Thomas von Kempen: Nachfolge Christi

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Das Buch von der Nachfolge Christi

Thomas von Kempen, Erstdruck um 1418

übersetzt von Johann Michael Sailer München 1794; Reclam Universal-Bibliothek Nr. 7663 Stuttgart, Lizenz: Gemeinfrei.

Inhaltsverzeichnis

Erstes Buch: Ermahnungen, die denen, welche ein frommes, geistliches Leben führen wollen, nützlich sein können

1. Kapitel: Folge Christus nach und lerne verschmähen, was vergänglich ist

1. Wer mir nachfolgt, der wandelt nicht in der Finsternis, spricht der Herr (Joh. 8, 12). Dies sind Worte aus dem Munde Christi, die uns mahnen, seinem Leben und Verhalten treu nachzuleben, wenn wir von aller Blindheit des Herzens geheilt und von dem wahren Lichte erleuchtet werden wollen. Wir sollen also unsere höchste Aufgabe darin sehen, das Leben Jesu Christi zu erforschen.

2. Die Lehre Christi übertrifft alles, was die Heiligen gelehrt haben, und wer den Geist Christi hätte, der müsste ein verborgenes Himmelsbrot darin finden. Da geschieht es aber, dass viele das Evangelium oft hören und dabei fast ohne Hunger und Durst nach diesem Brote des Lebens bleiben, weil ihnen die Hauptsache, der Geist Christi, fehlt.

Wer die Lehre Christi in ihrer Fülle kennen lernen und schmecken will, der muss mit allem Ernste danach streben, dass sein ganzes Leben ein zweites Leben Jesu werde.

3. Was nützt es dir, über die Dreieinigkeit hochgelehrt streiten zu können, wenn du die Demut nicht hast, ohne die du der Dreieinigkeit missfällst? Wahrhaftig, hochgelehrte und tiefsinnige Worte machen den Menschen nicht heilig und nicht gerecht: ein Leben voll Tugend dagegen macht uns Gott genehm. Es ist mir ungleich lieber, ein lebendiges Gefühl der Reue und Buße im Herzen zu haben, als eine schulgerechte Erklärung geben zu können, was Reue und Buße sei. Hättest du die ganze Bibel und die Aussprüche aller Philosophen im Gedächtnis, hättest aber dabei die Liebe Gottes und seine Gnade nicht im Herzen: wozu hülfe dir all jenes, ohne dieses Einzige?

O Eitelkeit der Eitelkeiten! – alles ist Eitelkeit, außer Gott lieben und ihm allein dienen. Darin besteht die höchste Weisheit, dass durch Verachtung der Welt um das himmlische Reich gerungen wird.

4. Also ist es Eitelkeit, vergängliche Reichtümer zu sammeln und darauf seine Hoffnungen zu bauen. Also ist es Eitelkeit, nach hohen Ehrenstellen zu trachten und sich gerne obenan zu setzen. Also ist es Eitelkeit, sich den Lüsten des Fleisches zu überlassen und nach Freuden zu jagen, die uns einst schwere Strafen zuziehen werden. Also ist es Eitelkeit, nur immer wünschen, dass man lange lebt, und sich wenig darum bekümmern, dass man fromm lebt. Also ist es Eitelkeit, das Auge stets heften auf das gegenwärtige und nie hinausblicken auf das kommende Leben. Also ist es Eitelkeit, sein Herz an das hängen, was so schnell und unaufhaltsam vorübergeht, und nicht dorthin eilen, wo ewige Freude wohnt.

5. Gedenke doch immer wieder jenes Wortes: Das Auge kann sich nicht satt sehen, nicht satt hören das Ohr (Pred. 1, 8). Reiß also dein Herz von den sichtbaren Gütern los und erhebe es zu den unsichtbaren! Denn, die ihrer Sinnlichkeit blind folgen, beflecken ihr Gewissen und verlieren die Gnade Gottes.

2. Kapitel: Sei gering in deinen Augen

1. Es ist des Menschen Natur, viel wissen zu wollen: aber noch so viel wissen und dabei den Herrn nicht fürchten – wozu nützt denn das? Wahrhaftig, besser ein demütiger Bauer, der seinem Gott dient, als ein stolzer Philosoph, der sich und den Weg seines Heils außer acht lässt und dafür den Lauf der Sterne misst.

Wer sich wahrhaft kennt, der hält sich selbst für gering und kann keine Freude daran haben, wenn ihn die Menschen loben.

Verstünd ich alles, was in der Welt ist, und hätte die Liebe nicht, was nützte mir all dies vor Gott, der mich nach meinem Tun richten wird?

2. Lass ab von überspannter Wißbegier: denn es ist viel Zerstreuung und Trug dabei. Die viel wissen, wollen gern gesehen werden, und sie hören es gern, wenn man von ihnen sagt: Sieh! das sind weise Männer!

Es gibt so viele Dinge in der Welt, deren Erkenntnis der unsterblichen Seele nichts oder gar wenig nützt. Und auf etwas anderes sinnen, als was für das Heil der unsterblichen Seele dienlich ist – dazu gehört wahrhaftig ein großes Maß von Torheit.

Viel Worte machen, das stillt den Hunger der Seele nicht. Aber gut sein, und recht tun – das ist Labsal für unsern Geist, und ein reines Gewissen schafft uns große Zuversicht auf Gott.

3. Je mehr du weißt und je besser du's einsiehst, desto strenger wirst du darob gerichtet werden, wenn dein Leben nicht heiliger war. Darum trag du den Kopf deshalb nicht höher, weil du diese oder jene Kunst oder Wissenschaft besitzest. Daß dir so viel Erkenntnis gegeben ist, das soll dich mehr furchtsam als stolz machen. Wenn es dir in den Kopf steigen will, dass du so viele Dinge weißt und so gründlich verstehst: so vergiß nicht, dass es noch ungleich mehr Dinge gibt, von denen du nichts weißt und nichts verstehst. Sei nicht verstiegen, sondern bekenne lieber deine Unwissenheit. Wie magst du dich auch nur über einen einzigen Menschen erheben? Es werden doch noch viele in der Welt sein, die gelehrter sind als du und die das Gesetz besser verstehen.

Willst du etwas Rechtes lernen und wissen, so lerne die große Kunst, gern unbekannt zu sein und für nichts gehalten zu werden.

4. Sich selbst wahrhaft erkennen und nach Verdienst verachten können, das ist die erhabenste Wissenschaft, das ist die heilsamste Lektion. Von andern stets gut und edel denken, und aus sich nichts machen, das ist große Weisheit und Vollkommenheit. Und, wenn du einen andern öffentlich fallen und grobe Verbrechen begehen sähest, so dürftest du dich deshalb nicht für besser halten als ihn. Denn sieh! du weißt ja nicht, wie lange du selbst noch im Guten feststehen wirst. Gebrechlich sind wir alle, aber gebrechlicher als du sei in deinen Augen keiner.

3. Kapitel: Lass die Wahrheit selbst deine Lehrmeisterin sein

1. Selig, den die Wahrheit durch sich selbst unterweist, nicht durch Bilder, die verschwinden, nicht durch Worte, die verschallen. Selig, dem sie sich offenbart, wie sie ist. Denn unser Meinen trügt uns oft, und unser Sinn reicht nicht weit. Was nützt es uns denn, dass wir uns den Kopf zerbrechen über Dinge, die verborgen und dunkel sind und verborgen und dunkel bleiben dürfen, ohne dass wir deshalb am Tage des Gerichtes zur Verantwortung gezogen werden? Es ist eine recht große Torheit, dass wir Dinge, deren Erkenntnis uns nützlich oder gar notwendig ist, außer acht lassen, und dafür Dinge, die bloß unsere Neugier reizen und uns dabei noch schaden können, erforschen! Da heißt es recht: Augen haben, und nicht sehen!

2. Und was liegt uns denn am Ende daran, dass wir all das wissen, was die Schulen von Gattung und Art der Dinge zu sagen wissen?

Zu wem das ewige Wort spricht, der wird vielerlei Meinungen los. Es kommt doch alles von Einem Worte her, und alle Dinge zeugen im Grunde nur von Einem Worte, und dies Eine Wort ist dasselbe Wort, das der Anfang ist und jetzt auch zu uns redet. Ohne dieses Wort findest du keine rechte Einsicht und kein wahres Urteil. Wer das Eine in allem findet, wer alles auf das Eine zurückführt, wer in Einem alles sieht, der kann ruhigen, festen Sinn behalten und den schönen Frieden mit seinem Gott nie verlieren. O Wahrheit, Gott! mach mich eins mit dir, in ewiger Liebe. Wie oft ekelt es mich doch, so vielerlei zu lesen und zu hören! Denn alles, wonach mein Herz verlangt, ist in dir allein. Schweigen sollen alle Gelehrten, stille sein alle Geschöpfe vor deinem Überdruss: du allein rede zu mir!

3. Je mehr ein Mensch eins mit sich und einfältig in seinem Innersten geworden ist, desto mehr und höhere Wahrheiten lernt er ohne sonderliche Mühe kennen; denn das Licht der Erkenntnis fällt alsdann bei ihm von oben ein. Ein Geist, der rein, einfältig und beständig in seinem Innersten geworden ist, wird auch durch die vielen Geschäfte des Lebens nicht zerstreut; denn er tut alles zur Ehre Gottes und arbeitet in sich, all den geheimen Wünschen der Eigenliebe auf immer Abschied zu geben. Wer hindert und plagt dich doch mehr als die Neigung deines Herzens, die noch ihr volles, ungetötetes Leben hat?

Der gute und fromme Mann, der sich seinem Gott ganz geweiht hat, ordnet zuerst im Inwendigen alles, was er nachher draußen zustande bringen muss. Nicht ihn zieht das, was er tut, dahin, wohin ihn die sündhaften Neigungen haben wollen, sondern er lenkt die Neigungen dahin, wo sie das Gesetz der gesunden Vernunft haben will. Wer hat einen heißeren Kampf zu kämpfen als wer da mit sich selbst im Streite liegt, um sich zu überwinden? Und dies sollte unser eigentliches Geschäft auf Erden sein: sich selbst zu überwinden und täglich mehr Stärke über sich zu gewinnen und täglich im Guten vorwärts zu schreiten.

4. Alle Vollkommenheit dieses Lebens hat eine gewisse Unvollkommenheit, und all unser noch so lichthelles Forschen hat sein Dunkel. Demütige Erkenntnis deiner selbst führt dich sicherer zu Gott als tiefes Graben nach Wissenschaft. Zwar muss man weder das gelehrte Wissen noch das einfache Erkennen einer Sache tadeln, denn es ist ein gutes Ding um das Wissen und Erkennen, und es gehört in Gottes große Haushaltung hinein. Aber ein reines Gewissen und ein Leben voll Tugend ist ohne Vergleich mehr wert. Und gerade weil den meisten Menschen das Vielwissen mehr am Herzen liegt als das Rechtleben, gerade deshalb geraten sie auf so viele Irrwege und schaffen keine oder nur geringe Frucht.

5. Oh, wenn sie so rastlos daran arbeiteten, hier Laster auszurotten, dort Tugenden zu pflanzen, wie sie sich müde studieren, um ihresgleichen ein neues Rätsel aufgeben zu können: ich denke, es würde nicht so viel Unrecht und Ärgernis im Volke, nicht so viel Zuchtlosigkeit in den Klöstern sein. So viel ist klar: am Tage des Gerichtes wird man uns nicht fragen, was wir gelesen, sondern was wir getan haben; nicht fragen, wie schön wir gesprochen, sondern wie fromm wir gelebt haben. Sag mir doch, wo sind jetzt alle jene Herren und Meister, die du ehemals als hervorragende Lehrer gut gekannt hast? Auf ihren Pfründen sitzen nun andere, und ich weiß nicht, ob diese an ihre Vorgänger noch denken. So lange sie lebten, meinte man wohl, sie wären etwas Großes; aber nun liegen sie in tiefer Vergessenheit.

6. O wie schnell vergeht die Herrlichkeit der Welt! Hätten sie ihr Leben mit ihrem Wissen in Übereinstimmung gebracht, dann hätten sie recht studiert und recht gelesen. Wie viele gehen doch durch ihr eitles Wissen in dieser Welt zugrunde, weil sie sich so wenig um den Dienst Gottes kümmern! Und weil sie lieber groß als demütig sein wollen, so werden sie in ihren Gedanken vollends eitel. Es ist doch nur der wahrhaft groß, der große Liebe hat. Es ist nur der wahrhaft groß, der in seinen Augen klein ist und alle Gipfel der Weltehre für nichts halten kann. Es ist nur der wahrhaft weise, welcher alles Irdische für Auskehricht hält, um Christus zu gewinnen. Es ist nur der wahrhaft gelehrt, der seinen eignen Willen verleugnet und Gottes Willen tut.

4. Kapitel: Sei vorsichtig in allem, was du tust

1. Glaube nicht jedem Worte, und traue nicht jeder Eingebung. Prüfe vielmehr alles wie vor Gott, mit aller Achtsamkeit und Langmut. Leider glauben und reden wir von andern weit lieber Böses als Gutes; so schwach sind wir. Nicht so der Vollkommene. Er glaubt nicht jedem, der Geschwätz zu Markte bringt. Denn er kennt den schwachen Sinn der Menschen, der zum Bösen so geneigt und im Reden so gebrechlich ist.

2. Es ist große Weisheit, nicht Hals über Kopf zu handeln, auch nicht fest und unbeugsam auf eignem Sinn und Dünkel zu bestehen. Auch das ist Weisheit, nicht jedes Menschenwort für wahr zu halten, und was man gehört und geglaubt hat, nicht sogleich nachzuerzählen und in fremde Ohren zu übertragen.

Suche dir einen Mann aus, der gewissenhaft und weise ist; sein Rat sei dir heilig in allem! Geh lieber zu dem Manne, der besser ist als du, als zu deinem Eigendünkel. Gutsein, Frommleben, das macht weise vor Gott und gibt einen bewährten Sinn. Je demütiger und Gott ergebener, desto weiser und friedlicher bist du in allem.

5. Kapitel: Wie man die heiligen Schriften lesen soll

1. Wahrheit muss man in den heiligen Schriften suchen, Wahrheit, nicht Beredsamkeit. Jede heilige Schrift soll in dem Geiste gelesen werden, in dem sie verfasst worden ist. Es muss dir weit mehr um das Heilsame der Lehre als um die Feinheit des Ausdruckes zu tun sein. Und ein Buch, das noch so schlicht und kunstlos, dabei aber mit Andacht geschrieben ist, sollst du ebenso gern lesen als ein anderes, in dem alles tief und erhaben gedacht ist.

Nie soll dich das Ansehen eines Schriftstellers irremachen; nie sollst du darauf acht haben, ob die großen Gelehrten ihn für ihresgleichen halten oder nicht. Die Liebe zur reinen Wahrheit, und nur diese Liebe soll dich zum Lesen treiben. Frage nicht lange, wer das gesagt hat, sondern sieh nur immer auf das, was da gesagt wird.

2. Die Menschen, die heute lehren, sind morgen nicht mehr; aber die Wahrheit des Herrn bleibt ewig. Der Herr redet auf mancherlei Weise zu uns, ohne alles Ansehen der Person.

Was uns im Schriftlesen so oft im Wege steht, das ist unsere Neugier und unser Fürwitz. Wir wollen da noch grübeln und begreifen, wo wir weiter nichts als einfältig vorbeigehen sollten. Wenn dich das Lesen wirklich besser machen soll, so lies mit Demut, mit Einfalt, mit Treue, und lass dich die eitle Lust nicht anfechten, ein großer Schriftgelehrter zu heißen.

Frage gern und höre schweigend, was die heiligen Männer lehren. Lass es dich auch nicht verdrießen, auf die Gleichnisreden der Alten zu horchen. Denn sie sind nicht ohne Grund da.

6. Kapitel: Von ungeordneten Neigungen

1. Sobald irgendeine Begierde des menschlichen Herzens aus der Ordnung tritt, wird der Mensch uneins mit sich. Der Hochmütige und der Geizige haben nie Ruhe; wer aber die wahre Demut und die rechte Armut des Geistes besitzt, der hat unerschöpflichen Reichtum des Friedens in sich. Wer in sich noch nicht ganz abgestorben ist, der ist schnell versucht und schnell überwunden; jede Kleinigkeit und geringfügige Dinge überwinden ihn. Wer schwach im Geiste ist, noch unter dem Gebot des Fleisches steht, noch von dem Hange zu sinnlichen Dingen gemeistert wird, für den ist es ein schweres Stück Arbeit, sich von irdischen Begierden ganz und auf immer loszumachen. Deshalb macht er ein finsteres Gesicht, wenn er sich selber etwas Angenehmes versagen soll, und bricht leicht in Zorn aus, wenn ihm ein anderer widersteht.

2. Hat er aber Begehrtes erreicht, so straft ihn das schuldige Gewissen auf der Stelle. Denn er hat nun seine Leidenschaft befriedigt, aber diese Befriedigung kann ihm nicht im geringsten zum Frieden verhelfen, den er gesucht hat. Also nicht dadurch, dass du deinen Begierden nachgibst, sondern dadurch, dass du ihnen Widerstand leistest, findest du den wahren Frieden des Herzens. Kein Friede also in einem Herzen, das dem Gesetze des Fleisches dient oder äußerlichen Dingen ergeben ist, sondern nur in dem Menschen ist Friede, welcher dem Gesetze des Geistes dient und das heilige Feuer auf seinem Herde nicht ausgehen lässt.

7. Kapitel: Lass keine eitle Hoffnung und keine stolze Einbildung in dein Herz

1. Wer auf Menschen oder auf andere Geschöpfe seine Hoffnung baut, der handelt eitel. Schäme dich nicht, aus Liebe zu Jesus andern Menschen zu dienen, und lass dich gern für arm und gering in dieser Welt ansehen. Vertraue dir selber nicht, sondern Gott allein sei es, auf dem alle deine Hoffnungen ruhen! Tu, was du kannst, und Gott wird deinem guten Willen freundlich beistehen. Vertraue nicht auf deine Wissenschaft, noch auch auf den feinen, listigen Kopf irgendeines Menschen. Setze vielmehr dein ganzes Vertrauen auf die Gnade Gottes, der den Demütigen Hilfe sendet und die, welche stolz auf ihre eigne Macht vertrauen, zu demütigen weiß.

2. Suche deinen Ruhm nicht in Reichtum, wenn du reich bist, nicht in Freunden, wenn du mächtige Freunde hast, sondern dein Gott, der dir alles Gute gegeben hat und der über alle andern Gaben sich selbst noch geben will, dein Gott sei auch dein Ruhm! Trage wegen der Größe oder Schönheit deines Leibes den Kopf nicht hoch: denn sieh! eine geringe Krankheit zerstört ihn und verwandelt alle Schönheit in Häßlichkeit. Lass auch darüber, dass du soviel Geschicklichkeit und Scharfsinn besitzest, kein eitles Wohlgefallen in dir aufkommen, damit du nicht Gott missfällst, dem alles zugehört, was du von Natur Gutes hast.

3. Achte dich nicht für besser als andere; denn sonst möchtest du im Auge Gottes schlechter sein als andere. Erhebe dich auch nicht über andere um deiner guten Werke willen; denn Gott richtet anders als die Menschen. Ihm missfällt oft, was den Menschen wohlgefällt. Und wenn du auch wirklich etwas Gutes in dir hast, so glaub doch von andern Besseres, um deine Demut fest und sicher zu bauen. Wenn du dich unter alle stellst, das schadet dir nicht. Aber sehr schädlich kann es für dich werden, wenn du dich auch nur über einen einzigen stellst. Wo Demut, da ist steter Friede; wo aber Stolz, da ist Eifer und immer wieder Unwille.

8. Kapitel: Hüte dich vor allzu großer Vertraulichkeit

1. Öffne dein Herz nicht vor jedem Auge, sondern suche dir einen Mann aus, der den Herrn fürchtet und wahrhaft weise ist, und diesen mache zu deinem Vertrauten in allen deinen Anliegen. Sei nicht oft bei Jünglingen und Fremden. Schmeichle den Reichen nicht und erscheine nicht gern vor den Großen. Geselle dich lieber zu den Einfältigen und Demütigen, den Andächtigen, Zucht- und Sittsamen, und rede mit ihnen von Dingen, die erbauen. Flieh den vertraulichen Umgang mit einer Frau und begnüge dich damit, alle frommen Frauen dem Herrn zu empfehlen. Der vertraute Umgang mit Gott allein und seinen Engeln sei immer der liebste Wunsch deines Herzens; den unnötigen Umgang mit Menschen aber meide.

2. Liebe muss man gegen alle im Herzen haben, aber Vertrautsein mit jedermann, das taugt zu nichts. Oft leuchtet ein Unbekannter in der Ferne durch das Licht guten Rufes sehr helle; aber wenn er vor dir dasteht, da verliert sich der Glanz in deinem Auge.

Manchmal glauben wir, andere würden große Freude an unserer Gesellschaft haben. Allein, sobald sie unser zuchtloses Betragen wahrnehmen, haben sie mehr Missfallen an unsern Fehlern als Wohlgefallen an ihrer Bekanntschaft mit uns.

9. Kapitel: Von Gehorsam und Unterwürfigkeit

1. Etwas Großes ist es, im Gehorsam zu stehen, unter einem Oberen zu leben und nicht sein eigner Herr zu sein. Es ist auch ungleich sicherer, Untertan zu sein, als Obrigkeit. Aber viele sind untertan, mehr weil sie müssen, als weil sie, aus christlicher Liebe, wollen. Und die haben Plage über Plage, und sie murren leicht. Nie werden sie die wahre Freiheit des Gemütes erlangen, bis sie sich um Gottes willen und von ganzem Herzen ihren Oberen unterworfen haben.

Du magst da- und dorthin laufen, du findest doch nirgends Ruhe als im demütigen Gehorsam unter der Leitung eines Oberen. Einbildung und Wechsel des Wohnortes hat schon viele betrogen.

2. Es ist wahr, jeder lebt gern nach seinem Sinn und neigt sich zu denen, die mit ihm einerlei Sinn haben. Aber wenn Gott in unserer Mitte wohnt, so müssen wir, um den Frieden zu erhalten, oft unsere eigne liebste Meinung daran geben.

Wer ist doch so weise, dass er alles vollständig weiß? Darum traue in keiner Sache zu viel auf deine Einsicht, sondern höre gern, was andere Leute davon denken. Ist deine Meinung gut, und du stehst doch, um Gottes willen, davon ab und folgst einem andern, so wirst du ungleich mehr Nutzen davon haben.

3. Es ist ein wahres Wort, ich habe es oft sagen hören: es sei ungleich sicherer, sich raten zu lassen, als anderen Rat zu geben. Es mag auch wohl sein, dass dein Urteil hie und da richtig ist; aber wenn du gar nie nachgeben willst, auch da nicht, wo dir vernünftige Gründe zum Nachgeben raten, so ist es ein sicheres Zeichen, dass du ein eitler Tor und ein steifer, unbeugsamer Kopf bist.

10. Kapitel: Fliehe unnötiges Geschwätz

1. Lass, so viel es von dir abhängt, dich nicht in das Getümmel der Welt hineinziehen. Denn sieh! weltliche Händel, in die du dich einmischst, hindern den Geist, wenn du auch eine gerade, wohlmeinende Absicht dabei hast. Ach! die Eitelkeit befleckt so schnell und nimmt so schnell gefangen. Ich wünschte, dass ich öfter geschwiegen hätte, nicht unter Menschen gewesen wäre. Aber, warum reden wir denn so gern und schwatzen miteinander, da wir doch sehr selten ohne alle Verletzung des Gewissens zum Stillschweigen zurückkehren? Deswegen reden wir so gern miteinander, weil wir in der Unterredung, einer bei dem andern, Trost und Erquickung suchen, und dem Herzen, das von so vielen Gedanken ermüdet ist, gern Luft machen möchten. Und was wir lieben und wünschen, oder was uns drückt und drängt, davon reden, daran denken wir gern.

2. Aber leider! eitel und fruchtlos ist oft all unser Reden. Denn dieser äußere Trost, den wir uns selbst schaffen, verbaut uns den inneren, den nur Gott geben kann. Darum lasst uns wachen und beten, damit die Zeit nicht ungebraucht dahin fließt. Darfst du reden, und nützt es zu reden, so sprich, was zur Erbauung dient. Aber wir sind von Jugend auf gewohnt zu tun, was nichts taugt, und sind immer zu wenig auf unseren Fortgang im Guten bedacht; darum sind wir in der Hut der Zunge so nachlässig. Damit soll aber nicht geleugnet werden, dass ein frommes Gespräch über geistliche Dinge das geistliche Leben kräftig fördert, besonders, wenn Menschen Eines Sinnes und Eines Geistes in Gott sich gesellen.

11. Kapitel: Wie man Frieden in sich haben und voller Eifer werden kann

1. Wir könnten viel Ruhe und Frieden haben, wenn wir uns Kopf und Herz nicht so sehr marterten mit dem, was andere reden und tun, und was doch unser Gewissen gar nicht berührt. Wie kann der lange in Frieden leben, der sich gerne in fremde Geschäfte mischt, der von außen soviele Anlässe zur Unruhe aufsucht, der sich so selten oder nur flüchtig in sich sammelt? Selig, die die rechte Einfalt des Herzens besitzen, denn sie werden viel Frieden haben!

2. Warum sind einige Heilige zu einer so reinen Vollkommenheit und zu einer so hohen Beschauung emporgekommen? Weil sie sich von allen irdischen Begierden loszumachen strebten; deswegen konnten sie mit dem Innersten ihres Herzens Gott allein anhangen und frei für sich bleiben. Die Leidenschaften in uns geben dem armen Herzen so viel zu schaffen, und die vergänglichen Dinge außer uns halten dasselbe Herz in steter Bewegung. Wir erkämpfen selten auch nur über ein einziges Laster einen vollkommenen Sieg, und es fehlt uns durchaus am heiligen Eifer, täglich besser zu werden; deshalb bleiben wir immer so lau oder werden auch kalt.

3. Wären wir uns selbst ganz abgestorben, wäre unser Innerstes nicht im geringsten in das geheime Spiel der Neigungen verflochten und darin befangen, dann könnten auch wir göttlicher Dinge innewerden und von der himmlischen Beschauung hier schon einen Vorgeschmack bekommen. Das größte, oder besser, das einzige Hindernis sind wir selbst: wir sind nicht frei von Leidenschaft und Begehrlichkeit und versuchen nicht einmal, die vollkommene Bahn der Heiligen zu betreten. Es darf nur eine kleine Plage an unserer Tür anklopfen: sogleich ist all unser Mut dahin und wir sehen uns wieder nach menschlichen Tröstungen um.

4. Hätten wir den entschlossenen Mut, wie tapfere Kriegsmänner auf dem Schlachtfelde zu stehen, schnell würden wir die Hilfe des Herrn vom Himmel kommen sehen. Denn er will denen, die streiten und auf seine Gnade trauen, Hilfe senden, so gewiss er uns Anlass zum Streite werden ließ, damit wir siegen lernen sollten. Wenn wir unsere Religiosität, unser Fortschreiten im Guten, nur in jene äußerlichen Übungen setzen, so wird unsere Frömmigkeit ein schnelles Ende nehmen. Die Axt müssen wir an die Wurzel anlegen, damit wir einmal von den ungeordneten Neigungen rein werden und einen stillen Sinn, einen ungetrübten Seelenfrieden bekommen.

5. Wenn wir in jedem Jahre nur Ein Laster ausrotteten, so würden wir bald vollkommen werden. Aber jetzt zeigt sich nicht selten das Gegenteil; wir spüren, dass wir in den ersten Tagen unserer Bekehrung besser und reiner waren als jetzt, nach vielen Jahren offenen Bekenntnisses. Der Eifer im Guten und das Gute selbst sollte mit jedem Tage in uns zunehmen, aber jetzt wird es schon als eine große Seltenheit angesehen, wenn jemand nur noch einen Funken des ersten Eifers in sich erhalten konnte. Wenn wir uns anfangs nur ein wenig Gewalt antun würden, so würden wir in der Folge alles noch einmal so leicht und mit Freude tun.

6. Es ist schwer, wider seine Gewohnheit zu handeln; aber noch schwerer ist es, wider seinen eigenen Willen anzugehen. Doch wenn du geringe, leichte Hindernisse nicht überwinden kannst: wie willst du große, schwere Hindernisse aus dem Wege schaffen? Leiste deinen Neigungen Widerstand, gleich bei ihrem Entstehen, und mache dich durch frühe Entwöhnung von aller bösen Gewohnheit los, damit aus einer geringen Beschwernis nicht nach und nach eine größere wird. O könntest du begreifen, wie viel du selbst an innerem Frieden gewinnen und was für große Freude du andern bereiten würdest, wenn du von ganzem Herzen gutsein und rechttun würdest – ich glaube, du würdest mehr Sorge darauf wenden, immer größere Fortschritte im geistlichen Leben zu machen.

12. Kapitel: Unglück nützt uns viel

1. Dass uns Dinge begegnen, die uns lästig und durchaus zuwider sind, das ist für uns sehr gut. Denn sie treiben den Menschen wieder in sein Herz hinein, dass er es fühlen lernt, dass er hier nicht in seinem Vaterlande ist, und dass er seine Hoffnung auf kein Gut dieser Welt gründet. Es ist gut, dass wir Widerspruch erfahren, und dass manche Menschen recht böse von uns denken und reden, ob wir gleich rechttun und beim Rechttun gute Absichten haben. Das sichert unsere Demut und bewahrt uns vor dem Zauberdunst eitlen Ruhmes. Gerade zur Zeit, wo uns die Menschen in der Öffentlichkeit als schlechte Leute ausschreien und uns nichts Gutes mehr zutrauen, gerade da werden wir weit mehr als sonst gedrängt, Gott als den Einen Zeugen, der unser Innerstes kennt, aufzusuchen.

2. Eben deswegen sollte der Mensch sich ganz und fest an Gott allein halten, dass er es nicht nötig hätte, viel Trost bei den Menschen zu suchen. Wenn ein Mensch geplagt oder angefochten oder von bösen Gedanken umhergetrieben wird, dann leuchtet es ihm helle ein, und heller als sonst, dass ihm Gott unentbehrlich ist, und dass er ohne ihn nichts Gutes vermag. Dann fühlt er nichts als lauter Traurigkeit, dann seufzt und betet er wegen der Plagen, die er erdulden muss. Dann wird er seines Lebens überdrüssig und sähe es gern, dass der Tod käme und die Bande des Leibes löste und ihn zu Christus heimbrächte. Dann lernt er wohl verstehen, dass vollkommene Sicherheit und vollkommener Friede hier auf Erden nicht zu haben ist.

13. Kapitel: Widersteh den Versuchungen

1. Solange wir auf dieser Erde leben, können wir nicht ohne Trübsal und Versuchung durchkommen, wie es bei Hiob (7, 1) heißt: Versuchung ist des Menschen Leben auf Erden. Deshalb soll jeder bei allem, was ihn zum Bösen reizen kann, sorgsam und im Gebete wachsam sein, damit der Teufel nicht Raum gewinne, ihn zu hintergehen; denn dieser Feind schläft nicht, sondern geht umher und sucht, wen er verschlinge. Es ist kein Vollkommener so vollkommen, kein Heiliger so heilig, dass er nicht manchmal noch zum Bösen versucht würde. Ein Mensch sein, und ohne alle Versuchung bleiben, das ist schlechterdings nicht möglich.

2. Doch verschaffen die Versuchungen dem Menschen große Vorteile, wenn sie ihm auch noch so lästig und beschwerlich sind. Denn sie tun ihm den dreifachen Dienst: sie demütigen, sie reinigen, sie unterweisen ihn in mancherlei Gutem.

Alle Heiligen mussten sich durch viel Trübsal und Anfechtungen durchkämpfen, und sie sind nur in dieser großen Kampfschule so gut und groß gereift. Die aber den Versuchungen nicht standhalten konnten, sind von Gott als unbewährt verworfen worden.

Es ist kein Stand so heilig, kein Ort so abseits, dass Versuchung oder Trübsal nicht Eingang fänden.

3. Der Mensch ist nie ganz sicher vor Versuchungen, so lange er hier lebt. Denn wir tragen den Keim der Versuchung in uns selber, weil wir in Begehrlichkeit geboren sind. Ist eine Versuchung oder Trübsal überstanden, so kommt eine zweite, der ersten oft auf dem Fuße, nach; und zu leiden gibt es für uns immer etwas. Denn das große Gut unserer Seligkeit ist uns verloren gegangen. Viele wollen den Versuchungen entfliehen und fallen nur noch tiefer hinein. Durch bloße Flucht können wir nicht siegen; Geduld und Demut, die machen uns stärker als alle unsere Feinde.

4. Wer nur so von außen den Versuchungen aus dem Wege geht und nicht an die Wurzel in sich die Axt anlegt, der richtet im Grunde wenig aus; denn die Versuchungen werden nur desto schneller wieder zu ihm kommen, und die letzten Dinge dann ärger als die ersten sein. Nach und nach, in Geduld und Langmut, wirst du, gestützt auf Gottes Hilfe, leichter überwinden als mit Ungestüm und mit starrem Sinn.

Bist du in Versuchung, so frage um Rat; ist aber dein Bruder in Versuchung, so kehre ja nicht die rauhe Seite gegen ihn heraus; mild, gelinde, sanft sei dein Blick, dein Wort, deine Gebärde; sinne darauf, wie du ihn ermuntern, trösten könntest, und tu ihm alles, wie du wünschtest, dass man dir täte, wenn du an seiner Stelle wärest.

5. Die Unbeständigkeit des menschlichen Gemütes und das geringe Zutrauen zu Gott sind der Anfang aller Versuchungen zum Bösen. Denn, wie ein Schiff ohne Steuermann von den Wellen hin und her getrieben wird: so wird ein schwacher Mensch, der seinen Vorsatz verlassen hat, von allerlei Versuchungen hin und her geworfen. Das Feuer prüft das Eisen, die Trübsal den Gerechten. Oft wissen wir selbst nicht, was wir können, aber die Versuchung macht offenbar, was wir sind. Wachen, wachen müssen wir, besonders im Anfange der Versuchung. Denn, wenn der Feind nicht zur Tür herein gelassen, sondern noch vor der Türschwelle bei dem ersten Anklopfen zurückgeschlagen wird, so hat es mit dem vollkommenen Siege nicht mehr soviel Schwierigkeiten. Daher jemand (Ovidius) sagte: Am Anfang leiste Widerstand; ist einmal die Krankheit durch längere Zeit übermächtig geworden, so kommt alle Arznei zu spät. Anfangs ist es ein einfacher Gedanke, der dich angreift; hernach kommt eine lebhafte, mächtige Vorstellung dazu; zur Vorstellung gesellt sich die Lust, zur Lust die Begierde; jetzt sagt der Wille ja dazu. So nimmt der Feind nach und nach die ganze Festung ein, wenn man ihm nicht gleich anfangs Widerstand leistet. Und je länger du säumst, Widerstand zu leisten, desto schwächer wirst du, desto übermächtiger dein Feind.

6. Einige leiden im Anfange ihrer Bekehrung große Versuchungen, andere am Ende ihrer Laufbahn. Wieder andere haben ihr ganzes Leben durch hart zu kämpfen. Einige werden von den Versuchungen schonend und fast freundlich behandelt – alles nach der Weisheit und Güte der heiligen Vorsehung, die den Stand und das Vermögen der Menschen wägt und alles zum Heile der Auserwählten vorherbestimmt.

7. Darum dürfen wir, wenn wir versucht werden, den Mut nicht sinken lassen, sondern müssen mit neuem Eifer zu Gott flehen, dass er uns in aller Trübsal zu Hilfe kommen, und, nach dem Worte des Apostels Paulus (1. Kor. 10, 13), den Gang der Versuchung lenken und uns einen Ausweg schaffen wolle. Lasst uns also bei jeder Trübsal und Versuchung, im Gefühle unseres Elendes, unser Herz erniedrigen unter die allmächtige Hand Gottes; denn er wird die Demütigen erretten und erhöhen.

8. Versuchungen und Trübsale sind der Prüfstein, der über die Fortschritte des Menschen im Guten entscheidet, sind die Feuerprobe, die der Tugend neuen Wert verschafft und das verborgene Gute an das helle Tageslicht bringt.

Wenn der Mensch nichts hat, das ihn drückt und beschwert, dann ist es nichts Großes, andächtig und voll Glut im Geiste sein. Aber, in den Tagen des Unglücks geduldig sein und sich in Geduld bewahren können, das lässt große Fortschritte in allem Guten hoffen. Es gibt auch Menschen, die vor großen Versuchungen bewahrt und doch in den täglichen, kleinen Gefechten oft überwunden werden, damit sie aus den geringen Niederlagen Demut lernen und in großen Versuchungen nicht zu viel auf sich trauen mögen, da sie bei geringen Angriffen so viele Schwächen haben blicken lassen.

14. Kapitel: Richte nicht unbedacht

1. Kehre deinen Blick einwärts und hefte ihn auf dein Innerstes, und erkühne dich nicht, zu richten, was andere tun. Denn, wer andere gern richtet, der arbeitet erstens umsonst, verfehlt zweitens die Wahrheit öfter als er sie trifft, und versündigt sich drittens leichter als er glaubt. Wer aber sich selbst erforscht, sich selbst richtet, der arbeitet mit Segen.

Wie unser Herz gegen eine Sache gestimmt ist, so urteilt unser Verstand davon. Das gerade, wahre Urteil über die Dinge verlieren wir gar leicht, weil wir uns selbst mehr lieben als die Wahrheit. Wäre Gott immer der einzige Zielpunkt unseres Herzens, so könnten uns die Widerstände gegen unseren Sinn nicht so leicht aus der Fassung bringen.

2. Aber, bald zieht uns etwas Verborgenes in uns, bald kommt etwas von außen dazu und zieht uns mit fort. Viele suchen in allem, was sie tun, nur sich selbst; aber sie merken es nicht. Sie scheinen wohl auch inneren, festen Frieden zu haben, so lange alles nach ihrem Sinn und Wunsche geht. Wenn sich aber die Sache gegen ihren Willen dreht, so sind sie im Augenblick mit sich entzweit und lassen den Kopf hangen. Und weil doch jeder Mensch seinen eigenen Kopf, und jeder Kopf seine eigene Meinung hat, so entstehen auch unter Freunden und Mitbürgern, unter Ordensleuten und unter den Frommen, leider! oft genug Missverstand und Zwietracht.

3. Alte Gewohnheit können wir nur mit äußerster Mühe aufgeben, und niemand sieht es gern, dass man ihn weiter führt als sein Auge reicht. Solange du dich mehr auf deine Einsicht und Kraft verlässest, als auf die Macht Jesu Christi, der alles untertan sein soll, solange wird dich dieser dein Eigensinn hindern, zur wahren Erleuchtung des Geistes zu gelangen. Denn es ist Gottes Wille, dass wir uns ihm in allen Dingen vollkommen unterwerfen und uns auf den Flügeln der flammenden Liebe über den engen Kreis unserer eignen Einsichten sollten erheben lassen.

15. Kapitel: Von den Werken, die aus Liebe geschehen

1. Und wenn du die ganze Welt gewinnen könntest, und um keines Menschen willen darfst du Böses tun. Aber aus Liebe zu deinem Nächsten, der Hilfe nötig hat, darfst du hie und da ein gutes Werk kühn und frei unterlassen, oder das geringere in ein besseres verwandeln. Denn wenn du deinem Nächsten zu Hilfe kommst, so wird dadurch das gute Werk nicht zerstört, sondern in ein besseres verwandelt. Ohne innere Liebe ist alles äußere Werk nichts nütze. Was aber aus Liebe geschieht, das ist groß, das bringt große Frucht – so gering und ungeachtet es im Auge des Menschen immer sein mag. Denn Gott sieht mehr auf das, was dich zum Tun treibt, als auf das, was du wirklich tust.

2. Wer viel Liebe hat, der wirkt viel. Wer seine Dinge recht tut, der wirkt viel. Wer lieber der Gemeinschaft als seinem Eigenwillen dient, tut wohl. Oft scheint Liebe zu sein, was doch eitel Fleisch und Blut ist. Denn natürliche Zuneigung, Eigenwille, Hoffnung auf Wiedervergeltung, Trieb zu Bequemlichkeit, die mischen sich fast immer in unsere guten Werke.

3. Wer die wahre, vollkommene Liebe hat, der sucht in keiner einzigen Sache sich selbst; nur die Ehre seines Gottes will er in allen Dingen gefördert sehen. Er beneidet auch keinen Menschen; denn er jagt nach keiner Freude, die nur er für sich genießen könnte. Auch ist das, was ihm Freude macht, nicht er selbst; sondern hoch über alle Güter schwingt sich sein Geist hinauf und will nur in Gott selig sein. Er schreibt keinem Geschöpfe etwas Gutes zu, sondern führt alles Gute ungeteilt wieder auf Gott zurück. Denn Gott ist ihm der Brunnquell, aus dem alles Gute quillt, Gott ist ihm der Endpunkt, in dem alle Heiligen Ruhe finden und die höchste Seligkeit. Wenn jemand nur ein Fünklein der wahren Liebe in sich hätte, er würde sich des lebendigen Gefühls nicht erwehren können, dass alles Irdische voll Eitelkeit ist.

