rufe zu Dir den ganzen Tag." Kyrie, eleison. Christe, eleison. Kyrie, eleison. Was würde aus den Toten werden, stände nicht die Mutter Kirche betend an ihrer Bahre! Ist sie dabei, wo die Totengräber den Toten bereits hinaustragen, dann kommt J esus des Weges daher. Er sieht die Mutter Kirche, ist "von Mitleid über sie gerührt und spricht zu ihr:

Weine nicht! Dann tritt Er hinzu und rührt die Bahre an. Die Träger stehen still. Und Er spricht:

Jüngling, Ich sage dir, stehe auf! Da richtet sich der Tote auf und fängt an zu reden. Und J esus gibt ihn seiner Mutter." Sie hat durch ihr Weinen und Beten dem Toten das Leben zurückgegeben. Ein Bild dessen, was heute und täglich in der Opferfeier der heiligen Messe vor sich geht. Es sind der Toten so viele. Sie scheinen lebendig zu sein, der Seele nach sind sie tot und liegen bereits auf der Bahre. Die Mutter Kirche, sie allein, weiß um ihr Unglück. Sie ruft in der heiligen Messe denj enigen, der allein das Leben geben kann. Er kommt und erweckt die Toten zum Leben. Die heilige Messe ist ja ein Sühn- und Bittopfer. Die Kirche hebt das Blut Christi zum Himmel empor. Sie ruft um Erbarmen und erwirkt von Gott die Gnade, daß der Sünder zur Erkenntnis komme, daß er seinen Irrtum erkenne, daß er mit der Sünde breche und sich bekehre. Das ist der Glaube der heiligen Kirche, daß ihre Tränen und Bitten, unterstützt vom heiligen Opfer, bei Gott wirksam sind. Und diese betende, opfernde Kirche sind wir selber! Unser Beten und Opfern ist wirksam, um so wirksamer, je mehr wir in die Kirche eingehen und mit ihr flehen: ;,Erbarme Dich meiner, Herr, ich rufe zu Dir den ganzen Tag." Um so wirksamer, je mehr wir in mitleidiger Liebe uns der vielen Toten annehmen und für sie das hochheilige Opfer feiern. Unsere Kraft liegt in

24*

372 Die Zeit nach Pfingsten: Sechzehnte Woche. dem Anschluß an die Gemeinschaft der betenden und opfernden Kirche!

"Jüngling, Ich sage dir, stehe aufl" Wir sind bereits erweckt. Wir besitzen das Leben der Gnade. Als Lebendige feiern wir das heilige Opfer mit. Aber auch an uns muß der Herr Seine Macht als Lebenspender wirken. Daß wir zu lebendigerem, frischerem Leben uns erheben! Dazu ruft Er uns zur heiligen Opferfeier! Es ist noch so vieles in uns, was das volle Leben zurückhält und hindert. Wir trachten nach eitler Ehre, fordern einander heraus, beneiden einander. Wir entdecken an andern Fehler und unterweisen sie nicht im Geiste der Sanftmut. Wir tragen nicht des andern Last und erfüllen deshalb das Gesetz Christi nicht. Wir bilden uns ein, etwas zu sein, und betrügen so uns selbst. Wir lassen uns von den andern schmeicheln und täuschen und machen uns nicht vom Urteil des eigenen Gewissens und Gottes abhängig. Wir wandeln nicht in all weg im Geist und bedenken nicht, daß, wer.im Fleische sät, vom Fleisch Verderben ernten wird. Wer im Geiste sät, wird vom Geiste das ewige Leben' ernten. Wir ermüden im Guten und sind nachlässig, lau, träge (Epistel). So viel Geruch des Todes und der Verwesung in uns Christen, in uns Gottgeweihten! So wenig Friede, so wenig glühender Eifer l Wehe uns, wenn nicht die Mutter Kirche für uns betend ihre Hände zum Herrn erhebt, daß Er uns zu neuern, frischem Leben erwecke. Sie tut es in ihrem heiligen Offizium, das ihre 'Priester und Ordensleute verrichten. Sie tut es vorzüglich in der Feier der heiligen Messe. Da spricht der Herr zu uns Sein "Ich sage dir, stehe auf!" Er tritt, zusammen mit der heiligen Kirche, betend, opfernd vor den Vater hin und erwirkt uns die Kraft und die Gnade, daß wir den heutigen Tag hindurch in der Glut heiliger Liebe und starkmütiger, standhafter OpferweIhe dem leben, was Gott ist. Er kommt in der heiligen Kommunion in unsere Seele

Sonntag: Eine Totenerweckung. 373

und gibt uns Sein eigenes Leben. In der Kraft dieser Speise gehen wir, wie Elias, frischen Schrittes den Weg bis auf den Berg Horeb (3 Kön. 19, 8), zum Berg der himmlischen Wohnungen.

3. "Gut ist's, den Herrn zu preisen und Deines N amens Lob zu singen, Allerhöchster. Schon früh am Morgen Dein Erbarmen zu verkünden und Deine Treue (Deine Gnadenhilfe ) in der Nacht. AlIeluj a. Alleluja. Fürwahr, der Herr ist der große Gott, der König über alle Welt. Alleluja" (Graduale und AlIeluj alied). Er, der Herr über die Macht des Todes, der Sünde! Er hat uns in der heiligen Taufe, in dem Sakrament der Buße sooft dem T~e entrissen und uns dem Leben zurückgegeben.

"Er sah auf mich", den Unwürdigen, den Lauen, den Trägen, und hat mir, auf das Beten und Opfern der Mutter Kirche hin, "ein neues Lied in den Mund gegeben". Er hat mich sooft in der heiligen Kommunion, in der heiligen Beicht mit neuern, frischem Leben erfüllt! Wehe mir, wenn Er nicht erbarmend mich "angesehen" hätte!

"Das Brot, das Ich gebe, ist Mein Fleisch für das Leben der Welt" (Communio). Er berührt, Er nährt uns mit Seinem Fleisch und Blut. Er erfüllt uns mit Seiner Kraft und Glut, mit Seinem Eifer für den Vater und die Seelen! In Seiner Berührung weicht von uns jede Schwäche und seelische Erschlaffung! Wir leben das Leben des Auferstandenen mit, der nimmer stirbt. "Ich kann alles in dem, der mich stärkt" (Phi!. 4, 13). "Ich lebe, und auch ihr sollt leben."

Gebet.

Immerwährendes Erbarmen reinige und schirme Deine Kirche, 0 Herr. Und weil sie ohne Dich nicht heil bestehen kann, so werde sie allezeit durch Deine Gnade geleitet. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

J/"""t

Montag der sechzehnten Woche nach Pfingsten.

Das G e b e t der Kir c h e.

I. Eine eigenartige Fügung: .J esus k'ommt mil Seinen Aposteln wie durch Zufall in das Städtchen N aim. Er begegnet dem Leichenzug, sieht die Tränen der Mutter des Toten, ihres einzigen Sohnes, tritt hinzu und erweckt den Toten zum Leben.

2. Die Tat s ach e ist vom Evangelium in kurzen Worten "berichtet: "Jesus ging in eine Stadt mit Namen Naim. Seine Jünger und viel Volk begleiteten Ihn. Als Er nahe an das Stadttor kam, trug man eben einen Toten heraus, den einzigen Soh.n seiner Mutter, die Witwe war. Viel Volk aus der Stadt ging mit ihr. Als der Herr sie sah, wlird Er von Mitleid über sie gerÜhrt und sprach zu ihr:

Weine nicht. Dann trat Er hinzu und rührte die Bahre an. Er sprach: Jüngling, Ich sage dir, stehe auf! Da richtete sich der Tote auf und fing an zu reden. Und Jesus gab ihn seiner Mutter." Der Herr sieht die Tränen der l\1 utter. Das greift Ihm ans Herz. Den Tränen der Mutter kann Er die Hilfe nicht versagen. Zuerst das Wort des Trostes:

"Weine nicht!" Und dann die Tat: "Jüngling, Ich sage dir, stehe auf!" Und Er gibt der Mutter den zum Leben erweckten Sohn zurüc!c Das ist ganz Er, der Herr. Er ist die Liebe. Er hat Mitleid, Er hat ein Wort, Er hat eine Tat, eine Hilfe! Wo es die Liebe gilt, da wirkt Er \iVunder, selbst das Wunder einer Totenerweckung ! An das hatte die Mutter nicht gedacht! Der Herr tut ja unendlich mehr, als der Mensch nur zu denken wagt. So kleinlich sind wir gegenüber der Fülle und M acht Seiner Güte und Liebe!

Die Deutung der Tatsache durch die Li t u r g i e. Ringsum Leichen! Auch wir waren einst tot. Aber, da wir in unsern Sünden tot waren, weinte und betete die Mutter Kirche um uns. Jeden Tag fleht sie in Tausenden und Tausenden ihrer

Montag: Das Gebet der Kirche 375

Priester zum Herrn, der ihr in der Feier der heiligen Messe begegnet. Sie gedenkt aller ihrer Kinder. "Gedenke, Herr, Deiner Diener und Dienerinnen und aller Umstehenden, deren Glauben und Opfergesinnung Du kennst. Für sie bringen wir Dir dieses Lobopfer dar. Nimm diese Opfergabe huldvoll an. Leite unsere Tage in Deinem Frieden. bewahre uns gütig vor der ewigen Verdammnis und reihe uns in die Schar Deiner Auserwählten ein." Jetzt kommt Er. Mit göttlicher Allmacht wandelt Er das Brot in Seinen heiligen Leib, den Wein ll1 Sein heiliges Blut und opfert sich dem Vater auf, um uns, um allen, die sich danach sehnen, das Leben der Gnade zu geben bzw. es zu mehren, zu kräftigen. Würde die 1\1 utter fehlen, würde sie nicht hinter den Toten hergehen, betend, opfernd: es gäbe für die Armen keine Auferstehung zum Leben. Das ist der Dienst der Mutter Kirche. Ungezählte verstoßen sie, verlassen sie, ja verleumden und hassen sie. Sie läßt es sich nicht nehmen, hinter der Bahre all dieser Toten herzugehen. Sie muß dem Herrn begegnen. Dann wird Er, voll Mitleid mit ihr, an die Bahre herantreten und sie berühren und den Toten zum Leben erwecken. Das ist das Werk der Kirche, sooft sie zur Feier der heiligen Messe an den Altar tritt; sooft sie in ihren Betern das Brevier zur Hand Il immt und im Namen der SÜnder, der U ngläub igen, der Verblendeten mitleids voll an Stelle derer betet und glaubt, die nicht beten und nicht glauben. Wenn nur sie hinter der Bahre geht. Wenn nur sie trauert und betet, wie sie es ununterbrochen tut. Das rettet die Menschheit; das gibt den Toten das Leben zurück: das Gebet der Kirche!

3. "Vor, allen Dingen dringe ich darauf, daß man Bitten, Gebete, Andachten und Danksagungen ver-' richte für alle Menschen, für Könige und alle Obrigkeiten, auf daß wir ein stilles und ruhevolles Leben führen in aller Gottse::gkeit und Ehrbarkeit. So 'ist es gut und wohlgefällig vor Gott, unserem Heilande,

376 Die Zeit nach Pfingsten: Sechzehnte Woche.

der will, daß alle Menschen selig werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen" (I Tim. 2, I bis 4). Dies tut die Mutter von Naim, die Mutter Kirche.

Wir gehören zur Mutter von Naim. "Viel Volk aus der Stadt ging mit ihr." Das sind wir. Wir teilen der Mutter Trauer und Tränen. In der M itfeier der heiligen Messe; in der Verrichtung des uns von der heiligen Kirche übergebenen Stundengebetes; in unsern privaten Gebeten. Das Vorrecht, beten zu dürfen, ist uns nicht bloß dazu verliehen, daß wir fÜr uns selber beten, sondern vor allem für den Dienst an dem ewigen und zeitlichen Wohl der andern.

Wir halten uns an die Mutter, an ihr Beten. Je inniger wir in unserem Opfern und Beten uns ihr anschließen, um so besser werden wir unserer Aufgabe genügen können, an der geistigen Auferweckung der vielen Toten und an dem geistigen Wachstum der Lebenden mitzuarbeiten.

Ge be t.

Immerwährendes Erbarmen reinige und schirme Deine Kirche, 0 Herr. Und weil sie ohne Dich nicht heil bestehen kann, so werde sie allezeit durch Deine Gnade geleitet. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Dienstag der seehzehnten Woche naeh Pfingsten.

Das M e m e n tod e s P r i e s t e r s.

I. "Als Er nahe an das Stadttor kam, trug man eben einen Toten heraus, den einzigen Sohn seiner Mutter, die Witwe war. Viel Volk aus der Stadt ging mit ihr" (Evangelium). Die Mutter von Naim ist der Liturgie Typus der betenden Kirche. Aber auch des Volkes, das mit der Witwe von Naim war und mit der Mutter um den Toten trauerte. Typus der vielen Mütter, Eltern, Seelsorger, Lehrer und

Dienstag: Das Memento des Priesters. 377

Erzieher, die um einen geistig Toten, um einen Entarteten, um einen Verirrten, Verlorenen trauern und beten. Auch ihnen begegnet der Herr und tröstet sie: "Weine nicht." Er begegnet ihnen vorzüglich in der Opferfeier der heiligen Messe. Die Begegnung wird bewerkstelligt durch den zelebrierenden Priester.

2. "G e den k e, Her r, Deiner Diener und Dienerinnen und aller Umstehenden, deren Glauben und Opfergesinnung Du kennst." Ein geheimnisvoller Augenblick! Ein "Gedanke" voll weittragendster Bedeutung. Der Priester schließt in seinem Memento alle jene, deren er "gedenkt", an das heilige Opfer der Messe und dadurch an das Opfer Christi am Kreuz an. Das Kreuzesopfer ist die Sonne, von der jegliches Licht und Leben für die Seele ausgeht. Soll die Sonne an dem Menschen, an den Organismen ihre wohltuende Wirkung ausüben können, dann muß ihr Licht, ihre Wärme dem Menschen, den Organismen, irgendwie zugeleitet werden. Soll die Sonne das Zimmer mit ihrem Licht erfüllen, dann müssen ihre Strahlen in es geleitet werden. So ist es mit Christi Opfer am Kreuze. Soll es unser Opfer werden, dann muß es mit uns in Verbindung gebi-acht, uns "zugewandt" werden. Dann erst können wir an der Versöhnung Anteil haben, die der Herr am Kreuze zwischen Gott und uns bewerkstelligt hat; dann erst können wir an der Anbetung', an den Danksagungen und Bitten des Hohenpriesters Christus lebendig Anteil haben. Dies geschieht durch das Opfer der heiligen Messe. Nur muß das Opfer der heiligen Messe unser Opfer geworden sein. Es wird unser Opfer dadurch, daß der zelebrierende Priester uns das Opfer "zuwendet". Christus hätte das heilige Meßopfer jedem Gläubigen in die Hände legen können. Er hat es nicht getan. Er hat es dem Priester übergeben. Dieser kann es dort wirken und fruchtbar werden lassen, wo er es durch seinen freien Entschluß,

378 Die Zeit nach Pfingsten: Sechzehnte Woche. durch seine "Intention" hin leitet. Das ist die Würde, Macht und Aufgabe des Priesters. Wenn er meiner "gedenkt", wenn er durch seinen Willen bestimmt, daß das Opfer auf dem Altar mein Opfer sein soll, dann ist es mein Opfer. Dann begegnet mir Christus im Opfer der heiligen Messe. Wahrlich, ein großer Augenblick, da der Priester betet: "Gedenke, Herr, Deiner Diener und Dienerinnen N. N.' und aller Umstehenden." Der Weg zu einer gnadenvollen Begegnung mit deni Herrn, ähnlich der Begegnung am Stadttor von Naim.

"S i e sei b s top fe r n Dir die ses 0 p f e r für sich und alle die Ihrigen, damit ihre Seelen gerettet und ihre Hoffnungen auf Heil und Wohlfahrt gesichert werde. Sie weihen Dir, dem ewigen, lebendigen, wahren Gott, ihre Gaben." Nachdem uns der Priester durch seine "Applikation" oder Intention mit dem sich opfernden Herrn in lebendige Verbindung gebracht, dürfen wir das hochheilige Opfer Gott anbieten für uns selbst, für all die Lieben, an deren Heil und Heiligung wir mitarbeiten sollen und wollen, "damit ihre Seelen gerettet und ihre Hoffnungen auf Heil und Wohlfahrt gesichert werden". Nun haben wir, den Herrn opfernd, alle Macht über das Herz Gottes. Wir bringen Ihm ja in der heiligen Wandlung Seinen geliebten Sohn dar. Sein Herz mit der unendlichen Fülle der Liebe, in der es erglüht. Er, der Herr, unsere Opfergabe, trägt unsere Bitten fur die Unsrigen, fÜr alle, deren wir gedenken, in Seinem hochheiligen Herzen zum Vater empor und verficht unsere Sache. "Weine nicht." In der Kraft des heiligen Opfers wird uns Hilfe und Trost. Was wir an Gebeten für die Rettung und das Heil unserer Lieben auf die Patene legen, findet Erhörung. Geheimnisvoll, in aller Stille und Verborgenheit senkt sich der Tau der Gnade in die Seele, um die wir bangen. Es kommt die Stunde, da der Herr an die Bahre herantritt und den Toten zum Leben der Gnade zurückruft: "Ich sage dir,

Mittwoch: Saat und Ernte.

379

stehe auf!" Wie reich sind wir in der heiligen Messe.

3. Dazu, daß wir dem Opfer Christi verbunden

'..,erden, wird von unserer Seite "Glaube und Opfergesinnung" verlangt. "Gedenke, Herr, aller Umstehenden, deren Glauben und Opfergesinnung Du kennst." Wir kommen mit dem Verlangen, am Opfer des Priesters teilzunehmen und uns dem sich opfernden Herzen zu ähnlicher Hingabe an den Vater, zu ähnlichen Akten der Liebe, der Anbetung, des Lobpreises, der Danksagung und Bitte anzuschließen. Der Priester kann tins mit seinem "Gedenke" dem Opfer Christi nur so weit anschließen, als wir zum heiligen Opfer einen lebendigen Glauben, der "durch die Liebe tätig ist" (Gal. 5, 6), und eine wahre Opferbereitschaft, einen ernstlichen Opferwillen mitbringen. Am Priester fehlt es nicht: es darf auch an uns nicht fehlen!

Was muß uns die Meßapplikation, das Memento des zelebrierenden Priesters wert sein! Wir sichern sie uns dadurch, daß wir dem Opfer der heiligen Messe richtig anwohnen. Da gedenkt der Priester "aller Umstehenden" und wendet damit ihnen allen die heilige Messe zu, so daß sie sie mitfeiern und ihre Frucht mitempfangen können.

Ge be t.

Immerwährendes Erbarmen reinige und schirme Deine Kirche, 0 Herr. Und weil sie ohne Dich nicht heil bestehen kann, so werde sie allzeit durch Deine Gnade geleitet. Durch Christus unsern Herrn, Amen.

Mittwoch der sechzehnten Woche nach Pfingsten.

S a a tun dEr n t e.

J. Wieder geht an uns Getaufte und Gefirmte die Mahnung: Wandelt im Geiste. "Wenn wir im Geiste leben, laßt uns auch im Geiste wandeln" (Epistel).

Pfingsten, die heilige Firmung hat uns den Heiligen Geist mit Seinen Gnaden und Gaben gegeben: nun gilt es, als geistige Menschen zu wandeln, "im Geiste zu säen".

2. "Wer im F lei sc he sät, wir d' vom F lei sc h Ver der ben ern t e n." Das Fleisch, die fleischliche Gesinnullg, ist gleichsam ein weites, fruchtbares Ackerland. Wer auf diesen Boden sät, wird Verderben ernten. Wer sät im Fleische? Der Apostel gibt es uns genau an. Wer nach eitler Ehre trachtet. Wer durch seinen Ehrgeiz, durch seine stolze überhebung und seine unbescheidenen Ansprüche den Mitmenschen herausfordert und so Streit stiftet. Wer gegen die andern neidisch, auf sie eifersüchtig ist. Wer den fehlenden Mitbruder mit Ungeduld und Härte rügt. Wer sich einbildet, etwas zu sein. Wer seinen Wandel mit dem der andern vergleicht und danach beurteilt, was und wie die andern denken, reden und tun, und nicht allein auf Gott sieht. Wer keinen Sinn und kein Verständnis für die Schwächen, Nöten und Bedürfnisse des Mitmenschen aufbringt und nicht "die Last des andern" mitträgt, in Mitleid, Belehrung, Gebet und Bußwerken, die er für ihn auf sich nimmt. Es ist der irdisch-natürlich gerichtete, von sich selbst eingenommene, noch nicht vom Heiligen Geist übernatürlich umgewandelte Mensch!

"Wer im Geiste sät, wird vom Geist e w i g e s Leb e n ern t e n." Auch der Geist ist ein fruchtbares Ackerland. Glücklich, die auf dieses Erdreich säen! Im Geiste sät, wer nicht nach eitler Ehre trachtet. Wer keinem Neid und keiner Eifersucht nachgibt. Wer den fehlenden Mitmenschen im Geiste der Sanftmut unterweist und so zu Gott zurückführt. Wer sich in Demut der eigenen Schwäche bewußt ist. Wer sich ernstlich vor seinem Gott und seinem Gewissen auf sein Tun und Lassen prüft. Wer des andern Last trägt und jedermann in Wort und Tat Liebe erweist. Wer nicht ermüdet, Gutes

Mittwoch: Saat und Ernte.

zu tun. Wer nicht nachläßt, jetzt, solange er noch Zeit hat, allen Gutes zu tun, vorzüglich aber den Glaubensgenossen, denen er durch die heilige Taufe in der Einheit des Leibes Christi, der Kirche, verbunden ist.

3. "Wer im Fleische sät, wird vom Fleisch Verderben ernten." Im Flei3che gesät sind die Werke, die wir aus bloß natürlichen, wenn auch menschlich edlen Absichten und Interessen tun; die Werke, die wir nicht unter dem Einfluß der Liebe zu Gott oder Christus tun. Sie mögen sonst noch so anerkennenswert sein, sie sind gleichwohl ohne Wert für unser wahres Wohl, für die Ewigkeit. Große Schritte, aber abseits vom Wege!

"Wer im Geiste sät, wird vom Geist ewiges Leben ernten." Das ist die unvergängliche, ewig wertvolle Frucht des Lebens aus dem Geiste, aus dem Glauben, aus der Gnade, aus der Einstellung auf Gott und Christus: das ewige Leben. Und jedes, auch das Geringste, getan, angenommen, gelitten im Geiste, wirkt neues ewiges Leben, eine neue Ewigkeit. Wie sind wir töricht, daß wir uns nicht viel eifriger darum bemühen, im Geiste zu säen!

Jesus kommt nach Naim. Er findet einen Toten, hinter ihm die weinende Mutter. Er kommt in die Pfarrei, in die christliche Familie und findet Tote. Sie säen im Fleisch und ernten vom Fleisch Verderben. Dahinter die Mutter, die Kirche. Sie trägt der Toten Last: sie hat Mitleid, sie betet, sie opfert und sühnt für sie. Wir schließen uns der Mutter an. "HerfI, neige Dein Ohr zu mir und erhöre mich. Erbarme Dich meiner, 0 Herr. Mach froh die Seele Deines Knechtes: denn zu Dir erhebe ich meine Seele" (Introitus).

Je mehr wir mit der Mutter Kirche im Geiste säen, um so sicherer werden wir denen, die im Fleische säen, dienen und helfen können, auf daß sie geistig werden und das ewige Leben ernten!

382 Die Zeit nach Pfingsten: Sechzehnte Woche.

Ge b e t.

Immerwährendes Erbarmen reinIge und schirme Deine Kirche, 0 Herr. Und weil sie ohne Dich nicht heil bestehen kann, so werde sie allzeit durch Deine Gnade geleitet. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Donnerstag der sechzehnten Woche nach Pfingsten.

Einer trage des andern Last.

I. "Brüder, wenn wir im Geiste leben, laßt uns auch im Geiste wandeln. Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen" (Epistel). Das heißt im Geiste wandeln: des andern Last tragen. So tut es Christus. So tut es der Christ.

2. "E i n e r t rag e des an der n Las t." So tut es der Herr im heutigen Evangelium. In der Stadt N aim wird soeben der einzige Sohn einer Witwe zu Grabe getragen. Viel Volk aus der Stadt ging h inter der weinenden Mutter her und teilte ihren Schmerz. Sie trugen die Not, das Leid der Mutter mit. Der Herr hatte es so eingerichtet, daß Er eben in die Stadt eintrat, da der Leichenzug in der Nähe des Stadttores angekommen war. Er wird von Mitleid gerührt. Er trägt liebend, teilnahmsvoll die Last der Mutter mit. "Weine nicht." Die Mutter fühlt es, wie sehr der Herr ihr Leid versteht und den Schmerz mit ihr teilt. Dem Worte des Herrn folgt die Tat. Er tritt herzu und rührt die Bahre an. Die Träger stehen still. Dann befiehlt der Herr dem Toten: "Jüngling, Ich sage dir, stehe auf!" Da richtet sich der Tote auf. Und J esus gibt ihn seiner Mutter. So trägt der Herr der andern Last, Leid und Schmerz. Uns zum Vorbild!

"Einer trage des andern Last." Jeder M ertsch hat in diesem Erdenleben seine Last zu tragen, der eine so, der andere anders. Jedem von uns legt der Herr das Kreuz auf die Schultern.

Donnerstag: Einer trage des andern Last. 383 Jeder .lat sein Leid, seine Schwierigkeiten. Bald ist es Armut und Not, bald ist es Krankheit, bald ein Unglück im Geschäft, im Beruf, im Hauswesen, in der Familie, ein Todesfall oder sonst eine Last. Da springt die christliche Liebe ein. Sie kann und darf nicht gleichgÜltig und teilnahmslos am fremden Leid und Kreuz vorübergehen. Sie fÜhlt es mit, als hätte es sie selbst getroffen. Sie leidet mit. Sie hat ein Wort der Teilnahme, des Trostes, des Rates. Sie ist bemÜht, den unter der Last Gebeugten aufzurichten, ihm, soweit es in ihren Kräften steht, das Kreuz zu erleichtern und abzunehmen. Geteiltes Leid ist halbes Leid! Wie wäre es in der Familie, in einer Pfarrei, in einer Diözese schön und erhebend, wollten wir, die wir uns Christen nennen, uns zu einer solchen Höhe der Liebe erheben! Eine solche Liebe verlangt Verständnis für fremde Not, ein weites, großes Herz, viel Selbstlosigkeit und Opfersinn. Und einen Glauben, der im Mitmenschen, im Armen, im Leidbedrückten, im Kranken, in dem ins Unglück Geratenen das Glied Christi, Christus sieht und sich des \iVortes des Herrn erinnert: "Was ihr dem Geringsten der Meinigen getan habt, habt ihr Mir getan" (Matth. 25, 40).

3. Täglich läßt sich der Herr in Liebe und Erbarmen zu uns herab, um unsere Nöten, Leiden und Anliegen, unsere Last und unser Kreuz mit uns zu tragen. "Kommet alle zu Mir, die ihr mühselig und beladen seid, Ich will euch erquicken" (Matth. I T, 28). Er kommt im Opfer der heiligen Messe, um als der Hohepriester, eins mit uns, unsere Lasten und Nöten vor den Vater zu tragen, auf daß der Vater uns die Kraft gebe, standhaft und fruchtbringend unsere Last weitertragend so den Preis des ewigen Lebens zu erlangen. Er kommt in der heiligen Kommunion und erfüllt uns mit Seinem Opfergeist und Seiner Opferkraft. Von Seiner Kraft gestützt sind wir stark, die Last der täglichen Kreuze und Leiden zu tragen und Seinen Kelch mit

384 Die Zeit nach Pfingsten: Sechzehnte Woche. Ihm zu trinken (Matth. 20, 22). Vom Kreuze, vom Altar, vom Tabernakel aus erleuchtet Er unsern Geist. Wir erfassen immer tiefer das Geheimnis des Leidens, des Mitleidens mit Ihm. "Wir müssen mit Ihm leiden, um mit Ihm verherrlicht zu werden" (Röm. 8, 17). So ist es Gesetz: "Wo Ich bin, da muß auch der sein, der Mir dient" (Joh. 12, 26), erst recht, der in der heiligen Taufe Glied Christi, des Gekreuzigten, geworden ist. So trägt der Herr unsere Last.

Wir glauben an das Geheimnis der Einwohnung Gottes in unserer Seele. Der drei faltige Gott lebt in uns und läßt uns Sein Leben mitbesitzen und mitleben. Er arbeitet am Heil und an der Heiligung unserer Seele. Er arbeitet an uns, je weiter wir zur Vereinigung mit Ihm voranschreiten, mit Leiden, Prüfungen, Enttäuschungen, Schwierigkeiten ohne Ende. Aber mit dem Kreuz, das Er uns auflegt, gibt Er uns noch viel mehr das Licht, die Einsicht und die Kraft, das Kreuz zu tragen. Er trägt unsere Last mit, der heilige Gott. Wie könnten wir das Kreuz und die Prüfungen des christlichen Lebens, des vollkommenen Lebens sonst tragen? Ein Beispiel für uns, wie auch wir des andern Last tragen sollen.

"Einer trage des andern Last", des andern Kreuz.

So erfüllen wir das Gesetz Christi. In dem Maße aber, als wir das Gebot Christi erfüllen, "bleiben wir in Seiner Liebe" (Joh. 15, 10). Und doch! Wo es um die christliche Liebe geht, versagen wir so viel, am meisten der nächsten Umgebung gegenüber. Wir haben kein Herz für fremde Not, für den Hunger, für die Armut der andern: wenn nur wir selber alles haben und es uns wohl sein lassen können! Wir haben für die andern in ihren Schwierigkeiten und Nöten kaum ein Wort der Teilnahme, keine Zeit, keine Hilfe. Wandeln wir wirklich im Geiste? Wo ist unser Glaube, der uns im be-

Freitag' Einer trage des andern Last. 385

drängten, kreuztragenden Mitmenschen das Glied Christi, Christus, den Herrn, sehen läßt?!

"Wer die GÜter dieser Welt hat und doch, wenn er seinen Bruder Not leiden sieht, sein Herz vor ihm verschließt, wie bleibt die Liebe Gottes in ihm?" (I Joh. 3, I7.)

Ge 1) e t.

Immerwährendes Erbarmen reinige und schirme Deine Kirche, Herr. Und weil sie ohne Dich nicht heil bestehen kann, so werde sie allzeit durch Deine Gnade geleitet. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Freitag der sechzehnten Woehe nach Pfingsten.

Ein e r t rag e des a n der n Las t.

I. "Brüder, wenn wir im Geiste leben, laßt uns auch im Geiste wandeln. Einer trage des andern Last" (Epistel). Die Last, die der Apostel zuerst im Auge hat, wenn er seine Galater ermahnt, die Last der andern zu tragen, ist die Last der Sünden und Fehler, die wir an dem Nächsten bemerken. Paulus denkt an jene, die versucht sind, ihrem Gott und Herrn, ihrem Glauben, ihrer Kirche, dem guten Streben untreu zu werden. Er denkt an jene, die der Versuchung bereits unterlegen sind. Auch da gilt: "Einer trage des andern Last" und stehe ihm bei, daß er vor dem Falle bewahrt werde. Ist er gefallen, dann helfe er ihm, daß er sich vom Fall erhebe. "So werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen."

2. Das Vor bi I d. Das ganze Jahr hindurch, ausgenommen Advent-, Fasten- und Osterzeit, erinnert uns die heilige Liturgie zur Sext an das Wort des Apostels: "Einer trage des andern Last. So wer·det ihr das Gesetz Christi erfüllen." Zur Sext, um die sechste Stunde, bestieg der Herr am ersten Karfreitag das Kreuz. Da trug Er unser aller Last, unsere Sünde. "Er hat den wider uns lautenden Schuldschein, der mit seinen Bestimmungen gegen Baur, Werde Licht. III. 25

386 Die Zeit nach Pfingsten: Sechzehnte Woche. uns war, ausgelöscht und vernichtet, indem Er ihn ans Kreuz heftete" (Ko1. 2, 14). "Er trug unsere Sünden an Seinem Leibe auf das Kreuzesholz hinauf" (I Petr. 2, 24), für uns betend, leidend, sühnend. "Christus hat uns vom Fluche erlöst, indem Er unseretwegen zum Fluche war" (Ga1. 3, i3):

Er hat die Sündenlast und den Todesfluch der gesamten Menschheit auf sich genommen und stell-. vertretend für uns alle unsere Sünden gebüßt und getilgt und uns vom Fluch der Sünde befreit. So stellt Ihn uns die heilige Liturgie unablässig vor Augen und ruft uns zu: "Einer trage des andern Last", naeh dem Vorbilde des leidenden, gekreuzigten, für unsere Sünden sterbenden Herrn. Er ist ja "wegen uns Menschen und um unseres Heiles willen vom Himmel herabgekommen" (Credo der Messe), um an unserer Statt zu sühnen; um das, was wir büßen sollten und nicht entsprechend büßen konnten, als Stellvertreter für uns vor Gott in Ordnung zu machen. Er ist das "Lamm Gottes, das die Sünden der Welt trägt" (Joh. I, 29) und auf sich nimmt, gleichsam als hätte Er selber gesündigt. Wie schwer lastet unsere Schuld auf Ihm! Am ölberg, an der Geißel säule, auf dem Wege nach Golgotha, in den bitteren Stunden am Kreuz! Er trägt unsere Last, unsere Sünden.

"G ehe hin und tue des g lei ehe n" (Luk. 10, 37). Wie stellen wir uns zu unserem Bruder in Christus, den wir in Gefahr zu einer Sünde sehen? Wir wissen um seine Schwäche in diesem oder jenem Punkt. Wir sehen voraus, daß ihm ejn Unglück, eine Katastrophe droht. Wir leben mit andern zusammen und wissen um ihre Untreuen, um ihre Fehler und Übertretungen. Wir ärgern uns über sie, wir halten uns über ihr Benehmen auf. Wir fangen an, über sie lieblos zu urteilen, sie zu verachten, ihnen aus dem Weg zu gehen, sie unsere Geringschätzung fühlen zu lassen. Ist das etwa das "Einer trage des andern Last"? Wie viel mehr müßten wir

Freitag: Einer trage des andern Last. 387

uns der geistigen Not des Mitmenschen annehmen, sie mitfühlen, mit ihm Mitleid haben, ihn für das Rechte, für das Streben nach Gott zu gewinnen suchen? Aber wir finden kein Wort der Belehrung im Geiste der Sanftmut und Liebe. Wir tragen seine Last nicht mit. Was geht er mich an? Er ist alt genug. Er muß es selber wissen.

3. "Einer trage des andero Last." Er hat richtig Unglück gehabt und ist das Opfer einer Leidenschaft, einer Unklugheit, seines unbeherrschten Wesens geworden. Was tun wir? Wie hält man es in den Familien, selbst in den religiösen Gemeinschaften? Man hat für den Armen nur noch Worte der Verurteilung, der Verachtung. Man meidet ihn als den Unreinen, der nicht wert ist, mit den andern am gleichen Tische zu sitzen oder Gemeinschaft zu haben. Von allen Seiten wirft man Steine auf ihn und sieht man nur mehr das Schwarze an ihm. Ist das etwa das "Einer trage des andern Last"? W ahrlich nicht! Jetzt, gerade wo den Bruder ein Unglück getroffen hat, wennschon aus eigener Schuld, gerade jetzt ist der Augenblick, da wir "Liebe gegen ihn walten lassen sollen, damit er nicht durch allzu große Traurigkeit zur Verzweiflung getrieben werde" (2 Kor. 2, 7 f.). Jetzt ist der Augenblick, wo wir, soweit es in unserer Macht steht, ihm behilflich sind, daß er zur Einsicht komme; wo wir ihm unser Interesse um sein wahres Glück bekunden; wo wir erfinderisch sind und tausend Wege entdecken, ihm nahe zu kommen, ihn aufzurichten, ihn zu stützen. "Einer trage des andern Last." Wir beten für ihn. Wir wissen uns eins mit ihm. Wir büßen und sühnen mit ihm und für ihn, so wie der Heiland für uns gesühnt und sich geopfert hat. Das ist christliche Liebe·!

"So werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen."

Die Sünde hassen; den, der sündigt, lieben. Die Fehler und Untreuen hassen und fliehen; den Fehlenden in erbarmender, wohlwollender Liehe lieben!

25*

388 Die Z~it nach Pfingsten: Sechzehnte Woche. Und wir? Wir unterscheiden und trennen so schwer Person und Sache und verwerfen mit der Sache zugleich die Person. Statt daß wir die Sünden und Schwächen der andern mittragen, werden ihre Sünden und Fehler U1J.S Anlaß, sie zu verachten, UI).S hochmütig über sie zu erheben und über sie zu Gericht zu sitzen.

Wir besinnen uns ernstlich auf das Beispiel des Herrn. Wie hat Er unsere Last auf sich genommen! Täglich bietet Er im heiligen Opfer dem Vater Sein Blut an, das Er am Kreuze vergossen hat, damit Er uns die Verzeihung aller Untreuen erwirke. Mit wie viel Geduld, Sanftmut und Langmut Er uns Sünder erträgt! Wie Er unablässig im Tabernakel für uns betet! Wie Er sich nicht scheut, uns in der heiligen Kommunion wieder Seine ganze Liebe zuzuwenden, obschon wir Ihm mit so viel Untreue begegnet sind!

Ge be t.

Immerwährendes Erbarmen reinige und schirme Deine Kirche, 0 Herr. Und weil sie ohne Dich nicht heil bestehen kann, so werde sie allzeit durch Deine Gnade geleitet. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Samstag der sechzehnten Woche nach Pfingsten.

Ein ehe i I i g e Kir ehe.

I. Aus tiefer Not heraus ruft die Kirche und rufen wir mit ihr: "Herr, neige Dein Ohr. Errette Deinen Diener, der auf Dich hofft, mein Gott. Erbarm Dich meiner, Herr, ich rufe zu Dir den ganzen Tag. Mach froh die Seele Deines Knechtes" (Introitus). "Immerwährendes Erbarmen reinige und schirme Deine Kirche. Sie kann ohne Dich nicht heil bestehen. Leite Du sie allezeit durch Deine Gnade" (Oratio). Ein Appell an das Erbarmen Gottes! Die weinende, betende Mutter von N aim!

Samstag: Eine heilige Kirche. 389

2."ImmerwährendesErbarmen reinige Dei n e Kir ehe" (Oratio). "Christus hat die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben, um sie zu heiligen und sie sich herrlich zu gestalten, so daß sie keine Flecken oder Runzeln oder etwas dergleichen habe, daß sie vielmehr heilig und makellos sei" (Eph. 5, 26 f.). In der Kraft des Heiligen Geistes, der am Pfingsttage auf die Kirche herabgekommen ist, sollen ihre Kinder im Geiste leben und im Geiste wandeln. Sie sollen Geistesmenschen sein, Menschen, die nicht nach eitler Ehre trachten, die einander nicht herausfordern oder beneiden. Geistesmenschen, die den Fehlenden im Geiste der Sanftmut unterweisen, der eigenen Schwäche und Sündhaftigkeit eingedenk; die einander die Last abnehmen und tragen helfen und Gutes tun, ohne zu ermüden (Epistel). Die heilige Kirche, die reine, makellose Braut des Herrn! Wie sehr verlangt sie danach, in allen ihren Kindern die heilige Kirche zu sein, ohne Fehler und Sünden! Wie sehr leidet sie unter der Tatsache, daß sie in der weiten, Überwiegenden Mehrzahl ihrer Kinder hier auf Erden nicht das ist, was sie ihrer Idee, ihrem Wesen und Willen nach sein sollte! Sie weiß um die Schwachheiten, um die Sünden, um die Unheiligkeit und Ungeistigkeit der Vielen. Sie weiß, wie sie dadurch entehrt und entheiligt wird! Aus dieser Not ruft sie, die Witwe von Naim, zum Herrn: "Erbarm Dich meiner, 0 Herr, ich rufe zu Dir den ganzen T~g." ::Immerwährendes Erbarmen reinige Deine Ku·che.

"I m m e r w ä h ren des Erb arm e n s chi r m e Dei n e Kir ehe." "Feindschaft will ich setzen zwischen dir (der Schlange, dem Teufel) und dem Weibe (Eva, Maria), zwischen deinem (der Schlange) Samen und ihrem Samen (Christus und der Kirche). Er (Christus) wird dir den Kopf zertreten, du aber wirst Seiner Ferse nachstellen" (I Mos. 3, 15). Christus und Seine Kirche auf der einen, die Schlange,

390 Die Zeit nach Pfingsten: Sechzehnte Woche.

der Teufel mit seinem Anhange auf der andern Seite. Ein Kampf auf Leben und Tod. Ein Kampf durch alle Jahrhunderte der Kirchengeschichte. Gegen die Kirche erhebt sich von den ersten Anfängen ihres Bestehens an der Irrtum, das Judentum, das Heidentum, die gewaltigen Häresien gegen die kirchliche Lehre über die heiligste Dreifaltigkeit, über die wahre Menschheit und Gottheit Christi, in der Einheit der Person; gegen die kirchliche Lehre über die Erbsünde, Gnade und Erlösung. Später gegen ihre Lehre über die heilige Eucharistie, über das Opfer der heiligen Messe, über die Wirklichkeit und Wirksamkeit der heiligen Sakramente. Gegen die Kirche erhebt sich die weltliche Gewalt, sie zu vernichten. Dreihundert Jahre lang bieten die römischen Kaiser ihre ganze Macht auf und verfolgen die Päpste, Bischöfe, Priester und Gläubigen mit unerhörter Grausamkeit. Später sind es die Herrscher und Regierungen der verschiedenen Länder in Nord und Süd, Ost und West. Je weiter die Jahrhunderte voran schreiten, um so mehr hat die Kirche Verleumdung und Verfolgung zu lei'den und wird sie verdächtigt, verächtlich gemacht, entrechtet. Aber "die Pforten der Hölle werden sie nicht Überwinden" (Matth. 16, 18). Gottes Erbarmen schützt und schirmt die Kirche. Seine Gnade leitet sie. Wie könnte sie aus sich dem gewaltigen, dauernden Ansturm und Angriff der Hölle und ihrer Helfershelfer standhalten? Daß sie all den furchtbaren Mächten von innen und von außen widersteht und den Schwierigkeiten, Gefahren und Verlusten zum Trotz alle Zeiten überdauert, hat seinen letzten Grund in dem immerwährenden Erbarmen Gottes. Dankbaren Herzens anerkennt die Kirche das große Erbarmen, das Gott an ihr wirkt. "Gut ist's, den Herrn zu preisen und Deines Namens Lob zu singen, Allerhöchster. Scho'n früh am Morgen Dein Erbarmen zu verkünden und Deine Treue in der Nacht" (Graduale).

Samstag: Eine heilig-e Kirche. 39 I

3. Die Kirche leidet unter den Sünden und Fehlern, die in ihr vorkommen. Sie ist immer die heilige Kirche. Auch wir leiden unter diesen Sünden, auch wir verwerfen das Böse in der Kirche. Aber wir lieben die Kirche. Wir beweisen unsere Liebe zur Mutter Kirche damit, daß wir im Geiste wandeln, daß wir mit aller Kraft die Sünde aus unserem Denken, Wollen und Leben ausscheiden und uns aufrichtig um das Gute und die Heiligkeit bemühen. So tragen wir zur Reinigung und Heiligung des Ganzen bei. "Ich glaube an eine heilige Kirche."

Das ist eines unserer großen Gebetsanliegen, daß Gottes Erbarmen die Kirche reinige und sehütze; daß alle Glieder der Kirche die Mittel benützen, die ihnen insbesondere in der Mitfeier der heiligen Messe, im Sakrament der Buße und in der Pflege des Gebetes gegeben sind, sich von den Sünden zu reinigen und rem zu bewahren. Dies Anliegen legen wir heute auf die Patene.

Ge be t.

Immerwährendes Erbarmen reinige und schirme Deine Kirche, 0 Herr. Und weil sie ohne Dich nicht heil bestehen kann, so werde sie allzeit durch Deine Gnade geleitet. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Die liturgische M eßfeier des sechzehn ten Sonn ta gs nach Pfingsten.

1. Das freudige Ostermotiv der vergangenen Sonntage tritt heute auffallend zurück. Es ist Herbst ge· worden. Die Tage sind kürzer, die Nächte länger. das Dunkel nimmt immer mehr zu, wie in der Natur, so auch in der Seele der betenden Kirche. Es ist nicht Zufall, daß mit dem heutigen Sonntag die Lesung jener Briefe beginnt, die der heilige Paulus während seiner Gefangenschaft in Rom geschrieben hat, und daß heute zum ersten Mal im Gra,duale der Herr als derj enige erscheint, welcher dereinst in Herrlichkeit wiederkommen wird, ein Gedanke, der den späteren Sonntagen nach Pfingsten ihr spezifisches Gepräge verleiht.

2. Am Tage der Wiedergeburt wurde eine herrliche Saat in die Seelen ausgestreut. Unter der strahlenden Sonne des Kirchenj ahres sollte sie heranwachsen und ausreifen: ein reiches, volles Gnadenleben der Seele und der Kirche auf Erden. "Daß ihr durch Seinen (Christi) Geist dem innern Menschen nach erstarket, daß Christus durch den Glauben in euern Herzen wohne und ihr selbst in der Liebe festgewurzelt und festgegründet seiet, daß ihr mit der ganzen Fülle der Gottheit erfüllt werdet" (Epistel). Aber in so vielen, die die Gnade der Wiedergeburt empfangen und in welche die kostbaren Keime des übernatürlichen Lebens gelegt wurden, ist c\ie Saat nicht gediehen; statt schwerer Herbstgarben eher eine beängstigende Mißernte! Das ist der Druck, der die Seele der Liturgie heute belastet und sie im Eingang flehen läßt: "Erbarm Dich meiner, Herr, ich rufe zu Dir den ganzen Tag." neige Dein Ohr ;:u mir und erhöre mich, denn ich

Die liturg. Meßfeier d. 16. Sonntags n. Pfingsten. 393 bin hilflos und arm" (Introitus). Unter dem gleichen Druck ruft sie heute da~ Kyrie eleison zum Himmel empor. "Deine Gnade komme uns zuvor und begleite uns" (Oratio): denn nur sie vermag die übernatürlichen Lebenskeime zu wecken und zu einer reichen Ernte "an guten Werken" zu entfalten. Sie vermag "in uns weit mehr zu vollbringen, als wir erflehen oder erdenken können" (Epistel); sie vermag neues Leben zu wecken und uns reif zu machen, daß wir am Tage der Wiederkunft Christi mit Ihm in das Reich Seiner Herrlichkeit einzugehen gewürdigt werden. "Alleluj a, singt dem Herrn ein neues Lied, denn Wunder hat' Er (an uns) getan. Alleluja!"

3. An einem Sabbat war der Heiland bei einem angesehenen Pharisäer zu Tisch geladen. Da stand ein Kranker vor Ihm. Der Heiland rührte ihn an, heilte ihn und entließ ihn. So berichtet das Evangelium. Heute, in der Feier der heiligen Messe, kommt derselbe Heiland zu uns. Da sind wir der Kranke. In Demut anerkennen und bekennen wir unsere Krankheit und Unwürdigkeit. "Herr, sieh mich an und hilf mir. Zu Schanden werden sollen, die mir nach dem Leben trachten. Herr, sieh mich an und hilf mir" (Offertorium). Im heiligen Opfer teilt Er uns Sein Leben mit. Er tritt vor den Vater hin und fleht und betet für uns. In der heiligen Kommunion wird Er die Nahrung unserer Seele. So wird sie die Kraft erhalten, den Aufgaben des christlichen Lebens, wie sie in der Epistel vorgelegt sind, gerecht zu werden. Da betet die Seele voll Entschlossenheit und Zuversicht: "Herr, ich will nur allein Deiner Gerechtigkeit gedenken" (Communio), d. h. ich will nur noch darauf sinnen, wie ich vor Dir gerecht wandle. "Gott, Du hast mich gelehrt von meiner Jugend an." Du hast mich mittels der eucharistischen Nah rung gekräftigt und geführt von meinen jungen Tagen an. "Bis in mein Alter verlaß mich nicht."


394 Die Zeit nach Pfingsten: Siebzehnte Woche.

Sechzehnter Sonntag nach Pfingsten.

Demut unsere Kraft.

1. "Die Heiden werden Deinen Namen furchte Herr, und alle Könige der Erde Deine Herrlichke:

Denn neu erstehen läßt der Herr die Sionsstadt. Do offenbart Er sich in Seiner Majestät" (Graduale Die Liturgie wendet ihren Blick von dem Wirrsd der Weltzeit der Wiederkunft .des Herrn entgeger: dem Tage, da "Er mit großer Macht und Herrlich keit" (Luk. 21, 27) wiederkommen wird. In del AUferstehung VOn den Toten wird die Sionsstadt, die Kirche, neu erstehen Zum vollendeten Leben der Seligkeit des Himmels.

2. "E r bar m D ich m ein er, Her r, ich rufe zu Dir den ganzen Tag. Du bist ja gut und mild, 0 Herr, und an Erbarmen reich für alle, welche zu Dir rufen. Herr, neige Dein Ohr zu mir und erhöre mich, denn hilflos bin ich und arm" (Introitus). Es ist Herbst. Der Herr kommt, Ernte zu halten. Er hat an Seiner Kirche im Lauf des Kirchen_ jahres "Wunderbares getan" (Allelujavers). Weihnachten, Ostern, Pfingsten. Tag fÜr Tag neue Unterweisungen, neue Gnaden. Immerfort hat Er an ihr gearbeitet, daß sie durch Seinen Geist erstarke, im Glauben, in der Liebe wachse und mit der ganzen Fülle des göttlichen Lebens erfÜllt werde. Welche Ernte müßte herangereift sein! Aber in so vielen ihrer Kinder kann sie die erwartete Ernte nicht einheimsen. In so vielen, ja in der weitaus größeten Mehrzahl ihrer Kinder, selbst jener, die Gott und' Christus besonders verpflichtet sind, ist ihr MÜhen und Sorgen fast nutzlos geblieben. Sie sind inner_ lich nicht gewachsen und erstarkt; sie haben keinen Sinn für die innern Reichtümer der Erkenntnis Christi und des Lebens in Christus. Sie wissen nichts von der Fülle Gottes, mit der sie erfüllt sein könnten und sollten. Mit tiefer BetrÜbnis schaut die Kirche die vielen, die so gut wie ohne Frucht ge-

Sonntag: Demut unsere Kraft. 395

blieben sind. "Erbarm Dich meiner, 0 Herr, denn ich bin arm." Muß die Kirche sich nicht auch über uns betrüben? Gehören nicht auch wir zu den Vielen, in denen die Kirche, der Herr zur Zeit der Ernte kein volles, reiches Leben der Gnade finden kann?