16. Kapitel: Fremde Fehler muss man tragen

1. Was der Mensch an sich oder an andern nicht bessern kann, das muss er mit Geduld tragen, bis es Gott anders macht. Denke nur, dass es so vielleicht besser ist, indem es helfen kann, deinen Sinn zu bewähren und dich in der Geduld zu üben, ohne welche unsere guten Werke nicht sonderlich viel Gewicht an sich haben. Da musst du aber bei allem, was dir hinderlich im Wege liegt, zu Gott bitten, dass er dir zu Hilfe komme, damit du es mit stillem, sanftem Gemüte tragen lernst.

2. Hast du deinen Nachbar ein- oder zweimal ermahnt und mit deiner Ermahnung nichts ausgerichtet, so lass dich mit ihm in keinen Zank ein, sondern stelle die ganze Sache Gott anheim, dass sein Wille geschehen und seine Ehre in allen seinen Dienern gefördert werden möge. Denn er weiß ja auch das, was böse ist, zum Guten zu lenken. Lerne Geduld haben mit fremden Fehlern, und alle Schwachheiten, wie sie immer heißen, tragen. Denn sieh! du hast auch viel an dir, was andere tragen müssen. Du kannst aus dir selbst nicht den Menschen schaffen, den du gern aus dir machen möchtest: wie wirst du denn einen andern nach deinem Kopf umschaffen können? Wir sähen es gern, dass die andern keine Fehler hätten, aber die eignen lassen wir ungebessert.

3. Wir sähen es gern, dass andere in strenge Zucht genommen würden; an uns aber soll die strenge Zucht keine Hand anlegen dürfen. Wir haben großes Missfallen daran, dass anderen so vieles, was sie wider die Ordnung begehen, gestattet wird, und können es nicht leiden, dass uns das Geringste, das wir haben wollen, versagt wird. Wir wünschen, dass andere durch schärfere Verordnungen im Zaume gehalten werden, und können es nicht ertragen, dass unsere Freiheit nur im geringsten beschränkt wird. Da wird's denn offenbar, wie selten wir unseren Nächsten mit denselben Augen ansehen, mit denen wir uns anschauen. Wenn alle Menschen um dich her vollkommen wären, was hätte dann einer von dem andern für die Sache Gottes zu leiden?

4. Nun aber hat es Gott so geordnet, dass einer die Bürde des andern tragen lernen soll (Gal. 6, 2). Denn ohne Fehler ist keiner, keiner ohne Bürde, keiner sich selbst genug; keiner weiß sich in allem selbst zu raten, einer muss den andern ertragen, einer den andern trösten, stützen, unterweisen, ermahnen. Wie groß aber deine Stärke ist, das offenbart sich viel heller in Widerwärtigkeiten. Denn die Gelegenheiten machen den Menschen nicht erst schwach und gebrechlich, sondern sie zeigen nur, wie schwach und gebrechlich er schon ist.

17. Kapitel: Vom Leben der Kloster- und Ordensleute

1. Noch in vielen Dingen musst du deinen Eigensinn brechen lernen, wenn du in Eintracht und Frieden mit anderen leben willst. Es ist nichts Kleines, in Klöstern oder anderen religiösen Gemeinschaften ohne Klage und Widerrede zu leben und darin bis in den Tod getreu auszuhalten. Wohl dem, der im Kloster heilig lebt und sein Leben selig endet!

Willst du im Guten festen Fuß gewinnen und immer vorwärts wandeln, so musst du dich stets als Fremdling, als einen Pilger auf Erden ansehen. Willst du ein klösterliches Leben führen, so musst du um Christi willen zum Toren werden.

2. Denn das Ordenskleid am Leibe, und ein geschorner Kopf, die tun's nicht. Aber Sinn und Wandel umgeändert und alle bösen Neigungen in sich ertötet haben, das macht den wahren Ordensmann.

Wer in Klöstern etwas anderes sucht als Gott allein und das Heil seiner Seele, der wird nichts finden als Plage und Herzeleid. Es kann auch mit deinem Frieden keinen Bestand haben, wenn du dich nicht mit der untersten Stelle begnügen und für den Geringsten kannst ansehen lassen.

3. Zu dienen bist du gekommen, nicht zu herrschen. Überleg es doch einmal: leiden und arbeiten ist dein Beruf, nicht Müßiggang und Plauderei. Das Klosterleben ist ein Glutofen, darin der Mensch, wie das Gold im Feuer, geprüft wird. Wer sich nicht aus Liebe zu Gott von ganzem Herzen demütigen kann, der wird nicht lange darin aushalten.

18. Kapitel: Von den Beispielen der heiligen Väter

1. Schau auf die lebendigen Beispiele der heiligen Väter, in denen die wahre Vollkommenheit und Gottseligkeit lichthell erstrahlte, und du wirst sehen, wie alles, was wir tun, wenig und fast gar nichts ist. Ach, was ist unser Leben, wenn wir uns mit ihnen vergleichen! In Hunger und Durst, in Frost und Blöße, in Mühe und Plage, im Wachen und Fasten, in Gebeten und heiligen Betrachtungen, in mancherlei Verfolgung und Schmach haben die Heiligen, die wahren Freunde Christi, ihrem Herrn gedient.

2. Oh, wie viele und schwere Leiden haben die Apostel, die Blutzeugen, die Bekenner des Herrn, die heiligen Jungfrauen und alle anderen, die den Fußtapfen Jesu Christi mutig nachgegangen sind, ausgestanden! Denn sie haben ihre Seelen in dieser Welt gehaßt, um sie fürs ewige Leben zu besitzen. Die heiligen Väter in der Einöde, wie strenge und losgerissen lebten sie! Wie anhaltend und schwer waren die Versuchungen zur Sünde, in denen sie ausgedauert haben! Wie oft wurden sie von dem unsichtbaren Feinde geplagt! Wie viele und glühende Gebete opferten sie dem Herrn! Wie strenge war ihre Enthaltsamkeit, wie groß ihr Wetteifer, im Guten zuzunehmen, wie heiß der Kampf, den sie zur Besiegung des Bösen ausgehalten haben! Wie rein und wie gerade die Richtung ihres Herzens zu Gott! Der Tag war der Handarbeit und die Nacht dem anhaltenden Gebete gewidmet; doch auch zur Zeit, da die Hand arbeitete, dauerte das stille Gebet des Herzens ununterbrochen fort.

3. Nützlich ward alle Zeit zugebracht; aber auch die längste Zeit, in der sie mit Gott Umgang hatten, war ihnen doch immer zu kurz. Die Süßigkeit, die sie in der heiligen Beschauung durchströmte, war manchmal so groß, dass sie darüber vergaßen, dem Leibe die notwendige Erquickung zu verschaffen. Allem, was Reichtum, Würde, Freundschaft, Verwandtschaft heißt, hatten sie den Abschied gegeben; sie wollten nichts mehr von der Welt haben, als kaum die bloße Notdurft des Leibes, und auch diese dem Leibe reichen zu müssen, war ihnen schon schmerzlich.

4. Sie waren also arm an allem Irdischen, aber sehr reich an Gnade und Tugend; dürftig im Äußeren, im Inneren aber voll Gnade und göttlicher Tröstung; abgewandt von der Welt, aber Gottes nächste Verwandte und trauteste Freunde; in ihren eignen Augen und im Auge der Welt waren sie nichts, aber in den Augen Gottes köstlich und teuer. Wahre Demut war ihr Grund und Boden, auf dem sie standen, einfältiger Gehorsam ihr Leben, Liebe und Geduld ihr Wandel; und groß ward ihre Gnade bei Gott. Sie sind für alle Ordensleute und alle Gottsucher als Beispiele aufgestellt, und sie sollten uns weit mehr zum Eifer im Guten spornen, als die Zahl der Lauen zur Nachlässigkeit verführt.

5. O wie mächtig war der Eifer der Ordensleute in den ersten Tagen ihrer heiligen Stiftungen! Wie groß die Andacht im Gebete, wie rastlos die Begierde, einander auf der Bahn der Tugend zu überflügeln, wie blühend die Zucht, der Gehorsam und die Ehrerbietung in allem, was Vorschrift ihres Lehrers war! Die Fußtapfen, die sie uns hinterlassen haben, bezeugen es noch, dass es heilige und vollkommene Männer waren, die so tapfer gekämpft und die Welt so glücklich unter die Füße gebracht haben. Jetzt hält man den schon für einen großen, seltenen Mann, der nur kein Gebot übertritt und das Widrige, das ihn etwa trifft, geduldig trägt.

6. Ach, dass wir so lau und nachlässig in unserem Berufe sind! dass wir so frühe die erste Liebe verloren haben. So lau und träge sind wir geworden, dass es uns fast verdrießt, uns durch dieses Leben durchzuschleppen. O dass doch dein Eifer, besser zu werden, sich nicht ganz in den Todesschlaf legte, nachdem du so viele Beispiele gottseliger Menschen mit deinen Augen gesehen hast!

19. Kapitel: Von den Übungen eines frommen Religiosen

1. Das Leben eines guten Religiosen muss mit allen Tugenden im Innern geziert sein, damit er genau das sei, was er im Äußern zu sein scheint. Und nicht nur das: Es soll in seinem Innern noch weit mehr Gutes sein, als im Äußern erscheint. Denn unser Gott schaut in unser Inneres, und zu diesem unserm Gott müssen wir überall in tiefer Ehrfurcht aufblicken, und vor seinem Überdruss müssen wir rein wie Engel wandeln. Jeden Tag müssen wir unseren ersten Entschluss erneuern und uns zu neuem Eifer erwecken lassen, als wenn wir uns erst heut zu Gott bekehrt hätten; jeden Tag müssen wir zu ihm rufen: Steh du, lieber Herr und Gott, steh du mir bei in meinem Vorhaben und in deinem heiligen Dienste! Stärke du mich, dass ich heut einmal recht anfange; denn alles, was ich bisher getan habe, ist nichts.

2. Wie unser Vorsatz, so ist der Lauf unserer Besserung. Und, wer immer noch besser werden will, muss immer sehr fleißig sein. Wenn nun aber der, welcher einen starken Vorsatz gefasst hat, doch wieder oft im Guten schwach wird: was muss aus dem werden, der sich selten, oder nur schwankend zwischen Wollen und Nichtwollen, etwas Gutes vorsetzt? Auf mancherlei Weise werden wir indessen unserem Vorsatz untreu, und selten können wir auch nur eine geringe Übung im Guten unterlassen, ohne uns selbst Schaden zu tun. Die Gerechten wollen in ihren Vorsätzen lieber unter dem Regimente der Gnade als unter dem Einflusse ihrer eigenen Weisheit stehen. Gott allein ist es auch, auf den sie stets vertrauen in allem, was sie unternehmen. Denn der Mensch denkt, aber Gott lenkt, und des Menschen Weg liegt in seiner Hand.

3. Wenn du deine Übung hier und da aus gottseligen Absichten oder um deinen Brüdern nützlich zu sein, unterlässest, so kannst du sie leicht nachholen. Aber wenn du aus Überdruss oder aus Nachlässigkeit von deinen Übungen abgehst, so ist das sehr gefehlt, und du wirst schon bald empfinden müssen, dass es dir auch geschadet hat.

Wir dürfen wohl tun, was wir können: wir werden doch oft genug, schon bei geringen Anstößen, Fehltritte tun. Unsere Vorsätze müssen immer auf etwas Bestimmtes gerichtet sein, und vor allem gegen das, was uns am meisten im Wege liegt. Wir müssen unser Inneres und Äußeres strenge durchforschen und gewissenhaft ordnen; denn beides hilft uns auf dem Wege zum Guten weiter.

4. Wenn du dich nicht immer in dir sammeln kannst, so sammle dich doch hier und da, wenigstens einmal im Tage, am frühen Morgen oder am Abend. Am Morgen erwecke dich zu einem guten Vorsatz; am Abend durchforsche deinen Wandel, wie den Tag über deine Gedanken, deine Worte, deine Handlungen beschaffen gewesen sind. Vielleicht hast du darin öfter wider Gott und wider deinen Nächsten gesündigt. Rüste dich, wie ein Kriegsmann, gegen die List des Teufels. Besiege das unbezähmte Gelüsten nach Speise und Trank, und du wirst dir dadurch den Sieg über die Lust des Fleisches schon sehr erleichtern. Sei nie ganz müßig, sondern lies oder schreib, oder bete, oder betrachte, oder arbeite etwas zum Nutzen der Gemeinde. Doch bei leiblichen Übungen musst du besonders vorsichtig zu Werke gehen; es sind nicht alle solche Übungen allen Menschen im gleichen Maße anzuraten.

5. Was nicht gemeinsame Übung ist, das stelle vor anderen nicht zur Schau. Denn, was besonders und für dich allein ist, das wird auch sicherer im Stillen geübt. Du musst aber deshalb nicht träge zu gemeinsamen, und vorschnell zu besonderen Übungen werden. Erst wenn du die Pflichten, welche dir mit anderen gemein sind, genau und treu erfüllt hast, dann gehörst du ganz dir und magst, wenn noch Zeit übrig ist, dich deiner besonderen Andacht überlassen.

Es taugt nicht jede Übung für alle Menschen. Diese ist jenem, jene diesem angemessener. Auch sind, nach Unterschied der Zeit, einige Übungen anziehender für uns als andere, einige an Festtagen, andere an gemeinen Tagen schmackhafter. Anderer Übungen bedürfen wir in den Stunden der Versuchung, anderer in den Tagen des Friedens und der Ruhe. Andere Gedanken sind uns willkommen, wenn uns ein Herzeleid die Flügel bindet, andere, wenn wir in Freude vor dem Herrn dahinwandeln.

6. Um die vornehmsten Festtage des Jahres sollen alle unsere guten Übungen neues Leben gewinnen und die Fürbitten der Heiligen mit mehr Inbrunst angefleht werden. Unsere guten Entschließungen sollten immer so, von einem Feste zum andern hin, gefasst werden, gerade als wenn wir den nächsten Festtag nicht mehr auf Erden, sondern im Himmel begehen und daselbst schon den ewigen Feiertag mitfeiern würden. Eben deshalb sollten wir uns in den heiligen Tagen sorgsam vorbereiten, sollten sie mit mehr Andacht zubringen, sollten alle Regeln weit genauer beobachten als an andern Tagen, indem es uns zu Gemüt sein sollte, als ob wir in Kurzem den Lohn für unser Tagwerk von Gott empfangen würden.

7. Wenn der Herr den Zahltag für uns aber weiter hinausschiebt, so dürfen wir nur denken: wir waren zum Feste noch nicht hinlänglich gerüstet gewesen, noch nicht würdig der großen Herrlichkeit, welche zur bestimmten Zeit sich an uns offenbaren wird. Wir müssen uns also zum Heimgang noch besser vorbereiten. O selig, sagt der Evangelist Lukas (12, 43), selig der Knecht, den der Herr bei seiner Ankunft wird wachend finden! Ich sage Euch: Er wird ihn mit Vollmacht über alle seine Güter setzen.

20. Kapitel: Sei gern einsam und still

1. Suche dir oft eine schickliche Zeit aus, wo du ganz allein zu Hause sein kannst. Und dann überdenk das Gute, das du von der Hand Gottes empfangen hast. Lass liegen, was die Neugier reizt. Lies immer wieder in solchen Büchern, die dein Herz zu Buße aufschließen, lieber als in jenen, die deine Gedanken nach allen vier Winden zerstreuen. Wenn du dich von dem unnötigen Geschwätze, dem müßigen Umherlaufen und dem geistlosen Jagen nach Neuigkeiten und Gerüchten losmachst, so wirst du Zeit genug übrig haben, um heilsamen Betrachtungen obzuliegen. Die größten Heiligen sind dem geräuschvollen Umgang mit andern, so viel sie konnten, ausgewichen, und es war ihnen weit lieber, Gott im Stillen zu dienen.

2. Einer (Seneka) sagte sehr wahr: So oft ich unter Menschen gewesen bin, war ich beim Heimgehen weniger Mensch. Dies erfahren wir fast immer, wenn wir lange schwatzen. Es ist leichter, nichts zu reden, als reden und nicht fehlen. Es ist leichter, sich im Hause verborgen zu halten, als sich außer dem Hause rein zu bewahren. Wer also zum inneren, geistlichen Leben gelangen will, der muss sich mit Jesus von der Volksmenge entfernen.

Es kann niemand sicher unter dem Volke sich sehen lassen, der nicht gern daheim ungesehen lebt. Niemand kann sicher den Mund zum Reden auftun, als der ihn gern wieder schließt und geschlossen hält. Niemand kann sicher obenan stehen, als der gern untenan steht. Niemand kann sicher befehlen, als der gelernt hat, gehorsam zu sein.

3. Niemand hat sichere Freude, als der das Zeugnis des guten Gewissens für sich hat. Und selbst diese Sicherheit war bei den größten Heiligen immer mit der Furcht Gottes vereint. Und obgleich ihre große Tugend und Gnade bei Gott im hellen Glanze vor den Augen der Menschen leuchteten, so nahm doch ihre Wachsamkeit und Demut deshalb nicht im geringsten ab. Nicht so die Gottlosen: ihre Sicherheit entspringt aus Stolz und vermessenem Selbstvertrauen und endet mit Selbstbetrug. Lieber! versprich dir doch in diesem Leben keine volle Sicherheit, wenn dich gleich die Leute für einen guten Ordensmann oder frommen Einsiedler halten.

4. Oft sind gerade die, welche im Auge der Menschen die besten waren, in die größte Gefahr geraten, weil ihr Vertrauen auf sich selbst viel zu groß war. Deswegen ist es für viele nützlicher, dass sie von Versuchungen nicht gänzlich frei bleiben, sondern öfter davon angegriffen werden; denn sonst möchten sie sich in das täuschende Gefühl der Sicherheit einwiegen lassen, oder in stolzen Einbildungen sich verlieren, oder nach äußeren Tröstungen laufen.

Wie rein und ruhig würde der sein Gewissen erhalten, der keiner vergänglichen Freude nachjagen würde und mit der Welt nichts mehr zu tun haben möchte! Und, wer Mut hätte, alle eitle Sorge abzuschneiden wie etwas Störendes, nur an das zu denken, was heilsam und göttlich ist, und sein ganzes Vertrauen auf Gott zu setzen, der müßte in einer unaussprechlichen Fülle des Friedens und der Ruhe wohnen.

5. Es ist doch kein Mensch einer himmlischen Tröstung wert, der sich nicht zuvor in der Schule der heiligen Reue fleißig geübt hat. Soll dein harter Sinn zerschlagen werden, so geh in deine Kammer und lass den Tumult der Welt nicht herein, wie die Schrift (Ps. 4, 5) sagt: Auf euerm Lager redet mit euerm Herzen. In der Zelle wirst du finden, was du draußen so oft verlierst. Wenn du oft darin bist, so wirst du gern darin sein. Gewöhne dich gleich im Anfange deiner Besserung, die Zelle fleißig zu hüten; dann wird sie nach und nach eine liebe Freundin und ein lieblicher Trost werden.

6. In Schweigen und Ruhe findet die andächtige Seele ihr Fortkommen, das lehrt sie, die Geheimnisse der Schrift verstehen. Da, da findet sie die Gnade der Tränen, mit denen sie sich alle Nächte reinwäscht, damit sie mit ihrem Schöpfer desto vertraulicher umgehen kann, je weiter sie sich von dem Getümmel der Welt entfernt hat. Wer sich also von seinen Bekannten und Freunden zurückhält, zu dem nahen sich Gott und die heiligen Engel.

Besser ist es, verborgen zu sein, und für sein Heil zu sorgen, als auf dem Markte Wunder zu tun und dabei sein Heil zu versäumen. Es ist für einen Ordensmann lobenswert, selten auszugehen, sich nicht gern sehen zu lassen und auch andere nicht sehen zu wollen.

7. Wozu willst du auch sehen, was du nicht haben darfst? Sieh, die Welt vergeht, und alle Lust der Welt mit ihr. Die Sinnlichkeit lockt dich zum Ausgehen; aber, wenn das Stündchen vorüber ist, was bringst du denn wieder nach Hause als ein beschwertes Gewissen und ein zerstreutes Herz? Ein heiteres Ausgehen erzeugt oft ein trübes Heimgehen, und ein lustiger Abend einen traurigen Morgen. So ist's mit jedem fleischlichen Vergnügen. Es geht sanft und kosend ein, aber zuletzt beißt und tötet es. Was wolltest du auch anderswo sehen, das du im Grunde nicht zu Hause siehst? Sieh da Himmel und Erde, und alle Elemente, denn daraus ist doch alles gemacht.

8. Sage mir, kannst du anderswo etwas sehen, das dauerhaft ist unter der Sonne? Du glaubst vielleicht, du wirst deine Begierde zu sehen durch Sehen doch noch befriedigen können, aber du täuschest dich und wirst es nicht erreichen. Wenn du alle sichtbaren Dinge sehen könntest, was wäre es denn anders, als ein eitler Anblick. Erhebe deine Augen zu Gott in die Höhe und bete für deine Sünden und Versäumnisse. Lass dem Eitlen, was eitel ist, du aber forsche und sinne in dem Gesetze des Herrn.

Schließ deine Tür hinter dir zu und lade Jesus, deinen Geliebten, zu dir. Bleib bei ihm in der Zelle; denn draußen wirst du nirgends so viel Frieden finden. Wärest du nicht hinausgegangen, hättest du dir die Gerüchte nicht angehört, dein Herz wäre nicht so geschwind um seine Ruhe gekommen. Seitdem du jeden Tag Neues und wieder Neues hören willst, schleicht sich fast immer mit den Neuigkeiten neuer Unfriede in dein Herz.

21. Kapitel: Das zerschlagene, reuevolle Herz des Menschen - ein großer Segen

1. Willst du im Guten vorwärts schreiten, so bewahre dein Herz in der Furcht Gottes und sei nicht zu frei, das heißt: behalte deine Sinne in guter Zucht und überlass dich nicht törichter Freude. Kehre dich lieber einwärts zur Reue, und du wirst Andacht finden. Ein wundes, zerschlagenes Herz schließt uns einen reichen Schatz des Guten auf, den ein zuchtloses, leichtfertiges Leben schnell wieder vertändelt. Es ist zu verwundern, dass ein Mensch, der sein Umherirren außer dem himmlischen Vaterlande und die vielen Gefahren, die seine Seele umgeben, recht bedenkt, in dieser Welt jemals recht froh werden kann.

2. Der Leichtsinn unseres Herzens und die Unachtsamkeit auf unsere Gebrechen sind so groß, dass wir das Elend unserer Seele nicht einmal empfinden, sondern oft noch lachen können, wo wir billig weinen sollten. Es ist doch keine wahre Freiheit und keine wahre Freude außer in der Furcht Gottes und in einem guten Gewissen zu finden.

O selig, wer alles, was ihn hindert und zerstreut, von sich werfen, und sein Herz in sich sammeln kann, dass es auftaut zur heiligen Reue! Selig, wer alles von sich stößt, was sein Gewissen beflecken oder drücken kann! Streite wie ein Mann! Gewohnheit wird durch Gewohnheit überwunden. Wenn du die Leute gehen und sie das Ihre tun lassen kannst, so werden sie dich auch gehen und das Deine tun lassen.

3. Zieh fremde Dinge nicht zu nahe an dein Herz, und verwickle dich nicht in die Geschäfte der Großen. Wende deinen Blick zuerst immer nur auf dich, und unter allen deinen Freunden sei du immer der erste, dem du zu Herzen redest. Wenn dir die Menschen ihre Gunst entziehen, das soll dich nicht traurig machen. Aber das lass dir zu Herzen gehen, dass du nicht immer so gut und so vorsichtig wandelst, wie ein Knecht Gottes und ein frommer Ordensmann wandeln soll.

Es ist dem Menschen oft nützlicher, und immer sicherer, dass er nicht sonderlich viel Freuden auf Erden zu genießen hat, besonders sinnliche. Daran aber, dass uns der göttliche Trost mangelt, oder nur selten zu kosten gegeben wird, daran sind wir selber schuld, und die Schuld besteht darin, dass wir uns um das, was unser Herz wund und für göttlichen Frieden empfänglich machen kann, nicht viel bekümmern, und dem, was eitel und bloß äußerlich ist, nicht mannhaft Abschied geben.

4. Erkenne es nur, dass du des göttlichen Trostes unwürdig bist, und dass du viel mehr Trübsal und Plage verdient hast. Hat ein Mensch das lebendige Gefühl der Reue im Herzen, so ist ihm die ganze Welt weiter nichts als Last und Bitterkeit. Ein guter Mann findet zum Trauern und Weinen immer Stoff genug. Er mag sein Elend oder das Elend seines Nachbars ansehen, so begreift er gar bald, dass hier niemand ohne Trübsal und Herzeleid leben kann. Und je scharfsichtiger er sein Innerstes durchforscht, desto mehr Ursache zu trauern hat er. Den tiefsten Grund zu Schmerz und Reue geben uns unsere Sünden und Laster, in denen wir so tief begraben liegen, dass wir uns sehr selten zum Anblick himmlischer Dinge emporschwingen können.

5. Möchtest du öfter an deinen nahen Tod, als an die Länge deines Lebens denken: gewiß, du würdest das große Werk deiner Besserung mit mehr Eifer betreiben. Würdest du die Strafen der Sünde, die in der Hölle oder im Fegfeuer auf den Sünder warten, zu Herzen fassen: ich glaube, du würdest alle Mühen und Schmerzen, die mit der wahren Bekehrung verbunden sind, gern aushalten, und der strengste Ernst würde dir nicht zu strenge sein. Aber weil wir uns dies alles nicht ans Herz kommen lassen, weil wir die Schmeicheleien dieser. Erde noch viel zu lieb haben, darum bleiben wir immer so kalt und träge.

6. Oft ist es wahrer Mangel an Geisteskraft, dass wir über ein geringes Ungemach des Leibes so bittere Klagen hören lassen. So bitte denn in Demut zu Gott, dass er dir den Geist der Reue gebe, und sprich mit dem Propheten (Ps. 80, 6): Speise mich, o Herr, mit dem Brot der Tränen und tränke mich mit dem Trank der Tränen in großem vollem Maße.

22. Kapitel: Von der Betrachtung des menschlichen Elends

1. Sei, wo du willst, und wende dich, wohin du immer willst: wenn du dich nicht zu Gott hinwendest, so bist du überall ein elender und beklagenswerter Mensch. Warum wirst du sogleich uneins mit dir, wenn die Dinge einen anderen Gang nehmen, als du wünschst? Wer ist der Mensch, dem alles nach seinem Sinne geht? Ich nicht und du nicht und kein Mensch auf Erden. Kein Mensch ist ohne Plage und Trübsal auf der Welt, er sei König oder Papst. Wer hat es wohl besser? Sicherlich nur der, welcher gut und groß genug ist, für Gott etwas leiden zu können.

2. Da klagen die Schwachen und Unmündigen, und ihrer sind viele: »Sieh! dieser lässt sich's recht wohl sein, ist reich und groß und mächtig, und steht überall obenan!« Schau du aber nur mit festem Blick auf die Güter des Himmels hin, und du wirst klar sehen, dass alle diese Güter der Erde nicht die rechten Güter des Menschen sein können. Sie sind ja so unsicher, und mehr Plagen als Güter, die ihren Besitzer wahrhaft plagen mit tausend Furchten und Sorgen.

Überfluss in zeitlichen Gütern haben, das ist die Seligkeit des Menschen nicht. Der Mensch ist reich genug mit mittlerem Maß. Recht betrachtet, ist es doch ein Elend, auf Erden zu leben. Und gerade für den, der mehr nach dem heiligen Gesetze seines Geistes leben will, gerade für den hat dieses Leben mehr Bitterkeit als für andere; denn er empfindet es besser als andere und sieht es klarer ein, was es für ein schwaches und gebrechliches Ding um einen Menschen in diesem Leben ist. Denn essen, trinken, wachen, schlafen, ruhen, arbeiten und den übrigen Bedürfnissen der körperlichen Natur hingegeben sein, das ist doch alles nur Plage, und keine geringe Plage für einen Menschen, der den Umgang mit Gott bereits gekostet hat und nun gern unabhängig von allem Drucke der Natur und rein von aller Sünde sein möchte.

3. Die Bedürfnisse des Leibes drücken in diesem Leben den inneren Menschen doch sehr. Ein Prophet (Ps. 25, 17), der von alledem gern frei gewesen wäre, bat darum voller Andacht: Herr! rette mich von diesem Druck! Aber wehe denen, die ihr Elend nicht erkennen, und zweimal wehe denen, die dieses elende und gebrechliche Leben noch lieben können! Es fehlt nicht an Leuten, die, ob sie sich gleich nur den notdürftigen Unterhalt, und diesen kaum mit Handarbeit oder mit dem Bettelstab erwerben können, doch mit ihrem Herzen so fest an diesem Leben hängen, dass sie auf Gottes Reich gern Verzicht tun würden, wenn sie nur ewig hier bleiben könnten.

4. Die Toren! Die Ungläubigen! So tief kann ein Mensch im Schlamm der Erde versinken, dass er nur noch für das Irdische Sinn und Empfindung behält! Am Ende aber werden sie, die Unglücklichen, es wohl hart empfinden, wie gering und nichtig das war, was sie geliebt haben. Ganz anders die Heiligen Gottes und alle edlen frommen Freunde Christi! Sie sahen nicht auf das, was dem Fleische zusagte, noch was zu ihren Zeiten glänzte, sondern all ihr Hoffen und Trachten war aufwärts gerichtet, zu dem, was gut ist, und gut bleibt – ewig. Ja, aufwärts, gen Himmel, zu dem Bleibenden und Unsichtbaren, flog all ihr Verlangen, damit sie nicht etwa von der Liebe zum Sichtbaren und Vergänglichen ergriffen und zur Erde herabgezogen werden möchten.

5. Lieber Bruder, nichts soll dir die Zuversicht aus dem Herzen stehlen können, dass auch du noch im wahren Leben des Geistes weiter kommen wirst. Noch hast du Zeit und Stunde. Aber warum immer so gezögert und das Wichtigste von heute auf morgen verschoben? Steh auf, und fang in diesem Augenblicke an, und sprich zu dir: Jetzt ist es Zeit zum Handeln, Zeit zum Streiten, jetzt hat die Stunde zu meiner Besserung geschlagen! Ist dir nicht wohl zumute und kommt eine Plage über dich, nun, das ist die rechte Zeit, dich eines besseren, seligen Lebens würdig zu machen. Du musst noch zuvor durch Feuer und Wasser hindurch, ehe du in das Land der Erquickung kommen kannst. Und, wenn du dir selbst nicht Gewalt antust, so wirst du deine Fehler nie besiegen.

Solange wir in diesem gebrechlichen Leibe wohnen, können wir nicht ohne Sünde, nicht ohne Plage und Überdruss durchkommen. Wer möchte nicht gern frei von allem Elende sein? Aber, nachdem wir die Unschuld durch die Sünde verloren haben, ist nun auch die wahre Seligkeit für uns dahin, und es bleibt uns nichts anderes übrig, als Geduld zu haben mit uns selbst, und auf das Erbarmen Gottes zu warten, bis das Reich der Sünde zerstört, bis die Sterblichkeit selbst vom Leben verschlungen sein wird.

6. Wie groß ist doch die Gebrechlichkeit des Menschen, wie geneigt zur Sünde unsere Natur! Heute bekennst du deine Sünde, und morgen tust du wieder die nämliche Sünde, die du heute bekannt hast! Jetzt fassest du den männlichen Vorsatz, dich vor aller Sünde zu hüten, und nach einer Stunde handelst du so, als wenn nie ein Vorsatz in deine Seele gekommen wäre. Wir haben also Ursache genug, demütig zu sein und uns selbst für gering zu halten, weil wir gar so gebrechlich und wandelbar sind. Es kann auch durch Nachlässigkeit schnell wieder zugrunde gerichtet werden, was nach vieler Mühe endlich kaum durch Gottes Gnade erworben ist.

7. Was wird am Ende unseres Lebens noch aus uns werden, die wir schon am Morgen alles Feuer auf unserm Herde haben ausgehen lassen? Weh uns, wenn wir schon so frühe beruhigt die Waffen weglegen wollen, als wenn schon Friede und Sicherheit im Lande wäre, da wir doch noch keine einzige Spur der Heiligkeit auf unserem Lebenswege hinterlassen haben! Es wäre nötig, dass wir wieder von vorne anfingen und uns, wie gute Anfänger, von neuem zu einem heiligen Leben anleiten ließen. Vielleicht wäre Hoffnung, dass wir künftig unsere Fehler verbesserten und im Geistigen weiter vorankämen.

23. Kapitel: Sterblicher, denk ans Sterben

1. Schnell wird es mit dir hienieden geschehen sein. Sieh also, wie es jetzt um dich steht. Heute noch ist der Mensch, und morgen ist er nicht mehr. Und ist er einmal aus den Augen, so ist er auch schnell aus dem Gedächtnis der Menschen dahin. Wie ist doch das Herz des Menschen so hart und so stumpf, dass er immer so fest hangt an der Gegenwart und nicht hinausblickt auf die Zukunft!

Alles, was du denkst und tust, alles soll so gedacht und getan werden, als wenn du heut noch sterben müßtest. Wenn du wirklich ein gutes Gewissen hättest, so würdest du nicht sonderlich vor dem Tode zittern. Immer besser, die Sünde meiden, als den Tod fürchten.

Wenn du heut nicht bereit bist, wie willst du es morgen sein? Der morgige Tag ist ein ungewisser Tag, und wer hat es dir denn verbürgt, dass du ihn noch erleben wirst?

2. Was nützt es dir, lange zu leben, wenn dein Eifer, besser zu werden, von so kurzer und von so geringer Wirkung ist? Ach! ein langes Leben macht den Menschen nicht immer besser, macht vielmehr die Zahl seiner Schulden oft noch größer. Hätten wir doch hier auf Erden auch nur Einen Tag recht und gut gelebt!

Es gibt Leute, die von ihrer Bekehrung an die Jahre fleißig zählen; aber die Frucht der Bekehrung ist doch oft sehr gering. Wenn es für dich so schrecklich ist, zu sterben, so ist es vielleicht noch gefährlicher, länger zu leben.

Selig, wer die Stunde des Todes immer vor Augen hat und sich täglich zum Sterben rüstet! Wenn du einen Menschen sterben siehst, so sprich zu dir: Diesen Weg muss auch ich gehen!

3. Wenn der Morgen kommt, so rechne damit, dass du vielleicht den Abend nicht mehr erleben wirst. Und, wenn der Abend da ist, so wage es nicht, dir noch den Morgen zu versprechen. So sei immer bereitet, und lebe so, dass dich der Tod nie unbereitet finden kann. Es sterben doch so viele plötzlich und ehe sie es vermuten. Der Menschensohn kommt ja auch in diesem Sinn zur Stunde, wo man es nicht glaubt. Wenn diese letzte Stunde gekommen sein wird, dann wirst du dein ganzes vergangenes Leben in einem völlig anderen Lichte sehen, und es wird dir dein Herz zerreißen, dass du im Guten so nachlässig und lau gewesen bist.

4. Wie glücklich und klug ist doch der Mensch, der keine andere Sorge kennt, als so zu leben, wie er im Tode wünschen wird, gelebt zu haben! Die Welt standhaft schmähen, in allen Tugenden mit Eifer vorwärts dringen, Zucht und Ordnung lieb haben, in strenger Buße und schnellem Gehorsam, in Verleugnung seiner selbst und in Erduldung alles Widrigen aus Liebe zu Christus ausharren: das gibt Mut und Zuversicht, selig zu sterben.

In gesunden Tagen kannst du viel Gutes tun; was du aber in kranken Tagen ausrichten wirst, davon habe ich keinen Begriff. Kranksein macht wenig Menschen besser – Wallfahrten wenige heilig.

5. Vertrau nicht auf Freunde und Verwandte, und schieb die Sorge um dein Heil nicht in die Zukunft hinaus. Die Menschen werden deiner doch viel früher und schneller vergessen, als du es jetzt glauben kannst. Es ist ungleich besser, jetzt, da du noch Zeit dazu hast, dein Geschäft mit aller Vorsicht in Ordnung zu bringen und gute Werke vorauszuschicken, als auf fremde Hilfe zu warten. Wenn du jetzt für dich selbst so unbesorgt dahinlebst, wer wird in Zukunft für dich besorgt sein? Jetzt ist die Zeit kostbar, jetzt sind die Tage des Heils, jetzt ist die Zeit der Gnade. Aber wehe, dass du diese Zeit, in der du dir einen Schatz sammeln könntest, von dessen Früchten du die ganze Ewigkeit zu leben hättest, nicht besser anwendest! Du wirst vielleicht bald um die Frist Eines Tages, Einer Stunde bitten, um nicht ungebessert dahinsterben zu müssen, und wer weiß, ob du sie bekommen wirst.

6. Sieh doch, lieber Bruder, nimm es doch zu Herzen, wie groß die Gefahr, wie peinlich die Furcht ist, von der dich nur die ernsteste Vorbereitung auf den Tod freimachen kann! So lerne denn jetzt leben, und so leben, dass dir die Todesstunde mehr Freude als Schrecken bringen möge!

Lerne jetzt der Welt sterben, damit du im Tode mit Christus ewig fortleben kannst. Lerne jetzt alles Vergängliche verschmähen, damit du dann, frei von allen Banden, zu Christus heimgehen kannst. Lass jetzt deinen Leib die Züchtigung der Buße fühlen, damit du einst voll Zuversicht bist.

7. O du Tor! was schmeichelst du dir mit der Hoffnung, lange zu leben, da du auch nicht auf Einen Tag sicher rechnen kannst? Wie viele haben sich betrogen und mussten unverhofft von dieser Welt scheiden! Wie oft hast du erzählen hören: dieser ist erstochen worden, jener ertrunken; dieser fiel vom Dache und brach sich den Nacken, jener starb am Tische, der beim Spiele; einen tötete das Feuer, den andern das Schwert, einen dritten die Seuche; einen vierten ermordeten Räuber! So sterben alle dahin, und das Leben des Menschen geht wie ein Schatten plötzlich vorüber.

8. Wer wird deiner nach dem Tode noch gedenken? Wer für dich beten? O Freund, jetzt, jetzt lege die Hand ans Werk und tu, was du tun kannst. Denn du weißt nicht, wann du sterben wirst, und was mit dir nach dem Tode geschehen wird. Jetzt, da du noch Zeit hast, jetzt sammle dir unsterblichen Reichtum. Dein Heil sei dein einziger Gedanke, was Gottes ist, deine erste Sorge. Jetzt mache dir die Heiligen Gottes zu Freunden, das heißt, verehre sie und lebe wie sie, damit sie dich bei deinem Scheiden vom Leben in die ewigen Gezelte aufnehmen.

9. Sei du immer wie ein Fremdling und Gast auf Erden und halte die Dinge der Welt für Geschäfte, die dich nichts angehen. Halte dein Herz frei und in steter Richtung nach oben zu Gott; denn es ist für dich hienieden keine bleibende Stätte. Dorthin sende täglich deine Tränen, Gebete und Seufzer, damit ihnen einst nach dem Tode dein Geist selig nachfolgen und zum Herrn heimgeholt werden möge! Amen.

24. Kapitel: Gericht und Strafe der Sünder

1. Bei allen Dingen schau auf das Ende, und frage dich: Wie werde ich vor dem strengen Richter bestehen, dem nichts verborgen ist, den keine Geschenke bestechen können, der keine Ausflüchte gelten lässt, der richtet nach der Gerechtigkeit? Elender, törichter Sünder! Sieh, du zitterst vor dem Angesicht eines zornigen Menschen: wie wirst du dich nun vor Gott verantworten, vor Gott, der alle deine Sünden weiß? Wie kannst du so unvorsichtig und ohne alle Vorbereitung auf den Tag des Gerichts dahinleben, auf einen Tag, an dem keiner den andern entschuldigen, verteidigen kann, an dem jeder genug mit sich selbst zu tun haben wird? Jetzt kann deine Arbeit Früchte bringen, deine Träne Gnade finden, dein Seufzen Hilfe erflehen, deine Buße der Gerechtigkeit Genüge tun und dir zur Reinigung dienen.