"Wer sich erniedrigt, wird erhöht" (Evangelium). Mit "der ganzen Fülle Gottes" wird der Demütige erfüllt. Wo kein volles, reiches Leben der Gnade heranblüht, da fehlt der Grund der Demut. Das will im Sinn der heiligen Liturgie dies Evangelium sagen. Jesus ist im Hause eines angesehenen Pharisäers zu Gaste geladen. Da steht ein Mann vor ihm, der an Wassersucht leidet. J esus rührt ihn an und heilt ihn. Dann wendet Er sich an die Pharisäer, die mit Ihm speisen: "Er hatte nämlich bemerkt, wie sie sich die ersten Plätze auswählten." "Wenn du zu einem Hochzeitsmahle geladen bist, dann setze dich nicht auf den ersten Platz: es könnte ein anderer geladen sein, der vornehmer ist als du. Setze dich vielmehr an den letzten Platz. Kommt dann der Gastgeber, so wird er zu dir sagen: Freund, rücke hinauf. Das wird dir vor den Tischgenossen zur Ehre gereichen." Das ist unsere Krankheit, das Aufgedunsensein, die Aufgeblasenheit, der Stolz, die Sünde der Pharisäer: sie wollen geehrt sein, geachtet sein, zuvorderst sein. Daher kann der innere Mensch in uns nicht erstarken; daher kann das Leben des Glaubens und der Liebe nicht tiefe Wurzeln schlagen; daher kann der Herr Sein Leben nicht in seiner ganzen Fülle in uns ausgießen. Wir sind von uns selber voll. "Den Stolzen aber widersteht Gott" (I Petr. 5, 5). "Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht." In der Demut, in der Liebe zum Kleinsein liegen der wahre Fortschritt und die Vollendung des Gnadenlebens. Nur der Demut ist es gegeben, "die Breite und Länge, die Höhe und Tiefe" des Geheimnisses unseres Lebens in Christus zu verstehen. Nur die Demut erfaßt "die Liebe

396 Die Zeit nach Pfingsten: Siebzehnte Woche. Christi, die alles Erkennen übersteigt." Nur Demut ist es vergönnt, "mit der ganzen Fülle G tes", des göttlichen Lebens der Gnade erfüllt werden. Im Demütigen wirkt Seine Kraft, j ( Kraft, die "mehr vermag, als wir erflehen und I denken können". Nur die Demut wird sich ihl Unwürdigkeit und Hilflosigkeit bewußt und koml Zum Herrn im Gastmahl der heiligen Eucharist Da rÜhrt Er den Kranken an und heilt ihn.

3· Wer wird uns von unserem Stolze heilen, d, in dem WassersÜchtigen ebenso wie in den Phar säern des Evangeliums gezeichnet ist? Der Hel und Seine Gnade, am Tisch der heiligen Eucharistie beim Mahl der heiligen Kommunion. Wohl habe wir durch unsern Stolz uns selber viel geschadet Gleichwohl ist nicht alles verloren. Es ist noch nich zu spät, solange wir zum Herrn kommen. Er be rührt Uns in der heiligen Kommunion mit Seinerr reinen Fleisch und Blut. Er entzündet unsere kranke Seele an Seiner reinen, gesunden Seele, unser Herz an Seinem Herzen, unsere Liebe an Seiner Liebe, unser Sinnen und Trachten an Seinem heiligen, gottbezogenen Sinnen und Trachten. Wir werden geheilt und in den neUen Menschen umgewandelt in der Kraft der heiligen Eucharistie. Wir vertrauen. Wir lassen uns von Ihm täglich in der heiligen Kommunion, in der Besuchung des Allerheiligsten berühren.

Demut ist der Weg zur Heilung von unsern Krank_ heiten der Seele, der Weg zu den Gnaden. Er selbst gibt uns in der täglichen Feier der heiligen Liturgie das Beispiel der Demut. Unter dem Schleier der Gestalten von Brot und Wein wird der Herr uns gegenwärtig, um sich für uns zu opfern. Er läßt sich, ähnlich wie vor zweitausend Jahren, da Er Mensch wurde, zu Uns Unwürdigen hera.b, wird unser Priester, unsere Opfergabe, unsere Nahrung. Er nimmt den letzten Platz ein, im gleichen Geist, da Er in Seinem Leiden und Sterben den letzten

Montag: Der Kirche Drangsale. 397

Platz eingenommen. "Lernet von Mir!" (Matth. II, 29.) Mit dem Herrn den letzten Platz einnehmen, klein sein, sterben, in der restlosen übergabe seiner selbst an den Willen und das Wohlgefallen des Vaters. Auf diesem Wege werden wir "mit der ganzen Fülle Gottes" erfüllt.

"Erbarm Dich meiner, Herr, ich rufe zu Dir den ganzen Tag." Gib mir das Licht und die Gnade, frei von aller Selbstüberhebung und allem Selbstvertrauen den Weg der christlichen Demut zu gehen.

Ge be t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, Deine Gnade möge uns allezeit vorangehen und nachfolgen und uns unablässig zu guten Werken aneifern. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Montag der siebzehnten Woche nach Pfingsten.

Der Kir ehe D r a n g s ale.

I. Die Kirche betet um die innere Festigung ihrer Kinder. Der Himmel ist umdüstert. Verfolgungen von außen, Seelenkämpfe, Krisen, Schwierigkeiten von innen bedrängen die Kirche. Der Apostel ist in Rom in Haft gehalten. Die neubekehrten Christen von Ephesus, so fürchtet er, könnten ob der über ihn gekommenen Verfolgung und Gefangenschaft an der Lehre, die er vertritt, irre werden und Christus verlassen. Der Apostel kann in seinen Ketten für sie nur beten, daß sie die Gnade bekommen, standhaft zu bleiben, allen Verfolgungen und scheinbaren Mißerfolgen zum Trotz.

2. "B r Ü der, ich bit tee u eh, werdet nicht mutlos wegen der Drangsale, die ich für euch leide" (Epistel). Eben hat der Apostel seine Epheser darlln erinnert, daß wir im Glauben an Christus, den M ittler, Zutritt zum Vater haben. Wir sind Ihm Kinder, Er ist uns Vater. Deshalb, so bittet uns der

398 Die Zeit nach Pfingsten: Siebzehnte Woche. Apostel, werdet nicht mutlos ob der Drangsale welche der Apostel, die Kirche, für uns Getauftt zu erdulden hat. Die Leiden, Schmähungen, Ver. folgungen der Kirche, der Religion, der Priester sind kein Grund, irre zu werden, als wäre die Kirche mit ihrer Lehre, mit ihren Geboten, mit ihren Sakramenten, Ansprüchen und Forderungen im Unrecht. N ein, die Leiden und Verfolgungen der Kirche "bedeuten für euch Ruhm". Sie sind gleichsam die Wundmale des in der Kirche sichtbar auf Erden wandelnden und wirkenden Herrn, des Gekreuzigten. Sie sind ein unwiderlegbarer Beweis dafür, daß die Kirche, die also geschmäht und verfolgt, geknebelt und in Ketten geschmiedet wird, wie Paulus es in seiner Gefangenschaft ist, die Kirche Christi ist und den Geist Christi hat und vertritt. "Wenn die Welt euch haßt, so wisset, daß sie Mich vor euch gehaßt hat. Wäret ihr von der Welt, so würde die Welt ihr Eigenes lieben. Aber ihr seid nicht von der Welt. Vielmehr habe Ich euch von der Welt auserwählt: deshalb haßt euch die Welt. Haben sie Mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen" (Joh. 15, 18 ff.). Der Kirche Leiden bestärken uns im Glauben an die Einheit unserer Kirche mit Christus, dem Haupte. Im Glauben an die Treue, mit welcher die Braut zu ihrem B1utbräutigam steht. Im Glauben, daß wir mit und in der Kirche Christus haben, die Erlösung, das Leben.

"D a s b e d e u t e t j a Ruh m für e u c h." Der Apostel leidet seine Drangsale für seine Epheser; die Kirche leidet ihre Verfolgungen für uns. Sie tröstet uns: "Werdet nicht mutlos wegen der Drangsale, die ich für euch leide", zu eurem Wohl und Besten. Die Kirche ist vom Geiste Christi erfüllt. "Er hat mich geliebt und sich für mich hingegeben" (Gal. 2, 20). Wer mit Christus Seelen retten, Erlöser sein will, muß notwendigerweise mit Ihm den Weg des Kreuzes, d.er Leiden, der Schmähung und Verdemütigung gehen. Die Kirche geht ihn. Sie ist

Montag: Der Kirche Drangsale. 399

giücklich, mit dem Herrn den Kreuzweg zu gehen und "für uns zu leiden". "Das bedeutet ja Ruhm für euch." Es sagt uns, wie sehr Gott uns liebt, daß Er nicht bloß Seinen eingeborenen Sohn für uns dahingegeben hat, sondern will, daß auch die Apostel, die Heiligen, die Kirche für uns, für j eden von uns leide und an uns Miterlöser werde. Die Tage der Verfolgung der Kirche Christi sind Tage der Gnade für uns. Sie bedeuten, daß wir gesündigt haben, daß wir in die Irre gegangen sind, daß wir Buße zu tun und Sühne zu leisten haben. Sie bedeuten, daß wir des Erbarmens Gottes bedürfen, daß das Beten der Kirche nicht mehr genügt, Gott zu versöhnen. Sie muß leiden, Schmach und Entehrung kosten. "Für uns", damit wir durch die Drangsale, welche die Kirche für uns leidet, Verzeihung und Gnade finden. "Das bedeutet ja Ruhm für euch." Ein Beweis, wie die Kirche sich um uns sorgt, wie sie für uns einsteht, wie ernst sie es mit der Aufgabe nimmt, uns für das ewige Leben zu retten. Nein, sie ist keine Betrügerin: sonst würde sie nicht seit den zweitausend Jahren ihres Bestandes ununterbrochen, unermüdlich, voll mütterlicher Liebe für uns den Kelch des Herrn mittrinken! Wir glauben. Wir danken und vertrauen!

3· "Erbarm Dich meiner, Herr, ich rufe zu Dir den ganzen Tag" (Introitus). So betet die Kirche. Sie ruft um Erbarmen für uns Sünder, Untreue, Abtrünnige und Undankbare. Sie ruft den ganzen Tag. Sie ruft in ihrem ununterbrochenen Gebet, das sie durch den Mund ihrer Priester und Ordensleute verrichtet. Sie ruft zum Herrn mit ihrem Leiden, mit ihren unaufhörlichen Drangsalen und Verfolgungen. Sie ruft zu Ihm im heiligen Opfer, das sie feiert. Opfernd schließt sie sich dem Gekreuzigten an und holt sich die Kraft, mit Ihm am Kreuz der Verfolgungen auszuharren, uns Verzeihung und Gnade zu erlangen!

"Werdet nicht mutlos wegen der Drangsale, die

400 Die Zeit nach Pfingsten: Siebzehnte Woche.

ich, die Kirche, für euch leide." Sie weiß, warum sie geschmäht und verfolgt wird und Drangsal erleidet: "Wenn jemand euch ein anderes Evangelium verkündet, als ihr empfangen habt, so sei er verflucht! Ist es Menschengunst oder Gottesgunst, was ich jetzt suche? Trachte ich danach, den Menschen zu gefallen? Wollte ich den Menschen gefallen, so wäre ich nicht Christi Diener" (Gal. I, ro). Je mehr sie verfolgt wird und Drangsal leidet, um so sicherer sind wir davon überzeugt, daß sie nicht der Welt dient, daß sie nur deshalb Schmach erleidet, weil sie treu zu Christus steht.

Ge be t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, Deine Gnade möge uns allezeit vorangehen und nachfolgen und uns unablässig zu guten Werken aneifern. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Dienstag der siebzehnten Woche nach Pfingsten.

I n n e r I ich k e i t.

I. Der Apostel beugt vor dem Vater die Kniee und fleht für seine geliebten Epheser um fünf Gnaden. Darum, daß s.ie durch Gottes Geist dem innern Menschen nach erstarken; darum, daß Christus durch den Glauben in ihren Herzen wohne; darum, daß sie in der Liebe festgewurzelt und festgegründet seien; darum, daß sie die Liebe Christi erfassen, die allen Begriff übersteigt; darum endlich, daß sie ganz von Gott erfÜllt werden (Epistel).

2. "D aß ihr dem i n ne r n M e n s ehe n n ach mächtig erstarkt." Das ist des Apostels erste Bitte. Gleichsam die Grundlage alles Folgenden. Das Christenleben ist notwendigerweise das Leben der Innerlichkeit. Dieses aber ist nichts anderes als das Mitleben des Lebens des menschgewordenen Gottessohnes. Es läßt uns Seine Gedanken denken, Seine

Dienstag: Innerlichkeit.

Grundsätze zur Richtschnur des Handeins nehmen, Seinen Absichten leben. Es läßt uns lieben, was Er geliebt hat, die Armut, die Demut, die überlassung an Gottes Willen und Fügungen, das Leiden, das Kreuz. Das innerliche Leben hebt uns über das Sinnen und Trachten des Menschen der Sünde, der Eigenliebe, der ungeordneten Leidenschaften und Gewohnheiten empor und stellt uns in die heilige Welt des Glaubens, des Vertrauens auf Gott, der Liebe zu Gott und zum Nächsten hinein. Der innerliche Mensch hat seine Sinne, seine Phantasie und seine Leidenschaften so sehr in der Gewalt, daß sie seinen höheren Willen nie mit sich reißen. Er ist immer nach innen gekehrt, wo Gott, der Heilige Geist, im tiefsten Grunde seiner Seele lebt und wirkt. Er kennt keine Neugierde, keine Hast, keine Aufregung, keine Niedergeschlagenheit, kein nach außen ausgegossenes Leben, keine Geschäftigkeit. Er mischt sich nicht in die Angelegenheiten der andern ein, flieht das Kritisieren über andere, die üble Nachrede, das stolze Wesen und Benehmen. Er kennt keine Menschenfurcht und keine andere Rücksicht als Gottes Willen. In allem und jedem macht er sich von Gott, von dem Zug der Gnade abhängig. Er tut einfältig seine Pflicht und hat für Gottes Willen und Anordnungen, für die Schickungen und Zulassungen der Vorsehung nie ein Nein, sondern immer ein glaubensvolles, vertrauendes Fiat:

Wie es Dir lieb ist! Daß wir dieses Leben führen, daß wir in dem Leben der Innerlichkeit mächtig erstarken, das ist das Gebet des Apostels, der Wunsch der heiligen Liturgie, der Kirche.

"Durch Seinen Geist." Das innerliche Leben läßt sich durch keine M acht der bloßen Natur, durch keine bloß natürliche Anstrengung oder Bildung, durch keinen Fortschritt der Kultur erreichen. Mögen wir unsere natürlichen Talente einsetzen, mögen wir die natürlichen Tugenden anspannen, mögen wir Verstand, Wille, Herz und Charakter Baur. Werde Lieht. rH. 26

402 Die Zeit nach Pfingsten: Si ebzehnte Woche.

auf die höchste Stufe der Vollendung gebracht haben, nie werden wir dadurch innerliche Christen werden. Wahre, christliche Innerlichkeit bedeutet intensivstes Leben der Gnade. Diese hinwieder bezeichnet eine durchaus neue Ordnung des Sein$, welche die Natur himmelhoch überragt und nur von Gott, vom Heiligen Geist ihr Dasein haben kann. Er ist es, der das Leben der Innerlichkeit gibt, erhält und entfaltet und zu den Höhen der Gottvereinigung und der Gottähnlichkeit emporträgt. Er ist es, der unsere Seele immer mehr mit Seiner Schönheit, Reinheit und Liebesglut durchdringt, ähnlich wie der Strahl der Sonne den Tautropfen trifft, durchdringt und in der Sonne Schönheit hüllt. Je mehr wir uns dem Wirken des Heiligen Geistes übergeben und überlassen, um so mächtiger wird Er das Leben der Innerlichkeit in uns begründen und entfalten. "Komm, Heiliger Geist!"

3. Innerlichkeit, gesteigerte Innerlichkeit ist das Gebot der Stunde. Ein um so dringenderes Gebot, als wir mit der heiligen Liturgie der Ernte, dem Ende entgegengehen, der Stunde, da der verklärte Herr wiederkommt, zu richten die Lebendigen und die Toten. Er kommt zu uns persönlich in der Stunde des Todes und des besondern Gerichtes. Wie werden wir es dann bereuen, daß wir, solange es Zeit war, nicht viel mehr an der Vertiefung des innerlichen Lebens gearbeitet haben!

Wachstum in der Innerlichkeit. Nicht mit Ausschluß der Tätigkeit oder mit Vernachlässigung der Pflichten und Obliegenheiten seines Standes. Aber so, daß wir die Pflege des innern Menschen, des Gebetes, der Sammlung, der Abtötung und Selbstentäußerung, der Herzensreinheit, des Wandels in der Gegenwart Gottes, des innern Gebetes an die erste Stelle rücken und daß wir das Äußere, das uns obliegt, mit dem Geist der Innerlichkeit, des Glaubens, des Gebetes, der Abtötung, der reinen Liebe zu Gott erfüllen, beleben und fruchtbar machen.

Mittwoch: Christus im Herzen.

4°3

Ge b e t,

Wir bitten Dich, 0 Herr, Deine Gnade möge uns allezeit vorangehen und nachfolgen und uns unablässig zu guten Werken aneifer,n. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Mittwoch der siebzehnten Woche nach Pfingsten.

C h r ist u s i m Her zen.

1. "Der Vater unseres Herrn Jesu Christi möge euch verleihen, daß Christus durch den Glauben i1l euern Herzen wohne" (Epistel). Das ist die zweite Bitte des Apostels an Gott. Die Kirche schließt sich dem Gebet des Apostels für uns an.

2. "Christus in euern Herzen!" Nicht so wie im Tabernakel; nicht so, wie Er in der heiligen Kommunion unser eigen wird. Auch nicht bloß Seiner Gottheit nach, zusammen mit dem Vater und dem Heiligen Geist. Christus in unserem Herzen, so wie der Herr es uns im Gleichnis vom Weinstock und den Rebzweigen veranschaulicht. So wie der Weinstock in seinen Zweigen lebt und wirkt, wächst und blüht und Früchte trägt. So lebt Er, der verklärte Herr, in uns, 'den Getauften, uns lebendig verwachse.n und verbunden, uns mit Seinem Geiste besitzend und tragend. Jetzt "lebe ich, doch nicht mehr eigentlich ich, vielmehr Christus in mir" (Gal. 2, 20). Wenn wir zum Vater beten, dann betet Er in uns. Wenn wir im S.inne des Herrn die Armut üben, so lebt Er Seine Liebe zur Armut in uns weiter und heiligt unsere Armut. Wenn wir uns in Seinem Geist und Sinne dieses und jenes versagen, dann steht dahinter Sein Geist der Entsagung und gibt dem, was wir opfern, seinen vollen Wert vor Gott. Wenn wir Apostel der Seelenrettung sind, dann ist unser Eifer nur ein Ausfluß des Seeleneifers des Herrn, der in uns lebt und durch uns arn Heil der andern arbeitet. Wenn wir leiden, dann

26*

404 Die Zeit nach Pfingsten: Siebzehnte Woche. leidet Er geheimnisvoll in uns, Seinen Gliedern, weiter: wir tragen einen Teil der Mühen und Leiden, die der Herr in Seinem mystischen Leibe der Kirche erduldet. Wie groß, wertvoll, fruchtbar ist unser Beten und Mühen, weil Er in uns lebt, der Weinstock in den Rebzweigen. "Ich lebe, doch nicht mehr ich, vielmehr lebt Christus in mir." Christus betet, arbeitet, leidet, liebt in mir. Aus dem "Christus in euern Herzen" gewinnt unser Leben einen neuen, über alles bloß Menschliche unendlich erhabenen Sinn und Wert. Aus uns selber nichts, voller Gebrechlichkeit, nur gut zum Versagen, dürfen wir uns auf den Herrn stützen, auf Sein Beten und Lieben, in dem alle Schätze enthalten sind und an dem der Vater Sein Wohlgefallen hat. "Möge euch der Vater verleihen, daß Christus in euern Herzen wohne."

"Durch den Glauben." Gegenüber dieser Wirklichkeit versagt alles bloß menschlich-geschöpfliehe Erkennen, Wollen und Mühen. Nur durch den Glauben ist uns der Zugang zu dieser Gnade gegeben. Als wir uns in unserer heiligen Taufe zum Glauben an Christus bekannten, da begann der Herr, in unserem Herzen zu wohnen. Je mehr wir seitdem aus dem Glauben leben, der durch die Liebe wirksam ist, wird J esu Leben unser Leben. "Ich lebe, doch nicht mehr ich, vielmehr lebt Christus in mir." Je mehr wir im lebendigen Glauben Ihn in uns sehen, auf Ihn hören, Seinem Wirken uns überlassen, um so mehr verlieren wir uns selber aus dem Auge. Wir stÜtzen uns nicht mehr auf das schwache, schwanke Schilfrohr, das wir selber sind, sondern auf den Starken, auf den Heiligen, der in uns lebt, betet, den Vater liebt und verherrlicht. Wohl wissen wir uns, je mehr wir das Leben des Glaubens und der Liebe leben, als das Elend, das Nichts, voller UnwÜrdigkeit. Aber wir schauen auf Ihn in Uns und wissen, wir dürfen Seine Liebe zum Vater, Seine Tugenden, Seine Verdienste, Sein Leiden und Sterben, Sein Blut, Sein Herz als unser Gut gebrauchen:

Mittwoch: Christus im Herzen.

a, 1, e 'r Ir

wir dürf:n Ihn .dem Vater opfern, wir dürfen zum Ersatz fur das, was uns an Liebe, an Reinheit abgeht, Seine Liebe, Sein Herz dem Vater weihen! "Hat uns Gott mit Ihm nicht alles gegeben?" (Röm. 6, 32). Es. fehlt .uns nur der lebendige Glaube. Im Glauben sllld wir unaussprechlich reich. "Möge euch Gott verleihen, daß Christus durch den Glauben in eu ern Herzen wohne", daß ihr Ihn im Glauben in euch sehet und euern Reichtum erkennet!

.3. Christus im Herzenl W..a.s geben wir ,»).s:<;> .s:<;> ne:fl:cer ~ Ge-scflopre-n, di'e au~r- uns S,ilff'(" Soften wir nicht jeden Augenblick für verlorfn balten, da wir nicht mit dem in uns lebenden und wirkenden J esus leben? Ein einziger Blick auf Ihn heilt unsere Schwächen, vertreibt die Finsternis, verscheucht die, Traurigkeit und erfüllt die Seele mit unaussprechlicher Freude. Sind wir ob unseres Sündenelendes gedrück-t, sind wir wegen der Schwierigkeiten, die sich vor uns auftürmen, beängstigt, dann schauen wir auf Jesus, der in uns lebt und wirkt, und wir haben den Frieden gefunden!

Christus im Herzen! Dürfen wir also je verzagen oder angesichts unserer eigenen Schwäche und Gebrechlichkeit den Mut sinken lassen? Können wir nicht alles in dem, der uns stärkt (Phil. 4,13), der uns trägt?

"Der Herr ist nahe. Macht euch also keine Sorgen, sondern bringt alle eure Anliegen in innigem Gebet mit Dank vor Gott. Und der Friede Gottes, der alle Vorstellungen übersteigt, wird eure Herzen und Gedanken behüten in Christus J esus" (Phil.4, 5 f.).

Ge be t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, Deine Gnade möge uns allezeit vorangehen und nachfolgen und uns unablässig zu guten Werken aneifern. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

, .,

406 Die Zeit nach Pfingsten: Siebzehnte Woche. Donnerstag der siebzehnten Woche nach Pfingsten.

I n der L i e b e fes t g e w u r z e I t.

1. "Möge der Vater. unseres Herrn JesusChristus euch verleihen, daß ihr in der Liebe festgewurzelt und festgegründet seiet" (Epistel). Auf die Liebe kommt zuletzt alles an! "Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei: das größte aber unter ihnen ist die Liebe" (I Kor. 13,13).

2. "In der Liebe festgewurzelt und festgegründet."

"Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung" (Röm. 13, IO). "D uso 11 s t den Her r n, dei n enG 0 t t, I i eben aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele, aus deinem ganzen Gemüte und aus allen deinen Kräften. Das ist das erste Gebot" (Mark. 12, 9 f.). "Wenn ich mit Menschen- und Engelzungen redete, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich wie ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich die Prophetengabe hätte und wüßte alle Geheimnisse und besäße alle Erkenntnis; und wenn ich allen Glauben hätte, so daß ich Berge versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht: ich wäre ein Nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen austeilte und wenn ich meinen Leib hingäbe zum Verbrennen, hätte aber die Liebe nicht: es würde mir nichts helfen" (I Kor. 13, 1-3). "Gott ist die Liebe, und wJ:r in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm" (I Joh. 4, 16). Die Liebe ist die Vollkommenheit, die vollkommene Erfüllung aller Gebote und Pflichten, der Endzweck aller Gebote (I Tim. 1,5). Alle guten Werke sind ein Werk der Liebe. Sie ist die Wurzel, das Leben, die Seele, das Band der Tugenden, die erste und letzte der Tugenden, ja sie ist selber alle Tugend, die wahre Vollkommenheit. Wo die Liebe fehlt, fehlt alles. Wo die Liebe ist, ist alles. Sie erfüllt die Gebote, den Willen Gottes, sie erfüllt ihn immer und j ederzeit; sie erfüllt ihn nicht aus Furcht, nicht aus Zwang, nicht bloß um des Lohnes willen. sondern

Donnerstag: In der Liebe festgewurzelt. 407

um dem zu gefallen, dem sie frei und freudig ergeben ist. Sie macht, daß das Geringste, was wir tun, vor Gott einen höchsten Wert hat, über alle natürlichen Werte hinaus, und nicht nur uns, sondern der ganzen Kirche, allen weit mehr Nutzen schafft als jedes andere Werk, mag es menschlich gesehen noch so groß sein. "Jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe: das größte unter ihnen ist die Liebe!" (I Kor. 13,13.) "Trachtet naep der Liebe" CI Kor. 14, r).

"S 0 m ö g e t ihr die B r e i t e und L ä n g e, die Höhe und Tiefe" des Geheimnisses der Herablassung und Selbstentäußerung des Sohnes Gottes verstehen. Das Geheimnis Seiner Menschwerdung, Seines Leidens und Sterbens. "Er hat mich geliebt und sich für mich hingegeben" (Ga\. 2, 20). Das Geheimnis unserer, der Heiden, Berufung zu Christus und Seiner Kirche, zum Mitbesitz des göttlichen Lebens, zur Kindschaft Gottes, zur Erbschaft im Himmel. Das Geheimnis unserer Einverleibung in Ihn, der das Haupt ist, "der alles in allem erfüllt" (Eph. I, 23). Wer erfaßt die Höhe und Tiefe, di~ Breite und Länge der Liebe Gottes, der Seines eigenen Sohnes nicht geschont, sondern Ihn hingegeben hat für uns, damit wir das Leben haben (Joh. 3,I6)? Die Liebe gibt erleuchtete Augen. Wer die Liebe nicht hat, wandelt noch nicht im vollen Lichte.

"A u c h die Li e be C h r ist i ver s t ehe n, die alles Erkennen übersteigt." Nicht das menschliche Nachsinnen, Erwägen oder Wissen dringt zum Geheimnis der Liebe des Herzens J esu vor, sondern die Liebe, allein die Liebe, das Wissen der Liebe. Es ist jenes Wissen, mit dem das kleine Kind um seine Mutter weiß. Es ist nicht ein Vernunftwissen, denn das Kind ist noch nicht zum Gebrauch der Vernunft gelangt; es ist kein Wissen durch den Glauben oder durch das Wort und Zeugnis der andern. Es ist ein anderes Wissen, das Wissen der Liebe. Das Kind liebt und weiß sich geliebt. Un-

408 Die Zeit nach Pfingsten: Siebzehnte Woche. willkürlich erwidert es Liebe mit Liebe. Wird E von der Mutter weggenommen, dann weint es un gibt sich nicht zufrieden, bis es wieder am Herze der Mutter ruht. Die Mutter ist ihm alles, die. ganz Welt. Das ist das Wissen der liebenden Seele übe den Geliebten. Sie mag ungelehrt sein, unfähig über Ihn große Dinge zu sagen oder zu denken. Da können Studierte, Theologen viel besser. Aber we wird s<lgen, sie kenne Ihn nicht? Sie weiß sich vor Ihm geliebt, sie weiß Ihn sich beständig nahe, mi den Armen Seiner Liebe Ihre Seele umfangend; SiE fühlt es lebendig, wie Er ihr die Schätze Seine, Herzens erschließt, wie Er um sie besorgt ist, sie führt, schützt und stützt. Sie findet in Ihm ihre ganze Freude, ihr Alles. Sie verlangt nach Ihm und gibt um Seinetwillen alles hin. Der liebenden Seele offenbart Er sich im Verborgenen. Sie läßt Er sehen und kosten, wie lieb und gut Er ist. Ein solches Wissen erbittet uns der Apostel, das wünscht uns die heilige Liturgie.

3· "Trachtet nach der Liebe!" (I Kor. 14, 1.) Sind wir in der Liebe festgewurzelt und festgegrün_ det? Wir können es unschwer erkennen. Die Gottesliebe bewährt sich in der Liebe zum Nächsten. "Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig; die Liebe beneidet nicht, prahlt nicht, bläht sich nicht auf, handelt nicht unschicklich, sucht nicht ihren Vorteil; sie läßt sich nicht erbittern, sie trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht am Unrecht, freut sich vielmehr über die Wahrheit (d. i. da s Rechte, Gute). Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, duldet alles" (I Kor. 13, 4-7). Ein Spiegel, in welchem wir klar sehen können, wie weit wir in der Liebe wandeln!

"Wer Meine Gebote hat und sie hält, der ist's, der Mich liebt. Wer aber Mich liebt, der wird von Meinem Vater geliebt werden. Ich werde ihn lieben und Mich ihm offenbaren" (Joh. 14, 21).

"Wenn jemand Mich liebt, so wird er Mein Wort

Freitag: Mit der Fülle der Gottheit erfÜllt, 409 halten. Und Mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und, Wohnung bei ihm nehmen" (Joh. 14, 23)·

Gebet.

Wir bitten Dich, 0 Herr, Deine Gnade möge uns allezeit vorangehen und nachfolgen und uns unablässig zu guten Werken aneifern. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Freitag der siebzehnten Woche nach Pfingsten.

Mit der Füll e der Gott h e i t e r füll t.

1. "Er möge euch verleihen, daß ihr durch Seinen Geist dem innern Menschen nach erstarket." Das ist die erste Gnade. "Daß Christus durch den Glauben in euch wohne." Das ist die zweite Gnade. "Daß ihr in der Liebe festgegründet mit den Augen der Liebe die Breite und Länge, die Höhe und Tiefe" der Gnade eurer Berufung und "auch die Liebe Christi versteht". Das ist die dritte Gnade. Und diese drei Gnaden dienen dem einen Zweck, daß "ihr mit der ganzen Fülle der Gottheit erfüllt werdet".

2. "Wen n j e man d Mi chi i e b t, wir d Me in Va t e r ihn 1 i e ben. Wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen" (Joh. r4,23). Die ganze Fülle der Gottheit, des Vaters, des Sohnes, des Heiligen Geistes, wird kraft der heiligen Taufe, der Einverleibung in Christus, unser Besitz und Eigentum. "In Ihm, Christus, wohnt die ganze Fülle der Gottheit wesenhaft, und in Ihm seid ihr dieser Fülle teilhaftig geworden" (KaI. 2, ro). "Der Heilige Geist ist in unsere Herzen ausgegossen" (Röm. 5,5). Gott, der heilige, maj estätische Gott steigt zu uns, dem Staub, herab und nimmt in unserer Seele Wohnung. Einwohnung Gottes in uns! Er kann nicht ohne Sein Kind sein: so hängt Er an ihm, so liebt Er es. Er selbst ist in uns, redet zu uns, behütet unsere Schritte, drängt, mahnt, leitet uns, mit un-

410 Die Zeit nach Pfingsten: Siebzehnte Woche. endlichem Wohlwollen, mit göttlich weiser und starker Liebe, mit klarem, sicherem Blick, dem nichts entgeht, und starkem Arm, dem nichts widersteht. Wir dürfen jederzeit mit Ihm sprechen, als gepebte Kinder zu Ihm kommen, uns bei Ihm Rat erholen, Ihm die innersten Gefühle unseres Herzens eröffnen: uns ern Dank, unsere Hingabe, unsere. Liebe, unsere Reue, unsere Wünsche. Wir brauchen nicht zu warten, bis der Morgen der Seligkeit anbricht, um Gott zu besitzen: wir tragen Ihn in uns. Und mit Ihm bereits einen Vorgeschmack des vollen Besitzes, der unser im Jenseits wartet. Solange Er in uns wohnt, hat keine schwere Sünde Zutritt in unsern Geist oder in unser Herz. Seine Gegenwart erträgt die Sünde nicht und bewahrt uns davor. Die Prüfungen und Leiden ertragen sich leicht im Aufblick auf die Nähe und Liebe des in uns lebenden Gottes, des liebenden Vaters. Seine Nähe macht uns froh und glücklich. Und unendlich reich, im Mitbesitz und Mitgenuß des Lebens und der Reichtümer Gottes. "Was Mein ist, ist dein" (Joh. 17, ro), in Christus, im Besitz der heiligmachenden Gnade, der Gotteskindschaft. Wir leben nur allzu wenig im Glauben an die Einwohnung Gottes in uns.

"M i t der Füll e der Go t t h e i t e rf ü 11 t."

Aus dem göttlichen Urquell, der in uns strömt, steigt in unserer Seele eine neue, über alles Geschöpfliche erhabene Lebenswelle empor, die Welt der Gna,de. Sie ist wie ein überfließen der ewigen, unendlichen Liebe Gottes in uns. Eine unaussprechliche Gotterfülltheit, eine Wesenserhöhung, die alle unsere natürlichen Anlagen und Kräfte unendlich übersteigt, eine Lebensmacht, welche Verstand, 'Wille,' Herz, und Gemüt in die Welt Gottes hineinhebt und uns eine neue Liebe einpflanzt, die Liebe des Kindes zum Vater; den Kindersinn, der uns rufen läßt:

Abba, Vater. Wir sind mit dem Lichte der Reinheit und Heiligkeit Gottes durchglüht und mit neuen, göttlichen, heiligen Lebenskräften durchsättigt : mit

Freitag: Mit der Fülle der Gottheit erfüllt. 4 I I den göttlichen Tugenden des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe. Diesen drei göttlichen Tugenden dienen die sog. sittlichen Tugenden, die uns mit der heiligmachenden Gnade eingegossen sind: die Tugend der übernatürlichen Klugheit, Gerechtigkeit, Stärke und Enthaltsamkeit. Alles Ausstrahlungen des göttlichen Lebens, das wir kraft der heiligmachenden Gnade mitbesitzen und mit dem in uns lebenden Vater, Sohn und Heiligen Geist mitleben. Die Tugenden werden vollendet und vollkommen gemacht durch die sieben Gaben des Heiligen Geistes, den Geist der Weisheit, des Verstandes, des Wissens, des Rates, der Frömmigkeit, des Starkmutes, der Furcht des Herrn. In den Tugenden gibt uns Gott die

, Ruder, mit denen wir das Schifflein unseres Lebens durch das stürmische Meer der Zeit dem Gestade der Ewigkeit entgegenführen sollen. Die Fahrt ist mühsam, der Weg ist weit, unsere Kraft reicht nicht aus. Deshalb gibt Er uns in den sieben Gaben die Segel, die Er, der Heilige Geist, der in uns lebt, wie ein mächtig brausender Wind schwellt und treibt. Der Geist Gottes, derselbe, der über der menschlichen Natur des Herrn ruhte und sie erfüllte, schwebt beständig über unserer Seele, beschwingt sie mit Seiner Kraft, erleuchtet sie mit Seinem göttlichen Licht und drängt sie zu heiligem, vollkommenem, heroischem Lieben und Tun. Zu dieser innern GotterfÜlltheit kommen hinzu die reichen, nie versiegenden Gnaden des Beistandes, Gnaden der Erleuchtung des Verstandes, Gnaden der Anregung und Kräftigung des Willens. Dazu die Gnade des besondern Schutzes und der besondern Führung und Vorsehung Gottes. Sie bewahrt uns vor den Nachstellungen des Teufels und vor der Sünde; sie gibt uns Mut und Kraft und Ausdauer im Guten. Sie hilft uns, daß wir gute, gottgefällige Werke tun und immer vollkommener die Früchte des Heiligen Geistes zeitigen, d. i. Akte und Werke der Liebe, der Freude, des Friedens, der Geduld, Milde, Güte,

4 [2 Die Zeit nach Pfingsten: Siebzehnte Woche. Langmut, Sanftmut, Treue, Bescheidenheit, Enthaltsamkeit und Keuschheit (Gal. 5,22 f.). So gotterfüllt wachsen wir beständig in der Gnade, in der Teilnahme am göttlichen Leben. Je mehr wir in der Gnade wachsen, um so kräftiger und fruchtbarer wird unser Beten, Tun und Lassen, Leiden und Entsagen für uns selbst und für unsere Brüder in ChrisIms. Wahrlich, "durch Ihn seid ihr an allem reich geworden" (I Kor. 1,5).

3· "Singet dem Herrn ein neues Lied: denn Wunderbares hat der Herr getan" (Allelujavers).

Das liturgische Jahr geht seinem Ende entgegen.

Mit tiefem Ernst ruft uns die Liturgie auf, daß wir wachsen, zur Ernte ausreifen, zur ganzen Gotterfülltheit gelangen. Es verhält sich mit den Reichtümern, die in unsere Seele gelegt sind, wie mit einem Manne, der in die Fremde zieht. Er ruft seine Knechte zusammen und vertraut ihnen seine Güter an: dem einen fünf Talente, dem andern zwei, dem dritten eins. Nach langer Zeit kommt der Herr zurück. Der mit fünf Talenten muß weitere fünf, der mit zwei weitere zwei dazu gewonnen haben. Sonst ergeht das Urteil: "Du böser und fauler Knecht. Wer hat, dem wird gegeben werden. Wer aber nicht hat, dem wird das, was er hat, genommen wer,den. Den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus" (Matth. 25, 14 ff.).

"Ich habe euch auserwählt und dazu bestellt, daß ihr Frucht bringet" (Joh. 15, 16). "Wer in Mir bleibt, und in wem Ich bleibe, der bringt viele Frucht. Denn ohne Mich vermöget ihr nichts" (Joh. 15, 5). Wir werden Ihm, dem Weinstock, vereinigt insbesondere durch den Genuß der heiligen Eucharistie. Sie ist die Quelle der Gnade und der Gotterfülltheit.

Ge b e t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, Deine Gnade möge uns allezeit vorangehen und nachfolgen und uns unab-

Samstag: Die Gnade des Beistandes. 4 13

lässig zu guten Werken aneifern. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Samstag der siebzehnten Woche nach Pfingsten.

Die G n ade des Bei s t a n d-e s.

1. Die Kirche gedenkt der Wiederkunft des Herrn zum Gericht. Er wird sie, Seine Braut, heimnehmen. Aber allzu schwer lastet auf der Kirche der Gedanke an die vielen, die trotz aller Gnaden und trotz allen Betens, Mühens und Opferns der Kirche zurückgeblieben sind, nicht reif für die Ernte. Im Hinblick auf diese fleht sie: "Erbarm Dich meiner, Herr" (Introitus). "Herr, mir zu helfen sei bedacht" (Offertorium). "Deine Gnade möge uns allezeit vorangehen und nachfolgen und uns unablässig zu guten Werken aneifern" (Oratio).

2. "E rb arm D ich me i n er, Her r, ich rufe zu Dir den ganzen Tag." "Wirket euer Heil mit Furcht und Zittern: Gott ist es ja, der in euch das Wollen und das Vollbringen wirkt, so wie es Ihm gefällt" (Phil. 2,13). Wollte Er uns uns selber überlassen, so würden wir vom Schwergewicht unserer gefallenen Natur unaufhaltsam in die Abgründe des Bösen, der Gottferne hinabgerissen. "Nicht unser Wollen oder Laufen ist entscheidend, sondern Gottes Erbarmen" (Röm. 9, 16). Wir sind Zweige an Christus, dem Weinstock. "Wer in Mir bleibt, und in wem Ich bleibe, der bringt viele Frucht: ohne Mich könnt ihr nichts. Wie der Rebzweig, wenn er nicht am Weinstock bleibt, aus sich selbst keine Frucht bringt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in Mir bleibt. Wer nicht in Mir bleibt, wird wie ein Rebzweig weggeworfen und verdorrt" (Joh. IS. 4 ff.). Soll der Zweig Frucht bringen und nicht verdorren, sollen wir unser ewiges Heil wirker::, dann müssen wir in lebendiger Verbindung mit dem Weinstock bleiben. Nur so können wir seinen Lebenssaft in uns aufnehmen und leben. Dieser Lebenssaft

4 I4 Die Zeit nach Pfingsten: Siebzehnte Woche. ist die Gnade. Ohne sie können wir nichts tun, cl für Uns einen Wert hat. "Niemand kann zum Vat kommen, außer der Vater zieht ihn" (Joh. 6, 44 durch die Gnade. Ohne die Hilfe der Gnade keiJ vor Gott gültige Reue, keine Nachlassung der Sünd keine Umkehr und Lebensbesserung, keinen gutt heilsamen Gedanken, kein gottgefälliges Wolle Tun, Beten, Leiden. Auf die Hilfe der Gnade komn es an, auf Gottes Erbarmen. So sehr ist der Mensc nichts, unfähig. Auch die schönste Intelligenz, d2 größte Talent, das vollkommenste Wissen ist ei Nichts, sobald es sich um ein Werk des ewigen Hei les handelt. Wenn Er uns Seine Gnade gibt, dan ist es Sein Erbarmen, Seine Güte allein, Seine Lieb{ nie unser Anrecht, unser Verdienst, unser M ühe~ Was ist der Mensch!

"D ein e G n ade m ö g e uns a 11 e z e i t vor a n gehen und nachfolgen." Nicht zuerst unseJ Wollen, sondern Seine Gnade. Unser 'Wille is gleichsam schlafend, tot. Er muß aufgeweckt wer. den. Das tut die Beistandsgnade. Sie bewegt unsern Willen, daß er sich zu Gott kehre. Wenn sie nicht den ersten Schritt tut, kann auch unser Wille seinen Schritt nicht machen. Hat sie den Willen aufgeweckt und angeregt, dann gibt dieser sich willig, bereit, in heiliger Freiheit dem Zug der Gnade hin. Er entscheidet sich frei für das, was die Gnade ihm vorlegt und wozu sie ihn bewegt. Er geht ans Werk. Aber auch jetzt bedarf er der Gnade. Sie begleitet unser Tun, sie durchdringt es, macht es übernatürlich und verdienstlich, d. i. des ewigen Lohnes würdig. So tut die Gnade ein Zweifaches: sie kommt unserem Wollen ZUvor und regt uns an, daß wir wollen; wenn wir bereits wollen und handeln, folgt sie unserem Willen und Tun. Sie steht uns zur Seite und unterstützt uns ununterbrochen, damit wir so wollen und handeln, beten, leiden, wie es uns für das ewige Heil notwendig ist. Er, Gott, wirkt in uns das Wollen und VOllbringen. Er gibt es uns, bei des,

Samstag: Die Gnade des Beistandes. 4 15

das rechte Wollen und das Vollbringen. Aus uns allein bleiben wir zu beidem unfähig. "Wenn der Herr das Haus nicht baut, bauen die Bauleute umsonst" (Ps. 126, I). Aus uns nur Unfähigkeit zum Guten, nur die Fähigkeit zum Versagen, zum Sündigen. Gott ist es, von dem wir die Kraft haben, f'twas Gutes zu denken, zu wollen, zu tun. Was wollen wir uns also auf uns einbilden? Was von uns selber erwarten? "Hilflos bin ich und arm. Herr, neige Dein Ohr zu mir und erhöre mich" (Introituspsalm).

3· Was ist der Mensch? Ganz abgesehen von der Verderbnis, in die uns die Sünde gestürzt hat! Nachdem Gott uns mit der Fülle der übernatürlichen Reichtümer ausgestattet hat, muß Er uns noch jeden Augenblick zu Hilfe eilen, sonst können wir mit jcnen Reichtümern nichts anfangen, sie nicht ausnützen, ja aus uns sie nur verlieren!

Wir sind kraft der heiligmachenden Gnade Kinder Gottes, Zweige an Christus, dem Weinstock. Christus aber, so sagt das Konzil von Trient, strömt in die Gerechten, wie das Haupt in die Glieder und der Weinstock in die Rebzweige, ohne Unterlaß Seine Kraft aus, die ihren guten Werken immer vorausgeht, sie begleitet, ihnen nachfolgt und jenen Wert verleiht, ohne den sie auf keine Weise Gott angenehm und verdienstlich sein können" (VI. Sitzung, Kap. 16). Uns, die wir in der heiligmachenden Gnade das göttliche Leben besitzen, wird die Beistandsgnade gleichsam natürlich. Sie ist uns wie ein Stab in die Hand gegeben: er wird uns nie genommen, außer wenn wir selber ihn wegwerfen. Sie umgibt uns ohne Unterlaß, ähnlich wie das Licht der Sonne unser Auge immerdar umgi):Jt und sich ihm nicht entzieht, als nur, wenn das Auge sich schließt. Die Gnade klopft beständig an unser Herz, um uns zum Guten anzutreiben; sie redet zu uns, um uns zu belehrcn; sie ermahnt uns zum Guten und hält uns von der Sünde ab; sie stärkt uns in

4 I 6 Die Zeit nach Pfingsten: Siebzehnte Woche.

der Stunde der Gefahr und hält uns, wenn wir fallen wollen. Wie reich und stark sind wir also, wenn wir im Stande der heiligmachenden Gnade sind. "Alle Güter kamen mir zugleich mit ihr und unzählige Herrlichkeiten durch ihre Hände" (Weish. 7, rr). Wie arm, wie unglücklich, wenn wir die heiligmachende Gnade verlieren!

Wie viele Gnaden hat der Herr uns bisher gegeben! Von der Stunde der heiligen Taufe an! In der Kindheit, in den Jahren der Jugend! Im reifen Alter! Wie viele j eden Tag, jede Stunde! Wie müssen wir danken! Hat Er es nicht mit' uns gut gemeint! Hätten wir nur immer entsprochen! Hätten wir nur die Gnaden geschätzt, benützt!

Ge be t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, Deine Gnade möge uns allezeit vorangehen und nachfolgen und uns unablässig zu guten Werken aneifern. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Die liturgische Meßfeier des siebzehnten Sonntags nach Pfingsten.

1. Das Kirchenjahr geht nach und nach seinem Abschluß entgegen. Da schaut die Kirche sehnsüchtig nach der Vollendung im Jenseits aus, nach der Heimat mit ihrem Frieden und mit ihrer Ruhe. Dort weiß sie Christus, den Herrn, in Seiner Erhöhung und Verklärung. Ihm pilgert sie, die annoch Verbannte, in der Fremde Zurückgehaltene, entgegen.

2. In den Tagen der alten und mittelalterlichen Kirche zog der BischOf mit seinem Klerus in feierlicher Prozession von der Sakristei durch die Hallen der Kirche zum Altar. In diesen Zug waren die Sänger eingereiht. über dem Altar leuchtete in der Apsis in glänzendem Mosaik die "Herrlichkeit des Herrn", das Bild des verklärten, erhöhten, allbeherrschenden Christus. Während die Prozession so dem Altare entgegen pilgert, stimmen die Sänger das Einzugslied an, ein Pilgerlied. Herz und Auge sind auf den von der Höhe der Apsis niederleuchtenden Christus gerichtet: "Gerecht bist Du, 0 Herr; handle an Deinem Knecht nach Deiner Barmherzigkeit. Selig die Makellosen auf dem Lebenswege, die wandeln nach des Herrn Gesetz" (Introitus). Selig auch wir, die wir heute in dieser Stunde hinpilgern dürfen zum Herrn in der heiligen Opferfeier. Aber die Mitfeier des heiligen Meßopfers stellt an uns nicht geringe Anforderungen: daß wir "makellos" seien, daß wir "im Gesetze des Herrn" (Christi) wandeln, daß wir fern "den teuflischen Ansteckungen" "mit reinem Herzen einzig Gott uns hingeben" (Oratio). Die Mitfeier der heiligen Messe muß zusammenstimmen mit dem Leben, dieses muß eine Vorbereitung auf die Mitfeier der heiligen Messe Baur, Werde Lieht. III. 27

4 I 8 Die Zeit nach Pfingsten: Achtzehnte Woche. sein und zugleich deren Frucht und Wirkung. Was im einzelnen von uns verlangt wird, lehrt die Epistel. Sie dringt heute vor allem auf die christliche Liebe, die sich selbst vergißt und in der Gemeinschaft, in der Einheit des Geistes, des Denkens und Strebens aufzugehen verlangt. "E i n Leib, ein Geist, ein e Hoffnung, ein Glaube, ein e Taufe, ein Gott und Vater." So schließen wir uns engstens an die Gemeinschaft an, la,ssen allen Zwist und Hader und gehen, miteinander ein Herz und ein e Seele geworden, dem Herrn entgegen. Wo wir so in Liebe ein s geworden sind, in Christus, da gilt die Seligpreisung des Graduale: "Selig das Volk, dessen Gott der Herr (Christus) ist, das Er sich zum Erbteil erkor." 'Kostbares Erbteil, schon hier auf Erden, vollendet im Jenseits, da wo der Herr Christus in Seiner Herrlichkeit thront, die Er den Seinigen mitteilen will. Wie sehnt sich die Seele, die Kirche, nach dem Tage, der sie in jene Herrlichkeit einführen soll, nach dem Tag der Wiederkunft Christi! "Alleluj a: Herr, erhöre mein Gebet und laß mein Rufen zu dir kommen, Alleluja" - ganz das Rufen der alten Kirche: Maranatha, komm, Herr (Christus), zur Enderlösung, uns in das Reich der Verklärung zu holen! Und Er kommt im Evangeliull! als Lehrer des großen Gebotes der Liebe. Er kommt als der erhöhte Herr, von dem David gesungen:

"Es sprach der Herr zu meinem Herrn (Christus):

Setze Dich zu Meiner Rechten."

3. Dem verklärten Herrn gehen wir im Opfergang entgegen und flehen zu Ihm: "Laß Dein Angesicht leuchten über Deinem Heiligtum", über der opfernden Gemeinde (Offertorium). Sie legt in den Gaben von Brot und Wein ihre Opfergaben auf den Altar, ihre Gebete, Arbeiten, ihre Kraft,. ihre Zeit, ihre Bereitschaft, auf Sünde, Fleisch, Welt zu verzichten und für die kommende Woche in allem mit Christus dem Vater zu leben und Ihm ein wohlgefälliges Opfer zu sein. Christus wird unsere Opfer-


""'"

Sonntag: Christus der Herr. 4 I 9

gabe. In Ihm und mit Ihm sind wir Geopferte, d. h. Gottgeweihte, Geheiligte. Jetzt erfüllen wir das Gebot des Evangeliums: "Du sollst den Herrn Deinen Gott lieben aus Deinem ganzen Herzen"; wir lieben ihn "durch Christus, mit Ihm und in Ihm", gleichsam mit dem Herzen Jesu, und erweisen Ihm "ganze Ehre und Herrlichkeit". In Christi Qpfer aufgenommen, sprechen wir mit liebeentflammtem Herzen unser Pater noster. Bald kommt Christus in der heiligen Kommunion zu uns, wird die lebenspendende Nahrung unserer Seele, schlägt in ihr den Thron seiner Herrlichkeit auf, befiehlt mit Macht den Feinden, daß sie fliehen, und ergießt in sie etwas von der Fülle Seines Lebens und Seiner Kraft (Communio ).

Siebzehnter Sonntag nach Pfingsten.

Christus der Herr.

1. "Was haltet ihr von Christus? Wessen Sohn ist Er?" So fragt J esus die Pharisäer. Sie antworten Ihm: "Davids Sohn." Er aber: "Wie kann Ihn dann David, vom Geiste erleuchtet, Herr nennen? Sagt Er doch: Es sprach der Herr zu Meinem Herrn: Setze Dich zu Meiner Rechten, bis Ich Deine Feinde Dir als Schemel hingelegt für Deinen Fuß. Wenn also David Ihn Herrn nennt, wie ist Er dann sein Sohn?" Die Pharisäer verstummen. Wir aber bekennen Ihn als den Herrn, thronend zur Rechten des Vaters, in der Majestät und Herrlichkeit des Königs, der am Ende der Tage wiederkommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten.

2. Der Her r. "Setze Dich zu Meiner Rechten!"

So steht Er heute vor den Augen der heiligen Liturgie, der Kirche: der Herr, im Besitz der Weltherrschaft. Er hat auf Erden die Erlösung von den Sünden vollbracht. Nun ist Er zum König des Alls

27*'

420 Die Zeit nach Pfingsten: Achtzehnte Woche. erhoben. So hatte es Ihm der Vater zugedacht:

"Fordere von Mir, Ich geb' die Völker Dir zu eigen und die Enden der Erde zum Besitz" (Ps. 2, 8). "Setze Dich zu Meiner Rechten, bis Ich Deine Feinde Dir als Schemel hingelegt für Deinen F.uß" (Ps. lO9, r). Der Mensch Christus hat vom Vater die Fülle der Macht erhalten, Er wird Seine Feinde niederringen. Es kommt der Tag, vor dem es keinen Gegner und Widersacher mehr gibt. Christus ist Sieger. Ihm beugen sich alle, die im Himmel, die auf Erden und die unter der Erde sind" (Phil. 2, lO) In Ihm schaut die Kirche, von Feinden bedrängt und verfolgt, vertrauensvoll und sehnsüchtig auf. Sie weiß, Er wird ihre Feinde überwinden. Er wird über alles Böse, das in der Menschheitsgeschichte sich aufgehäuft, gerechtes Gericht halten. Er wird die Kirche und uns alle, die wir zur Kirche stehen, bei Seiner Wiederkunft in Seine Herrlichkeit aufnehmen. "Gerecht bist Du, 0 Herr, und recht ist Dein Gericht" (Introitus). Es gibt eine Gerechtigkeit, es gibt ein Gericht über das Böse, ein Gericht, bei dem alle Unwahrheit und Falschheit der Menschen, der Meinungen, der Kulturen, der Völker und Staaten entlarvt und das Gute, die Unschuld, die Tugend, die Gerechtigkeit, die Heiligkeit, die Kirche gerechtfertigt wird. Diesen Tag erwartet die Kirche. Es ist der Tag, an dem der Herr mit großer Macht und Herrlichkeit wiederkommen wird. Er ist der Herr. Ihm haben alle sich zu beugen. Sein Wort, Sein Gericht haben alle anzuerkennen. .

Sei n V 0 I k. "E i n Herr, ein Glaube, ein e Taufe, ein Gott und Vater aller" (Epistel) Darin erweist Er Seine Macht und Herrlichkeit, daß Er die Seinen mit Seinem Geiste erfüllt und durchdringt und sie so in der Einheit des Geistes zusammenführt und zusammenhält, "durch das Band des Friedens, d. i. der Eintracht." Er gibt das königliche Gebot der Liebe zu Gott und der Liebe zum Nächsten. Er durchdringt die Seinen alle, so viele

Sonntag: Christus der Herr.

421

ihrer im Laufe der Jahrhunderte sind, mit Seinem Geist. Er überwindet in ihnen das, was sie voneinander trennt und sie einander entfremdet, die Eigenliebe, den Stolz, die Selbstsucht. Sie werden in Ihm ein Leib, belebt von dem ein enGeist, begründet in dem ein enGlauben und in der ein e n Taufe, getragen von der ein e n Hoffnung, alle Kinder des ein e n Vaters, der "über allen ist und durch alle und in allen" (Epistel). Ein lebendiges Zeugnis dessen, daß Er der Herr ist, voll der Macht und Kraft. Je mehr wir ein Herz und ein e Seele sind, ein Leib, ein Geist, um so mehr legen wir für Ihn das Zeugnis ab: "Du allein bist der Heilige, Du allein der Herr, Du allein der Allerhöchste mit dem Heiligen Geiste in der Herrlichkeit des Vaters." Darum die Mahnung der Epistel: "Wandelt würdig eurer Berufung, die euch, den Erlösten, zuteil geworden ist, in aller Demut und Sanftmut. Seid geduldig und ertraget einander in Liebe. Seid eifrig bestrebt, die Einheit des Geistes zu wahren durch das Band des Friedens" (Epistel). Das ist das große Gebot: "Du sollst den Herrn, Deinen Gott, lieben, aus ganzem Herzen und den Nächsten wie dich selbst" (Evangelium). "Daß sie alle eins seien" (Joh. r7, 2r). "E i n Hen", und deshalb ein Volk, in der Einheit des Geistes, in der Einheit der heiligen Liebe!

3· "Selig das Volk, dessen Gott der Herr ist, das Volk, das sich der 'Herr zum Eigentum erkoren" (Graduale). Christus ist unser Herr. Er hat uns zum Eigentum erkoren. Deshalb stieg Er, der Sohn Gottes, der unser nicht bedurfte, aus reinem Erbarmen über uns und unser Elend vom Himmel herab und ging uns, dem verlorenen Schäflein, nach. Er wollte uns zu Seinem Eigentum haben. Um uns besitzen und glücklich machen zu können, ist er ans Kreuz gegangen und hat uns in Seinem Blute erkauft. In der heiligen Taufe hat Er uns sich angegliedert, uns zu Gotteskindern gemacht upd der

422 Die Zeit nach Pfingsten: Achtzehnte Woche. Kirche einverleibt. Dankbar jubeln wir: "Selig das Volk, dessen Gott der Herr ist, Christus!

,,1 ch bin Dein Herr. Du sollst keine fremden Götter neben Mir haben" (2·Mos. 20, 3). Gott, Christus allein. Nichts außer Ihm. Alles für Ihn, nach Seinem heiligen Willen, in ganzer Hingabe an das, was Ihm wohlgefällig ist. Kein eigener Wille, kein eigener Wunsch, dem Wohlgefallen des Herrn entgegen, keinem Seiner Gebote oder Wünsche gegenüber je ein bewußtes Nein! "Weihet dem Herrn Gelübde und erfüllet sie. Ihr alle ringsum bringet Gaben herbei für Ihn, den Gewaltigen, für Ihn, der den Trotz der Gewaltigen bricht" (Communio): Er sei mein Herr! Er allein! "E in Herr."

"Wandelt würdig eurer Berufung" als Christen!

Praktisch in dem Eifer der christlichen Liebe, der Nächstenliebe. Sie ist demütig, sie ist sanftmütig, sie ist geduldig, sie erträgt den Mitmenschen, seine Schwächen, seine Fehler, seine Eigenheiten; sie wahrt die Einheit des Geistes durch das Band des Friedens, des Wohlwollens, der Eintracht, der heiligen Liebe. Wandeln wir so?

Ge be t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, gib Deinem Volk die Gnade, sich jeglicher Einwirkung des Teufels fernzuhalten und mit lauterer Gesinnung zu Dir, dem einzigen Gotte, hinzustreben. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Montag der achtzehnten Woche nach Pfingsten.

Sei i g das V 0 I k , des sen G 0 t t der Her r ist.

I. "Selig das Volk, dessen Gott der Herr ist" (Graduale), Christus, zur Rechten des Vaters thronend und zugleich in Seiner Kirche lebend, sie mit Seiner allmächtigen Hand schützend, stützend, führend. Was haben wir da ~u fürchtt:n?

Montag: Selig das Volk, dessen Gott der Herr ist. 423

2. "Setze Dich zu Meiner Rechten." Der verklärte Herr beim Vater, auch Seiner menschlichen Natur nach teilhaft der Herrlichkeit, der Weltherrschaft des dreifaltigen Gottes. "Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden" (Matth. 28, 19). Er ist gehorsam geworden bis zum Tode, zum Tode am Kreuze. "Deshalb hat Gott Ihn erhöht und Ihm einen Namen gegeben, der ist über alle Namen" (Phil. 2, 10): Er ist "der Herr"! Die Pharisäer des Evangeliums wollen von Christus, dem Herrn, nichts wissen. Die Kirche aber verkündet es weithin über alle Länder und Zeiten, daß Er gelitten, gekreuzigt, gestorben, von den Toten auferstanden, in den Himmel aufgefahren ist und nun zur Rechten des Vaters thront, der Herr der Welt. Mit der Kirche glauben und huldigen wir. Wir freuen uns, daß Ihn der Vater zum Herrn und König der Welt, der Engel, der Menschen, der Geister, der Herzen, auch zum Herrn der Mächte der Unterwelt, der Teufel und der Verdammten gemacht hat. Er hat alles in der Hand. Er lenkt den Gang der Geschichte. Er leitet die Völker, die Staaten, die Kirche. Er läßt das Böse, die Ungerechtigkeiten, die Katastrophen zu, die über die Menschheit und die einzelnen Völker, Familien und Individuen kommen, weil Er die Macht hat, alles zum Besten zu lenken. Wir glauben an Ihn. Wir vertrauen auf Ihn und Sein Wirken in der Welt, in den Geistern und in den Seelen, auch in der eigenen Seele. "Du allein bist der Herr" (Gloria der Messe).

,,1 eh, Dan i e I, b e t e t e zum ein e m G 0 t t" (Offertorium). In dem betenden Daniel führt die heilige Liturgie den Herrn ein. Er lebt in Seiner Kirche. Er ist, obwohl zur Rechten des Vaters thronend, obwohl das Zepter der Herrschaft führend, gleichwohl der betende Hohepriester, der sich an die Spitze der betenden, opfernden Gemeinschaft stellt und mit ihr zum Vater betet: "Erhöre, Herr, die Bitten Deines Knechtes. Laß über Deinem Hei-

424 Die Zeit nach Pfingsten: Achtzehnte Woche. ligtum Dein Antlitz leuchten. Schau gnädig auf das Volk hier, über das Dein Name angerufen ist, o Gott" (Offertorium). Der ein e Herr ist eins mit Seinem Volke, mit Seiner Kirche, mit jedem von uns, betend, opfernd, uns alle dem Vater entgegenführend, damit wir in der Kraft des heiligen

. Opfers die Verzeihung der Sünde erhalten und damit der heilige, dreifaltige Gott über uns Sein Antlitz leuchten lasse und in uns die Fülle des Lichtes und der Gnade ergieße. Das ist Seine unaussprechlich große Liebe zu uns: Er vergißt unser nicht, wenn Er in Seine Herrlichkeit eingegangen ist. Was Er verheißen hat: "Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt" (Matth. 28, 20), das hält und erfüllt Er. "Selig das Volk, dessen Gott der Herr ist" (Graduale). Unsichtbar kommt Er in der heiligen Opferfeier in unsere Mitte. Ja, Er wird die Nahrung unserer Seele: Er, der Herr, dem alle Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden. Er, dessen Macht nichts widerstehen kann, der stärker ist als Fleisch und Leidenschaft, als der Mensch der Sünde in uns, stärker als die Welt und als Satan mit seinem Anhang. Er nimmt Wohnung im Tabernakel, um uns mit der Macht Seines Gebetes und mit der Kraft Seines Geistes und Seines Armes jederzeit nahe zu sein, sooft wir der Hilfe gegen die Feinde des Heiles bedürfen. "Selig das Volk, dessen Gott der Herr ist, das Volk, das sich der Herr zu Seinem Eigentum erkoren. Durch das Wort des Herrn sind die Himmel geschaffen, all ihre Sternenheere durch den Hauch Seines Mundes" (Graduale). Sollen wir uns nicht glücklich preisen? Sollen wir nicht uns ganz auf Ihn verlassen, der uns mit der Fülle Seiner Macht und Liebe nahe ist?

3· Wir gehen dem "Tag des Herrn" entgegen, da Er zum Gerichte wiederkommen wird. "Gerecht bist Du, Herr, und recht ist Dein Gericht" (Introitus). "Wenn Du, Herr, die Sünden nachtragen wolltest, wer könnte dann bestehen?" (Ps. I29, 3.) Noch

Dienstag: Streben nach Gott. 425

steigst Du jetzt im Opfer der heiligen M esse, in der heiligen Kommunion, in den ungezählten Gnaden und Liebeserweisen nieder, an uns Deine Erlösung zu wirken: eine stete Wiederkunft in Gnade und Erbarmen. "Handle an Deinem Knechte nach Deiner großen Barmherzigkeit" (Introitus). "Herr, erbarme Dich. Christus, erbarme Dich. Herr, erbarme Dich." "Erhöre mein Gebet und laß mein Rufen zu Dir kommen" (Allelujavers).

"Erhöre mein Gebet" um die Gnade, daß ich Dich, den Herrn, meinen Gott, aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele und aus ganzem Gemüte liebe. Und den Nächsten wie mich selbst (Evangelium). Daß wir alle unserer Berufung würdig wandeln. in der Einheit des Geistes, in Demut, Sanftmut und Liebe (Epistel). Dir "ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden", auch über uns, über unser Herz. Durchdringe es mit Deinem Geist, mit Deiner Reinheit, mit Deiner Kraft, daß es alles überwinde, was Deinem Wirken in uns entgegensteht.

Ge be t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, gib Deinem Volke die Gnade, sich jeglicher Einwirkung des Teufels fernzuhalten und mit lauterer Gesinnung zu Dir, dem einzigen Gott, hinzustreben, Du~ch Christus unsern Herrn. Amen.

Dienstag der achtzehnten Woche nach Pfingsten.

S t r e ben n ach G 0 t t.

1. Angesichts des Tages des Herrn, des Jüngsten Tages, bittet die Kirche um die Gnade, daß wir uns von jeglicher Einwirkung des Teufels fernhalten, und daß wir, reinen Sinnes, einzig und allein Gott zustreben.

2. "D a ß wir uns von j e der Ein wir k u n g des T e u f eis fe r n hai t e n wer den." "Euer Widersacher, der Teufel, geht wie ein brüllender

426 Die Zeit nach Pfingsten: Achtzehnte Woche. Löwe umher, suchend, wen er verschlinge" (I Petr. 5, 8). "Wir haben nicht bloß gegen Fleisch und Blut (Menschen) zu kämpfen, sondern gegen die Mächte, gegen die Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren WeH, gegen die bösen Geister in den Lüften" (Eph. 6, 12). Der Teufel ist "der Menschenmörder von Anbeginn, ein Lügner und der Vater der Lüge" (Joh. 8, 44). Wohl ist seine Macht, die er über den sündigen Menschen gewonnen hatte, durch Christus gebrochen (J oh. 12, 3 I). "Der Sohn Gottes ist ja dazu erschienen, daß Er die Werke des Teufels zerstöre" (I J oh. 3, 8). Aber gleichwohl darf er mit Zulassung Gottes und abhängig von Gottes Macht und Willen an uns seine Macht noch auf verschiedene Art betätigen. Er tut es vor allem in den Versuchungen. Nicht als ob alle Versuchungen, die über uns kommen, von ihm ausgingen. Aber an vielen unserer Versuchungen ist er beteiligt, viele bereitet er uns und weckt er in uns. Er wirkt auf unsere Einbildungskraft und weckt so in uns verkehrte, sündhafte Gedanken. Er wirkt auf das niedere, sinnliche Begehren und reizt uns so zur Sünde. Er wirkt auf die äußern Sinne ein und läßt uns Dinge sehen, hören, empfinden, fühlen, erleben, die gar nicht existieren, nur um uns zu täuschen, irrezuführen und auf falsche Wege zu bringen. Eine zweite Art, auf uns einzuwirken, besteht darin, daß er kraft der ihm von Gott eingeräumten Macht uns auf alle mögliche Weise schadet und Unglück bereitet: Mißverständnisse mit der Umgebung, Leidenschaften, Krankheiten, Verlust von Hab und Gut, so wie er es an Job getan. Wie sehr der Teufel seinen störenden und verwirrenden Einfluß in dieser Hinsicht geltend machen kann, lehrt die Kirche in. ihren Exorzismen und Segnungen aller Art, des Weihwassers, der Häuser, der Felder, der Glocken. Nicht selten endlich ist dem Teufel die Macht gegeben, vom Leib des Menschen Besitz zu nehmen une! sich dessen SO zµ bedienen, q.ls ob er, e!er böse

Dienstag: Streben nach Gott. 427

Feind, die Seele des Menschen wäre (Besessenheit), oder doch durch äußere Beeinflussung ihn in seinem Tgn zu hemmen und zu stören (Umsessenheit), so wie wir es vielfach von den Heiligen wissen, die der Teufel peinigte, verfolgte, quälte und von ihrer Treue gegen Gott und Christus abzubringen suchte. So sind wir alle jrgendwie der Einwirkung des Teufels ausgesetzt und immer in Gefahr, vom Vater der Lüge getäuscht, in die Sünde gezogen und Gott, unserer Taufe, untreu' zu werden. Wie viele haben sich von ihm täuschen und verführen lassen und sind so ins ewige Verderben gestürzt worden! Nicht ohne Grund betet die Kirche zu Gott für uns um die Gnade, daß wir val). jeglicher Einwirkung des Teufels ferngehalten werden. Nicht so, daß wir gar keine .versuchung mehr hätten, aber doch so, daß wir von ihm uns nicht täuschen und von Gott abbringen lassen.

"D a ß wir Dir, dem ein z i gen Go t t, z us t r e ben." Durch die heilige Liebe. "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Gemüte. Dies ist das größte und erste Gebot" (Evangelium). Du sollst lieben! Das ist das Gebot, das alle Gebote in sich begreift. Die große Pflicht, welche alle andern Pflichten in sich schließt. Das letzte Wort von allem. Die Liebe ist der höchste Ausdruck, das letzte Wort für das, was einer kann. Wo ich liebe, fasse ich mein ganzes Sein, Erkennen, Wollen und Streben zusammen und gebe ich mich dem Dienste, den Interessen dessen hin, den ich liebe. Du sollst lieben. Den Herrn, deinen Gott. Sonst I1lchts. Alles andere nur in Ihm, in Hinsicht auf Ihn; um Seinetwillen. Du sollst Ihn lieben aus deinem ganzen Wesen. Gott kann eine halbe Liebe nicht genügen. Aus deinem ganzen Wesen und aus jedem Teile deines Wesens: mit dem Verstande, mit dem Willen, mit dem Herzen, mit dem Gemüte und seinen Affekten, mit dem Gefühle, aus allen

428 Die Zeit nach Pfingsten: Achtzehnte Woche. Kräften auch des Körpers. Nichts ist ausgenomml Du sollst deinen Gott lieben mit allen Teilen deir Wesens, in allen Augenblicken deines Lebens. L ben, Ihn lieben. Mit lauterer Gesinnung.: oh Nebenabsicht, ohne an erster Stelle je dich seit zu meinen, deinen Vorteil, deine Ehre, deine Befri digung zu suchen. Alles, was das Leben bringt, b trachten, schätzen und benützen in Hinsicht a Gott, auf Sein Wohlgefallen, auf Seinen Willen, al Sein Interesse und Seine Ehre! Gott in allem meine um Seiner selbst willen, Ihn lieben, Ihn suche alles andere aber nur um Gottes willen! Das i. das Wesen der Frömmigkeit. Das bedeutet: M lauterer Gesinnung Gott allein zustreben. Um die, Gnade betet die Gemeinschaft der Kirche für un diese Woche hindurch. Daß auch wir danach ver langen, in lauterer Gesinnung, in reiner Liebe Got zuzustreben!

3· Zwei Herren werben um uns für Zeit uni Ewigkeit: Christus und Antichrist, der Teufel. Mi freiem Willen haben wir uns zu entscheiden. Vor un: steht der Herr in Seiner Wiederkunft zum Gericht Auf der andern Seite lockt der Teufel. Wir wider. sagen dem Teufel, wie am Tage der heiligen Taufe, Wir stehen zum Herrn, zu Gott!

Je mehr wir Gott zustreben, d. i. dem Gebot der Gottesliebe leben, um so mehr stellen wir uns gegen die Versuchungen und Verfolgungen des Teufels sicher. Das ist das Entscheidende: nicht daß wir allüberall nur den Versucher sehen und fürchten, sondern daß wir den Herrn sehen und Ihn lieben. Mit der Liebe haben wir ohne weiteres die Kraft zum Sieg über Satan und seine Helfer. Darum "trachtet nach der Liebe" (I Kor. 14, I). An erster Stelle die Liebe: "Du sollst lieben."

Die Liebe zu Gott sichern wir uns durch die heilige Eucharistie, die heilige Kommunion. Sie ist das Sakrament der Liebe. Sie ist das Feuer, das der Herr vom Himmel auf die Erde gebracht (Luk.

Quatember-Mittwoch: Ein Tag der Einkehr. 429 I2, 49) und uns in die Seele legt, auf daß es unser Herz entzünde und wir den Vater mit der Liebe Jesu lieben lernen. Darum führt uns die heilige Liturgie j eden Morgen zur heiligen Eucharistie, zum Feuerbad der Liebe.

"Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, aus allen deinen Kräften, Und deinen Nächsten wie dich selbst. An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten" (Evangelium). Liebe ich den Herrn? Liebe ich Ihn ganz, ungeteilt? Nur Ihn? Das andere nur in Ihm und um Seinetwillen?

Ge be t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, gib Deinem Volke die Gnade, sich jeglicher Einwirkung des Teufels fernzuhalten und mit lauterer Gesinnung zu Dir, dem einzigen Gott, hinzustreben, Durch Christus unsern Herrn, Amen.

Quatember-Mittwoch im September.

Ein Tag der Ein k ehr.

1. Die Herbstquatember sind Tage des Dankes für die im Süden vollendete Obst- und Wein ernte. Die Liturgie verbindet damit die Erinnerungsfeier an das alttestamentliche N euj ahrsfest und an den großen Versöhnungstag. Deshalb werden diese Quatembertage Tage des Dankes und Tage der Buße.

2. Ein Tag der B u ß e. Das Evangelium berichtet von einem Vater, dessen Sohn vom Teufel besessen ist. Der Vater bringt den Armen zu J esus, auf daß Dieser ihn vom bösen Geiste befreie. J esus treibt den bösen Geist aus. Als "nun J esus nach Hause geKommen war, fragten Seine Jünger: Warum konnten wir ihn nicht austreiben? Er antwortete ihnen: Diese Art von Teufeln kann durch nichts ausgetrieben werden als durch Gebet und Fasten."

430 Die Zeit nach Pfingsten: Achtzeh.nte Woche. Der Liturgie ein Bild unserer Seele. Durch die Er sünde war sie in die Gewalt des Teufels gekOmlllE Da wir die heilige Taufe empfingen, wurden 'A Seinen Händen entrissen. Gleichwohl läßt er nie ganz von uns. In uns lebt der böse Geist des Stolz( der Sinnlichkeit, der Augenlust, der Fleischeslu: der Selbstsucht, der Weltlichkeit. Allzu viel hab< wir uns in den täglichen Sorgen, Mühen und B schäftigungen, in dem Interesse um das Irdiscl und Zeitliche von diesen bösen, unheiligen Geistei beherrschen lassen. Heute ist ein Tag der Einkeh Diese Geister müssen wieder ausgetrieben werde Wir kommen zum eucharistischen Herrn. Er kan Er wird sie austreiben, vorausgesetzt, daß wir bet( und fasten. "Diese Art von Geistern wird dun nichts ausgetrieben als durch Gebet und Fasten Eine ernste Mahnung der Liturgie, daß der heuti§ Tag ein Tag der Buße und des kirchlichen Faste! ist. Ein Tag der Reue und der Sühne für das vie:

Böse, das wir getan; für die vielen Untreuen un Mängel.

Ein Tag der Fr e u d e am Her r. n. So wir er in der zweiten Lesung gekennzeichnet. Esdr3 holt das Gesetz des Moses herbei und liest darau vom Morgen bis zum Mittag den Männern un Frauen und denen, die es verstehen konnten, lat vor. Das ganze Volk lauscht aufmerksam de Worten des Buches. Dann spricht Esdras zum Volk "Dieser Tag ist heilig dem Herrn, unserem Got1 Seid nicht traurig und weinet nicht. Denn di Freude am Herrn ist unsere Stärke." Wir selbe sind der Liturgie das Volk, das aufmerksam auf di Worte des Buches hört. Der heutige Tag ist eil Tag der heiligen Lesung, der Beschäftigung mi Gott, mit dem Evangelium und seinen Grundsätzen der Freude am Herrn, in der Erwägung Seinel Liebe in der Menschwerdung, in der Erlösung arr Kreuze, in der heiligen Eucharistie, in den unzäh, ligen Gnaden, di,e Er uns bisher geschenkt. Dei

Quatember-Mittwoch: Ein Tag der Einkehr. 43 I Freude am Herrn in dem Glauben an Seine liebende Vorsehung und Führung, im Glauben an die Gnade der Gotteskindschaft, der Einwohnung Gottes in unserer Seele, an die Berufung zur Erbschaft des Himmels.

Ein Tag des Dan k e s für den geistig-übernatürlichen Erntesegen, den Gott uns geschenkt. Ein anschauliches Bild dieses Segens entwirft der Prophet Amos in der ersten Lesung: "Siehe, es kommen Tage, wo sich der Pflüger an den Schnitter reiht und der Traubenkelterer an den Sämann; wo die Berge Süßigkeiten träufeln und alle Höhen bebaut sein werden." Wir schauen auf die vergangenen Monate seit Pfingsten zurück und besinnen uns auf den reichen Segen, den Gott uns gegeben, an zeitlichen Dingen, vor allem aber an übernatürlichen Werten. In der täglichen Erfüllung unseres heiligen Berufes in der Welt, im Ordensstande ; in dem täglichen Gebete, der Betrachtung; in der täglichen heiligen Messe und Kommunion; in der Gnade der Seelenführung durch den Stellvertret,er Gottes, der heiligen Beicht, der vielen Anregungen von außen und von innen; in der Gnade der äußern und innern Prüfungen, der geheimnisvoll~n Reinigungen, der Finsternisse, der Entziehungen des Lichtes und Trostes, der Loslösung von dem Geiste der Welt, von unserem Eigendünkel und unserer Selbstsucht. "Denen, die Gott lieben, dient alles zum Heil" (Röm. 8, 32).

3. Quatember-Mittwoch ist Einkehrtag. Wir gehen auf die Absicht der heiligen Kirche ein. Wir tun Abbruch an leiblicher Nahrung, aber so, daß wir zugleich der Sünde entsagen (zweite Oratio). Neugestärkt gehen wir aus den Quatembertagen heraus, wie der Knabe des Evangeliums, in der Kraft des eucharistischen Herrn aufgerichtet, aufrecht stehend.

"Ich überdenke Dein Gebot, das ich gar innig liebe. Ich strecke meine Hände aus nach Deiner

432 Die Zeit nach Pfingsten: Achtzehnte Woche. Satzung, die ich liebe" (Offertorium), nach Deinem heiligen Willen in allem und mit allem. Gott und Sein heiliger Wille allein!

Zum Empfang der heiligen Kommunion wird uns gesagt: "Eßt kräftige Speisen, trinkt süße Getränke", im Genuß der heiligen Eucharistie. "Teilt unter jenen aus, die nichts für sich bereiten konnten": die Frucht der heiligen Kommunion ist die werktätige, helfende, gebende Nächstenliebe. "Und seid nicht traurig, denn die Freude am Herrn ist unsere Stärke."

"Selig das Volk, dessen Gott der Herr ist: das Volk, das sich der Herr zum Eigentum erkoren" (Graduale ).

Gebet.

Wir bitten Dich, 0 Herr, durch die Heilmittel Deiner Barmherzigkeit möge unsere Gebrechlichkeit Halt bekommen, damit sie, aufgerieben von eigener Ohnmacht, wieder hergestellt werde von Deiner Milde. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Donnerstag der achtzehnten Woche nach Pfingsten.

Das g roß e G e bot der L i e b e.

1. Ein Gesetzeslehrer naht sich dem Herrn. Ihn zu versuchen. Er fragt Ihn: "Meister, welches ist das grüßte Gebot im Gesetze des Moses?" J esus antwortet ihm: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Gemüte. Dies ist das größte und erste Gebot. Ein zweites aber ist diesem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (Evangelium) (5 Mos. 6, 5).

2. "D uso 11 s t den Her r n, dei n enG 0 t t, li e ben." Die Liebe zu Gott ist eine unvollkommene: sie liebt Gott, weil wir Gutes von Ihm empfangen haben oder Gutes von Ihm hoffen. Wir lieben Ihn, um der ewigen Hölle zu entgehen und um

Donnerstag: Das große Gebot der Liebe. 433

dereillst im Himmel ewig mit Ihm glücklich zu sem. Es ist eine unvollkommene Liebe, kraft deren wir Gott zunächst um unserer selbst willen, um unserer ewigen Seligkeit willen lieben. Es ist eine sittlich gute, übernatürlich heilsame Liebe, freilich nicht eine vollkommene Liebe. Die vollkommene Liebe liebt Gott um Seiner selbst willen, ohne dabei ausdrücklich an sich selber zu denken. Kraft der vollkommenen Liebe hängt die Seele Gott so an, daß sie "e in Geist mit Ihm wird" (I Kor. 6, 17). In der vollkommenen Liebe verschmelzen Gott und die Seele gewissermaßen ineinander. Gott durchdringt die Seele mit der Fülle Seines Lichtes und Seiner Güter. Er gibt sich so sehr in die Seele hinein, daß Er sie in Sein eigenes Leben, Erkennen, Wollen und Lieben aufnimmt und sich zum Gegenstand ihrer Seligkeit macht. Er gehört gapz der Seele an, sie aber gibt sich völlig Ihm zu eigen und verliert sich in Ihn. Sie kennt nur mehr Ihn, lebt aus Ihm, in Ihm und für Ihn. Sie erhebt sich über ihr eigenes Wesen hinaus und wird so sehr dem Geliebten geeint, daß sie die Natur des Geliebten annimmt, gottförmig wird, ein neues Leben empfängt und so sich mehr um den Geliebten bewegt als um sich selbst, mehr durch Ihn tätig ist als durch sich selbst, mehr für Ihn tätig ist als für sich selbst. "Wer Gott anhängt, wird ein Geist mit Ihm." Diese Liebe ist der innerste Kern der christlichen Vollkommenheit, das Letzte und Tiefste, was die Seele Gott gegenÜber vermag, die volle Erfüllung aller Gebote und Pflichten, das, worauf in unserem Leben alles, gar alles ankommt: denn in ihr haben wir die Vereinigung mit Gott, den Sieg über die Sünde, den Sieg über den tiefsten und verheerendsten Feind in uns, die Eigenliebe, den Sieg über die ungeordnete Anhänglichkeit an das Geschaffene, Irdische, Vergängliche. Geben wir Gott unsere Liebe, dann und erst dann geben wir Ihm alles. Und haben wir Ihm alles gegeben, dann gibt auch Er uns alles, sich Baur, Werde Licht, 111. 28

434 Die Zeit nach Pfingsten: Achtzehnte Woche selber mit der ganzen Fülle Seiner Liebe, in Zei und Ewigkeit.

"A u s dei n e m ga n zen Her zen, aus deine ganzen Seele, aus deinem ganzen Gemüte." Gott is ein eifersüchtiger Gott (2 Mos. 20, 5; 34, 14). E will unsere ganze Liebe. Vorher ist Er nicht zu . frieden. Er ist eifersüchtig auf die HuldigunI

unseres Geistes. Darauf, daß wir unsern Geist ir Demut Ihm unterwerfen, sehen wie Er sieht, ur teilen wie Er urteilt; daß wir unsere eigene Ein sicht vollkommen dem Glauben unterordnen une alles, was der Tag bringt, Klein und Groß, irr Lichte Gottes, der Vorsehung Gottes, im Lichte des Glaubens, nach den Normen und Grundsätzer des Evangeliums und der Kirche ansehen und werten. Gott ist eifersüchtig auf die Liebe unseres Herzens: darauf, daß Er der Mittelpunkt aller unserer Wünsche und Regungen sei; darauf, daß wir Ihn vor jedem andern Wesen lieben und jede Liebe, die wir für ein Geschöpf oder für uns selber haben, der Liebe zu Ihm unterwerfen und dienstbar machen. Gott ist eifersüchtig auf unsere Kräfte und unsere Werke: daß wir sie ungeteilt und allezeit in Seinen Dienst stellen; daß wir unsere Kräfte dazu anwenden, daß wir mit allem, was wir tun, Seinen heiligen Willen 'erfüllen und Ihm nie mit einer bewußten Untreue wehe tun. Gott ist eifersüchtig auf unsere Absichten und Beweggründe: daß der eigentlichste und maßgebende Beweggrund unseres gesamten Tuns und Lassens nicht das eigene Ich, der eigene Vorteil oder Genuß sei, sondern Er, Er allein. Gott ist eifersüchtig auf unsere Gedanken: daß sie, soweit das im täglichen Leben möglich ist, auf Ihn gerichtet seien; daß sie, auch während der Arbeit, immer wieder zu Ihm zurückkehren und Ihm von unserer Liebe Kunde bringen. Er will unsere ganze Liebe, ungeteilt.

3· "Gerecht bist Du, 0 Herr", wenn Du von uns verlangst, daß wir Dich lieben. Alles andere, was

Quatember-Freitag: Tut Buße! 435

wir Gott sonst geben können, ist zu wenig: es ist nicht alles. "Weihet dem Herrn Gelübde und erfüllet sie. Ihr alle ringsum bringet Gaben herbei für Ihn, den Gewaltigen" (Communio): aber alle Gelübde, alle Gaben haben nur so viel Wert und Gehalt, als wir in sie unsere Liebe hineingelegt haben.

"Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben." Lieben wir Ihn? Mit der vollkommenen Liebe, wirklich um Seiner selbst willen? Mit einer Liebe, die nicht nur die freiwillige, bewußte läßliche Sünde, jede bewußte Untreue im Kleinen, jede erkannte N achlässigkeit ausschließt, die sogar überhaupt nichts anderes mehr kennt und sucht, als nur Ihm Freude zu machen, in allem ganz Seinem heiligen Willen und Wohlgefallen zu leben, bereit zu allem, wie Er es gibt und nimmt? Mit einer Liebe, die mit allem Eifer darüber wacht, daß unser Herz sich an nichts Geschaffenes hänge, am wenigsten an sich selbst? Mit einer Liebe, die sich in kräftigen Akten und Affek1:en der Diebe zu Gott, zu J esus kundgibt? Mit einer Liebe, die die Feuerprobe besteht - in der Vollkommenheit der christlichen Nächstenliebe und der Feindesliebe ?

"Trachtet nach der Liebe" (r Kor. 13, 17).

Gebet.

Gott, Du lässest denen, die Dich lieben, alles zum Segen sein. Verleihe unsern Herzen die Gesinnung unverbrüchlicher Liebe zu Dir, auf daß keine Versuchung das Leben, das Du in uns geweckt, zu verdrängen vermöge. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Quatember-Freitag im September.

Tut Buße!

1. ln der Zwölfapostelkirche wurden wir am Gründonnerstag von unsern Sünden losgesprochen

28*

436 Die Zeit nach Pfingsten: Achtzehnte Woche. und in die Gemeinschaft der Kirche wieder aufgenommen und mit Gott versöhnt. Heute kommen wir wiederum zu den heiligen Zwölf Aposteln, um für die Sünden, Vernachlässigungen und Untreuen der letzten drei Monate zu büßen und uns Verzeihung zu erwirken, Wir kommen mit Magdalena, der Sünder in und Büßer in, um aus dem Munde des Herrn das Wort zu vernehmen: "Dein Glaube hat dir geholfen. Gehe hin in Frieden" (Evangelium). "Freude dem Herzen, das den Herrn sucht. Suchet den Herrn, so werdet ihr stark" (Introitus).

2. "B e k ehr e d ich, I s r a e I, zum Herrn, deinem Gott, denn du bist gefallen durch eigene Schuld. Bekehret euch zum Herrn mit reuig-en Worten und sprechet: Tilge alle Schuld, erzeige Dich gütig. Dann wollen wir Dir Opfer darbringen. Wir wollen nicht mehr ein Werk unserer Hände, einen Götzen, unsere Götter nennen" (Epistel). Ein Ruf der Gnade an uns, daß wir aufrichtig büßen und uns zum Herrn bekehren. Vorbild ist uns Magdalena. Sie kommt zum Herrn. Sie wirft sich zu Seinen Füßen nieder, benetzt sie mit ihren Reuetränen, küßt sie und salbt sie mit der Salbe, die sie mitgebracht hat. Sie kommt mit einem Herzen voll Scham, voll Reue, voll Mut zur Selbstanklage, zur Verdemütigung. Mit dem Willen zur Umkehr. Dieser Reue und Liebe, welche der Herr selbst in Seinem Erbarmen der Sünder in eingegeben, antwortet der Herr mit der Vergebung. "Ihr werden viele Sünden vergeben, weil sie viel geliebt hat. Wem aber weniger vergeben wird, der liebt auch weniger. Dann sprach Er zu ihr: Deine Sünden sind dir vergeben" (Evangelium). Wir sind die Sünderin. Wir sind die Büßerin. Wir kommen zu Ihm, im heiligen Opfer, da Er in unserer Mitte erscheint. Wir beichten Ihm, was wir gefehlt und Gott beleidigt haben. Wir klagen uns darüber vor Seinem Stell vertreter an und vernehmen aus dessen Munde das trostvolle 'vVort: "Ich spreche dich von deinen

Quatember-Freitag- ~ Tut Buße! 437

Sünden los. Gehe hin in Frieden." Wir erhalten Verzeihung, nach dem Maße unserer Buße und Liebe. "Wem weniger verziehen wird, der liebt auch weniger." Und umgekehrt. Wer weniger liebt, dem wird auch weniger verziehen.

"Die Frucht der Buße." "So will Ich denn heilen ihre Wunden. Aus unverdienter Güte will Ich sie wiederlieben: denn M ein Zorn hat sich von ihnen abgewendet. Ich werde wie Tau für sie sein. Israel wird sprossen wie eine Lilie und Wurzel schlagen wie die Zedern des Libanon. Ausbreiten werden sich seine Zweige, seine Krone wird sein wie die des ölbaums. Sie werden von Weizen leben (Eucharistie) und sprossen wie ein Weinstock." Mit so großer Zärtlichkeit und Liebe nimmt der Herr die reumütige, büßende Seele auf. Ganz so, wie Jesus die Sünderin Magdalena aufnimmt. Der Pharisäer Simon ist Zeuge dessen, wie die Sünderin hereinkommt und sich Jesus zu Füßen wirft. Er spricht bei sich: " Wenn dieser der Prophet, der Messias, wäre, so wüßte Er, wer dieses Weib ist, das Ihn berührt: sie ist ja eine Sünder in. " Aber der Herr ist gekommen, die Sünder zu suchen und zu retten. Er hat für Magdalena kein Wort des Tadels. Er läßt sich nicht erst bitten, ob sie vor Ihm erscheinen dürfe. Er zieht sie mit der Kraft Seiner Erlöserliebe und Gnade an und erläßt ihr die ganze Schuld. Sie entsagt den Götzen, denen sie bisher gedient. Sie folgt dem Herrn. Sie darf als die erste von allen nach M aria, der Mutter J esu, den Auferstandenen sehen. Sie empfängt besondere, ausgezeichnete Gnaden und wird die große Heilige, zu der wir alle mit Bewunderung aufschauen. "Ich will Israel, wenn es Buße getan, erhöhen und sprossen lassen wie eine Tanne. Durch Mich wird wieder Frucht an dir, Israel, gefunden werden" (Epistel).

3· Der selbstgerechte Pharisäer, der den Herrn zu Tisch geladen hat, und die sündige, reuige, büßende M agdalena! Jener der Typus des J uden-

438 Die Zeit nach Pfingsten: Achtzehnte Woche. volkes, diese der Typus der aus dem Heidentum Bekehrten. Wir sind der Liturgie die reuige Mag~ dalena. Der erste Schritt zur Gnade und Heiligkeit ist die Buße.

Wir geben unserer innern Buße Ausdruck 'im Quatemberfasten. Wir heiligen unser Fasten durch' die Mitfeier des eucharistischen Opfers: im Opfer, bringen wir es in Verbindung mit dem Opfer, dem Leiden und Sterben des Herrn und flehen zu Gott, Er möge an der Opfergabe unseres Fastens Gefallen finden. Wir bitten, daß die sÜhnende Kraft dieser Opfergabe uns der Gnade Gottes würdig mache, die wir in der heiligen Messe erwarten und uns zu den verheißenen Gütern des ewigen Lebens führen möge ( Sekret).

Eine besondere Frucht der Buße ist der Genuß der heiligen Eucharistie. "Nimm weg von mir, o Herr, die Schmach" der Sünde. Wie soll ich sonst das hochheilige Sakrament Deines Leibes und Blutes kosten dürfen? In der heiligen Kommunion erhalten wir die Kraft, "Deine Weisungen zu befolgen. Deine Satzungen sind meine Freude" (Communio). Letzte Frucht der Buße sind "die noch größeren Wohltaten" (Postcommunio): unsere Vereinigung mit dem Herrn im Himmel, wo Er uns aufnehmen wird in den Mitbesitz Seiner Freude, Seines Lichtes, Seines verklärten Lebens, ein Besitz, der uns ewig vollkommen sättigen wird.

Gerne tun wir heute Buße und entschließen uns für ein Leben der Bußstrenge, um der Frucht der Buße teilhaftig zu werden. Mit Magdalena machen wir den Weg von der Sünderin zur Büßerin, von der Büßerin zur Vertrauten des Herrn, von der Vertrauten des Herrn zur Heiligen, zur M itgenossin der Freude des Herrn. Selige Buße!

Gebet.

Wir bitten Dich, allmächtiger Gott, laß uns durch die Feier der heiligen Fasten, die wir all-

Quatember-Samstag: Buße und Heilung. 439 jährlich in frommer Hingabe begehen, mit Lei@ und Seele Dir wohlgefallen. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Quatember-Samstag im September.

B u ß e und H eil u n g.

I. Die Liturgie knüpft in den Lesungen des Nachtgottesdienstes an die Feier des großen Versöhnungstages (erste Lesung) und des Laubhüttenfestes (zweite Lesung) an. Das Laubhüttenfest wurde von den Israeliten sieben Tage lang gefeiert: eine Dankfeier für die Führung, die Gott Seinem Volk während der vierzig Jahre der Wüstenwanderung hat angedeihen lassen. Es fand seinen Abschluß mit der Versöhnungsfeier. So ist der heutige Quatember-Samstag als Tag der Buße und des Dankes gekennzeichnet. "Im siebten Monat (d. i. September) sollt ihr Festtag feiern" (Communio).

2. "Christus der Hohepriester der künftigen Güter." Der Versöhnungstag des Alten Testamentes ist nur Schatten und Vorbild. Der Hohepriester geht durch das Heilige in das Allerheiligste des Bundeszeltes, später des Tempels ein, um dort das Blut des geschlachteten Opfertieres an die Bundesla,de zu sprengen. Aber er konnte damit keine Vergebung der Sünden erreichen. Anders Christus, unser Hoherpriester. Er hat uns in Seinem Opfertod am Kreuze das zukünftige, himmlische Erbe erworben und ist in Seiner Himmelfahrt durch die Himmelsräume in das himmlische Allerheiligste eingegangen. Nicht mit fremdem Blut, sondern in Seinem eigenen Blut, das Er für uns vergossen hat und mit dem Er uns von unsern Sünden reinigt und Gott versöhnt (Epistel). Obschon die Versöhnungsfeier des Alten Testamentes nur ein Schatten, ein schwaches Vorbild dessen ist, was uns im Neuen Testament geschenkt ist, ergeht gleichwohl an das Volk Israel die Mahnung-: "Am

440 Die Zeit nach Pfingsten: Achtzehnte Woche. zehnten Tag des siebten Monats (September) ist Versöhnungstag. Er soll hochfeierlich sein. Ihr sollt euch an ihm kasteien: denn es ist ein Sühnetag, auf daß der Herr, euer Gott, sich mit euch versöhne. Jeder, der sich an diesem Tage nicht kasteit, wird hinweggerafft aus der Mitte seiner Volksgenossen" (erste Lesung). Um wieviel mehr muß uns der Quatember-Samstag heilig sein, ein Tag der Buße, an dem wir beten, uns kasteien, fasten, uns abtöten, um Sühne zu leisten! "Übe Nachsicht, 0 Herr, mit unsern Sünden. Hilf uns, o Herr, Du unser Heil, und um der Ehre Deines N amens willen mach uns frei" (erstes Graduale), erlöse uns von den Banden der Sünde.

J e man cl hat tee i n e n F e i gen bau m g ep f la n z t. Er kam, suchte Früchte an dem Feigenbaum, und fand keine. Da sprach er zum Gärtner:

Hau den Baum um. Er versperrt ja nur den Platz. Der Gärtner bittet: Nur noch dieses Jahr laß ihn stehen. Ich will ihn gut besorgen: vielleicht bringt er doch noch Früchte. Da der Herr dieses'Gleichnis in der Synagoge vorträgt, kommt eine Frau daher, von langem Siechtum geplagt, so gekrümmt, daß sie sich gar nicht emporrichten kann. J esus ruft sie:

Willst du geheilt werden? Er legt ihr die Hände auf. Sie richtet sich empor und preist Gott (Evangelium). Versöhnungstag, Tag ,der Verzeihung, der Gnade, der Hilfe durch den Herrn, der in der heiligen Messe zu uns kommt. Der unfruchtbare Feigenbaum im Weinberg, die gekrümmte Frau, die sich nicht aufrichten kann, sind wir. "Schon so lange Jahre sind es her, daß ich an diesem Feigenbaum Frucht suche, und ich finde keine. Wozu soll er noch den Platz einnehmen?" Es geht dem Abschluß des Kirchenj ahres entgegen. Schon rüstet sich der Herr zur Wiederkunft. Er kommt wieder in unserem Tode. Er kommt wieder zum Gericht am Ende der Weltzeit. Und noch immer ha,ben wir nicht die Frucht getragen, die der Herr von uns erwarten

Quatember-Samstag: Buße und Heilung. 44 I muß. Am Erdreich fehlt es nicht: wir sind im Weinberg des Herrn, in der heiligen Kirche, gepflanzt. An Licht und Luft, an Anregungen, Mahnungen, Gnaden fehlt es nicht. Darum kam der

- Herr schon oft: Er mußte doch einmal Frucht finden. Wir haben die Gnaden nicht gut, nicht ganz benützt und sind so der unfruchtbare Feigenbaum geblieben. Haben wir nicht Grund, Buße zu tun und Sühne zu leisten? Wir sind die gekrümmte Fra-u des Evangeliums, ganz ins Irdische und Zeitliche versunken, unfähig, uns emporzurichten. Trotz der heiligen Taufe, trotz der Berufung zur Gotteskindschaft, trotz der Gebete, Lesungen, Betrachtungen, trotz Klausur und Ordenskleid. "Wenn ihr mit Christus auferstanden seid - wir sind es in der heiligen Taufe -, dann suchet, was droben ist, trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was irdisch ist" (Kol. 3, I f.). Und wir sind die gekrümmte Frau! Tut uns die Liturgie etwa Unrecht, wenn sie in der Frau des heutigen Evangeliums uns, mich, meint? Wir, der unfruchtbare Feigenbaum, die gekrümmte Frau! Was bleibt uns übrig, als daß wir Buße tun und zu Jesus kommen. Heute ist ein Tag der Gnade. Er kommt in der heiligen Messe in unsere Mitte. Er hat Mitleid mir uns. Er bittet den Herrn des Weinbergs, den Vater:

"Laß ihn noch dieses Jahr stehen. Ich will dann rings um ihn auf graben und Dünger einlegen; vielleicht bringt er dann Frucht." Mit dieser Bitte tritt Er im heiligen Opfer vor den Vater. Nicht genug. Erbarmungsvoll ruft Er die Kranke, uns, zu sich: "Willst du von deiner Krankheit geheilt werden?" Wir wollen. Er legt uns im Sakrament der Buße, in der heiligen Kommunion die Hand auf und richtet uns auf. Er gibt uns Seinen Geist: wir sind stark, uns dem Irdischen zu entwinden, die Fesseln abzulegen und dem zu leben, was Gottes ist. Wir aber danke,n Ihm für die Gnade, die Er an uns gewirkt, und "preisen Gott".