2. Wer Geduld übt, das heißt, wem an der Kränkung seiner Ehre mehr die Sünde des andern, der ihn kränkt, als die Kränkung selbst wehe tut, wer für seine Gegner gern bittet und ihnen das Unrecht, das sie ihm getan haben, von ganzem Herzen verzeiht, wer selbst zuerst um Vergebung bittet, wer sich leichter zur Erbarmung als zum Zorne bewegen lässt, wer sich selbst recht oft Gewalt antut und die Sinnlichkeit der Herrschaft des Geistes vollkommen zu unterjochen strebt: ein solcher Mann hat schon in sich ein Reinigungsfeuer, das wahrhaftig nicht gering ist und großen Segen schafft. Es ist doch besser, schon in diesem Leben die Bande des Lasters zu lösen und von der Sünde rein zu werden, als die Reinigung in die Ewigkeit hinüber aufzusparen. Wir täuschen uns nur selbst durch die ungeordnete Liebe zu dem, was sinnlich ist.

3. Was wird doch jenes verzehrende Feuer anderes zu verzehren haben als deine Sünden? Je mehr du jetzt deiner schonst, je mehr du deiner Sinnlichkeit nachgibst, desto empfindlicher wirst du einst dafür gestraft werden, desto mehr Brandscheite wirst du für jenes verzehrende Feuer mit hinüberbringen.

Womit der Mensch am meisten fehlte, damit wird er auch am schwersten gestraft werden. Brennende Stacheln werden die Trägen nie ruhen lassen, Hunger und Durst die Unmäßigen peinigen, siedendes Pech und Schwefel die Wollust züchtigen, der Neid vor Schmerzen heulen, gleich einem tollen Hunde.

4. Jedes Laster wird seine eigene Klage haben. Schande und Schmach werden wie Berge über die Hoffart fallen, die Armut wird mit ihrer schwersten Last den Geiz zerdrücken. Dort schmerzt eine Stunde Pein mehr als hier Jahrhunderte strengster Buße. Der Ungebesserte, der Verdammte wird dort keine Ruhe, keinen Trost finden, wo es doch für uns hier noch Feiertage zum Ausruhen und Stunden des Trostes im Schoße der Freundschaft gibt.

So traure denn, lieber Freund, jetzt um deiner Sünden willen, sorge jetzt für die Zukunft, damit du am Tage des Gerichts kühn und froh dein Haupt mit allen Heiligen emporheben darfst. Dann werden die Gerechten mit Zuversicht auftreten gegen die, von welchen sie in diesem Leben geängstigt und niedergedrückt worden sind. Dann wird sich jeder, der sich den Urteilen der Menschen in Demut und Gelassenheit unterworfen hat, erheben, um zu richten. Dann wird der Arme und Demütige mit edler Zuversicht dastehen, und der Hochmütige zitternd vor ihm niedersinken.

5. Dann wird man sehen, dass in dieser Welt weise war, wer die seltene Kunst verstand, sich um Christi willen für einen Toren und für Auskehricht der Welt halten zu lassen. Dann wird alle Trübsal, mit Geduld ertragen, für uns zu Freude werden, und alle Bosheit, die in diesem Leben den Mund weit aufgetan hat, verstummen müssen. Dann wird der Fromme, der seinen Gott nie aus dem Auge ließ, sein Jubelfest feiern und der irdisch Gesinnte, der ohne Gott in der Welt war, trauern müssen. Dann wird dir die frühere Kreuzigung des Fleisches mehr Jubel einbringen als alle Verzärtelung und die ausgesuchteste Pflege des Leibes. Dann wird das schlichte Kleid glänzen und das Seidengewand allen Farbenglanz verloren haben. Dann wird die niedere Hütte mehr geachtet werden als der goldene Palast. Dann wird die standhafte Geduld größere Eroberungen machen als alle Herrlichkeit und Macht der Welt. Dann wird der Gehorsam des einfältigen Herzens über alle Arglist des Mannes von Welt triumphieren.

6. Dann wird uns ein gutes, reines Gewissen mehr Seligkeit verschaffen als alle Welt-Weisheit der Gelehrten. Dann wird die Verachtung des Reichtums alle Schätze der Welt weit aufwiegen. Dann wird dir ein Gebet, das aus dem Herzen kam, mehr Trost schaffen als ein erlesenes Freudenmahl. Dann wird das fromme Stillschweigen eines Augenblickes mehr Freude einernten als endloses Geschwätz. Dann werden die guten Taten mehr gelten als die schönen Worte. Dann werden die Tage ernster Selbstverleugnung und strenger Buße mehr erfreuen, als alle Freuden der Erde. Lerne jetzt geringere Leiden tragen, damit du dir einst größere ersparst. Versuche hier, was du einst vermögen wirst. Wenn dir jetzt ein so kurzes Leiden schon zu lange ist, wie willst du einst ewige Qualen aushalten können?

Sieh! Zwei Paradiese gibt es nicht für dich; Hier die törichten Freuden der Welt töricht mitgenießen und Dort mit Christus herrschen: das kannst du nicht.

7. Hättest du bis auf diesen Tag im steten Genusse der Ehre und Wollust gelebt und müßtest in diesem Augenblick sterben: sage mir, was hättest du nun von all diesem Genusse? So ist denn alles lauter Eitelkeit, nur Eines nicht: Gott lieben und ihm allein dienen. Denn wer Gott von ganzem Herzen liebt, der fürchtet Tod und Strafe, Gericht und Hölle nicht. Die vollkommene Liebe bahnt ihm einen freien, furchtlosen Zutritt zu Gott. Wer aber noch an der Sünde Freude hat, der hat natürlich darum noch Furcht vor Tod und Gericht. Doch, kann dich die Liebe noch nicht von allem Bösen abhalten, so ist es Gewinn für dich, dass wenigstens die Furcht vor der Hölle dich zurückschreckt. Wer aber die Furcht Gottes verlässt, der wird nicht lange mehr im Guten feststehen können, sondern gar bald in die Schlingen des Teufels fallen.

25. Kapitel: Von inbrünstiger Besserung unseres ganzen Lebens

1. Sei wachsam und eifrig im Dienste Gottes. Denk oft: Wozu bin ich hieher gekommen, warum habe ich die Welt verlassen? Kamst du nicht hieher, um Gott allein zu leben, und ein geistlicher, neuer Mensch zu werden? Lass es dir also angelegen sein, immer besser zu werden. Denn sieh! bald wird dir der Lohn deiner Arbeit ausbezahlt werden, und dann wird keine Furcht und kein Schmerz mehr deine Seele berühren. Es ist dir noch ein kurzes Tagewerk übrig; darauf folgt eine lange Ruhe, oder vielmehr ewige Freude. Wirst du in deinem Tun eifrig und treu bleiben, oh, dein Gott wird gewiss auch treu und reich im Belohnen sein. Hoffen darfst du immer, dass du den Siegeskranz erringen wirst; aber in Sicherheit soll deine Hoffnung nicht ausarten; sonst könntest du träge oder eitel werden.

2. Ich kenne einen Freund; der ward von Angst ergriffen und schwebte lange zwischen Furcht und Hoffnung. Eines Tages, da ihn der Kummer halb aufgezehrt hatte, warf er sich, aus dem Herzen betend, in der Kirche vor dem Altar nieder und grübelte bei sich: Oh, wenn ich gewiss wüßte, dass ich im Guten bis ans Ende verharre! Da hörte er die göttliche Antwort in seinem Innersten: »Und, wenn du das wüßtest, was wolltest du dann tun? Tu jetzt, was du dann tun wolltest, und du wirst sicher zum Ziele kommen.« Dies Gotteswort tröstete und stärkte ihn, dass er sich ganz dem Willen seines Herrn hingeben konnte, und alle Angst war dahin. Er mochte nimmer neugierig forschen, was da für ihn kommen werde; aber, was Gottes Wille sei, und wie er nach der Richtschnur des göttlichen Wohlgefallens alles Gute anfangen und vollenden könne, darnach forschte er Tag und Nacht.

3. Hoffe auf den Herrn, und tu Gutes, sagt der Prophet (Ps. 37, 3), und du wirst im Lande wohnen, und die Fülle seines Segens genießen. Es ist nur Eines, das viele vom Fortgange im Guten und von der ernsthaften Besserung ihres Lebens zurückhält, und dies Eine heißt: »Es ist so schwer, wider sich selbst zu kämpfen«, und dieses schwere Stück Arbeit scheuen sie. Auf der Bahn der Tugend tun sich aber gerade die vor allen anderen am meisten hervor, welche da, wo ihre Neigungen den heftigsten Widerstand leisten, den stärksten Angriff wagen. Je mehr der Mensch sich selbst überwindet, desto weiter schreitet er im Guten vor, desto größere Gnade verdient er sich.

4. Freilich haben nicht alle gleich viel, das sie überwinden und dem sie absterben sollten. Wer aber das Werk der Selbstüberwindung mit edlem Wetteifer angreift, wenn er auch noch so viele Leidenschaften zu bekämpfen hätte, der wird es im Guten ungleich weiter bringen, als ein anderer, der eine stille, sanfte Gemütsart besitzt, dabei aber den Eifer nicht hat, mit dem die Tugend will errungen sein.

Zwei Dinge kenne ich, die uns in der Besserung mit besonderer Kraft weiter forthelfen: Sich mit Gewalt versagen das, wozu die Natur, wider Ordnung und Pflicht, hinneigt, dies ist das erste. Dem Guten, daran wir besonders arm sind, mit stetigem Eifer nachringen, dies ist das zweite. Auch das, was dir an andern am meisten missfällt, meide und bekämpfe du an dir selber mit ernstem Fleiß.

5. Sieh du überall darauf, wie du besser werden kannst. Siehst oder hörst du etwas Gutes, so lass in dir die schöne Begierde rege werden: Ich will es auch so machen. Siehst oder hörst du aber etwas, das Tadel verdiente, so lass es dir zur Warnung dienen, dasselbe nie nachzumachen, oder, wenn du es doch einmal getan hast, so nimm es zum Anlass, den Fehler schnell wieder gut zu machen.

Wie dein Auge auf andere sieht, so sehen andere Augen auf dich. Wie hold und schön ist es doch, Brüder zu sehen, die voll Andacht und Eifer, in Zucht und Ordnung einträchtig wandeln! Wie niederschlagend, Menschen zu sehen, die die Gesetze der Ordnung übertreten und das, was sie nach ihrem Berufe tun sollten, ungetan lassen! Wie schädlich, das zu versäumen, wozu uns unser Beruf und unser Vorsatz verpflichten, und das Herz zu dem zu neigen, was außerhalb unserer Pflicht liegt!

6. Denk an den Entschluss, den du gefasst hast, und blick hin auf den, der am Kreuze starb. Du hast alle Ursache, schamrot zu werden, wenn du das Leben Jesu zu deinem Spiegel machst – schamrot, dass du dich nicht mehr bemüht hast, ihm gleich zu werden, da du doch schon vor so langer Zeit den Weg zu Gott betreten hast.

Ein Ordensmann und überhaupt jeder Christ, der das allerheiligste Leben und Leiden Jesu zum Muster seines Lebens und Leidens macht, und sich mit Andacht und Eifer nach diesem Muster bildet, wird alles, was ihm nötig und nützlich ist, bei Jesus im Überflusse finden; wird nie in die Lage kommen, außer Jesus etwas Besseres zu suchen. Oh, wenn nur Jesus, der Gekreuzigte, in unser Herz käme: wir würden schnell lernen, und bald genug gelernt haben!

7. Ein eifriger Ordensmann nimmt alles, was ihm aufgelegt wird, willig auf sich und trägt es gern. Ein lauer, träger Ordensmann hat Plage über Plage, und es ist ihm überall zu eng; denn der innere Trost fehlt ihm, und dem äußeren darf er nicht nachlaufen. Ein Ordensmann, der Zucht und Ordnung abschüttelt, hat dem Verderben Tür und Tor angelweit aufgerissen. Wer immer nur das lieber hat, was die Bande der Ordnung weiter macht, dem wird es nimmermehr an Beklemmung und Drude fehlen; denn eines oder das andere wird immer wider seinen Geschmack sein.

8. Denk doch, wie sich andere Ordensleute so leicht in eine weit strengere Lebenszucht einpassen können! Sie gehen selten aus dem Kloster, leben in Abgeschiedenheit und Stille, haben schlechte Kost und ein grobes Tuch auf dem Leibe, arbeiten viel und reden wenig, wachen lange und stehen früh auf, beten lange und lesen viel, und halten sich in allem strenge an die gemeinsame Zucht. Sieh! die Kartäuser, die Zisterzienser und andere Mönche und Nonnen unterbrechen bei Nacht den Schlaf und loben Gott in heiligen Gesängen. Und du wolltest zur Zeit, wo so viele fromme Seelen Gott preisen, das göttliche Werk nur schläfrig treiben? Welche Schande!

9. Oh, dass wir nichts anderes zu tun hätten, als unseren Herrn und Gott von ganzem Herzen und mit freudiger Zunge zu loben! Wäre doch das Bedürfnis zu essen, zu trinken, zu schlafen nicht! Könntest du nur immer Gott loben und in geistlichen Übungen ihm dienen: glücklicher, weit glücklicher wärest du als jetzt, wo du der Sinnlichkeit, wenn auch nur zur Notdurft, dienst. Gäbe es doch keine Bedürfnisse des Leibes und nur Bedürfnisse des Geistes: welch eine Seligkeit, sie zu befriedigen! Und diese Seligkeit, wie selten kosten wir sie!

10. Wenn es der Mensch dahinbringt, dass er bei keinem Geschöpf mehr Trost erbettelt, dann fängt ihm Gott erst recht zu schmecken an; dann wird er bei allem, was geschieht und geschehen mag, zufrieden bleiben. Dann wird ihn nichts Großes erfreuen und nichts Kleines niederschlagen können. Ganz und voll Zuversicht legt er sich dann in Gottes Hand, der ihm alles in allem sein wird, dem nichts stirbt und nichts zugrunde geht, dem alle Dinge leben und auf jeden Wink unverzüglich dienen.

11. Denk immer an das Ende, und dass die verlorene Zeit nie wieder kommt. Ohne Eifer und Fleiß kannst du keine einzige Tugend erlangen. Sobald das Feuer des Eifers nachzulassen anfängt, hört das rechte Wohlsein auf. Wenn du aber im Eifer zu allem Guten anhältst, so wirst du großen Frieden finden, und alle Arbeit wird dir leicht werden; denn Gottes Gnade und die Liebe zur Tugend machen alle Bürden leicht. Wer Eifer und Fleiß hat, der ist zu allem bereitet.

Den Lastern und Leidenschaften Widerstand leisten, ist ein heißeres Tagewerk, als unter herabrinnenden Schweißtropfen die schwerste Handarbeit treiben. Wer geringe Fehler nicht meidet, der wird nach und nach auch größere begehen. Du wirst immer froh sein am Abend, wenn du den Tag nützlich zugebracht hast. Wache du über dich selbst, erwecke du dich selbst, sprich du dir selbst Mut ein, und, mag es mit deinen Nachbarn so oder so stehen, versäume nur du dich selbst nicht. Endlich: wie viel du dir selbst Gewalt antust, gerade so viel nimmst du im Guten zu. Amen.

Zweites Buch: Ermahnungen zum inneren Leben

1. Kapitel: Vom inneren Leben des Menschen

1. Das Reich Gottes ist in euch, spricht der Herr (Luk. 17, 21). Wende dich zu dem Herrn, und wende dich von ganzem Herzen zu ihm; verlass diese elende Welt, und deine Seele wird Ruhe finden. Lerne das Äußerliche verschmähen; lerne hochschätzen, was dich in dir selbst zurechtsetzen kann, und du wirst das Reich Gottes in dein Herz kommen sehen. Denn das Reich Gottes ist Friede und Freude im heiligen Geiste, und dies Reich ist kein Reich für die Gottlosen.

Gewiss kommt Christus zu dir und lässt dich seine Tröstungen genießen, wenn du ihm im Innern eine würdige Wohnstätte wirst zubereitet haben. All seine Schönheit und Herrlichkeit kommt aus dem Inneren, und dort hat er sein Wohlgefallen. Den innerlichen Menschen sucht Christus gern heim, hält mit ihm freundliche Gespräche, schenkt ihm lieblichen Trost und hohen Frieden und geht so vertraulich mit ihm um, dass sich Himmel und Erde nicht genug darüber verwundern können.

2. Wohlan, treue Seele! bereite dein Herz für diesen Bräutigam, denn er will zu dir kommen und in dir Herberge nehmen, wie er selbst (Joh. 14, 23) sagt: Wer mich lieb hat, der hält mein Wort, und wir werden zu ihm kommen, und Herberge bei ihm nehmen. So mache denn Platz für Christus, und damit er Platz habe, wehre allen übrigen Dingen den Eingang in dein Herz. Hast du ihn selbst, so bist du reich, und hast genug an ihm. Er wird für dich sorgen und in allen Dingen dein treuer Sachwalter sein, dass du nicht erst nötig hast, auf Menschen zu bauen. Denn schnell ändert sich des Menschen Sinn, und der Mensch ist schnell dahin. Christus aber bleibt ewig und bleibt dein treuer Freund bis an dein Ende.

3. Auf einen Menschen, er sei dir noch so lieb oder nützlich, musst du kein großes Vertrauen setzen, denn er ist ein Mensch, gebrechlich und sterblich. Auch sollst du dir's nicht so tief zu Herzen gehen lassen, wenn dir zuweilen ein Mensch widerspricht und zuwider handelt. Die heute für dich stehen, können morgen wider dich auftreten, und umgekehrt. Die Menschen ändern sich ja wie der Wind.

Baue du deine ganze Zuversicht auf Gott. Er sei deine Furcht, er sei deine Liebe. Er wird für dich antworten, er wird alles wohl machen, wie es für dich am besten sein wird. Hier hast du doch keine bleibende Stätte, und wo du immer sein magst, bist du ein Fremdling, ein Pilger und wirst nirgends Ruhe finden, als in der innigsten Vereinigung mit Christus.

4. Was siehst du hier viel umher? Es ist hier kein Land der Ruhe für dich. In himmlischen Dingen sollst du deine Ruhestätte haben und alle irdischen Dinge nur wie im Vorbeigehen ansehen. Denn sie vergehen alle, und du mit ihnen. Sieh zu, dass du nicht am Vergänglichen haftest, sonst wirst du daran hangen bleiben und darin zugrunde gehen. Dein Gedanke sei bei dem Allerhöchsten, und dein Gebet höre nicht auf, bei Christus anzuklopfen.

Kannst du deinen Geist nicht erheben zu himmlischen, hohen Betrachtungen, so ruhe im Leiden Christi und wohne gern in seinen heiligen Wunden. Denn sobald du im lautern Triebe der Andacht zu den kostbaren Wundmalen Jesu deine Zuflucht nimmst, wirst du darin wider alle Leiden, die dich mutlos machen könnten, neue Stärke finden, und mit neuer Kraft die verachtenden Blicke der Menschen nicht mehr so hart empfinden und ihre beißenden Worte leicht ertragen.

5. Christus ward in der Welt von den Menschen auch verachtet und war in seiner größten Not, unter Spott und Hohn, von allen seinen Bekannten und Freunden verlassen. Christus wollte leiden, Christus wollte sich verachten lassen. Und du wagst es, über deine geringen Leiden zu klagen? Christus hatte seine Gegner und Widersacher, und du willst alle Menschen zu Freunden und Wohltätern haben? Wofür sollte wohl deine Geduld gekrönt werden, wenn sie nichts Widriges zu erdulden hätte? Wenn du nichts Unangenehmes leiden willst, wie kannst du dann ein Freund des leidenden Christus werden? Lerne vielmehr mit Christus und für Christus leiden, wenn du mit Christus herrschen willst.

6. Wärest du nur einmal in Jesu Innerlichkeit tief genug eingedrungen, hättest du nur ein Fünklein von seiner brennenden Liebe in deinem Herzen aufgefangen, es würde dir nicht mehr um deinen eignen Vorteil oder Nachteil zu tun sein; du würdest viel mehr Freude haben, dich um des Guten willen lästern zu lassen. Denn die Liebe Jesu lehrt den Menschen sich selbst zu verachten.

Wer Jesus und die Wahrheit liebt, wer in sich wohnt und von allen ungeordneten Neigungen frei geworden ist, der kann sich ungehindert zu seinem Gott erheben, kann sich über sich selbst im Geiste emporschwingen, kann im Genusse Gottes Ruhe finden.

7. Wer so weise ist, dass er alle Dinge für das halten kann, was sie sind, und nicht für das, wofür sie von anderen gehalten und ausgegeben werden, der hat die rechte Weisheit und hat seine Weisheit mehr von Gott als von Menschen gelernt. Wer von innen her zu wandeln weiß und die Dinge von außen unschwer zu nehmen, der fragt nicht nach besonderen Orten und wartet nicht auf besondere Zeiten, um sich in den Empfindungen der Andacht zu üben. Ein innerlicher Mensch sammelt sich geschwind wieder in sich, weil er sich nie ganz an die Dinge außer sich verloren und ausgegossen hat. Ihn stört keine äußere Mühe und Beschäftigung. Wie die Dinge kommen, so weiß er sich in die Dinge zu schicken.

Wer inwendig fest steht und wohl geordnet ist, den zerstreut das törichte und verkehrte Treiben der Menschen nicht. Der Mensch wird von den Dingen nur soweit gehindert und zerstreut, als er die Dinge an sein Herz heranzieht.

8. Wenn es gut um dich stünde und du rein genug wärest, so müßten dir alle Dinge zum Guten dienen und zum Fortschritte im Guten helfen. Nur deshalb findest du überall so viel Widriges und gerätst du so leicht in Verwirrung, weil du dir noch nicht vollkommen gestorben und von allem Irdischen noch nicht ganz los geworden bist. Nichts befleckt und verwickelt das Herz des Menschen so sehr, als seine unlautere Liebe zu Geschöpfen. Wenn du den äußern Tröstungen Abschied geben würdest, so könntest du himmlische Dinge schauen und oftmals jubeln im Innern.

2. Kapitel: Von der demütigen Unterwerfung

1. Lege kein großes Gewicht darauf, ob dieser Mensch für dich oder jener wider dich ist, sondern dies allein lass dein Sorgen und Tun sein, dass es Gott mit dir halte in allem, was du tust. Hab immer ein gutes Gewissen, und Gott wird dich immer wohl beschirmen. Wenn dir Gott helfen will, so mögen alle Menschen ihre Verkehrtheiten wider dich richten, dir wird keiner schaden können.

Wenn du schweigen und leiden kannst, so wirst du die Hilfe des Herrn gewiss kommen sehen. Er weiß es am besten, wann und wie du zu befreien bist, darum überlass dich ganz ihm. Denn helfen und von aller Schande erretten, ist Gottes Sache. Oft trägt es viel bei, uns in der Demut tiefer zu gründen, wenn andere unsere Fehler wissen und sie öffentlich strafen.

2. Sobald sich ein Mensch wegen seiner Gebrechen demütigt, besänftigt er andere ohne Mühe und tut denen, die über ihn zürnen, mit Leichtem genug. Den Demütigen nimmt Gott in seinen Schutz und rettet ihn; den Demütigen liebt und tröstet er; zum Demütigen neigt er sich hernieder; dem Demütigen schenkt er große Gnade und hebt ihn nach den Tagen der Unterdrückung hoch auf zur Ehre; dem Demütigen offenbart er seine Geheimnisse und lädt und zieht ihn freundlich zu sich. Der Demütige hat, auch in den Tagen der Schmach, festen Frieden in sich; denn er fußt auf Gott und nicht auf der Welt. Darum glaube nicht, dass du im Guten zugenommen hast, wenn du dich nicht im Gefühle deines Geringseins unter alle übrigen Menschen setzen kannst.

3. Kapitel: Sei gut und trachte nach Frieden

1. Bewahre du zuerst Frieden und Ordnung in dir selbst, dann kannst du auch Frieden und Ordnung in anderen herstellen. Ein Mensch, der den Frieden in sich hat, nützt mehr als einer, der eine ausgebreitete Gelehrsamkeit besitzt. Ein Mensch, der von heftigen Leidenschaften hin- und hergestoßen wird, deutet und lenkt auch das Gute zum Bösen und glaubt lieber Böses als Gutes. Wer aber den Frieden liebt, der leitet alles zum Besten. Wer mit sich selbst im Frieden lebt, denkt von keinem Arges. Wer aber mit sich selbst in Unfrieden und Krieg lebt, den treibt bald dieser, bald jener arge Wahn hin und her. Er hat keine Ruhe und lässt auch anderen keine. Er sagt oft, was er nicht hätte sagen, und tut nicht, was er zu seinem eignen Vorteile hätte tun sollen. Er sieht nur immer auf das, was andere tun sollten, und versäumt dabei, was er hätte tun sollen. Lass du also deinen Eifer zuerst bei dir selbst anfangen, und dann mag er sich mit allem Recht auch auf deinen Nachbarn ausbreiten.

2. Deine Handlungen kannst du alle schönfärbend entschuldigen und im milden Lichte erscheinen lassen, aber fremde Entschuldigungen willst du nicht gelten lassen. Und doch wäre es gerechter, dich lieber selbst zu beschuldigen und deinen Bruder zu entschuldigen.

Wenn du willst, dass dich andere tragen sollen, so trag du sie zuerst. Sieh doch, wie fern du noch bist von der wahren Liebe und Demut, die über keinen Menschen zornig oder unwillig werden kann, als nur über sich selbst.

Mit guten, sanften Menschen im Frieden leben, das ist nichts Großes; denn das ist uns allen von Natur aus angenehm. Hat es doch jedermann gern, wenn er unangefochten durchkommt, und jeder liebt die, welche es mit ihm halten, mehr als andere. Aber mit harten und verkehrten oder zuchtlosen Menschen, oder mit solchen, die uns widersprechen, friedsam leben können, das ist eine große Gnade, das ist lobenswert, das ist männlich und edel.

3. Es gibt allerdings Menschen, die dauerhaften Frieden mit sich haben und auch mit anderen in Frieden leben. Es gibt aber auch Menschen, die weder in sich Frieden haben, noch andere in Frieden leben lassen. Sie sind anderen lästig, aber sich selbst noch mehr. Endlich gibt es auch Menschen, die sich im Frieden zu erhalten wissen und außer sich den Frieden herzustellen trachten. Doch all unser Frieden, den wir in diesem elenden Leben erkämpfen, ist im Grunde doch mehr ein demütiges Tragen des Unangenehmen als ein Nichtempfinden des Widrigen zu nennen. Wer sich am besten auf das Leiden versteht, der kann am meisten Frieden haben. Er ist ein sieghafter Überwinder seiner selbst, ist Herr über die Welt, ist Christi Freund und des Himmels Erbe.

4. Kapitel: Lauterkeit und Einfalt

1. Zwei Flügel erheben den Menschen über das Irdische: Einfalt und Lauterkeit. Einfalt soll in der Absicht, Lauterkeit in der Neigung sein. Die Einfalt sucht Gott, die Lauterkeit findet ihn. Die Einfalt zielt nach Gott, die Lauterkeit genießt ihn. Das Gute, das du im Äußeren zu tun hast, kann dich nicht um die Freiheit des Geistes bringen, wenn dich im Inneren keine ungeordnete Neigung darum gebracht hat. Suchst du nichts anderes, als nur Gott zu gefallen und deinem Nächsten zu nützen, dann wirst du die rechte Freiheit des Geistes genießen können. Wäre dein Herz ohne Falsch, dann würde jedes Geschöpf ein Spiegel des Lebens und ein Buch heiliger Lehre für dich sein. Es ist kein Geschöpf so klein und unbedeutend, dass es nicht eine Spur von der Güte Gottes an sich trüge.

2. Wärest du im Innern gut und rein, dann hättest du einen hellen ungetrübten Blick und würdest alles recht sehen und leicht verstehen. Ein reines Herz dringt durch Himmel und Hölle. Wie jeder in sich selbst beschaffen ist, so urteilt er von den Dingen außer sich.

Ist irgend eine wahre Freude auf Erden, so ist sie nur in einem reinen Herzen zu finden. Und gibt es Angst und Plage auf Erden, so weiß ein böses Gewissen am besten, was Angst und Plage ist.

Wie ein Eisen im Feuer seinen Rost verliert und ganz glühend wird: so verliert ein Mensch, der sich ganz zu Gott bekehrt, das Erdhafte seiner Natur und wird in einen neuen Menschen umgewandelt.

3. Wenn der Mensch anfängt lau zu werden, so scheut er auch die geringe Mühe und hat es gern, wenn ihm etwas Trost von außen gereicht wird. Aber, wenn er einmal angefangen hat, sich vollkommen zu überwinden und mannhaft auf dem Wege Gottes zu wandeln, dann dünkt ihm alles leicht, was er vorher schwer gefunden hat

5. Kapitel: Sieh auf dich

1. Wir dürfen uns selbst nicht zu viel trauen, denn oft fehlt uns die Gnade und der gerade Blick für die Dinge. Es flimmert ein kleines Licht in uns, und dieses kleine Licht ist bald ausgelöscht, wenn wir es nicht mit besonderer Treue pflegen. Oft nehmen wir auch nicht einmal wahr, dass wir im Innern gar so blind sind. Oft tun wir Böses und machen das Böse, das wir getan haben, durch Entschuldigung noch böser. Oft treibt uns Leidenschaft, und wir glauben, es sei frommer Eifer, was uns bewegt. Geringe Fehler tadeln wir an andern sehr scharf und lassen große Fehler an uns ungestraft. Was wir von andern auszustehen haben, das empfinden wir schnell und rechnen es schwer an. Aber, was andere von uns auszustehen haben, das fassen wir nicht zu Herzen. Wer das Seine immer recht und gerecht abwägen würde, dem würde alle Lust vergehen, das Fremde hart zu richten.

2. Wer in sich zu leben weiß, der setzt die Sorge, in sich zu leben, allen anderen Sorgen vor. Und wer auf sich selbst ein wachsames Auge hält, dem wird es nicht schwer, bei fremden Fehlern stumm zu sein. Du wirst nie in dir und für Gott leben lernen, nie ein innerlicher, frommer Mensch werden, wenn du nicht zu allem, was dich nichts angeht, schweigst und nicht auf dich selbst siehst. Wenn aber dein ganzes Gemüt am liebsten nur in sich hinein und zu Gott aufschaut, dann wird das, was du von draußen wahrnimmst, einen schwachen Eindruck auf dich machen. Sage mir, wo bist du denn, wenn du nicht bei dir selbst daheim bist? Und wenn du alle Welt durchlaufen und dein Heil darüber versäumt hast, was nützte dir all dies Laufen und Rennen? Wenn du Frieden und wahres Einswerden haben willst, so musst du alles übrige gehen lassen und dich allein im Auge behalten.

3. Du wirst viel, viel gewinnen, wenn du allen zeitlichen Sorgen Abschied geben und dich in dieser Abgeschiedenheit von allen zeitlichen Sorgen bewahren kannst. Wenn du aber etwas Zeitliches deiner Sorge würdig achtest, so wirst du sehr nachlassen. Nichts soll in deinen Augen groß, nichts erhaben, nichts lieblich, nichts angenehm sein, außer Gott allein, oder was von Gott kommt. Halt allen Trost, den dir ein Geschöpf bieten kann, für eitel und vergänglich. Eine Seele, die ihren Gott lieb hat, hält alle Dinge für nichts. Gott allein, der Ewige, der Unermessliche, der Allerfüllende, Gott allein ist der wahre Seelen-Trost, er allein die wahre Freude des Herzens.

6. Kapitel: Vom guten Gewissen

1. Des guten Menschen Glorie ist das Zeugnis seines guten Gewissens (2. Kor. 1, 12). Hab ein gutes Gewissen, und du wirst immer Freude haben. Ein gutes Gewissen kann viele Lasten tragen und kann auch mitten in Trübsalen heiter sein. Aber ein böses Gewissen ist immer voll Furcht und Unruhe. Sanft wirst du ruhen, wenn dich dein Herz nicht verdammt. Suche Freude nur im Rechttun. Die Bösen haben keine wahre Freude und genießen keinen inneren Frieden. Denn: es ist kein Frieden in dem Herzen der Gottlosen, spricht der Herr (Jes. 57, 21). Und wenn sie es noch so oft sagen: Wir haben Frieden; über uns kommt kein Übel; wer sollte es wagen dürfen, uns wehe zu tun? so glaube ihnen nicht. Denn schnell bricht der Zorn Gottes herein, und zu nichts wird all ihr Tun, und verloren auf immer sind all ihre Pläne.

2. Wer die Liebe hat, dem wird es nicht schwer, sich sogar in seiner Trübsal zu rühmen. Das aber heißt eigentlich seinen Ruhm im Kreuze Christi suchen. Flüchtig und unstet ist alle Ehre, die die Menschen von einander nehmen und einander geben. Die Ehre der Welt geht immer mit Angst und Traurigkeit Hand in Hand. Die Guten haben ihre Ehre in ihrem Gewissen, nicht im Munde der Menschen. Der Gerechten Freude ist von Gott und in Gott; sie haben ihre Herzenslust an der Wahrheit. Wer wahre, unvergängliche Ehre sucht, der bekümmert sich nicht viel um die vergängliche. Und wer vergängliche Ehre sucht oder sie noch nicht von ganzem Herzen verschmäht, der beweist eben dadurch, dass ihm die unvergängliche Ehre noch nicht über alles lieb und teuer geworden ist. Der hat große Seelenruhe, der sich weder die Lobsprüche noch die Schmähworte der Menschen nahe ans Herz gehen lässt.

3. Wer ein reines Gewissen hat, der ist mit wenigem zufrieden und leicht zu begnügen. Du bist nicht heiliger, wenn man dich lobt, und nicht schlechter, wenn man dich tadelt. Was du bist, das bist du, und alle Worte der Menschen können dich nicht größer reden als du im Urteil Gottes wirklich bist. Wenn du darauf siehst, was du im Innern wirklich bist, so wird es dich nicht sonderlich kränken, was die Menschen von dir sagen. Der Mensch sieht auf das Gesicht; Gott hat einen Blick in das Herz. Der Mensch legt auf die Waage, was die Menschen tun; Gott aber wägt die Absicht, welche die Menschen treibt. Immer rechttun und doch geringe in seinem eignen Auge sein, das ist der rechte Probstein einer demütigen Seele. Wenn du dir deinen Trost nicht mehr von den Geschöpfen holen magst, so ist das ein sicheres Zeichen großer Lauterkeit und innerer Zuversicht.

4. Wer kein Zeugnis von draußen für sich sucht, der gibt zu verstehen, dass er sich ganz in die Hand Gottes gegeben hat. Denn nicht der ist ein bewährter Mann, der von sich selbst gut spricht – der ist wahrhaftig gut, für den sein Gott gut spricht, wie der heilige Paulus (2. Kor. 10, 18) lehrt. Im Innern mit Gott wandeln und von keiner Neigung draußen gestört werden, das ist das Leben des innerlichen Menschen.

7. Kapitel: Was es heißt: Jesus über alles lieb haben

1. Wohl dem, der's versteht, was es heißt, Jesus lieben und um Jesu willen sich selbst verachten. Man muss manches Liebe um des Liebsten willen verlassen; denn Jesus will über alles geliebt sein. Um die Liebe zu den Geschöpfen ist es ein trügliches, unstetes Ding; aber die rechte Liebe zu Jesus ist treu und unwandelbar. Wer sich an ein Geschöpf hängt, fällt mit dem hinfälligen; wer sich an Jesus hält, steht ewig fest. Den musst du lieben, den als deinen Freund behalten, der dich auch dann nicht verlässt, wenn dich alles verlässt, und der es nicht zulässt, dass du am Ende verdirbst. Einmal musst du dich doch von allen Geschöpfen scheiden, du magst wollen oder nicht.

2. Halt dich fest an Jesus im Leben und im Sterben, und überlass dich ganz der treuen Liebe dessen, der allein noch helfen kann, wo alle andere Hilfe Stückwerk ist. Es ist die Natur deines Geliebten, dass er sein Reich mit keinem anderen teilen will; er will dein Herz ganz allein für sich haben; er will darin wie ein König auf seinem Throne herrschen. Könntest du dein Herz ganz leer machen von allen Geschöpfen, so müsste Jesus gerne bei dir wohnen. Im Grunde wirst du finden, dass fast alles verloren ist, was du nicht auf Jesus sondern auf Menschen setztest. Vertraue nicht und stütze dich nicht auf ein schwankes Rohr, das der Wind hin und her bewegt. Denn alles Fleisch ist Gras, und alle Herrlichkeit des Fleisches fällt wie eine Grasblume (Jes. 40, 6).

3. Du bist leicht betrogen, wenn du nur auf das siehst, was an den Menschen weiter nichts als Glanz und Anstrich ist. Sobald du bei anderen deinen Trost und Gewinn suchst, wirst du meistenteils nur Schaden und Herzeleid dabei gewinnen. Wenn du Jesus überall suchst, so wirst du ihn auch überall finden. Wenn du aber dich selbst suchst, so wirst du dich selbst auch überall finden, aber zu deinem eignen Verderben. Denn der Mensch, der Jesus nicht sucht, schadet sich selber ungleich mehr, als alle Welt und alle seine Feinde.

8. Kapitel: Von dem vertrauten Umgange mit unserem Herrn Jesus Christus

1. Ist Jesus bei dir daheim, so ist alles gut und alles leicht. Ist aber Jesus nicht bei dir, so ist alles bitter und hart. Wenn dir Jesus drinnen nicht spricht, so ist alle andere Tröstung kraftlos. Aber ein einziges Wort aus seinem Munde bringt großen Trost in dein Herz. Ist nicht Maria sogleich von der Stelle, wo sie weinte, aufgestanden, als ihr Martha sagte: Der Meister ist da und ruft dich? (Joh. 11, 28). Selige Stunde, wenn Jesus ruft von Tränen weg zur Freude des Geistes!

O Mensch! wie ist doch in dir alles so dürr und kalt ohne Jesus! Wie bist du doch so eitel und töricht, wenn du etwas außer ihm suchst! Ach! ihn nicht haben, das ist ein größerer Verlust, als die ganze Welt verloren haben.

2. Was kann dir denn die ganze Welt geben, ohne Jesus? Ohne Jesus sein, das ist eine ganze Hölle von Angst. Bei Jesus sein, das ist ein Paradies voll lieblicher Früchte. Ist Jesus bei dir, so kann dir kein Feind schaden. Wer ihn findet, der hat einen köstlichen Schatz gefunden, ein Gut, besser als jedes Gut. Wer aber Jesus verliert, der hat zu viel verloren, und mehr als die ganze Welt. Wer ohne Jesus lebt, der ist von allen Armen der Ärmste. Wer mit Jesus wohl daran ist, der ist von allen Reichen der Reichste.

3. Es ist eine große Kunst, mit Jesus umgehen zu können. Es ist eine große Weisheit, Jesus bei sich zu behalten wissen. Sei demütig und friedsam, und Jesus ist bei dir. Sei fromm und stille, und Jesus bleibt bei dir. Du kannst Jesus schnell von dir vertreiben und seine Gnade verlieren: du darfst dich nur nach auswärts neigen. Und, wenn du ihn vertrieben, ihn verloren hast, zu wem wirst du deine Zuflucht nehmen, wo wirst du wieder einen Freund finden? Ohne Freund kann dir nicht wohl sein, und wenn Jesus nicht dein erster Freund ist, so wirst du immer nur überaus traurig und wie verlassen sein. Du handelst also töricht, wenn du auf einen anderen baust oder in einem anderen Freude suchst. Man soll lieber die ganze Welt zum Feinde haben, als Jesus kränken. Von allen deinen lieben Freunden soll dir also Jesus dein liebster Freund sein.

4. Du sollst alle Menschen um Jesu willen lieb haben, Jesus aber um seiner selbst willen. Christus ist vor allen anderen Freunden allein gut und treu gefunden worden; er ist es also vor allen anderen wert, geliebt zu sein. Um seinetwillen und in ihm sollen dir alle, Freunde wie Feinde, lieb sein. Für alle sollst du zu ihm bitten, dass alle ihn erkennen und lieb haben.

Lass dich nie danach gelüsten, dass du allein geliebt und gelobt wirst. Denn das gehört allein Gott zu, der seinesgleichen nicht hat. Auch sollst du nie die erste Stelle in eines Menschen Herzen einnehmen wollen, noch einen anderen Menschen diese Stelle in deinem Herzen einnehmen lassen. Jesus nehme diese Stelle ein in dir und in jedem guten Menschen!