442 Die Zeit nach Pfingsten: Achtzehnte Woche.

3. "Im siebten Monate sollt ihr Feste feiern, weil Ich die Kinder Israels in Zelten wohnen ließ, als Ich sie aus dem Lande Ägypten führte: Ich, der Herr, euer Gott" (Communio). Die heutige Feier ist der Liturgie eine Vorbereitung auf die Herrlichkeit im Zelte des Himmels, wenn Gott uns nach den sechs Monaten der Wüstenwanderung des Erdenlebens, in der Kraft der heiligen Eucharistie, in die Sabbatruhe des ewigen Lebens aufgenommen haben wird. Da werden wir "Gott preisen" und ewig das Fest des Dankes feiern. Alles das Werk des Hohenpriesters Christus!

"Wer ist Gott wie Du, der die Schuld hinwegnimmt und die Sünden nachläßt? Nicht wird Er fernerhin Seinen Grimm auslassen, denn am Erbarmen hat Er Wohlgefallen. Er wird sich unser wiederum erbarmen, wegnehmen all unsere Missetaten und in des Meeres Tiefe all unsere Sünden senken" (dritte Lesung).

"So lauten die Gebote, die ihr befolgen sollt:

Redet untereinander die Wahrheit; keiner sinne Böses gegen seinen Nächsten. Strebt nach Wahrheit und Frieden (Eintracht)" (vierte Lesung).

Ge be t.

Allmächtiger ewiger Gott, durch die segensreiche Enthaltsamkeit heilest Du Leib und Seele; daher flehen wir Deine Maj estät in Demut an: laß Dich versöhnen durch die frommen Bitten der Fastenden und gewähre uns jetzt und künftighin Deinen Beistand. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Die li turgis che M eßfeier des achtzehnten Sonntags nach Pfingsten.

I. Was die letzten zwei Sonntage noch mehr leise ankündigten, kommt von jetzt an zum vollen Ausdruck. Nach den Herbstquatembern beginnt der eigentliche Abschluß des Kirchenj ahres. Er steht ganz im Zeichen der Natursymbolik, des Herbstes, des sterbenden Lebens, der Wiederkunft Christi am Jüngsten Tag. Sehnsüchtig schaut die Liturgie nach der Enderlösung aus, nach dem Erscheinen des Bräutigams, daß Er sie in ihrer Ganzheit endlich heimführe in die Ruhe, in den Frieden der Heimat.

Der achtzehnte Sonntag selbst trägt freilich einen ganz andern Charakter. Er muß aus der Feier des vorhergehenden Quatember-Samstags und der damit verbundenen Priesterweihe verstanden werden. Im alten Rom begab sich die feiernde Gemeinde spät am Abend des Samstags nach St. Peter zum Nachtgottesdienst, in welchem der Papst die heiligen Weihen erteilte. Am frühen Morgen wurden die neugeweihten Priester in die einzelnen Kirchen der Stadt abgeholt und feierten dann ihr Erstlingsopfer. So ist der achtzehnte Sonntag ursprünglich liturgielos. Unsere heutige Messe trägt das Gepräge einer Kirchweihmesse, wenn sie schon vom Gedanken an die Wiederkunft Christi stark durchsetzt ist.

2. Im Introitus erleben wir den Einzug der N eugeweihten in ihre Kirche mit. Sie freuen sich auf ihr Erstlingsopfer : "Wie freute ich mich, da man mir sagte: Wir ziehen zum Haus des Herrn." Wir rufen Gottes Gnade und Segen auf die Primizianten herab: "Gib Frieden, Herr, denen, die amf Dich harren (den Neugeweihten), daß deine Propheten (d. i. Gesalbten, Neupriester) sich als wahr erweisen." Dabei denken wir zugleich an das Gotteshaus der ewigen Glorie: "Gib Frieden (Enderlösung, himmlische Seligkeit), Herr, denen, die auf Dich

444 Die Zeit nach Pfingsten: Neunzehnte Woche, hoffen. Ich freue mich, daß man mir sagte: Wir gehen ins Haus des Herrn", in den Himmel. Ein einzig schönes Pilgerlied im Munde der dem Himmel zustrebenden Christen! Wir rufen über die N eupriester und über uns selbst, die Himmelspilger, das Kyrie eleison: "Gib Frieden, Herr", gib uns das Heil. "Die Macht Seines Erbarmens lenke unsere Herzen" (Oratio): denn unser Heil stützt sich zuallererst auf Gottes Erbarmen. Ist es "j a nicht Sache des Laufenden noch des Wollenden (Menschen), sondern des erbarmenden Gottes" (Röm. 9, 16). In der Epistel schauen wir dankbar zurück auf das, was uns im ablaufenden Kirchenj ahr zuteil geworden ist "in Christus J esus. Durch Ihn seid ihr in allem reich geworden. So mangelt es euch an keiner Gnade." Dann lehrt sie uns vorwärtsschauen : "Und nun erwartet ihr die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus, der euch festigen wird bis ans Ende, damit ihr ohne Sünde seid am Tage der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus." Wir "erwarten die Offenbarung unseres Herrn": sie erfolgt jetzt in der heiligen Meßfeier, sie erfolgt in unserem Sterben, sie erfolgt am Jüngsten Tag. Für diese dreifache "Ankunft" des Herrn gelten die Worte des Graduale: "Ich freue mich, daß man mir sagte: Wir wallen ins Haus des Herrn." Im Alleluja begrüßen wir den Herrn in Seinem Glanz, in dem Er am Tage Seiner Wiederkunft erscheinen wird. Jetzt, in Seiner Ankunft in der heiligen Messe, erscheint Er als der gütige, den Gichtbrüchigen an Seele und Leib heilende Erlöser, mit dem Wort auf den Lippen: "Sei getrost, deine Sünden sind dir vergeben." Und: "Steh auf, nimm dein Bett und geh nach Hause." "Und er stand auf und ging nach Hause" (Evangelium).

3· Der Kranke des Evangeliums sind wir selber, die wir heute die Opferfeier begehen. Im Opfer der Messe werden wir durch den Priester zu Ihm gebracht. Er sendet uns Sein Heil und Seine Gnade:

Sonntag: Reich in Christus.

445

ein Anfang und eine Vorwegnahme des vollendeten Heils, dem Er uns mit den Gnaden der heiligen Messe entgegenführt. "Er stand auf und ging nach Hause": Durch die Mitfeier der heiligen Messe finden wir Heilung und Kraft, uns zu erheben und in das Haus der seligen Ewigkeit einzugehen. Dankbar antworten wir auf das Evangelium mit einem tiefempfundenen: Credo. Ich glaube an das ewige Leben. Im Offertorium erscheint Moses am Brandopferaltar, ein Bild Christi, der in der heiligen Messe sein "Abendopfer" feiert, das Sühnopfer für die Sünden des Volkes, um es, von Sünden gereinigt, in den Abendfrieden des ewigen Lebens einzuführen. Jetzt machen wir den Opfergang. Wir machen uns selbst mit dem sich opfernden Christus zu ein e m Opfer. Wie Er unblutigerweise in unserer Mitte auf dem Altare stirbt, so kreuzigen auch wir im Opfer den alten Menschen in uns, sterben der Sünde, der Welt mit ihren Eitelkeiten. Je vollkommener wir ein Opfer mit Christus geworden sind, um so vollkommener läßt Er uns Sein Heil erfahren; um so mehr schenkt Er uns Anteil an der Gottheit (Sekret), um so mehr dürfen wir "in Seine Hallen eintreten" (Communio), in das Reich Seiner Herrlichkeit. "Ich freue mich, daß man mir sagte: Wir gehen ins Haus des Herrn."

Achtzehnter Sonntag nach Pfingsten.

R e ich i n C h r ist u S.

1. "Da pacem. - Gib Frieden,Herr", das vollendete Heil, das der Erlöser uns verdient hat, die ewige Seligkeit, welche uns in den Schriften des Alten Testamentes, in den Evangelien und in den Schriften der Apostel verheißen ist. "Laß die Propheten als wahr erfunden werden" (Introitus). "Wie freute ich mich, da man mir sagte: Wir ziehen zum Hause des Herrn" (Introituspsalm), der ewigen Heimat ent-

. gegen. Unser, der Getauften, wartet das ewige Leben.

446 Die Zeit nach Pfingsten: Neunzehnte Woche.

2. "I c h dan k eGo t t für die G n ade, die euch zuteil geworden ist in Christus Jesus" (Epistel). Am heutigen Sonntag schauen wir dankbaren Herzens auf unser Leben, auf das seinem Ende entgegengehende Kirchenj ahr zurück. Wir besinv.en uns auf die vielen und großen Gnaden, die der Herr uns in unserem Leben geschenkt, insbesondere in den vielen Wochen, die seit Beginn des ,laufenden Kirchenj ahres vergangen sind. Wir bekennen, daß "wir durch Ihn, Jesus, in allem reich geworden sind". Aus uns nur Unvermögen und Sünde, hat Er uns mit Seinen Gütern, mit Seiner Wahrheit, mit Seiner Gnade, mit Seinen Verdiensten überreich gemacht. Was wären wir ohne Ihn, ohne die Gemeinschaft mit Ihm, dem Haupte der Kirche? Durch Ihn haben wir den Mitbesitz des göttlichen Erkennens und Lebens, die Gotteskindschaft, die Liebe des Vaters, des Sohnes, des Heiligen Geistes, die ununterbrochenen Gnaden des Beistandes. "So mangelt es euch an keiner Gnade." Sollen wir uns also nicht glücklich schätzen? "Indes ihr auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus harret", auf die Wiederkunft des Herrn in unserer Todesstunde für uns persönlich; am Jüngsten Tage für die ganze Menschheit. Der Christ wartet. Er ist in steter Spannung auf das andere, das kommen wird und kommen muß. Er sieht hinter dem Heute und hinter dem Diesseits das Morgen, das Jenseits, die ErfÜllung. "Ihr harrt er entgegen." Wie die Jungfrauen im Gleichnisse des Evangeliums dem Bräutigam entgegenharren. Dazu gibt uns der Herr Seine Gnade. "Wie freue ich mich, wenn man mir sagen wird: Wir ziehen in das Haus des Herrn" (Introituspsalm, Graduale). Unterdessen "wird Er euch stärken bis ans Ende, damit ihr ohne Tadel dasteht am Tage der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus". So will die Kirche dastehen, wenn der Herr kommt: ohne Tadel, ganz rein, ganz Braut, in die Schönheit, den Gnaden- und Tugendschmuck des Bräuti-

Sonntag: Reich in Christus.

447

gams gekleidet. So wünscht und erwartet sie es von uns, wenn der Herr erscheint, jetzt in der Opferfeier der heiligen Messe, dereinst in unserem Tode und am Jüngsten Tage. Der Herr stärkt uns, daß wir ausharren bis ans Ende, rein, ohne Sünde, gnadengeschmückt, im Brautkleid. Alles Gnade, ununterbrochene Gnadenhilfe vom Herrn. Haben wir nicht Grund zu danken?

A n fan gun d G run dia g e der Gnaden und all unserer Heilshoffnung ist die heilige Taufe, die wir empfangen. Sie ist das große Ereignis in unserem Leben. An sie erinnert uns die heilige Liturgie im Evangelium vom Gichtbrüchigen, Gelähmten. Da Jesus nach Kapharnaum gekommen war, "brachten sie einen Gichtbrüchigen zu Ihm". Jesus tut ein Doppeltes an ihm: Zuerst vergibt Er ihm die Sünden. "Deine Sünden sind dir vergeben." Dann heilt Er ihn von seinem Siechtum: "Steh auf und wandle, nimm dein Bett und geh nach Hause." Und er stand auf und ging nach Hause. Damit sind wir gemeint. Uns hat der Herr in der heiligen Taufe, im Sakrament der Buße, in der heiligen Eucharistie vom Siechtum der ErbsÜnde und der persönlichen Sünden, vom Zug zur Welt, zum Fleisch, zum Bösen, von der Schwerfälligkeit zum Guten geheilt. Um uns immer vollkommener auszuheilen und von unserem uns g.!'eichsam angeborenen Siechtum ~u befreien, kommt der Herr in der heiligen Messe und in der heiligen Kommunion zu uns. Er heilt uns von der Sünde. Er heilt uns von den Folgen der Sünde, in der einstigen Auferweckung vom Tode. Dann befiehlt Er uns: "Geh nach Hause." Die Liturgie jubelt: "Wie freue ich mich, da man mir sagt: Wir gehen ein in das Haus des Herrn." In der heiligen Taufe, im Sakrament der Buße, vorzüglich in der Feier der heiligen Messe und des Opfermahles der heiligen Kommunion werden wir vom Siechtum der Seele geheilt und wird in unsern Leib das Samenkorn der ewigen Auferstehung gelegt. Das ist unsere

448 Die Zeit nach Pfingsten: Neunzehnte Woche. Hoffnung. Das ist's, was uns die Offenbarung des Herrn J esus Christus bringen wird: das Endheil, das ewige Leben der Seele und des Leibes. "Er stand auf und ging nach Hause": Auferstehung des Fleisches und das ewige Leben in der Heimat beim Vater. "Wie freue ich mich, wenn man mir sagt:

Wir gehen in das Haus des Herrn", in den Himmel. 3. Ein Tag des Dankes!

Ein Tag der Himmelssehnsucht. Wir gehen in das Haus des Herrn, in den Himmel. "Bringet die Opfergaben her", mahnt die Communio. Feiert das heilige Opfer. "Tretet ein in Seine Hallen." Er selber kommt in Sein Haus, in unser christliches Gotteshaus. "Fallt nieder vor dem Herrn in Seinem Heiligtum", das Er sich auf unsern Altären gebaut. Indes, das irdische Gotteshaus ist nur Vorbild und Durchgang. In der Kraft des heiligen Opfers und der heiligen Kommunion, die wir empfangen, ist uns der Weg zum Eintritt in das Haus des Himmels freigemacht. "Wie freute ich mich, da man mir sagte: Wir ziehen (in der Kraft des heiligen Opfers und Opfermahles) in das Haus des Herrn."

Aus uns selber arm und unfähig, der Gichtbrüchige des Evangeliums, sind wir in Christus, dem wir durch die heilige Taufe einverleibt sind, reich geworden. "Es mangelt euch an keiner Gnade", um das Ziel der ewigen Heimat erreichen zu können. "Nimm dein Bett und geh nach Haus!"

Ge be t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, lenke unsere Herzen durch Dein erbarmungsreiches Walten: denn ohne Dich können wir Dir nicht gefallen. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Montag der neunzehnten Woche nach Pfingsten.

H eil u n g des Gel ä h m t e n.

r. Der Herr ist eben von einer Wandermission 1Il Galiläa nach Kapharnaum gekommen. Er lehrt in

..

Montag: Heilung des Gelähmten. 449

"Seinem Hause", d. i. im Hause des Simon Petrus, von einer dichten Menge Volkes umlagert. Selbst vor der Türe des Hauses ist kein Platz mehr. "Da bringt man einen Gelähmten herbei. Vier Männer tragen ihn." Sie können ihn wegen des Gedränges nicht ins H<lJUS hineinbringen. Ihr Vertrauen auf die Macht und Güte des Herrn und ihre Liebe zu dem Kranken ist so groß, daß sie den Gelähmten durch das Dach herunterlassen, vor J esus hin. "Als J esus ihren Glauben sah, sprach Er zum Gelähmten: Mein Soh,n, deine Sünden sind dir vergeben." Er heilt ihn auch von der körperlichen Krankheit und befiehlt ihm: "Steh auf, nimm dein Bett und geh nach Hause" (Evangelium).

2. "S e i ge t r 0 s t, M ein S 0 h n, deine Sünden sind dir vergeben." Dankbar erinnern wir uns mit der heiligen Liturgie an den Augenblick, da auch wir in der Stunde unserer heiligen Taufe zum Heiland gebracht wurden. Im Hause des Petrus, in der heiligen Kirche. Gläubige Eltern hatten in christlicher Liebe Sorge um unsere Seele. Wir empfingen die heilige Taufe. "Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. Steh auf und geh nach Hause." Betritt den Weg zur ewigen He,imat! Du bist ein Kind Gottes, Erbe Gottes, Miterbe mit Christus. Dankbar erinnern wir uns der Gnadenstunde, da wir nach dem Verlust der Taufgnade wieder zum Herrn kamen, im Haus des Petrus. in der heiligen Kirche. Wir hatten gesündigt und das göttliche Leben, das uns in der heiligen Taufe in die Seele gelegt worden war, verloren. Wir waren der Gelähmte des Evangeliums. Wir kamen zum Herrn in Seinem Stellvertreter, dem Priester. J esus sah unsern Glauben, unsere Reue, unser Vertrauen, unser Verlangen nach dem göttlichen Leben. "Sei getrost, Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. Steh auf und geh nach Hause." Der Weg zur ewigen Heimat ist dir wieder frei und offen! Wir sind der Gelähmte des Evangeliums. Wer kann uns das Leben, das volle, frische, Baur. Werde Lieht, llI. 29

450 Die Zeit nach Pfingsten: Neunzehnte Woche. starke Leben zurückgeben? Einzig Jesus, der Herr. Und zwar im Hause des Simon Petrus, in Semer Kirche. Der Kirche gehören die Sakramente, die Taufe, das Sakrament der Buße. In Seiner Kirche schenkt Er "den Frieden", die Verzeihung, die Versöhnung mit Gott, die Gnade. Er schenkt sie denen, "die auf Ihn harren", die an Ihn glauben; die glauben, daß "der Menschensohn die Macht hat, auf Erden Sünden zu vergeben" (Evangelium); die glauben, daß Er diese Seine Macht Seinen Aposteln und deren Nachfolgern und Gehilfen, den Bischöfen und Priestern übertragen hat. "M ir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie" (Matth. 28, r8). "Welchen ihr die Sünden nachlassen werdet, denen sind sie nachgelassen" (Joh. 20, 23). "Sei getrost, Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. Stch auf und geh nach Hause", deiner wartet das ewige Leben. "Wie freute ich mich (am Tag der heiligen Taufe, nach dem Empfang des Sakramentes der Buße), da man mir sagte: Wir ziehen zum Hause des Herrn."

"Und er stand auf und ging nach Hau s e." Das ist der Weg des Christen, unser Weg. Aufstehen und nach Hause gehen. So haben wir es in der heiligen Taufe versprochen. "Ich widersage" dem Satan, der Sünde, der Welt. So haben wir es im Sakrament der Buße beteuert: Ich stehe auf. Ich mache mich frei von den Banden der Triebe und Leidenschaften, ich breche die Fesseln der bösen Gewohnheiten, ich erhebe mich über die Niederungen der Eigenliebe, der Trägheit, der Lauheit. Wiederum haben wir es in der heiligen Taufe beschworen: "Ich glaube an Gott. Ich glaube an J esus. Ich glaube an den Heiligen Geist, an die heilige Kirche." Ich unterwerfe mich Gott und Seinen Geboten. Ich stehe zu J esus, zu Seiner Person, zu Seiner Lehre, zu Seinen Geboten, zu Seinem Beispiele, zu Seiner Kirche. Ich lasse mich vom Geiste Gottes und

Montag: Heilung des Gelähmten. 45 I

Christi, vom Heiligen Geiste erfüllen und leiten. Ich lebe Gott, ich gehe zu Gott. Was wir in der heiligen Taufe also geschworen, bekräftigen wir jedesmal, so oft wir das Sakrament der heiligen Buße empfangen. Wir bekräftigen es insbesondere in jeder Mitfeier der heiligen Messe.' Wir stehen auf, brechen mit allem, was gottwidrig ist, und weihen Ul,,,.-zttMllImen mit dem sich opfernden Herrn in vollkommener Hingabe, Gott und dem was Gottes ist.

3. Wir danken. Wir freuen uns, da man uns versichert: Wir ziehen in das Haus des Herrn, der ewigen Heimat entgegen. Wir stehen auf und gehen nach Hause.

"Wir ziehen in das Haus des Herrn." Hier, in dem Gotteshause von Stein, erleben wir das gnadenvolle Kommen des Herrn, in der Feier des eucharistischen Opfers, in der Spendung der heiligen Sakramente. Hier "macht Er uns durch den erhabenen Austaus.ch der Gaben, der sich beim heiligen Opfer vollzieht, der ein e n höchsten Gottheit teilhaftig" (Stillgebet). Hier erläßt Er uns in Gnaden unsere Sünden und Fehler; hier erfüllt Er uns mit Seinem eigenen Geist und Leben. In der Kraft der Speise, die Er uns reicht, werden wir den Weg zur ewigen Heimat zurücklegen können.

Der Kranke bittet den Herrn um die leipliche Gesundheit. Der Herr aber heilt zuerst dessen kranke Seele. Die körperliche Not kommt für Ihn erst ah zweiter Stelle. Das Körperliche ist für Ihn das weniger Wichtige. Zuerst die Seele, die Sorge um das Ewige. "Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze WeH gewinnt, aber an seiner Seele Schaden leidet?" (Matth. r6, 26.)

Ge be t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, lenke unsere Herzen durch Dein erbarmungsreiches Walten: denn ohne Dich können wir Dir nicht gefallen. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

452 Die Zeit nach Pfingsten: Neunzehnte Woche. Dienstag der neunzehnten Woche nach Pfingsten.

Reiche Frucht.

I. "Siehe, der Bräutigam kommt. Geht Ihm entgegen!" (Matth. 25, 6.) Es ist, als ob die Kirche heute diesen Ruf vernähme. Ihre Sorge ist die, daß ihre Kinder bereit und gerichtet seien, reich an Gnade, an Tugend, an Erkenntnis des christlichen Wesens, an heiligen Werken. Und daß wir die Gna,de erhalten, standhaft, beharrlich zu sein bis ans Ende, so daß wir vollendet, reif und ohne Tadel dastehen am Tage der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus, im Tode, beim letzten Gericht.

2. Re ich e Fr u c h t sieht der Apostel in der jungen Gemeinde von Korinth heranwachsen. Er dankt Gott für die Gnade, die den Neubekehrten in Christus Jesus zuteil geworden ist. "Durch Ihn seid ihr in allem reich geworden, jn jeglichem Wort und in jeglicher Einsicht", in der gelehrigen Aufnahme der christlichen Lehre und im tieferen Verständnis derselben. "Auch das Zeugnis für Christus ist in euch befestigt worden": das Zeugnis, das der Apostel für Christus in Korinth abgelegt, seine Predigt und sein Wirken hat tiefe Wurzeln geschlagen und verspricht gute Frucht. "So mangelt es euch an keiner Gnade." So kraftvoll hat Christi Gnade in der Gesamtheit der Kirche von Korinth wie in den einzelnen gewirkt. Was fehlt noch? Nur noch die Offenbarung der Herrlichkeit des Herrn, Seine Wiederkunft, der die Kirche von Korinth entgegenharrt. Und daß die Gläubigen "ausharren bis ans Ende, auf daß sie ohne Tadel und ohne Schuld dastehen arn Tage der Ankunft unseres Herrn J esus Christus" (Epistel). Das ist die junge Christengemeinde: reif für die Ankunft des Herrn, reich an Gnade, an Einsicht, an Tugend, an christlichen Werken! Die Liturgie stellt uns diese Kirche von Korinth als Vorbild hin. Sie will, daß wir alle und daß die Kirche in ihrer Ganzheit "ohne Tadel da-

Dienstag: Reiche Frucht.

453

stehen am Tage der Wiederkunft des Herrn Jesus Christus". Wie. wenn wir einen Vergleich der jungen Christengemema-e- von Korinth mit u,.nsern christlichen Gemeinden und Familien, vor allem mit unserem persönlichen Gnaden- und Tugendleben anstellen wollten!

"In jeglichem Wort und in jeglicher Er k e n n t ni s." Der Apostel verfehlt nicht anzudeuten, wie es kommt, daß er bei seinen Korinthern so reiche Frucht konstatieren kann. Er hat anderthalb Jahre in Korinth gepredigt. Die Korinther haben seine Predigt gelehrig aufgenommen. Sie sind "reich an jeglichem Wort". Sie besitzen die ganze Lehre der apostolischen Predigt. Sie bewegen sich in den Lehren, Grundsätzen des Evangeliums. Diese sind ihnen Norm und Wegweisung. Sie halten sich an die Lehre Christi, sie schauen auf das Beispiel Christi, sie wandeln im Lichte Christi. Daher die reiche Frucht. Und nicht bloß etwa mehr äußerlich. Sie sind auch reich "an jeglicher Erkenntnis". Sie dringen in die christliche Wahrheit ein. Sie nehmen sich die Mühe und die Zeit, das, was sie gehört und was sie glauben, geistig zu durchdringen, sich davon innerlich zu erfüllen und es praktisch zu leben. Sie leben ein Leben der Innerlichkeit, aus dem Geist des Glaubens. So gewinnen sie eine neue, wahrhaft christliche LebensauHassung,Weltanschauung und wenden sich dadurch von dem Geist des Heidentums und der Welt gänzlich ab. Ganz so, wie sie es in der heiligen Taufe beschworen haben:

"Ich widersage. Ich glaube." Ein leuchtendes Vorbild für uns Christen d.es 20. Jahrhunderts.

3. "Es mangelt euch an keiner Gnade" (Epistel).

Müssen wir nicht auch Frucht, reiche Frucht bringen? " Ich habe euch erwählt und euch dazu bestellt, daß ihr hingehet und Frucht bringet und daß eure Frucht bleibe" (für das ewige Leben) (Joh. r5, r6). Die Liturgie drängt uns, daß wir mit dieser unserer Aufgabe Ernst machen. Der Tag der

454 Die Zeit nach Pfingsten: Neunzehnte Woche. Wiederkunft des Herrn ist nahe. Er ist ein unerbittliches: Gib Rechenschaft von deiner Verwaltung.

Noch ist die Zeit der Gnade. In der heiligen Messe nimmt der Herr Seine einstige Wiederkunft vorweg. Er kommt zu uns als Erlöser. "Sei getrost, deine Sünden sind dir vergeben." Wir nehmen Sein hochheiliges Erlöserblut, das im Kelche funkelt, in unsere Hände und heben es als Opfer der Sühne zum Himmel empor. Um dieses Blutes Deines Sohnes willen erlaß uns alle Schuld und gib uns all die Gnaden, deren wir bedürfen.

In der heiligen Kommunion übt der Herr an uns Sein Erlöseramt aus. Wir kommen zu Ihm mit dem Glauben und Vertrauen des Gichtbrüchigen. Er berührt uns mit Seinem lebenspendenden Fleisch und Blut. "Steh auf!" Zu neuem, frischem, starkem Leben. "Und geh nach Hause." Dein Platz ist droben im Himmel. Eine gnadenvolle Wiederkunft des Herrn in der täglichen heiligen Kommunion, um uns vorzubereiten auf die letzte Wiederkunft in unserem Sterben und am Jüngsten Tage.

Gebet.

Wir bitten Dich, 0 Herr, lenke unsere Herzen durch Dein erbarmungsreiches Walten: denn ohne Dich können wir Dir nicht gefallen. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Mittwoch der neunzehnten Woche nach Pfingsten.

Gei s t I ich e T r ö s tun gen.

I. Mit Freuden stellt der Apostel fest: "Es mangelt euch an keiner Gnadengabe" (Epistel). Es gibt außerordentliche Gnadengaben, sog. Charismen. wie sie sich in der jungen Christengemeinde von Korinth zahlreich fanden (r Kor. I2). Es gibt gewisse ordentliche Gunsterweise Gottes, die uns allen

Mittwoch: Geistliche Tröstungen. 4S S

notwendig und förderlich sind. die sog. geistlichen Süßigkeiten und geistlichen Tröstungen. Auch diese werden uns gegeben als, kostbare Hilfen auf dem Weg zur ewigen Heimat. "Ihr seid in Christus reich

geworden."

2. "E s man gel t e u c h a n k ein erG n ade."

Gott läßt es an sich nicht fehlen. Er gibt uns nicht bloß die notwendigen Hilfen und Gnaden des Beistandes, wie wir deren jeder in seiner Art bedürfen. Er gibt uns darüber hinaus noch häufig sog. geistliche Tröstuhgen und Süßigkeiten, mit denen Er unser christliches Streben kräftig unterstützt. Sie sind eine Gnade Gottes, ein Zeichen der Liebe Gottes zu ,uns. Durch diese Gnaden erlangen wir eine tiefere, erfahrungsmäßige Kenntnis von Gott und Christus. Sie geben uns die Macht über den Menschengeist in uns und über den Teufel. Sie erleichtern uns die Erfüllung unseres Berufes, die überwindung der Schwierigkeiten. Sie beleben unsere Liebe, stärken uns in der Versuchung, geben uns Vertrauen auf Gott, vermehren in uns die Gnade des Glaubens und machen uns zu Tröstern. unserer Brüder. Sollen wir nicht innig für diese Gnaden

danken?

Die F r ü c h ted erg eis t I ich enG uns t-

be z e u gun gen sind groß und wertvoll. Das geschäftige und geräusch volle Gedächtnis wird ruhig und still. Der Gedanke an himmlische Dinge entfaltet einen Reichtum und eine Fülle, die wir vorher nicht kannten. Die Tugendakte werden nicht mehr nur mit MÜhe und Anstrengung hervorgebracht, sondern ungezwungen, mit großer Leichtigkeit. Die Versuchungen und Bedrängnisse von innen und von außen machen fast keine Schwierigkeit mehr. Im Gegenteil: wir überwinden sie mit einer Kraft und Sicherheit, die uns sonst unbekannt ist. Der bisherige Zwiespalt zwischen Geist und Fleisch ist in einer beglückenden Ruhe aufgehoben. Wir fühlen es: der Geist ist über die Regungen und Widerstände des

456 Die Zeit nach Pfingsten: Neunzehnte Woche. fleischlich-natürlichen Menschen Herr geworden. "Ihr seid in allem reich geworden."

3· Dankbar bekennen wir: "Wir sind in allem reich geworden. Es mangelt uns keine Gnade." Der Herr hat es an sich nicht fehlen lassen. Er h'at den Samen mit vollen Händen ausgestreut. Ist der Same auf guten Boden gefallen, dann bringt er hundertfältige Frucht (Luk. 8, 4 ff.).

"Die Heiden werden Deinen Namen fürchten.

Herr." Wir, die Heidenchristen, sind "in allem reich geworden". Uns hat der Herr in göttlichem Erbarmen die Reichtümer Seiner Gnaden erschlossen. "Es mangelt euch an keiner Gnade." So dürfen wir zuversichtlich der Offenbarung, der Wiederkunft des Herrn entgegenharren. "Er wird euch auch stärken bis ans Ende." Seinen Gnaden und Liebeserweisen setzt Er in der Gnade der Beharrlichkeit die Krone auf. Wir können sie nicht verdienen. Wir dürfen aber mit aller Zuversicht erwarten, daß "Er uns stärken wird bis ans Ende". In diesem Vertrauen freuen wir uns: "Wir ziehen in das Haus des Herrn." Der Himmel steht uns offen.

,,0 Herr, schenke Frieden, das ewige Heil, denen, die auf dich harren" (Introitus); uns, die wir Deiner Wiederkunft entgegenharren : Deiner Wiederkunft jetzt, in der Feier der heiligen Messe und im Opfermahl der heiligen Kommunion; Deiner Wiederkunft, da Du uns heimführen wirst, in unserem Tode der Seele nach, am Jüngsten Tage auch dem Körper nach. "Wie freute ich mich, da man mir sagte: Wir ziehen in das Haus des Herrn."

Ge b e t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, lenke unsere Herzen durch Dein erbarmungsreiches Walten: denn ohne Dich können wir Dir nicht gefallen. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

.....

Donnerstag: Die Gnade der Beharrlichkeit. 457 Donnerstag der neunzehnten Woche nach Pfingsten.

Die Gnade der Beharrlichkeit.

1. "Es mangelt euch an keiner Gnade, indes ihr auf die Offenbarung des Herrn J esus Christus harrt. Er wird euch stärken bis ans Ende, damit ihr ohne Tadel dasteht am Tage der Ankunft unseres Herrn" (Epistel). Gottes Gnade ist uns in Christus geschenkt. Gott wird das, was Er in uns begonnen hat, auch vollenden. Er wird uns die größte aller Gnaden geben, die Gnade der Beharrlichkeit bis ans Ende, die Gnade, durch einen glückseligen Tod in das ewige Leben einzugehen. "Wie freute ich mich, da man mir sagte: Wir ziehen zum Hause des Herrn" (Introituspsalm).

2. "E r wir d eu c h s t ä r k e n bis ans End e" (Epistel). Wir haben von Gott reiche Gnaden bekommen. Das Kirchenj ahr, das nach und nach zur Neige geht, ist für uns ein Jahr des Heils gewesen. Dürfen wir von Gott weitere Gnaden erwarten, trotzdem wir viele Gnaden nicht benützt. vernachlässigt, mißbraucht haben? Dürfen wir damit rechnen, daß wir ausharren? Muß uns nicht das Wort des Apostels mit Furcht erfüllen: "Wer zu stehen glaubt, sehe zu, daß er nicht falle"? (I Kor. IO, I2.) Und das andere Wort: "Wessen Ich Mich erbarme, dem schenke Ich Erbarmen, und mit wem Ich Mitleid habe, dem erzeige Ich Mitleid. Demnach ist nicht (des Menschen) Laufen oder Wollen entscheidend, sondern Gottes Erbarmen"? (Röm. 9,15 f.) Es wäre ebenso töricht als unfruchtbar, berechnen zu wollen, ob wir bis zum Ende ausharren werden oder nicht. Wir haben nicht die Zukunft vorauszusehen, sondern den Augenblick zu benützen. Nur der gegenwärtige Augenblick gehört uns. Wir können uns die Gnade der Beharrlichkeit nicht verdienen. Gleichwohl dürfen wir von Gottes Güte mit Grund erwarten, daß Er uns die Gnaden des Beistandes geben werde, die uns durch die Versuchungen des Lebens heil hin-

458 Die Zeit nach Pfingsten: Neunzehnte Woche. durchführen werden. Je treu er wir den Gnaden entsprechen, um so mehr dürfen wir annehmen, daß Gott uns immer reichlichere unri wirksamere Gnaden und Hilfen schenken werde. Oder ist Ihm an uns nicht unendlich viel gelegen? Ist Gottes Sohn nicht für j eden von uns gestorben? Ist er nicht bereit, noch einmal Sein schweres Erdenleben' und Seine Passion auf sich zu nehmen, nur um uns zu retten? "Gott hat Seines eigenen Sohnes nicht geschont, sonrlern }hn für uvs <lJ1t 4<lhiullellehen; )Nie SDUlte F.:r (fettl 11t1 ((ft (1t1" «f~ cr:l'f!(fLi' _Hft!t(: (< sO' ft! K

UU;' U.lll 1.11111 llu ... 'i-n .. LI. lc~ ;'Cll.~ll~t.;:u;,- (..'f~V1U' ,~~.~

Wir dürfen also vertrauen: "Er wird euch stärken bis ans Ende." "Ich weiß, wem ich geglaubt habe" (2 Tim. I. 12). "Gott will, daß alle selig werden" (I Tim. 2,4).

"Wer aus h a r r t bis ans End e. der wird gerettet werden" (Matth. IO, 22), Die Beharrlichkeit bis zum Ende ist eine unverdiente und unverdienbare Gnade Gottes. Gleichwohl können und müssen wir dazu beitragen, daß wir von Gott diese größte aller Gnaden erhalten. Das erste Mittel, uns die Gnade der Beharrlichkeit zu erlangen, ist das stete Gebet um diese Gnade. Wir beten um sie im Vater. unser: "Erlöse uns von dem Übel" eines unseligen Todes. Es ist, als beteten wir: Gib uns die Gnade, bis zum Tode in der Gnade, im Guten auszuharren. Ein zweites Mittel ist die treue Verrichtung unserer religiösen Pflichten, unserer Gebetspflichten, vorab die tägliche, ernste Mitfeier der heiligen Messe. Das Gebetsleben gibt unserem Tag Fülle und Farbe. Es ist unsere Kraft und unser Licht und hält unsern guten Willen lebendig. Es ist deshalb ein Wesensbestandteil unserer Beharrlichkeit. Verrichten wir unsere religiösen Pflichten unregelmäßig und untreu, dann gerät unsere innere Festigkeit und Beharrlichkeit ins Wanken. Ein drittes Mittel, uns die Gnade der Beharrlichkeit zu erlangen, besteht in dem Eifer und Ernst, mit dem· wir an der Überwindung der Sünde, jeder, auch der kleinsten bewußten Sünde

Donnerstag: Die Gnade der Beharrlichkeit. 459 und Untreue arbeiten. Um die Beharrlichkeit zu sichern. entsagen wir der Gelegenheit zur Sünde, dem Müßiggang, dem Umgang mit gewissen Menschen und halten unsere Gedanken und Sinne im Zaum. Ein viertes Mittel zur Beharrlichkeit besteht im regelmäßigen und guten Gebrauch der heiligen Sakramente der Buße und der heiligen Kommunion. Unsere innere Läuterung, unser Fortschritt, unser ewiges Heil, unser Ausharren bis ans Ende ist zu einem hohen Grad von der Art und Weise bedingt, wie wir mit den heiligen Sakramenten, den Quellen der Gnade, umgehen.

3. "Es mangelt euch an keiner Gnade. Er wird euch stärken bis ans Ende." Er "will nicht den Tod des Sünders, sondern daß er umkehre und lebe" (Ez. 18, 32). Wir glauben an Sein Erbarmen, an Seine Liebe. "Als J esus ihren Glauben sah, sprach Er zum Gichtbrüchigen: "Sei getrost, Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben" (Evangelium). Wird er an uns anders handeln, wenn wir glauben, vertrauen, und das Unsrige tun?

" Da pacem. - Schenke, 0 Herr, den Frieden denen, die auf Dich harren." Gib ihnen die Gnade eines seligen Todes, die Gnade der Beharrlichkeit. Vi1ir können sie nicht verdienen. so sehr wir auch das Unsrige tun. \Vir können sie nur von Deiner Güte erwarten. Wir "harren auf Dich".

Die gnadenvolle Ankunft des Herrn in der heiligen Messe und Kommunion ist uns das Unterpfand einer gnadenvollen Wiederkunft des Herrn in unserem Tode, d. i. das Unterpfand dafür, daß "Er uns stärken wird bis ans Ende". (Epistel). "Bringet die Opfergaben dar in der Feier der heiligen Messe, und dann tretet in Seine Hallen ein", in die Wohnungen des Himmels. "Wie freute ich mich, da man mir (in der Feier des heiligen Opfers) sagte:

Wir ziehen zum Hause des Herrn."

460 Die Zeit nach Pfingsten: Neunzehnte Woche.

Ge b e t.

Wir bitten Dich, _ 0 Herr, lenke unsere Herzen durch Dein erbarmungsreiches Walten; denn ohne Dich können wir Dir nicht gefallen. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Freitag der neunzehnten Woche nach Pfingsten. "I h r ha r r t der 0 f f e n bar u n g des Her r n."

I. "Ihr harrt der Offenbarung unseres Herrn J esus Christus" (Epistel). Ein Harren der Sehnsucht. "Schenke den Frieden, Herr, denen, die auf Dich harren" (Introitus), den Frieden des ewigen Lebens in Gott. "Wie freue ich mich, da man mir sagt: Wir ziehen zum Hause des Herrn" (Introituspsalm), der Heimat, dem Himmel entgegen.

2. "E s ver geh t die G e s tal t die s e r We I t" (I Kor. 7, 31). "Siehe, nur eine Spanne lang hast Du meine Tage bemessen. Mein ganzes Sein ist wie ein Nichts vor Dir. Fürwahr, ein Windhauch nur ist jeder Mensch, der lebt, und wie ein Schattenbild huscht es vorüber. Umsonst schafft er sich Unruhe, häuft Schätze an und weiß doch nicht für wen" (Ps. 38, 6 f.). Alles, was uns umgibt, was uns freut und entzückt, ist wie ein Schatten, der vorübereilt, wie ein Rauch, der sich zerstreut. Alles vergeht. Das Leben, mag es auch lange Jahre währen, geht vorüber und ist, wenn es vergangen, wie ein Traum in' der Nacht. Alles, was uns im Leben beschäftigt und was uns lieb und teuer ist, Menschen, Familie, Heimat, Freuden, Wissen, Können; die Arbeit, der Beruf, das Geschäft; der Körper, den wir pflegen; auch das Bittere im Leben, die Mühen, die Leiden, die Krankheiten: alles, alles geht vorbei, fällt von uns ab und verläßt uns. "Eine Stimme spricht:

Predige! Da sprach ich: Was soll ich predigen? Alles Fleisch (jeder Mensch) ist Gras, und all seine Herrlichkeit ist wie die Blume des Feldes. Das Gras verdorrt, die Blume fällt ab, wenn der Wind

Freitag: "Ihr harrt der Offenbarung des Herrn." 461 des Herrn dareinfährt. Wahrlich, Gras ist das Volk. Das Gras verdorrt" (Is. 40, 6 ff.). Wir sehen es tagtäglich mit eigenen Augen, wie alles, was uns umgibt, in den Staub sinkt, wie der Tod alles verändert, auseinanderreißt, niedertritt und in den Abgrund der Ewigkeit hinabreißt. Alles um uns herum vergeht und ist dem Tode, dem Untergang verfallen. Wir selber schwinden hin wie Rauch. "Wir haben hier keine bleibende Stätte, sondern suchen die zukünftige" (Hebr. 13, 14). "Gedenke, Mensch, daß du Staub bist und zum Staub zurückkehren wirst."

"I h r ha r r t der 0 f f e nb a run gun s e res Her r n Je s u s C h r ist u s." Wir Christen mühen uns um das Bleibende, um das Ewige. "Ich glaube an das ewige Leben." Wir wissen: "Wer sein Leben retten will, der wird es verlieren. Wer aber um Meinetwillen und um des Evangeliums willen sein Leben verliert, der wird es retten. Denn was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber an seiner Seele Schaden leidet? Oder was kann der Mensch als Lösegel.d für seine Seele geben?" (Mark. 8, 35 ff.) Wir wissen: "Wer immer sein Haus oder Brüder oder Schwestern, oder Vater oder Mutter, oder Weib oder Kinder, oder Äcker um Meines Namens willen verläßt, der wird Hundertfältiges empfangen und das ewige Leben besitzen" (Matth. 19,29). Wir kennen die Weisung des Herrn an den reichen Jüngling: "Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe, was du hast, und gib den Erlös den Armen. So wirst du einen Schatz im Himmel haben" (Matth. 19, 21). "Sammelt euch nicht Schätze auf Erden, wo Motte und Rost sie verzehren, wo Diebe sie ausgraben und stehlen. Sammelt euch Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Rost sie vernichten, wo Diebe sie nicht ausgraben und stehlen" (Matth. 6, 19 f.). "Die Zeit ist kurz bemessen. Daher sollen die Verheirateten leben, als wären sie nicht verheiratet; die Trauernden, als trauerten sie nicht; die Fröhlichen, als wären sie

462 Die Zeit nach Pfingsten: Neunzehnte Woche. nicht fröhlich; die etwas erwarten, wie solche, die nichts besitzen; die mit der Welt verkehren, wie solche, die mit der Welt nicht verkehren: denn die

. Gestalt dieser Welt vergeht" (I Kor. 7,29 ff.). Wir sind ja in der heiligen Taufe mit Christus auferstanden. Darum suchen wir, was droben ist, wo Christus zur Rechten des Vaters sitzt, und sinnen auf das, was droben ist, nicht was irdisch (Kol. 3, I f.). In dieser Weise harren wir der Offenbarung, der Wiederkunft des Herrn.

3· Angesichts der nahen Wiederkunft des Herrn in unserem Tode verstehen wir die Seligpreisungen der Bergpredigt: "Selig die Armen im Geiste. Selig die Trauernden. Selig die Sanhmütigen. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit. Selig, die reinen Herzens sind. Ihrer ist das Himmelreich. Sie werden getröstet und gesättigt werden. Sie werden Gott anschauen" (Matth. 5,2 ff.). Ihre Gedanken leben im Ewigen, im Jenseits, das ihrer wartet. Das ist christliche Weisheit.

"Ihr harrt der Offenbarung des Herrn J esus Christus." Wir Christen fürchten den Tag des Kommens des Herrn nicht, wir freuen uns darauf und sehnen uns danach. Menschen, die sich an das Nichts gehängt haben, mögen den Bruch mit dem Nichts fürchten: denn ihnen bleibt nur eine große, ewige Leere. Wir aber, die wir Christen sind, haben uns schon längst zum Göttlichen und Ewigen gewendet. Wir haben uns bemüht, in einer Handvoll Staub, der von dieser Erde genommen ist, das Saatkorn des ewigen Lebens zum Sprossen zu bringen. In der Stunde, da der Herr kommt und uns ruft, ist unser Mühen belohnt. Sollen wir darob nicht glücklich sein? "Wie freute ich mich, da man mir sagte: Wir ziehen zum Hause des Herrn", wir dürfen sterben, heimgehen!

"Bringet die Opfergaben dar und tretet ein in Seine Hallen." Der Weg zur ewigen Heimat geht für den Christen über die Mitfeier des heiligen

Samstag: "Ohne Tadel."

Opfers. Auf diese Mitfeier hin sind wir getauft. Aus dem Opfer fließen uns die Gnaden zu, mit denen wir uns das ewige Leben verdienen.

Ge be t.

Wir bitten Dich. 0 Herr, lenke unsere Herzen durch Dein erbarmungsreiches Walten: denn ohne Dich können wir Dir nicht gefallen. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Samstag der neunzehµten Woche nach Pfingsten.

"Ohne TadeL"

1. Wir harren "der Offenbarung der Herrlichkeit des Herrn" entgegen (Epistel). "Am Tage der Ankunft unseres Herrn J esus Christus" sollen wir "ohne Tadel dastehen", ohne Makel, ohne jeden Mangel, so wie der vom Herrn im Evangelium an Seele und Leib geheilte Gichtbrüchige "ohne Tadel" vor uns steht.

2. ,,0 h n eTa dei" der See I e na c h. So sollen wir dastehen am Tage der Ankunft des Herrn, in der Stunde unseres Todes. Zu diesem Ende sind wir "in allem reich geworden in Christus", im Empfang der heiligen Taufe, in der Einverleibung in Christus und in Seine Kirche, in der Berufung zur Mitfeier des eucharistischen Opfers und zur Teilnahme am heiligen Opfermahl, in den Gnaden des Sakramentes der hl. Firmung und der Buße. in den vielen Beistandsgnaden und in dem, was der Herr unaufhörlich an unserer Seele wirkt und arbeitet. "Er wird euch stärken bis ans Ende, damit ihr bei Seiner Ankunft ohne Tadel dasteht." "Siehe, Ich stehe vor der Türe und klopfe an. Wer Mir auftut, zu dem gehe Ich ein und halte mit ihm Mahl und er mit Mir" (Offb. 3, 20). Das ist Sein Verlangen, solange wir hier auf Erden sind: Er will in uns eingehen, um in uns alles Unreine und Unvollkommene zu überwinden. Tun wir Ihm auf, dann

464 Die Zeit nach Pfingsten: Neunzehnte Woche. tritt Er mit allen Schätzen Seiner Gnade ein, um sie uns mitzuteilen. Er gründet Sein Reich in uns und läßt uns Sein reines, heiliges Leben mitleben. Er hält mit uns Mahl und wir mit Ihm: heilige Tischgemeinschaft, ein und dieselbe Speise,. die Speise Gottes selber, das göttliche Leben, das wir mitbesitzen und mitgenießen. Dieses Leben will in uns stark werden und zur Herrschaft gelangen. Es duldet keine Sünde, keine verkehrte Anhänglichkeit, keine bewußte Unvollkommenheit, keine ungeordnete Neigung oder Regung mehr. Was noch irgendwie von Eigenliebe, von Verkehrtheit des Denkens oder Wollens in uns vorhanden ist, zerstört der Herr in den schmerzlichen, aber schlechthin notwendigen Reinigungen und Prüfungen, die Er über uns kommen läßt. So werden wir am Tage der Ankunft des Herrn, da Er uns heimführen will, "ohne Tadel dastehen", dank des machtvollen Wirkens Seiner Gnade. Vorausgesetzt, daß wir Ihn nicht vergebens anklopfen lassen, daß wir Ihm Einlaß gewähren, Ihn mit uns machen lassen. so wie es Ihm gefällt und uns keiner Seiner Absichten entziehen, die Er mit uns hat. "Wer in Ihm bleibt, sündigt nicht" (I Joh. 3, 6).

"Ohne Tadel" dem Körper nach. "Am Tage der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus", der Wiederkunft in Macht und Herrlichkeit, wird Er das Wunder, das Er am Gichtbrüchigen gewirkt, an unserem Körper wiederholen. "Steh auf und geh nach Hause." Nicht nur Heilung, sondern Erwekkung zum Leben. "Gesät wird in Verweslichkeit, auferweckt in Unverweslichkeit; gesät in Unansehnlichkeit, auferweckt ir, Herrlichkeit; gesät in Schwachheit, auferweckt in Kraft; g,esät wird ein sinnlicher Leib, auferweckt ein geistiger Leib. Wie wir das BiId des irdischen Adam an uns getragen haben, so werden wir auch das Bild des himmlischen Menschen, des verklärten Herrn, an uns tragen. Denn dieses Verwesliche muß mit Unverweslichkeit,

Samstag: "Ohne Tadel."

dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit bekleidet werden" (I Kor. 15, 42 49 53). Da werden wir, von den Toten auferstanden, "ohne Tadel dastehen". Der Herr "wird unsern armseligen Leib umwandeln und Seinem verherrlichten Leibe gleichgestalten" (Phil. 3, 21). "Wenn Christus, unser Leben, (am Jüngsten Tage) erscheint, werdet auch ihr mit Ihm in Herrlichkeit erscheinen" (Kol. 3, 4), wie der Seele, so auch dem Leibe nach. "Ich glaube an die Au.ferstehung des Fleisches und an das ewige Leben."

3· "Es mangelt euch an keiner Gnade, indes ihr auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus harret" (Epistel).

,,0 Herr, schenke Frieden denen, die auf Dich harren", Gnade, Heiligkeit der Seele, die selige Auferstehung des Körpers! "Erhöre die Bitten Deines Knechtes und Deines Volkes Israel", der heiligen Kirche (Introitus).

Die Heiligkeit der Seele ebenso wie die selige Auferstehung des Fleisches danken wir dem Herrn, der heute in der Feier der heiligen Messe unter uns erscheint. Im Opfer und Opfermahl der eucharistischen Feier reinigt Er uns von Sünden und erfüllt uns mit Seinem Leben. Hier legt Er in unsern Körper den. Keim der seligen Auferstehung. "Wer Mein Fleisch ißt und Mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und Ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. Wer Mein Fleisch ißt I,md M ein Blut trinkt, der bleibt in Mir und Ich bleibe in ihm" (Joh. 6, 54 56).

Gebet.

Wir bitten Dich, 0 Herr, lenke unsere Herzen durch Dein erbarmungsreiches Walten: denn ohne Dich können wir Dir nicht gefallen. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Baur, Werde Lieht. IH.

30

Die liturgische Meßfeier des neunzehnten Sonntags nach Pfingsten.

I. "Gib Frieden, Herr, denen, die auf Dich hoffen." So haben wir am letzten Sonntag gerufen. Heute wird uns die Antwort des Herrn: "Des Volkes Heil bin Ich" (Introitus). Dann öffnen sich vor unserem Auge die Tore des lichten Himmelssaales. Wir sehen die unübersehbaren Massen, die sich in einer ununterbrochenen Prozession voranbewegen, dem Hochzeitssaal entgegen. Sie alle sind gerufen, ihnen allen will Er das Heil sein.

2. Der Hochzeitssaal steht weit geöffnet. Das Hochzeitsmahl ist bereitet. Es ist zunächst das Opfermahl, das uns in dieser Stunde, in der Feier der heiligen Messe, bereitet ist. Der Hochzeitssaal ist das christliche Gotteshaus. In der Messe betritt der Herr, Christus, den Saal und geht um, die einzelnen Gäste zu sehen, ja sich ihrer Seele als Bräutigam zu vermählen zur innigsten Einheit und Gemeinschaft des Betens und Opferns. Aber um am Mahl Anteil zu haben, genügt es nicht, daß einer in den Hochzeitssaal Eintritt erhalten, d. h. daß er getauft sei: wesentlich ist der Besitz des hochzeitlichen Gewandes, der "neue Mensch, der nach Gott geschaffen ist in Gerechtigkeit und wahrer Heiligkeit" (Epistel), die Freiheit von der Sünde, der Wille, die Gebote des Herrn zu beobachten (Communio). Eine ernste Mahnung· an uns alle, die wir die heilige Messe mitzufeiern gedenken.

Das Hochzeitsmahl der Meßfeier ist aber nicht das endgültige Mahl; es ist die Einleitung zum Hochzeitsmahl der ewigen Kommunion, d. i. Gemeinschaft mit Gott. Wir, die wir die heilige Taufe zu empfangen die Gnade hatten, sind zu diesem Mahl berufen und ";!ld bereits zum Hochzeitssaal

Die liturg. Meßfeier d. 19. Sonntags n. Pfingsten. 467 der heiligen Kirche zugelassen. In der Teilnahme am eucharistischen Mahl bereiten wir uns den Weg zum wahren, himmlischen Hochzeitsmahl. Aber eine Bedingung ist uns gestellt: "Mein Volk, habe acht auf Mein Gesetz und schenk Gehör dem Wort aus Meinem Munde" (Introitus). Mit der Communio müssen wir sprechen können: "Du hast befohlen, Deine Gebote treu zu halten: 0 möchten meine Wege dahin gehen, daß ich Deine Satzungen bewahre!" Es muß uns.er ernstes Bestreben sein, "an Seele und Leib ungehindert das zu tun, was Gottes ist" (Oratio). Eindringlich mahnt uns deshalb die Epistel: "Erneuert euch im Innersten eures Geistes und ziehet den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist, legt ab die Lüge und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, denn wir sind untereinander Glieder. Laßt die Sonne nicht untergehen über eurem Zorn." Das ist das hochzeitliche Gewand, der neue Mensch. Wer dieses Gewand nicht trägt, der kann am Hochzeitsmahl des Himmels keinen Teil haben. Wohl mag er im Hochzeitssaal der Kirche auf Erden einen Platz haben, aber wenn der KÖ111g kommt (im Sterben, im Gericht, am Jüngsten Tag), dann wird Er ihn fragen: Freund, wie bist du hier hereingekommen ohne hochzeitliches Kleid? Und Er wird Seinen Dienern befehlen: "B indet ihm Hände und Füße und werfet ihn hinaus in die Finsternis." Die Wiederkunft Christi am Ende der Tage des einzelnen und am Ende der Tage der Welt bringt die Scheidung des Unkrautes vom Weizen.

3. "Des Volkes Heil bin ich", das Heil für alle jene, die treu den Verpflichtungen, die sie in der heiligen Taufe übernommen haben und die täglich den "neuen Menschen anziehen". Sie sterben in der Mitfeier der heiligen Messe dem alten Menschen, dem Menschen der Sünde, der Leidenschaften, der bösen Gewohnheiten; opfernd geben sie sich dem sich opfernden Christus, Gott, dem Vater, hin, Gottes Willen und Geboten, und leben in allem

30*

468 Die Zeit nach Pfingsten: Zwanzigste Woche.

den Absichten und der Ehre Gottes. So werden sie in der Kraft der Mitfeier der heiligen Messe immer mehr den neuen Menschen anziehen, das hochzeitliche Gewand immer reicher und schöner gestalten und sich zur Teilnahme am himmlischen Opfermahl fähig machen. Da erfüllt sich das Wort des Offertoriums: "Du gibst mir neues Leben, es

rettet mich Deine Rechte." -

Neunzehnter Sonntag nach Pfingsten.

Das Hochzeitsmahl.

I. Die Liturgie führt uns heute in den hellerleuchteten, festlich geschmückten Hochzeitssaal. Darin sind zahlreiche Gäste, angetan mit kostbarem Hochzeitskleid. Voll Spannung erwarten sie den König. Der Saal ist die Kirche. Die Gäste sind wir, die Getauften. Das Hochzeitskleid ist das Kleid der heiligmachenden Gnade. Alle warten auf die Ankunft des Herrn, des Königs.

2. "E r neu e r t eu chi neu r e r in n ern G esi n nun g und ziehet den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist, in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit" (Epistel). Je näher der Tag der Wiederkunft des Herrn heranrückt, um so eindringlicher wird die Mahnung der Kirche. "Ihr wißt weder den Tag noch die Stunde" (Matth. 25, 13). "Wie in den Tagen Noes, so wird es auch bei der Wiederkunft des Menschensohnes sein. In den Tagen vor der Sintflut schmausten und tranken sie, heirateten und verheirateten sie bis zu dem~Tage, da N oe in die Arche ging. Sie kamen nicht - Einsicht, bis die Sintflut hereinbrach und sie alle . egraffte. Geradeso wird es bei der Wiederkunft des Menschensohnes sein. Wachet also, denn ihr wißt den Tag nicht, an welchem der Herr kommt. Darum haltet euch bereit. Der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr es nicht vermutet" (Matth. 24, 37 ff.). Das ist die Sorge der Kirche, daß wir bereit

Sonntag: Das Hochzeitsmahl. 469

seien, wenn der Herr in der Stunde unseres Todes kommt. Wir sind bereit, wenn wir das Hochzeitskleid der heiligmachenden Gn<IJde tragen. Wir sind bereit, wenn wir uns in unserer innern Gesinnung erneuern: wenn wir mit jeder Meßfeier, mit jeder heiligen Kommunion, mit jedem innerlichen oder mündlichen Gebet, mit jeder Anregung der Beistandsgnade noch mehr der neue Mensch werden im Denken, im Urteilen, im Wollen und Handeln. Es gibt im christlichen Leben nur ein e n Weg: vorwärts und aufwärts. Ein Nachlassen, ein Stillestehen, ein nicht jeden Tag und jeden Augenblick zielbewußt Weiterstreben, Sicherneuern bedeutet Rückgang, die Rückkehr zum alten Menschen, zur Gottferne. Wir sind bereit, wenn wir unaufhörlich weiterstr,eben und nie ermatten oder nachlassen. Das meint die Epistel: "Erneuert euch." Das ist die Furcht der Kirche, wir möchten nachlassen, den Gnaden nicht Folge leisten und so um das hochzeitliche Kleid der heiligmachenden Gnade kommen. So, wie es die törichten Jungfrauen getan: Jungfrauen ohne das notwendige 01 in den Lampen! Und wenn der Bräutigam kommt, sind sie nicht bereit. Sie werden ausgeschlossen: "Ich kenne euch nicht."

"D a s H i m m e Ire ich ist g lei c h ein e m K ö ni g, der seinem Sohne Hochzeit hielt. Der Hochzeitssaal füllte sich mit Gästen. Nun kam der König herein, die Gäste zu sehen. Da erblickte er dort einen Mann, der kein hochzeitliches Kleid anhatte. Er sprach zu ihm: "Freund, wie bist du hereingekommen ohne hochzeitliches Kleid? Dieser aber verstummte" (Evangelium). Es genügt nicht, in den Hochzeitssaal der Kirche hereingekommen zu sein. Es genügt nicht, die heilige Taufe empfangen, den Glauben der Kirche angenommen zu haben. Es wird das hochzeitliche Gewand verlangt, das Leben nach den Vorschriften des Evangeliums, ein Leben der Gerechtigkeit, Heiligkeit, der Besitz der heiligmachenden Gnade und der christlichen Tugenden.

470 Die Zeit nach Pfingsten: Zwanzigste Woche. "Darum leget ab die Lüge und redet, ein jeder mit seinem Nächsten, die Wahrheit. Wenn ihr in Zorn geratet, so sündigt nicht. Laßt die Sonne nicht untergehen über eurem Zorne. Gebt dem Teufel nicht Raum. Wer gestohlen hat, stehle nicht mehr: vielmehr arbeite er und erwerbe sich so mit seinen Händen Hab und Gut, um den Dürftigen davon mitteilen zu können. Aus eurem Munde komme keine schlechte Rede, sondern nur gute, die da, wo es am Platz ist, zur Erbauung dient und denen, die sie hören, Segen bringt. Alle Bitterkeit, aller Zorn und Groll, alles Lärmen und Lästern sei fern von euch. Seid vielmehr gegeneinander gütig und barrr.herzig und vergebt einander, wie Gott euch in Christus vergeben hat. J edwede Unzucht und Unlauterkeit oder Habsucht werde unter euch nicht einmal genannt, wie es sich für Heilige geziemt" (Epistel mit Fortsetzung aus dem Epheserbrief).

3. Das Hochzeitsmahl, zu dem wir eingeladen sind, ist die heilige Kommunion. Sehr ernst ist das Wort des Apostels: "Wer unwürdig das Brot ißt oder den Kelch des Herrn trinkt, macht SiCh~-r:hUldig des Leibes und Blutes des Herrn. Der Me ~h prüfe sich, und so erst esse er von dem Brote un . trinke aus dem Kelche. Denn wer unwürdig ißt und trinkt, der ißt und trinkt sich das Gericht, da er den Leib des Herrn nicht unterscheidet" (I Kor. Ir, 27-29).

Das Hochzeitsmahl, zu dem wir eingeladen sind. ist das Mahl des seligen Besitzes und Genusses Gottes, in der "Freude des Herrn" (Matth. 25,21), die niemand mehr von uns nehmen wird (Joh. 15, r r). Nach diesem Hochzeitsmahle schauen wir jetzt. gegen Ende des Kirchenj ahres, aus. Wir werden nur zugelassen werden, wenn wir das hochzeitliche Gewand der heiligmachenden Gnade anhaben und jede Schuld, die wir uns im Leben vor Gottes heiligem Angesicht und Urteil zugezogen haben, abgetragen und für die verdiente Strafe volle Sühne

Montag: "Kommet alle zu Mir." 471

geleistet haben, sei es in diesem Leben, sei es im Rein igungsorte.

Mit der heiligen Liturgie leben wir in diesen Wochen der Sehnsucht lld.ch dem Hochzeitsmahl des ewigen Lebens. Wir ziehen den neuen Menschen an und streben mit ganzem Eifer nach der Vollkommenheit der Liebe.

Ge be t.

Allmächtiger und barmherziger Gott, halte gnädig alles Widrige von uns fern, damit wir, ohne Hemmungen für Seele und Leib, mit freiem Herzen Deinem. Dienst obliegen. Durch Christus unsefll Herrn. Amen.

Montag der zwanzigsten Woche nach Pfingsten.

"K 0 m met a 11 e zuM i r."

1. Die Kirche geht der Endzeit entgegen. In diesen Tagen "werden viele im Glauben irre werden. einander verraten und hassen. Falsche Propheten werden in Menge auftreten und viele irreführen. Weil die Gottlosigkeit überhand nimmt, wird die Liebe in vielen erkalten" (Matth. 24, IO ff.). Die Kirche wird gelästert, gehaßt, verachtet, verfolgt. Sie aber harrt, im weißen Kleide der Reinheit und Gnade, der Wiederkunft des Herrn. Sie schaut zu Ihm empor. Er versichert ihr: "Des Volkes Heil bin Ich. In jeder Not, da sie zu Mir rufen, will Ich sie erhören. Ich will ihr Herr sein ewiglich" (Introitus ).

2. "D e s V 0 I k e s He i I bin Ich." Man redet uns heute viel von der "Selbsterlösung" und von der Einkehr des Menschen in sein tiefstes, geistiges Selbst und sagt uns, von dieser Einkehr ins eigene Selbst sei alle Rettung und Wiedergeburt zu erwarten. Viele bilden sich deshalb auf ihr natürliches Geisteswesen etwas ein und glauben von dort aus über die niederen Gewalten zu triumphieren, die

472 Die Zeit nach Pfingsten: Zwanzigste Woche.

sie in sich fühlen. Dieses Selbstvertrauen wird ihnen zum Verderben. Sie werden unmerklich, aber sicher die Beute der Täuschung. Sie sehen nicht ein, aus wieviel unreinen Mischungen unser sog. "besseres Selbst" zusammengesetzt ist; von wieviel Eitelkeit, Selbstsucht, Habsucht, Herrschsucht wir mitten in unsern besten Regungen erfüllt sind. Sie sehen nicht ein, wieviel Pharisäismus, Härte und Gewalttätigkeit in unserem Willen zur Gerechtigkeit stecken; wieviel Sinnli'Chkeit in unser geistiges Ich hineinwirkt, welche Täuschung und welches Verderben es ist, zu glauben, wir dürfen auf unsere eigene geistige Größe und Höhe rechnen und werden so durch uns selbst der an Leib und Seele heile, gesunde, starke, über die gemein - menschlichen Niedrigkeiten und Schwächen erhabene Vollmensch. Mit Recht läßt die Liturgie uns heute flehen, der allmächtige und barmherzige Gott möge von uns das Widrige von außen und von innen fernhalten. Er möge mit Seiner allvermögenden Gnade bewirken. daß wir an Seele und Leib unbehindert, freien, heilen, frischen Geistes das vollbringen, was Sein ist (Oratio). Was uns retten, erlösen kann, ist nicht unser geistiges Selbst, ist nicht unsere Natur, ist nicht unser eigenes Wollen, unser ideales Streben, sind nicht unsere Grundsätze und Vorsätze, ist nicht FLeisch und Blut, sondern allein die Gnade Gottes, die uns in Christus, dem Haupte, zuströmt. "Des Volkes Heil bin Ich. In jeder Not, in der sie zu Mir rufen, will Ich sie erhören."

"K 0 m met a ll e zuM i 1'\, Ich w i I leu c h er q u i c k e n, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen" (Matth. I I, 28 f.), Licht, Klarheit, Mut, Freude, Friede, Kraft, innere Freiheit, Reinheit, Sieg über alles, was von der unteren Welt her über unsere Seele Macht gewinnen will. Christus ist in Seiner von der reinen, heiligen, allmächtigt'n Gottheit durchglühten Menschennatur die Fülle des Heils, des Lebens, der Kraft, der Reinheit, der

Montag: "Kommet alle ZU Mir." 473

Geistigkeit, der Unsterblichkeit. Nicht bloß in sich und für sich, sondern auch für uns. Uns ist Er das Heil durch Sein Vorbild. Erst im Lichte des Vorbildes Christi, wie wir es in den Evangelien, im heiligsten Herzen Jesu, im Tabernakel, in den Feiern der heiligen Liturgie vor Augen haben, sehen wir unser eigenes höheres Selbst gereinigt vor uns, befreit V011 allen Trübungen der ungeordneten Sinnlichkeit und Leidenschaftlichkeit. Im Lichte des Vorbildes Jesu erkennen wir "den neuen Menschen", zu dem wir emporgeführt werden sollen und uns tmporzuarbeiten haben, frei von der Sünde, nach Gott gebildet in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Er ist uns ferner das Heil durch Seine Lehre, durch Seine Vorschriften und Gebete. "Mein Volk, hab' acht auf Mein Gesetz, und schenk Gehör dem Worte aus Meinem Munde" (Introituspsalm). Bindungen, uns zur Stütze, zum Halt, zum Heil. Endlich und vornehmlich ist Er uns das Heil in Seinem gna,denvollen Wirken in uns. Er. der Weinstock, lebt Sein Leben in uns, den Rebzweigen, weiter. Sein Leben durchglüht unsern Geist, unsern Willen, unser ganzes Sein nach Seele und Leib. Er macht uns gesund, rein, heil. Er ist uns nährendes Brot und stärkender Wein: Brot und Wein erneuern, mehren, erhalten das Leben und lassen uns mit jedem Genuß der heiligen Eucharistie tiefer in Ihm, der Fülle des Heiles, Wurzel schlagen. Die heilige Eucharistie wird uns der Keim der einstigen Auferstehung des Leibes, des vollen Heiles, das uns der Seele und dem Leibe nach aufbewahrt und gesichert ist in Christus J esus, unserem Erlöser und Haupte. Wo sollen wir also hingehen, um die Fülle des Lebens, der Kraft, der Geistigkeit, der Sättigung unseres Wesens zu finden? "Kommet alle zu

M· " Ir.

3. Solange wir uns treu z,u Christus halten. ist uns das Heil ge,ichert. Eine Trennung von Ihm wird uns zum Unheil. Ein Nein zu Seiner Lehre,

474 Die Zeit nach Pfingsten: Zwanzigste Woche.

zu Seinen Geboten, zu Seinen Einsprechungen, zu Seinem innern Wirken in uns ist unser Verderben. Auch wo es sich nicht ausgesprochen um eine Todsünde oder eine vorsätzliche läßliche Sünde handelt. J esus will uns ganz, ungeteilt für sich haben. Darrn läßt Er uns aus der Fülle Seines Heiles. Seiner Gnaden, Seiner Kraft, Seines Segens schöpfen.

"Des Volkes Heil bin Ich." Wir vertrauen unerschütterlich auf des Herrn Heilswillen gegenüber uns unwürdigen Sündern. Er will uns Sein Heil geben. Das ist unsere Zuversicht inmitten so vielen Versagens, so vieler Halbheiten und Untreuen, so vielfachen Mißbrauches der Gnaden, dessen wir uns schuldig machen. Größer als unsere Unwürdigkeit und unser Elend ist Sein Heilswille, Sein Erbarmen, Seine Liebe. Darum kommen wir voll heiligen Mutes zur heiligen Opferfeier : "Mag ich auch mitten in der Trübsal wandern, Herr, Du belebst mich neu (in dem heiligen Opfer). Gegen meine Feinde streckst Du Deine Hand aus: durch Deine Rechte kommt mir Heil" (Offertorium).

Ge be t.

Dein heilsames \iVirken, 0 Herr, befreie uns sanft von unsern Mängeln und bringe uns zum unablässigen Festhalten an Deinen Geboten. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Dienstag der zwanzigsten Woche nach Pfingsten.

Das Hochzeitsmahl.

I. "Das Himmelreich gleicht einem König, der seinem Sohne Hochzeit hielt." Er hat viele Gäste geladen und läßt sie rufen. Aber sie kommen nicht. Er ruft sie ein zweites Mal. Sie kommen auch jetzt nicht. Ja, sie töten sogar einige der Boten, welche der König zu ihnen gesandt hat. Da schickt er seine Knechte aus, auf daß sie auf die Straßen gehen und einladen, wen immer sie finden. "Das

Dienstag: Das Hochzeitsmahl. 475

Horhzeitsmahl ist zwar bereit. doch die Geladenen waren dessen nicht wert."

2. "Kommet zur Hochzeit." Der König ruft die Vornehmen, die Großen, die Angesehenen der Stadt. Sie folgen der Einladung nicht: der eine geht auf sein Landgut, der andere an seine Arbeit. Nun werden die Armen gerufen, die aus dem niederen Volk. Sie dürfen in den festlich geschmückten Hochzeitssaal eintreten und an der königlichen Tafel sitzen. Ein Bild und Gleichnis der Berufung durch Gott. In den zuerst Geladenen ist das Volk Israel versinnbildet, in den später Gerufenen die Heidenwelt. Am Volk Israel hat Gott ungewöhnlich Großes gewirkt. Er hat ihm die Patriarchen gegeben, den Moses, später die Propheten. Zuletzt hat Er ihm Seinen eigenen Sohn gesandt. Aber es will von dem ihm gesandten Messias nichts wissen. Es will in das vom Messias gegründete Reich der Gnade nicht eingehen. Es hat sich Ihn ja so ganz anders gedacht, als einen nationalen Helden und siegreichen Kämpfer und sich an dem Zerrbild zerbrochen, das es sich vom Messias gemacht hat. Weil Israel in den Hochzeitssaal der von Christus gegründeten Kirche nicht eintreten will, reißt Gott die Scheidewand, die Er zwischen Juden und Heiden aufgerichtet hatte, nieder und läßt an die Armen. die in der Finsternis des Heidentums wandelten, an die Fremden, die außerhalb des Lichtes der Offenbarung in die Irre gegangen waren, an uns die Einladung ergehen: "Kommet zur Hochzeit." Zu den Gütern Christi, der Kirche. der Gnade, der Sakramente, der heiligen Eucharistie!

"V i eIe s i n d b e ruf e n, wen i g e a b e rau ser w ä hIt." Dieses Wort des Herrn setzt die Liturgie heute an den Schluß des Evangeliums. Alle sind wir zum Hochzeitsmahl im Gottesreich der heiligen Kirche berufen und zugelassen. Die heilige Taufe hat uns das Eingangstor in die Kirche aufgeschlossen. Aber die Kirche weist über sich selber

476 Die Zeit nach Pfingsten: Zwanzigste Woche. hinaus auf das Hochzeitsmahl des ewigen Lebens im Himmel. "Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt." Nicht alle, die in die Gemeinschaft der heiligen Kirche aufgenommen sind, sind deshalb auch schon der Aufnahme in die Gemeinschaft der verklärten Kirche sicher. Gott hat uns ohne unser Verdienst und ohne jedes Zutun· von unserer Seite zur Kirche berufen. Aber Er macht uns nicht selig ohne uns, ohne unser Mitwirken. Im Hinblick auf das Wort: "Viele sind berufen, wenige aber auserwählt", gewinnt die Mahnung der Epistel: "Erneuert euch in eurer Gesinnung und ziehet den neuen Menschen an", eine neue Bedeutung. Wir sind berufen. Am Heilswillen Gottes, am Beistand Seiner Gnade, fehlt es nicht. Aber unsere Aufgabe ist es, mit den Gnaden mitzuwirken und so, in unverbrüchlicher, allseitiger Treue gegen die Erleuchtungen und Anregungen der Gnade, gegen die Gebote und Forderungen Gotte,s und Christi, in der Gemeinschaft und unter der Leitung und Führung der Kirche, den neuen Menschen anzuziehen. Wirken wir nicht mit, vernachlässigen, mißbrauchen wir die Gnaden Gottes, dann gehören wir durch unsere eigene Schuld zu denen, die zwar berufen, aber nicht auserwählt sind. Zu den törichten Jungfrauen. die zwar Jungfrauen sind, für den Bräutigam bestimmt; aber sie haben kein 01 in ihren Lampen und sind nicht bereit, wenn sich die Tore' zum Hochzeitssaal des ewigen Lebens auftun. Die Tore werden geschlossen. Und wenn die zum Hochzeitsmahl Berufenen kommen, stehen sie vor verschlossenen Türen. "Ich kenne euch nicht" (Matth. 25, 12). Der Herr nimmt unser Leben göttlich ernst.

3. "Viele sind berufen, wenige auserwählt." Israel war berufen. Aber durch eigene Schuld verblendet, hat' es sein Heil verscherzt. "Gott hat die natürlichen Zweige (des ölbaums, das auserwählte Volk Israel) nicht geschont, iO wird Er auch dioh nicht

Mittwoch: Heilige Vermählung. 477

schonen" (Röm. II, 21), wenn du dich der Auserwählung nicht wÜrdig machst.

"Unsere Väter waren alle unter der Feuerwolke, zogen alle durch das Rote Meer und wurden alle in der Wolke und im Meere auf Moses getauft. Alle aßen dieselbe geistige Speise (das Manna) und alle genossen denselben geistigen Trank (das Wasser, das Moses auf Befehl Gottes wunderbar aus dem Felsen schlug). Und doch hatte Gott an der Mehrzahl von ihnen kein Wohlgefallen. Sie wurden ja in der Wüste niedergestreckt" und kamen nicht in das ihnen verheißene Land. "Das ist uns zum Vorbild geschehen. Seien wir nicht lüstern nach dem Bösen wie einige von ihnen. Werdet keine Götzendiener wie einige von ihnen. Treiben wir nicht Unzucht wie einige von ihnen. Murrt nicht, wie einige von ihnen murrten und vom Würgengel weggerafft wurden. All das widerfuhr ihnen als ein Vorbild. Es wurde aber geschrieben uns zur Warnung. Wer also zu stehen glaubt, sehe zu, daß er nicht falle" (I Kor. IO, 1-12).

Gebe t.

Allmächtiger und barmherziger Gott, halte gnädig alles Widrige von uns fern, damit wir, ohne Hemmungen für Seele und Leib, mit freiem Herzen Deinem Dienste obliegen. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Mittwoch der zwanzigsten Woche nach Pfingsten.

H eil i g e Ver mäh I u n g.

I. Der König macht seinem Sohne Hochzeit und ruft Hochzeitsgäste. Aber die Er geladen hat, kommen nicht. Sie verachten das Hochzeitsmahl, das ihnen der König bereitet hat. Sie wenden sich andern Dingen zu. Der eine geht auf sein Landgut; der andere geht. seiner Arbeit nach. So schließen sie sich selbst vom Hochzeitsmahl des Königs aus.

478 Die Zeit nach Pfingsten: Zwanzigste Woche.

2. "A 11 e s s t e h t be r e i t. Kom met zur Hoc h z e i t." Der König ist Gott der Vater. Er macht Seinem eingeborenen, gleich wesentlichen Sohne Hochzeit: Er sendet Ihn zu uns Menschen.

, daß Er einer aus uns werde. Gottes Sohn nimmt. im Schoße der Jungfrau unsere menschliche Natur an und zieht sie in innigste Vermählung in die Einheit Seiner göttlichen Person hinein. Kraft der menschlichen Natur, die Er aus unserem Geschlechte annimmt, werden wir alle vom Sohne Gottes in einem bestimmten Sinne mitaufgenommen. In der Vermählung mit der menschlichen Natur, die Er aus Maria annimmt, vermählt Er sich mit der gesamten Menschheit, mit jedem von uns. So sind wir alle zur Hochzeit, zur Vermählung mit Christus berufen. Er will sich mit jedem von uns in unendlicher Liebe vermählen und die Reichtümer Seiner Gottheit über uns, über die Menschheit ausgießen. "Kommet zur Hochzeit!" Das ist der Menschheit wesentliche Aufgabe: in Christus einzugehen. Ihm durch den 'Glauben, durch die Liebe sich täglich inniger zu vermählen. Auch unsere Aufgabe. Der König "sendet Seine Knechte", die Lehrer, die Priester, die Kirche, die verschiedenen äußern Schicksalsschläge, die innern Erleuchtungen und Gnaden, "die Geladenen zur Hochzeit zu rufen. Doch sie wollen nicht." Er ruft wieder. Sie "achten nicht darauf und gehen ihre Wege, der eine auf sein Landgut, der andere zu seinem Gewerbe". Die arme Menschheit der Vergangenheit, vor allem die Menschheit von heute. Sie geht zum weitaus größten Teil ihre Wege. Gottvergessenheit ist die Signatur unserer Zeit. M an redet, schreibt, handelt, regiert ohne Christus, ohne Gott. Die Welt ist gottgelöst, gott-los. Die Menschen sind vom übernatürlichen Mittelpunkt und Ziel abgewichen und haben sich dem zugewandt, was nicht Gott ist. Ja, viele predigen positiv die Gottlosigkeit und den ausge·sprochenen Gottes- und Christushaß ! Welche

Mittwoch: Heilige Vermählung. 479

Gnade, wenn wir die Absicht Gottes verstehen, der uns zur Hochzeit einladet, und wenn wir dem Ruf zum stets vollkommeneren Einswerden mit Christus, dem Bräutigam der Seele, dem Haupte, immer Folge leisten!

"Kommet zur Hochzeit!" Uns katholischen Christen ist das I-Iochzeitsmahl des Königs bereitet in der heiligen Kommunion. Sie ist wesenhaft Vermählungsfeier. Was sie im Auge hat, ist unsere Liebeseinheit, unser Einswerden mit Christus und mit den Gliedern Christi, das lebendige, fruchtbare Hineinwachsen in Christus, den Weinstock. In der heiligen Kommunion ist der Herr ganz Bräutigam unserer Seele, in der denkbar innigsten Hingabe an uns, in der liebendsten Umarmung unserer Seele und Durchdringung unseres Geistes und unseres ganzen Wesens. Diese Vermählungsfeier beglückt, tröstet und stärkt uns j eden Morgen neu und entzündet in rIns eine innige, wirksame Gegenliebe. Liebe für Liebe! Herz für Herz! Opfer für Opfer! Im lebendigen, freudigen Bewußtsein: Du hast heute Hochzeitstag. Morgen ist Hochzeitstag! Aber nicht alle verstehen dieses Wort, sondern nur jene, denen das Verständnis dafür gegeben ist (M atth. 19, I I). Wie viele von uns katholischen Christen "achten nicht auf dieses Hochzeitsmahl und gehen ihre Wege, der eine auf sein Landgut, der andere an sein Gewerbe"! Sie verstehen das Wort: Kommunion, Hochzeitsmahl, nicht. Sie haben andere Interessen! Um so lieber gehen wir auf die Liebesabsichten J esu ein!

3. Menschwerdung des Sohnes Gottes und heilige Kommunion, bei des uns vom König bereitet, der Seinem Sohne Hochzeit hält. Wir sind die zur Hochzeit Geladenen. Wir folgen der Einladung. Jeden Tag mit noch tieferem Glauben, mit größerer Hochschätzung und Ehrfurcht, mit innigerer Liebe!

Nie soll es von uns heißen: "Sie achteten nicht auf die Einladung und gingen ihre Wege." Wenn

480 Die Zeit nach Pfingsten: Zwanzigste Woche.

der Herr ruft, dann gibt es für uns keine eigenen Wege mehr. Gottes Willen und Wunsch über alles!

Täglich arbeiten wir in der Erneuerung unseres Geistes und Sinnes und ziehen wir den neuen Menschen an, auf daß wir beim Hochzeitsmahl im "hochzeitlichen Kleide" der Gnade, der Tugend, der Liebe und Heiligkeit erscheinen.

Ge be t.

Allmächtiger und barmherziger Gott, halte gnädig alles Widrige von uns fern. damit wir, ohne Hemmungen für Seele und Leib, mit freiem Herzen Deinem Dienste obliegen. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Donnerstag der zwanzigsten Woche nach Pfingsten.

L i e b e s ver mäh I u n g.

I. "Das Himmelreich ist gleich einem König, der seinem Sohne Hochzeit hält" (Evangelium). Der König, Gott Vater, sendet Seinen Sohn in die Welt, damit Er sich uns in heiliger Vermählung hingebe. Die Vermählung vollzieht sich in besonders vollkommener Weise in der Vereinigung der Liebe. welche Er in der heiligen Kommunion mit uns und welche wir mit Ihm eingehen.

2. "Wer Mein Fleisch ißt und Mein BI u t tri n k t, der bleibt in Mir" (Joh. 6, 56). Oberstes Ziel der Vereinigung mit dem Fleische und Blute Christi ist die Vereinigung zu ein e m Geiste und Herzen. Vom Mund zum Herzen! Der unaussprechlichen Einheit des Körpers muß eine ebenso erhabene Lebens- und Gei.stesgemeinschaft mit dem Sohne Gottes folgen, eine heilige Liebesvermählung. Der Herr nährt uns nur deshalb mit der Milch der Eucharistie, um sich zu unserer Schwäche her.abzulassen und uns mit Seinem Geist und Leben zu erfüllen. Dadurch sollen wir im innern Menschen erstarken und immer mehr zur

Donnerstag: Liebesvermählung. 48 I

ganzen Fülle Gottes erfüllt werden. Aber alles Wachstum in Gnade und Tugend und j ede Vereini~ gung des Menschen mit Christus wurzelt letzten Endes in der Mehrung und Kräftigung der Liebe. Sie ist es, die uns in Christus umwandelt. Sie ist da,s Feuer, das alles Erdhafte in der Seele <l;USbrennt. Auf die Mehrung, Reinigung und Vollendung der Liebe zielt die heilige Kommunion ab. Die Liebe ist deren schönste und kostbarste Edelfrucht. Durch die heij,jge Kommunion wird die Liebe gemehrt und insbesondere zu Akten der Liebe entflammt. Wie unter dem Strahl der Sonne die harten, herben Beeren der Weintmube sich in süße, saftige Goldfrucht verwandelt, so bewirkt auch die eucharistische Sonne in uns eine gewaltige W'andlung des innern Menschen zu Christus hin, in der alles sich selber gebenden Liebe. Das natürlich-sinnliche Empfinden, Streben und Handeln macht den GedaJ11ken und Gefühlen J esu Platz. Seine Wahrheit wird das Licht unseres Geistes, Seine Liebe wird der Glutstrom unseres Herzens. Wir gehen aus uns selbst heraus, verlassen uns selber und sind in Ihm, bleiben in Ihm, Ihm bräutlich vereinigt.

"U n d Ich in ihm." Wir sind im Augenblick der heiligen Kommunion Christusträger, Sein Fleisch und Blut in unsere Glieder aufnehmend und so der göttlichen N atmr te,ilhaftig (hl. Cyrill von J erusalem). Und nicht bloß solange die eucharistischen Gestalten in uns vorhanden sind. Auch wenn sie bereits aufgelöst sind, bleibt Er in uns als Gott, immerdar um uns wissend, auf uns achtend, uns Seine Liebe und Gnade schenkend. Er bleibt aber auch in uns, indem Er uns, auch wenn die eucharistischen Gestalten vergangen s,ind und Seine heilige Menschheit nicht mehr in uns wohnt, Seine Liebe, die Liebe Seines gottmenschlichen Herzens bewahrt. Die Einigung Seines Herzens mit unsern Herzen ist ja der eigentliche Zweck der heiligen Kommunion. Wenn sich schon die Herzen der irdisch LieBaur, Werde Licht. lU. 31

482 Die Zeit nach Pfingsten: Zwanzigste Woche.

ben den trotz der leiblichen und räumlichen Entfernung durch das Gedächtnis, das Gefühl und den Willen sich dauernd nahe sind, aneinander denken, in Liebe sich nacheinander sehnen, dann ist es klar, daß ein Erkalten und Ersterben der Gefühle des liebevollsten Herzen Jesu uns gegenüber unmöglich ist. Sein Sehnen ist es ja, sich mit unserer Seele, auch Seiner Menschheit nach, zu vermählen. "Mit Sehnsucht habe Ich danach verlangt, dieses Ostermahl mit euch zu essen" (Luk. 27, 15). "Da Er die Seinen liebte, liebte Er sie bis ans Ende" (Joh. 13, I). SO schlingt die Eucharistie um Jesus und um uns ein dauerndes Band der Einheit, der Interessengemeinschaft, des Zusammengehörens, das durch die Kraft der gegenseitigen Liebe immer fester geknüpft wird. Wie sehr dürfen wir uns glücklich preisen!

3. "Wer Mein Fleisch ißt und Mein Blut trinkt, der bleibt in Mir und Ich in ihm", in heiliger Liebesvermählung. Die Liebe zieht den Geliebten in sich hinein und wandelt ihn in sich um. Was ist also natürlicher, als daß wir, sooft wir die heilige Kommunion gut empfangen, in unserer innern Gesinl1iUng erneuert, der neue Mensch werden, der nach Gott, nach Christus geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit"?

"Du hast befohlen, treu Deine Gebote zu beobachten. Auf die Beobachtung Deiner Gebote sei mein Wandel stets gerichtet" (Communio). Die in Liebe Christus vermählte Seele kennt niohts anderes als das, was dem Herrn lieb ist. Sie ist mit Ihm ein Geist geworden, gleichen Trachtens und Strebens! Das ist die Frucht der heiligen Kommunion.

Ge be t.

Allmächtiger und barmherziger Gott, halte gnädig alles Widrige von uns fern, damit wir, ohne Hemmungen für Seele und Leib, mit freiem Herzen

Freitag: Christliche Sanftmut. 483

Deinem Dienste obliegen. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Freitag der zwanzigsten Woche nach Pfingsten.

C h r ist I ich e San f t mut.

I. "Ziehet den neuen Menschen an. Darum leget ab die Lüge. Wenn ihr in Zorn geratet, so sündigt nicht; laßt die Sonne nicht untergehen über eurem Zorn. Gebt dem Teufel nicht Raum" (Epistel).

2. "Wen n ihr i n Z 0 r n ger a t e t, sos ü nd i g t n ich t." Es lebt viel Zorn im Menschen, berechtigter und unberechtigter Zorn, Zorn gegen sich selbst, gegen die Menschen, gegen die Verhältnisse, sogar gegen Gott. Der Zorn hat seine Wurzel in dem Gefühl der Beeinträchtigung der eigenen Person. Soweit er sich gegen die andern lichtet, liegt ihm die Vermutung zu Grunde, man werde von dem andern geringgeschätzt oder er benehme sich gegen uns rücksichtslos. Aus solchen Gefühlen und Vermutungen entsteht der Zorn, d. i. das Verlangen, uns für das wirkliche oder vermeintliche Böse, das uns zugefügt wurde, zu rächen. Leicht verbindet sich der Zorn mit dem Haß, selbst da, wo das Verlangen nach Bestrafung des Nächsten begründet und berechtigt ist. In diesem Falle wollen wir den, der uns wehe getan, nicht aus Liebe zur Gerechtigkeit oder aus Liebe zu seiner Seele bestraft sehen, sondern aus bösem Willen gegen die Person des Nächsten. Oft macht sich der Haß im Zorne Luft. Oft handelt der Zorn gegen die Gerechtigkeit und straft einen, der es nicht verdient, oder straft einen, der es verdient, über das rechte Maß hinaus. Der Zorn, die Aufregung, das Verlangen nach Rache, nach Bestrafung, sündigt leicht gegen die Sanftmut und die Barmherzigkeit. Er stört den Frieden der Menschen untereinander und erzeugt viele Sünden gegen die Liebe, in innern Regungen und Urteilen, in Worten und Werken.

~1*

484 Die Zeit nach Pfingsten: Zwanzigste Woche.

Mit Recht mahnt die Epistel: "Wenn ihr in Zorn geratet, so sündigt nicht." Haltet den Zorn nicht fest. Gebet der Regung des Zornes nicht nach. Gebet den Zorn nach außen nicht kund. Bezähmt, beherrscht die innere Erregung. Trefft im Zorn nie eine Entscheidung, denn in diesem Augenblick ist die Vernunft völlig außerstande, richtig zu sehen. Vor allem aber richtet den Blick bei allen Übeln, welche den Zorn erregen, sofort auf Gott, Gottes Zulassung und Willen. Das Unangenehme, das Bittere, das uns aufregt, läßt Er über uns kommen. Wir stoßen in dem Unangenehmen, das uns widerfährt, bewußt zu Gott, zu Christus vor: dann werden wir den Zorn leicht überwinden.

"Selig die Sanftmütigen" (Matth. 5, 5).

Nicht als bestände die christliche Sanftmut darin, daß wir in uns eine tiefe Abneigung gegen alles Sichbehaupten und Sichdurchsetzen haben und uns einfachhin alles gefallen lassen, was die andern mit uns machen wollen. Nicht das ist die Sanftmut Christi. Das ist Willenlosigkeit. Ja, in diesem untätigen Hinnehmen liegt eine gewisse Gleichgültigkeit gegen das Schlechte, die mit der christlichen Sanftmut nichts gemein hat. Christliche Sanftmut entspringt der Stärke, nicht der Schwäche. Dem Feuer der Liebe zu Gott, zum Mitmenschen und der starken Selbstüberwindung. Der Stille der von Gott ergriffenen und geläuterten Seele, in welcher die Ichsucht des verletzbaren und ungeduldigen Menschenwesens mit all der Empfindlichkeit des niederen Menschen durch ein größeres und höheres Leben und durch eine ganz neue Art der Abwehr ersetzt ist. Die christliche Sanftmut ist Menschlichkeit, Zartheit, Mitgefühl, Nächstenliebe. Aber sie trägt in alle diese Regungen eine unerbittliche Logik hinein und reinigt sie von jeder Beimischung menschlicher Eigenliebe, Eitelkeit, Herrschsucht und Menschenfurcht. Christliche Sanftmut entspringt einem bis zu Ende gedachten. g.ewollten. gelebten Helden-

Freitag: Christliche Sanftmut. 485

tum, der Vollkommenheit, nicht der Gutmütigkeit; dem Göttlichen, nicht dem Menschlichen. Deshalb vermag sie und sie allein dem Starken die hehre Tugend der Milde und Zartheit als das Gesetz der eigenen Vollendung zu offenbaren und ihm die tiefe Schwäche aufzudecken, die hinter jeder Regung des Zornes und hinter j e·der ungereinigten Energie des Wortes oder der Tat verborgen liegt. Echte, wahre christliche Sanftmut ist nur in dem gereinigten, in dem neuen Menschen zu finden, der "nach Gott geschaffen ist, in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit."

3. "Wenn ihr in Zorn geratet, so sündigt nicht."

Auch Jesus zÜrnt den Käufern und Verkäufern im Tempel zu J erusalem. "Er flocht aus Stricken eine Geißel und trieb alle, samt den Schafen und Rindern, zum Tempel hinaus. Er verschüttete das Geld der Wechsler und stieß ihre Tische um. Zu den Taubenhändlern sprach Er: Schafft das weg von hier und macht das Haus Meines Vaters nicht zu einer Markthalle" (Joh. 2, 15 f.). Er ist gegen die Entheiligung des Hauses Gottes nicht gleichgültig. Er kann es, Er darf es nicht sein. Er verfolgt das Böse mit ganzer Seele. Sollen, müssen nicht auch wir oft zürnen, das Böse verfolgen, unerbittlich, mit ganzer Seele? Aber nicht so, daß wir Gewalt üben, um die Gewalt zu strafen; nicht so, daß wir Blut vergießen, um vergossenes Blut zu rächen, nicht so, daß wir hart seien, um fremde Härte zu vergelten. "Zürnet, aber sündigt nicht." Sondern so, daß wir das Böse durch das Gute überwinden" (Röm. 12,21). Wahres Christentum ist nach innen gewandte Tatkraft. Ist zuerst die eigene tiefste Bekehrung, die Verwirklichung des neuen Menschen, und dadurch Bekehrung der andern! Weil wir selber so wenig der neue Mensch sind, ist unser Zorn unheilig und unfruchtbar.

Erst, nachdem wir der neue Mensch geworden sind, sanft im Geiste Christi, werden wir geistig stark sein, um mit ruhiger Unbeugsamkeit, ohne Stachel, ja mit versöhnender Teilnahme und mit ritterlicher

486 Die Zeit nach Pfingsten: Zwanzigste Woche. Rücksichtnahme auch die äußern Mittel des Zwanges, der Bestrafung richtig in Anwendung zu bringen. "Selig die Sanftmütigen, sie werden das Land des fremden Herzens in Bes,itz nehmen."

Ge be t.

Allmächtiger und barmherziger Gott, halte gnädig alles Widrige von uns fern, damit wir, ohne Hemmungen für Seele und Leib, mit freiem Herzen Deinem Dienste obliegen. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Samstag der zwanzigsten Woche nach Pfingsten.

"R e d e t die W a h rh e i t !"

I. Der Richter kommt. Also: "Erneuert euch in der innern Gesinnung und ziehet den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist. Darum leget ab die Lüge und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten: denn wir sind untereinander Glieder." Fast als würden wir uns von Natur aJUs, infoige der ErbsÜnde, in die Lüge hüllen, wie in ein Gewand, das uns decken, schützen und als etwas anderes erscheinen lassen soll, als was wir vor uns selbst, vor Gott, vor der Wahrheit und Gerechtigkeit sind. Der neue Mensch, der Getaufte, legt die Lüge ab und redet die Wahrheit.

2. "Leget ab die Lüge." "Ein Mund, der lügt, tötet die Seele" (Weish. I, J I). "Belüget einander nicht" (KaI. 3, 9). "Bewahre deine Zunge vor dem Bösen und deine Lippen, daß sie nicht Lüge reden" (Ps. 33, 14). Ein unverletzliches Gebot Gottes! Und doch gibt es in der Welt, auch unter uns Christen, so viel Unwahrheit, Unwahrhaftigkeit, Unaufrichtigkeit, Verstellung, Lüge. Ungeradheit ist das Wesen des Weltgeistes, des weltlichen Treibens. Die sog. Bildung der Welt läuft zuletzt darauf hinaus, das Innere durch äußere Kunstgriffe zu verdecken, den Sinn der Worte zU verschleiern, das

Samstag: "Redet die Wahrheit I" 487

Wahre falsch, das Falsche wahr zu machen. Der Geist der Welt ist die Klugheit des Fleisches. Ihr Grundsatz lautet aber: Tue, was dir beliebt, nur laß es dir nicht anmerken. Wahre den Schein, rette deine Ehre. Fehler darfst du begehen: aber du darfst sie nicht eingestehen. Sündigen darfst du und Gott und dein Gewissen entehren, aber durch ein ehrliches Geständnis Gott und dir selbst die Ehre zurückerstatten, das darfst dl\l nicht. Für einen Menschen, der noch im Wahne lebt, als sollte das Außere der Spiegel des Herzens sein; der noch auf den wesentlichen Gehalt mehr hält als wf den äußern Glanz und Schein, findet der Geist der Welt nur Spott und Hohn. Ja, ein neuer Beweis dafür, daß das Christentum, da,s so naiv und altmodisch macht, mit der Bildung der modernen Zeit nicht in Einklang zu bringen ist. So viel bewußte Irreführung des Nächsten, der Eltern, der Vorgesetzten. nur um seine eigenen geheimen Absichten und Ziele zu erreichen! So die Welt. Aber auch wir sind so weit gekommen, daß wir die Wahrheit nicht mehr ertragen können. \Vollte einer uns über eine Täuschung aufklären, uns in liebender Absicht die Wahrheit s,agen, dann verurteilen wir das als Mangel a,n Bildung und Anstand, wenn nicht als ein Verbrechen an uns! Wir, die wir täglich unsere übungen der Frömmigkeit machen, die heilige Messe mitfeiern, die heilige Kommunion empfangen. So weit sind wir vom Geiste Christi entfernt! "Erneuert euch in eurer innern Gesinnung und zieht den neuen Menschen an."