5. Sei rein und frei von innen her, und lass dich von keinem Geschöpf gefangen nehmen. Du musst bloß von allem sein und dein Herz rein vor Gott bringen, wenn du offen sein und inne werden willst, wie freundlich der Herr ist. Und dazu kommst du nicht, wenn dich seine Gnade nicht zuvor ruft und einwärts zieht, dass du von allen Dingen Abschied nehmen und geschieden von allen dich einzig mit dem Einzigen vereinigen kannst. Denn kommt die Gnade Gottes in den Menschen, so vermag er alles; scheidet sie aber von ihm, so ist er wieder der arme, schwache Mensch wie vorher und taugt fast zu nichts, als seinen Rücken den Geißelhieben hinzuhalten. Das muss dich aber nicht mutlos machen, noch viel weniger zur Verzweiflung bringen. Lerne vielmehr mit gleichem Mute festzustehen, bereit zu allem, was Gottes Wille ordnet, und alles, was über dich kommt, zur Ehre Jesu Christi zu tragen. Denn sieh! nach dem Winter kommt wieder der schöne Frühling, nach der Nacht der liebliche Morgen, und nach dem Sturmregen der heitere Himmel.

9. Kapitel: Was es sagen will: ganz trostlos sein

1. Den menschlichen Trost zu verschmähen, wenn man den göttlichen hat, das ist nicht schwer. Aber das ist groß, das ist recht groß, des menschlichen und des göttlichen Trostes entbehren zu können, und um der göttlichen Ehre willen gern die Verbannung des Herzens auszuhalten und sich selbst in keinem Dinge zu suchen und nirgends auf eigene Verdienste zu blicken. Was ist es denn Großes, bei dem sanften Wehen der kommenden Gnade freudig und andächtig zu sein? Diese Stunde möchten alle gern haben. Das ist eine liebliche Fahrt durch dieses Leben, wenn einen die Gnade Gottes sanft dahinträgt! Was Wunder, dass der keine Bürde fühlt, den der Allmächtige auf seinen Händen trägt, den der höchste Führer überall hindurchführt?

2. Wir behalten uns gern etwas zurück, woran unser Herz noch Trost finden kann, und seines Ichs beraubt sich der Mensch nur ungern. Laurentius, der heilige Blutzeuge, hat die Welt überwunden, weil er, wie sein Priester, alles, was die Welt Reizendes hatte, verachtete. So konnte er es, aus Liebe zu Christus, mit gelassenem Mute ertragen, dass sein Freund, der Papst Sixtus, den er innig lieb hatte, von ihm getrennt wurde. Es hat also in ihm die Liebe zu Gott über alle Liebe zum Menschen gesiegt und das Wohlgefallen Gottes mehr bei ihm gegolten, als aller Menschentrost. So musst auch du einen Freund, der dir noch so lieb und noch so unentbehrlich sein mag, verlassen können, um Gott allein in Liebe anzuhangen. Auch soll es dir keine schwere Bürde sein, wenn ein Freund dich verlässt; denn du weißt ja, dass die Stunde nicht ausbleibt, wo wir alle einander verlassen müssen.

3. Es muss der Mensch lang und viel mit sich selbst im Kampfe liegen, bis er es lernt, sich ganz zu überwinden und sich mit all seiner Liebe an Gott allein zu ergeben. Wenn der Mensch noch überall nur auf dem Grund und Boden der Eigenliebe steht, so neigt er sich bald wieder abwärts und sucht Menschentrost. Wer aber einmal Christus von ganzem Herzen lieb hat und mit Ernst nach der Tugend ringt, dem ist es nicht mehr um Trost und süße Empfindungen zu tun. Er will viel lieber schwere Prüfungen aushalten und scheut um Christi willen keine Mühe mehr, auch die schwerste nicht.

4. Wenn dir also ein himmlischer Trost von Gott in die Seele gegeben wird, so nimm ihn dankbar an, und sieh in ihm nicht den Lohn deiner Verdienste, sondern die lautere, unverdiente Gabe Gottes. Achte dich deswegen nicht für besser, freue dich auch nicht zu sehr darüber, und lass keine eitle Anmaßung in dein Herz kommen. Vielmehr soll dich die Gabe Gottes demütiger, behutsamer und in allen deinen Handlungen nur noch vorsichtiger machen. Denn die Stunde des Trostes ist bald vorüber, und es kommt hintennach wieder eine Stunde der Versuchung. Und wenn dann die Tröstung vorüber ist, so musst du den Mut nicht sinken lassen, sondern in Demut und Geduld warten können, bis das Licht des Himmels dein Auge wieder beglückt; denn Gott ist mächtig genug, dir wieder eine Tröstung zu senden, und zwar in größerem Maße. Dieser Wechsel von Tröstungen und Versuchungen ist denen nichts Neues und nichts Fremdes, die in den Führungen Gottes wohl bewandert sind. Denn die großen Heiligen und die alten Propheten haben eben diesen Wechsel auch an sich erfahren.

5. Einer von ihnen (Ps. 30, 7) sprach im Übermaß der Gnade: Ich habe es gesagt in der Fülle der Freude: in alle Ewigkeit wank' ich nicht. Was er aber in sich erfahren, als er die Gnade verloren hatte, beschreibt er gleich darauf: Du wandtest dein Angesicht von mir, da ward ich verwirrt. Doch verlor er den Mut nicht, sondern schrie nur desto dringender zum Herrn: Zu Dir, mein Herr, will ich rufen, zu meinem Gott will ich flehen. Darauf ward ihm die Frucht seines Gebetes zuteil, und er bezeugt es selbst, dass er Erhörung gefunden hat: Der Herr hat mich erhört, hat sich meiner erbarmt; der Herr hat mir Hilfe gesendet. Aber worin bestand die Hilfe? Du hast, spricht er (Ps. 30, 12), meine Klagen in Jubel verwandelt und mich mit Freude umgürtet. Wenn es der Herr mit großen Heiligen so gehalten hat, so dürfen wir, Schwache und Arme, den Mut nicht sinken lassen, wenn wir uns bald im Zustande des Eifers, bald im Zustande der Kälte befinden; denn der Geist kommt und geht, nach seinem heiligen Wohlgefallen. Deshalb heißt es bei Hiob (7, 18): Du suchst ihn am Morgen heim und prüfst ihn, ehe er's denkt.

6. Worauf kann ich also meine Hoffnung, oder worauf muss ich meine Zuversicht anders bauen, als allein auf die große Barmherzigkeit Gottes, und allein auf die Gnade, die von oben kommt? Denn sieh! selbst gute Menschen, Brüder voll Andacht und Liebe, oder treue Freunde, oder heilige Bücher, oder schöne Abhandlungen, oder liebliche, geistvolle Gesänge, so viel sie sonst helfen mögen, helfen mir doch im Grunde wenig und sagen mir wenig zu, wenn ich ohne himmlische Gnade in meiner Armut daliege! In dieser Not gibt es kein besseres Rettungsmittel, als geduldig zu sein und in Ergebung in den Willen Gottes seinen eigenen zu verleugnen.

7. Ich habe noch keinen Menschen gefunden, der so gottselig und so andächtig gewesen wäre, dass er nie in sich eine Abnahme des Eifers gespürt oder ein Zurücktreten der Gnade erfahren hätte. Kein Heiliger war so hoch entrückt, keiner so helle erleuchtet, dass er nicht vor oder nach seiner Entrückung und Erleuchtung in eine Versuchung gefallen wäre. Denn wer noch nicht um Gottes willen durch irgendein Probefeuer durchgegangen ist, der ist der hohen Beschauung Gottes nicht wert.

Immer kann man die vorangehende Prüfung als einen Vorboten der nachfolgenden Tröstung ansehen. Denn nur denen, die in Versuchung treu bestanden haben, wird die himmlische Tröstung verheißen. Wer überwindet, sagt die Schrift, dem will ich von dem Baume des Lebens zu essen geben.

8. Auch wird uns die göttliche Tröstung in diesem Leben nur gegeben, damit wir dadurch neue Stärke zum Leiden bekommen. Es folgt auch der Tröstung wieder eine Versuchung, damit sich der Mensch des Guten wegen nicht so leicht erhebe. Der Teufel schläft nicht und das Fleisch ist noch nicht tot; deswegen musst du dich unablässig auf den Kampf rüsten, denn es gibt Feinde genug, zur Linken und zur Rechten, die nicht müde werden.

10. Kapitel: Danke Gott für alle seine Gaben

1. Warum willst du Ruhe haben, da du doch zur Arbeit geboren bist? Mach du dich darauf gefasst, dass du mehr Leiden ausstehen als Tröstungen empfangen, öfter das Kreuz tragen als Freude genießen wirst. Denn wo wäre unter den Irdischgesinnten der Mensch, der nicht gerne Tröstungen und geistliche Freuden genießen wollte, wenn er sie immer erhalten könnte?

Die geistlichen Tröstungen übertreffen alle Freuden der Welt und alle Sinnenlust. Denn alle Freuden der Welt sind entweder unedel oder eitel; die geistlichen Freuden allein lieblich und ehrbar, sie sind von Gott in reine Seelen gesenkt und aus Tugenden geboren. Aber diese himmlischen Tröstungen stehen uns nicht immer so zu Gebote, dass wir sie genießen könnten, so oft wir wollen. Denn die Zeit der Versuchung bleibt nie lange aus.

2. Die vornehmsten Feinde der göttlichen Freuden sind und bleiben: falsche Freiheit des Gemütes und großes Vertrauen auf sich selbst. Gott tut wohl, wenn er die Gnade der himmlischen Tröstungen sendet, aber der Mensch tut nicht wohl, wenn er Gott nicht für alle Gaben dankt und sie durch Dank ihm zuschreibt. Und eben deshalb können die Gnaden Gottes nicht ungehindert in uns fließen, weil wir gegen den, der die Gnaden sendet, undankbar sind und nicht alles, was uns gegeben wird, in die Quelle, aus der es geflossen ist, zurückfließen lassen. Denn wer für die Gnade würdig zu danken weiß, der empfängt immer eine neue Gnade, und es wird dem Stolzen abgenommen, was dem Demütigen beigelegt wird.

3. Ich will durchaus keine himmlische Tröstung haben, die mir die Zerknirschung aus dem Herzen nimmt. Ich möchte selbst die Gabe der Beschauung nicht haben, wenn sie zur Überheblichkeit führt.

Es ist nicht alles, was hoch ist, auch heilig; nicht alles, was lieblich eingeht, auch gut; nicht alles, wonach sich die Menschen sehnen, auch rein; nicht alles, was den Menschen gefällt, gefällt auch Gott. Gern empfange ich eine Gnade, die mich demütiger, wachsamer, vorsichtiger macht und mehr bereit, mich selbst zu verleugnen.

Wer durch die Gnade, die er empfangen hat, verständig, und durch die Gnade, die er unter Schmerzen wieder verloren hat, weise geworden ist, der wird sich so leicht nicht etwas Gutes zuschreiben, sondern lieber bekennen, dass er arm und bloß ist. Gib Gott, was Gottes ist, und dir schreib zu, was dein ist, das heißt, danke Gott für die Gnade, die du empfangen hast, und lege dir allein Schuld bei und lerne, für deine Schuld die Pein der Buße fühlen.

4. Stell dich immer an die unterste Stelle, und es wird dir die oberste angewiesen werden. Denn das Oberste hat ohne das Unterste keinen festen Boden. Sind doch die Heiligen, die in den Augen Gottes die größten sind, in ihren eigenen Augen die geringsten, und je höher sie Gott zu sich erhebt, desto tiefer sinken sie vor ihm in ihr Nichts hinab. Voll himmlischer Wahrheit und Herrlichkeit, haben sie in sich kein Verlangen nach eitler Ehre. Tiefgegründet und wohlbefestigt in ihrem Gott, können sie gar nicht mehr überheblich sein. Weil sie alles Gute, das sie empfangen haben, Gott allein zuschreiben, suchen sie eben darum die Ehre nicht, welche Menschen von Menschen nehmen. Sie wollen keine Ehre, als die von Gott allein kommt, wollen nichts anderes, als dass Gott in ihnen und in allen Heiligen über alles andere gelobt werde. Dies ist das höchste Ziel, nach dem sie ohne Unterlass streben.

5. Sei also dankbar für das Geringste, das dich würdig macht, Größeres zu empfangen. Lass dir die geringste Gabe so lieb sein, als wäre sie die höchste, und was andere verachten, das sei dir besonders wert. Wenn du auf die Würde dessen siehst, der dir die Gabe darreicht, so ist keine Gabe gering, kein Geschenk unbedeutend. Es ist nichts gering, was dir der Allerhöchste schenkt. Auch wenn dir Strafen und Schläge zugeteilt werden, auch die musst du als ein wertvolles Geschenk annehmen. Denn alles, was er über uns kommen lässt, wird in seiner Hand uns zum Segen.

Wer die Gnade Gottes am sichersten bewahren will, der sei dankbar, wenn sie ihn besucht; geduldig, wenn sie sich zurückzieht; eifrig im Gebet, dass sie wieder komme; demütig und vorsichtig, dass sie nicht wieder von ihm weiche

11. Kapitel: Viel Christen - und wenig Freunde Christi und seines Kreuzes

1. Jesus hat jetzt viele Jünger, die im himmlischen Reiche gern mit ihm herrschen möchten, aber wenige, die sein Kreuz auf Erden tragen wollen. Viele hat er, die Trost, wenige, die Trübsal verlangen. Viele findet er, die mit ihm essen und trinken möchten, aber wenige, die mit ihm fasten wollen. Alle möchten mit ihm Freude haben, aber wenige wollen für ihn leiden. Viele folgen Jesus nach bis zum Brotbrechen am Abendmahle, aber wenige bis zum Trinken aus dem Leidenskelche. Viele ehren seine Wundertaten, aber wenige teilen mit ihm die Schmach des Kreuzes. Viele lieben Jesus, solange sie nichts zu leiden haben. Viele loben und preisen ihn, solange sie Tröstungen von ihm empfangen. Aber, wenn Jesus sich verbirgt und sie auch nur eine kurze Weile allein lässt, da klagen sie gleich oder verlieren gar den Mut.

2. Die aber Jesus seinet- und nicht ihres Trostes wegen lieb haben, die loben ihn in den Tagen der heißesten Angst, wie in den Stunden der höchsten Tröstung. Und wenn er ihnen auch nie Trost geben wollte, so würden sie ihn doch immer loben, ihm allzeit danken.

3. Oh, die reine Liebe zu Jesus, die kein Eigennutz und keine Eigenliebe trübt, wie viel vermag sie! Wie kann man die, die nur immer nach Tröstungen haschen, anders nennen als Lohnknechte? Wenn sie immer auf ihren Nutzen, auf ihren Gewinn sinnen, beweisen sie denn nicht, dass sie sich selbst mehr als Jesus lieben? Wo findest du einen Menschen, der seinem Gott umsonst dienen will?

4. Ein Mensch, der so ganz nach dem Geiste lebt, dass er nackt und bloß von allem wäre, ist der seltenste Fund auf Erden. Das heißt: recht arm im Geiste sein und frei von aller Anhänglichkeit an irgend ein Geschöpf. Wo findest du einen solchen? Er ist wie eine kostbare Perle, die nur von den fernsten Ländern mit dem größten Aufwande herbeigeschafft wird.

Wenn der Mensch all seine Habe daran gibt, so ist es noch so viel als nichts. Wenn er die strengste Buße tut, so ist es noch sehr wenig. Wenn er alle Wissenschaften erfasst hätte, so wäre er noch fern. Und wenn er große Tugend und glutvolle Andacht hätte, so fehlte ihm noch vieles, nein, nicht vieles, nur Eines fehlte ihm, aber gerade das Eine Notwendige. Was ist denn aber das Eine Notwendige? Dieses ist's: Nachdem du alles andere schon verlassen hast, musst du dich selbst ganz verlassen, ganz von dir selbst Weggehen und alle Eigenliebe aufgeben. Und wenn du alles getan hast, was du nach deiner Erkenntnis tun solltest, so musst du doch so gesinnt sein, als hättest du nichts getan.

5. Nichts muss der Mensch groß achten, wenn es gleich groß geachtet werden könnte, sondern sich in Wahrheit für einen unnützen Knecht halten, wie uns die Wahrheit (Luk. 17, 10) lehrt: Wenn ihr alles getan habt, was euch geboten ist, so sagt weiter nichts, als: wir sind unnütze Knechte. Dann kann der Mensch recht arm und bloß im Geiste sein und mit dem Propheten (Ps. 25, 16) sprechen: Ich bin arm und allein. Desungeachtet ist niemand reicher, niemand mächtiger, niemand freier als der Mann, der sich und alle Dinge verlassen, sich an die unterste Stelle hinsetzen kann.

12. Kapitel: Das heilige Kreuz: der königliche Weg zum Himmel

1. Es ist für viele Ohren ein hartes Wort (Matth. 16, 24): Verleugne dich selbst, nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach. Aber noch härter in ihren Ohren wird jenes letzte Wort (Matth. 25, 41) sein: Gehet hin, ihr Verworfenen, in das ewige Feuer. Die jetzt das Wort vom Kreuze gern hören und willig befolgen, die werden einst von dem Worte der ewigen Verdammung nichts zu fürchten haben. Dies Zeichen des Kreuzes wird am Himmel glänzen, wenn der Herr wiederkommen wird, die Menschen zu richten. Alsdann werden alle Freunde des Kreuzes, die Christus dem Gekreuzigten in ihrem Leben gleich geworden sind, mit großer Zuversicht zu Christus ihrem Richter treten.

2. Warum fürchtest du dich denn, das Kreuz auf deine Schulter zu nehmen, da doch der Weg vom Kreuze zum Himmelreich geht? Im Kreuze ist Heil, im Kreuze ist Leben, im Kreuze ist Schutz vor den Feinden, im Kreuze ist Eingießung himmlischer Seligkeit, im Kreuze ist Stärke des Gemütes, im Kreuze ist Geistesfreude, im Kreuze ist höchste Tugend, im Kreuze ist vollendete Heiligung.

Es ist kein Heil der Seele, keine Hoffnung auf ewiges Leben, außer im Kreuze. Nimm also dein Kreuz auf dich und folge Jesus nach, und du bist auf dem geradesten Wege zum ewigen Leben. Sieh! er ging dir ja voraus und trug uns das Kreuz voran und starb sogar für dich am Kreuze, damit auch du dein Kreuz tragen lernen und den Mut empfangen solltest, am Kreuze zu sterben. Denn, wenn du nun mit ihm stirbst, so wirst du auch mit ihm leben, und wenn du das Leiden mit ihm teilst, so wird er auch seine Herrlichkeit mit dir teilen.

3. Am Kreuze ist alles gelegen, aufs Sterben kommt alles an. Es führt kein anderer Weg zum Leben, zum wahren, inneren Frieden, als der Weg des heiligen Kreuzes, des täglichen Sterbens. Geh hin, wohin du willst, suche, was du willst: du wirst über dir keinen höheren und unter dir keinen sichereren Weg finden außer dem Wege des heiligen Kreuzes.

Ordne und füge alles nach deinem Willen und nach deinem Maß, und du wirst es nicht anders finden, als dass es überall etwas für dich zu leiden gibt. Gelitten muss sein, mit Willen oder wider Willen. Und so wirst du überall ein Kreuz finden. Denn entweder hast du einen Schmerz am Leibe oder eine Plage im Geiste auszustehen.

4. Bald kannst du deinen Gott nirgends finden, und es ist, als wenn er dich verlassen hätte; bald gibt dir dein Nächster etwas zu schaffen, und was mehr ist, du bist oft dir selbst zur Last. Es kommen auch Fälle, die dich nirgends Arznei oder Trost, nirgends Rettung oder Linderung werden finden lassen; du wirst leiden müssen, und so lange leiden, wie es der Herr will.

Gott will, dass du auch ohne Tröstung leiden und dich ihm ganz ohne Ausnahme unterwerfen lernst und aus dem Leidensstrome demütiger hervorgehst, als du hineingingst. Niemand kann das Leiden Jesu so herzlich und innig nachempfinden, als wer einmal in der Leidensschule etwas ähnliches an sich erfahren hat. So ist denn überall für dich ein Kreuz zugerüstet und wartet auf dich überall. Du kannst auch dem Kreuze nirgends entlaufen, wo du immer hinlaufen magst. Denn, wo du immer hingehst, so gehst du selbst mit dir, nimmst dich selbst mit, und so wirst du dich auch überall wieder finden.

Wende dich über dich oder unter dich, wende dich in dich hinein oder außer dich hinaus: in allen Wendungen wirst du ein Kreuz finden, und du musst überall, wo du hingehst, Geduld mit dir nehmen, Geduld festhalten lernen, wenn du innern Frieden haben und die ewige Krone verdienen willst.

5. Wenn du dein Kreuz willig tragen lernst, so wird dich das Kreuz auch wieder tragen, und es wird dich zum erwünschten Ziele hinführen, wo nämlich das Leiden auch sein Ziel und Ende haben wird. Hier aber findet das Kreuz sein Ende nicht. Wenn du dein Kreuz unwillig trägst, so machst du es dir zur Last, beschwerst dich noch mehr, und du musst doch die ganze Last tragen. Wenn du ein Kreuz gewaltsam abschüttelst, so wirst du dir ohne Zweifel ein anderes wieder auf den Hals laden, und dies andere wird vielleicht schwerer sein als das vorige.

6. Glaubst du, du werdest allein ohne Kreuz durchkommen können, da doch kein einziger Sterblicher durchkommen konnte? Wie heißt denn der Heilige, der ohne Kreuz und Trübsal in der Welt war? Selbst unser Herr, Jesus Christus, war nicht eine Stunde ohne Leiden, solange er auf Erden lebte. Denn Christus musste leiden und von den Toten auferstehen und so in seine Herrlichkeit eingehen. Und wie willst du dir einen andern Weg suchen, als diesen königlichen Weg, den Weg des heiligen Kreuzes?

7. Das ganze Leben Christi war ein lauteres Kreuz- und Marterleben: und du willst nichts als Ruhe und Freude haben? Irrgegangen, weit irrgegangen bist du, wenn du etwas anderes suchst als Leiden, weil dieses ganze sterbliche Leben voll Elend und überall mit Kreuz und Plagen umzeichnet ist. Und je weiter einer im Leben des Geistes vorwärts geschritten ist, desto schwerere Kreuze werden ihm begegnen. Denn je lieber ihm sein himmlisches Vaterland ist, desto mehr Pein empfindet er hier in der Verbannung.

8. Doch wird es ihm bei diesen seinen vielerlei Plagen nicht lange an Tröstungen, die sein Leiden mildern, fehlen; denn es wird ihm aus dem Kreuze, das er mit Geduld trägt, die schönste Frucht Zuwachsen. Indem er sich seinem Kreuze freiwillig unterwirft, verwandelt sich die Bitterkeit des Kreuzes in Zuversicht auf göttliche Tröstung. Und je mehr das Fleisch durch den Druck des Leidens geschwächt wird, desto mehr wird der Geist durch die innerliche Gnade gestärkt. Und manchmal fühlt der Geist bei seiner Trübsal und Plage ein solches Übermaß von Stärke, dass er aus Liebe, sich dem Kreuze Christi anzugleichen, nicht ohne Trübsal und Schmerz leben möchte; denn er glaubt, dass er seinem Gott desto angenehmer sein wird, je mehr und je schwerere Leiden er für die Sache Gottes wird ausstehen können. Übrigens ist dieser große, hohe Mut nicht das Werk des Menschen, sondern eigentlich das Werk der Gnade Christi. Sie vermag in dem sterblichen Fleische so viel, sie bringt zustande, dass der Mensch das, was er von Natur scheut und flieht, im glühenden Eifer mutig angreift und liebgewinnt.

9. Das ist nicht die Sache des Menschen, dass er sein Kreuz trägt und liebt, den Leib züchtigt und als einen Knecht unter die Herrschaft des Geistes bringt, dass er die Ehre verschmäht und die Schmach willig erträgt, sich selbst verachtet und es gern sieht, dass ihn andere verachten, dass er alles Widrige mit Aufopferung seines Vorteils erduldet und nichts von den glänzenden Freuden der Erde verlangt. Wenn du auf deine eigne Kraft hinsiehst, so wirst du so große Dinge nicht aus dir vermögen. Aber wenn du auf den Herrn vertraust, so wird dir Stärke vom Himmel gegeben und Fleisch und Welt unter deine Herrschaft gebracht werden. Auch dein Feind, der Teufel, wird nichts Furchtbares für dich haben, wenn du mit dem Harnisch des Glaubens bewaffnet und mit dem Kreuze Jesu gezeichnet bist.

10. Halt dich also gefasst, als ein guter, treuer Knecht Christi, das Kreuz deines Herrn ihm mutvoll nachzutragen, ihm, der sich aus Liebe zu dir ans Kreuz schlagen ließ und daran starb. Bereite dich in diesem Leben viel Widriges und mancherlei Drangsale auszustehen. Denn wo immer du bist, es wird nicht anders mit dir gehen, und, wo immer du dich verbirgst, anders wirst du es nirgends finden. Und so muss es auch sein, du kannst bei dem Drängen der Gottlosen und bei den schmerzenden Eindrücken von außen dem Leiden nicht anders als durch Leiden entkommen. So trink denn mit herzlichem Verlangen aus dem Leidensbecher des Herrn, wenn du sein Freund sein und an seiner Herrlichkeit teilnehmen willst. Die Tröstungen aber stelle Gott anheim. Er mache es mit den Tröstungen wie mit den Leiden: wie es ihm gefällt. Du aber musst dich immer zum Leiden anschicken, und, was Drangsal ist, für das größte Labsal halten lernen. Denn die Drangsale dieser Zeit sind nicht würdig, mit der zukünftigen Herrlichkeit verglichen zu werden. Sie würde den Wert deiner Geduld auch dann noch unvergleichbar übersteigen, wenn du allein alle Drangsale ausstehen könntest.

11. Wenn du es einmal so weit gebracht hast, dass dir die Bitterkeit des Leidens um Christi willen süß und schmackhaft wird, dann wisse, dass es gut mit dir steht. Denn dann hast du das Paradies auf Erden gefunden. Solange dir aber das Leiden bitter ist und du dem Leiden so gern aus dem Wege laufen möchtest, so lange wird es schlecht um dich stehen, und es wird dir, wohin du auch fliehen magst, auf deiner Flucht überall eine Plage nachfliehen.

12. Wenn du dich gefasst halten kannst auf alles das, worauf du gefasst sein sollst, nämlich auf Leiden und Sterben, dann wird es mit dir schnell besser werden, und du wirst Frieden finden. Wärest du auch mit Paulus (2. Kor. 12, 2) in den dritten Himmel entrückt, so wärest du doch vor Leiden und Trübsal nicht sicher. Denn gerade von Paulus spricht Jesus (Apg. 9, 16): Ich will's ihm zeigen, was er alles um meines Namens willen wird leiden müssen. Leiden ist und bleibt also dein Erbteil, wenn du Jesus liebhaben und ihm ohne Unterlass dienen willst.

13. Ach! dass du würdig wärest, um des Namens Jesu willen etwas zu leiden! Welch eine große Herrlichkeit würde für dich, welch ein göttlicher Jubel für alle Heiligen Gottes, welch eine gründliche Erbauung für deinen Nächsten daraus entstehen! Denn die Geduld empfehlen alle, obgleich wenige sie ausüben wollen. Billig solltest du gern ein wenig für Christus leiden, da viele so große Leiden für die Welt ausstehen.

14. Lass es dir doch einmal recht gewiss und klar werden, dass das Sterben dein eigentliches Leben sein sollte; und je mehr einer sich selbst stirbt, desto mehr fängt er an, seinem Gott zu leben. Niemand ist fähig, Himmlisches zu fassen, der nicht zuvor fähig geworden ist, für Christus Widriges zu leiden. Nichts ist Gott angenehmer, nichts ist dir heilsamer hier auf Erden, als gern für Christus leiden. Und wenn dir die Wahl frei stünde, so müsstest du eher wünschen, recht viel Widriges für Christus zu leiden, als mit vielen Tröstungen erquickt zu werden, weil du auf dem Wege des Leidens Christus ähnlicher und allen seinen Heiligen gleichförmiger werden würdest. Denn unser rechtes Verdienst und das eigentliche Fortschreiten im Guten besteht nicht in vielen Tröstungen und Lieblichkeiten, die wir genießen, sondern vielmehr in großen Drangsalen und schweren Lasten, die wir geduldig zu tragen haben.

15. Gäbe es für Menschen einen sichereren und besseren Weg zum Heil als den Weg des Leidens, so hätte ihn Christus mit Wort und Beispiel gewiss aufgezeigt. Mahnt er doch alle Jünger, die ihm nachfolgen und auch die ihm nachfolgen wollen, so klar wie möglich, das Kreuz zu tragen, indem er (Luk. 9, 23) spricht: Wenn jemand mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.

Nachdem man also alles durchlesen und durchforscht hat, ist dies (Apg. 14, 22) der Schluss: Durch viele Trübsale müssen wir in das Reich Gottes eingehen.

Drittes Buch: Vom inneren Trost

1. Kapitel: Jesus redet im innersten der Gläubigen Seele

1. Der Mensch: So will ich denn hören, was der Herr, mein Gott, in mir spricht. Selig die Seele, die den Herrn in sich reden hört, und aus seinem Munde das Wort des Trostes vernimmt! Selig die Ohren, die das leise Wehen des göttlichen Raunens vernehmen und von den Einflüsterungen dieser Welt nichts hören! Wahrhaftig, selig die Ohren, die nicht horchen auf die Stimme, die von draußen schallt, sondern auf die Wahrheit, die im Innern lehrt! Selig die Augen, die für das Äußere verschlossen, aber für das Innere offen sind! Selig die Menschen, die das Ewige durchdringen und sich durch tägliche Übungen geschickter zu machen suchen, die Geheimnisse des Himmels zu fassen! Selig, die verlangen, sich von allen Hindernissen der Welt loszureißen und sich ganz ihrem Gott allein zu weihen!

Fasse das wohl zu Herzen, meine Seele, und schließe die Tore deiner Sinnlichkeit zu, damit du hören kannst, was der Herr, dein Gott, in dir redet.

2. Dies sagt der Herr, dein Geliebter: Ich bin dein Heil, ich bin dein Friede, ich bin dein Leben. Halt dich fest an mir, so wirst du Frieden finden! Lass alles Vergängliche, such das Ewige. Was ist doch alles Zeitliche anders als verführerisch, und alle Geschöpfe, was nützten sie dir, wenn du vom Schöpfer verlassen wärest? So sag dich denn los von allem und ergib dich deinem Schöpfer willfährig und treu, damit du die wahre Seligkeit ergreifen kannst.

2. Kapitel: Die Wahrheit spricht in uns ohne Geräusch von Worten

1. Der Mensch: Rede, Herr! denn dein Knecht hört. Ich bin dein Knecht, gib du mir Verstand, dass ich deine Zeugnisse verstehe. Neige mein Herz zu den Worten deines Mundes, wie Tau fließe deine Rede in meine Seele! Einst sprachen die Kinder Israels zu Moses (2. Mos. 20, 19): Rede du zu uns, und wir werden darauf achten; aber der Herr rede nicht mit uns, damit wir nicht etwa sterben.

Nicht so bete ich, o Herr, nicht so. Ich bete vielmehr wie der Prophet Samuel (1. Sam. 3, 9) mit seiner Demut und seinem regen Verlangen: Rede, Herr, denn dein Knecht hört. Nicht Moses oder der Propheten einer rede zu mir. Du, o Herr, du mein Gott, rede zu mir. Denn du bist das Licht, das alle Propheten erleuchtet, du bist der Geist, der zu allen Propheten gesprochen hat. Du kannst ohne sie durch dich allein mich vollkommen unterweisen; sie aber vermögen ohne dich nichts.

2. Sie können hochklingende Worte sprechen, aber den Geist geben sie nicht. Lieblich dem Ohre ist, was sie sprechen, aber das Herz des Hörenden bleibt kalt dabei, wenn du nicht mitsprichst. Buchstaben lehren sie, aber den Sinn öffnest du. Geheimnisse verkünden sie, aber den Schlüssel, der die Geheimnisse aufschließt, den hast du; du allein schließest auf, was verschlossen ist. Gebote verkünden sie im Lande, aber Kraft, sie zu halten, gibst du. Auf den Weg weisen sie mit dem Finger, aber Stärke zum Gehen gibst du. Sie wirken nur von außen, aber du wirkst im Inneren, unterweisest und erleuchtest die Herzen. Sie begießen das Äußere, du gibst das Gedeihen im Innern. Sie bringen den Schall des Wortes ins Ohr, du den Verstand in das Herz, dass wir auch verstehen, was wir hören.

3. Also nicht Moses rede zu mir, sondern du, mein Herr und Gott, du, die ewige Wahrheit, rede zu mir, damit ich nicht wie ein unfruchtbarer Baum verwelke, und in der Sünde sterbe, wenn mich nur das Wort von außen mahnt und nicht das Wort von innen entflammt. Rede du zu mir, damit mir nicht zum Gerichte werde das Wort, das ich gehört und nicht befolgt, erkannt und nicht geliebt, geglaubt und nicht erfüllt habe. So rede also, Herr, dein Knecht hört, denn du hast Worte des ewigen Lebens. Rede du zu mir, damit meine Seele getröstet, mein ganzes Leben gebessert und dein Name gelobt, gepriesen und ewig verherrlicht werde.

3. Kapitel: Höre Gottes Worte mit Demut - viele erwägen sie nicht

1. Der Herr: Mein Sohn, höre meine Worte; sie haben an Süße und Lieblichkeit nicht ihresgleichen und übertreffen an Weisheit alles, was die Gelehrten und Weisen dieser Welt gelehrt haben. Meine Worte sind Geist und Leben, und wer ihres wahren Gehalts innewerden will, darf sie nicht auf die Waagschale des Menschen legen. Wer sie verstehen will, darf sie nicht nach seinen eitlen Neigungen dolmetschen; sie wollen in der Stille des Geistes gehört und mit aller Demut und Inbrunst des Herzens aufgefasst werden.

2. Der Mensch: Da sagte ich: Selig, den du unterweisest, o Herr, den du dein Gesetz verstehen lehrst, damit er in den heißen Tagen der Not Kühlung finde und im dürren Lande nicht verschmachte.

3. Der Herr: Ich bin's, spricht der Herr, der von Anfang her die Propheten gelehrt hat, und noch bis jetzt höre ich nicht auf, zu allen Menschen zu reden. Aber viele haben für mein Wort nichts als taube Ohren und verschlossene Herzen. Die meisten hören die Welt lieber als Gott, leben mehr nach den Lüsten ihres Fleisches als nach Gottes Wohlgefallen. Die Welt verheißt nur zeitliche und unbedeutende Güter und hat doch die eifrigsten Diener. Ich verheiße das allerhöchste und ewige Gut, und die Herzen der Menschen bleiben kalt und träge dabei. Wer dient und gehorcht mir in allem, was ich gebiete, mit dem treuen Eifer, den die Kinder der Erde in dem Dienste der Welt und ihrer Herren beweisen? Erröte, Sidon, ruft das Meer; und wenn du nach der Ursache fragst, so höre die Ursache: Einer kleinen Pfründe wegen läuft man weit und breit umher, und um des ewigen Lebens willen wollen viele nicht einmal einen Fuß von der Erde aufheben. Für nichtswürdige Dinge laufen sie sich müde, sie zanken und balgen sich um ein Groschenstück auf eine niederträchtige Weise, sie mühen und plagen sich Tag und Nacht, um irgend eine verheißene Kleinigkeit, ein täuschendes Nichts zu erhaschen.

4. Aber, o Schande! für ein Gut, das ewig währt, für eine Belohnung, die unschätzbar ist, für die höchste Ehre, für eine Herrlichkeit, die kein Ende nimmt, sich auch nur ein wenig zu bemühen, ach! dazu sind sie viel zu träge. Erröte also, du fauler und mürrischer Knecht, dass jene weit geschäftiger an ihrem Verderben arbeiten, als du an deinem ewigen Heile. Jene haben mehr Freude an der Eitelkeit als du an der Wahrheit. Zwar schlägt ihnen ihre Hoffnung manchmal fehl, aber meine Verheißung täuscht keinen einzigen, und wer sich mir anvertraut, den lässt sie nicht leer ausgehen. Was ich versprochen habe, das werde ich geben; was ich gesagt habe, das werde ich erfüllen, wenn mir je einer in Liebe treu bleiben wird bis ans Ende. Ich bin's, der alle Guten reichlich belohnt, ich der alle Frommen strenge prüft.

5. Schreibe dir meine Worte ins Herz, und erwäge sie fleißig, denn zur Zeit der Versuchung werden sie dir unentbehrlich sein. Was du in der Stunde, wo du es liesest, noch nicht verstehst, das wirst du am Tage, wo ich dich heimsuche, schon verstehen.

Ich habe zweierlei Heimsuchungen für meine Freunde: eine heißt Versuchung, die andere Tröstung. Ich habe auch zweierlei Lektionen für sie, die ich ihnen täglich halte: die eine, indem ich ihnen ihre Fehler verweise, die andere, indem ich sie zum Fortschreiten in allen Tugenden ermahne. Wer mein Wort hat, und es verachtet, der hat schon seinen Richter am jüngsten Tage.

Gebet um die Gnade der Andacht.

6. Der Mensch: Du mein Gott und Herr, all mein Gut bist du. Und was bin ich, dass ich mich unterstehe, mit dir zu reden? Ich bin dein ärmster Knecht, ich krieche auf Erden als ein verworfener Wurm, weit ärmer und verachtungswerter, als es mein Verstand denken kann und meine Zunge es auszusprechen wagen darf. Gedenke doch, Herr, dass ich nichts bin, nichts habe, nichts vermag. Du allein bist gut, gerecht, heilig. Du vermagst alles, gibst alles, erfüllst alles, den Sünder allein lässt du leer ausgehen. Gedenke deiner Erbarmungen, und erfülle mein Herz mit deiner Gnade. Du willst doch nicht, dass deine Werke vergeblich sind.

7. Wie könnte ich mich in diesem elenden Leben ertragen, wenn mich deine Erbarmung nicht stärkte, deine Gnade nicht hielte! Wende dein Angesicht nicht von mir; lass deine Heimsuchung nicht länger ausbleiben! Entzieh mir deine Tröstungen nicht, dass meine Seele nicht werde vor dir wie ein dürstendes Land ohne Regen. Herr, lehre mich deinen Willen tun, lehre mich, wie es sich vor deinem Auge ziemt, und in Demut vor dir wandeln; denn du bist meine Weisheit; du kennst mich, was und wie ich bin, und kanntest mich, ehe ich zur Welt geboren, ja, ehe noch die Welt geschaffen war.

4. Kapitel: Wandle vor Gott in Wahrheit und Demut

1. Der Herr: Mein Sohn, wandle in der Wahrheit vor mir und suche mich immer in der Einfalt des Herzens. Wer in der Wahrheit vor mir wandelt, den wird die Allmacht vor bösen Anfällen schützen, und die Wahrheit wird ihn von den Verführern und den Lästerungen der Gottlosen frei machen. Und hat dich die Wahrheit einmal frei gemacht, dann hast du die wahre Freiheit und brauchst dich nicht um die leidige Wortmacherei der Menschen zu kümmern.

Der Mensch: Wahr ist, o Herr, was du lehrst, und es soll auch in mir wahr werden. Deine Wahrheit soll mich lehren, sie soll mich behüten, mich bis zum seligen Ende bewahren. Deine Wahrheit mache mich los von aller bösen Neigung, von aller ungeordneten Liebe, und ich werde mit dir wandeln in großer Freiheit des Herzens.

2. Der Herr: So will ich denn, spricht die Wahrheit, dich lehren, was recht ist und mir wohlgefällt. Denke mit großem Abscheu und inniger Traurigkeit an deine Sünden, und lass dir deine guten Werke nicht zu Kopfe steigen, als wenn du deshalb etwas wärest. Wahrhaftig, du bist Sünder, bist vielen Leidenschaften unterworfen und in dies dein Elend tief verwickelt. Von dir aus gehst du immer auf das Nichts los; du kommst leicht zu Falle, wirst leicht überwunden, leicht verwirrt, leicht vernichtet. Nichts hast du, dessen du dich selber rühmen könntest; aber Vieles, das dich in deinen Augen gering und schlecht machen muss; denn du bist viel schwächer, als du begreifen kannst.

3. Von allem also, was du tust, soll in deinem Auge nichts groß, nichts köstlich, nichts wunderbar, nichts achtungswert erscheinen. Denn wahrhaft groß, wahrhaft lobens- und wünschenswert ist nur das, was ewig ist.

Gefallen soll dir über alles die ewige Wahrheit; missfallen soll dir stets dein Geringsein, in dem du dich für übergroß halten darfst. Nichts sollst du so sehr fürchten, so sehr verachten, so sehr fliehen, als deine Sünden und Laster; sie sollten dir mehr missfallen, tiefer zu Herzen gehen als jeder zeitliche Verlust.

Einige wandeln nicht aufrichtig vor mir. Von Fürwitz und Anmaßung geführt, wollen sie nur meiner Geheimnisse innewerden, wollen die Tiefen der Gottheit durchforschen, und dabei vernachlässigen sie sich selbst und ihr eigenes Heil. Menschen dieser Art fallen oft aus Stolz und Fürwitz in große Versuchungen und Sünden, denn ich bin wider sie.