"R e d e t die W a h r h e i tein jeder mit seinem Nächsten." "Seid so gesinnt wie Christus J esiUs", mahnt der Apostd (Phil. 2, 5). Wie schlicht, wie natürlich war Er in Seinen Worten, in Seinem Benehmen! Jedes Kind verstand Ihn. Gerade die Einfä.ltigen fühlten sich zu Ihm hingezogen. Nur die Verschrobenheit und Ungeradheit des Pharisäertums konnte und mußte sich an Ihm ärgern. Die Heiligen

488 Die Zeit nach Pfingsten: Zwanzigste Woche. unserer Kirche haben Jesu Beispiel nachgeahmt. Bei ihnen ist alles Wahrhaftigkeit, Geradheit, Echtheit. Ihnen ist die Ger<l!dheit und Ehrlichkeit des Herzens "die Wurzel aller Tugend". Mit Recht! Die Geradheit und Wahrhaftigkeit im Reden und Benehmen ist die selbstverständliche Grundlage des Ba!1es der christlichen Vollkommenheit. Es mag einer Wunder tun, es mag einer als Heiliger gelten: wind er auch nur einmal auf einer Unwahrheit, auf einer Verstellung oder Unaufrichtigkeit ertappt, dann ist er für j eden ernsten Mann gerichtet. Der Heilige Geist flieht jeden, in welchem eine Ungeradheit ist (Weish. I, 5) und läßt sich nur zu den Einfältigen herab (Sprichw. 3, 32; Ir, 20). Wer in Einfalt wandelt, der wandelt den Weg des Heils (ebd. 10, 9); wer aber geteilten Herzens ist, mit dem nimmt es einen schlimmen Ausgang (Os. 10,2). Mit aller Bestimmtheit sagt uns der Herr: "Eure Rede sei ja, ja und nein, nein" (Matth. 5, 37). Unser Gott ist ein Gott der Wahrheit. "Himmel und Erde werden vergehen, aber Meine Worte werden nicht vergehen" (Luk. 21, 33). Wahrhaftigkeit verlangt, daß unsere Worte so sind wie unsere Gedanken. Daß wir nicht anders reden, als wir denken und mit dem höheren Willen wollen. Daß unser Benehmen der Ausdruck unserer innern Gesinnung ist. Daß unsere Reden keine Hintertüren haben. Wahrhaftigkeit verlangt, daß wir ein wahres Wort von den andern ertragen, ja es dankbar annehmen. Daß wir auch für die unbequeme Wahrheit einstehen. DaJ3 uns jede Lüge und Verstellung ein Abscheu ist. "Redet die Wahrheit: denn wir sind untereinander Brüder." Das größte Interesse an der Wahrhaftigkeit hat die Gesellschaft, die Gemeinschaft, die christliche Gemeinschaft. Wie, wenn wir hinter jedes Wort des Nächsten, des Brruders in Christus, ein Fragezeichen setzen müßten? Wo wäre eine wahre Gemeinschaft möglich? Würden nicht viele Mißverständnisse, würde nicht viel Verstimmung, Ver-

Samstag: "Redet die Wahrheit I" 489

ärgerung, ungerechtes Vorurteil, ja Gehässigkeit und Feindschaft in den Gemeinschaften weichen, wenn wir restlos einer auf des andern Wort uns verlassen könnten? Wie viel würde durch die Wahrhaftigkeit die gegenseitige Liebe und Hochachtung gewinnen!

3· Den Schlüssel zur Wahrhaftigkeit gibt uns das Wort in die Hand: "Meine Augen sind beständig auf den Herrn gerichtet" (Ps. 24, 15). Solange wir noch auf das Treiben und Urteil der Welt achten, solange wir noch alle mÖglichen Rücksichten nehmen, selbst mit Verleugnung unseres Gewissens und Verletzung unserer Pflichten, solange wir noch etwas anderes im Auge haben als Gott und Gottes Wohlgefallen allein, werden wir uns nicht zur christlichen Wahrhaftigkeit durchringen können. "Ziehet den neuen Menschen an."

"Du hast befohlen, treu Deine Gebote zu beachten.

Auf die Beobachtung Deiner Gebote sei stets mein Wandel gerichtet" (Communio). Das ist die Wirkung der Opferfeier und der guten heiligen Kommunion: unser ganzes Sinnen ist auf die Beobachtung der Gebote Gottes gerichtet. Die Geradheit und Wahrhaftigkeit wird uns in Schwierigkeiten und in Verlegenheit bringen: aber im Blick auf Gott und Sein Gebot stehen wir über allen Schwierigkeiten!

Gebet.

Allmächtiger und barmherziger Gott, halte gnä,dig alles Widrige von uns fern, damit wir, ohne Hemmungen für Seele und Leib, mit freiem Herzen Deinem Dienste obliegen. Durch Christus unsern Herrn. Am(Cn

Die liturg.ische Meßfeier des zwanzigsten Sonntags nach Pfingsten.

1. "An den Flüssen Babyions saßen wir und weinten, da wir deiner gedachten, Sion." In diesen Worten des Offertoriums drückt sich die Grundhaltung der heutigen M eßfeier aus: die Kirche fühlt sich in der Verbannung, ferne der Heimat, ferne dem Herrn. Sie ist unterdrückt, verachtet, verfolgt, in ihrer Gesamtheit und in ihren einzelnen Gliedern. Das Leben in der Fremde ist hart und bitter. Drum schaut sie am Ende des Kirchenj ahres sehnsüchtig nach dem Frieden der Heimat aus. Unverwandt hält sie den Blick auf den Herrn gerichtet, ob Er nicht bald komme, sie in Sein Reich eimJUführen.

2. Wir leben in der Verbannung. Voll Reue und Demut bekennen wir mit den drei Jünglingen im Feuerofen zu Babyion : "Alles, was Du uns getan, hast Du nach Gerechtigkeit getan, denn wir haben gesündigt. Aber nun verherrliche Deinen Namen und handle mit uns nach der Fülle Deiner Erbarmungen" (Introitus). Inbrünstig rufen wir im Kyrie um Erbarmen, um "Verzeihung und Frieden" (Oratio). Wir sind entschlossen, der Mahnung der Epistel im Leben zu entsprechen und makellos zu bleiben auf unsern Wegen. \Vir hängen uns nicht an die Erde und ihre Güter, vielmehr "harren" unsere "Augen auf den Herrn". Unser ganzes Sehnen geht himmelwärts, der Heimat entgegen. Unser Sinnen und Trachten gehört dem Herrn: "Er öffnet Seine Hand und erfüllt alles, was da lebt, mit Segen." Schon kommt Er im Evangelium und erweist sich als Helfer und Heiland, der Seine Hand öffnet und alles mit Segen erfüllt. Er erhört die Bitte des flehenden Vaters und gibt diesem die tröstliche Versicherung: "Gehe hin. dein Sohn lebt." Er erhört auch c\ie Bitte c\er Kirche, die Ihn anfleht: "Komm

J

Die liturg. Meßfeier d. 20. Sonntags n. Pfingsten. 491 herab, bringe meinen Kindern das endgültige HeiL" Noch kommt Er nicht. Die Stunde Seiner Wieder~unft ist noch nicht angebrochen. Aber Er versichert ihr: "Dein Sohn lebt." Die Kirche glaubt und macht sich auf den Weg nach Hauiie, dem Tag der großen Erlösung entgegen. Freudig singt sie ihr Credo. Sie wird nioht enttäuscht.

3. Wir fühlen uns in der Verbannung und weinen (Offertorium) in unserem "Elend" (Communio); wir sind der totkranke Sohn des Hau'ptmanns im Evangelium und "harren" des Herrn: "Du gibst Speise zur rechten Zeit; Du öffnest Deine Hand und erfüllest alles mit Segen." "Mein Herz ist bereit." Es ist entschlossen, "makellos ~u bleiben auf Seinen Wegen" (Introitus), die Mahnungen der Epistel im Leben zu verwirklichen." Wir entsagen in der Opferfeier der heiligen Messe der Sünde, den Verkehrtheiten u.nd ungeordneten Anhänglichkeiten und bringen uns selbst, unsern eigenen Willen, unsere Launen, unsere ungeregelten N ei,gungen und bösen Gewohnheiten zum Opfer. Wir verlassen die Welt und das Irdische und schauen mit ganzer Sehnsuaht nach dem E,wigen aus. "Mein Herz ist bereit." Jetzt kommt Er in der heiligen Wandlu.ng und schafft Leben und Heil. Es erfüllt sich das, was das Graduale singt: "Aller Augen harren auf Dich, 0 Herr, und Du gibst ihnen Speise zur rechten Zeit." Er läßt uns jetzt in der heiligen Messe in dem Maße, als wir der Sünde, der Welt und uns selbst gestorben sind, in die engste Opfergemeinschaft mit sich selbst eingehen. Er legt uns sich selbst als unsere Opfergabe in unsere Hand. Er schenkt uns Sein Herz, Seine Anbetung, Seine Tugenden, Seine Verdienste und Genugtuungen, damit wir in Ihm und mit Ihm zum Vater kommen. Er gibt uns in der heiligen Kommunion sich selbst, Sein reiches, verklärtes Leben. "Aller Augen warten auf Dich." Da wird uns in unserm Elend "Hoffnung" und Zuversicht gegeben. In der Kraft dieser Teilnahme an dem

492 Die Zeit nach Pfingsten: Einundzwanzigste Woche. himmlischen Leben sind wir stark, das Leben der Verbannung weiter zu ertragen, bis der Herr dereinst für den einzelnen und für die Gesamtheit der Kirche die Heimat in Seiner Wiederkunft erscheinen läßt. Dann öffnet Er Seine Hand und erfüllt uns, die wir Seiner treu geharrt, mit dem Segen der nie endenden Seligkeit des Himmels. "Gedenke Deines Wortes ( deiner Verheißung) an Deinen Knecht, o Herr, durch das Du mir Hoffnung gegeben hast: sie hat mich getröstet in meinem Elend" (Communio).

Zwanzigster Sonntag nach Pfingsten.

"Ver her r 1 ich e Dei ne n Na m e n."

1. Langsam geht das heilige Jahr der· Kirche seinem Abschluß entgegen. Im Abschluß des Kirchenjahres spiegelt sich für die Kirche der Abschluß des Weltgeschehens und der langen Wartezeit, fern vom Herrn und Bräutigam. wider. "Zu uns komme Dein Reich", das Reich der seligen Enderlösung. die Erlösung aus der harten Verbannung.

2. "W i r hab eng e s ü n d i g t ge gen D ich und Deinen Geboten nicht gehorcht" (Introitus). So betet Azarias, einer der drei Jünglinge im F euerofen zu Babel, da sie "in den Flammen wandelnd Gott priesen und den Herrn lobten" (Dan. 3, 24). Die Kirche, im Feuerofen der Verfolgungen, der Leiden! Sie preist den Herrn. "Gerechtigkeit nur war Dein Tun, 0 Herr, in allem, was Du uns angetan. Wir haben ja gesündigt gegen Dich." Das Confiteor der Kirche! Täglich spricht sie es beim Staffel gebet. Täglich dringt ihr "Miserere mei Deus - Erbarm Dich meiner, Gott", ihr lautes Kyrie eleison zum Himmel empor. Heute, da das Kirchenjahr dem Ende zuneigt, hat es einen besondern Klang. Wir schauen auf die Gnaden des ablaufenden Kirchenjahres zurück. Auf alles, was Er an uns, an den Kindern der Kirche, unsern Brüdern in Christus,

Sonntag: "Verherrliche Deinen Namen." 493 gewirkt hat und wirken wollte. Täglich kam Er in unsere Mitte, sich für uns zu opfern und uns die Gnaden und Früchte des Kreuzesopfers zuzuwenden. Er lud uns ein, mit Ihm ein Opfer zu werden, mit Ihm uns mitkreuzigen zu lassen, mit Ihm in den Tod zu gehen. Täglich schenkte Er uns in Seinem Opfer die Verzeihung unserer Sünden und erfüllte uns mit Seinem auferstandenen, reinen, unsterblichen Leben. Wir aber haben es unterlassen, uns unzweideutig, mit unserem ganzen Wesen in den Kreis dieses Lebens hineinzustellen und es in seiner ganzen Fülle und Fruchtbarkeit in uns aufzunehmen und wirksam werden zu lassen. Wir haben gesündigt. Wir haben die Züchtigungen verdient.

"Ver her r I ich e nun ab erD ein e n Na me n und handle mit uns nach der Fülle Deiner Barmherzigkeit" (Introitus). "Deinem Namen gib die Ehre!" Was wir, die Glieder der Kirche, sündigen und fehlen, wird von den Feinden gegen den Herrn gewandt! Eine Kirche, sagen sie, in welcher Sünder leben dürfen, welche sündige Menschen zu ihren Dienern und Gliedern zählt; eine Kirche, welche an den Menschen nicht mehr erreicht, sie nicht anders macht, ist nicht die Kirche Christi. Sie hat ihre Aufgabe getan. Es ist an der Zeit, daß sie einer neuen Religion Platz macht! "Deinem Namen gib die Ehre." Um Deinetwillen vergib uns unsere Schuld und wende uns Dein Erbarmen zu. Zieh Deine Strafgerichte zurück. Denn die Bösen lästern über uns: Wer ist nun euer Gott? Erzeige an Deiner Kirche Deine Macht und schaff ihr Hilfe, damit die Feinde es sehen und an Dich glauben! "Verherrliche Deinen Namen!" Die Kirche ruft nach einem Zeichen vom Herrn! Nicht in äußern Großtaten und Wundern, sondern in der innern, göttlichen Umwandlung und Vergeistigung der Seelen! "Damit sie von allen Sünden gereinigt werden und frohgemut Dir dienen" (Oratio). Damit wir "vorsichtig wandeln. Damit wir wahrnehmen und tun,

494 Die Zeit nach Pfingsten: Einundzwanzigste Woche. was der Wille Gottes ist, damit wir voll werden des Heiligen Geistes und als Geisterfüllte in Psalmen und geistlichen Liedern zueinander reden, Gott in unsern Herzen lobsingend und Ihm für alles danken, was Er an Seiner Kirche, an uns und unsern Brüdern in Christus getan und tut (Epistel). .

"Verherrliche Deinen Namen!" Die Mutter Kirche sieht mit Schmerz, wie so viele ihrer Kinder, die sie in der heiligen T<I'ufe zum Leben geboren hat, todkrank daniederliegen. Sie eilt mit dem Beamten des Königs Herodes Antipas zum Herrn und bittet Ihn, Er möge "hinabkommen und den Sohn, der im Sterben liegt, gesund machen." Ein heißes Sehnen nach der großen Stunde des Herabkommens, der Wiederkunft des Herrn in Herrlichkeit. "Komm herab! Bring Heilung meinen Kindern! Das vollendete Heil!" Aber Er kommt noch nicht. Er legt Seiner Braut neue Glaubensproben auf. Er kommt unsichtbar, still, in der unscheinbaren Hülle und Verborgenheit der Hostie. Er opfert sich. Er wendet den Gläubigen im heiligen Opfer die Früchte des Kreuzesopfers zu. Er gibt sich in der heiligen Kommunion zur stärkenden Nahrung und versichert der Kirche: "Dein Kind lebt." Sie aber "glaubt dem Worte, das J esus zu ihr gesprochen, und geht" auf dem Weg des Glaubens an Ihn und an Sein heilendes und heiligendes Wirken dem Tage der Wiederkunft und Enderlösung entgegen.

3. Das ist die Art der heiligen Liturgie, der heiligen Kirche. Sie weiß um die Sünde und Schuld der Diener und Glieder der Kirche. Sie bekennt und bereut sie. Aber sie bleibt bei der Sünde und bei dem Sünder nicht stehen. Sie trägt die Schuld vor den Herrn. Sie bekennt sie dem Herrn und macht aus dem Schuldbekenntnis einen Lobhymnus auf Seine Größe, Gerechtigkeit, Heiligkeit und Barmherzigkeit. Im Glauben an Sein Erbarmen und Seine Liebe erwartet sie die Reinigung von der Schuld und die zur innern Umwandlung ihrer Kinder not-

Montag: Unser Glaube.

495

wendige Gnade. "Gehe hin, dein Kind lebt." Sie vertraut und ermutigt ihre Kinder zu neuem, reineren, treueren Streben. Sie stellt ihnen die Kraft des heiligen Opfers und der Opferspeise der heiligen Kommunion zur Verfügung.

"Sehet zu, daß ihr vorsichtig wandelt, nicht wie Toren, sondern wie Weise. Nützet die Zeit aus, denn die Tage sind böse. Seid nicht unverständig, sondern erkennet, was der Wille Gottes ist."

"Aller Augen warten auf Dich, und Du gibst ihnen Speise zur rechten Zeit. Du öffnest Deine Hand und erfüllst alles, was da lebt, mit Segen" (Graduale). So hast Du es am todkranken Sohn des königlichen Beamten getan. So tust Du es in der Feier der heiligen Eucharistie an den kranken Kindern der Kirche. So wirst Du es bei Deiner Wiederkunft an der Gesamtheit der Kirche tun, wenn Du sie in das Brautgemach des Himmels aufnehmen wirst.

Ge b e t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, schenke Deinen Gläubigen gn~dig Verzeihung und Frieden, damit sie von allen Sünden gereinigt werden und frohgemut Dir dienen können. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Montag

der einundzwanzigsten Woche nach Pfingsten.

Uns erG lau b e.

1. Der Sohn eines Beamten in Kapharnaum liegt gefährlich krank danieder. Der Mann hört, daß Jesus von Judäa nach Galiläa kommt. Er geht Ihm zwei Tagreisen weit entgegen und bittet Ihn, Er möge sich nirgends aufhalten, sondern unverweilt nach Kapharnaum herabkommen und seinen Sohn heilen. "Herr, komm herab, ehe mein Sohn stirbt." Der Herr erfüllt die Bitte des Beamten, doch nicht so, wie dieser geglaubt hatte. Er geht 11\cht nach Kaphar-

496 Die Zeit nach Pfingsten: Einundzwanzigste Woch naum hinab, sondern heilt den Todkranken aus d( Ferne. Er antwortet dem Beamten: "Gehe hin, dei Sohn lebt." Der Beamt,e glaubt und findet es b, seiner Heimkehr bestätigt: sein Sohn ist gesunl In derselben Stunde verließ ihn das Fieber, da Jest dem Beamten gesagt hatte: Dein Sohn lebt (Evar gelium).

2. "Wenn ihr nicht Zeichen und WUI der se h t, gl a u b t ihr ni c h t" (Evangelium Der Vater des Todkranken hat von J esus gehört un glaubt an Jesu Macht, seinen Sohn vor dem Tod zu bewahren. Sonst wäre er dem Herrn nicht s weit entgegengereist. Aber es war noch kein Glaubt wie J esus ihn will. Der Beamte meint, der Her müsse unbedingt in sein Haus nach Kapharnaur kommen. Er glaubt, die Macht des Herrn hing von der örtlichen Entfernung ab und von Seine persönlichen Gegenwart. Er erwartet vom HerfI daß Er seinem Sohne die Hand auflege und ih durch ein in die Augen fallendes Wunder dem Lebe wiedergäbe. Darum macht ihm der Herr den Vor wurf: "Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder sehe: glaubt ihr nicht." Der Beamte ist so sehr vom Ge danken an die Rettung seines Kindes eingenommer daß er den Sinn der Worte Jesu gar nicht weite beachtet. Mit der Zudringlichkeit des Schwer bedrängten erneuert er seine Bitte: "Geh nach Ka pharnaum hinab, gleich jetzt, noch ehe mein Soh stirbt." J esus aber geht nicht nach Kapharnaurr Es ist ihm wichtiger, daß Er den Glauben des Man nes höher führe. Er heilt den Kranken aus der FernE ohne jede sichtbare Handauflegung oder Berührung ohne Zeichen und Wunder. Der Beamte läßt siel vom Herrn auf die Höhe des vollkommenen Glau bens führen. "Gehe hin, dein Sohn lebt. Er glaubt dem Worte, das Jesus zu ihm gesprochen hatte und ging." Selig, die nicht sehen, sondern glauben Der Herr erzieht die Seinen zum Glauben. Zun Glauben an Seine Liebe, an Seine weise Vorsehung

Montag: Unser Glaube.

497

an Sein allmächtiges, verborgenes Wirken! Seine Wege sind nicht des Menschen Wege.

"H er r, geh e hin ab. ehe m ein S 0 h n s t i rb t." Im zudringlichen Beamten mit seinem unvollkommenen, schwachen Glauben meint die Liturgie uns Christen von heute. Wir erleben es, wie viele unserer Brüder in Christus der Welt und dem Irdischen leben und sich immer mehr an das Diesseits verlieren. Wir müssen es mit ansehen, wie sehr der Glaube, das christliche Selbstbewußtsein schwinden. Die Grundsätze der Welt gewinnen immer mehr Boden. Die Einstellung auf das Diesseits mit seinen Idealen und Gütern, die religiöse Gleichgültigkeit, die Gottvergessenheit, der Abfall von Christus und von der Kirche nimmt erschreckende Ausmaße an. Wir erkennen die Gefahren, denen wir alle, denen die Seelen unserer Lieben ausgesetzt sind. Wir fürchten um ihr Heil. Mit dem Beamten des Evangeliums kommen wir zum Herrn: "Herr, komme herab, ehedem sie alle verloren gehen." Greife ein, so wie Du schon so oft in der Geschichte des Volkes Israel und in der Geschichte der Kirche sichtbar eingegriffen hast. Komme zum Gericht, mit starkem Arm. mit flammendem Zorn. mit einem die Bösen vernichtenden Gottesgericht. Tu ein Zeichen, daß sie wieder glauben, daß sie zu Dir zurückkehren und so ihre Seele retten. So halten wir insgeheim innerlich Ausschau nach einem Zeichen, nach dem Kommen des Herrn. Er aber macht uns den Vorwurf: "Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder sehet, glambt ihr nicht." Er erfüllt unsern Wunsch nicht. Er führt uns vielmehr auf die Höhe des Glaubens: "Siehe, Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt" (Matth. 28, 20). Er will, daß wir an Seine Liebe, an Seine Weisheit, an Seinen Willen und Seine Macht, die Seelen zu retten und das Böse zu überwinden, glauben. "Seid getrost, Ich habe die Welt überwunden" (Joh. r6, 33). Der Herr will von uns Glauben. Noch kommt Er nicht zum GeBaul', Werde Licht Ill. 32

498 Die Zeit nach Pfingsten: Einundzwanzigste Woche. richt. Er gibt uns nur täglich neue Glaubensproben. Mit diesen hilft Er unserem Glauben auf und mehrt ihn. Wir glauben wie der Beamte des Evangeliums und gehen im starken, blinden Glauben unsern Weg der ewigen Heimat zu. Dort werden wir es er-

kennen: "Dein Sohn lebt." .

3· Mehr als wir es uns eingestehen wollen, suchen wir ein Zeichen vom Herrn. Der Glaube an Seine Person, an Seine Gottheit und Menschheit. an Seinen Heilswillen, an Sein Heilswirken an den Seelen, an Seine weise Vorsehung, an Sein gehejmnisvolles, tatkräftiges Wirken in den Herzen, an Seine Kraft. mit sanfter Gewalt selbst unsern widerspenstigen Willen umzubiegen, an Seine Verheißungen und Zusicherungen will uns vielfach nicht genügen. Wir haschen nach Prophezeiungen, nach Enthüllungen der Zukunft und glauben an wahnwitziges Gerede über die Dinge, die über die Menschen oder über uns persönlich kommen sollen. Wir verdienen den Vorwurf des Herrn: "Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, glaubt ihr nicht."

"Die Tage sind böse" (Epistel). Um so mehr glauben wir an die Heilsabsichten und an die Macht der Liebe des Herrn. \Vir fürchten nicht. Je mehr sich uns die Sorge um die gefährdeten Seelen aufdrängt, um so fester stehen wir zum Herrn, bittend, sühnend, vertrauend! "Aller Augen warten auf Dich, 0 Herr, und Du gibst ihnen Speise zur rechten Zeit. Du öffnest Deine Hano und erfüllest alles, was da lebt, mit Segen" (Graduale). So glauben und vertrauen wir. Wir werden nicht enttäuscht. ebensowenig wie der Beamte des Evangeliums mit seinem Glauben an Jesu Wort betrogen war.

Gebet.

Wir bitten Dich, 0 Herr, schenke Deinen Gläubigen gnädig Verzeihung und Frieden, damit s:e von allen Sünden gereinigt werden und' frohgemut Dir dienen können. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Dienstag: "Wandelt wie Weise." 499

Dienstag

der einundzwanzigsten Woche nach Pfingsten.

"Wandelt wie Weise."

I. "Brüder, sehet zu, daß ihr vorsichtig wandelt. nicht wie Toren, sondern wie Weise" (Epistel). Eine eindringliche Mahnung, daß wir dem ein e n Notwendigen leben, dem Heil unserer Seele. Eine um so eindringlichere Mahnung, je mehr wir mit der heiligen Liturgie den Tag der nahen Ankunft' des Herrn in unserem Tode vor Augen haben.

2. "N ich t wie Tor e n." Der erste Schritt im christlichen Leben ist die Befreiung von der "Torheit", von der Sünde und allem Bösen, die Läuterung der Seele. Wer die Leiter hinanwill, der muß bei der untersten Stufe anfangen. Die erste Aufgabe besteht darin, daß wir gegen unsere Fehler kämpfen und unsere verdorbene Natur von ihren Schlacken reinigen und das Unkraut aus dem Bouen des Herzens ausreißen. Es kostet Mühe und Anstrengung. Indes, mag der Anfang schwer sein, so wird die Arbeit immer leichter, weil die Kraft der Gnade sich immer ungehinderter in der Seele geltend machen kann. nachdem der Anfang gemacht ist. "Sehet zu, daß ihr nicht wie Toren handelt", wie jene, die glauben, es könne ein Wachstum, einen Fortschritt, eine Vollkommenheit geben, die nicht auf dem Fundament der Reinigung des Herzens aufgebaut sei, auf dem Kampf gegen den Hauptfehler. gegen die Neigung zu bestimmten kleineren Fehlern und Unvollkommenheiten, gegen die Versuchungen. gegen die Macht der Leidenschaften. Auf dem Fundament der Abtötung der Sinnlichkeit, der innern und äußern Sinne, der Weichlichkeit, der Launenhaftigkeit, der Neigung zum Stolz, zur Lieblosigkeit. Auf dem Fundament der ernsten Buße, sei es in der bereitwilligen Unterwerfung unter die von Gott verhängten Leiden und Prüfungen, sei es in selbstgew;ihlten Härten und Strengheiten. Auf

32*

500 Die Zeit nach Pfingsten: Einundzwanzigste Woche. dem Fundament der Überwindung des bloß natÜrlichen Denkens und Urteilens Über Vorkommnisse, Verhältnisse, Menschen, Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten. Auf dem Fundament der täglich noch vollkommeneren Loslösung von dem eigenen Geist, Sinn und Willen und von der Macht der Eigenliebe, die unser gesamtes Tun und Lassen vergiftet und unfruchtbar macht.

Wie We i se. Weise handelt der Apostel. Er könnte sich so vieler VorzÜge rÜhmen, der Abstammung, der Talente, des Wissens, des Eifers fÜr seine Überzeugung als Pharisäer, der Gesetzestreue. "Aber was mir einst als Gewinn erschien, das habe ich um Christi willen fÜr Schaden erachtet. Ich halte alles fÜr Verlust, weil die Erkenntnis meines Herrn J esus Christus, um dessentwillen ich auf alles verzichtet habe, Über alles erhaben ist. Ja ich erachte es als Kehricht, um Christus zu gewil1Den und in Ihm gerechtfertigt zu werden. Ich. möchte Ihn erkennen und die Macht Seiner Auferstehung und die Teilnahme an Seinem Leiden (wie ehrenvoll und segenbringend es ist, mit Christus zu leiden), und Ihm will ich im Sterben ähnlich werden, in dem Gedanken, daß ich (durch die MÜhen und Leiden fÜr Ihn) zur Auferstehung von den Toten gelange. Nicht, als ob ich das Ziel erreicht hätte oder bereits vollkommen wäre. Aber ich jage ihm nach und möchte es erreichen. Das Ziel im Auge, jage ich dem Kampfpreis nach, zu dem mich Gott dort oben durch Christus J esus berufen hat. So wollen wir alle denken, die wir vollkommen sind" (Phil. 3, 5-15). Wie Weise! Mit jedem Schritt kommen wir der Wiederkunft des Herrn, dem Tode, dem Gerichte näher. "Wie in den Tagen Noes, so wird es bei der Wiederkunft des Menschensohnes sein. In den Tagen vor der Sintflut schmausten sie und heirateten sie bis zu dem Tage, da N oe in die Arche ging. Und sie kamen nicht zur Einsicht, bis die Sintflut herein-

Dienstag: ,,'\Tandelt wie V.'eise." 50 I

brach und sie alle wegraffte. Geradeso wird es auch bei der Wiederkunft des Menschensohnes sein. Dann werden zwei auf dem Felde sein: der eine wird aufgenommen (weggerafft), der andere bleibt zurÜck. Wachet also, denn ihr wißt den Tag nicht, an dem euer Herr kommt. Bedenkt: wenn der Hausvater wÜßte, zu welcher Stunde der Nacht der Dieb käme, so wÜrde er wachen und ihn in sein Haus nicht einbrechen lassen. Darum haltet auch ihr euch bereit: denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr es nicht vermutet" (Matth. 24, 37-44).

3· "Es wird sich mit dem Himmelreich wie mit den zehn Jungfrauen verhalten, die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam entgegengingen. FÜnf von ihnen waren töricht, fÜnf klug. Die törichten hatten zwar ihre Lampen, aber kein 01 mitgenommen. Da der Bräutigam länger ausblieb, wurden sie schläfrig und schliefen ein. Um Mitternacht erscholl der Ruf: Der Bräutigam kommt! Die J ungfrauen erhoben sich und brachten ihre Lampen in Ordnung. Die törichten gingen, 01 zu kaufen. Unterdessen kam der Bräutigam. Die klugen Jungfrauen gingen mit Ihm zur Hochzeit ein, und die TÜre ward verschlossen. Später kamen auch die Übrigen Jungfrauen und baten: Herr, Herr, mach uns auf! Er aber erwiderte: "Ich kenne euch nicht. Wachet also, denn ihr wißt weder den Tag noch die Stunde" (Matth. 25, I ff.) "Wandelt nicht wie Toren, sondern wie Weise."

"NÜtzet die Zeit aus, denn die Tage sind böse.

Erkennet, was der Wille Gottes ist." Eine wirksame, praktische Erkenntnis meint die Epistel, eine Erkenntnis, die zur Tat drängt und kraft deren wir j eden Augenblick das tun und annehmen, was Gott von uns will bzw. uns zu tragen auferlegt. Das ist christliche Weisheit!

502 Die Zeit nach Pfingsten: Einundzwanzigste Woche.

Ge b e t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, schenke Deinen Gläubigen gnädig Verzeihung und Frieden, damit sie von allen SÜnden gereinigt werden und frohgemut Dir dienen können. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Mittwoch

der einundzwanzigsten Woche nach Pfingsten.

"NÜtzet die Zeit aus."

1. Die Liturgie drängt. "Nützet die Zeit aus, denn die Tage sind böse" (Epistel). Das Ende naht. Also gilt es, die uns gegebene Lebenszeit wie einen Markt leerzukaufen, alles aus ihr herauszuholen, was sich für Gott und für die Seele herausholen läßt. "Die Tage sind böse." Wir können die uns geschenkte Zeit leicht mißbrauchen und verlieren, zum Nachteil fÜr die Sache Gottes und zum Verderben unserer Seele anwenden. "Daher seid nicht unverständig."

2. "Nützet die Zeit aus." Die Jahre eilen dahin. Bevor wir daran denken, ist für uns die Uhr abgelaufen und stehen wir vor dem Tode. Jeder Tag, jeder Augenblick des Tages ist uns dazu gegeben, daß wir ihn für Gott verwenden und so uns eine selige Ewigkeit erobern. Von der ganzen Zeit unseres.Lebens aber haben wir nur den einen gegenwärtigen kurzen Augenblick. Ehe wir uns auf ihn besonnen haben, ist er entschwunden. Die Vergangenheit ist für uns dahin und kehrt nie wieder. Die Zu@unft gehört uns noch nicht und wird uns vielleicht überhaupt n'ie gehören. So besitzen wir einzig den gegenwärtigen Augenblick, der im nächsten Moment schon nicht mehr existiert. Unsere einstige Ewigkeit hängt davon ab, ob und wie wir den gegenwärtigen Augenblick anwenden. vVir können ihn verlieren und unbenützt vorÜbergehen lassen. Wir können ihn bewußt zur SÜnde benÜtzen. Wir

Mittwoch: "Nützet die Zeit aus." 503

können aus ihm eine kostbare Gnade machen. Tod und Leben, Glück und UnglÜck, Himmel und Hölle hängen für uns davon ab, was wir aus dem gegenwärtigen Augenblick machen. MÜssen wir es also mit unserem Leben, das mit jedem Augenblick enden kann, das uns gegeben ist, den Himmel zu erwerben, nicht ernst nehmen? Dürfen wir auch nur ein e n Augenblick unbenÜtzt vorübergehen lassen? DÜrfen wir auch nur ein e n Augenblick der Welt, der SÜnde leben? Müssen wir nicht vielmehr mit jedem Augenblick wuchern und alles aus ihm herausholen, was aus ihm fÜr Gott und unsere Seele herauszuholen ist?

"W i r m ö gen leb e n 0 der s t erb e n, so sind wir des Herrn" (Röm. 14, 8). Wir sind Christen, kraft der heiligen Taufe (und kraft unserer heiligen OrdensgelÜbde ) Gott geweiht. Unser ganzes Ich gehört Ihm: Leib und Seele, unsere Fähigkeiten und Talente, Gesundheit und Kraft. Auch unsere Zeit. Nicht mehr wir verfügen und bestimmen über den Tag und über die Stunden und Augenblicke, die uns gegeben sind, sondern Er, dem wir geweiht sind. Er verfügt über unsere Freiheit, über unser Wollen, über jeden Augenblick unserer Lebenszeit. Wir haben nur ein e s zu tun: darauf acht zu haben, was Gott j eden Augenblick von uns will und wÜnscht, um so dann zu allem und jedem, was Er fordert, anordnet, fügt und schickt, ein freudiges "Fiat" zu sagen. Weil Er, der Herr, Über unsere Zeit bestimmt, ist es uns gleichgÜltig, ob Er uns zu dieser oder jener Pflicht ruft. \Vir stehen jeden Augenblick bereit, zu tun und anzunehmen, zu arbeiten und zu opfern, was Er und wie Er es wünscht und fügt. Gott läßt uns auch nicht ein e n Augenblick mÜßig stehen. Er bestimmt alles, teilt alles ein, regelt und ordnet alles. Gibt Er uns kein äußeres Werk zu tun auf, dann beschäftigt Er uns nach innen. Jeden Augenblick, ununterbrochen zieht Er uns; daß wir Ihn lieben, Ihm danken, Ihm lob-

504 Die Zeit nach Pfingsten' Einundzwanzigste Woche. singen, mit allem Ihm uns unterwerfen und uns Seinem heiligen Wohlgefallen hingeben. Jeder Augenblick des Tages ist ein Ausatmen der Liebe des Kindes zum Vater, in einer ununterbrochenen Hochstimmung der Seele, die Ihm lebt und sich mit ihrem gesamten Wollen und WÜnschen in die Hand des Vaters gibt. So nützen wir j eden Augenblick vollkommen aus. Wir gehen immer tiefer und vollkommener in die Abhängigkeit von Gott un{\ Seinem heiligen Willen ein. Wir berÜhren uns j eden Augenblick mit dem Tiefsten und Letzten, was er in seinem Schoße birgt: mit Gott, mit Gottes Willen und Wohlgefallen, mit Gottes Gnade. Jeder Augenblick wird eine schwere, volle Garbe für die Scheune der Ewigkeit.

3. Nur der gegenwärtige Augenblick ist uns gegeben. Ihn mÜssen wir benÜtzen. J n ihm mÜssen wir leben, d. i. das tun, und das ganz tun, was Er von uns verlangt. Statt dessen leben wir so gern in der Zukunft, machen uns Pläne, unnötige Angsten und Sorgen um das, was morgen kommt. Wir leben in der Vergangenheit, in unnötigen, zerstreuenden Erinnerungen, Vorwürfen, Skrupeln und lassen die Gnade des gegenwärtigen Augenblicks unbenützt.

Allzu oft geschieht es, daß wir das, was wir nach Gottes Willen in diesem Augenblick tun sollten, auf später verschieben. Bald treten sich die verschiedenen Pflichten gleichsam auf die Fersen und werden von uns als Last empfunden. Wir tun die Dinge nicht mehr, wie wir sie tun sollten. Wir handeln mit Übereilung, mit einer natürlichen Hast, mit dem Gedanken, fertig zu werden, nicht eigentlich im Gedanken an Gott. Statt daß wir jede Pflicht tun, wie sie kommt, mit Ruhe uncl Beharrlichkeit, den Blick auf Gott gerichtet! Nur ein tief im Glauben und im Willen Gottes verankerter Mensch nÜtzt die Zeit wahrhaft aus.

Nachdem wir so viele Augenblicke der Zeit, die uns gegeben ist, nicht ausgenützt haben, ruft uns

Donnerstag: Die geistliche Trägheit. 505

der Glaube an die Wiederkunft des Herrn zum Gericht, der Gedanke an den Tod mit aller Eindringlichkeit das Wort der Epistel zu: "Nützet die Zeit aus." Wir haben soviel zu bereuen und zu bessern. "Weh', was werd' ich Armer sagen, welchen Anwalt mir erfragen, wenn Gerechte selbst verzagen! Seufzend steh' ich schuldbefangen, schamrot glÜhen meine Wangen, laß mein Bitten Gnad' erlangen" (Sequenz der Totenmesse).

Ge be t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, schenke Deinen Gläubigen gnädig Verzeihung und Frieden, damit sie von allen Sünden gereinigt werden und frohgemut Dir dienen können. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Donnerstag

der einundzwanzigsten Woche nach Pfingsten.

Die gei s t I ich e T r ä g h e i t.

1. "Sehet z.u, daß ihr vorsichtig wandelt, nicht wie Toren, sondern wie Weise. NÜtzet die Zeit aus, denn die Tage sind böse" (Epistel), voller Versuchungen, Reize und Gefahren für ein zielbewußtes übernatürliches Wollen und Streben. Eine Hauptschwierigkeit und Hauptgefahr liegt in unserer natÜrlichen Neigung zur geistlichen Trägheit. Sie hindert uns, die Zeit für Gott und für das innere Leben richtig auszunÜtzen. Die drei Hauptformen der Trägheit sind die Zerstreutheit, die Traurigkeit und Niedergeschlagenheit des Geistes, die Beschäftigung mit unnützen Dingen.

2. Die Zer s t r e t1 t he i t, der Zustand des Nichtbei-der-Sache-sein. Sie ist eine "Sünde ohne einen Leib" und kann sich aus allem einen Leib machen und ihn beseelen, Sie wirkt in der Stille und macht sich kaum bemerkbar. Ja, eine ihrer gefährlichsten Seiten ist gerade die, daß wir es gar nicht merken,

506 Die Zeit nach Pfingsten: Einundzwanzigste Woche. daß wir in der Zerstreuung sind. Sie ist ein Krebsschaden des innerlichen Lebens und zeitigt sehr unheilvolle Erscheinungen: Unzufriedenheit mit uns selbst, Tadelsucht, eine unruhige Begierde, uns zu rechtfertigen, eine krankhafte Neigung, andere zu kritisieren; sie lenkt unsere Aufmerksamkeit im Gebet vielfach ab, macht uns nach der heiligen Kommunion verdrossen, bewirkt, daß wir unsere Pflichten ohne Eifer erfüllen und flößt uns einen auffallenden Widerwillen gegen die BußÜbungen ein. Sie kann in kurzer Zeit die mit MÜhe geernteten Gnaden langer Monate oder besonderer Gnadenzeiten vernichten. Zu diesem Zustand fÜhrt die Gewohnheit, die Pflichten, die heute, in diesem Augenblick, erfüllt werden sollten, auf morgen zu verschieben: wir geraten in die Unruhe, in eine ungeistige Hast hinein und sehen in den gehäuften Pflichten nicht mehr Gott, sondern nur die erdrÜckende Last. Zur Zerstreuung führt die Gewohnheit, daß man immer im Begriffe steht, eine Arbeit anzufangen, und doch nicht damit beginnt; die Überlastung mit zu viel mÜndlichen Gebeten und äußern AndachtsÜbungen.

Die gei s t li c h e T rau r i g k ei t. Kein anderyr Zustand des innerlichen Lebens erzeugt so viele läßliche SÜnden als die Traurigkeit. Sie ist nichts weniger als Demut, denn sie macht eher aufgeregt und zänkisch als geduldig. Sie ist keine Reue: sie ist ein geheimer Arger über uns selbst, nicht ein Schmerz darüber, daß wir Gott beleidigt haben. Sie ist Eigenliebe. Wir sind traurig, weil wir mÜde sind, recht zu handeln und treu zu sein. Wir haben den Mut verloren, mit den Gelegenheiten zu Untreuen und Unvollkommenheiten zu brechen. Wir wenden uns innerlich den Geschöpfen zu und suchen bei ihnen Trost. Wir wollen beachtet, anerkannt sein; die andern sollten wissen, was wir fühlen, leiden, tun und vorhaben. Mit einem Wort: die Welt ist der Sonnenstrahl, in dem wir uns wärmen. pie Trauri~keit gibt dem Teufel Gewalt über unsere

Donnerstag: Die geistliche Trägheit. 507

Seele. Sie schwächt die Wirkkraft der heiligen Sakramente. Sie macht die süßen Dinge bitter und macht, daß die Heilmittel des geistlichen Lebens wie Gift wirken. Wir verlieren den Mut zum Kämpfen und Entsagen. Wir finden Gott nicht mehr richtig, und gerade diese Erfahrung versenkt uns noch tiefer in den Abgrund der Traurigkeit. Wie sehr sind wir also gehemmt, die Zeit und Gnade richtig zu benÜtzen, die Gottes Güte uns j eden Augenblick anbietet! Der tiefste Grund der Traurigkeit ist die Gewohnheit, weniger mit RÜcksicht auf Gott, Gottes Ehre, Wille und Wohlgefallen zu handeln, als mit Rücksicht auf uns selbst und auf das, was uns genehm ist und uns entspricht. Gerade in den Belangen der Frömmigkeit! Viele haben sich als Ziel ihres geistlichen Strebens nicht eigentlich Gott gesetzt, sondern den eigenen Fortschritt, das eigene Ich. Und sie ahnen es nicht!

Die B e s c h ä f t i gun g mit u n n Ü t zen D i ngen. Noch nie hat es eine Zeit gegeben, die im gleichen Umfang wie die unserige dem Menschen Gelegenheit gab, sich an unnÜtze Dinge und Beschäfti~ungen zu verlieren. Sie verfÜhrt ihn geradezu, daß er die kostbare Zeit mit übermäßiger und ungeordneter Lektüre, mit der Tageszeitung, mit dem Radio, mit dem Interesse für Sport und Festlichkeiten, mit st€ts neuer Sensation verliere. Und wären es nur Weltkinder, die in diesen an sich berechtigten Dingen nicht das richtige Maß einhalten und durch sie nicht so hindurchgehen, daß sie darob den Sinn und den Blick für das ein e Notwendige bewahren. Aber auch wir, die wir uns Gott geweiht und verpflichtet haben, geben uns mit unnÜtzen Dingen ab, zum Schaden des Gebetsgeistes, der Sammlung, der liebenden Aufmerks'amkeit auf Gott und der vollkommenen Hingabe an Ihn! Wie viel unnötige Zerstreuung! Wie viele unnütze, oft sogar sündhafte Gedanken, Sorgen, Pläne, Worte, Reden und Unterhaltungen! Wie sel:1.r hat die Li,~

508 Die Zeit nach Pfingsten: Einundzwanzigste Woche. turgie Grund, uns zu ermahnen: "NÜtzet die Zeit aus, denn die Tage sind böse", verführerisch!

3. Es kostet eine nicht gewöhnliche Geisteskraft, Anstrengung und Heiligkeit, jeden Augenblick gut zu benÜtzen. Darf es uns wundern, daß ein hl. Alfons von Liguori, der es wagte, das GelÜbde zu machen, nie einen Augenblick Zeit zu verlieren, auf die Altäre der Kirche erhoben zu werden verdiente?

Darin besteht eine besondere Gnade des Ordensstandes, daß er uns machtvoll gegen die Gefahr der Trägheit schützt und sichert. Aber auch im Ordensstand bedarf es, wie in der Welt, einer hohen Idee vom Wert des Augenblickes, eines intensiven Glaubenslebens, einer innigen Liebe zu Gott und Christus, einer weitgehenden Loslösung und Abtötung.

Ge b e t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, schenke Deinen Gläubigen gnädig Verzeihung und Frieden, damit sie von allen Sünden gereinigt werden und frohgemut Dir dienen können. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Freitag

der einundzwanzigsten Woche nach Pfingsten.

"Erkennet, was der \Ville Gottes ist."

1. "Nützet die Zeit aus, denn die Tage sind böse.

Seid daher nicht unverständig, sondern erkennet, was der Wille Gottes ist" (Epistel). Darin besteht die Weisheit des christlichen Lebens: erkennen, was der \Ville Gottes ist. In allem Gott und Seinen heiligen Willen achten! In dem Maße nÜtzen wir die Zeit aus, als wir die Gewohnheit haben, alles und jedes, was uns begegnet, im Lichte des Willens und Wohlgefallens Gottes zu sehen und im Hinblick auf Gottes Willen zu tun bzw. anzunehmen und zu leiden.

2. "E r k e n n e t, was. der \V i 11 eGo t t e s i s t.H Darauf kommt fÜr den Herrn alles an, daß Er den Willen des Vaters tue. Er schaut den Willen

Freitag: "Erk(!nnet, was der Wille Gottes ist." 509 des Vaters immerfort mit ganzer Klarheit und Sicherheit. Hat Er ja, als der menschgewordene Sohn Gottes, schon hier auf Erden vom ersten Augenblick an, da Er in die Welt eintritt, die klare Anschauung Gottes. Er sieht in allem Gott, den Willen Gottes, das, was dem Vater lieb ist. "Das, was dem Vater wohlgefällig ist, tue Ich allezeit" (J oh. 8, 29). Seine "Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der Ihn gesandt hat" (Joh. 4, 34)· Der Herr kennt nichts anderes als den Willen des Vaters. Ihm lebt Er voll und ganz. Wir sind dem Herrn einverleibt. Wir leben J esu Leben mit. Auch fÜr uns kommt alles einzig darauf an, daß wir den Willen des Vaters erkennen und erfÜllen. Unser Fortschritt und unsere Vollkommenheit besteht darin, daß wir uns aus ganzem Herzen dem Willen Gottes darbringen und nie etwas für uns selber suchen, weder im Kleinen noch im Großen, weder in der Zeit noch in der Ewigkeit (Nachfolge Christi 3, 25)· Die Vollkommenheit besteht in der Liebe, die Liebe aber darin, daß wir Gottes Willen erfÜllen: "Dein Wille geschehe!" Wir werden aber Gottes Willen nur so weit erfüllen, als wir Gottes Willen sehen, erkennen. Der erste Schritt zum wahren christlichen und vollkommenen Leben wird damit gemacht, daß wir in allen Dingen, Verhältnissen, Vorkommnissen und Erlebnissen Gottes Vorsehung, Hand, Gottes liebende Fügung, Zulassung und Schickung sehen. Daß wir nicht bei den Erlebnissen, Vorkommnissen, Schwierigkeiten, Obliegenheiten stehen bleiben, sondern durch sie hindurchsehen und über sie hinausgehen und zum Letzten vordringen, zur wahren Wirklichkeit, zu Gott, "der alles in allem wirkt" CI Kor. 12, 6).

Den Will enG 0 t t e s e r k e n n e n wir in den sog. Zeichen, mit denen Gott uns zu verstehen gibt, was Er von uns will und wünscbt. Diese Zeichen sind das äußerlich von Gott gesprochene Wort, so wie es uns in der Offenbarung des Alten und N euen

5 IO Die teit nach Pfingsten: Einundzwanzigste Woche. Testamentes nahegebracht ist. Die Schriften des Alten und Neuen Testamentes kÜndigen uns, was Gott gebietet; verbietet, was Er uns anratet und von unserer Liebe erwartet, auch wo Er etwas nicht ausdrücklich gebietet oder verbietet. Ein Z\veites Zeichen des Willens Gottes ist das äußere Wort Gottes in der Schöpfung und Vorsehung. Jedes Wesen kÜndet uns die Macht, die Weisheit, Liebe und Größe Gottes und fordert uns auf, in heiliger Ehrfurcht diesem großen, liebenden Gott zu dienen und zu leben. In allen Vorkommnissen, den kleinen und den großen, wirkt Gottes Vorsehung. Alles, mag es uns noch so hart ankommen, ist von Gottes Weisheit zugelassen, angtwrdnet, jedem so zugemessen, wie es fÜr ihn das Beste ist. Was die körperlich-geistige Natur von uns verlangt, was die sozialen Rücksichten uns an Pflichten und Einschränkungen auferlegen, was der Beruf und Stand, in dem wir sind, von uns fordert, ist uns nichts anderes als eine Kundgebung dessen, was Gott will, daß wir es tun bzw. tragen. Ein drittes Zeichen Seines Willens ist das innere Wort der gnadenvollen Einsprechung, das Er zu uns redet. Es ist von uns .schwerer zu erkennen als das äußere Wort Gottes an uns. Es wird aber in dem Grade, als wir in der Gottvereinigung wachsen, mit immer deutlicherer Klarheit und immer mehr Sicherheit erkannt. Ein viertes Zeichen Seines Willens sind die Einsichten und Forderungen unserer Vernunft. Gottes Wille ist es, daß wir, bei allem Glaubensgeist, die uns von Ihm gegebene, vom Glauben erleuchtete Vernunft anwenden und befragen. In nicht wenigen Fällen bleibt die eigene Einsicht die fast einzige Leuchte. Wächst in uns die Gnade und mit der Gnade die heilige Liebe, dann wird die eigene Einsicht so sehr vom Lichte des Heiligen Geistes erhellt, daß sie fast instinktiv und ohne viel Überlegung erkennt, was Gott von der Seele will (Gabe des Rates). "Erkennet, was der Wille Gottes ist."

Samstag: "Werdet voll des Heiligen Geistes.11 511 3·.,Erkennet, was der Wille Gottes ist." Es kann keine beglückendere und befl'eiendere Erkenntnis geben als die Erkenntnis dessen, was Gottes Wille ist. Im Lichte der Erkenntnis: Es ist so Sein Wille, Er schickt es so, Er läßt es so zu, Er fügt und ordnet es so, wird die PflichterfÜllung leicht und werden die Leiden süß. Was immer uns begegnet, bilden wir in der Erkenntnis, daß Er es so geordnet und uns auferlegt hat, zu einem Gebet um, zu einem "aus Liebe zu Dir", zu einer Gnade. "Selig, die nach des Herrn Gesetz (Willen) wandeln !"(Introituspsalm.)

In der Erkenntnis des Willens Gottes bekennen wir: "Gerechtigkeit nur war Dein Tun, 0 Herr, in allem, was Du uns angetan. Wir haben ja gesÜndigt gegen Dich und Deinen Geboten nicht gehorcht" (Introitus). In allen Leiden und Strafgerichten, die über uns kommen, erkennen wir das Wirken des ebenso gerechten als barmherzigen, liebenden Gottes. Wir beugen uns in Demut und mit dem unerschÜtterlichen Vertrauen auf Seine Barmherzigkeit. "Verherrliche Deinen Namen und handle an uns nach der Fülle Deiner Barmherzigkeit. So betrachten und behandeln wir mit der Kirche die Leiden und Schwierigkeiten des gegenwärtigeIl Lebens.

Ge b e t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, schenke Deinen Gläubigen gnädig Verzeihung und Frieden, damit sie von allen Sünden gereinigt werden und frohgemut Dir dienen können. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Samstag

der einundzwanzigsten Woche nach Pfingsten.

,. Wer d e t \' 0 11 des H eil i gen Gei s t e s."

1. Die Liturgie denkt an das nahe Ende aller irdischen Dinge, auch unseres eigenen Lebens. Mit

5 12 Die Zeit nach Pfingsten: Einundzwanzlgste Woche. Wehmut sieht die Mutter Kirche, wie die Masse der Getauften ungeistig lebt und in den irdischen Sorgen und Interessen, GÜtern und GenÜssen aufgeht. Sie sind "unverständig". "Berauschet euch

,nicht mit Wein, denn darin liegt Ausschweifung ..

Werdet vielmehr voll des Heiligen Geistes."

2. "Wer d e t voll des He i li gen Gei s t e s" (Epistel). Ahnlich wie Maria, das "geistliche Gefäß". Ahnlich wie die Apostel, nachdem der Heilige Geist auf sie herabgekommen war. Ahnlieh wie die ersten Christen, welche kraft der heiligen Taufe und Firmung so sehr andere Menschen wurden, daß sie allen, die sie sahen, heilige Ehrfurcht abzwangen. UnwillkÜrlich sah man es ihnen an, daß in ihnen etwas Göttliches wirksam ist. Das ist das Ziel, auf das hin wir getauft und gefirmt sind: voll des Heiligen Geistes. Vor der heiligen Taufe hauchte uns der Priester an und sprach: "Weiche, unreiner Geist, und mache dem Heiligen Geiste Platz." Dann drückte uns die Kirche das Zeichen des heiligen Kreuzes auf die Stirne. Denn von nun an sollen wir "nicht mehr fleischlich sein, sondern geistig, weil der Geist Gottes in euch wohnt" (Röm. 8, 9)· "Die Christi sind, haben ihr Fleisch gekreuzigt mit den Leidenschaften und Begierden" (Gal. 5, 24)· "Ich beschwöre dich, betete der Priester, unreiner Geist, im N amen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, gehe aus und weiche von diesem Diener Gottes. Denn jener befiehlt dir, du Verfluchter, der mit Seinen FÜßen auf den Wassern wandelte und dem sinkenden Petrus die Rechte reichte." Wir wurden getauft. Mit der heiligmachenden Gnade zog in unsere Seele der Heilige Geist ein und ; erfüllte sie mit Seinem Licht, mit Seiner Heiligkeit. Wir wurden zum Sakrament der heilig-en Firmung zugelassen. Der Bischof empfing uns mit dem Zuruf: "Der Heilige Geist komme Über euch und die Kraft des Allerhöchsten bewahre euch vor SÜnden. Amen." Was am Pfingsttag an den Apo-

Samstag: "Werdet voll des Heiligen Geistes." 5 13 5teln geschah, soll sich an uns wiederholen. \Vir empfangen den Heiligen Geist 'als den Geist der Kraft im Kampf gegen die SÜnde, als den Geist der Kraft zum mutvollen Bekenntnis Christi und Seiner Lehre, den Geist der Kraft zur Entfaltung und Vollendung der christlichen Tugend und Heiligkeit. Der Bischof streckte seine Hände Über uns aus und rief auf uns den Geist der Wahrheit und des Verstandes herab, den Geist des Rates und der Stärke, der Wissenschaft und Frömmigkeit, mit besonderem Nachdruck den Geist der Furcht des Herrn, auf welchem alles geistliche Leben wie auf seinem Fundament ruht. Dann salbte uns der Bischof mit heiligem 01 auf der Stirne. Er flehte zu Gott:

"Bestärke und festige, was Du in Deinem heiligen Tempel, d. i. in der Kirche, an uns gewirkt hast." "Der Heilige Geist, der auf sie herabgekommen ist, möge in ihnen wohnen und sie zu einem Tempel Seiner Glorie machen." Er entließ uns mit dem Segen: "Es segne euch der Herr von Sion aus, damit ihr sehet die GÜter J erusalems", d. i. die FÜlle der Gnade hier auf Erden, "und das ewige Leben erlanget". Wir sind Tempel des Heiligen Geistes und sollen es tägl ich noch vollkommener werden. "Werdet voll des Heiligen Geistes."

"V 0 11 des He i li gen Gei s t es." Der böse Geist hat keinen Platz meh r in uns. Auch der Menschengeist muß weichen: das bloß natÜrliche Denken und Urteilen. Wir handeln nicht mehr aus nur natÜrlichen Überlegungen und Motiven, aus den eigenen Einsichten, aus dem Antrieb der ungeordneten Leidenschaften, der rein natürlichen Gefühle, Triebe, Neigungen und Wünsche. Was uns zum Wollen und Handeln bestimmt, ist der in uns wohnende, uns beherrschende Heilige Geist. An die Stelle des bloß natürlichen Denkens und Lebens tritt ein tiefer, lebendiger Glaube. Die Hoffnung ist zu einem freudigen, unerschütterlichen Vertrauen auf die Liebe Gottes und Heilandes geworden und in eine kind-

ßaur. Werde Licht, llI, ÖÖ

514 Die Zeit na(:h Pfingsten: Einundzwanzigste Woche. liehe Hingabe an den in allem wirkenden, alles in Liebe und Weisheit ordnenden und leitenden Vater übergegangen. Unser Wille hat sich so sehr in den Willen Gottes verloren, daß dieser immer und in allem die einzige Triebfeder unseres Wollens und Handeins ist. Voll des Heiligen Geistes, leben 'wir beständig in der heiligen Furcht Gottes. Wir fÜrchten und fliehen die Sünde, die geringste Untreue und Verfehlung; wir wissen, daß wir des Herrn sind und daß wir unsere Seele um j eden Preis zu retten und zu heiligen haben. Voll des Heiligen Geistes leben wir das Leben der heiligen Liebe zu Gott und Christus. Wir unterhalten ein zartes, liebendes Verhältnis zu Gott, dem Vater und Freund. Wir leben in Seiner Gegenwart und wecken unser ganzes Sein und Wesen unablässig auf. daß es Ihn preise, Ihm danke, sich ganz Ihm hingebe. Wir vergessen uns selbst und verzehren uns in glühendem Eifer fÜr Ihn und seine Interessen. Wir erachten es als ein Gut Über jedes andere Gut, daß wir Ihm gefallen und Seinem heiligen Willen und Wohlgefallen leben. Mit kindlicher und zärtlicher Liebe hängen wir an Christus, dem menschgewordenen Gottessohn, an den Geheimnissen Seines Lebens auf Erden, im Himmel und im Tabernakel; an der heiligen Kirche und all dem Großen, das der Heilige Geist in ihr wirkt, an ihrem Glauben, an ihren Sakramenten, an ihrem Leben und Beten. Voll des Heiligen Geistes, sind wir gefriedet. Trotz äußerer und innerer Leiden und Prüfungen lebt in unserer Seele eine tiefe, unerschütterliche, freudige Ruhe und Sicherheit. Auch die Versuchungen verwirren und entmutigen uns nicht. Im Verkehr mit der Umwelt bewahren wir den Frieden und die Ruhe, selbst wo man unserer Eigenliebe oder unserem guten Recht zu nahe tritt. Voll des Heiligen Geistes erheben wir uns über die Art des bloß natürlichen Denkens, Wollens und Handeins. Ohne viel Nachdenken und frei von der uns sonst anhaftenden Schwerfälligkeit, Langsam-

Samstag: "Werdet voll des Heiligen Geistes." 5 I 5

keit und Unsicherheit entscheiden wir uns, wir wissen selbst nicht wie, für das Richtige und fÜhlen uns stark, Über den Durchschnitt und die M ittelmäßigkeit hinaus, wo sich eine Gelegenheit bietet, heldenmütige, heroische Akte zu setzen. Ein höheres Prinzip ist in uns am Werke, der Heilige Geist. Voll des Heiligen Geistes "singen und jubeln wir dem Herrn in unserem Herzen". In Affekten der Liebe, der Danksagung, der Anbetung, des Lobpreises, im Verein mit der gesamten betenden und anbetenden Kirche, im Opfer der heiligen Messe, in der Verrichtung des heiligen Offiziums, im privaten Beten, im stillen Umgang und Gebetsverkehr mit Gott und Christus.

3. "Vhrdet voll des Heiligen Geistes." Das ist im Sinn der heiligen Liturgie die Frucht des Pfingstfestes und der langen Wochen nach Pfingsten.

Um voll des Heiligen Geistes zu werden, brechen wir mit jeder bewußten SÜnde und Untreue, mit dem Widerstand gegen die Einsprechungen der Gnade, mit der Neigung zur Bequemlichkeit, mit den vielen selbstischen, irdischen und weltltchen Gedanken, WÜnschen, Begierden, BeweggrÜnden, Absichten und Plänen; mit unserem geheimen Stolz und unserem verkehrten Selbstvertrauen; mit jedem Nachgeben gegenüber der Sinnlichkeit und dem Fleische.

Ge b e t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, schenke Deinen Gläubigen gnädig Verzeihung und Frieden, damit sie von allen SÜnden gereinigt werden und frohgemut Dir dienen können. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Die liturgische Meßfeier

des einundzwanzigsten Sonntags nach Pfingsten.

J. Das Jahr der Gnade geht mit schnellem Schritt! seinem Abschluß entgegen. Die Kirche ist in Sor gen, der Feind könnte in diesen letzten Woche! seine Anstrengungen verdoppeln und die Gliiubige! um die Frucht des ablaufenden Jahres bringen. Des halb spornt sie ihre Kinder zu erneutem, mutigen Kampfe an und bietet ihnen die WaffenrÜstung, ij der sie den Nachstellungen des Teufels und seine Anhanges widerstehen und in allem Guten und Wah ren unerschütterlich standhalten können. Der Chris ist Kämpfer. Des Christen Leben ist ein Kampf un die Ideale Christi, des Königs, des Herrn und Got tes, dargestellt und vorgebildet in Esther, die durcl Fasten und Gebet gestärkt, vor dem König erschein und den Sieg über den Feind ihres Volkes, deI hinterlistigen und grausamen Aman, gewinnt; dar gestellt in der glaubensvollen und geduldig leidendeI Gestalt des Job und dessen Sieg über alle Boshei und Verfolgungen Satans. Was uns zum tapfere! Kampfe spornt, sind die beiden Vorbilder Esthe und Job und der Gedanke an das nahe Gericht.

2. Esther, die Kirche, die christliche Seele, weil sich von Aman, dem Feinde, Satan und seinen Hel fern bedrängt, gehaßt, verfolgt. Sie nimmt ihrl Zuflucht vertrauensvoll zum Gebete. "Herr, in Dei ner Macht liegt alles. Niemand vermag Deinen Willen zu trotzen" (Introitus). So wecke Dein, Macht auf und "behüte Deine Familie" gegen di Nachstellungen der Feinde (Oratio). Als Feind erheben sich gegen die Kirche, die christliche Seele nicht nur "Fleisch und Blut", d. i. schwache Men sehen, sondern "die Mächte und Gewalten, die Welt herrscher der Finsternis, die Geister der Boshei

Die liturg. Meßfeier d. 21. Sonntags n. Pfingsten. 517

in den Lüften". Zum Kampf gegen sie versieht uns Gott mit einer unÜberwindlichen Waffenrüstung : mit "dem Gurt der Wahrheit, mit dem Panzer der Gerechtigkeit, mit den Beinschienen der Bereitschaft für das Evangelium Christi, mit dem Schild des Glaubens, dem Helm des Heiles und dem Schwert des Geistes" (Epistel). Das Graduale nimmt das "ertrau~nsvolle Gebet des Introitus wieder auf. Aus dem Aufblick zur Majestät des Gottes, der war, "ehedem die Berge wurden und die Erde und ihr Umkreis", gewinnt die Seele neue Kraft und Festigkeit. Was sind wir Menschen gegenüber diesem großen Gott? Nur Schuldner. Doch Gott erläßt uns unsere Schuld, wenn wir Ihn darum bitten. Nur mÜssen wir selber gegenüber unsern Schuldnern Erbarmen Üben (Evangelium). Dann dÜrfen wir von Gott Hilfe und Kraft zum Sieg Über die Feinde des Heiles erhoffen, ähnlich wie Job, der schlicht und recht und gottesfürchtig den Kampf mit Satan aufnahm und siegreich bestand, im Heroismus des Duldens. Satan will ihn durch allerlei Bedrängnisse und Unglück zwingen, daß er Gott fluche. Aber Job ist stärker. Er trägt die WaffenrÜstung Gottes und wahrt Gott die Treue und den Glauben (Offertorium).

3. Im festen Glauben an Gott, den Allbeherrscher, dem alles unterworfen ist, gestärkt durch Fasten und Gebet, macht Esther, die Braut, die Königin, d. i. die heilige Kirche, den Gang zum König. Wir mit ihr. Wir bieten Gott unsere Gabe an. Christi Fleisch und Blut, das "heilige Brot des Lebens und den Kelch des immerwährenden Heiles", und· weihen Ihm in dieser unserer Opfergabe uns selber, unser ganzes Sein, auf daß es Ihm gehöre, Ihm lebe und diene. Mit Job, dem Typus des leidenden, gedemÜtigten Christus und Herrn, sind wir bereit, uns in allem dem Willen des Vaters anheimzugeben und uns allen Bedrängnissen und Kreuzen willig zu unterwerfen, Zum Kampf, den wir heute gegen die

5 18 Die Zeit nach Pfingsten: Zweiundzwanzigste Woche. Mächte des Bösen zu bestehen haben, holen wir uns im Opfer der heiligen Messe die WaffenrÜstung Gottes: den Panzer der Gerechtigkeit und Heiligkeit, den Schild des Glaubens, den Helm des unerschütterlichen Vertrauens, daß wir siegen und' das Heil erringen werden. In der heiligen Kommunion erhalten wir "das Heil", Christus. Er lebt in Seiner Kirche, in uns, Christus, der von Gott Erprobte, im Kampf und Leiden treu Erfundene und Bewährte. Er überwindet, ein anderer Job, in der vollkommenen Hingabe an den Willen des Vaters alle N achstellungen Satans und Seiner Feinde. Er bekämpft und besiegt auch in Seiner Kirche, in uns, Seinen Gliedern, die bösen Geister, den Fürsten dieser Welt. "In Deiner Gnade", in der Gnade der Christusverbundenheit und Christusdurchlebtheit, der wir i'll der heiligen Kommunion teilhaftig werden, "ruht meine Seele. Böse Menschen verfolgen mich. Hilf mir, 0 Herr, mein Gott." Du hast die Verheißung gegeben : "Wer von diesem B rote ißt, wird ew ig leben" (Joh. 6, 58). Es ist "die Speise der Unsterblichkeit" (Postcommunio). Auf dieses "Dein Wort setze ich meine Hoffnung" (Communio). In der Feier der heiligen Messe finden wir auch die Kraft zum Sieg über uns selbst, den Sieg der verzeihenden, erbarmenden Liebe gegenüber dem Bruder, der uns etwas schuldet. So dürfen wir dem Tag der Abrechnung mit Vertrauen entgegensehen.

Einundzwanzigster Sonntag nach Pfingsten.

Kam p fun d Sie g.

1. Das neue Israel, die Kirche, wir, ziehen aus Agypten, der Welt, aus, dem Gelobten Lande, der himmlischen Heimat, entgegen, in die uns der Herr bei Seiner Wiederkunft einfÜhren wird (Alleluj a- .. vers). In der Zeit, die vom Auszug aus Agypten, von der Taufe, bis zum Eingang in das Gelobte Land, bis zum Tode, verstreicht, seufzen wir unter

Sonntag: Kampf und Sieg.

der steten Bedrängung und Verfolgung durch die Feinde des Heils. Aber wir werden siegen: es stehen uns ebenso herrliche als siegverheißende Waffen zur VerfÜgung.

2. Die fe in d I ich e n M ä c h t e, die sich uns, dem Volke Gottes, der heiligen Kirche entgegenstellen, sind uns in der heutigen Meßliturgie unter dem Bilde des Job, der Esther und in den ausdrücklichen Worten der Epistel vor Augen gestellt. Job lebt schlicht und rech t und gottesfÜrchtig. Deshalb "verlangt Satan, ihn zu versuchen. Und es ward ihm vom Herrn Gewalt gegeben über sein Vermögell und seinen Leib" (Offe,rtorium). Esther weiß um den grausamen Plan des Aman, alle Israeliten im ganzen Perserreich an einem Tage zu töten. Sie betet zum Herrn, und Er schafft Rettung (Introitus). Wir erkennen mit der heiligen Liturgie in Job und in dem von Aman dem Untergang geweihten Volke Israel unsere heilige Kirche, uns selbst, rings von Feinden umgeben und bedrängt. So ist es nun einmal Gesetz fÜr alle, die zu Gott stehen. Weil sie die 'Wege Gottes gehen, hat Satan verlangt, sie zu versuchen. Und der Herr hat ihm Gewalt über sie gegeben. Ein Gottesvolk, das nicht vom Satan angefeindet und verfolgt wird, ist eben nicht ein Gottesvolk. Eine Kirche, die nicht ständig vom Feinde bedrängt und belästigt wird, ist nicht die Kirche Gottes und nicht die Kirche Christi. Kampf ist die Losung. Und "wir fÜhren unsern Kampf nicht eigentlich gegen Fleisch und Blut (d. i. gegen schwache Menschen), sondern gegen die Mächte und Gewalten, gegen die Weltherrscher der Finsternis, gegen die Geister der Bosheit in den Lüften" (Epistel). Gott gibt den bösen Geistern Gewalt über die Kirche, über die Christen, auf daß sie sie versuchen, sie verfolgen und sie so im Kampf und in der Versuchung sich bewähren. Satan kann indes um keinen Schritt weiter, als der Herr ihm gestattet. Gott, Christus, ist auch der Herr über Satan und die Hölle.

520 Die Zeit nach Pfingsten: Zweiundzwanzigste Woche.

WIr sie gen iü b e r all e Fe i n d e. Wir brauchen nicht zu fü chten. ,,0 Herr, zur Zuflucht bist Du uns geworden von Geschlecht zu Geschlecht" (Graduale). Uns ist in der heiligen Taufe, in der heiligen Kirche, die WaffenrÜstung Gottes gegeben .. Mit ihr können wir "widerstehen und in allem unerschütterlich standhalten. So stehet also da, die Lenden umgürtet mit Wahrheit, angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit, die Füße beschuht mit der Bereitschaft für das Evangelium des Fri.edens. Zu all dem hin ergreifet d'en Schild des Glaubens, mit dem ihr alle Brandpfeile des Bösen auslöschen könnt. Nehmet den Helm des Heiles und das Schwert des Geistes, das Wort Gottes" (Epistel). Eine zweite Waffe ist die Waffe der Abtötung und des Gebetes. Esther fastet und betet (Introitus). Job, der vom Satan Versuchte, betet. Paulus fügt an die Schlußworte der heutigen Epistel die Mahnung an: "Mit stetem Bitten und Flehen betet allezeit und wachet im beharrlichen Gebet für alle Heiligen" (Getauften) (Eph. 6, 18). Eine dritte Waffe wird uns im Evangelium der heutigen Messe in die Hand gedrückt:

Das herzliche Erbarmen mit den andern, die verzeihende, erbarmende Liebe. "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern." Mit der Waffe der barmherzigen, verzeihenden Liebe haben wir die Macht auch über Gott. Wir bestimmen das Maß der Barmherzigkeit Gottes gegenüber unsern Sünden: es entspricht gen au der Barmherzigkeit, mit welcher wir unsern Mitbrüdern begegnen . .. Vergebt, so wird auch euch vergeben werden'>' (Luk. 6, 37). Umgekehrt wird auch "Mein Vater im Himmel mit euch unbarmherzig verfahren, wenn nicht jeder von euch von fIerzen seinem Bruder verzeiht" (Evangelium vom unbarmherzigen Knecht).

3· Ein tröstlicher Gedanke, der die heutige Liturgie beherrscht! Gott gibt- dem Satan und den Bösen Gewalt über die Kirche, über die Guten. Das Böse, das sie der Kirche zufÜgen, ist in den weisen Plänen

Montag: Die streitende Kirche, 521

der Vorsehung Gottes inbegriffen. Die Gottlosen, Satan an deren Spitze, dienen Gottes Plänen. Wir sind also immer in Gottes Hand, auch wenn es den Anschein hat, als ob wir dem Feinde ausi!:eJiefert selen.

"Israel zog aus Agypten, Jakobs Stamm zog fort vom fremden Volk" (Graduale). Wir verlassen "das fremde Volk" mit seinen Göttern und Idealen. Wie einst in der Stunde der heiligen Taufe, widersagen wir heute in der Mitfeier der heiligen Messe allem, was gottfremd ist, was uns von Gott zurückhalten und auf dem Wege zu Gott aufhalten kann.

Im Opfergang übergeben wir uns mit Job ganz Gottes Hand - eine vollkommene Opfergabe an Gott und Gottes Wohlgefallen. Mag Er uns auch dem Feinde und seinen Nachstellungen preisgeben. Mag uns der Feind mit Gottes Zulassung auch unserer Habe berauben und unsern Leib mit schwerem Aussatz (Krankheit) schlagen, wir sind ein Ganzopfer fÜr Gott und wollen es sein. Je mehr wir uns Ihm hinopfern, um so sicherer wird Er uns aufnehmen und uns retten (Kommunionlied).

Gebet.

Wir bitten Dich, 0 Herr, behüte Deine Familie immerdar mit Deiner väterlichen Liebe, auf daß sie unter Deinem Schutz von allen Hemmungen frei bleibe und Dir ergeben sei in guten Werken. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Montag

der zweiundzwanzigsten Woche nach Pfingsten.

Die s t r e i t end e Kir c h e.

1. Job, der gottesfürchtige Mann, in der Gewalt Satans, vom Aussatz befallen, all seiner Habe beraubt, von erbarmungslosen Freunden umgeben, die ihm in seinem Unglück nur VorwÜrfe zu machen wissen! Er erhebt seine Augen zu Gott, waffnet

522 Die Zeit nach Pfingsten: Zweiundzwanzigste Woche. ~ich mit Glauben, Gottvertrauen und Geduld und besteh t die harte Prüfung. Job ist der heiligen Liturgie ein Bild des unschuldig leidenden, im Leiden siegreichen Herrn, ein Bild der unschuldig verfolgten, bedrängten, in der geduldigen Unterwerfung unter Gottes Zulassung und Schickung siegfeichen Kirche und ihrer Kinder.

2. Wir f ü h ren den Kam p f nicht gegen Fleisch und Blut, gegen bloße Menschen, sondern gegen Mächte und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser Finsternis, d. i. der Bösen, gegen die Geister der Bosheit in den Lüften. So ist es Gesetz: die Kirche ist in den Kampf hineingestellt. In ihr und mit ihr sind wir und bleiben wir Kämpfer. "Das Himmelreich leidet Gewalt, und nur die Gewalt brauchen, feißen es an sich" (Matth, II, 12). Unsere Feinde, der Kirche Feinde, sind nicht sosehr die Menschen, sondern die bösen Geister. Unsichtbare Feinde, uns Menschen an Einsicht und Kraft Überlegen. "Ihre Zahl ist Legion" (Mark. 5, 9). Ihr Wesen ist Bosheit, Verschlagenheit, Lügenhaftigkeit. Ihre Waffe ist die Täuschung, die Unwahrheit. Ihr Ziel das Verderben, der ewige Tod der Seelen, die Jesus mit Seinem Blute erkauft hat. Diese Geister der Bosheit sind die Beherrscher und FÜhrer "der Finsternis", d. i. der Bösen, der Ungläubigen, der Gottlosen, der Gottes- und Christushasser. Sie verbergen sich hinter einem N ero und Domitian, hinter einem Arius und den vielen andern Häretikern, hinter allen, die Christus und Seine Kirche lästern, verleumden, unterdrÜcken und verfolgen. In diesem Lichte sieht die Liturgie die Geschichte der heiligen Kirche, das Leben der Heiligen und der Kinder Gottes an. In diesem Lichte haben auch wir unser Leben auf Erden zu sehen. Solange die Kirche auf Erden pilgert, ist sie die "streitende Kirche". In ihr streitet Christus gegen den Antichristus, den Satan. Wir sind Glieder der streitenden Kirche. Uns allen gilt die Mahnung des Apo-

Montag: Die streitende Kirche. 523

stels: "Seid nüchtern und wachsam, denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen könne" (I Petr. 5, 8). Jeden Abend ruft uns die Kirche in der Komplet diese Worte in Erinnerung-.

"Widersteht ihm fest im Glauben" (1 Petr. 5,9). Im Glauben der Esther, der Kirche:

"Herr, in Deiner Macht liegt alles. Deinem Willen vermag niemand zu trotzen", auch Satan nicht. "Du hast ja alles erschaffen, Himmel und Erde und alles, was der weite Himmelsbogen umschließt: Allbeherrscher bist Du" (Introitus), Herrscher auch Über Satan und alle Mächte der Bosheit und Finsternis. Du setzest ihnen die nötigen Schranken. "Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen" (Matth. 16, 18). ,,0 Herr, unsere Zuflucht bist Du" (Graduale), der Allmächtige. "Widersteht ihm fest im Glauben", in der Waffenrüstung Gottes. "Die Lenden gegürtet mit der Wahrheit, angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit, die Füße beschuht mit der Bereitschaft für das Evangelium des Friedens", gedeckt mit dem Schild des Glaubens und dem Helm des Heiles, in der Rechten das Schwert des Geistes." Der Apostel unterstreicht es:

Kein einziges Stück der WaffenrÜstung, die der Herr Seinen Streitern zur VerfÜgung stellt, darf uns abgehen. Die AusrÜstung umfaßt sechs Stücke: den Gurt, den Panzer, die Beinschienen, den Schild, den Helm, das Schwert. Der Gurt "der Wahrheit", d. i. der Treue gegen den in der heiligen Taufe beschworenen heiligen Glauben an Jesus und die Kirche. "Der Panzer der Gerechtigkeit", d. i. des heiligen, vollkommenen Lebens. "Die Füße beschuht" mit der Bereitschaft und der Kraft, jederzeit im Geiste der Lehren und des Beispiels des Herrn zu leben und so das Evangelium, das wahre Christentum zu verkÜnden, vorzuleben und vor der Welt zu vertreten. In der Linken tragen wir "den Schild des Glaubens" an den Herrn und des unerschÜtter-

524 Die Zelt nach Pfingsten: Zweiundzwanzigste Woche. lichen Vertrauens auf Seine Nähe, Seine Kraft und Seine Gnade, die uns zur Verfügung steht und in uns wirksam ist. Auf dem Haupte tragen wir den "Helm des Heils", die zuversichtliche Hoffnung auf das ewige Heil, das unser wartet. Mit der Rechte'n führen wir "das Schwert des Geistes, d. i. das Wort Gottes": wie einst der Herr in der Wüste dem Versucher das Wort Gottes entgegenhielt: "Es steht geschrieben", so halten auch wir dem Satan und seinen Organen und Dienern das Wort Gottes entgegen : "Weiche, Satan, denn es steht gesch rieben:

Du sollst keine fremden Götter neben Mir haben. Der Herr, dein Gott, ist einer. Du sollst den Herrn, Deinen Gott, lieben aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele und aus allen deinen Kräften."

3· Das Leben der Kirche, des Christen, ist ein Kampf um die Ideale Christi, in der Gefolgschaft Christi, des Herrn, des Kämpfers und Siegers. Er kämpft und siegt in Seinem Erdenleben. Er kämpft und siegt heute und alle Tage bis ans Ende der Tage als der erhöhte Herr und König in Seiner Kirche, in Seinen Gliedern, in uns .. Um in uns zu kämpfen und zu siegen, hat Er uns in der heiligen Taufe erstmals sich eingegliedert. Um in uns zu kämpfen und zu siegen gibt Er sich uns täglich in der heiligen Kommunion zur Nahrung und strömt uns Seinen Geist und Seine Kraft ein. In Seiner Kraft kämpfen und siegen wir. Wir stützen uns auf Ihn, den Allherrscher. "In Deiner Macht liegt alles. Niemand vermag Deinem Willen zu trotzen. Du bist der Allherrscher" (Introitus). "Zur Zuflucht bist Du uns geworden", der Allmächtige. "Noch ehe denn die Berge wurden, ehe gebildet waren die Erde und ihr Umkreis, bist Du" (Graduale). Du kämpfest in Deiner Kirche, in uns, Deinen Gliedern. Du siegst.

Wir legen die Waffenrüstung Gottes an: das' Vertrauen auf den in uns lebenden, streitenden Herrn, den Wandel eines heiligen Lebens, die Treue gegen

Dienstag: Das besondere Gericht. 525

unsern heiligen Taufschwur (und unsere heiligen OrdensgelÜbde), den Eifer für die Sache Christi und das Evangelium, den Geist des Glaubens, das Schwert des Geistes, den Geist der Abtötung und des Gebetes (Esther), den Geist der Geduld in Leiden, Verfolgungen und PrÜfungen (Job).

Oft wünschen wir, daß die Kirche, daß auch wir persönlich von den Nachstellungen und Bedrängnissen durch die Feinde des Heils befreit wären. So betet auch Paulus, daß der Herr ihn vor den Belästigungen durch Satan bewahre. Der Herr antwortet ihm: "M eine Gnade genÜgt dir: denn in der Schwachheit (des Menschen) kommt die Kraft (Christi) zur Geltung." Paulus versteht. Er "will sich also mit Freuden seiner Schwachheit rÜhmen". "Ich freue mich ob der Mißhandlungen, Nöte, Verfolgungen, Bedrängnisse um Christi willen: denn wenn ich 'schwach bin, bin ich stark" (2 Kor. 12, 8-10).

Ge be t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, behüte Deine Familie immerdar mit Deiner väterlichen Liebe, auf daß sie unter Deinem Schutz von allen Hemmungen frei bleibe und Dir ergeben sei in guten Werken. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Dienstag

der zweiundzwanzigsten Woche nach Pfingsten.

Das b e s 0 n der e Ger ich t.

I. "Das Himmelreich ist gleich einem König, der mit seinen Knechten Abrechnung hält." Wir erwarten den Herrn, da Er zum sog. besondern Gerichte erscheinen wird, das über uns unmittelbar nach der Trennung der Seele vom Leib erfolgt. Es entscheidet Über eine Ewigkeit, über Himmel und Hölle. "Es ist dem Menschen gesetzt zu sterben, und nach dem Tode das Gericht" (Hebr. 9, 27).

526 Die Zeit nach Pfingsten: Zweiundzwanzigste Woche.

2. Das Ger ich t übe r die See I e. Die Liturgie der Totenmesse stellt es unter dem Bilde des Weltgerichtes dar. Der Tag der Wiederkunft des Herrn im Tode des Menschen, der _Tag des sog. besondern Gerichtes, ist der "Tag der Rache" an den Sünden und Untreuen des vergangenen Lebens. Es ist der Tag der Abrechnung, an welchem Gott von uns Rechenschaft fordert über alle Talente und Gaben, über alle Gnaden des Lebens, über die BenÜtzung der Zeit, der Gesundheit, der Glieder des Leibes, der Kräfte des Geistes; liber die Gedanken, Worte und Werke. "Und ein Buch wird aufgeschlagen (das Buch des Gewissens), treu darin ist eingetragen jede Schuld aus Erdentagen. Sitzt der Richter dann zu richten, wird sich das Verborg'ne lichten, nichts kann vor der Strafe flÜchten." "Gib Rechenschaft von deiner Verwaltung" (Luk. 16, 2). über dein ganzes Leben, Ein heller Lichtstrahl durchdringt in diesem Augenblick den Geist und das Gedächtnis: sonnenklar steht alles vor der Seele, das Gute und das Böse, das sie getan, alles, was sie versäumt, vernachlässigt, unvollkommen getan. Ein Moment. Dann fällt der Richter den Urteilsspruch. Er lautet auf ein ewiges EntwederOder. Entweder: "Kommt, ihr Gesegneten Meines Vaters", oder: "Weichet von Mir, ihr Verfluchten, ins ewige Feuer". Welches Urteil wird Über uns, über mich gefällt werden? Jenes Urteil, das ich mir in diesem sterblichen Leibe bereite. Wie ernst, wie entscheidend ist das Sterben! Aber ebenso ernst, entscheidend ist der gegenwärtige Augenblick, jeder Augenblick des gegenwärtigen Lebens! Jeder kann der letzte Augenblick, der Augenblick des Gerichtes sell1.

Die Mutter Kirche geleitet die Seele ihr e r Kin der vor den R ich t e r. Sie identifiziert sich mit der bangen Seele und fleht in ihrem N amen, stellvertretend für sie, zum Herrn: "Laß Gnade walten. Milder Jesus, wollst erwägen, daß

Dienstag: Das besondere Gericht. 527

Du kamest (Menschwerdung) meinetw~gen. Bist, mich suchend, müd gegangen, mir zum Heil am Kreuz gehangen. Laß mein Bitten Gnad' erlangen. Hast vergeben einst Marien (der Maria Magdalena), hast dem Schächer dann verziehen. Ruf' mich zu der sel'gen Wohnung" (Sequenz der RequiemMesse). Gerade in dem Augenblick, in dem die Entscheidung über das ewige Los der Seele fallen soll, tritt die Kirche, ihr Opfer beginnend, mit dem Opferungslied vor den die Seele richtenden Herrn:

"Herr J esus Christus, König der Herrlichkeit, bewahre diese Seele vor den Qualen der Hölle und vor den Tief·en der Unterwelt. Bewahre sie vor dem Rachen des Löwen, daß sie nicht in die Finsternis hinabstÜrze. Opfergaben und Gebete bringen wir Dir dar, Herr. Nimm sie zu Gunsten jener Seelen an, deren wir heute gedenken. Herr, laß sie vom (natÜrlichen) Tode übergehen zum (ewigen) Leben." Das ist die Kirche, die Mutter, um jedes ihrer Kinder rührend besorgt. Wo alle andern zurÜckbleiben und einen allein lassen mÜssen, im entscheidenden Moment, da steht sie ihrem Kinde zur Seite, betend und opfernd. Ihr Beten dringt zum Throne Gottes empor. Ihr Opfer wirkt ein gnädiges Gericht.

3. "Wir müssen alle vor dem Richterstuhle Christi erscheinen, damit ein jeder, je nachdem er in seinem Leibe (Erdenleben) Gutes oder Böses getan hat, danach empfange" (2 Kor. 5, 10). "Beim Ende des Menschen werden seine Werke offenbar" (Sir. I I, 29). "Nach deinem Wandel und deinen Gedanken will Ich dich richten" (Ez. 24, 14). "Ich sage euch, daß die Menschen am Tage des Gerichtes über jedes unnütze Wort, das sie reden, werden Rechenschaft geben mÜssen" (Matth. 12, 36).

"Weh', was werd' ich Armer sagen, welchen Anwalt mir erfragen, wenn Gerechte selbst verzagen!" (Sequenz der Totenmesse.) Jetzt, in diesem Leben, gilt es, uns ein gnädiges Gericht zu sichern. Wie?

528 Die Zelt nach Pfingsten Zweiundzwanzigste Woche. In der Mitfeier der heiligen Messe bieten wir. Gott die Sühne und Genugtuung fÜr unsere Sünden. Wir empfangen mit Eifer und Ernst das Sakrament der heiligen Buße. Wir Üben Werke der Buße. Wir verzeihen und vergeben denen, die uns beleidigen und wehe tun. Wir Üben Werke der Nächstenliebe: denn danach werden wir dereinst gerichtet werde.n, wie wir es mit der Liebe zum Nächsten gehalten haben (Matth. 25, 3I-46).

"In Deiner Gnade ruhet meine Seele" (Communio), in der Gnade der heiligen Kommunion. In dem Empfang der Gottesspeise findet die Seele die Sicherheit gegenüber den Nachstellungen der bösen Geister in den Lüften, der Welt und des Fleisches. Die heilige Kommunion ist das "Gegengift, das uns vor Todsünden bewahrt" (Konzil von Trient). Sie steigert das Gnadenleben, sie vermehrt die Kraft der Tugend, sie festigt und entflammt vor allem die heilige Liebe zu Gott, zu Christus, zum N ächsteno Sie heilt die Seele von ihren Schwächen und verleiht ihr geistige Wonne und Frische, Schwung und Begeisterung. Wir halteIl uns an die heilii{e Eucharistie, an den uns kraft der heiligen Kommunion lebendig verbundenen Herrn, den Sieger Über Sünde und Satan. Er "hält Gericht über meine Verfolger" und überwindet sie. Er lebt, kämpft und siegt in uns. In der Kraft der heiligen Kommunion werden wir das Gericht bestehen und das Leben haben (Joh. 6, 57).

Ge be t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, behÜte Deine Familie immerdar mit Deiner väterlichen Liebe, auf daß sie unter Deinem Schutze von allen HemmungeIl frei bleibe und Dir ergeben sei in guten Werken. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Mittwoch: Gott erläßt die ganze Schuld. 529

Mittwoch

der zweiundzwanzigsten Woche nach Pfingsten.

G 0 t t e r I ä ß t die g a n z e S c h u I d.

1. "Da er nicht zahlen konnte, befahl der Herr, ihn, sein Weib, seine Kinder und seine ~anze Habe zu verkaufen. Nun fiel der Knecht ihm zu FÜßen, bat ihn und sprach: "Habe Geduld mit mir." "Da erbarmte sich der Herr des Knechtes, ließ ihn frei und schenkte ihm die ganze Schuld."

2. "E r sc he n k t e ihm die ga n z e Sc h u I d."

Gottes Erbarmen! Der arme Knecht sieht, wie sein Herr auf.gebracht ist und den Dienern der Gerechtigkeit die Weisung gibt, ihn mit allem, was er hat, als Sklaven zu verkaufen. Er wirft sich dem Herrn zu FÜßen, bittet um Geduld und verspricht, die Schuld zu bezahlen. Mußte es dem Herrn nicht klar sein, daß sein Knecht ihm die Schuld von zehntausend Talern niemals wird zahlen können? Was will also das Versprechen des Knechtes: "Ich werde dir alles bezahlen"? Gleichwohl hört der Herr auf die Bitte des Armen und sieht auf den Willen, mit dem er sich bereit erklärt, die unerschwingliche Summe zu zahlen. Er schenkt ihm die ganze Schuld, "weil du mich gebeten hast". Das ist Gott! Wo ein Verirrter sich demütigt, die Sünde, die er begangen, erkennt und sich eingesteht, wo er sie bekennt und verabscheut, sich ehrlich zu bessern bemüht und Gott um Verzeihung anfleht, da schenkt ihm Gott die Schuld, mag sie noch so groß sein! Wunderbare Macht der Reue, der Bußgesinnung und des Gebetes um Verzeihung und Gnade! "Du erbarmst Dich aller und bist nachsichtig gegen die Sünden der Menschen, um der Buße willen" (Weish. 11, 24). "So wahr Ich lebe, spricht der Herr, Ich habe kein Wohlgefallen am Tode des Gottlosen. Vielmehr daran, daß er sich von seinen Wegen bekehre und lebe" (Ez. 33, II). "Der Herr will nicht, daß j eBaur. Werde Licl,t, lJ[. 34

530 DIe Zelt nach Pfingsten: ZweIUndzwanzigste Woche. mand verloren gehe, sondern daß sich alle zur Buße wenden" (2 Petr. 3, 9).

"H ä t t e s t dun ich tau c h dei n e s M i tknechtes dich erbarmen sollen, wie ich m ich dei n e r erb arm t hab e?" Gott ist barmherzig. Er ist zugleich gerecht. Er hat dem Knecht die ganze Schuld geschenkt. "Als der Knecht hinausgegangen war, traf er einen Mitknecht, der ihm hundert Drachmen schuldig war. Den packte er, wÜrgte ihn und sprach: Bezahle, was du schuldig bist. Da fiel ihm der Mitknecht zu Füßen, bat ihn und sprach: Habe Geduld mit mir, ich werde dir alles bezahlen. Jener aber wollte nicht, sondern ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe." Der Herr erfuhr von dem unbarmherzigen 'Vorgehen des Knechtes. Er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: "Du böser Knecht. Ich habe di r die ganze Schuld erlassen, weil du mich gebeten hast. Hättest also nicht auch du deines Mitknechtes dich erbarmen sollen, wie ich mich deiner erbarmt habe?" Wenn Gott an uns Erbarmen übt, dann verlangt Er von uns, daß auch wir Erbarmen üben und verzeihen, was andere uns wehe tun, uns beleidigen und kränken. "Tut Gutes denen, die euch hassen, und betet für jene, die euch verfolgen und verleumden: so werdet ihr Kinder eures himmlischen Vaters sein, der über Gute und Böse seine Sonne aufgehen läßt und Gerechten und SÜndern Regen spendet" (Matth. 5, 44). "Vergib uns, wie auch wir vergeben unsern Schuldigem" (Matth. 6, 12). "Wenn ihr dasteht, um zu beten, so vergebt, wenn ihr gegen irgend jemand etwas habt, damit euch euer Vater im Himmel auch eure SÜnden vergebe" (Mark. II, 25). So ist es gerecht, daß wir, wie wir Gottes Erbarmen an uns in Überreichem Maße erfahren, auch an unsern Schuldigern Erbarmen Üben. Aber wie wenig sind wir noch "Kinder unseres himmlischen Vaters"! Wie oft sprechen wir unser

Mittwoch: Gott erläßt die ganze Schuld. 531

eigenes Verdammungsurteil : "Vergib uns, wie auch wir vergeben"!

3· Siehe da eine unerEißliche Vorbedingung, um von Gott die Verzeihung unserer Sünden und Vergehen wirksam erlangen zu können: erbarmende, verzeihende Liebe gegenüber dem Bruder. "Wenn ihr den Menschen ihre Fehler verzeiht, so wird auch euer himmlischer Vater euch eure Fehler verzeihen. Wenn ihr aber den Menschen nicht verzeiht, so wird auch euer Vater euch eure Fehler nicht verzeihen" (Matth. 6, 14 f.).

"Bringst du also (in der Feier der heiligen Messe) deine Opfergabe zum Altare und erinnerst dich dort, daß dein Bruder etwas gegen dich hat, so laß deine Gabe dort vor dem Altare, geh zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder: dann komm und opfere deine Gabe" (Matth. 5, 23). Deshalb geben wir uns in der Feier der heiligen Messe, unmittelbar vor dem Genuß der heiligen Kommunion, den Friedenskuß, den Kuß der Versöhnung, "Pax tecum - Friede sei mit dir." Wir vergeben von Herzen und schaffen alle Bitterkeit und Verstimmung aus der Seele hinaus. Jetzt erst dÜrfen wir es wagen, das heilige Sakrament der Eucharistie, "das Sakrament der Bruderliebe, das Symbol der Einheit, das Band der Liebe" (h1. Augustin) zu empfangen.

"Er schenkte ihm die ganze Schuld." Gottes Erbarmen im Sakrament der Buße! Wir bereuen unsere Sünden, wir bekennen sie dem Stellvertreter Gottes, wir flehen um Verzeihung, wir sind bereit, die uns auferlegte Genugtuung zu verrichten. Und Gott erläßt uns die ganze Schuld mitsamt der Strafe, die wir verdient haben. Er nimmt uns in Gnaden auf und nimmt uns wieder zu Seinen geliebten Kindern an. "Gott ist die Liebe" (I J oh. 4, 8).

Ge b e t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, behÜte Deine Familie immerdar mit Deiner väterlichen Liebe, auf daß sie

34*

532 bie Zeit nach Pfingsten: Zweiundzwanzigste Woche. unter Deinem Schutz von allen Hemmungen frei bleibe und Dir ergeben sei in guten Werken. Durch, Christus uns ern Herrn. Amen.

Donnerstag

der zweiundzwanzigsten Woche nach Pfingsten.

Gott barmherzig und gerecht.

1. Die Liturgie des letzten Sonntags versetzt uns in die Endzeit. Wir erwarten die Wiederkehr des Herrn, den Tod, das Gericht, die endgültige Entscheidung. "Das Himmelreich ist einem König gleich, der mit seinen Knechten Abrechnung halten wollte" (Evangelium). Der König ist barmherzig und gerecht. Dem bittenden Knecht erläßt er die Schuld. Den unbarmherzigen Knecht aber übergibt er den Peinigern, "bis er die ganze Schuld bezahlt habe."

2. Der Her r ist bar m her z i g. Er kann mit vollem Recht von seinem Knecht verlangen, daß er ihm die ganze, ungeheure Schuld bezahle. Aber er schenkt ihm die ganze Summe und übt an ihm Barmherzigkeit. "Ich habe dir die ganze Schuld erlassen, weil du mich gebeten hast." Die ganze Schuld! Gott macht ganze Arbeit, auch im Vergeben, wo immer Er im Schuldner, im Sünder, einen wahren Willen 'zur Reue, zur Buße, zur Umkehr findet. Ein Akt der vollkommenen Reue, verbunden mit einem Akt der vollkommenen Liebe zu Gott und deshalb mit dem Willen, alles zu tun und auf sich zu nehmen, was Gott verlangt - und Gott erläßt die ganze Schuld, Sünde und Strafe, die ewige Strafe der Hölle und die zeitlichen Sündenstrafen, das Fegfeuer. Gott ist barmherzig. Er konnte uns sterben lassen, solange wir noch in der Sünde waren: Er hat uns in unendlichem Erbarmen ertragen bis zu der Stunde, da wir, angezogen von Seiner Gnade, bereuten und umkehrten. Sein Erbarmen gibt uns Zeit und Gnade zu bereuen,

Donnerstag: Gott barmherzig und gerecht. 533 zu beichten, zu sÜhnen, Dann erläßt Er uns die Schuld und schenkt uns mit der Verzeihung unserer SÜnden zugleich Seine ganze Liebe, Seine Gnade, Seine liebende Nähe und Gegenwart, mit dem Anspruch auf den eWlgen Besitz des Himmels. "Der Herr ist reich an Erbarmen. Er hat in Seiner großen Liebe zu uns, da wir durch unsere Vergehen tot wareµ, uns mit Christus lebendig gemacht, hat uns mit Christus mitauferweckt und uns ins Himmelreich rriitversetzt, um so den Überschwenglichen Reichtum Seines Erbarmens kund zu tun, zufolge Sein"r Güte zu uns in Christus Jesus" (Eph. 42,

2 4-7).

Der Her r ist ger e eh t. Der Knecht, dem

der Herr barmherzIg die ganze Schuld erlassen, begegnet seinem Mitknecht. Dieser schuldet ihm im Verhältnis zu dem, was er selber seinem Herrn schuldig ist, eine Kleinigkeit. Er fällt ihm zu Füßen und fleht: "Habe Geduld mit mir, ich will dir alles bezahlen." Dieser aber hat keine Ge-duld. Erbarmungslos, hartherzig läßt er ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe. Da ist der Herr Über ihn erzürnt und übergibt ihn den Peinigern, .. bis er die ganze Schuld bezahlt habe". Gott tut ganze Arbeit auch im Strafen, da wo Er kein Erbarmen mehr Üben kann. "Bis er die ganze Schuld bezahlt habe." Auch die letzte der zeitlichlll1 SÜndenstrafen muß ganz abgebüßt sein, im Fegfeuer. "Du kommst dort (vom Kerker des Fegfeuers) nicht heraus, bis du den letzten Heller bezahlt hast" (Matth. 5, 26). Und wo eine Seele das UnglÜck hat, im Stande der Todsünde vor den Richter hintreten zu mÜssen, da tut Gottes Gerechtigkeit ganze Arbeit in der Strafe der ewigen Hölle. "Bis er die ganze Schuld bezahlt habe." Der Sünder wird seine Schuld ewig nie bezahlen können. Ewig bleibt er also von Gott ausgeschlossen, ewig lastet seine Schuld auf ihm, ewig ist er verdammt, verflucht, ausgestoßen an dem Ort, in welchem "der

534 Die Zeit nach Pfingsten: Zweiundzwanzigste Woche. Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt" (Mark. 9, 43). "Es ist furchtbar, in die Hände des (gerechten) Gottes zu fallen" (Hebr. 10, 31). Er läßt dem Sünder "all seine Habe wegnehmen" (Evangelium), alle Güter der Gotteskindschaft, der Gnade, die ewige Herdichkeit, und stößt ihn in die äußerste Finsternis hinaus: dort ist "Heulen und Zähneknirschen". Er befiehlt Seinen Dienern: .. B indet ihm Hände und Füße": der Arme kann nie mehr einen Schritt machen, nie mehr irgend etwas tun, um der Hölle zu entgehen. Alles Bereuen, Weinen, Bitten ist umsonst. Zu spät! Ewige Hölle!