4. Fürchte Gottes Gericht; erzittere vor dem Zorn des Allmächtigen; lass dich's aber nicht gelüsten, die Werke des Allerhöchsten zu erforschen; forsche lieber im Abgrunde deiner Verderbnis, und zähle, wieviel Böses du getan, wieviel Gutes du unterlassen hast.

Manche haben ihre Frömmigkeit bloß in Büchern, andere in Bildern, wieder andere in äußerlichen Zeichen und Vorstellungen. Einige haben mich im Munde, aber in ihrem Herzen ist wenig von mir.

Es gibt aber auch einige, die himmlisches Licht im Verstand und himmlische Reinheit im Herzen haben, immer nach dem Ewigen die Hände ausstrecken. Ungern hören sie von Irdischem, den Naturerfordernissen dienen sie mit Schmerz. Diese nehmen fleißig wahr, was der Geist der Wahrheit in ihnen spricht. Denn er lehrt sie das Irdische verachten und das Himmlische lieben, das Vergängliche außer Acht lassen und dem Himmlischen Tag und Nacht mit ungeteiltem Herzen nachhangen.

5. Kapitel: Die Gottesliebe in ihrer Macht und Herrlichkeit

1. Der Mensch: Vater im Himmel, Vater meines Herrn Jesus Christus, ich preise dich, dass du meiner Dürftigkeit nicht vergessen konntest! O Vater aller Erbarmungen und alles Trostes, Gott, ich danke dir, dass du mich, obgleich alles Trostes unwert, dennoch deines erquickenden Trostes zuweilen froh werden lässt! Preisen, verherrlichen, anbeten möcht ich dich immer und immer, dich und deinen eingebornen Sohn und den Heiligen Geist, den Geist des Trostes, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. O du, mein heiliger Freund! mein Gott und mein Herr, o dass du kämest in mein Herz! All mein Inneres frohlockte dir im festlichen Jubel entgegen. Du bist mein Ruhm, du die Freude meines Herzens, du meine Hoffnung, du meine Zufluchtsstätte in den Tagen der Trübsal!

2. Aber, weil meine Liebe noch so schwach und meine Tugend noch so dürftig ist, so hat mein Herz deine Tröstung und deine Stärkung so nötig. So suche mich denn öfter heim und unterweise mich in deiner heiligen Zucht. Erlöse mein Herz von allen bösen Leidenschaften und heile es von allen ungeordneten Neigungen, damit ich im Inwendigen von allen Banden erlöst und von allen Krankheiten geheilt, endlich ganz rein und tüchtig werde zum Lieben, und stark zum Leiden, und mutvoll zum Ausdauern.

3. Der Herr: Ein großes Ding ist die Liebe. Die Liebe ist in Wahrheit ein großes Gut. Sie allein macht alle Bürden leicht und duldet alles Leid mit Gleichmut. Sie trägt die schwersten Lasten und fühlt sie nicht. Sie macht alles Bittere süß und schmackhaft. Die edle Liebe Jesu treibt zu großen Taten und weckt das Verlangen, immer noch größere zu tun. Rechte Liebe dringt aufwärts und will nicht unten auf der Erde kriechen. Die Liebe will frei sein, frei von allem Weltsinn, damit ihr innerer Blick unbefangen bleibt, von keinem irdischen Gut geblendet, von keinem zeitlichen Ungemach niedergeschlagen wird. Lieblicher, mächtiger, erhabener, umfassender, seliger, vollkommener, edler als die Liebe ist nichts im Himmel und auf Erden. Denn sie ist aus Gott geboren und kann eben deswegen in keinem Geschöpfe, kann in Gott allein Ruhe finden.

4. Schnell ist der Lauf der Liebe, hoch ihr Flug, lauter ihre Freude, frei und unaufhaltsam ihr Sinn. Die Liebe gibt alles für alles und hat alles in allem. Denn sie findet ihre Ruhe nur in dem Einen höchsten Gut, das die Quelle alles Guten ist. Die Liebe sieht nicht auf die Gabe, sie schwingt sich hoch über alle Gaben zum Geber hinauf. Sie kennt oft kein Maß, und über alles Maß flammt ihr Eifer empor. Die Liebe fühlt keine Last, findet in der Arbeit keine Arbeit, fragt in ihrem Streben nie: wo nehm ich Kräfte her?, klagt nicht über Unmöglichkeit, denn sie glaubt: ich kann alles und darf es auch. Eben darum taugt sie zu allem, vollendet vieles und bringt zustande, was jeder, der nicht liebt, ohnmächtig liegen lässt.

5. Die Liebe wacht, und schläft im Schlafe nicht. Keine Mühe ermüdet sie, keine Beklemmung beklemmt sie, kein Schrecken erschreckt sie; wie eine lebendige Flamme, wie eine hochbrennende Fackel dringt sie mächtig in die Höhe und bricht überall sicher durch. Wer liebt, versteht die Sprache der Liebe. Ein lauter Ruf in Gottes Ohr ist die glühende Empfindung einer Seele, die da spricht: Mein Gott, meine Liebe! Du ganz mein, ich ganz dein! Gebet um Liebe.

6. Der Mensch: Herr! Mache mein Herz weiter und fülle es aus mit Liebe, dass mein Innerstes kosten möge, wie süß es ist: lieben, und in Liebe zerfließen, und ganz im Meere der Liebe schwimmen. Die Liebe halte mich fest, wenn ihre Flamme Maß und Grenze überschreitet und in heiligen Entrückungen mich über mich erhebt. Das Lied der Liebe möchte ich singen lernen, und dir, du Geliebter, in der Höhe nachwandeln und im Lobsingen deines Namens, im Jubel der Liebe aufgelöst werden. Lieben möchte ich dich mehr als mich, und mich nur um deinetwillen, und alle, die dich lieben, möchte ich in dir lieben können, wie es das Gesetz der Liebe gebietet, das du lichthell in unsere Seelen geschrieben hast.

7. Der Herr: Die Liebe ist schnelltätig, aufrichtig, gütig, lieblich, froh, mild, stark, geduldig, treu, klug, langmütig, mannhaft und sucht niemals sich selbst. Denn wo einer sich selbst sucht, da hat er die Liebe schon verloren. Die Liebe ist vorsichtig, demütig, offen, gerade, nicht weichlich, nicht leichtsinnig, nicht auf Eitelkeiten bedacht, nüchtern, keusch, standhaft, ruhig, und in allen Sinnen wohlbewahrt. Die Liebe ist untertänig und gehorsam den Oberen, ist in ihrem eigenen Auge gering und schlecht, ist Gott ganz ergeben, voll Dank und Zuversicht, und harrt auch dann auf ihn, wenn sie Gott nicht mehr spürt; denn ohne Schmerz lebt sich's in der Liebe nicht.

8. Wer nicht entschlossen ist, alles zu leiden und zum Willen des Geliebten zu stehen, der ist nicht wert, den schönen Namen eines Liebenden zu tragen. Wer liebt, muss um seines Geliebten willen alles Bittere und alles Schwere gern auf sich nehmen. Kein Ungemach darf ihn von seinem Geliebten losreißen.

6. Kapitel: Prüfung der Liebe

1. Der Herr: Mein Sohn! deine Liebe hat noch nicht Licht und Kraft genug. Der Mensch: Herr! warum nicht?

Der Herr: Ein geringes Hindernis lässt dich die Bahn, die du betreten hast, gleich wieder verlassen. Du läufst auch noch viel zu hitzig nach allem, was dir Trost verheißt. Die kraftvolle Liebe steht fest in allen Versuchungen und traut den listigen Eingebungen des Feindes nicht. Wie ich ihr in heiteren Tagen gefalle, so missfalle ich ihr in trüben Stunden nicht.

2. Die erleuchtete Liebe sieht nicht so sehr auf die Gaben dessen, der liebt, als auf die Liebe dessen, der gibt. Sie schätzt mehr das Herz, das von Liebe überfließt, als den Gewinn, der aus der Liebe fließt, und der Geliebte ist ihr weit über alle Gaben. Die edle Liebe findet ihre Ruhestätte in keiner Gabe, sondern schwingt sich über alle Gaben und ruht in mir, dem Geber.

Deshalb ist aber nicht gleich alles verloren, wenn dein Denken und Empfinden von mir oder von meinen Heiligen nicht immer so hell und rein ist, als du es gern haben möchtest. Denn jene liebliche und heilige Empfindung, die hier und da dein Inneres durchströmt, kommt von stärkeren Zuflüssen der himmlischen Gnade her und ist ein Vorgeschmack von den Seligkeiten des himmlischen Vaterlandes. Aber auch auf diese liebliche Empfindung musst du nicht sonderlich bauen; denn sie kommt und geht wieder. Kämpfen wider alle Regungen des Bösen, die du in dir wahrnimmst, und die Eingebungen des Teufels mit Verachtung zurückweisen, das ist das sicherste Wahrzeichen der Tugend und sehr verdienstlich.

3. Lass dich durch fremde Gaukelbilder nicht verstören, woher sie auch in dich kommen. Sei mannhaft, bleib deinem Vorsatze treu, und behaupte die gerade Richtung deines Herzens zu Gott. Und wenn deine Freude an Gott manchmal in hohe Entzückung übergeht und dein Herz bald darauf zu seinen alten Torheiten zurückkehrt, so musst du deine Tugend deshalb nicht gleich für eine Täuschung halten. Denn der freie Wille leidet in der Tat mehr bei jenen Schwachheiten, als dass er selbst mitwirkt. Und solange sie dir missfallen und dein Wille sich tapfer dagegen wehrt, so lange hast du nur gewonnen und nichts verloren.

4. Vergiss die Warnung nie: Dein alter Feind sucht im Grunde nichts anderes, als deine Sehnsucht nach dem Guten zu hindern und dich von allen Übungen der Andacht abzulocken. Er will es dahin bringen, dass du weder das Ehrwürdige an meinen heiligen Freunden mehr ehren, noch an meine Leiden in stiller Liebe denken, noch deine Sünde in heilsame Erwägung ziehen, noch dein eigenes Herz bewahren, noch den gefassten Entschluss, im Guten voran zu kommen, erneuern möchtest. Er bestürmt dich mit allerlei bösen Gedanken, um dir Ekel und Überdruss des Guten zu schaffen und dir alles Beten und Lesen in heiligen Schriften zu verleiden. Ein demütiges Bekenntnis deiner Sünden ist ihm ein Dorn im Auge, und, wenn er könnte, würde er dich auch von dem Tische des Herrn auf immer fernhalten. Glaube seinem Worte nicht, und fürchte seine List nicht, wenn er dir auch noch so oft Fallstricke legt. Ihm schreibe es zu, wenn er Böses und Unlauteres in deine Einbildungskraft legt. Sprich zu ihm: Fort mit dir, du unreiner Geist! Schäme dich, Elender! du musst ein sehr unreiner Geist sein, weil du mir solches in die Ohren trägst. Weiche von mir, du schlechtester aller Verführer! du sollst keinen Teil an mir haben. Denn Jesus ist für mich als tapferer Streiter, du musst zu Schanden werden. Lieber will ich sterben, lieber alle Peinen ausstehen, als Eines Sinnes mit dir werden. Schweige, verstumme, ich habe kein Ohr mehr für deine Stimme. Du magst noch so viele Plagen auf mich wälzen: der Herr ist mein Licht, mein Heil, wen soll ich fürchten? Wenn sich ganze Kriegsheere wider mich lagern sollten, mein Herz zittert nicht. Der Herr ist meine Hilfe, der Herr ist mein Erlöser.

5. Kämpfe wie ein tapferer Streiter, und wenn du manchmal aus Schwachheit fällst, so steh wieder mutig auf, und sammle neue, größere Kräfte; erwarte mit Zuversicht von mir neue, größere Gnaden, und bewahre dich sorgsam vor eitler Selbstgefälligkeit und aller Hoffart. Die Selbstgefälligkeit und Hoffart treiben viele Menschen von Irrsal zu Irrsal und machen sie vollends blind, und ihre Blindheit wird nach und nach fast unheilbar. Dieser Sturz der Hochmütigen, die mit blindem Frevel auf sich selbst bauen, sei dir eine Schule der Wachsamkeit und Demut, und in dieser Schule harre aus bis ans Ende.

7. Kapitel: Demut sei Hülle und Hüterin der Gnade

1. Der Herr: Mein Sohn! Die Gnade der Andacht geheim halten, dich deshalb nicht über andere erheben, nicht viel davon reden, nicht viel Gewicht darauf legen, vielmehr dich selbst verachten und auch in Hinsicht auf die Gnade, die dir wider dein Verdienst gegeben ward, nicht ohne alle Furcht sein, dies ist für dich das Sicherste und Beste. Du musst dein Herz selbst an diese Empfindung nicht so fest anhängen; denn diese Empfindung kann schnell dahin sein und dem Gegenteil Platz machen. Ist die Gnade der Andacht da, so denke daran, wie dürftig und elend du bist, wenn sie nicht da ist. Das wirkliche Fortschreiten im geistlichen Leben besteht nicht etwa nur darin, dass du die Gnade der himmlischen Tröstungen genießest, sondern auch darin und vorzüglich darin, dass du voll Demut und Selbstverleugnung, auch bei weichender Gnade, dein Herz in Geduld bewahrst, deshalb den Eifer zum Gebete nicht kalt werden und die übrigen guten Werke, die du sonst getan hast, jetzt nicht ganz ungetan lässest. Vielmehr alles, was du noch tun kannst, tu nach deinem besten Wissen und Können willig. Vernachlässige dich selbst wegen der Dürre des Geistes und wegen der Angst der Seele, die dich drückt, nicht ganz und gar.

2. Denn es gibt viele, die, wenn es ihnen nicht nach Wunsch geht, sogleich ungeduldig oder träge werden. Weder Bahn noch Gang liegen immer in der Macht des Menschen. Geben und Trösten ist Gottes Sache. Er gibt Trost, wem er will, wann er will, und soviel er will, und wie es ihm gefällt, und nicht mehr.

Einige gingen im Gefühle der Andacht unbehutsam zu Werke und richteten sich selbst zugrunde, weil sie mehr tun wollten, als sie konnten, weil sie das geringe Maß ihrer Kräfte überspannten, weil sie sich mehr der Neigung ihres Herzens überlassen, als der Vernunft die Leitung übergeben wollten. Und weil sie in Anmaßung des blinden Eifers größere Dinge unternahmen, als Gottes Wille durch sie ausrichten wollte, so war die Gnade ehe sie sich's versahen dahin. Sie wollten ihr Nest in den Himmel bauen und fielen sich selbst überlassen auf die Erde herab und mussten da arm und gering liegen, damit sie in Armut und Niedrigkeit lernten, nicht mehr mit ihren eigenen Flügeln in die Höhe zu fliegen, sondern unter meinen Flügeln in stiller Zuversicht zu ruhen.

Die noch Neulinge und in den Führungen des Herrn unerfahren sind, die kann leicht irgend ein Schein täuschen, oder eine Übermacht vernichten, wenn sie nicht das Auge erfahrener Ratgeber ihren Leitstern sein lassen.

3. Wenn sie aber lieber ihrem eigenen Dünkel folgen als dem Urteile der Geübteren glauben wollen, so werden sie ein gefahrvolles Ende nehmen, wenn sie sich nicht doch noch von ihrer eigenen Auffassung abbringen lassen. Selten ertragen die, die sich selbst weise dünken, sich von anderen demütig leiten zu lassen.

Besser wenig Wissenschaft mit viel Demut und kleinem Verstande als große Reichtümer von Wissen mit viel Selbstgefälligkeit besitzen. Besser für dich, wenig zu haben, als viel, das dich durch Hochmut zugrunde richten kann.

Dem fehlt es sicherlich an Klugheit, der sich ganz der Freude hingibt, seine vorige Dürftigkeit und die heilige Furcht Gottes vergißt, die immer fürchtet, dass ihr die gegebene Gnade wieder geraubt wird.

Auf der andern Seite fehlt es auch dem an der Weisheit, der in der Stunde der Trübsal und des Druckes den Mut sinken lässt und verzweifelt und nicht mit soviel Zuversicht, als er könnte und sollte, den Gedanken an mich und den Sinn für mich in seinem Herzen festhält.

4. Wer in den Zeiten des Friedens zu viel Sicherheit in seinem Herzen wurzeln lässt, der wird in den Tagen des Krieges zu viel Furcht und Zaghaftigkeit spüren müssen. Könntest du immer demütig und maßvoll in dir bleiben und die Bewegungen deines Herzens wohl mäßigen und regieren, so würdest du nicht so oft in Gefahr geraten und so leicht anstoßen.

Es ist ein weiser Rat: wenn in der Stunde der Andacht die Flamme des Eifers lichterloh brennt, so denke, wie es dir zu Mut sein wird, wenn Licht und Feuer wieder verschwunden sein werden. Wenn das dann eintritt, so denke, dass sie wieder kommen können, weil ich sie auf eine Zeit zurückgenommen habe, um dich in der Wachsamkeit zu gründen und um meinen Namen an dir zu verherrlichen.

5. Eine solche Prüfung ist dir weit nützlicher, als wenn dir alles nach deinem eigenen Willen glücklich vonstatten ginge. Denn das, was den eigentlichen Wert des Menschen ausmacht, muss man nicht messen nach den vielen Erscheinungen oder himmlischen Tröstungen, auch nicht nach größerer oder geringerer Kenntnis der heiligen Schriften, auch nicht nach den höheren Ständen und Stufen, auf denen der Mensch zu stehen kommt, sondern das allein ist der rechte Maßstab des Verdienstes: in wahrer Demut tiefgegründet und mit göttlicher Liebe erfüllt sein; in allem die Ehre Gottes allein und allezeit und ohne alle Nebenabsicht suchen; sich für nichts halten und in Wahrheit verachten, und mehr Freude an Verachtung und Erniedrigung als an Hochachtung und Erhöhung vor der Welt haben.

8. Kapitel: Nochmal und immer dasselbe: sei gering in deinen Augen und vor deinem Gott

1. Der Mensch: Ich will zu meinem Herrn sprechen, ob ich gleich Staub und Asche bin. Hielte ich mich für mehr, sieh! Herr, du stündest auf wider mich, und meine Sünden bezeugten die Wahrheit, und ich könnte nicht widersprechen. Sobald ich mich aber gering und wie nichts achte, sobald ich alle eitle Schätzung meiner selbst aufgebe und mich zu Staub erniedrige, wie ich ja Staub bin, dann eilt mir deine Gnade gütig entgegen, und dein Licht naht sich meinem Herzen. Und wenn ich mich in diesem neuen Lichte betrachte, dann ist alle eitle Wertschätzung meiner selbst, sie sei noch so geheim und leise, in der Tiefe meines Nichts versunken und für alle Ewigkeit dahin. In diesem Lichte zeigst du mich mir, was ich bin und was ich war, woher ich kam und wohin ich mich verirrte. Da zeigst du mir's recht hell, dass ich nichts bin und nichts weiß. Werde ich mir selbst überlassen, sieh! so bin ich nichts, nichts als Gebrechlichkeit und Schwachheit. Aber, wenn du mich wieder anblickst, so strömt mit deinem Blicke sofort neue Kraft in meine Seele, neue Freude in mein Herz. Wahrhaftig, ein großes Wunder! So schnell hebst du mich zu dir empor; so zärtlich umarmst du mich wieder, mich, den seine eigene Schwere stets abwärts in die Tiefe zieht.

2. Das ist das Werk deiner Liebe, die ohne all mein Verdienst meinen Bedürfnissen zuvorkommt, die mich in so mancherlei Nöten unterstützt, die mich vor schrecklichen Gefahren bewahrt und, um die ganze Wahrheit zu sagen, von unzähligem Jammer erlöst. Denn dadurch, dass ich mich töricht liebe, hab ich mich selbst verloren; da ich aber dich allein suche, und dich allein um deinetwillen liebe, hab ich mich und dich miteinander gefunden und mich, aus Liebe zu dir, noch tiefer in mein Nichts versenkt. Denn du, die Liebe selbst, handelst mit mir über all mein Verdienst und gibst mir weit mehr, als ich mir zu hoffen oder zu bitten getraue.

3. Gelobt seist du, mein Gott, denn ob ich gleich alles Guten unwert bin, so kann doch deine edle und unbegrenzte Güte nimmer aufhören, wohlzutun auch den Undankbaren, auch denen, die sich von dir weit entfernt haben. Bekehre du uns zu dir, damit wir dankbar, demütig und andächtig werden, denn du bist unser Heil, du unsre Kraft und unsre Stärke

9. Kapitel: Gott, das letzte Ziel des Menschen: bezieh alles auf ihn

1. Der Herr: Mein Sohn, wenn du die wahre Seligkeit finden willst, so muss ich dein höchstes und letztes Ziel sein. Wenn ich dein höchstes und letztes Ziel bin, dann reinigt sich alles Dichten und Trachten deines Herzens, das sich oft übel zu dir selbst und zu andern Geschöpfen abwärts neigt. Denn sobald du dich selbst in irgend einem Dinge suchst, so findest du auch lauter Dürre und Ohnmacht zum Guten in dir. So musst du denn alle Dinge zu mir als der Urquelle zurückführen, denn ich bin ja der Geber aller Dinge. Lerne alle Dinge so anzusehen, wie sie als viele Bächlein aus dem höchsten Gut ausfließen, und leite eben darum alle Dinge zu mir als ihrem Ursprung wieder zurück.

2. Groß und klein, arm und reich, alle schöpfen aus mir als ihrer lebendigen Brunnquelle lebendiges Wasser. Und die mir aus freier Liebe dienen, die nehmen Gnade um Gnade von mir. Wer aber anderswo als in mir Ehre sucht in einem ihm selbst eigenen Gute, der sucht umsonst; nirgends wird er dauerhafte Freude finden; überall wird es seinem Herzen zu enge sein, und auf allen seinen Wegen wird ihm Hindernis und Herzeleid begegnen. Du musst also das Gute, das etwa in dir sein mag, nicht dir, und die Tugend, die du in irgend einem Menschen findest, nicht dem Menschen, du musst alles Gute Gott zuschreiben; denn ohne Gott hat der Mensch nichts. Ich habe alles gegeben; und ich will dich ganz haben, und ich fordere den Dank mit großer Strenge.

3. Dies ist die rechte Wahrheit, die alle eitle Ruhmbegier verjagt. Und wenn in irgend einem Herzen die himmlische Gnade und die wahre Liebe Herberge nehmen, da finden Neid und Eigenliebe und alles, was dir die Freiheit des Herzens rauben könnte, keine Stelle mehr. Denn die göttliche Liebe überwindet alles und erweitert alle Kräfte der Seele. Hast du einmal die rechte Weisheit gefunden, dann findest du keine Freude mehr als in mir allein, dann ruht alle deine Hoffnung auf mir allein. Denn niemand ist gut, als Gott allein, und der Alleingute soll auch über alles gelobt und in allem verherrlicht werden.

10. Kapitel: Selig, Wer die Welt verschmäht und Gott dient

1. Der Mensch: Nun kann ich nimmer länger schweigen; ich muss wieder einmal reden, wieder einmal vor meinem Gott, vor meinem Herrn und König, der da in der Höhe ist, mein ganzes Herz ausgießen. Wie groß ist doch die Fülle der Milde, die du für alle die, die in heiliger Furcht vor dir wandeln, im Verborgenen aufbehalten hast! Was bist du erst denen, die dich lieben? Was musst du endlich denen sein, die dir von ganzem Herzen dienen? Wahrhaftig, unaussprechliche Seligkeit genießen alle, die dich lieben, in der Anschauung deiner Liebe! O deine Liebe! Sie hat sich auch an mir nicht unbezeugt gelassen. Deine Liebe hat mich erschaffen, da ich nicht war; hat mich zu dir, zu deinem heiligen Dienst wieder zurückgeführt, da ich irregegangen war; hat mir das Gebot ins Herz geschrieben, dich zu lieben.

2. O Quelle der ewigen Liebe, was soll ich von dir sagen? Wie sollte ich deiner vergessen können, da du noch an mich dachtest, auch nachdem ich schon in Sünde hingesunken und zugrunde gegangen war? Du hast deine Erbarmungen über all mein Hoffen an deinem Knechte walten lassen, hast mir ohne all mein Verdienst deine Gnade und Freundschaft wieder geschenkt. Wie soll ich dir für diese Gnade danken? Denn das ist nicht allen Menschen gegeben, dass sie allem Vergänglichen absagen, die Welt verlassen und das klösterliche Leben auf sich nehmen. Ist es denn etwas Großes, dass ich dir diene, nachdem dir alles Geschöpf dienen muss? Das soll in meinen Augen nichts Großes sein, dass ich dir diene; das soll vielmehr in meinen Augen groß und wunderbar sein, dass du so gütig bist, ein so ärmliches und unwürdiges Wesen in die Zahl deiner Diener aufzunehmen und mit denen zu vereinigen, die du liebst.

3. Sieh! dein ist alles, was ich habe, und womit ich dir diene. Doch nicht so sehr diene ich dir: du dienst mir weit mehr, als ich dir. Sieh! Himmel und Erde, die du zum Dienste der Menschen erschaffen hast, stehen fertig da und tun täglich, was du ihnen geboten hast. Und dies ist noch wenig: selbst die Engel hast du zum Dienste der Menschen bestellt. Und, was dies alles weit übersteigt, du hast den Menschen so hoch erhoben, dass du selbst ihm dienen, dass du dich selbst ihm geben willst, – nach deiner Verheißung.

4. Was soll ich dir denn für alle diese tausend und tausend Gaben wiedergeben? Könnte ich alle Tage meines Lebens in deinem Dienste zubringen! Könnte ich, auch nur einen einzigen Tag, dir nach Würde dienen! Wahrhaftig, du bist alles Dienstes, aller Ehre und des ewigen Lobes würdig! Du bist wahrhaftig mein Herr und ich dein armer Knecht; ich sollte dir mit allen meinen Kräften dienen; sollte im Lobpreisen deines Namens nie überdrüssig werden. So will ich's, so ersehn ich's, und was mir fehlt, das ergänze du.

5. Es ist eine große Ehre, ein großer Ruhm, dir zu dienen und um deinetwillen alles übrige zu verschmähen. Denn große Gnade wird denen zuteil, die sich in freier Liebe deinem heiligen Dienste geweiht haben. Die süßesten Tröstungen des Heiligen Geistes werden die genießen, welche aus Liebe zu dir alles Fleischliche daran gegeben haben. Große Freiheit des Herzens, weiten Raum in sich werden die gewinnen, welche um deines Namens willen die schmale Bahn des Lebens der breiten vorgezogen und sich aller weltlichen Sorgen entschlagen haben.

6. Es gibt also eine edle, selige Knechtschaft, die den Menschen wahrhaft frei und heilig macht: Gott dienen! O heiliger Stand, in dem sich die edlen Knechte Gottes befinden! Ein Stand, der die Menschen den Engeln gleich, Gott wohlgefällig, der Hölle fürchterlich, allen Guten ehrwürdig macht. Wahrhaftig ein Dienst, der uns stets wünschenswert, allezeit willkommen sein soll! Er macht uns würdig, das höchste Gut zu erlangen; er verschafft uns eine Freude, die kein Ende hat.

11. Kapitel: Prüfe und mäßige all dein Verlangen

1. Der Herr: Mein Sohn, du hast noch vieles hinzuzulernen, worin du noch lange nicht ausgelernt hast.

Der Mensch: Was ist das, Herr?

Der Herr: Das musst du noch lernen: Mein Wohlgefallen als die einzige Richtschnur all deines Verlangens anzusehen. Das musst du noch lernen: Nicht dich lieben, sondern meinen Willen in edlem Eifer vollbringen. Es fehlt bei dir nicht an Begierden, die dich schnell entzünden und mächtig treiben; aber prüfe dich genau, was dich denn eigentlich entzündet und treibt, meine Ehre, oder dein Nutzen. Bin ich es, dessen Ehre dich in Bewegung setzt, so wirst du jedesmal wohl zufrieden sein, ich mag es so ordnen oder anders; sobald du aber dich selbst suchst, und wäre dies Suchen noch so geheim: sieh! so ist es eben dies geheime Suchen deiner selbst, was dich fesselt und drückt.

2. Darum baue nicht sonderlich auf ein Verlangen deines Herzens, das du, ohne mich zuvor um Rat gefragt zu haben, in dir aufkommen ließest. Denn es kann dich bald gereuen, was du als das Bessere so hitzig suchtest; es kann dir bald missfallen, was dir als das Schönere wohl gefiel. Du musst nicht jeder Regung, die dir gut zu sein scheint, sogleich folgen, und nicht jede Empfindung, die dir zuwider ist, sogleich verwerfen. Du musst auch in frommen Übungen bisweilen der vordringenden Begierde den Zaum anlegen. Sonst möchte das ungestüme Treiben dein Gemüt zerstreuen oder dein zuchtloses Betragen den Schwachen zum Ärgernisse werden, oder der heftige Widerstand anderer dich selbst in Verwirrung und plötzlich zu Falle bringen.

3. Manchmal muss man aber Gewalt brauchen und den sinnlichen Begierden mannhaften Widerstand entgegen setzen und nicht darauf achten, was das Fleisch will oder nicht will, sondern mit allem Vermögen dahin arbeiten, dass das Fleisch, auch wider seinen Willen, dem Geist unterworfen wird. Und so lange muss die sinnliche Natur in Zucht gehalten, so lange zur Unterwürfigkeit gezwungen werden, bis sie sich zu allem bereitwillig zeigt, sich mit wenigem begnügen lernt, an dem, was einfach ist, Freude hat und sich kein Murren mehr gegen etwas Widriges erlaubt.

12. Kapitel: Lerne Geduld und Kämpfe wider die Begierden

1. Der Mensch: Mein Herr und Gott! Geduld ist mir, soweit ich sehe, unentbehrlich; denn dieses Leben hat viel Widriges. Wie ich auch alles ordne, um Frieden und Ruhe in meinem Herzen zu erhalten, so gibt es immer etwas Schmerzhaftes zu leiden, etwas Böses zu bekämpfen.

2. Der Herr: So ist's, mein Sohn! Aber das ist auch mein Wille nicht, dass du einem Frieden nachläufst, der dir einen Freiheitsbrief von allen Versuchungen und Leiden mitbringt. Vielmehr sollst du glauben, erst dann auf der rechten Friedensbahn zu wandeln, wenn du durch allerlei Drangsale geläutert und durch viele widrige Erfahrungen wirst bewährt sein. Wenn du sagst, du könntest nicht so viel leiden, wie wirst du denn einst das große Reinigungsfeuer aushalten?

Unter zwei Übeln muss man immer das geringere wählen. Damit du also nicht den Strafen der Ewigkeit anheimfällst, übe dich darin, dass du die Leiden dieser Zeit für die Sache Gottes gleichmütig tragen lernst. Und weiter: Glaubst du denn, dass die Menschen, die nach dem Geiste der Welt leben, nichts oder nur wenig zu leiden haben? Frage bei denen nach, die den feinsten Sinn für die Freuden der Welt haben, und sie werden dir's anders sagen.

Aber, denkst du, sie haben doch auch viele Freuden zu genießen und leben im Grunde doch nur nach ihrem eigenen Willen, und eben deswegen halten sie ihre Drangsale nicht für sonderlich groß.

3. Sei es, hätten sie auch alles, was sie wollten; sage mir aber, wie lange glaubst du denn, dass dieses ihr elendes Paradies auf Erden dauern wird? Sieh, die hier alles im Überfluss haben, wie Rauch vergehen sie samt ihren Reichtümern, und sie werden die Freuden, die sie hier genossen haben, nicht einmal mehr in der Erinnerung wieder genießen können. Aber auch hier, solange dieses Leben währt, können sie in ihren Freuden keine wahre Ruhe finden; denn Bitterkeit, Furcht, Überdruss mischen sich in alle ihre Freuden. Und eben das, worin sie Freude finden, bringt ihnen oft eine reiche Ernte von Schmerz und Strafe ein. Das ist eben das Gesetz der Gerechtigkeit: Weil sie wider die Ordnung der törichten Freude nachlaufen, so können sie diesen Trieb nach Freude nicht ohne das peinliche Gefühl von Scham und Schmerz befriedigen. Oh, wie kurz und trügerisch, voll Unordnung und Schande, sind doch diese Vergnügungen alle! Aber da die Menschen der Verblendung und dem Rausche hingegeben sind, so sehen sie mit sehenden Augen nicht. Wie vernunftlose Tiere vergraben sie sich in den kurzen Freuden dieses gebrechlichen Lebens und finden in diesem Lebensgenusse den Tod der Seele. Also nicht deiner blinden Begierde musst du blind nacheilen, lieber Sohn! Wende dich vielmehr weg von alledem, zu dem dich dein Wille hinzieht. Suche deine Freude im Herrn, und er wird dir geben, was dein Herz verlangt.

4. Denn, wenn du wahre Freude finden und überfließende Tröstung von mir erhalten willst, so fasse Mut, alle Lust der Welt zu verschmähen und alle niedere Freude daran zu geben. Darin wirst du Segen finden, dafür wird dir eine reiche Quelle des inneren Trostes geöffnet werden. Und je mehr du den Trost, den dir die Geschöpfe anbieten, verschmähen lernst, desto süßer und mächtiger wird die Fülle des Trostes sein, den du in mir finden wirst. Aber anfangs wird es dich manchen heißen Kampf kosten, und du wirst dich durch manche leidvolle Stunde durchschlagen müssen, bis du dahin gelangst. Entgegensetzen wird sich dir die tiefgewurzelte Gewohnheit, aber sie wird durch eine neue, bessere Angewöhnung überwunden werden. Murren wird das Fleisch dagegen, aber dieses Murren wird durch den siegenden Eifer des Geistes wieder zum Schweigen gebracht werden. Reizen wird dich die alte Schlange, und durch ihre Reizungen wird sie deinen Kampf noch heißer machen; aber das Gebet wird sie verjagen, und eine nützliche Beschäftigung wird ihr Tür und Tor verriegeln.

13. Kapitel: Jesus Christus, dein Vorbild in Demut und Gehorsam

1. Der Herr: Mein Sohn! Wer gern das Band des Gehorsams auflösen möchte, der löst auch das Band der Gnade auf. Und, wer Eigenes haben will, der verliert das Gemeinsame. Wer seiner Obrigkeit nicht gern und willig gehorcht, der beweist, dass ihm seine sinnliche Natur noch nicht vollkommenen Gehorsam leistet, sondern oft wider ihren Herrn murrt und ausschlägt. Lerne also dich flugs deinem Oberen unterwerfen, wenn du dein Fleisch unter das Joch bringen willst. Denn dein äußerer Feind wird bald in Ordnung gebracht sein, wenn in deinem inneren Menschen keine Unordnung herrscht. Dein schlimmster und lästigster Feind bist du selbst, wenn du dich mit dem heiligen Gesetze deines Geistes entzweist. Du musst also dich selbst wahrhaft verschmähen lernen, wenn du über Fleisch und Blut Herr werden willst. Weil du dich selbst wider alle Ordnung so unsinnig liebst, sträubt sich dein Wille so sehr, einem fremden Willen sich vollkommen zu unterwerfen.

2. Aber was ist es denn Großes, wenn du, Staub und Nichts vor mir, um Gottes willen dich einem anderen Menschen unterwirfst, nachdem ich, der Allmächtige, der Allerhöchste, der alle Dinge aus dem Nichts geschaffen hat, mich um des Menschen willen demütig dem Menschen unterworfen habe? Ich bin der Allerniederste und Allerletzte geworden, um durch meine Demut deinen Stolz zu brechen. Lerne gehorsam sein, du Erdenstaub! lerne dich erniedrigen, denn du bist aus Staub und Lehm gemacht! lerne dich unter alle Sterblichen erniedrigen. Lerne deinen Eigenwillen brechen und gern gänzlich untertänig sein.

3. Lass einen heiligen Eifer in dir wider dich entbrennen, lass den aufblähenden Stolz in dir nicht Leben gewinnen. Sei so klein in deinen Augen und so willig zum Gehorsam, dass jeder Pilger über dir einhergehen und jeder Fuß dich wie Gassenkot zertreten kann.

O Mensch, du unstetes, eitles Ding, worüber hast du denn zu klagen? Ein schmutziger Sünder, wie darfst du wider die, die dich schmähen, deinen Mund auftun, du, der du wider deinen Gott so oft gesündigt und dich der Höllenstrafe so oft schuldig gemacht hast? Aber sieh! schonend blickte mein Vaterauge auf dich hinab, weil dein unsterblicher Geist in meinen Augen köstlich ist. Schonend blickte mein Vaterauge auf dich hinab, damit du meine Liebe doch einmal erkennen und im Dankgefühle für meine Wohltaten wahre Demut und wahren Gehorsam beweisest und die Verachtung mit Geduld trägst.

14. Kapitel: Erwäge die geheimen Gerichte Gottes

1. Der Mensch: Herr, deine Gerichte donnern fürchterlich über meinem Haupte; mit Furcht und Zittern zermalmst du all mein Gebein, und tiefer Schrecken liegt auf meiner Seele. Ich stehe und staune und denke den schauerlichen Gedanken: In deinem Auge sind auch die Himmel nicht rein.

Wenn du an den Engeln Sünde gefunden hast und ihrer nicht schontest, was wird mit mir geschehen? Sterne sind vom Himmel gefallen, und ich, Staub der Erde, wie wag ich es, zu hoffen? Menschen, deren Handlungen den Schein des Guten hatten, fielen in den Abgrund des Bösen, und, die das Brot der Engel aßen, sah ich mit den Trebern der Schweine ihre Lust befriedigen.

2. So steht denn keine Heiligkeit fest, wenn du, Herr, deine Hand zurückziehst. So rettet denn keine Weisheit, wenn du nicht regierst. So hilft denn keine Stärke, wenn du nicht schützest. So dauert denn keine Keuschheit, wenn du sie nicht bewahrst. So nützt denn keine eigene Wachsamkeit, wenn dein heiliges Auge nicht wacht. Denn wenn uns deine Hand loslässt, so fallen wir ins Wasser und gehen unter; wenn uns deine Hand anfasst, so kommen wir wieder ans Land und leben. Unsere Tritte schwanken hin und her, du befestigst sie. Unsere Herzen sind lau und werden kalt, aber du zündest sie wieder an.

3. Oh, wie kann ich gering und niedrig genug von mir denken? Wie muss ich es für gar nichts achten, wenn ich etwas Gutes zu haben scheine! Wie tief muss ich mich versenken in den Abgrund deiner Gerichte, o Herr, da ich an mir nichts anderes finde als Nichts und Nichts! Oh, eine unermessliche Last liegt auf mir, ein uferloses Meer vor mir! Wie finde ich in mir überall nichts anderes als in allem Nichts! Wo sollte doch die eitle Ehre noch eine Falte finden, hinter der sie sich versteckte? Wo sollte noch ein Vertrauen auf meine Tugend in mir Platz finden können? Verschlungen, verschlungen ist alles eitle Rühmen in dem Abgrunde deiner Gerichte über mich.

4. Was ist alles Fleisch vor deinem Überdruss? Wird sich ein Gefäß aus Ton rühmen gegen den, der es gebildet hat? Wie sollte eitles Ruhmgeschwätz ein Herz noch in die Höhe treiben können, das die Wahrheit einmal tief genug unter Gott gebeugt hat? Den die Wahrheit sich unterwürfig gemacht hat, den kann die ganze Welt nicht mehr zum Stolze erheben. Wer seine ganze Hoffnung auf Gott gegründet hat, den werden die Lobsprüche einer ganzen Welt nicht mehr bewegen können. Denn sieh! auch die da reden, sind alle nichts, verschwinden mit dem Schall ihrer Worte; aber die Wahrheit des Herrn, die bleibt ewig.

15. Kapitel: Wie wir uns bei allen wünschen unseres Herzens verhalten sollen

1. Der Herr: Mein Sohn! So sprich bei allem: »Herr! wenn dir dies gefällt, so soll es geschehen! Wenn dir dies zur Ehre gereicht, so geschehe es in deinem Namen. Wenn du siehst, dass mir dies gut und nützlich ist, so gib mir Kraft, es zu deiner Ehre zu gebrauchen! Wenn du aber siehst, dass es mir schaden und das Heil meiner Seele nicht fördern würde, so nimm das Verlangen danach aus meinem Herzen!« Denn nicht jedes Verlangen der Seele, wenn es dem Menschen auch gut und heilig zu sein scheint, kommt vom Heiligen Geiste. Es ist sehr schwer, richtig zu unterscheiden, ob dich der gute Geist oder ein fremder Geist oder dein eigener Geist treibt, dieses oder jenes zu verlangen. Viele sind am Ende betrogen worden, die anfangs von einem guten Geist gelenkt schienen.

2. So oft dir also etwas gut und verlangenswert scheint, so begehre es nie anders, als in der Furcht des Herrn, nie anders, als mit Demut des Herzens, und stelle die ganze Sache, mit vollkommenster Hingebung deines Willens, dem meinigen anheim. Sprich:

»Herr! du weißt, wie es besser ist. Was und wie du willst, das und so soll es geschehen. Gib mir das, was du mir geben willst; gib mir, soviel du willst, und gib es mir zur Zeit, wann du es geben willst. Schalte und walte mit mir, wie du willst, wie es dir besser gefällt, wie es dir zur größeren Ehre gereicht. Stelle mich hin, wohin du willst, und tu mit mir in allem, frei und ungehindert, wie du willst. Ich bin in deiner Hand; wende mich hin und wider; drehe mich um und um. Sieh! Ich bin dein Knecht, bereit zu allem. Ich will nicht mir leben, sondern dir – könnte ich es doch würdig und vollkommen.«

Gebet, um den Willen Gottes zu vollbringen.

3. Der Mensch: Du, die Fülle der Gnaden, Jesus Christus, unser Herr! Sende deine Gnade herab, dass sie bis ans Ende bei mir ausdaure. Lass mich immer nur das verlangen und suchen, was dir das Angenehmste, das Liebste ist! Dein Wille sei der meine, und mein Wille folge immer nur dem deinen und sei vollkommen Eines mit ihm. Mein Wollen und mein Nichtwollen sei immer Einerlei mit dem deinen! Oh, dass ich nur das allein wollen könnte, was du willst, nur das allein nichtwollen könnte, was du nicht willst!

4. Schenke mir Geist und Kraft, allem abzusterben, was vergänglich ist; um deinetwillen gern unbekannt und misskannt zu sein auf Erden; über alles Wünschen und Verlangen aller anderen Dinge nur in dir Ruhe zu finden, den unendlichen Hunger meines Herzens in dir allein zu sättigen! Denn du bist der wahre Friede, du allein der wahre Ruhepunkt, und außer dir ist überall Unruhe und Plage. In diesem Frieden, das ist, in dir, dem Einen höchsten, ewigen Gut, will ich ruhen, sanft ruhen ewig.

16. Kapitel: Gott allein unser Trost

1. Der Mensch: Was immer ich von wahrem, vollständigem Troste wünschen oder denken kann, das erwarte ich nicht hier in diesem Leben, sondern im kommenden. Hätte ich auch alle Tröstungen dieser Welt, alle Freuden dieses Lebens ganz allein zu genießen, so wüßte ich doch gewiß, dass dieser Genuss keinen Bestand haben könnte. Darum, liebe Seele, kannst du keinen vollständigen Trost, keine vollkommene Erquickung finden, außer in Gott allein, der die Armen tröstet und die Demütigen erquickt.

Warte noch eine Weile, meine Seele, harre auf die Erfüllung der göttlichen Verheißungen, und es wird die Fülle aller wahren Güter im Himmel dein sein. Wenn du aber den gegenwärtigen Gütern zu hitzig und mit ungeordneter Liebe nachjagst, so verlierst du die himmlischen, ewigen Güter. Was der Zeit unterworfen ist, das brauche; was ewig ist, danach strebe. Es kann dich doch kein zeitliches Gut sättigen; du bist ja nicht geschaffen, das Zeitliche zu genießen.

2. Und wenn du alle erschaffenen Güter hättest, so würdest du doch kein Glück und keine Seligkeit darin finden. Denn nur in Gott, der alle Dinge erschaffen hat, ist alle deine Seligkeit und all dein Glück zu finden. Dieses Glück und diese Seligkeit ist ganz anders, als die, welche von den törichten Freunden der Welt gekannt und hochgerühmt werden. Dieses Glück und diese Seligkeit sind eben jene, welche die edlen Freunde Christi erwarten und davon nur die reinen Seelen, die nach dem Geiste leben, hier und da einen Vorgeschmack bekommen, da ihr Wandel im Himmel ist.

Alles, was menschlicher Trost heißt, währt nicht lange und ist im Grunde eitel. Wahrer, seliger Trost ist nur der, den wir von der Wahrheit in unserm Innersten empfangen. Wer die wahre Frömmigkeit hat, der trägt seinen Tröster Jesus immer und überall mit sich umher, und spricht zu ihm: Hilf mir, Herr Jesus, an jedem Orte und zu jeder Zeit! Das sei mein Trost, gern alles menschlichen Trostes entbehren zu wollen. Und wenn sich mir auch deine göttliche Tröstung entziehen sollte, so sei dein Wille und die gerechte Prüfung, die von deinem Willen kommt, mein höchster Trost. Denn du zürnst nicht immer und drohst nicht ewig.

17. Kapitel: Stelle alle deine Sorgen Gott anheim

1. Der Herr: Mein Sohn, lass mich mit dir schalten, wie ich will, denn ich weiß, was dir gut ist. Du denkst wie ein Mensch, und urteilst von vielen Dingen, wie es dir deine menschliche Neigung eingibt.

2. Der Mensch: Herr, es ist, wie du sagst! Du sorgst weit mehr für mich, als ich selbst für mich sorgen kann. Wer nicht all sein Sorgen in deinen Schoß niederlegt, der steht auf einem Grunde, der sehr schwankt. Herr, wenn mein Wille nur gerade zu dir hin gerichtet ist und festbleibt, alles übrige sei dir anheim gestellt! Mache es mit mir, wie es dir gefällig ist. Denn was du mit mir machst, das kann nur gut sein. Wenn du willst, dass Finsternis um mich her werde, so preise ich dich; und, wenn du willst, dass Licht um mich her werde, so preise ich dich wiederum. Ich preise dich, wenn du mich eines Trostes würdigst; und wenn du Trübsal über mich kommen lässest, so preise ich dich auch in der Trübsal.

3. Der Herr: Mein Sohn, so musst du gesinnt sein, wenn du mit mir wandeln willst. Gleich schnell bereit zum Leiden musst du sein, wie zur Freude; so willig zur Armut und Dürftigkeit, wie zur Fülle und zum Reichtum.

4. Der Mensch: Herr, ich will um deinetwillen gern leiden, was du über mich kommen lassen wirst. Gleichmütig will ich von deiner Hand annehmen Gutes und Böses, Süßes und Bitteres, Freudiges und Trauriges, und dir danken für alles, was mir begegnet. Bewahre mich nur vor aller Sünde: dann fürchte ich weder Tod noch Hölle. Wenn du mich nicht auf ewig verwirfst, du mich nicht auslöschst aus dem Buche des Lebens, so kann mir von allen Trübsalen, die über mich kommen mögen, keine schaden.

18. Kapitel: Trage alle irdischen Plagen mit Gleichmut nach dem Beispiele Christi

1. Der Herr: Mein Sohn! Ich stieg um deines Heiles willen vom Himmel herab und trug alle deine Plagen – nicht weil ich musste, sondern weil ich liebte. Ein Beispiel wollte ich dir geben, dass du dich in Geduld üben und das Elend dieser Zeit mit gelassenem Mute tragen sollst. Von der Stunde meiner Geburt in diese Welt bis zum Verscheiden am Kreuze gab es für mich immer etwas zu leiden. Mangel an irdischen Gütern, das Klagen und Murren vieler über mich, Spott und Hohngelächter war mein tägliches Brot, und ich ergab mich mit stillem Sinn in alle diese Leiden. Meine Wohltaten haben sie mir mit Undank, meine Wunderwerke mit Gottes-Lästerung, meine Belehrungen mit Tadel vergolten.

2. Der Mensch: Lieber Herr! Weil dein ganzes Leben ein lauteres Bild der Geduld gewesen und durch eben diese Geduld der Auftrag deines Vaters vollbracht worden ist, so ist es billig, dass auch ich, ein armer Sünder, nach deinem Willen und nach deinem Beispiele mich in Geduld übe und die Bürde dieses gebrechlichen Lebens zu meinem Heile stillleidend so lange forttrage, bis du sie mir abnimmst. Zwar ist dieses Leben eine schwere Last, aber an dieser schweren Last hangen viele Gnaden von dir, die uns großer Belohnungen würdig machen können. Und die Beispiele der Heiligen, und vorzüglich deine eigenen Fußtapfen vor uns, machen uns die Last dieses Lebens, bei all unserer Schwachheit, viel erträglicher und freundlicher. Auch fließen jetzt mancherlei Quellen des Trostes herab, die in den Zeiten des Alten Bundes versiegt waren. Die Pforte des Himmels war verriegelt, und die Bahn dahin verlor sich ins Dunkle, indem so wenige Pilger die Burg des Himmels zum Zielpunkte ihrer Reise machten. Und auch die Gerechten und Auserwählten konnten nicht gleich in das Reich des Himmels eingehen, ehe du dein Leiden vollbracht und durch dein heiliges Sterben die Schuld des Todes an das Kreuz geheftet hattest.

3. O wie kann ich dir genug danken, dafür, dass du mir und allen, die an dich glauben, die gute, gerade Bahn in dein ewiges Reich so mild und lichthell gewiesen hast. Wahrhaftig, dein Leben ist unsere Bahn, und indem wir in Geduld mutig nachgehen, kommen wir zu dir, du unser Heil und unsere Krone. Wärest du nicht voraus gegangen, hättest du nicht mit Wort und Tat Bahn gemacht, wer würde sich's angelegen sein lassen, dir nachzufolgen? Wie viele würden in einer großen Entfernung vom Ziele Zurückbleiben, wenn sie nicht auf dein herrliches Beispiel vorwärts blickten? Sieh! Jetzt noch, obwohl wir von deinen Wundern und Lehren so zuverlässige Zeugnisse vor uns haben, jetzt noch werden wir lau und träge zum Guten; was würde erst aus uns werden, wenn uns kein so helles Licht ins Auge schimmerte und uns den Weg der Nachfolge zeigte?

19. Kapitel: Worin die wahre Geduld besteht, und dass man Unrecht geduldig leiden muss

1. Der Herr: Was redest du da, mein Sohn? Höre auf, dich zu beklagen! Fasse doch einmal zu Herzen, was ich und andere Heilige gelitten haben! Du hast ja noch nicht bis zum Blutvergießen widerstanden. Alles, was du zu leiden hast, ist im Grunde nichts oder sehr wenig, im Vergleich mit denen, die soviel ausgestanden haben, die sich durch so schwere Versuchungen, so schwere Plagen, so mannigfaltige Prüfungen durchkämpfen mussten. Du sollst also die größeren Leiden anderer zu Gemüt fassen, damit du deine geringen Leiden leichter tragen lernst. Und wenn dir deine Leiden nicht so klein und unbedeutend vorkommen, so sieh zu, ob eben dies nicht eine Frucht deiner Ungeduld ist. Doch, dein Leiden sei klein oder groß, du sollst alles geduldig tragen lernen.

2. Je besser du dich zum Leiden anschickst, desto vernünftiger handelst, desto angenehmer bist du in meinen Augen, desto würdiger der himmlischen Belohnung. Du wirst auch deine Leiden um so leichter tragen, je mehr du dich schon vorgeübt und darauf gefasst gemacht hast. Du musst dann aber nicht etwa sagen: »Von solch einem Menschen kann ich ein Unrecht unmöglich ertragen, und ich darf derlei nicht erdulden. Denn er hat mir einen so großen Schaden getan, hat mir solche Dinge vorgeworfen, an die mein Herz nie gedacht hat. Wenn mir ein anderer Mensch ein Unrecht zugefügt hätte, da wollte ich's gern tragen und mich um Kraft Umsehen, es geduldig zu ertragen.« Eine solche Gesinnung ist Torheit. Denn, wer so gesinnt ist, der weiß nicht, worin das Wesen der Geduld besteht, blickt auch nicht zu dem auf, der eigentlich die Geduld krönen wird, sondern sieht nur immer auf die Menschen, die wehtun, und auf das Unrecht, das sie ihm angetan haben.

3. Wer nur soviel leiden will, als er nach seinem Gutdünken oder nach seiner Neigung leiden zu können oder zu müssen glaubt, der hat nicht die wahre Geduld. Wer die wahre Geduld besitzt, der sieht nicht darauf, ob der, von welchem er etwas zu leiden hat, über ihm oder unter ihm oder ob er seinesgleichen ist; sieht nicht darauf, ob er von einem guten, heiligen Manne oder von einem nichtswerten, lasterhaften Menschen in der Geduldschule geübt wird; sondern alles Widrige, das ihm von diesem oder jenem Geschöpfe begegnen mag, alles nimmt er gleichmütig und von der Hand Gottes dankbar an und hält dieses Leiden für einen großen Gewinn. Denn das geringste Leiden, das ein Mensch um seines Gottes willen duldet, wird ein großer Edelstein in der Krone des Dulders.

4. Rüste dich also zum Streite, wenn du den Sieg haben willst. Denn ohne Streit kannst du die Krone der Geduld nicht erlangen. Wenn du nicht leiden willst, so sprichst du zur Krone: Ich will dich nicht. Wenn du aber die Krone willst, so streite wie ein Mann und leide in Geduld. Ohne Arbeit keine Ruhe für dich, ohne Streit kein Sieg.

5. Der Mensch: Lieber Herr! Lass mir durch deine Gnade möglich werden, was mir nach meiner Natur unmöglich zu sein scheint. Du weißt es am besten, dass ich so wenig Leiden ertragen kann, dass mich die kleinste Widerwärtigkeit zu Boden wirft. Oh, lass mir jede Übung der Geduld um deines Namens willen nur recht wünschenswert und lieb werden! Denn um deinetwillen leiden und geplagt werden, das macht gut und selig.

20. Kapitel: Von dem Bekenntnis der eigenen Schwäche und von den Trübsalen dieses Lebens

1. Der Mensch: Ich will wider mich selbst ein Zeugnis ablegen, will mein Unrecht gestehen, will meine Schwachheit vor dir, o Gott, bekennen. Oft ist es eine Kleinigkeit, die mich mutlos und traurig macht. Jetzt fasse ich den Entschluss, tapfer zu handeln, aber sieh! gleich darauf tritt eine geringe Versuchung ein, und schon bin ich in großer Bedrängnis. Oft ist es ein geringfügiges Ding, woraus eine heftige Anfechtung für mich entsteht. Und wenn ich mich ein wenig sicher glaube, so rauscht, ehe ich mich's versehe, ein leichter Windstoß daher und wirft mich samt all meiner Sicherheit zu Boden.

2. So sieh denn, o Herr, auf meine Niedrigkeit und Gebrechlichkeit, die dir noch besser als mir selbst bekannt ist, mit Erbarmung herab! Erbarme dich meiner, und reiß mich heraus aus dem Schlamme, dass ich nicht noch tiefer hineinsinke und vollends darin versinke! Ach! das ist es eben, was mich so oft vor deinem Auge zuschanden macht und tief verwundet, dass ich so hinfällig bin, so ohnmächtig, den bösen Neigungen Widerstand zu leisten. Und wenn ich auch dem Reize zum Bösen die volle Zustimmung meines Willens versage, so ist es für mich doch lästig und schwierig, dass der Reiz zum Bösen mich immer und immer verfolgt und in die Enge treibt. Es ist doch verdrießlich, täglich in lauter Zank und Streit leben zu müssen. Auch dadurch offenbart sich mir meine Schwachheit, dass die schändlichen Vorstellungen von verbotener Lust viel leichter in meine Einbildungskraft eindringen, als sich wieder aus ihr vertreiben lassen.

3. Gott Israels, du starker, du heiliger Freund aller Seelen, die mit treuer Liebe dir anhängen! Ach, dass du herunter sähest auf die Mühen und Kämpfe deines Knechtes, und ihm in allem, was er unternimmt, zur Seite stündest! Stärke mich mit himmlischer Kraft, damit der alte Mensch, das Fleisch, das der Geist noch nicht vollkommen unter das Joch gebracht hat, nicht wieder die Oberherrschaft erlangt, das Fleisch, gegen das mein Kampf nicht früher aufhören darf, als mein Aufenthalt in diesem Lande des Jammers währt. Was ist doch das für ein Leben, wo es nie an Trübsal und Elend fehlt, wo überall Schlingen und Feinde genug auf unseren Untergang lauern? Denn, wenn eine Trübsal oder Versuchung fortgeht, zieht schon wieder eine andere auf den Kampfplatz, und oft, indem wir noch mit einer im Streite liegen, fallen uns schon mehrere andere in den Rücken, ganz unerwartet.

4. Und, wie ist es möglich, ein Leben lieb zu haben, das uns mit soviel Bitterkeit, Trübsal und Jammer überschüttet? Wie kann man auch ein Leben, das so mancherlei Seuchen und Tod und wieder Tod erzeugt, ein Leben nennen? Und doch verlieben sich so viele Menschen in dieses Leben und suchen ihre ganze Freude darin. Zwar fehlt es nicht an Menschen, die die Welt tapfer schelten, dass sie voll Lug und Trug stecke. Allein, ihr Herz bleibt doch an der lug- und trugvollen Welt hangen, weil es die herrschenden Begierden des Fleisches so fest daran klammern. Es treibt sie nämlich etwas anderes zur Weltliebe, und wieder etwas anderes zur Weltverachtung. Zur Weltliebe treiben sie die Fleischeslust, die Augenlust und die Hoffart des Lebens. Der Jammer aber und die Strafen, womit die Weltliebe ihre Freunde nach dem Gesetze der Gerechtigkeit züchtigt, treiben zum Haß gegen die Welt und zum Überdruss an ihr.

5. Eine böse Lust aber söhnt leider ein Herz, das im Grunde doch noch an der Welt hangt, wieder mit der Welt aus, und es findet ein Vergnügen darin, sein Ruhebette wieder auf Dornen zu haben, weil es die Süßigkeit, die Gott seinen Freunden gewährt, noch nie gekostet und die innere Schönheit der Tugend noch nie erblickt hat.

Die aber die vergänglichen Dinge vollkommen verschmähen und in heiliger Zucht ihrem Gott allein zu leben suchen, die kennen die innere Süßigkeit des göttlichen Friedens, welcher der wahren Selbstverleugnung verheißen ist, aus Erfahrung; die sehen es heller als andere, wie schrecklich die Täuschungen der Welt und wie mannigfaltig ihre Blendungen sind.

21. Kapitel: Lasst uns ruhen in Gott, unserem höchsten Gut

1. Der Mensch: Erhebe dich, meine Seele, über alle Dinge, und suche deine Ruhe immer nur im Herrn, und du wirst sie in ihm allein finden: denn er ist die ewige Ruhe aller Heiligen. Gib mir also, o du, die Liebe selbst und die Fülle aller Süßigkeit, Jesus Christus, gib mir Kraft, dass ich mich erhebe über alles Erschaffene, über alle Schönheit und Reize, über alles Heil und allen Segen, über alle Ehre und Herrlichkeit, über alle Macht und Hoheit, über alle Wissenschaft und allen Scharfsinn, über alle Reichtümer und Künste, über alle Freude und Entzückung, über alles Lob und Jubelgeschrei, über alle Süßigkeit und Erquickung, über alle Verheißung und Hoffnung, über alle Verdienste und Wünsche, über alle Gaben und Geschenke, die du mitteilen kannst, über alle Himmelslust und Seligkeit, die die Seele fassen und genießen kann, endlich über alle Engel und Erzengel, über alle Heere des Himmels, über alles Sichtbare und Unsichtbare – gib mir Kraft, dass ich mich erhebe über alles, was du, mein Gott, nicht bist, und dass ich, erhaben über alles, was du nicht bist, in dir allein Ruhe suche und Ruhe finde.

2. In dir allein, o du mein Herr und Gott, kann ich Ruhe finden, weil du das beste, du das höchste, du das mächtigste, du das selbstgenügsamste und reichste, du das lieblichste Wesen und die Fülle des Trostes für alle anderen Wesen, du die Schönheit und die Liebe, du die Heiligkeit und die Herrlichkeit selbst bist. In dir allein ist alles Gute auf das vollkommenste vereinigt; in dir war immer alles Gute aufs vollkommenste vereinigt; in dir wird immer alles Gute aufs vollkommenste vereinigt bleiben. Was du mir also immer schenkst, oder von dir offenbarst und verheißest, so groß und wahr und gut es immer sein mag, so ist es doch noch viel zu gering für mein Herz, so lange du dich selbst mir nicht schenkst, dich selbst mir nicht zu sehen und zu genießen gibst. Denn dies mein Herz hast du viel zu groß geschaffen, als dass es in irgend einem Gut volle und wahre Befriedigung finden sollte, bis es über alle Geschöpfe und über alle deine Gaben sich emporgeschwungen und in dir allein seine ganze Ruhe und Seligkeit gefunden hat.

3. O du mein liebster Bräutigam, Jesus Christus, du heiligster Freund unsterblicher Seelen, du Gebieter und Beherrscher aller Geschöpfe! Wer gibt mir die Flügel der wahren Freiheit, dass ich auffliege zu dir und Ruhe und Seligkeit in dir finde? O wann wird es mir gegeben werden, von allem, was mich bindet und hemmt, frei zu sein, und zu schauen, und zu erfahren, wie süß es ist, dich, mein Gott, zu genießen? Wann werde ich mein ganzes Wesen in dir allein sammeln und in Liebe zu dir meiner selbst vergessen und nichts als dich, dich empfinden und genießen können, dich genießen auf eine Weise, die die Wenigsten kennen, und die alle gewöhnliche Weisen und Empfindungen übersteigt?

Jetzt ist Seufzen mein Los; mein Elend im Gefühle des Schmerzens tragen ist mein Tagewerk. Überall begegnet mir in diesem Tale des Jammers Jammer genug; Übel genug, die mein Herz verwirren, betrüben und verfinstern, hindern und zerstreuen, locken und gefangennehmen, dass ich nicht freien Zutritt zu dir finden, nicht deine freundlichen Umarmungen genießen, nicht immer im Chor der seligen Geister mitsingen kann. Möchte es dich rühren, wenn du mein Seufzen hörst, mein Leiden in dem Lande der Trostlosigkeit siehst!

4. Jesus! Du Abglanz der ewigen Herrlichkeit, du Trostquelle für alle Seelen im Pilgergewande! Meine Zunge findet kein Wort vor dir, und nur mein Schweigen redet zu dir! Wie lange zögert noch mein Herr mit seinem Kommen? Ach! dass er käme zu seinem Armen und froh machte den Traurigen! Dass er ausstreckte seine Hand und herausrisse aus all seiner Angst den Geängstigten! Komm, komm doch bald, denn ohne dich, du meine Freude, geht für mich kein Freudentag mehr auf; ohne dich schlägt keine Freudenstunde mehr für mich, und leer ist ohne dich mein Tisch. Elend bin ich, bin wie eingekerkert und mit Fesseln gebunden, bis mich das Licht deiner Gegenwart erquickt, deine Wahrheit frei macht, dein freundliches Angesicht den Himmel in meine Seele bringt.

5. Mögen andere ihr Paradies suchen, wo sie wollen, nur bei dir suchen sie's nicht; mir gefällt nichts mehr und kann nichts mehr gefallen, als du, mein Gott, meine Zuversicht, mein ewiges Heil! Nimmer schweigen, nimmer aufhören zu bitten will ich, bis deine Gnade wieder kommt, bis deine Stimme in mir wieder spricht.

6. Der Herr: Sieh, da bin ich! Ich komme zu dir, weil du mich gerufen hast. Die Tränen deines Auges und das Sehnen deines Herzens, die Demut und die Zerschlagenheit deines Geistes neigten mein Herz und führten mich zu dir herab.

7. Der Mensch: Und ich sprach: Ja, ich habe dich gerufen, Herr, ich habe mich gesehnt, dich zu genießen, entschlossen, alles um deinetwillen zu verschmähen. Aber du hast mich zuvor geweckt, dass ich dich mit Inbrunst suchte. Dir sei also Lob und Dank, Herr, dass du nach der Fülle deiner Erbarmungen an deinem Knechte soviel Gnade bewiesen hast. Was darf ich noch sagen vor dir?

Dein Knecht hat kein anderes Wort mehr als: noch tiefer möcht ich mich vor dir erniedrigen; nie werde ich vergessen können, wie gering und böse ich bin; unter allen Wundern im Himmel und auf Erden ist keines so groß wie du selbst; gut sind alle deine Werke, heilig deine Gerichte, allumfassend deine Führungen; dir also, Weisheit des Vaters, dir sei Lob und Ruhm! Dich preise und lobe mein Mund und meine Seele, und alle Geschöpfe fallen zugleich in meinen Lobgesang ein!

22. Kapitel: Dankbares Gedenken an die vielfachen Wohltaten Gottes

1. Der Mensch: Schließ mein Herz auf, dass ich dein Gesetz verstehe, und lehre mich, auf der Bahn deiner Gebote wandeln. Gib mir Kraft, deinen Willen zu erkennen und deine Wohltaten im allgemeinen und im besondern mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu betrachten und mit tiefer Ehrfurcht im Andenken zu behalten, damit ich dir würdig dafür danken kann. Oh, ich weiß es wohl und bekenne es laut, dass ich unfähig bin, dir auch nur für die geringste Wohltat genug zu danken. Ich bin zu gering, auch nur zu denken an alle die Gaben, die ich von dir empfangen habe, und wenn ich zu der edlen Liebe des Wohltäters aufsehe, oh, dann versagt mein Geist vor deiner Größe.

2. Was wir Gutes haben an Leib und Seele, in uns und außer uns, alles Gute, es liege in dem Gebiete der Natur, oder es sei höher als alle Natur, alles Gute ist deine Gabe, und preist dich als den Geber voll Güte und Milde, von dem wir alles Gute empfangen haben. Und wenn einer gleich mehr, der andere weniger empfangen hat, so ist doch alles deine Gabe, und ohne dich hätten wir nicht einmal das Geringste. Wer mehr empfangen hat, darf es nicht etwa als sein Verdienst, das ihm Ehre machte, ansehen, darf sich nicht über andere erheben, nicht den, der geringer ist, mit höhnendem Stolz verachten. Denn der nur ist größer und besser, welcher sich selbst weniger zuschreibt und im Danken mehr Demut und Andacht bezeugt. Und gerade der, welcher in seinem Auge geringer und unwürdiger ist als andere, der ist auch fähiger, größere Gaben zu empfangen als andere.

3. Wer aber weniger empfangen hat, soll deshalb nicht traurig noch unwillig werden, noch seinen reicheren Nachbarn mit Neid ansehen, sondern er soll zu dir aufsehen und deine Güte dafür preisen, dass du ohne parteiische Vorliebe für die Person so viele Gaben und so reichlich und so milde ganz ohne alles Verdienst ausspendest. Alles ist deine Gabe, also bist du auch in allem zu loben. Du weißt, was für eine Gabe jedem nützlich ist, warum dieser mehr, jener weniger empfangen hat; darüber können wir nicht Richter sein, das kannst du allein entscheiden, der du den Wert eines jeden Menschen bestimmt hast.

4. Daher achte ich es auch für eine große Wohltat, o mein Gott und Herr, dass ich nicht viel besitze, was in den Augen der Menschen glänzt und den Besitzer groß und herrlich macht. Eben deswegen soll ein Mensch im Überdenken seiner Armut und Niedrigkeit nicht missmutig, traurig oder gar mutlos werden, sondern sich dadurch vielmehr zum Trost und zur Freude ermuntern lassen, weil du, mein Gott, die Armen und Demütigen und in dieser Welt Verachteten zu deinen Hausgenossen und vertrauten Freunden gemacht hast. Deine Apostel, die du zu Fürsten in deinem Reich gemacht hast, sind Zeugen dieser Wahrheit. Ohne Tadel war ihr Wandel auf Erden, ohne Falsch und Arg ihr Sinn, und so einfältig und demütig ihr Herz, dass sie es auch für Ehre und Freude hielten, um deines Namens willen Schmach zu leiden, und was die Welt verabscheut, mit Inbrunst umfassten.

5. Wer also dich lieb hat und deine Wohltaten kennt, soll seine größte Freude daran haben, dass dein Wille in allem geschieht, und alles, was du von Ewigkeit geordnet hast, nach deinem Wohlgefallen vollbracht wird. Diese deine ewige Ordnung soll sein ganzer Trost und der Grund seiner Zufriedenheit sein. Aus Achtung vor deiner Ordnung sollte er so willig und zufrieden dabei sein, wenn er misskannt und verachtet wird und sein Name aus dem Andenken der Menschen verschwindet, als wenn ihn die Welt über alle anderen Menschen hinaufsetzte und ihm die erste Stelle einräumte. Denn dein Wille und der Eifer, deinen Namen zu verherrlichen, muss bei ihm über alles gehen; dein Wille muss ihm mehr Trost und Freude gewähren als alle Gaben, die er empfangen hat oder noch empfangen könnte.

23. Kapitel: Von vier Dingen, die wahren inneren Frieden eintragen

1. Der Herr: Mein Sohn! jetzt will ich dir den Weg in das Land des Friedens und der wahren Freiheit weisen.

Der Mensch: Mein Herr! tu nach deinem Worte; denn das höre ich am liebsten. Der Herr: Lass es dir angelegen sein, lieber dem Willen eines anderen als deinem eigenen nachzuleben. Wähle in allem, was vergänglich ist, das Weniger vor dem Mehr. Setze dich lieber unten an, und sei gern untertan. Wünsche und bete immer, dass Gottes Wille in und an dir vollkommen erfüllt werde. Solch ein Mensch setzt seinen Fuß in das Land des Friedens und der Ruhe.

2. Der Mensch: Herr! Deine Rede hat wenig Worte und viel Sinn! Wahrhaftig, deine Lehre ist arm an Wort, aber reich an Sinn und Kraft. Könnte ich diese deine Lehre treu bewahren, so würden Angst und Verwirrung nicht so leicht in mir entstehen. Denn so oft ich Unfrieden und Bedrückung in mir fühle, so oft nehme ich wahr, dass ich dieser deiner Lehre untreu geworden bin. Aber du, der du alles vermagst und Freude daran hast, dass die Menschen besser werden, verstärke die Einflüsse deiner Gnade, dass ich dein Wort erfülle und mein Heil in Sicherheit bringe. Gebet wider böse Gedanken.

3. Mein Gott und mein Herr! sei du nicht fern von mir! Mein Gott, schau herab auf mich und hilf mir! Denn sieh, allerlei Gedanken haben sich in mir wider mich empört, und vielerlei Furchten belagern meine Seele. Wie werde ich unverletzt durchkommen? Wie werde ich durchbrechen durch so viele, mächtige Feinde? Der Herr: Ich werde, spricht der Herr (Jes. 45, 2), vor dir hergehen und die Großen der Erde demütigen. Ich werde die Tür des Kerkers auftun und meine letzten Geheimnisse dir offenbaren.

Der Mensch: Tu, o Herr, was du sprichst, und fliehen sollen alle bösen Gedanken vor deinem Überdruss! Das ist meine Hoffnung, mein einziger Trost, dass ich in aller Trübsal zu dir meine Zuflucht nehmen, auf dich vertrauen, dich anrufen, deinen Trost in Geduld erwarten darf.

Gebet um Erleuchtung des Gemüts.

4. Guter Jesus! Erleuchte mich mit dem hellen Strahle deines inneren Lichtes und jage alle Finsternisse aus meinem Herzen. Zäume meine Gedanken, dass sie sich nicht in Torheit verlieren, und töte alle Versuchungen, die mich mit Gewalt bestürmen. Streite für mich und erlege die wilden Tiere, die aufreizenden Begierden. Deine siegende Kraft stelle den Frieden her, damit das Lob deines Namens ertöne und widertöne im heiligen Saale: im reinen Gewissen. Dein Wort gebiete dem Wind und dem Sturm! Sprich zum Meere (Mark. 4, 39): sei ruhig! und zum Nordwinde: schweige! und es wird Ruhe werden.

5. Sende dein Licht und deine Wahrheit herab, und lass sie auf Erden leuchten, denn ich bin ein finsteres Land, wüst und leer, bis du mich erleuchtest! Gieß die Ströme deiner Gnade aus; schütte den Tau des Himmels auf mein Herz, und das heilige Wasser der Andacht durchnetze dies Erdreich, dass es gute, dass es die besten Früchte bringt. Erhebe mein Herz, das von der Last der Sünden niedergedrückt ist, und richte mein ganzes Verlangen zu den himmlischen Gütern empor, damit ich die Seligkeit, die da droben zu Hause ist, vorkoste und im Vorgeschmack des Himmlischen an das Irdische nur mit Widerwillen denke.

6. Zieh mich, reiß mich los von allem flüchtigen Troste, den die Geschöpfe geben. Denn kein Geschöpf kann mein Herz vollkommen befriedigen, kein endliches Gut meinen Hunger nach dem Unendlichen stillen. Vereinige mich mit dir durch das unauflösliche Band der Liebe. Denn an dir allein hat der Liebende genug, und ohne dich ist ihm alles übrige nichts.

24. Kapitel: Forsche nicht fürwitzig, was andere tun

1. Der Herr: Mein Sohn! Sei kein Sklave der Neugier, und wirf alle die nichtigen Sorgen aus deinem Herzen. Was geht dich denn dieses oder jenes an? Folge du mir nach. Was geht es dich an, ob jener so oder anders beschaffen ist, dieser so oder anders handelt oder redet? Du brauchst einst nicht für andere zu antworten, aber für dich selbst musst du Rechenschaft geben. Was mischst du dich also in Dinge, die dich nichts angehen? Sieh! Ich kenne alle und sehe alles, was unter der Sonne geschieht; ich weiß, wie es mit jedem steht, was er denkt, was er will, und was der Zweck seines Laufens und Rennens ist. Mir musst du also alles anheimstellen, dich im Frieden halten, und jeden Betriebsamen sein Wesen treiben lassen, soviel er will. Alles, was er sagen oder tun mag, fällt am Ende doch auf seinen Kopf zurück. Denn mich kann er nicht hintergehen.

2. Bekümmere dich nicht um den Schatten eines großen Namens, nicht um die Vertraulichkeit vieler Freunde, nicht um die besondere Liebe der Menschen. Denn das bringt den Menschen außer sich in alle Welt hinaus, und erzeugt in seinem Herzen große Finsternis. Gern möchte ich mein Wort in deine Seele sprechen und dir Geheimnisse offenbaren, wenn du nur meine Ankunft fleißig wahrnähmst und, wenn ich an dein Herz anklopfe, die Tür auftätest. Sei vorsichtig, wache im Gebete und halt dich demütig-stille in allem.

25. Kapitel: Worin der dauerhafte Friede des Herzens und der gesegnete Fortgang in allem Guten besteht

1. Der Herr: Mein Sohn! Ich habe einst (Joh. 14, 27) das Wort gesprochen: Ich lasse euch den Frieden zurück, ich gebe euch meinen Frieden. Nicht wie die Welt gibt, gebe ich euch. Alle wollen Frieden haben, aber das, was allein wahren Frieden schaffen kann, das wollen nicht alle. Mein Friede kehrt bei denen ein, die demütig und sanftmütig sind. Dein Friede wird in viel Geduld sein. Dein Friede ist groß, wenn du mein Wort gern hörst und treu befolgst. Der Mensch: Was soll ich also tun?

Der Herr: Sei aufmerksam auf alles, was du redest und was du tust, und richte all deine Absicht dahin, dass du mir allein gefällst und außer mir nichts verlangst, nichts suchst. Was aber andere tun oder reden, darüber erlaube dir nie ein voreiliges Urteil, und mische dich nicht in irgend ein Geschäft, das dir nicht anvertraut ist. So wird es geschehen, dass dein Herz wenig oder selten in Unruhe gerät.

2. Wenn du aber nie uneins mit dir werden, nie etwas von dem Drucke des Leibes oder Geistes erfahren willst, so verlangst du etwas, das nicht in dieser Zeit, sondern nur in dem Lande der ewigen Ruhe zu finden ist. Glaube also nicht, dass du den wahren Frieden gefunden hast, sobald dich nichts drückt und drängt, oder dass alles gut ist, wenn du mit keinem Feinde zu streiten hast, oder dass es ein sicheres Wahrzeichen der Vollkommenheit ist, wenn dir alles nach Wunsch und Neigung geht. Noch weniger halte dich für etwas Großes oder für einen besonderen Freund Gottes, wenn du die Fülle der Andacht und Wonne genießest. Denn auch diese Empfindung ist nicht die rechte Feuerprobe des wahren Tugendfreundes, nicht das Wesen des Heldenganges zu allem Guten, nicht das Wahrzeichen der Vollkommenheit.

3. Der Mensch: Worin besteht denn aber das Wesen der Tugend? Der Herr: Darin, dass du dich von ganzem Herzen an Gott und seinen Willen hingibst und nicht suchst, was dein ist, weder im Kleinen noch im Großen, weder in der Zeit, noch in der Ewigkeit. Darin besteht das Wesen der Tugend, dass du in Leiden und Freuden ein und derselbe Mensch mit gleichem Mut und gleichem Sinn, immer gleich dankbar gegen Gott, bleiben und alles mit der Einen gerechten Waage des göttlichen Willens abwägen lernst. Wenn du soviel Stärke des Geistes und ausharrende Zuversicht besitzest, dass du in den Tagen innerer Trostlosigkeit dein Herz noch zu größeren Leiden härten und waffnen kannst und dir nicht selbst Recht sprichst, als hätte dieses und jenes so große Leiden nicht über dich kommen sollen, sondern vielmehr mich in all meinen Anordnungen als gerecht und heilig lobpreisest, wenn du diese edle Fassung des Geistes hast, dann wandelst du auf der rechten und geraden Bahn des Friedens; dann magst du die feste Hoffnung behalten, dass du mein Angesicht in heiligem Entzücken bald wieder sehen wirst. Solltest du dich aber schließlich zur vollen Verachtung deiner selbst durchgekämpft haben, so sei überzeugt, dass du von dieser Zeit an all jene Fülle des Friedens genießen wirst, die der seligste Mensch in diesem Pilgerleben auf Erden genießen kann.

26. Kapitel: Von der Würde und Erhabenheit des freien Gemütes

1. Der Mensch: Herr! Nur der vollkommene Mann kann sein Gemüt immer fest halten in Betrachtung himmlischer Dinge und inmitten vieler Sorgen gleichsam ohne Sorge wandeln, nicht etwa weil er träge und ohne Gefühl ist, sondern weil er ein freies Herz hat, und dies freie Herz sich keiner ungeordneten Neigung gefangen gibt.

2. Ich flehe zu dir, o mein Gott, du allerheiligstes Wesen, bewahre du mein Herz, dass es von Sorgen dieses Lebens nicht gebunden, von Bedürfnissen des Leibes nicht gefesselt, von Begierden des Fleisches nicht hingerissen, von Plagen der Zeit nicht niedergeschlagen und von unzähligen Hindernissen der Tugend nicht überwunden wird. Zwar haben für mich die Dinge, nach denen sich die Eitelkeit der Welt müde läuft, keinen sonderlichen Reiz mehr. Was mich aber zurückschlägt, dass ich mich nicht zur Freiheit des Gemütes, so oft ich gern wollte, emporschwingen kann, das ist das gemeinsame Elend, das mit dem sterblichen Leibe verbunden, nach dem Fluche, den die Sünde in die Welt gebracht hat, die Seele deines Dieners niederdrückt und hart beschwert.

3. Oh, mein Gott, du unaussprechlich Gütiger! Verwandle alle sinnliche Lust, die mich durch den trügerischen Zauber einer flüchtigen Freude zu sich hin und von ewigen Gütern ablockt, verwandle mir alle diese Lust in Bitterkeit! Nicht mehr, ich flehe zu dir, mein Gott, nicht mehr soll mich Fleisch und Blut überwinden; nicht mehr soll mich die Welt mit ihrer kurzen Herrlichkeit blenden; nicht mehr soll mich der Teufel mit seiner Listigkeit hintergehen. Gib mir Kraft, die widerstehen, Geduld, die tragen, Beharrlichkeit, die bis ans Ende ausharren kann. Lass mich statt aller Freuden der Erde die Salbung deines Geistes erfahren, die an innerer Lieblichkeit alles Liebliche übertrifft. Lass statt fleischlicher Liebe die heilige Liebe deines Namens mein Herz durchglühen.

4. Speise, Trank, Kleidung und was noch zur Unterhaltung des Leibes gehört, ist für einen Geist, der nur für das Ewige leben möchte, doch nur eitel Last und Plage. Gib, dass ich all diese unentbehrlichen Erhaltungsmittel des sterblichen Lebens mäßig gebrauche und nicht durch zu große Begierde bestrickt werde. Man darf auf der einen Seite nicht alles wegwerfen, weil die Natur doch gepflegt sein muss, und soll auf der andern Seite nach dem heiligen Gesetze nichts genießen, was zur Pflege des Leibes überflüssig und bloß zur Lust ist, weil sich sonst das Fleisch sogleich wider den Geist empört. Deine Hand, o Gott, leite und führe mich auch in dieser Sache, dass ich auf keiner Seite zu viel tue.