3. Gott ist gerecht. Es ist furchtbar, in die Hände des gerechten Gottes zu fallen. Deshalb kommen wir täglich, stÜndlich dem Gerichte Gottes zuvor: wir bewahren unsern Geist, unser Herz, unsere Hände vor jeder SÜnde; wir gehen mit uns selbst ins Gericht, j eden Tag, in einer ernsten PrÜfung unserer selbst, unserer Gedanken, Regungen, Werke. Wir fürchten Gottes gerechten Zorn. Wir fürchten die Hölle. Der Blick auf die Hölle wird uns zum Ansporn zum Guten, zur Treue gegen Gott. zur Tugend. Wir tun Buße und SÜhne.

Gott ist barmherzig. Wir vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit. Wohl sind wir böse, schwach, zur SÜnde geneigt, voller Fehler und Schwächen und stecken bei Gott in Schulden. Aber wir lassen den Mut nicht sinken: wir demÜtigen uns ob unserer SÜnden. Wir bereuen. Wir empfangen das Sakrament der Buße. Wir beten und flehen um Gnade und Hilfe und sind Überzeugt, daß wir im Tode einen barmherzigen Richter finden werden, Einen um so barmherzigeren, je mehr wir an unsern BrÜdern Barmherzigkeit geÜbt haben. ..Seid barmherzig, wie auch euer himmlischer Vater bannher Zlg ist" (Luk. 6, 30). "Selig die Barmherzigen, sie werden Barmherzigkeit erlangen" (Matth. 5, 7),

Gott ist gerecht und barmherzig. In der M itf,eier der heiligen Messe bieten wir Seiner Gerechtigkeit

Freitag' Unsere Schuld des Dankes an Gott. 535 mit J esu Blut vollkommene Sühne. Er aber schenkt uns in der heiligen Kommunion Jesus, das menschgewordene Erbarmen Gottes.

Ge be t,

Wir bitten Dich. 0 Herr, behÜte Deine Familie immerdar mit Deiner väterlichen Liebe, auf daß sie unter Deinem Schutz von allen Hemmungen frei bleibe und Dir ergeben sei in guten Werken. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Freitag

der zweiundzwanzigsten Woche nach Pfingsten.

Uns e reS c h u I d des Dan k e san G 0 t t.

1. "Das Himmelreich ist einem König gleich, der mit seinen Knechten (Beamten) Abrechnung halten will. Als er mit der Abrechnung begonnen hatte, brachte man ihm einen, der ihm zehntausend Talente schuldig war." Die Schuldner sind wir selber, bin ich.

2 "Man brachte ihm einen, der ihm zeh nt aus end Tal e n t e sc h u I d i g war." Der Arme kann eine so große Schufd nicht bezahlen. Dieser Knecht sind wir selber. Wir schulden dem Herrn eine Summe, die wir nie bezahlen können. Wir schulden Ihm das Gut der Erschaffung, da Gott uns unzähligen andern vorzog, die Er ebenso hätte ins Dasein rufen können. Wir schulden Ihm das Gut der Erhaltung im Dasein. Er könnte uns ohne weiteres in unser Nichts zurücksinken lassen. Wir schulden Ihm den Leib, die Seele, die Kräfte und Fähigkeiten des Körpers, des Geistes, die Gesundheit, das Leben, was immer wir Gutes haben. Wir schulden Ihm in~besondere das Gut der Menschwerdung des Sohnes Gottes, das Gut der Erlösung, der Annahme an, Kindes Statt, der Berufung zur Teilnahme am Leben Gotte~ h:er auf Erden und dereinst im Himmel in der Verklärung der Seele und

536 Die Zeit nach Pfingsten: Zweiundzwanzigste Woche. des Leibes. Wir schulden Ihm das Gut der Eingliederung in Christus, den Weinstock; das Gut der Gemeinschaft der heiligen Kil-che, ihres Glaubens, ihrer Lehre, ihrer Sakramente, ihres heiligen Opfers und Opfermahles ; ihrer Liturgie; das Gut der Teilnahme an den guten Werken der übrigen Kinöer der Kirche, der FÜrbitte der Heiligen und Seligen des Himmels, voran der lieben Gottesmutter M aria, Wir schulden Ihm die unzähligen Gnaden des Beistandes, mit denen Er uns täglich vor Sünden bewahrt, gegen die Anfechtungen Satans schützt, tägI ich innerlich neu erleuchtet, zum Guten antreibt und stärkt. Wir schulden Ihm die Kraft zum Guten, die Beharrlichkeit im Streben, j eden Fortschritt in der Gnade und Tugend. Wir schulden Ihm insbesondere die Gnade der Berufung zum Ordens- oder Priesterstande, zu einem Stand, in welchem wir vor so vielen Gefahren und böseIl Gelegenheiten bewahrt, ein Leben des Gebetes und der Vereinigung mit Gott zu führen vermögen. In der Tat eine große Schuld bei Gott, bei unserem Heiland. Zehntausend Talente, ja unendlich mehr.

"H ab e Ge d u I d mit mir, ich wer d e dir alles bezahlen." Wirklich? Im Ernste? Ja, im Ernst und in voller Wahrheit, in der Mitfeier des Opfers der heiligen Messe. Sie ist wesenhaft "Eucharistia", Danksagung, ein Genugdanken, ein die Dankesschuld Bezahlen. Da nehmen wir unsere "reine, heilige, makellose Opfergabe", Christus, da, geschlachtete Lamm, in unsere Hände. Wir hebe!l diese Gabe, Jesu Leib, Jesu Blut, Jesu Seele" mit ihren unendlichen Danksaguhgen, stellvertretend fÜr uns und als unendlich wertvolle Ergänzung unserer aus uns ungenügenden Danksagung zum Himmel empor. "Schaue huldvoll darauf nieder und nimm es (unsere Opfergabe) wohlgefäll ig an, wie Du einst mit Wohlgefallen aufgenommen hast die Gaben Abels", Abrahams,. Melchisedechs. "Durch Ihn (unsere Opfergabe Christus) und mit Ihm und in

Ihm wird Dir, Gott, allmächtiger Vater, in der Einheit des Heiligen Geistes alle Ehre und Verherrlichung", eine vollkommene, unendliche Danksagung (Kanon der heiligen Messe). Die heilige Messe ist "Eucharistia", das Opfer der Danksagung. So oft in der heiligen Kirche irgendwo auf Erden das heilige Opfer gefeiert wird, opfern wir alle mit und zahlen die Schuld unseres Dankes ab "durch Christus unsern Herrn". "Ich will dir alles bezahlen."

3. "Ich will Dir alles bezahlen." Das ist der Gei,t der heiligen Kirche und ihrer Liturgie, am vollkommensten ausgedrückt in dem Opfer der Danksagung. im "eucharistischen" Opfer. "Laßt uns die ,eucharistia' feiern", ruft u~s die Kirche zu. Wir antworten:

"Ja, so ist es geziemend und recht." Der Priester, die Kirche bestätigt ,unser Wort: "Es ist in Wahrheit geziemend und recht, entsprechend und heilsam, Dir immer und Überall dankzusagen, heiliger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott, durch Christus unsern Herrn." In diesen Worten der Präfation lebt das Lob- und Dankgebet der ältesten christlichenLiturgien fort und drückt sich der Geist der opfernden Kirche am ursprÜnglichsten aus. Wir gehen in der :-'1 eßfeier in den Geist der Kirche ein und tragen ihn vom Altare weg in den Beruf, in den Alltag hinein. Unser Leben ist an erster Stelle nicht Bittgebet, SOI1- dern Lobpreisung, Danksagung und Anbetung. Ein ununterbrochenes "Wir loben Dich, wir preisen Dich, wir beten Dich an, wir verherrlichen Dich, wir sagen Dir Dank ob Deiner großen Herrlichkeit, Herr, Gott, König des Himmels, allmächtiger Vater. Herr, Jesus Christus, eingeborener Sohn. Du allein der Heilige, der Herr, der Höchste, Jesus Christus, mit dem Heiligen Geiste in der Herrlichkeit Gottes des Vaters" (Gloria der Messe).

"Gebet gibt es wenig genug, aber noch viel weniger Danksagung" (W. Faber). Tausende von Vaterunser und Ave Maria steigen zum Himmel empor, um Übel abzuwenden oder um Gnaden zu erbittell

538 Die Zeit nach Pfingsten: Zweiundzwanzigste Woche. Wenn diese Gebete aber erhört sind, wo bleibt das Danken? "Sind nicht zehn Aussätzige rein gewor· den? Wo sind die übrigen neun? Hat sich (VOll den zehn Geheilten) keiner gefunden, der zurÜckkehrte und Gott die Ehre gab, als dieser Samariter]" (Luk. 17,17 L) Diese Klage des Herrn wird auch für uns' Christen zur Anklage. Wir danken so wenig, weil wir wenig lieben. Das Danken ist so sehr Sache der Liebe, daß wir Gott im Himmel die ganze Ewig· keit hlDdurch danken werden, wie wir Ihn ewig

schauen und lieben werden. •

"Danket Gott, dem Vater, allezeit für alles, im Namen unseres Herrn Jesus Christus" (2 Kor. 9, II). "Bringet alle eure Anliegen in innigem Gebet mit Dank vor Gott" (Phil. 4, 6). "Nachdem ihr den Herrn Jesus Christus kennen gelernt habt, bleibt in Ihm, baut euch auf in Ihm, seid stark im Glauben und strömt über von Dankbarkeit" (Kol. 2, 7). So tut es die heilige Kirche in ihrem Opfer, in ihrem Gebet. Wir gehen in ihren Geist der Danksagung ein.

Ge b e t.

Wir bitten Dich, 0 Herr, behÜte Deine Familie immerdar mit Deiner väterlichen Liebe, auf daß sie unter Deinem Schutz von allen Hemmungen frei bleibe und Dir ergeben sei in guten Werken. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Samstag

der zweiundzwanzigsten Woche nach Pfingsten.

Unsere Schuld der SÜhne gegenÜber Go t t.

1. "Das Himmelreich ist einem König gleich, der mit seinen Knechten (Beamten) Abrechnung halten will. Als er mit der Abrechnung begonnen hatte, brachte man ihm einen, der ihm zehntausend Talente schuldig war" (Evangelium). Der Schuldner sind wir selber, bin ich.

Samstag: Unsere Schuld der Sühne gegenüber Gott. 539

2, "Man brachte ihm einen, der ihm zeh nt aus end Tal e n t e s eh u I d i g war", nach unserem Begriffe eine Summe von etwa vierzig Millionen Mark. Der Schuldner wird seinem Herrn diese Summe nie entrichten können. Und der SchuldIler sind wir. Wodurch? Durch unsere' Sünden, durch eine einzige SÜnde, vor allem eine Todsünde. Die SÜnde, die TodsÜnde ist ein derartiges Verbrechen gegen Gott, eine so große Schuld gegenüber Gott, daß sie von Menschen allein niemals wieder gutgemacht werden kann. Auch nicht durch die schwersten Bußwerke und Genugtuungen. Die Beleidigung bemißt sich nach der Würde dessen, dem die Beleidigung zugefügt wird, die Genugtuung aber und SÜhne nach der WÜrde dessen, der für die Beleidigung Genugtuung leistet. Demnach ist die SÜnde, weil sie eine Beleidigung der unendlichen Majestät Cottes ist, eine Beleidigung, ein Unrecht von unendI ichem Ausmaß. Wie soll ein endliches, geschaffenes Wesen, ein Mensch, für ein unendliches Unrecht \'ol1e, wÜrdige Genugtuung leisten? Es ist also vollkommell unmöglich, daß der Mensch, der gesündigt hat, das Gott durch die Sünde zugefÜgte Unrecht je gutmacht. Auch alle Menschen, alle geschaffenen \Vesen zusammen vermögen es nicht. So sind wir in Wahrheit jener Knecht, der seinem Herrn "zehntausend Talente schuldig war". Denn wir haben alle gesündigt und Gott ein unendliches Unrecht zugefÜgt: in der ErbsÜnde, in unsern persönlichen SÜnden gegen die Gebote Gottes und der Kirche, in Gedanken, Worten, Werken, in TatsÜnde11 und Unterlassungssünden. "Mea culpa, mea culpa, mea m3xima culpa!"

"H ab e Ge d u I d mit mir, ich wer d e cl i r all e 5 be z a h I e n." Wir besitzen die Verdienste und Genugtuungen Christi, unseres Erlösers. Er, der Gottmensch, und Er allein konnte und kann fÜr unsere SÜnden Gott vollwertige Genugtuung leisten. Er hat es getan in Seinem Leiden und Sterben. Er

540 Die Zeit nach Pfingsten: Zweiundzwanzigste Woche, hat uns in der heiligen Taufe "Seinem Leiden und Sterben einverleibt" und uns Sein Leiden so zu eigen gegeben, "als ob wir selber gelitten hätten und gestorben wären" (hI. Thomas von Aquin). Täglich dürfen wir in der heiligen Messe Sein LeideI\ und Sterben, Seine Verdienste und Genugtuungen, Sein unendlich kostbares Blut dem Vater als vollwertige Sühne und Genugtuung für alle unsere Sünden und ~d ängel anbieten. So ist es der Glaube der heiligen Kirche: die heilige Messe ist ein Sühnopfer. "HeiI iger Vater, allmächtiger ewiger Gott, nimm diese makellose Opfergabe gnädig an. Dir, meinem lebendigen, wahren Gott, bringe ich sie dar (zur Genugtuung und SÜhne) für meine unzähligen Sünden, Fehler und Nachlässigkeiten." "Laß uns, 0 Herr, im Geiste der Demut und Zerknirschung bei Dir Aufnahme (Verzeihung) finden" (Gebete zur Opferung). "Herr, nimm gnädig die Opfergaben auf. Durch sie wolltest Du Dich ja versöhnen lassen und uns in machtvoller Vatergüte wieder das Heil schenken" (Stillgebet). ,,0 Herr, zur Zuflucht bist Du uns geworden von Geschlecht zu Geschlecht" (Graduale), im blutigen Versöhnungsopfer am Kreuze, im unblutigen Versöhnungsopfer auf dem Altare. ,;Durch die Darbringung des Meßopfers wird Gott versöhnt, gewährt die Gnade der Buße und die Verzeihung der Sünden und selbst der größten Verbrechen" (Konzil von Trient). So dürfen wir mit vollem Rechte sprechen: "Herr, habe Geduld mit mir, ich will Dir alles bezahlen", Dir vollkommene Genugtuung und Sühne leisten, im Opfer der heiligen Messe,

3· "Habe Geduld mit mir, ich werde Dir alles bezahlen", mit den Genugtuungen J esu, des Erlösers, im Opfer der heiligen Messe. Er wird indes in der Feier des heiligen Opfers für unsere Schuld nur soweit Genugtuung leisten können, als wir in dem heiligen Opfer in Seinen Genugtuungswillen elllgehen und entschlossen sind, auch selber fÜr

Samstag: Unsere Schuld der Sühne gegenüber Gott. 54 I unsere Sünden Genugtuung zu leisten, Buße zu tun. Der Herr hat uns am Kreuze die Verzeihung der SÜnde verdient. Doch nicht in dem Sinne, daß wir dadurch von der Pflicht entbunden seien, auch selber Buße zu tun. Wir sollen uns vielmehr in der heiligen Messe die uns vom Herrn erworbene Verzeihung und Gnade durch Buße und Abtötung aneignen und unsere Bußwerke in der Feier des heiligen Opfers zusammen mit den Genugtuungen des Herrn dem Vater aufopfern. Dann dürfen wir darauf rechnen, daß der Vater uns die Schuld erläßt.

Eine zweite Bedingung wird gefordert. "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern." Wenn wir nicht unsern "M itknechten" vergeben, wird der Herr uns im Gerichte zu sich rufen und uns sagen: "Du böser Knecht, die ganze Schuld habe Ich dir erlassen, weil du Mich gebeten hast. Hättest du nicht auch deines Mitknechtes dich erbarmen sollen, wie Ich Mich deiner erbarmt habe?" "Voll Zorn Übergab ihn der Herr den Peinigern, bis er die ganze Schuld bezahlt habe", d. i. auf ewig. "So wird auch Mein himmlischer Vater mit euch verfahren, wenn nicht jeder seinem Bruder von Herzen verzeiht." Nur dann werden wir im Opfer der heiligen Messe unsere Schuld abtragen und von Gott Verzeihung erhalten können, wenn wir, jeder seinem Bruder, von Herzen verzeihen.

Wir gehen dem Gerichte, der Abrechnung mit dem König entgegen. Je näher der Tod kommt, um so dringlicher wird die Forderung der Buße l1nd Genugtuung und die Forderung: "Vergebet, dann wird euch vergeben werden" (Luk. 6, 37).

Ge be t.

Herr, nimm gnädig die Opfergaben auf; durch sie wolltest Du Dich ja versöhnen lassen und uns in machtvoller Vatergüte wieder das Heil schenken. nurrh Christus un~ern Herrn. Amen.

Die liturgische Meßfeier

des z w e i und z w a n z i g s t e n So n n t a g.s nach Pfingsten.

I. Ein tiefer Ernst begleitet uns zur heutigen Opferfeier. Vor uns steht die nahe Wiederkunft Christi, gleichsam schon begonnen in der Ankunft Christi, die in der heiligen Wandlung erfolgen wird. Hinter uns liegt ein Leben, befleckt mit Untreue und Sünden. Da legt sich ein GefÜhl drückender Schuld auf die Seele. Aus der Tiefe des Schuldbewußtseins heraus, das uns erdrücken möchte, rufen wir dem nahenden Herrn entgegen: "Wenn Du auf die SÜnden sehen willst, 0 Herr, wer wird bestehen? Doch bei Dir ist Vergebung" (Introitus). Diesel' unserer Stimmung verleihen wir im Kyrie eleison und in dem Kirchengebet verstärkten Ausdruck.

2. Den Leitgedanken der heutigen Liturgie gibt uns die Epistel mit den Worten des in seinen Ketten schmachtenden Apostels: "Wir vertrauen auf den Herrn Jesus, daß der, welcher das gute Werk in euch begonnen hat, es auch vollenden wird bis zum. Tage Jesu Christi." "Das gute Werk" der christlichen LebensfÜhrung hat der Herr in der heiligeIl Taufe (Ostern) begonnen. Was dort an Lebenskeimen des übernatürlichen Lebens in die Seele gelegt worden, soll sich ausreifen und zu vollkommener Frucht heranwachsen. Dann sind wir bereit für den Tag Christ,i, für den Tag Seiner Wiederkunft zum Gericht am einzelnen in der Todesstunde und an der gesamten Me'nschheit am Ende der Tage. Das ist der Wunsch und das Gebet des Apostels und der heiligen Kirche, daß "ihr rein und untadelhaft seid auf den Tag Christi, erfÜllt mit der Frucht der Gerechtigkeit durch J esus Christus." ,Das vorzÜglichste Mittel, uns für die Ankunft Christi bereit zu machen. ist die Liebe. die Hingabe an die Gemein-

ule liturg. lVlel.lleler 0,22. >::>onntags n, rllll!;;"ClJ. 543

schaft, an die Mitmenschen: "daß eure Liebe mehr und mehr wachse". Die Liebe ist das Band der Vollkommenheit, die ErfÜllung des Gesetzes, das echte Kennzeichen des Geistes und der JÜngerschaft Christi, das Unterpfand des gnadenvollen Kommel1s Christi. "Wenn zwei oder drei in Meinem Namen versammelt sind, bin Ich mitten unter ihnen" (Matth, 18, 20). Drum schließt sich die zum heiligen Opfer versammelte Gemeinde im Geiste der aufrichtigsten Liebe zusammen, wird ein Herz und ein e Seele, und singt im Graduale den Psalm der sich in Liebe umfassenden Gemell1schaft: "Seht, wie gut und lieblich ist es, wenn BrÜder traut beisammen wohnen." Da, wo die Liebe die Herzen aneinander kettet, da kommt der Herr und gießt Seinen Segen Über sie aus. "Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist" (Evangelium). Liebende Hingabe an die Gemeinschaft und deren Vorgesetzte ist der Vorbau und Unterbau fÜr die fruchtbare Mitfeier des heiligen Opfers. Mit einem frohentschlossenen "Ich glaube, ich will es" antworten wir auf Christi Weisung: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist."

3. Schon in der Feier der heiligen Messe beginnen wir, unsern Entscbluß auszufÜhren. "Gebet Gott, was Gottes ist." In der heiligen Wandlung kommt der Herr, Gottes eingeborener Sohn. Er gibt sich als reine, heilige, Gott wohlgefällige Opfergabe in un~ere Hand. Da "geben wir Gott, was Gottes ist", Sein Einziges und Alles, Seinen Sohn, mit den unendlichen ReichtÜmern und GÜtern, die Er in sich beschließt. "Durch Ihn und mit Ihm und in Ihm ist Dir alle Ehre und Verherrlichung." In diese reine, heilige Opfergabe legen wir unser Selbst hinein, Leib und Seele, Herz und Wille zugleich mit den Gebeten, Arbeiten, Tugenden, Leiden, Opfern und überwindungen der ganzen heiligen Gemeinschaft der Kirche. "Seht, wie gut und lieblich es ist, wenn Brüder traut beisammen wohnen (über sie ergießt

544 Die Zeit nach Pfingsten: Dreiundzwanzigste Woche. sich Gottes Segensfülle), wie wenn das Salböl auf dem Haupte (Christus, gesalbt mit der Gottheit) auf den Bart niederrinnt." Wir haben "Gott gegeben, was Gottes ist", als kostbare Frucht der liebenden Gebets- und Opfergemeinschaft mit dem Priester und den Mitopfernden. Nun steigt in der Kcmmunion das Heil Gottes vom Himmel hernieder. Wir haben nicht umsonst gefleht: "Willst du auf die Sünden sehen. Herr, wer wird be'stehen? Doch bei Dir ist Vergebung" (Introitus). "Ich rufe, denn Du erhörst mich" (Communio). Die segen- und gnadenspendende Ankunft Christi in der heutigen Meßfeier ist ein Vorbild und ein Vorspiel Seiner Wiederkunft zum Gericht. "Bei Dir ist Vergebung." "Ich rufe, denn Du erhörst mich." Mein Entschluß ist gefaßt: Liehende Hingabe an die Gemeinschaft der heiligen Kirche, und ganze Hingabe an Gott: "Gebt dem Kaiser, was' des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!"

Zweiundzwanzigster Sonntag nach Pfingsten.

Die Voll end u n g.

r Die Kirche beschäftigen heute angesichts der sicheren und nahen Wiederkunft des Herrn zwei Gedanken: der Gedanke an die Vollendung, die wir bis zum "Tage Christi" erreicht haben sollen, und der Gedanke, daß uns, den Gliedern der Kirche, zu dieser Vollendung noch viel fehlt.

2. Die E r war t u 'n g der h eil i gen L i t u rgi e. Wir sollten bis zum Tage der Wiederkunft des Herrn, bis zum Tage unseres Todes, die Vollendung des \Verkes erreicht haben, das Gott in uns in der heiligen Taufe begonnen hat. Mit unendlicher Liebeshingabe hat Gott in der Stunde der heiligen Taufe in uns "das gute Werk" des christlichen Lebens grundgeiegt. Er hat uns mit allen Gnaden und Kräften ausgestattet, deren wir bedurften, um im Laufe des Erdenlebens, bis zur Wiederkunft des

Sonntag: Die Vollendung.

545

Herrn, bis zu unserem Tode, z,ur Vollendung, zur Vollkommenheit zu gelangen. Täglich, stündlich gab Er uns neue Erleuchtungen, Anregungen und Gnaden, damit unsere "Liebe mehr und mehr wachse an Erkenntnis und jeglicher Einsicht"; damit wir kraft dieser Erkenntnis und Einsicht "beurteilen" können, was "das Bessere und Vollkommenere ist"; damit wir "rein und untadelhaft seien am Tage Christi, beladen mit der Frucht der Gerechtigkeit", eines heiligen, vollkommenen Lebens. Und das "durch J esus Christus", der uns in Seinem Leiden und Sterben die Gnade und die Kraft zum heiligen Leben verdient hat und als der lebendige Weinstock sie ununterbrochen in uns, die Zweige, leitet. Wir konnten also, wir mußten die Vollendung anstreben und erreichen, wir, die einzelnen, und die Kirche in ihrer Gesamtheit. So erwartet es die heilige Liturgie, die heilige Kirche. "BrÜder, wir vertrauen, daß der, welcher das gute Werk in euch begonnen hat, es auch vollenden wird bis zum Tage Jesu Christi", d. i. bis zum Tage des Todes und Gerichtes (Epistel).

Die Wirklichkeit. Mit b~sor~tem Blick schaut die Mutter Kirche auf die Masse ihrer Kinder hin, die sie im Sakrament der heiligen Taufe dem himmlischen Bräutigam geboren. Wie groß waren ihre Mutterfreuden am Sonntag Laetare, in der Osternacht, in der Osterwoche, da sie täglich die Neugetauften, ihre Hoffnung, in weiße Kleider gehÜllt, Z'U ihren Altären führte! Wie hat sie damals so inbrünstig für ihre "Neugeborenen" gebetet, daß sie den Weg, den sie in der heiligen Taufe betreten haben, festen, sicheren Schrittes bis zu Ende gehen möchten, ohne je ihr Taufkleid zu beschmutzen oder gar sich desselben unwÜrdig zu machen! Heute schaut sie zurück. So viele geknickte Hoffnungen und Erwartungen! So viele Untreuen, so viele und so schwere Sünden im Schoß der Kirche! Da kann sie nur noch mit dem Psalmisten flehen: "De profundis. - Aus den Tiefen rufe ich zu Dir, 0 Herr, Baur, Werde Licht, IIl. 35

546 Die Zeit nach Pfingsten: Dreiundzwanzigste Woche. Wenn Du es nicht vergessen könntest, Herr, daß wir gesündigt, Herr, wer könnte dann noch bestehen?" Tiefe Beschämung und innigster Reueschmerz bewegt das Herz der Kirche. Wenn sie sich heute anschickt, vor ihrem Bräutigam zu erscheinen, d.er in der heiligen Opferfeier "wiederkommt", dann ist sie die Esther, die im GefÜhl ihrer Unwürdigkeit in Ehrfurcht erzittert, ehedem sie vor den König hinzutritt. "Herr, der Du jeglicher Gewalt gebietest, gedenke meiner und gib in meinen Mund das rechte Wort, auf daß meine Rede Gefallen finde vor dem Angesichte des Fürsten" (Offertoriumsvers). "Barmherziger Gott, gib, daß dieses heilbringende Opfer uns unablässig von unsern Verfehlungen frei mache" (Stillgebet). "Aus Tieren schrei' ich, Herr, zu Dir; o Herr, erhöre mein Rufen" um Gnade, um Verzeihung. Wir schließen uns dem Empfinden und Beten der Kirche an.

3. Vollendet, reif werden! Darum handelt es sich fÜr die heilige Liturgie. Am Werk unserer Vollendung arbeiten wir selber, von Gottes Gnade angeregt und unterstützt. Unsere Sache ist es, im Glauben, in der überlassung an Gott und Seine Vorsehung, in der Liebe zu Gott und Christus beständig zu' wachsen und immer reiner Gottes heiligem Wohlgefallen zu leben. Indes die eigentlichste und wichtigste Arbeit an unserer Vollendung muß Gott tun. Gott wirkt in allen Dingen und Vorkommnissen. Er wirkt auch in uns und an uns und ordnet alle Dinge und Vorkommnisse auf unsere sittliche Vollendung hin. Er vollendet uns vorzüglich durch Leiden, VerdemÜtigungen, Ungefechtigkeiten und Lieblosigkeiten der Menschen; durch die verschiedenen innern Prüfungen, Finsternisse,Versuchungen,Trockenheiten; durch die Fehler und Mängel, durch das

. Kreuz des täglichen Versagens, das Er uns auflegt; durch Krankheiten, Mißerfolge, Schicksalsschläge. Wir werden dadurch vollendet, daß wir Ihn mit uns machen lassen, so wie es Ihm beliebt; dadurch, daß

Sonnt<1g-: Die Vollendung.

547

wir zu all Seinen Zulassungen und Schickungen ein ganzes Ja sagen; dadurch, daß wir uns Seiner Hand vollkommen überlassen, ohne Vorbehalt, ohne N eugierde, ohne Furcht und Bangen. So werden wir "rein und untadelhait sein am Tage Christi, beladen mit der Frucht der Gerechtigkeit", mit der Frucht eines heiligen Lebens. Wie weit sind wir von diesem Vollendet sein noch entfernt!

"Erfüllt mit der Frucht der Gerechtigkeit durch Christus Jesus" (Epistel). Das ist die Vollendung, welche die heilige Kirche angesichts der Wiederkunft des Herrn zum Gerichte von uns en~artet: die Gerechtigkeit. Jener Zustand, in welchem wir das sind, was wir als Menschen und als Christen, entsprechend den Anlagen und Gaben der Natur und Gnade, sein sollen. Wir werden es durch Christus J esus, durch das in uns, den Gliedern, wirkende Haupt. Wir werden es in dem Maße, als wir in Christus hineinwachsen, als wir mit dem Apostel in Wahrheit sprechen können: "Ich lebe, doch eigentlich nicht mehr ich, vielmehr lebt Christus in mir" (Gal. 2, 20), das Haupt im Glied, der Weinstock im Rebzweig. Das vorzÜglichste Mittel, in Christus, das Haupt, vollkommen hineinzuwachsen, ist die heilige Eucharistie.

"Seht, wie gut und lieblich es ist, wenn Brüder traut beisammen wohnen" (Graduale). Wir wissen uns als Glieder Christi, als Glieder der Kirche, der Gemeinschaft der Heiligen. Je mehr, je bewußter und hingebender wir der Gemeinschaft, der Familie, der Pfarrei leben und im Ganzen arbeiten, beten, opfern und leiden, um so schneller, sicherer und vollständiger werden wir vollendet sein; um so reiner werden wir am Tage Christi sein, beladen mit der Frucht der Gerechtigkeit. Die Gemeinschaft der Kirche ist der Boden, auf dem allein wir dem Heil in Christus entgegenreifen und zur Vollendung gelangen. Wir genügen uns allein nicht, wir bedürfen der andern, des Ganzen.

35*

548 Die Zeit nach Pfingsten: Dreiundzwanzigste Woche.

Ge be t.

Gott, unsere Zuflucht und Stärke, Du bist ja selber der Urheber der Frömmigkeit. Darum stehe den frommen Bitten Deiner Kirche bei und gib, daß wir wirklich erlangen, um was wir gläubig bitten. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Montag

der dreiundzwanzigsten Woche nach Pfingsten.

"D a s re c h t e Wo r t."

I. "Daß ihr rein und untadelhaft dasteht am Tage Christi" (Epistel). Das ist ja die Sorge und das Gebet der Kirche in jeder heiligen Messe, in jedem Stundengebet. Es ist aber ihre Sorge und ihr Gebet vor' allem jetzt, wo ihr im Symbol des zu Ende gehenden Heilsjahres der'Tag Christi greifbar nahe gerückt ist. In dieser Sorge ruft sie, die Esther des N euen Bundes, zum Herrn, dem Allgebieter : "Gib meinem Munde das rechte Wort, auf daß meine Rede Gefallen finde vor dem Angesichte des FÜrsten" (Offertorium).

2. "G ibm ein e m M und e das re c h t e Wo r t." Es ist die Bitte der Kirche um das "Wort" Gottes, um Christus, daß Er in dem heiligen Opfer aufs neue ihr Eigentum werde, sie mit sich vermähle, in sich aufnehme, daß Er sie als ihre Opfergabe vor dem Vater vertrete, als ihr Mittler ihre Gebete und Anliegen vor den Vater trage, daß Er sie endlich in allen ihren Gliedern in der he,iligen Kommunion mit Seinem Leben und Geist erfÜlle, reinige und heilige. Es ist die Bitte der Kirche, daß das Wort des Vaters in der Feier der heiligen Messe mit der Stimme des Blutes als Anwalt der unheiligen, sÜndigen BrÜder zum Valer rufe: "Wenn Du es nicht vergessen könntest, Herr, daß wir gesündigt, Herr, wer könnte dann noch bestehen? Doch Du gewährest. Begnadigung, Gott Israels. Aus Tiefen schreie ich

Montag-: "Das rechte Wort."

549

zu Dir, Herr, erhöre mein Rufen" (Introitus). Und wiederum: "Ich schrei zu Dir, 0 Gott, Du erhörest mich. 0, neig Dein Ohr, erhöre meine Bitte" (Communio). Das gibt der betenden Kirche Vertrauen und Erhörungsgewißheit: sie hat "das rechte Wort". In ihr betet Christus, der Sohn, :,an dem der Vater Sein Wohlgefallen hat" (Matth. 3. 17), der Sohn, den der Vater "jederzeit erhört" (Joh. II, 41). Soll Er denj enigen nicht erhören, der hier auf dem Altare in Liebe für uns und mit uns bittet und sich für uns in Liebe hinopfert? In der Gebets- und Opfer-

gemeinschaft der Kirche ist auch unserem Munde das rechte Wort gegeben: wir haben Christus, unsere Opfergabe, Seinen Leib, Sein Blut, Seine heilige Seele, Sein Gebet, Seinen Lobpreis Gottes, Seinen Dank an Gott, Seine Genugtuung. "In Ihm sind wir reich geworden" (I Kor. I, 5), rein und untadelig für den Tag Christi, beladen mit der Frucht der Gerechtigkeit.

"Wie gut und lieblich ist's, wenn Brüder traut beisammen wohnen. Es ist wie Salböl auf dem Haupt, das niederträufelt auf den Bart, auf Aarons Bart" (Graduale). Das "rechte Wort" ist da, im heiligen Opfer, Christus, inmitten Seiner Brüder, in trautem Zusammenbeten, Zusammenopfern mit ihnen. Er das Haupt, sie die Glieder, ein Christus. In der Gemeinschaft, und nur in der Gemeinschaft der mit ihrem Haupte lebendig verbundenen, mit ihrem Haupte betenden, opfernden, ringenden, leidenden Kirche wird unsere Liebe mehr und mehr an Erkenntnis und Einsicht wachsen, werden wir das Bessere wählen, werden wir rein und untadelig sein am Tage Christi, beladen mit der Frucht der Gerechtigkeit. Dies alles in dem Grade vollkommener, als wir die Isoliertheit, das nur an uns Denken, das nur fÜr uns selber Beten und Opfern darangegeben und in das Ganze eingegangen sind. Christus, der Herr, lebt, wirkt, betet, opfert zuerst in der Gemeinschaft, im Ganzen. So innig sind wir

550 Die Zeit nach Pfingsten: Dreiundzwanzigste Woche. Menschen in unserem leiblichen und geistigen Sein, in unserem Denken, Wollen, Streben, Fühlen, Tun und Lassen aufeinander bezogen und miteinander verkettet, so solidarisch ist unser Leben, unsere Tugend und Sünde, daß wir für die Heilsabsichten GaUes und für das Heilswirken Christi nur als Ganzheit, als Einheit in Betracht kommen. Von dem Ganzen, von der Gemeinschaft des Leibes Christi, der Kirche her, strömt uns, den einzelnen, Christi Gnade und Heil zu. "Incorporetur, ut vivificetur. Erst müssen wir Christi Leib angehören: dann nur können wir das Leben haben" (hI. Augustinus). "Wie gut und lieblich ist es also, wenn Brüder traut beisammen wohnen", miteinander beten, dem Vater lobsingen, Ihm danken und huldigen, Christus, "der Erstgeborene", zusammen mit "den vielen Brüdern" (Röm. 8, 29), die vielen ein Herz und ein e Seele, die Gemeinschaft der betenden, opfernden Kirche. Welche Gnade, daß wir der Gemeinschaft der Kirche angehören! Glücklich wir, wenn wir vollkommen in und mit der Gemeinschaft leben. Dann strömt es wie Salböl vom Haupte Christus auf uns herab.

3· "Gib meinem Munde das rechte Wort." Glücklich du, Esther, heilige Kirche. Der Herr hat dir das rechte Wort gegeben: Christus, der Herr ist in dir, lebt, betet in dir. Er ruft in dir zum Vater. Er betet an in dir. Er fleht in dir zum Vater. Wie erhaben, wie wirksam, wie gottbezwingend, allvermögend ist dein "Oremus", dein Beten "durch Christus unsern Herrn", dein Opfern. Du gibst Gott vollkommen das, was Gottes ist, im Opfer der heiligen Messe.

Der Herr hat dir, Kirche, das rechte Wort gegeben. Christus, der Herr lebt in dir und spricht zu deinen Kindern das Wort der Wahrheit. "Wer euch hört, hört Mich, und wer euch verachtet, verachtet Mich" (Luk. 10, r6). Wir lauschen deinem Worte und nehmen es in heiliger Ehrfurcht ent- • gegen. Es wirkt reinigend, erleuchtend, heilend,

.,

Dienstag: Christus der Richter. 551

heiligend, belebend. In der Treue gegen dieses' dein Wort werden wir "rein und untadelhaft sein a.m Tage Christi".

"Gib meinem Mund das rechte Wort." Er gibt es uns, so oft wir uns den Gebeten und der Liturgie der heiligen Kirche anschließen. Es kann niemals ein heiligeres und wirksameres Gebet geben als das liturgische Gebet der Kirche. Es ist das Gotteslob des menschgewordenen Wortes Gottes, durch den Mund der Kirche dem Vater geweiht. Im Gebet der Kirche geben wir' Gott, was Gottes ist!

"Gib meinem Mund das rechte Wort." Er gibt es uns in der heiligen Kommunion. Das ewige Wort Gottes, menschgeworden, wird in der heiligen Eucharistie unsere Nahrung, Christus, der Herr, in uns den Vater anbetend, liebend, lobpreisend, mit uns, für uns, an unserer Statt! Wie sind wir glücklich. Wie ist unser Beten so groß, so wirksam! "Wie gut und lieblich ist's, wenn Brüder traut beisammen wohnen!" Christus mit uns in der heilIgen Kommunion!

Ge be t.

Gott, unsere Zuflucht und Stärke, du bist ja selber der Urheber der Frömmigkeit. Da.rum stehe den frommen Bitten Deiner Kirche bei und F;ib, daß wir wirklich erlangen, um was wir gläubig bitten. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Dienstag

der dreiundzwanzigsten Woche nach Pfinglten.

Christus der Richter.

1. Der Tag Christi, des Richters. Sie legen Ihm eine Frage vor, daß Er richte und entscheide. Ist es den Juden erlaubt, dem heidnischen Kaiser in Rom Steuer zu zahlen?" Hat der Kaiser in Rom die Juden nicht um' ihre nationale Selbständigkeit gebracht? Ist er nicht ein Unbeschnittener, ein

552 Die Zeit nach Pfingsten: Dreiundzwanzigste Woche. Götzendiener? Ist es erlaubt, daß ein Jude ihm Steuer zahle?

2. D 1 e S 0 r g e der M e n s ehe n. An erster Stelle ist es die Steuerfrage, die Geldfrage. An zweiter Stelle ist es die politische Frage, welche. die Geistel und Gemüter in Spannung hält. Die Juden wollen nicht, daß die Römer über sie herrschen. Schon fast hundert Jahre tragen sie das harte Joch, das Rom ihnen auflegt. An dritter Stelle ist es eine persönliche oder vielmehr eine Parte i angelegenheit, welche die Pharisäer beschäftigt. J esus hat sich die Herzen des einfachen Volkes erobert. Die Pharisäer, welche die Führer des Volkes sein wollen, sehen ihren Einfluß schwinden. Sie sehen sich von Ihm vor dem Volke entlarvt und bloßgestellt. Die Sorge also: Wie bringen wir Ihn weg? Sie halten eine Sitzung und beraten, wie sie Ihn in einer Rede fangen könnten. Sie hecken einen wohldurchdachten Plan aus. Sie stellen Ihn vor die Geldfrage und zugleich vor die politische Frage? "Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen?" Sagt Er Ja, dann hat Er es mit dem Volke verdorben; sagt Er Nein, dann ist Er ein Revolutionär und bekommt es mit der römischen Polizei zu tun. Siehe da, die Sorgen, Händel, Pläne der Menschen! Geld, Politik, Verderben des Gegners. Ja, wären das nur die Pharisäer, die Heiden, die Ungläubigen! Aber es sind die Sorgen, die Händel, die Machenschaften auch der Mehrzahl der Christen! Irdische Interessen, Sorgen, Hä;del ohne Ende!

Die So r g e des Her r n. "Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen oder nicht?" J esus durchschaut die Gedanken und Absichten der Fragesteller. Er läßt sich in ihre Sorgen und Händel nicht ein. Mit souveräner M aj estät und klarem Blick stellt Er sich darüber. "Zeigt Mir die Steuermünze. Wessen ist dieses Bild und die Aufschrift?" Sie antwarteten: "Des Kaisers." Er fällt die Entscheidung: , "Gebt also dem Kaiser, was des Kaisers ist, und

..

Dienstag: Christus der Richter. 553

Gott, was Gottes ist." Absolutes Rechttun in allem, gegenüber Kaiser und Gott, Staat und Kirche, Kultur und Religion, Menschen und Gott. Jesus steht Über allen Leidenschaften der Menschen. Seine Welt, Seine Sorge ist Gott und Gottes Gesetz, das Gesetz der Gerechtigkeit und Liebe. Wie werden da die Probleme und Rätsel der Menschen so einfach gelöst, wo keine Leidenschaft, keine Voreingenommenheit, keine Selbstsucht mItspricht! Da, wo die einzige Sorge des Menschen Gott ist, Gottes Gebot, Gottes Gesetz und Anordnung. Gott genÜgt. Gott allein genügt.

3. "Der Tag Christi." Der heilIgen Liturgie

leuchtet in dem, was das Evangelium berichtet, der Tag Christi auf. Sie erkennt in dem Herrn, der mit göttlichem Wissen und göttlicher Weisheit die Ihw. .gestellte Frage entscheidet, den Richter, vor dessen Urteil alle zu verstummen haben. Wir erkennen in dem Bericht des Evangeliums eine Vorausnahme und Illustration des Tages Christi, des Gerichtes, das Er dereinst halten wird.

"Gebet Gott, was Gottes ist." T etzt in der heiligen Messe. Zur Opferung geb~n wir Gott, was Gottes ist, und legen es auf die Patene: unser eigenes Ich mit all dem, was wir sind und haben, unsere Zeit, unsere Talente, unsern Geist, unsern Willen, unser Herz, unsere Freiheit, unsere Gesundheit, unsere Arbeiten, unsere Leiden, Entbehrungen, alles. "Nimm an, 0 Herr, diese Gabe." Durch die geheimnisvolle BerÜhrung mit Ihm im Opfer und im OpfermaJ;11 gehen wir in den Alltag, in den Beruf hinaus und geben heute den ganzen Tag dem Kaiser, was de8 Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.

"Gebet Gott, was Gottes ist, und dem Kaiser, was des Kaisers ist." An erster Stelle der Dienst Gottes, die Frömmigkeit, das Leben für Gott. "Die Frömmigkeit ist zu allem nütze und hat die Verheißung für dieses und für das zukünftige Leben" (r Tim. 4, 8). Erst das Leben für Gott macht den Menschen

554 Die Zeit nach Pfingsten: Dreiundzwanzigste Woche. stark und tüchtig fÜr die Aufgaben gegenüber dem Leben, der Gemeinschaft, der Familie, dem Staat, der Kulturarbeit. Es macht opferwilliger, geduldiger, starkmütiger, großherziger, gewissenha fter, pflichttreuer; es lehrt und bewirkt, alles mit mehr Ruhe und Selbstbeherrschung zu vollziehen. Es gibt neue Kraft zur Arbeit, Mut zum Entsagen, zum Leiden, unerschöpfliche Fruchtbarkeit. Gibt der Mensch nicht zuerst und in allem Gott, was Gottes ist; stellt er sich auf sich selbst; stützt er sich auf sein eigenes Können und Tun; wirkt er ohne Gott, ohne Religion, ohne Christus, dann erfÜllt sich an ihm und seinem Tun das Wort der Schrift: "Verflucht sei die Erde unter deinen Händen" (I Mos.· 3, 17). Wie kann er dem Kaiser, der Gemeinschaft, geben, was des Kaisers ist? "Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht lösen" (Matth. r9, 6).

Christus, der Richter! Er fordert absolute Rechtlichkeit im Denken, Reden, Tun und Lassen, gegenüber jedermann, Freund und Feind, Einzelmensch und Gemeinschaft. Werde ich vor Ihm, dem Richter, bestehen?

Gebet.

Gott, unsere Zuflucht und Stärke, Du bist ja selber der Urheber der Frömmigkeit. Darum stehe den frommen Bitten Deiner Kirche bei und gib, daß wir wirklich erlangen, um was wir gläubig bitten. Durch Christus unsern Herrn. Amen.

Mittwoch

der dreiundzwanzigsten Woche nach Pfingsten.

Der Tag C h r ist i.

1. Mit erneuter Eindringlichkeit erinnert uns die

. Liturgie an den "Tag Christi". Sie lebt in dieser Woche ganz im Gedanken an die Wiederkunft des Herrn. Sie will, daß auch wir dieses Erdenleben im Lichte des nahen Todes und Gerichtes, der Ewig-

Mittwoch: Der Tag Christi.

555

keit und des Jenseits anschauen. "In all deinen Geschäften gedenke der letzten Dinge, und du wirst in Ewigkeit nicht sündigen" (Sir. 7, 40).

2. Es naht der Tag des Gerichtes. "Wenn Du, Herr, der Missetaten achtest, Herr, wer wird bestehen?" Wenn Du unsere Sünden und Untreuen nicht hier, während dieses Erdenlebens, barmherzig vergissest; wenn Du sie in Erinnerung bewahrst und unverziehen für den Tag des Gerichtes aufbewahrst: Herr, wer wird dann vor Deinem Zornblick bestehen? Ja, würde nur die Welt uns richten, die Welt mit ihrer seichten Moral und ihren dehnbaren Grundsätzen; würden nur unsere Freunde uns richten, die es heute nicht einmal wagen, uns die Wahrheit zu sagen und uns auf unsere Fehler aufmerksam zu machen; würden nur unsere Vorg~setzten uns richten, die eher zur Nachsicht als zur Strenge neigen; die Beichtväter, die so gerne an uns alles entschuldigen! Würden wir nur von Menschen gerichtet werden.- dann dürften wir unverzagt mit Paulus sprechen: "Mir liegt nicht im geringsten etwas dar an, ob ich von euch oder von sonst einem menschlichen Gerichte gerichtet werde. Aber der mich richtet, ist der Herr. Er wird auch das im Finstern Verborgene ans Licht bringen und die Gesin'nungen der Herzen offenbar machen" (I Kor. 4, 3) und richten. "Wir werden alle vor dem Richterstuhle Christi stehen" (Röm. Iln' ro), in der Stunde des Todes und beim Weltgericht. "Beim Ende (Tode) des Menschen werden seine Werke offenbar werden" (Sir. I1, 29). "Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts heimlich, was nicht gewußt werden wird" (Matth. 10, 26). "Wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi erscheinen, damit jeder, je nachdem er in seinem Leibe (im Erdenleben) Gutes oder Böses getan hat, danach empfange" (2 Kor. 5, 10). Das ist das Entscheidende: "Der mich richtet, ist der Herr", der All wissende, der Allheilige, der Ge-

556 Die Zeit nach Pfingsten: Dreiundzwanzigste Woche. rechte. Vor Ihm haben wir uns zu verantworten, der "die Herzen und Nieren prüft" (Offb. 2, 23). ,,0 Herr, Du kennst mich und durchschaust mich; ob ich nun sitze oder stehe, Du weißt es. Von weitem schon ..durchschaust Du all mein Denken, bekannt ist Dir mein Weg. Im voraus siehst Du alle meine Pfade, kein einzig Wort kommt über meine Zunge unbemerkt. Und alles weißt Du, Herr, das Alte und das Neue" (Ps. I38, I-5). Wollten wir, so wie die Liturgie es wünscht, im Gedanken und unter dem steten Eindruck des nahenden Richters wandeln, um wie viel richtiger würden wir dann die Pflichten, die Opfer, die MÜhen, die Leiden, die Genüsse und Freuden des Lebens ansehen und werten! Wie leicht wÜrden wir uns dann über die zeitlichen Interessen und Rücksichten erheben, um dem ein e n N otwendigen ~u leben! "Gedenke der. letzten Dinge, und du wirst in Ewigkeit nicht sündigen."

"A m Tag e C h r ist i." Derjenige ist der Richter, der uns in Liebe am Kreuze erlöst hat; der alles getan hat, um uns zu Seiner Liebe zu bewegen und uns zu bestimmen, daß wir unser Leben Seinem heiligen Leben nachbilden sollten. \Nährend unseres Erdenlebens hält Er sich verborgen. Er bleibt schweigend und unsichtbar, ob die Menschen Ihm dienen oder sich an Ihm versündigen. Er kann, Er darf nicht immer stumm und verborgen bleiben. In dem Augenblick, da das Leben zu Ende geht und der Bruch zwischen Seele und Leib im Tode vollzogen ist, nimmt Er Seine Herrschaft feierlich wieder auf. Er kommt als der Herr, der Meister. Glücklich wir, wenn wir "rein und untadelhaft" vor Ihm erscheinen und Ihm zurufen können: "Zeige uns Dein Antlitz, und wir werden gerettet werden" (Ps. 79, 4). Wehe dagegen jenen, die Ihn vergessen haben. Sein Erscheinen wird ihnen Furcht und Schrecken einjagen. Wehe jenen, die Seine Gebote übertreten, Seine ·Wahrheit und Gnade von

Mittwoch: Der Tag Christi.

557

sich gewiesen, Seiner Kirche untreu geworden, sie gelästert und verachtet haben; jenen, die mit der Welt gelebt haben! Sie wer,den zittern, wenn Er vor ihnen das Zepter ergreift, das Er scheinbar bisher aus der Hand gelegt hatte. Er kommt als der Wiederhersteller. Was immer wir geirrt haben, was immer wir nach eigenem Sinn und Willen getan und unterlassen, was immer wir nach unserem Sto