27. Kapitel: Das höchste Gut des Menschen hat keinen ärgeren Feind als die Eigenliebe

1. Der Herr: Mein Sohn! Du musst alles für alles hingeben, musst nichts mehr für dich sein. Glaube doch meinem Worte: Kein Ding auf Erden schadet dir mehr, als du dir selbst mit deiner Liebe zu dir. Nach der Liebe und Neigung, die du hegst, hangt dir jedes Ding mehr oder weniger an. Ist deine Liebe rein, einfältig und wohlgeordnet, so kann dich kein Ding gefangen nehmen.

Nähre keine Begierde nach dem, was du nicht besitzen darfst, und ringe nicht um den Besitz dessen, was dich fesseln und der inneren Freiheit berauben kann. Es ist doch wunderlich, dass du nicht dich und alles, was du hast oder haben willst, mir aus tiefstem Herzensgrunde anvertraust.

2. Warum verzehrst du dich in eitlem Kummer? warum lässt du unnütze Sorgen dein Herz drücken? Steh bereit nach meinem Wohlgefallen, dann wird dir in aller Welt nichts schaden können. Wenn du bald dies, bald jenes suchst, bald da, bald dort sein möchtest und überall nur auf deinen Nutzen, auf Befriedigung deiner Neigung siehst, so wirst du niemals ruhig werden und überall die Sorge, die dich unruhig macht, mit dir hinbringen. Denn an jeder Sache wirst du einen Mangel und an jedem Orte einen Menschen finden, der sich deiner Neigung widersetzt.

3. Also das hilft dir nicht zum inneren Frieden, dass du irgendeine Sache außer dir bekommen oder vermehrt hast, sondern das hilft zum Frieden, was du verschmähst und wozu du die Neigung mit der Wurzel aus deinem Herzen getilgt hast. Und dies gilt nicht bloß von Geld und Reichtum, sondern auch von jedem ehrgeizigen Streben nach Ansehen und eitlem Lob, was alles mit dieser Welt vergeht. Die Abgeschiedenheit des Ortes schützt dich nicht, wenn dich die heilige Flamme des Geistes nicht bewahrt. Und der Friede, den du im Äußeren suchst, wird nicht lange währen, wenn seine Grundfeste nicht in deinem Herzen und dein Herz seine Grundfeste nicht in mir hat. Du kannst dich durch und durch ändern, aber dich besser machen, das kannst du nie. Denn wovor du fliehst, das wirst du bei dem nächstkommenden Anlass wieder finden, und noch mehr.

Gebet um Reinigung des Herzens und um himmlische Weisheit

4. Der Mensch: Befestige du mich, o Gott, durch die Gnade des Heiligen Geistes. Gib mir Kraft, die den inwendigen Menschen in mir zurechtsetzt und unwandelbar macht, dass mein Herz von aller unnützen Sorge und Angst leer und frei wird. Gib mir festen Sinn, dass ich weder von dem, was in den Augen der Welt köstlich, noch von dem, was in den Augen der Welt geringe ist, in törichte Begierden verwickelt werde, sondern alle Dinge für das ansehen lerne, was sie sind: wie sie nur so vorübergehen und ich mit ihnen. Denn es ist nichts Bleibendes unter der Sonne; alles ist Eitelkeit und Bekümmernis des Geistes. O wie weise ist der, der die Dinge so ansieht!

5. Gib mir, Herr, himmlische Weisheit, dich vor allem andern zu suchen und zu finden, dich über alles zu lieben und in allem zu genießen, und die übrigen Dinge an jene Stelle zu setzen, die ihnen deine Weisheit angewiesen hat. Lehre mich glatten Schmeicheleien klug auszuweichen und meinen Gegner geduldig zu tragen. Denn es ist eine große Weisheit, weder lauten Tadel noch leises Lob auf sein Herz wirken zu lassen. Und nur diese Weisheit führt auf dem begonnenen Wege sicher fort.

28. Kapitel: Wider die Verleumdung

1. Der Herr: Mein Sohn, lass dir's nicht so schwer aufs Herz fallen, wenn die Menschen schlecht von dir denken, und von dir reden, was du nicht gern hörst. Von Rechts wegen solltest du noch schlimmer von dir selbst denken als andere und keinen anderen für minder halten als dich. Wenn du ein innerliches Leben führst, wirst du nicht viel Acht haben, was für Worte draußen herumschwirren. Es ist keine kleine Weisheit, in bösen Tagen zu schweigen, dich ganz mir anzuvertrauen, die Menschen außer dir richten und schelten zu lassen und darüber nicht verwirrt zu werden.

2. Dein Friede ruhe nicht auf Menschenzungen. Denn sie mögen's gut oder schlecht auslegen, du bist deswegen doch kein anderer Mensch. Wo ist denn der wahre Friede und die wahre Ehre zu finden? Wo anders, als in mir allein? Wer nicht begehrt, den Menschen zu gefallen, und wer nicht fürchtet, den Menschen zu missfallen, der wird viel Ruhe und Frieden haben. Denn alle Unruhe des Herzens und alle Zerstreuung der Sinne kommt doch nur von ungeordneter Liebe und von eitler Furcht her.

29. Kapitel: Wie man in trüben Stunden Gott anrufen und preisen soll

1. Der Mensch: Ewig sei dein Name, Herr, gelobt, denn du hast diese Prüfung und Trübsal über mich kommen lassen. Ich kann ihr nicht entfliehen, aber ich muss meine Zuflucht zu dir nehmen, damit du mir hilfst und alles zu meinem Besten wendest. Sieh, Herr! Jetzt schmachte ich in der Trübsal; mir ist nicht mehr wohl ums Herz, und schweres Leid liegt auf mir. Und jetzt, lieber Vater! was soll ich sagen? Von allen Seiten werde ich bedrängt. Rette du mich aus dieser Stunde. Doch du hast diese Stunde über mich kommen lassen, damit sich deine rettende Allmacht in ihrer Herrlichkeit offenbart, wenn ich tief erniedrigt und durch dich errettet sein werde. Herr! Lass es dir gefallen, mich aus dieser Not zu reißen; denn ich, arm und schwach ohne dich, was kann ich tun, und wo will ich hingehen ohne dich? Geduld, o Herr! Geduld schenke mir auch diesmal. Mein Gott! sei du meine Hilfe: dann werde ich nicht zittern, wenn auch die schwerste Last auf mich stürzte!

2. Was soll ich in all dem Elend sagen? Herr, dein Wille geschehe! Ich habe sie wohl verdient, diese Züchtigung, diese Beklemmung des Herzens. Es muss gelitten, es muss im Leiden ausgeharrt sein, und dass ich doch mit stillem, ruhigen Sinn ausharrte, bis das Wetter vorüber gegangen, bis es mit mir wieder besser sein wird! Die allmächtige Hand Gottes ist ja mächtig genug, auch diese Versuchung von mir wegzunehmen oder ihren Angriff zu mildern, dass ich nicht gänzlich unterliege. Oh, mein Gott, du meine Barmherzigkeit! Du hast es ja bei allen Leiden, die bisher über mich kamen, so gut mit mir gemacht. Und je schwerer es mir wird, um so leichter ist für deine allmächtige Hand eine Wendung.

30. Kapitel: Wie man um die Hilfe Gottes bitten und mit Zuversicht auf die wiederkommende Gnade warten soll

1. Der Herr: Mein Sohn! Ich bin der Herr, ich schaffe Kraft und Mut in den Tagen der Trübsal. Komm nur zu mir, wenn's dir nicht gut geht. Eben dies, dass du so spät betend zu mir kommst, schlägt die Tröstungen des Himmels so weit zurück. Denn ehe du inständig zu mir um Hilfe rufst, besuchst du jede andere Trostquelle, eine nach der anderen, willst du nur immer in Dingen außer dir und mir Labung finden. Und weil du die Labung am unrechten Orte suchst, nützt all dein Suchen wenig, bis dir endlich die Augen aufgehen, bis es dir hell einleuchtet, dass ich es bin, der alle errettet, die auf mich vertrauen; dass außer mir keine Hilfe durchhelfen, kein Rat recht raten, keine Rettung auf die Dauer retten kann. Aber, nun fasse wieder Mut, denn der Sturm ist für diesmal vorüber. Hole wieder neue Lebenskraft für dich aus der Fülle meiner Erbarmungen, die im hellen Lichte vor dir leuchten. Denn ich bin nahe (spricht der Herr), ich bin nahe, um alles wieder gut und ganz zu machen, und nicht nur gut und ganz zu machen, wie es vorher war, sondern noch besser als es war, und im vollen, gerüttelten überfließenden Maße wieder herzustellen.

2. Ist für mich irgend etwas schwer, oder bin ich auch einer von denen, die viel verheißen und nicht tun, was sie verheißen? Wo ist dein Glaube? Steh fest und halte aus. Sei starkmütig und langmütig wie ein Held. Wenn die rechte Zeit kommt, kommt Trost in dein Herz. Harre nur, harre nur auf mich: ich komme gewiss und heile dich. Es ist nur Versuchung, was dich plagt; nur eitle Furcht, was dich schreckt. Wozu nützt denn dein banges Sorgen wegen der Dinge, die da kommen können, als dich immer noch trauriger und wieder trauriger zu machen? Hat doch jeder Tag genug an seiner Plage! Wenn dir das, was vielleicht nie geschieht, den Sinn verrücken kann, bald durch falschen Schrecken, bald durch falsche Hoffnungen: wie eitel und fruchtlos ist dies dein Hoffen und Fürchten!

3. Doch menschlich ist es, von solchen Traumbildern getäuscht zu werden. Wer sich durch jede leise Eingebung seines Feindes ziehen und wie im Kreise umhertreiben lässt, der verrät, dass er eine kleine Seele und wenig Herz hat. Dem Feinde ist es übrigens einerlei, ob er dich mit wahren oder falschen Vorstellungen hintergeht, einerlei, ob dich die Anhänglichkeit an das Gegenwärtige oder die Furcht vor dem Zukünftigen zu Boden wirft, wenn du nur zu Boden geworfen wirst. Lass also keine Unruhe, keine Furcht dein Herz bemeistern. Glaube an mich und vertraue auf mein Erbarmen.

Oft, wenn du meinst, du seist von mir weit entfernt, bin ich am nächsten bei dir. Und wenn du denkst, jetzt ist alles verloren, gerade da kannst du am meisten gewinnen. Es ist nicht gleich alles verloren, wenn dir etwas wider Sinn und Wunsch begegnet. Du sollst nicht nach der Empfindung und aus der Empfindung, die du jetzt gerade hast, urteilen. Und was dich jetzt drückt und niederbeugt – gleichgültig, woher es kommt – das sollst du dir nicht so schwer auf die Seele fallen lassen, als wenn es immer auf dir liegen bleiben müsste, als wenn keine Hoffnung mehr wäre.

4. Denk auch nicht, du wärest ganz verlassen, wenn ich dir auch auf eine Zeit irgend ein Leiden auflade oder den erwünschten Trost entziehe. Denn der Leidensweg ist die Eine königliche Straße in das Himmelreich. Und es ist für dich und meine übrigen Knechte ohne Zweifel besser, dass ihr in der Zuchtschule der Leiden hart mitgenommen werdet, als dass euch alles nach Sinn und Neigung geht.

Ich kenne die verborgenen Gedanken des Menschen; ich weiß, dass es dir zuweilen gut ist, so dürr und trocken, so ohne alle Teilnahme an Gott gelassen zu werden. Denn sonst möchte etwa der gute Fortgang dein Herz übermütig machen und sich ein geheimes Wohlgefallen an dem, was du in Wirklichkeit gar nicht bist, in deine Seele schleichen. Was ich dir gegeben habe, das kann ich dir wieder nehmen, wenn ich will, und auch wieder geben, wenn ich will.

5. Wenn ich's gebe, so ist es mein; und wenn ich's nehme, so habe ich nicht das Deine genommen. Denn mein ist alle gute Gabe, von mir kommt alle vollkommene Gabe. Wenn ich dir etwas Drückendes oder Widriges zusende, so lass dir den Kopf nicht schwindlig und das Herz nicht mutlos werden. Denn ich kann dir's wieder leicht machen und alle Bürde in Freude verwandeln. Wie ich es aber mit dir immer mache, so oder anders, ich bin in allem, was ich ordne und füge, gerecht und anbetungswert.

6. Wenn du einmal die rechte Weisheit und den geraden Blick auf die Wahrheit erlangt hast, dann braucht dich keine Trübsal mehr so mutlos und traurig zu machen. Du wirst vielmehr Freude daran haben und dafür danken. Du wirst deine einzige Freude darin finden, dass ich deiner nicht schone und dich mit allerlei Plagen schlage. Wie mich mein Vater geliebt hat, so liebe ich euch. Dies Wort (Joh. 15, 9) sprach ich einst zu meinen lieben Schülern, die ich ja aber auch nicht ausgesandt habe zum leichten Genusse zeitlicher Freuden, sondern zu schwerem Kampfe, nicht zu Ehren, sondern zum Erdulden großer Schmach, nicht zum Müßiggehen, sondern zum Arbeiten, nicht zum Ausruhen, sondern zum Fruchtbringen in Geduld. Dieses Wort, mein Sohn, sei auch dein Herzens-Wort.

31. Kapitel: Man soll alle Geschöpfe verlassen, um den Schöpfer zu finden

1. Der Mensch: Gnade, noch größere Gnade habe ich nötig, o Herr, wenn ich dahin kommen soll, wo mich im Umgange mit dir kein Geschöpf mehr hindern kann. Denn solange mich noch irgend ein Geschöpf bindet, solange kann ich nicht frei zu dir auffliegen. Freien Flug zu dir wünschte sich der, welcher (Ps. 55, 7) sprach: »Wer gibt mir Taubenflügel? Dann will ich fliegen und Ruhe finden.« Was ist ruhiger als ein einfältiges Auge? Was ist freier als ein Herz, das von allen Dingen der Erde nichts mehr verlangt?

Man muss sich über alles Geschöpf erheben, muss sich von sich selbst vollkommen losmachen und in der Entrückung des Gemütes feststehen, und schauen und sehen, wie du, der Schöpfer aller Dinge, unvergleichbar höher und herrlicher bist als alle deine Geschöpfe. Und wer sich noch nicht von allen Geschöpfen losgemacht hat, der kann nicht frei zum Göttlichen streben. Eben deswegen kommen so wenig Menschen zu dieser himmlischen Beschauung, weil sich so wenig Menschen von dem Vergänglichen, von allen Geschöpfen vollkommen losmachen können.

2. Und dazu bedarfst du einer großen Gnade, die den Geist erhebt und über sich selbst entrückt. Und hat der Mensch diese Geisteshöhe noch nicht erreicht, ist er noch nicht von allen Geschöpfen frei und los und mit Gott eins geworden, so hat alles, was er weiß und tut, kein sonderlich großes Gewicht. Wer noch etwas anderes hochschätzt als das unermessliche, ewige, Eine Gut, wird immer klein sein und tief unten liegen bleiben. Denn alles, was nicht Gott ist, ist nichts und muss für nichts gehalten werden. Es ist aber zwischen der Weisheit einer erleuchteten und gottgeweihten Seele und zwischen der Wissenschaft eines gelehrten und in den Büchern erfahrenen Geistlichen ein himmelweiter Unterschied. Die Weisheit, die durch göttliche Eingebung von oben kommt, ist viel edler als die Wissenschaft, welche sich der menschliche Kopf durch mühsames Forschen selbst schafft.

3. Man findet viele Menschen, die sich die Gabe der Beschauung wünschen, aber auf der rauhen Bahn, die dazu führt, mögen sie sich nicht üben lassen. Das ist ein großes Hindernis, dass man so oft an Zeichen, Buchstaben und sinnlichen Dingen hängt und das Werk der vollkommenen Selbstverleugnung so nachlässig betreibt. Ich weiß nicht recht, was es ist, was uns eigentlich für ein Geist treibt, und was wir im Grunde wollen. Wir hätten es gern, dass man uns für geistlich gesinnte Männer ansähe, und doch wenden wir soviel Mühe und Sorgen auf vergängliche, nichtige Dinge und erforschen so selten in völliger Sammlung des Geistes unser Innerstes.

4. Ach leider! Wenn wir uns auch auf eine kurze Zeit in uns gesammelt haben, so brechen wir bald wieder auf nach draußen, und wir untersuchen unsere Handlungen nicht mehr so strenge vor dem Richterstuhle unseres Gewissens. Wir haben nicht acht, wie unsere Neigungen überall nur auf der Erde kriechen, und beweinen das Elend nicht, dass alles, was die Menschen tun, so unrein ist wie ihre Neigungen. Alles Fleisch hatte einst seinen Weg verdorben, und eben deswegen musste die große, strafende Flut über das Geschlecht der Menschen hereinbrechen. Da nun unsere Neigung durch und durch verdorben und befleckt ist, so muss alles daraus folgende Handeln auch verdorben und befleckt sein, muss die Spur der zerrütteten inneren Kraft an sich tragen. Das gute Leben ist eine Frucht, die nur aus dem reinen Herzen hervorwächst.

5. Man fragt zwar hier und da, was und wie viel ein Mensch getan hat; aber, wie groß und rein die innere Tugend-Kraft ist, die diese äußere Handlung hervorgebracht hat, das wird nicht so fleißig in Erwägung gezogen. Ob einer stark am Leibe, reich, schön, geschickt, ein guter Schriftsteller, ein guter Sänger, ein berühmter Künstler ist, danach fragen die Leute. Ob einer aber die rechte Armut des Geistes besitzt, geduldig, sanftmütig, andächtig und in das geheime, gottselige Leben des Geistes eingeweiht ist, darüber wird geschwiegen. Die Natur sieht auf das Äußere des Menschen, aber die Gnade wendet sich zum Inneren. Die Natur täuscht sich oft; die Gnade aber hofft auf Gott, dass sie nicht betrogen werde.

32. Kapitel: Verleugne dich selbst und entsage aller ungeordneten Begierde

1. Der Herr: Mein Sohn, die vollkommene Freiheit kannst du nicht besitzen, wenn du dich nicht zur vollkommenen Verleugnung deiner selbst durcharbeitest. Sklavenfesseln tragen alle, die eigensüchtig an irgendeinem Ding hangen, die sich selbst lieben, die lüstern und neugierig sind, die viel umherschwärmen, nur suchen, was ihren Sinnen schmeichelt, und nicht was Jesu Christi ist, die immer das bauen und befestigen wollen, was keinen Grund und Bestand hat. Zu nichts wird ja alles, was nicht aus Gott geboren ist. Halte dich an das kurze, aber allessagende Wort: Verlass alles, dann findest du alles; gib Abschied der Begierde, dann kommt dir die Ruhe entgegen. Dieses Wort überdenke; und wenn du dieses Wort erfüllt haben wirst, dann wirst du alles verstehen.

2. Der Mensch: Mein Herr, das ist keine Arbeit für Einen Tag und kein Spiel für Kinder. In dieser Schale liegt ja der ganze Kern der Vollkommenheit für alle, die Gott, den Herrn, suchen.

Der Herr: Mein Sohn, das soll dich nicht zurückschrecken, noch mutlos machen, wenn du von dem Wege der Vollkommenheit reden hörst; soll dich vielmehr reizen, nach dem höheren Ziel emporzuklimmen, oder wenigstens ein herzliches Sehnen nach diesem Ziele in dir zu unterhalten. Oh, dass es doch so gut mit dir stünde, dass du doch schon so weit gekommen wärest, dass du frei von der blinden Liebe zu dir selbst fertig stündest, und gefasst auf meinen Wink und auf den Wink meines Vaters, den ich dir geoffenbart habe! Dann könnte mein Auge mit Wohlgefallen auf dir ruhen; dann würde dein ganzes Leben in Fried und Freude vorübergehen. Aber du hast in dir noch viel, viel zu verleugnen; und wenn du nicht alles mir ganz allein anheimstellst, so wirst du nicht finden, was du suchst. Lass dir meinen Rat heilig sein: Kauf dir von mir geläutertes Gold, das dich reich macht, das ist: die himmlische Weisheit, die alles Irdische mit Füßen tritt. Gib alle irdische Weisheit, alle Menschen- und Selbst-Gefälligkeit daran.

3. Ich sagte: Du sollst das, was im Auge der Menschen hoch und köstlich ist, darangeben, und etwas, das im Auge der Menschen schlecht und nieder ist, dafür kaufen. Denn schlecht und gering im Auge der meisten Menschen und fast ganz aus ihrem Andenken gerückt ist die wahre, himmlische Weisheit, die gering von sich denkt und auf Erden nicht groß heißen will; eine Weisheit, die viele mit ihrer Zunge rühmen, aber mit ihrem widersprechenden Wandel lästern, die aber desungeachtet die köstlichste Perle ist, verborgen vor den Augen der Vielen.

33. Kapitel: Von der Veränderlichkeit des Herzens und von der festen Richtung unserer Endabsicht zu Gott

1. Der Herr: Traue, mein Sohn, deinem eigenen Herzen nicht; denn jetzt ist es so und gleich darauf wieder anders. So lange du lebst, bist du, auch wider deinen Willen, der Veränderlichkeit anheimgegeben; bald freudig, bald traurig; bald stille, bald verstört; jetzt voll Andacht und gleich darauf unandächtig; jetzt fleißig, dann träge; diesmal voll Ernst, ein andermal leichtsinnig und ausgelassen. Wer aber im Geiste wohl geübt ist und die rechte Weisheit besitzt, der hat bei all dieser Veränderlichkeit seines Herzens Einen unveränderlichen Standpunkt; er heftet seinen Blick nicht auf die Empfindung, die kommt und geht, oder auf die mancherlei Seiten, von denen der Wind bald so, bald anders herweht, sondern richtet alle seine Gedanken und Absichten zu dem Einen rechten, besten Zielpunkt hin. Denn wenn das geheimste Auge seines Geistes, bei den unzähligen, einander durchkreuzenden Begebenheiten, immer zu mir und nur zu mir aufschaut, so kann er immer derselbe, sich gleich, und bei allem, was von außen erschüttert, im Inneren unerschüttert bleiben.

2. Je mehr sich nun dieses Auge, das ohne Unterlass zu mir aufschaut, reinigt, desto fester steht der Mensch in Sturm und Ungewitter. Aber auch dies reine, helle Auge bleibt nicht immer rein und hell. Es ist bald ein Seitenblick auf etwas Reizendes, das uns ins Auge blitzt, getan. Selten findest du den Mann, der ganz frei ist von allen Fesseln, das heißt, der sich selbst nie sucht. So kamen einst die Juden zu Martha und Maria nach Bethanien, nicht bloß um Jesu willen, sondern auch um den Lazarus zu sehen. Man muss also das innerste Auge, die herrschende Absicht bei allen unseren Handlungen, reinigen, damit es einfältig und recht sehe, und man muss es über alles, was nur Mittel ist, emporrichten und zu mir, als dem letzten Zielpunkte, erheben.

34. Kapitel: Dem Liebenden schmeckt Gott über alles und in allem

1. Der Mensch: Mein Gott und mein Alles! Was will ich mehr, und was kann ich Seligeres wünschen? O Wort voll Süße und Lieblichkeit, aber süß und lieblich nur dem, der das ewige Wort lieb hat, und nicht die Welt, und nicht die Güter der Welt! Mein Gott, mein Alles! Es ist mit diesem Worte genug gesagt dem, der es versteht, und wer die Liebe hat, der hört es immer gern, wenn es wieder und wieder gesagt wird. Denn wenn du, mein Gott, da bist, ist alles lieblich und süß; bist du ferne, so ist alles bitter und ekelhaft. Du machst das Herz still und schaffst großen Frieden und festliche Freude. Du gibst es uns in das Herz, dass wir alle Dinge gut finden und dich in allen Dingen loben. Ohne dich kann uns nichts auf die Dauer gefallen. Und wenn uns irgend etwas angenehm und schmackhaft werden soll, so darf deine Gnade nicht fehlen; es muss durch deine Weisheit gewürzt werden.

2. Wer an dir Geschmack findet, was soll dem keine Freude schaffen? Und wer an dir keinen Geschmack findet, was soll dem Freude schaffen? Doch alle die, welche nur an der Weisheit der Welt oder an der groben Lust der fünf Sinne Geschmack finden, erliegen, fern von deiner Weisheit, auf ihrer mühsamen Bahn, weil sie in der Weisheit der Welt nichts als Eitelkeit und Eitelkeit, und in den Freuden der fünf Sinne nichts als Tod und Tod finden können. Die aber, welche durch Verschmähung der Weltfreuden und durch Abtötung der Fleischeslust dir nachfolgen, die beweisen, dass sie die rechte Weisheit besitzen, weil sie von der Eitelkeit zur Wahrheit, vom Fleische zum Geiste durchgedrungen sind. Die haben Geschmack an Gott, und was sie in den Geschöpfen Gutes finden, das legt ihnen einen neuen Lobgesang auf ihren Schöpfer in den Mund. Dieser Geschmack an dem Schöpfer, an der Ewigkeit und an dem unerschaffenen Lichte, wie ist er doch so durchaus verschieden von dem Geschmack an den Geschöpfen, an der Zeit und an dem erschaffenen Lichte.

3. O ewig leuchtendes Licht, über alles erschaffene Licht erhaben! sende deinen Strahl aus der Höhe wie einen Blitz in mein Herz und lass ihn in das Allerinnerste meines Herzens dringen! Reinige, erhelle, belebe und erfreue meinen Geist und alle seine Kräfte, dass sie dir im Jubel der Entzückung ewig anhangen.

Oh, wann wird sie denn kommen, die selige, sehenswürdige Stunde, dass mich deine Gegenwart sättigt, dass du mir alles in allem wirst! Ohne diese Gabe fehlt mir noch immer die Fülle der Freuden. Ach! noch lebt der alte Mensch in mir, noch ist er nicht vollends gekreuzigt, noch ist er nicht völlig erstorben. Noch ist er stark genug, sich mit seinen Lüsten wider den Geist zu empören, Kriege über Kriege zu erregen und das Reich der Seele zu beunruhigen.

4. Aber du, der du Gewalt hast über die Gewalt des Meeres und sänftigst die wildtobende Flut, mache dich auf und hilf mir! Zerstreue die Völker, die Krieg wollen, und zermalme sie mit deiner allzermalmenden Kraft. Zeige, zeige diese deine Allmacht, und verherrlicht werde deine Rechte: denn all meine Hoffnung, all meine Zuflucht bist du, mein Gott und mein Herr, du allein!

35. Kapitel: In diesem Leben sind wir nie vor Versuchung sicher

1. Der Herr: Mein Sohn, in diesem Leben bist du nie vor Angriff sicher. So lange du lebst, hast du geistliche Wehr und Waffen nötig. Du wohnst unter Feinden und wirst von links und rechts bestürmt. Deckt dich also nicht der Schild der Geduld, so wirst du nicht lange ohne Wunden durchkommen. Wenn du überdies dein Herz nicht festgegründet hast im Vertrauen auf mich, wenn dein Wille nicht bereit ist, alles Widrige um meinetwillen geduldig zu leiden, so wirst du den heißen Kampf nicht aushalten und die Siegespalme der Seligen nicht erstreiten können. Also, mannhaft hindurchgerungen muss es sein, durch alle Leiden, mit tapferer Hand hindurchgestritten durch alles, was sich dir widersetzt. Denn nur dem Überwinder wird das Brot des Himmels dargereicht. Und dem Trägen bleibt nichts übrig als Jammer und Not.

2. Wenn du in diesem Leben schon Ruhe haben willst, wie willst du dann im kommenden zur ewigen Ruhe gelangen können? Versprich dir in diesem Lande nicht viel Ruhe, sondern mache dich vielmehr auf große Geduld gefasst. Suche du den wahren Frieden nicht auf Erden, sondern im Himmel, nicht bei Menschen oder anderen Geschöpfen, sondern bei Gott allein.

Aus Liebe zu Gott sollst du alles Unangenehme gern leiden: peinliche Arbeiten, Schmerzen, Versuchung, Drangsal, Beängstigung, Not, Armut, Schwachheit, Unrecht, Widerspruch, Tadel, Erniedrigung, Hohn, Zurechtweisung und Verachtung. Das alles treibt zur Tugend; das bewährt den neuen Jünger in der Kampfesschule Christi; das wirkt unsere Ehrenkrone im Himmel. Ich werde dir die kurze Arbeit mit ewiger Belohnung, und die vorübergehende Schmach mit endloser Herrlichkeit vergelten.

3. Glaubst du etwa, dass dir die himmlischen Tröstungen jetzt schon zu Gebote stehen sollten, so oft du nur willst? Meine Heiligen hatten auch nicht lauter Stunden des Trostes, sondern viele Drangsale, mancherlei Versuchungen und große Anfälle von Trostlosigkeit auszustehen. Aber in allen diesen Leiden standen sie aufrecht und geduldig da, vertrauten mehr auf Gott als auf sich, indem sie die Verheißung (Röm. 8, 18) gläubig im Herzen trugen, dass die Leiden dieser Zeit nicht verglichen werden können mit der Herrlichkeit, womit uns die Ewigkeit belohnen wird. Willst du das sogleich und ohne Kampf haben, was so viele andere durch heiße Tränen und große Mühen kaum erringen konnten? Harre auf den Herrn, handle männlich, sei tapfer, fasse neuen Mut, weiche nicht von der Stelle, steh fest und gib Leib und Seele dran, zur Ehre Gottes. Ich werde dir's in vollem Maße vergelten; ich bin bei dir in aller Trübsal.

36. Kapitel: Wider die nichtigen Urteile der Menschen

1. Der Herr: Mein Sohn, wirf dein Herz entschlossen auf den Herrn und fürchte kein menschliches Gericht dort, wo dich dein Gewissen gänzlich freispricht. Es ist gut und heilsam für dich, dass du auch in dieser Leidensschule hart mitgenommen wirst. Und wenn du die Demut des Herzens hast und mehr auf Gott als auf dich vertraust, so wird dir dies schwere Leiden nicht sonderlich beschwerlich sein.

Wo mancherlei Menschen sprechen, da muss es mancherlei Gespräche geben, und die verdienen eben deswegen nicht viel Glauben. Und außerdem ist es ganz und gar unmöglich, allen alles recht zu machen. Ist doch Paulus allen alles geworden und hätte es gern allen im Herrn recht gemacht. Und doch musste auch Paulus (1. Kor. 4, 3) allerlei harte Urteile über sich ergehen lassen. Er bekümmerte sich aber nicht darum, dass ihn die menschlichen Gerichte verdammten.

2. Was er zur Erbauung und Errettung der Menschen tun konnte, das hat er mit aller Treue getan. Aber, dass ihn die Menschen hart richteten, ja sogar verdammten, das konnte er bei all seiner Treue nicht verhindern. Deshalb stellte er seine ganze Sache Gott anheim, der das Ganze am besten kannte. Und seine Verteidigung gegen die harten Anklagen, gegen die ungerechten Urteile und die stolzen Anmaßungen seiner Gegner bestand eigentlich doch nur in Demut und Geduld. Denn wenn er auch hier und da Antwort gab, so geschah es meistens nur um der Schwachen willen, damit sie an seinem Stillschweigen kein Ärgernis nähmen.

3. Wer bist du denn, dass du dich vor einem sterblichen Menschen fürchtest? Heute ist er, und morgen findest du seine Stätte nicht mehr. Fürchte du deinen Gott, und die Menschen werden nicht mehr soviel Furchtbares für dich haben. Was kann auch ein Mensch mit all seinen Lästerworten wider dich ausrichten? Im Grunde schadet er sich mehr als dir, und wer er auch ist, dem Gerichte Gottes kann er doch nicht entgehen. Habe du stets deinen Gott vor Augen, klage nicht, und lass dich in keinen Wortkrieg ein. Wenn du auch in den Augen der Menschen unterliegen und eine unverdiente Schmach erdulden müsstest, so solltest du dich deshalb nicht entrüsten, noch die Ungeduld dir den schönsten Stein aus deiner Krone rauben lassen. Schau vielmehr zu mir auf, ich habe Macht, dich von aller Schmach und Ungerechtigkeit zu erretten, und einem jeden nach seinen Werken zu vergelten.

37. Kapitel: Von dem reinen und gänzlichen Verzicht auf sich selbst, dem Weg zur wahren Freiheit des Herzens

1. Der Herr: Mein Sohn, lass dich, dann findest du mich. Sei in allem ohne Eigenwillen und Eigentum, dann gewinnst du in allem. Denn sobald du dich ganz mir überlässest und dich nicht mehr zurücknimmst, sogleich strömt Gnade und Gnade in dein Herz. Der Mensch: Mein Herr, wie oft soll ich mich preisgeben, worin mich verlassen? Der Herr: Immer und immer, zu jeder Stunde, im Kleinen und im Großen. Ich lasse hier keine Ausnahme gelten; ich will dich ganz nackt und bloß finden. Denn wie werden wir einst Eines werden, ich dein, du mein, wenn du dich noch nicht von allem Eigenwillen im Innern und Äußern frei und los gemacht hast? Je schneller du an dies große Werk Hand anlegst, desto besser für dich; je aufrichtiger und eifriger du an der Vollendung dieses großen Werkes arbeitest, desto mehr gefällst du mir, und desto größer ist dein Gewinn.

2. Einige geben sich preis, aber mit Vorbehalt und Ausnahme. Sie trauen ihrem Gott nicht ganz, darum wollen sie sich selbst versorgen. Einige ergeben sich, anfangs, ganz an mich, aber wenn sie die Versuchung in die Enge treibt, dann laufen sie wieder zu sich selbst zurück und kommen deshalb in der Tugend nicht weiter. Alle diese werden die wahre Freiheit des reinen Herzens und die Gnade meines freundlichen Umganges nie erlangen, bis sie sich ganz an mich ergeben und täglich sich selbst als Opfer darbringen. Ohne diese Selbstaufopferung kann die selige Einswerdung jetzt und später nicht bestehen.

3. Ich habe es dir schon oft gesagt und sage es dir wieder: Verlass dich, verzichte auf dich, und du wirst in mir großen inneren Frieden haben. Gib alles um alles hin, suche dir nichts heraus, nimm nichts zurück von dem Opfer; halt dich fest an mir, und an mir allein, und du sollst mich haben. Dann wird dein Herz frei sein und keine Finsternis dich überwinden können. Danach ringe, darum bitte, danach strecke sich all dein Verlangen aus, dass du von allem Eigenwillen rein ausgezogen, nackt dem nackten Jesus nachfolgen, dir sterben, mir ewig leben kannst. Dann werden alle eitlen Traumgestalten deiner Einbildungskraft als böse Verwirrungen des Gemütes und als unnütze Sorgen des Herzens dahin sein. Dann wird auch die unmäßige Furcht vor dir fliehen und die ungeordnete Liebe sterben.

38. Kapitel: Von der guten Herrschaft im äußeren und der Zuflucht zu Gott in Gefahren

1. Der Herr: Mein Sohn, danach musst du mit allem Fleiße trachten, dass du überall und in allem, was du tust, in jedem äußeren Werke, bei dir im Innersten zu Hause bist, frei und deiner mächtig; dass alle Dinge unter dir sind, und du nicht unter ihnen; dass du der Herr und der Regent deiner Handlungen bist und nicht ihr Knecht und ein Sklave; dass du ein rechter Hebräer wirst, der aus dem Lande der Sklaverei schreitet in das Land der Freiheit, das die Kinder Gottes besitzen. Sie stehen auf der Gegenwart wie auf einem Fußschemel und schauen in die Ewigkeit hinüber; tun auf das Vergängliche nur Seitenblicke und sehen voll auf das Himmlische; lassen das Zeitliche nicht über ihre Neigungen herrschen, dass sie demselben dienten, sondern beherrschen vielmehr das Zeitliche, dass es ihnen diene zu dem Ende, wozu es Gott, der höchst Werkmeister, bestimmt und geordnet hat, der in seinen Werken nichts ungeordnet ließ.

2. Wenn du in dem, was um dich her geschieht, nicht bei dem äußeren Scheine stehen bleibst und das, was du siehst und hörst, nicht nach den fünf Sinnen richtest, sondern bei jedem Vorfalle sogleich mit Moses in die Stiftshütte hineingehst und den Herrn um Rat fragst, so wirst du manchmal eine göttliche Antwort hören und über Gegenwart und Zukunft wohl belehrt wieder herausgehen können. Denn Moses (2. Mos. 33, 9) ging in allem, was ihm dunkel und zweifelhaft war, zur Stiftshütte und nahm in allen Gefahren und bei aller Bosheit gottloser Menschen seine Zuflucht zum Gebet. So musst du dann auch in die geheimste Kammer deines Herzens gehen und darin mit gesammelter Kraft um Gottes Rat und Hilfe flehen. Denn deswegen konnten Josua und die Kinder Israels von den Gabaoniten betrogen werden, weil sie den Mund des Herrn zuvor nicht um Rat gefragt hatten und zu leichtgläubig durch die süßen Worte sich betören, durch die scheinbare Rechtschaffenheit sich blenden ließen.

39. Kapitel: Sei nicht so stürmisch in deinen Geschäften

1. Der Herr: Mein Sohn! stelle deine Sache immer nur mir anheim; ich werde zur rechten Stunde alles wohl machen. Warte auf meine Anordnung und du wirst den Fortgang spüren.

Der Mensch: Gern, o Herr, stelle ich dir all meine Anliegen anheim; denn ich kann mit allen meinen Gedanken doch soviel wie nichts ausrichten. Wenn ich nur nicht so fest an der Zukunft hinge, sondern mich ganz ohne Zögern deinem Wohlgefallen hingeben könnte!

2. Der Herr: Mein Sohn, oft betreibt der Mensch etwas heftig, was er gern hat. Aber wenn er hat, was er wünschte, dann fängt er an, anders zu denken; denn seine Neigungen haften nicht fest an Einem Dinge, sondern treiben von einem zum anderen. Es ist also nichts Geringes, sich auch im Geringsten zu verleugnen.

3. Der wahre Fortschritt im Guten besteht in der Verleugnung seiner selbst, und wer es in der Selbstverleugnung weit genug gebracht hat, ist frei und sicher. Aber der alte Feind, der allem Guten feind ist, hört nicht auf, zum Bösen zu versuchen, sinnt Tag und Nacht hinterlistig auf Trug und Falle, ob es ihm nicht gelinge, den Unvorsichtigen zu täuschen und zu fangen. Wachet und betet (spricht der Herr Matth. 26, 41), damit ihr nicht in Versuchung fallet.

40. Kapitel: Der Mensch hat aus sich nichts Gutes und kann sich keines Dinges rühmen

1. Der Mensch: Mein Herr, was ist der Mensch, dass du sein gedenkst, oder ein Menschensohn, dass du ihn besuchst? Wie hat der Mensch verdient, dass du ihm deine Huld angedeihen lässest? Wie könnte ich klagen, wenn du mir deine Huld entzögest? Was dürfte ich mit Grund dagegen einwenden, wenn du meine Bitten nicht erhörtest? Wahrhaftig, dies Eine kann und darf ich in aller Wahrheit denken und sagen: Aus mir allein bin ich nichts, vermag ich nichts und habe ich nichts Gutes an mir, aus mir allein bin ich gebrechlich und ohnmächtig und strebe immer nach dem, was nichts ist. Und wenn deine Macht mich nicht unterstützt, dein Licht mich nicht im Innern erleuchtet, so werde ich lau und zuchtlos.

2. Du aber, mein Herr, du bist immer derselbe und bleibst ewig, was du bist: gut, gerecht, heilig; und gut, gerecht, heilig in allem, was du tust, und weise in allem, was du ordnest. Du immer derselbe, und ich immer anders und anders. Du immer der Heilige, und ich immer mehr geneigt zum Rückgang als zum Fortgang im Guten. Ach! ich bin das rechte Bild der Zeit, so veränderlich wie sie: siebenmal anders an Einem Tage. Doch wird es auch mit mir bald besser werden, wenn es dir gefällt und wenn du mir deine helfende Hand reichst. Denn du kannst mir ohne alle Beihilfe der Menschen helfen; du kannst mich im Guten so festmachen, dass mein Blick immer gleich bleibt und nicht da und dorthin wechselt und mein Herz zu dir allein hingewandt in dir allein seine Ruhe findet.

3. Oh, verstünd' ich doch die große Kunst, allem menschlichen Trost Abschied zu geben, um die Gabe der Andacht zu erlangen, oder weil mich die Not dazu treibt, dich zu suchen, da außer dir nichts den Hunger meines Herzens stillen kann. Dann könnte ich deine Gnade mit Recht erwarten; dann würde ich bald deine Tröstungen in neuem Maße genießen und in heiliger Entzückung dich lobpreisen können!

4. Dank dir für alles Gute, das ich zustande bringe, denn alles Gute kommt von dir! Ich bin vor dir eitel Nichts, ein Mensch, unstet und schwach. Was habe ich also für Grund und Recht, von mir selbst groß zu sprechen oder andere von mir groß sprechen zu lassen? Vielleicht weil ich aus mir Nichts bin? Ein Ruhm, auf nichts gebaut, das wäre doch die eitelste Eitelkeit! Oh, die eitle Ehre, sie ist wahrhaftig die größte Nichtigkeit und eine Pestilenz; denn sie entblößt uns der wahren Glorie und raubt uns das Kleinod der himmlischen Gnade. Denn sobald der Mensch an sich selbst Wohlgefallen findet, hast du Missfallen an ihm. Wenn er dem Lobe der Menschen nacheilt, so verliert er darüber die wahre Tugend.

5. Es gibt aber doch auch einen wahren Ruhm und eine heilige Freude. Der wahre Ruhm besteht darin, dass der Mensch nicht sich, sondern dich, seinen Herrn allein, verherrlicht; die wahre Freude besteht darin, dass der Mensch nicht an seinem Namen oder an seiner Tugend oder an irgend einem Geschöpfe, sondern an dir, und nur um deinetwillen an dem Guten, das von dir kommt, Freude hat. Dein Name werde gelobt, nicht der meine! Dein Werk werde verherrlicht, nicht das meine! Dein heiliger Name werde gepriesen, und alles Lob, das die Menschen etwa mir beilegen, bleibe nicht bei mir. Denn du bist mein Ruhm, du bist die Jubelfreude meines Herzens. In dir will ich mich immer rühmen und mich freuen, den ganzen Tag. Wenn ich mich aber meiner rühme, so will ich mich meiner Schwachheit rühmen.

6. Mögen doch die Juden Ehre voneinander suchen (Joh. 5, 44); ich will die Ehre suchen, die von Gott allein kommt. Aller Ruhm der Menschen, alle Ehre der Zeit, alle Hoheit der Welt, verglichen mit deiner ewigen Herrlichkeit, ist doch nichts als Eitelkeit und Torheit. Oh, mein Gott, du bist meine Wahrheit! du meine Liebe, voll Erbarmen und Seligkeit! Selige Dreifaltigkeit! Dein sei alles Lob und alle Ehre und aller Ruhm, und alle Herrlichkeit und alle Kraft, und sei ewig, ewig dein. Amen!

41. Kapitel: Von Verschmähung aller zeitlichen Ehre

1. Der Herr: Mein Sohn, lass es dir nicht so nahe an das Herz kommen, wenn du siehst, dass man andere ehrt und erhöht, dich aber verachtet und erniedrigt. Erhebe du dein Herz zu mir in den Himmel, und es wird dich nicht sonderlich betrüben, dass dich die Menschen drunten auf der Erde verachten.

Der Mensch: Mein Herr, es ist, als wenn wir mit Blindheit geschlagen wären; schnell verführt uns Eitelkeit und Trug. Wenn ich mich genau durchforsche, so hat mir doch kein Geschöpf im eigentlichen Sinne unrecht getan; darum darf ich meinen Mund vor dir nicht rechtmäßig auftun und wider dich klagen.

2. Weil ich so viele und so schwere Sünden gegen dich begangen habe, habe ich es ja verdient, dass sich alle Geschöpfe wider mich wappnen. Mir gebührt nach aller Gerechtigkeit nichts als Schmach und Hohn; dir gebührt Lob, Ehre und Ruhm. Und wenn ich mein Herz nicht dazu bringen kann, dass es gern und ohne inneren Widerstreit von allen Geschöpfen verachtet, verlassen und für nichts gehalten werden will, so kann ich im Inneren nie befestigt und beruhigt, im Geiste nie erleuchtet, mit dir nie vollkommen vereinigt werden.

42. Kapitel: Deinen Frieden sollst du nicht auf Menschen bauen

1. Der Herr: Mein Sohn, wenn du deinen Frieden auf irgend einen Menschen setzest, dass er denkt wie du und dass er immer um dich ist, so wird dein Friede sehr wandelbar und dein Herz bald uneins mit sich selber sein. Wenn du dir aber überall den Rückweg zur Wahrheit, die immer dieselbe bleibt und ewig lebt, offen hältst, so wirst du nicht sonderlich betrübt werden, wenn dich gleich dein Freund verlässt oder dir von der Seite wegstirbt.

Die Liebe zu deinem Freunde soll eigentlich in mir ihre Wurzel haben, und jeder, den du für gut hältst und vorzüglich lieb hast, soll dir um meinetwillen vorzüglich lieb sein. Denn ohne mich hat der Freundschaftsbund keine Gültigkeit und keinen Bestand, und alle Liebe, deren Bande ich nicht knüpfte, ist weder wahr noch rein. So solltest du aller Anhänglichkeit an geliebte Menschen abgestorben sein, dass du, soweit es auf dich allein ankommt, Mut genug hättest, allen Umgang mit Menschen zu entbehren.

Um so viel näher kommt der Mensch seinem Gott, je weiter er sich von allem irdischen Trost entfernt. Er steigt auch um so viel höher aufwärts zu Gott, je tiefer er zuvor abwärts in sich gestiegen, je geringer er sich in seinem Auge geworden ist.

2. Wer aber sich selbst etwas Gutes zuschreibt, der richtet eine Scheidewand auf zwischen sich und der Gnade Gottes, dass sie nicht zu ihm herein kann; denn die Gnade des Heiligen Geistes sucht zu ihrer Herberge immer nur ein demütiges Herz. Könntest du dich selbst vollkommen zernichten, könntest du dich von aller Liebe zu irgend einem Geschöpfe frei machen, so müsste ich meine Gnadenfülle in dich einströmen und die leere Stätte in dir ausfüllen lassen. Sobald du aber auf die Geschöpfe zurückschaust, wird dir die Anschauung des Schöpfers genommen. So lerne denn, dich in allen Dingen um deines Schöpfers willen zu überwinden; dann wird dir in deiner Seele eine neue Tür zur göttlichen Erkenntnis aufgehen. Was man immer wider die heilige Ordnung der Liebe achtet und liebt, es sei so gering als es wolle, das schlägt uns weit zurück auf dem Wege zum höchsten Gut, und es befleckt uns

43. Kapitel: Warnung vor der eitlen, zeitlichen Wissenschaft

1. Der Herr: Lieber Sohn! Lass dir durch die schönen, feinen Sprüche der Menschen deinen geraden Sinn nicht verwirren, denn das Reich Gottes besteht nicht in Wort und Schall, sondern in Kraft und Tat. Merke du auf mein Wort, das die kalten Herzen entzündet, die finsteren Geister erleuchtet, die harten Gemüter zu Tränen der Reue auflöst und die müden, beladenen Seelen mit himmlischen Tröstungen stärkt. Lies aber nicht in meinem Worte, um dir den eitlen Anstrich geben zu können, als wenn du gelehrter oder weiser wärest als andere. Alles, was Sünde in dir ist, zu ertöten: das sei deine Gelehrsamkeit. Denn das nützt dir mehr, als wenn du all die spitzigen Fragen der Gelehrten nach der Länge und Breite innehättest.

2. Wenn du wirklich viel liesest und viel verstehst, so musst du all dein Lesen und all dein Verstehen jedesmal zur Einen Quelle aller Wahrheit zurückführen. Ich bin's, der die Menschen Weisheit lehrt und dem Unmündigen hellere Einsichten gibt, als Menschen von Menschen wohl je erhalten können. Zu wem ich rede, der wird bald weise sein und im Geiste große Fortschritte tun.

Wehe denen, die so gern zu ihresgleichen in die Schule gehen, um ihre Neugier zu befriedigen und nach dem rechten Weg, mir zu dienen, keine Nachfrage halten! Kommen wird die Zeit, wo Christus, der Lehrer aller Lehrer und der Herr der Engel, erscheinen wird. Da wird ihm jeder aufsagen müssen, was er gelesen hat, das heißt: Christus wird die geheimsten Winkel des Gewissens in jedem Menschen durchforschen, wird Jerusalem mit Leuchten durchsuchen. Dann wird alles, was im Finstern verborgen war, im Lichte liegen; dann werden alle Menschenzungen mit ihren Beweisen verstummen müssen.

3. Ich bin's, der den Demütigen in Einem Augenblicke so hoch erheben kann, dass er in die ewige Wahrheit tiefer hineinschaut, als wenn er zehn Jahre in Schulen geschwitzt hätte. Wo ich lehre, da rauschen keine Worte, da durchkreuzen sich keine Meinungen, da bläht sich keine Eitelkeit, da fechten keine Schulgründe. Ich bin's, der die Menschen lehrt, das Vergängliche zu verschmähen und das Unvergängliche hochzuachten, Ekel an dem Gegenwärtigen und Geschmack an dem Ewigen zu haben, Ehre zu fliehen und Ärgernisse zu erdulden, außer mir nichts zu verlangen, auf mich allein alle Hoffnung zu bauen und mich über alles mit Inbrunst des Herzens zu lieben.

4. Ich habe einen Freund; dieser liebte mich innigst, und lernte durch diese innige Liebe göttliche Dinge kennen und Wunderbares reden. Alles verlassen, das brachte ihn in der rechten Erkenntnis viel weiter als das tiefste Forschen.

Zu diesen rede ich von allgemeinen, zu jenen von besonderen Dingen. Einigen erscheine ich in Zeichen und Bildern; anderen decke ich im hellen Lichte Geheimnisse auf. Im Grunde haben zwar alle heiligen Bücher Eine und dieselbe Stimme, aber diese Eine Stimme unterweist nicht alle gleich, weil ich, der eigentliche Lehrer, im Inwendigen des Menschen die rechte Wahrheit bin, ich die Herzen erforsche, ich die Gedanken verstehe, ich die Taten fördere, ich jedem das mitteile, was ich für gut finde.

44. Kapitel: Dass man die äußeren Dinge sich nicht zu nahe an sein Herz ziehen soll

1. Der Herr: Mein Sohn, lerne in vielen Dingen nichtswissen und dich als einen Toten auf Erden und als einen, dem die ganze Welt gekreuzigt ist, ansehen. Oh, man muss vieles, das an unser Ohr anschlägt, nicht hören können, als wenn man taub wäre, und dafür Sinn und Verstand mehr auf das richten, was das Herz des Menschen ruhig macht und ruhig hält! Es ist besser, beide Augen vor missfälligen Dingen zu schließen, und einen jeden bei seinem Empfinden zu lassen, als im ewigen Zank und Streit mit dem Nachbarn zu leben. Wenn du gut mit Gott stehst und nach seinem Ausspruch dich richtest, so wirst du es ganz erträglich finden, überwunden dazustehen.

2. Der Mensch: Oh, Herr, wie tief sind wir gesunken!

Der Herr: Sieh! ein zeitlicher Verlust wird mit heißen Tränen beweint; um eines unbedeutenden Gewinnes willen arbeitet und läuft man sich müde; und, wenn der Geist Schaden genommen hat, das verliert sich sogleich aus dem Gedächtnis und man mag es nach vielen Jahren kaum einmal wieder zu Herzen fassen. Was nichts oder äußerst wenig nützt, darauf richtet man die erste Aufmerksamkeit, und was das Erste und das Allein-notwendige ist, das wird, wie nichts, außer acht gelassen. Und dies alles, weil der Mensch sich so gern in Dingen außer sich verliert und, wenn er nicht noch beizeiten seinen Sinn ändert, in Dingen außer sich mit Herzenslust versinkt, und, wenn er einmal versunken ist, auch liegen bleibt.

45. Kapitel: Sei nicht leichtgläubig und gedenke, dass deine Worte dich leicht zu Falle bringen

1. Der Mensch: Mein Gott! hilf du mir aus meiner Drangsal, denn die Hilfe der Menschen ist eitel. Wie oft fand ich da keine Treue, wo ich sie mit Zuversicht gesucht habe, und oft fand ich sie dort, wo ich sie nicht gesucht hatte! Eitel ist also alle Hoffnung, die auf Menschen ruht; aber fest steht das Heil der Gerechten, denn es kommt von dir, o Gott, und ruht in dir. Dein Name sei gepriesen in allem, was uns begegnet. Denn wir Menschen sind schwach und unstet, lassen uns leicht hintergehen und werden schnell eines anderen Sinnes.

2. Wo ist der Mensch, der sich überall mit so viel Vorsicht und Wachsamkeit leiten und selbst bewahren kann, dass ihn nie irgendein Vorfall täuscht oder aus seiner Fassung bringt? Wer aber auf dich, o Herr, vertraut, wer dich in Einfalt des Herzens sucht, der fällt nicht so leicht. Und wenn auch noch so heiße Leiden über ihn kommen oder noch so künstliche Fallstricke seine Bahn unsicher machen, so wirst du ihn schnell herausreißen oder sein mattes Herz erquicken; denn du verlässest ewig nie die Deinen, die auf dich trauen.

Ein seltener Fund auf Erden ist der treue Freund, der in allen Nöten seines Freundes mit ihm ausharrt. Dieser Freund, der in allen Nöten seines Freundes treu bleibt, und der treueste aus allen Freunden, bist du, o mein Gott! und außer dir ist keiner!

3. O wie weise und groß war der Sinn jener heiligen Seele, die da sagte: Meine Seele ist tief gegründet und steht unbeweglich fest in Christus! Wenn ich auch auf diesem festen Grunde fest stünde, dann würde mich keine Menschenfurcht so leicht hin- und herbewegen, kein Wort-Pfeil von der Stelle rücken können. Wer kann auch alles vorhersehen, wer ist groß und mächtig genug, allen künftigen Übeln vorzubeugen? Wenn uns das, was wir vorhergesehen haben, verwundet, soll das, was uns unversehens trifft, nicht noch eine tiefere Wunde schlagen? Aber, warum war ich Elender nicht vorsichtiger? Warum war ich bei den Erzählungen anderer so leichtgläubig? Warum? Weil wir Menschen sind und nichts anderes als gebrechliche Menschen sind, wenn uns auch viele für Engel halten und ausgeben. Wem soll ich glauben als dir allein, o mein Herr und Gott? Du bist die Wahrheit, die nicht trügen und nicht betrogen werden kann. Und an einem anderen Orte (Ps. 116, 11) heißt es sehr wahr: Der Mensch ist voll Trug und Lug, er ist schwach, unstet, gebrechlich, besonders im Worte, das aus seinem Munde kommt. Man darf doch dem Worte des Menschen kaum glauben, wenn es noch so viel Schein des Rechten für sich hat!

4. Wie weise hast du zum voraus (Matth. 10, 17) gewarnt, dass wir uns vor Menschen hüten sollen: Die Hausgenossen sind des Menschen Feinde (Matth. 10, 36), und: Glaubet es doch nicht, wenn jemand sagt: Sieh hier, oder: sieh dort! (Mark. 13, 21.) Mein eigener Schaden hat mich oft genug belehrt, und Gott gebe, dass ich Vorsicht gelernt habe und die alten Torheiten nicht mit neuen vermehre! Jetzt spricht einer zu mir: sei vorsichtig und nur recht vorsichtig! behalt es bei dir, was ich dir sage. Und da ich es bei mir behielt und ehrlich glaubte, dass es noch geheim sein und bleiben werde, könnt' er es selbst nicht verschweigen, da er mich doch zur Verschwiegenheit aufgefordert hatte, ging hin, und ward sein und mein Verräter. Mein Gott! Lass mich doch von solchen unvorsichtigen Menschen und ihrem Lügenkram frei werden; schütze du mich, dass ich nicht in ihre Hände falle und mich nie der nämlichen Torheit schuldig mache. Lege du mir ein wahres, festes Wort in den Mund und bewahre mich vor dem Schlangengift einer listigen Zunge. Was ich nicht leiden mag, davor muss ich mich wohl mit allem Fleiße hüten.

5. O wie gut und friedsam ist es, wenn man über andere schweigen kann, nicht alles, was andere erzählen, ohne nähere Prüfung glaubt, das Gehörte nicht leicht wieder nacherzählt, sein Herz wenig Menschen aufschließt, zu dir, o Gott, als dem allgegenwärtigen Herzenskenner am liebsten aufblickt, sich nicht durch jeden Windstoß von Worten hin- und herbewegen lässt und durchaus keinen anderen Wunsch in sich trägt, als dass alles in uns und außer uns nach der Richtschnur deines heiligen Willens geordnet und gelenkt werden möchte!

Wie viel trägt es doch zur sicheren Bewahrung der himmlischen Gnade bei, wenn man nicht vor Menschen glänzen, nicht nach Beifall und Bewunderung haschen, sondern dem allein mit allem Fleiß nachringen will, was unser Leben besser, und unsern Eifer für das Gute lebendiger macht! Für wie viele war es schädlich, dass man ihre Tugenden ausposaunte und vor der Zeit lobte! Wie nützlich war es im Gegenteil, den Schatz der Gnade geheimzuhalten in diesem gebrechlichen Leben, das ganz aus Angriff und Widerstand, aus Streit und Widerstreit zusammengesetzt ist!

46. Kapitel: Vertrau auf Gott, wenn du beleidigt wirst

1. Der Herr: Mein Sohn! steh fest und hoffe auf mich. Denn was sind alle die Menschen-Worte anders als Worte? Durch die Luft fliegen sie, aber sie können keinem Steine schaden. Hast du gefehlt, so lass es deine erste Sorge sein, deinen Fehler wieder gut zu machen. Bist du dir keines Fehlers bewusst, so sieh zu, wie du es aus Liebe zu Gott willig ertragen kannst.

Die Menschen Arges von sich reden lassen, heißt doch im Grunde wenig genug leiden; du bist offenbar noch nicht stark genug, schwere Schläge auszuhalten. Und warum greifen dir denn so geringe Leiden so tief in dein Herz ein? Doch bloß deswegen, weil du noch unter der Herrschaft des Fleisches stehst, noch auf Menschenurteil ein größeres Gewicht legst, als du nach aller Vernunft darauf legen solltest. Du hast noch eine so kindische Furcht vor den verachtenden Blicken der Menschen, deswegen willst du dich wegen deiner Fehltritte nicht tadeln lassen; deshalb willst du deine Blößen mit Entschuldigungen so künstlich zudecken.

2. Kehre nur den schärferen Blick in dein Herz, und du wirst deutlich sehen, dass die Welt und die eitle Begierde, den Menschen zu gefallen, in dir noch wohl bei Leben sind. Denn da du vor Erniedrigung und Beschämung, die deine Fehler verdient haben, zurückbebst, so gibst du dadurch klar zu verstehen, dass du die wahre Demut noch nicht besitzest, dass du der Welt noch nicht gestorben und die Welt dir noch nicht gekreuzigt ist. Horch du nur auf Ein Wort aus meinem Munde, und zehntausend Menschenworte werden dein Herz nicht besorgt machen können. Sieh, wenn alles Böse, was die sinnreichste Bosheit ersinnen könnte, wider dich ausgestreut würde, was würde es dir denn schaden können, wenn du alles vorübergehen ließest, oder wenn dein Herz an all den Lästerworten so wenig Anteil nähme, wie an einem Grashalm auf der Wiese draußen? Könnte dir das alles auch nur Ein Haar deines Hauptes ausreißen?

3. Aber, wer sein Herz nicht bei sich daheim und seinen Gott nicht immer vor Augen hat, den kann ein leichtes Wort des Tadels aus aller Fassung bringen. Wer aber auf mich vertraut und nicht auf seinem eigenen Urteil bestehen will, den wird kein Menschenwort so leicht in Furcht und Schrecken jagen können. Denn ich bin der Richter; ich weiß um alle Geheimnisse; ich weiß den Gang der Sache; ich kenne beide, den, der verleumdet, und den, der die Verleumdung still erduldet. Das Wort, das dich so tief verwundete, ging von mir aus. Ich ließ ihm freien Lauf, damit sich die geheimsten Gedanken in vielen Herzen offenbarten. Ich werde einst den Schuldigen und den Unschuldigen öffentlich richten und habe jetzt nur in geheimem Gericht beide vorher erproben wollen.

4. Das Zeugnis des Menschen trügt oft, aber mein Urteil ist wahr, bleibt ewig wahr und kann durch kein anderes Urteil umgestoßen werden. Mein Urteil ist zwar für die meisten Menschen ein Geheimnis, und nur wenige haben Licht genug, es im einzelnen zu verstehen. Aber die lauterste Wahrheit ist es immer, und es irrt nicht und kann nicht irren, wenn es gleich im Auge des Toren irrig zu sein scheint. Du musst also bei allen Urteilen zu mir deine Zuflucht nehmen und nicht auf deiner eigenen Meinung bestehen. Denn der Gerechte bleibt heiter und unverwirrt in allem, was der Herr über ihn kommen lässt. Es kränkt ihn nicht sonderlich, auch wenn ihn seine Zeitgenossen wider alle Gerechtigkeit verdammen. Er hat aber auch keine eitle Freude daran, wenn ihn andere mit Grund in Schutz nehmen. Denn er erwägt es, dass ich es bin, der die Herzen erforscht und die Nieren prüft, der nicht nach dem Überdruss des Menschen und nach dem menschlichen Schein richtet. Denn oft finden meine Augen da noch eine Schuld, wo das menschliche Gericht nichts als Unschuld findet.

Gebet

5. Der Mensch: Oh, mein Gott und Herr! Du gerechter, starker und langmütiger Richter! Du kennst die Gebrechlichkeit und den bösen Sinn der Menschen. Sei du meine Stärke, du mein ganzes Vertrauen. Denn mein Bewusstsein genügt mir nicht. Du weißt, was ich nicht weiß. Deswegen hätte ich mich auch bei allem Tadel erniedrigen sollen, und ich hätte ihn in stiller Sanftmut ertragen sollen. Verzeih es mir auch gnädiglich, so oft ich anders gehandelt habe, und schenke mir neue Kraft zu neuer größerer Geduld. Denn die Fülle deines Erbarmens taugt ungleich besser zur Vergebung aller meiner Sünden, als meine vermeinte Gerechtigkeit zur Rechtfertigung der Fehler, die in meinem Gewissen keine Spur zurückgelassen haben. Und ob ich mir gleich keiner Sünde bewusst bin, so kann ich mich selbst deshalb doch nicht rechtfertigen. Denn käme uns deine Barmherzigkeit nicht zu Hilfe, so würde kein Mensch vor deinem Angesicht bestehen können.

47. Kapitel: Die ewige Freude ist aller zeitlichen Leiden wohl wert

1. Der Herr: Mein Sohn! Lass dich die Lasten, die du um meinetwillen auf deine Schultern genommen hast, nicht mutlos, lass dich die Trübsale, die auf dir liegen, nicht trostlos machen. Meine Verheißung soll dir bei jedem Ereignisse Mut und Trost in die Seele legen. Ich bin ja reich und mächtig genug, dir für alles eine Vergeltung zu schaffen, die allen menschlichen Maßstab weit übersteigt. Es wird deine Arbeit hier nicht mehr lange währen, und die Schmerzen, die dich jetzt zu Boden drücken, werden bald ausgestanden sein. Harre noch eine kurze Weile, und du wirst das Ende aller Plagen schnell kommen sehen. Es wird doch noch eine Stunde kommen, wo es heißen wird: Nun ist alle Mühe und alle Unruhe zu Ende. Klein ist doch alles und von kurzer Dauer, was zeitlich ist und deshalb mit der Zeit vorübergeht.

2. Tu, was du tust. Arbeite fleißig in meinem Weinberge: Ich selbst werde dein Lohn sein. Schreib, lies, singe, seufze, schweige, bete, leide wie ein Mann, was wider dich ist. Das ewige Leben ist aller dieser und wohl noch heißerer Kämpfe wert. Es wird doch noch Friede werden, an einem Tage, den der Herr kennt; und dann wird kein Tag und keine Nacht dieser irdischen Zeit mehr sein, sondern ewiges Licht, endlose Klarheit, unwandelbarer Friede, sichere Ruhe. Dann wirst du nicht mehr (Röm. 7, 24) sagen: Wer wird mich von diesem Todesleib erlösen? Nicht mehr (Ps. 120, 5) jammern: Weh mir, dass mein Bleiben hier in diesem Lande so lange währt! Denn der Tod wird getötet werden und das Heil in ewiger Herrlichkeit glänzen; und wo das ewige Heil ist, da ist keine Angst mehr, da ist nur Freude und Seligkeit, da ist nur edle, liebliche Gemeinschaft.

3. Oh, wenn du die ewigen Kronen der Heiligen im Himmel gesehen hättest, gesehen hättest die Fülle der Herrlichkeit, in der sie jetzt unaussprechliche Freude genießen, sie, die einst die Welt mit Verachtung überschüttet und kaum des zeitlichen Lebens für würdig geachtet hatte. Ein solcher Anblick würde dich bis in den Staub erniedrigen, dass du lieber unter allen Menschen stehen als über einen einzigen gesetzt sein möchtest; dass du nach keinen Freudentagen auf Erden dich verzehrtest, sondern vielmehr Freude hättest, recht vieles um Gottes willen leiden zu können; dass du es für den größten Gewinn ansähest, unter Menschen und von Menschen für nichts geachtet zu werden.

4. Oh, wenn du solches schmecken könntest, solche Gefühle tief im Herzen hättest, wie würdest du es wagen können, auch nur Ein Klagewort auf deine Zunge zu nehmen? Ist denn das ewige Leben nicht wert, dass man dafür alles, was Mühe und Plage heißt, aushält? Ist es denn so eine elende Kleinigkeit, das Reich Gottes zu gewinnen oder zu verlieren? So hebe denn deine Augen gen Himmel auf! Sieh! Ich bin hier und alle Heiligen bei mir. Sie hatten in dieser Welt großen Kampf zu bestehen. Aber jetzt freuen sie sich, jetzt sind sie getrost, jetzt haben sie Sicherheit, jetzt genießen sie Ruhe und werden im Reiche meines Vaters ewig bei mir bleiben.

48. Kapitel: Von dem Tage der Ewigkeit und von der Nacht dieses Lebens

1. Der Mensch: O du seligste Wohnstätte in der heiligen Stadt, die da droben ist! O du lichtheller Tag der Ewigkeit, den keine Nacht verdunkelt! Die höchste Wahrheit selbst ist deine Sonne, ihr Licht deine unvergängliche Heiterkeit! Du Tag der Freude, Tag der Sicherheit! Du kennst keinen Wechsel, bist ewig Ein und derselbe Tag. O dass auch mir dieser Tag schon aufgegangen wäre, dass auch für mich alles Zeitliche schon sein Ende genommen hätte! Den Heiligen leuchtet dieser Tag schon mit ewiger strahlender Klarheit; wir aber, die noch auf Erden hier pilgern, wir sehen ihn nur so von fern, nur wie im Spiegel.

2. Die Bürger des Himmels wissen es, was der Tag der Ewigkeit für ein Freudentag ist; wir Kinder unserer Stammmutter Eva, Pilger außerhalb des Vaterlandes, tun es durch unser Seufzen kund, wie bitter und elend der Tag dieses Lebens ist. Kurze, schlimme Tage dieser Zeit, voll Angst, voll Schmerz, in denen der Mensch von vielen Sünden befleckt, von vielen Leidenschaften gefangen, von vielen Furchten gefesselt, von vielen Sorgen umhergetrieben, von vielen Begierden nach dem Neuen und Sonderbaren zerstreut, von vielen Eitelkeiten wie am Seile gezogen, von vielen Irrtümern umlagert, von vielen Mühen verbraucht, von vielen Versuchungen niedergedrückt, im Überflusse von Lust entnervt und in Dürftigkeit von Unlust gefoltert wird.

3. Wann werden doch diese Übel ein Ende nehmen? Wann werde ich aus diesem elenden Knechts-Stande, dem Sünden-Dienste, erlöst werden? Wann werde ich an dich allein, o mein Gott, denken können? Wann werde ich volle Freude, die dies mein Herz sättigt, in dir finden? Wann werden alle Ketten von mir wegfallen, wann werde ich die wahre Freiheit genießen, die Freiheit von allem Drucke des Leibes und der Seele? Wann kommt er denn einmal, der wahre Friede, ein Friede von innen und von außen, der sicher, ewigheiter und durchaus unwandelbar ist? Oh, guter Jesus! Wann werde ich dich sehen können, die Herrlichkeit deines Reiches schauen können? Wann wirst du mir alles in allem, wann werde ich bei dir in deinem Reiche sein, das du von Ewigkeit deinen Geliebten bereitet hast? Verlassen, arm und ein Vertriebener, hier in des Feindes Land, irre ich umher; nichts als Krieg und Krieg alle Tage, und großes Unheil um mich her.

4. Sende du deinen Trost in dies mein Elend herab, mildere du meine Pilgernot! denn all mein Sehnen sehnt sich nach dir, und alles, was mir die Welt zum Trost darreicht, ist mir nur eine neue Last. Dich möchte ich in innigster Vereinigung genießen, kann dich aber nicht erreichen. Dem Himmlischen möcht ich mit ganzer Seele anhangen, aber das Zeitliche drückt mich abwärts und meine ungetöteten Neigungen binden mich an die Erde. Emporschwingen, hoch über alle Dinge, möchte sich mein Geist; aber das Fleisch stößt ihn mit Gewalt und wider seinen Willen unter die vergänglichen Dinge hinab. So lebe ich unseliger Mensch mit mir selbst in hartem Streite und bin mir selbst zur Last, indem mich mein Geist immer hinauf und mein Fleisch immer hinab drängt und treibt.

5. Oh, was leide ich im Inneren für heiße Leiden, wenn mein Geist selig Himmlisches betrachtet und unversehens ein Schwarm sinnlicher, irdischer Dinge den betenden Geist vom Himmel herab auf die Erde reißt! Mein Gott, sei nicht fern von mir, weiche nicht im Zorne von deinem Knechte! Sende deine Blitze und zerstreue sie, sende deine Pfeile und verscheuche sie – die törichten Gedanken, die der Feind in die Seele legt! Sammle alle meine Sinne und erhebe sie zu dir; lehre mich alles, was die Welt Vergängliches hat, vergessen und all die reizenden Bilder, mit denen die Sünde meine Seele angefüllt hat, zertrümmern und schnell aus der Seele schaffen. Du, ewige Wahrheit, eile mir zu Hilfe, damit mich keine Eitelkeit zum Weichen bringt. Und du, himmlische Freude, ströme in mein Herz, damit alle Unreinigkeit der irdischen Lust vor deinem Angesicht dahin flieht.

Verzeih mir's, verzeih mir's nach der Fülle deiner Erbarmungen, so oft ich im Gebete etwas anderes als dich im Auge habe. Denn ich muss wahrhaftig meine Schwäche bekennen: mein Gebet ist dauernd voll Zerstreuung. Ich bin gar oft nicht da, wo der Leib sitzt oder steht; da bin ich oder dort, wo mich mein Gedanke mit sich fortreißt. Ich bin da, wo mein Gedanke ist, und mein Gedanke ist da, wo das ist, was ich liebe. Was meine sinnliche Natur ergötzt oder was mir durch Angewöhnung lieb geworden ist, das kommt mir leicht in den Sinn.

6. Daher fühle ich recht die Wahrheit deines Wortes (Matth. 6, 21): Wo dein Schatz, da dein Herz. Wenn ich das Himmlische lieb habe, so denke ich gern an das Himmlische; wenn ich das Irdische lieb habe, so habe ich Freude, wenn die Ereignisse dem irdischen Sinn angenehm, und habe Kummer, wenn sie ihm unangenehm sind. Wenn ich das Sinnliche lieb habe, so sind meine Vorstellungen voller Sinnlichkeit; wenn ich das Geistliche lieb habe, so habe ich am Geistlichen meine Freude. Was ich immer lieb habe, davon rede und höre ich gern reden, davon nehme ich auch die Bilder mit mir und trage sie nach Hause. Aber selig der Mann, der um deinetwillen, o Gott, allen Geschöpfen Abschied gibt, der der Natur Gewalt antut, der die Begierden im heiligen Eifer des Geistes ans Kreuz schlägt, damit er mit reinem, heiterem Gewissen reine Gebete dir opfern kann und losgerissen von allem Irdischen, in ihm und außer ihm, würdig werde, in den Chören der Engel zu weilen.

49. Kapitel: Von der Sehnsucht nach dem ewigen Leben und von den großen Verheißungen für die mutigen Kämpfer

1. Der Herr: Mein Sohn, wenn sich ein höheres Leben in dir regt und das Verlangen nach der ewigen Seligkeit sich in dir entzündet, wenn es dich wirklich verlangt, vom Leibe zu scheiden, um meine Klarheit in jenem Lichte ohne Schatten anzuschauen, oh, dann erweitere deine Seele und lass dies heilige Feuer den tiefsten Grund deines Herzens durchglühen. Danke, soviel du danken kannst, der höchsten Liebe, die so freundlich mit dir umgeht, dich so gütig besucht, dich so mächtig entzündet und dich über dich so hoch erhebt, damit du nicht wieder von eigener Schwere gezogen zur Erde fällst. Das aber ist nicht das Werk deines Sinnens und deines Beginnens, sondern eine unverdiente Gabe Gottes, der dich mit Vaterhuld anblickte und milde zu sich aufwärts zog, damit du in allen Tugenden und besonders in der Demut zunehmen, dich auf kommende Kämpfe rüsten, mir mit ungeteilter Liebe anhängen und mit einem nie erkaltenden Eifer dienen möchtest.

2. Mein Sohn, oft brennt das Feuer auf deinem Herde; aber die Flamme ist nicht ohne Rauch. So brennen in vielen Herzen viele Begierden nach dem Himmlischen; aber die Flamme dieser Begierden ist nicht rein von dem Rauche der sinnlichen Neigung. Deshalb begehren sie von mir mit heißem Flehen bald dies, bald jenes; aber es ist nicht reiner, ganz lauterer Eifer für die Ehre Gottes, der sie zu diesem heißen Flehen treibt. So ist auch dein Verlangen gar oft beschaffen; es ist zu ungestüm, um ganz rein zu sein. Denn wer seinen eigenen Nutzen sucht, sucht sich selbst, und wer sich selbst sucht, befleckt mit der Eigenliebe, die sich selbst sucht, alles, was er sucht. Denn alles, was mit Eigenliebe befleckt ist, ist befleckt, von Eigenliebe angesteckt.

3. Begehre nie von mir, was dir Freude und Vorteil gewähren kann, sondern, was mir gefällt, was meine Ehre befördert. Denn, wenn dein Urteil vernünftig ist, so sollst du ja meinen Willen und was er ordnet bei dir mehr gelten lassen als all dein Verlangen. Ich kenne dein Verlangen und habe alle deine Seufzer gehört. Du möchtest jetzt schon in der Freiheit sein, die den Kindern Gottes im Lande der Herrlichkeit Vorbehalten ist. Jetzt schon hast du Freude an dem unzerstörbaren Haus, an dem himmlischen Vaterland, das mit lauter Freude angefüllt ist. Aber diese deine Stunde ist noch nicht gekommen. Jetzt ist noch eine andere Stunde für dich, die Stunde des Streites, der Mühe, der Prüfung. Du wünschst, das höchste Gut jetzt schon zu besitzen, aber du kannst es jetzt noch nicht erreichen. Ich lebe: Warte auf mich (spricht der Herr [Luk. 22, 18]), bis das Reich Gottes kommt.

4. Du musst noch viele Prüfungen, mancherlei Übungen hier auf Erden durchmachen. Trost wird dir bisweilen gereicht werden, aber ein Genuss, der dein ganzes Herz sättigt, kann dir nicht gegeben werden. Fasse also neuen Mut und sei Mann, stark zum Leiden und stark zum Handeln, wenn sich gleich deine Natur noch so sehr dagegen sträubt. Du musst einen neuen Menschen anziehen und in einen anderen Mann verwandelt werden. Du musst oft tun lernen, was du nicht willst, und verlassen, was du behalten möchtest. Was andere wollen, wird zustande kommen; was du willst, ins Stocken geraten. Was andere sprechen, wird Gehör und Beifall finden; was du redest, für nichts geachtet werden. Andere werden mancherlei begehren und erhalten, was sie begehren; du wirst auch begehren, aber nichts erhalten.

5. Andere werden berühmte Männer werden, von denen sich die Leute nicht satt reden können, aber von dir wird es überall so stille sein, als wenn du nicht einmal auf Erden wärest. Anderen wird man diesen oder jenen wichtigen Auftrag geben, du aber wirst in dem Urteile der anderen zu nichts taugen. Darüber wird sich dann dein Herz bekümmern, und es wird viel sein, wenn du diesen Kummer stillleidend wirst tragen können. Durch diese und andere Erfahrungen muss der treue Knecht des Herrn erprobt werden, wie weit er sich selbst verleugnen und allen seinen Eigensinn und Eigenwillen brechen lernt. Es gibt kaum etwas, worin es dir so nottut abzusterben, wie im Sehen und Leiden dessen, was deinem Willen zuwider ist, besonders wenn dir Dinge befohlen werden, die unschicklich sind und die dir minder nützlich zu sein scheinen. Und weil du, unter deinen Oberen gesetzt, es nicht wagen willst, der höheren Gewalt zu widerstehen, so wird es dir schwer, immer nur nach dem Winke eines anderen zu wandeln und stets deine eigenen Empfindungen zu verleugnen.

6. Aber denke, mein Sohn, dass dies alles bald ein Ende nehmen und auf die Aussaat eine schöne Ernte, auf die Mühe ein großer Lohn folgen wird; und es wird dir leichter werden und deine Geduld einen festen Trostgrund finden. Denn dafür, dass du jetzt deinen Willen daran gibst, dafür wirst du einst im Himmel deinen Willen in allem wieder haben. Dort wirst du ja alles finden, was du willst, alle deine Wünsche werden dort in Erfüllung gehen. Dort wird dir alle Kraft zum Genusse alles Guten gegeben, ohne die Furcht, es wieder zu verlieren. Dort wird dein Wille Ein Wille mit dem meinigen sein und nichts wollen, was fremd und einem anderen zugehörig ist. Dort wird dir niemand widerstehen, niemand sich über dich beklagen, niemand deine Macht hemmen, niemand deinen Willen beschränken; alles, was du verlangst, wird auch da sein, wird all dein Verlangen befriedigen und bis zum Äußersten erfüllen. Dort werde ich dir alle Schmach mit Ehre, alle Traurigkeit mit Freude, und den letzten Platz, den du auf Erden eingenommen hast, mit dem ersten Platz in meinem Reiche vergelten, und dieser Lohn wird kein Ende nehmen. Dort wird der Gehorsam die schönsten Früchte ernten, der Schmerz der Buße in jauchzendes Wohlsein verwandelt und der Demut, die sich unter alle gesetzt hat, die Krone der Herrlichkeit aufgesetzt werden.

7. So neige und beuge dich denn jetzt unter alle, und lass dich's nicht ängstigen, wer das gesagt, wer jenes befohlen hat. Aber das lass deine Sorge sein, dass du, es mag ein Vorgesetzter oder ein Minderer oder einer deinesgleichen, im gebietenden Tone oder mit freundlichem Winke, etwas von dir fordern, dass du alles, was sie wollen, so gut wie möglich deutest und ohne Falsch zustande bringst. Einer wird das, ein anderer etwas anderes haben wollen; dieser in diesem, jener in jenem seinen Ruhm suchen und wieder ein anderer tausendmal tausend Lobsprüche erhalten; du aber musst weder in jenem noch in diesem deine Freude suchen, sondern das allein lass deine Freude sein, dass du dich selbst verachtest und dass mein Wohlgefallen vollbracht und meine Ehre gefördert wird. Denn das ist für dich wünschenswert, dass Gott in dir allezeit verherrlicht werde, durch dein Leben wie durch dein Sterben.

50. Kapitel: Wie man in der Stunde der Trostlosigkeit sein ganzes Herz in die Hände Gottes legen soll

1. Der Mensch: Mein Gott und Herr! Heiliger Vater! Dir sei Lob und Preis, jetzt und in alle Ewigkeit; denn wie du wolltest, so geschah's, und was du tust, ist alles wohl getan. In dir suche dein Knecht seine Freude, nicht in sich und irgend etwas anderem; denn du allein bist die wahre Freude, du meine Hoffnung und Krone, du meine Ehre und Seligkeit. Was hat doch dein Knecht, das er nicht von dir empfangen und auch ohne sein Verdienst empfangen hätte? Dein ist alles, was du gegeben, und was du geschaffen hast. Arm bin ich, und Plage und Mühe wuchs mit mir von Jugend auf. Oft habe ich tiefen Kummer im Herzen und Tränen im Auge; oft machen mich herannahende Leiden uneins mit mir.

2. Mein ganzes Herz sehnt sich jetzt doch nur nach Einer Freude, sie heißt Frieden und Ruhe. Ich flehe um Eine Gnade zu dir, sie heißt Frieden deiner Kinder, die in deinem Lichte und auf der Weide deines Trostes wandeln. Wenn du mir diesen Frieden, diese heilige Freude schenkst, dann wird die Seele deines Dieners deinem Lobe geweiht und lauter Lobgesang sein. Aber wenn du dich meinem Herzen entziehst, wie du es oft tust, dann bin ich ohnmächtig, auf dem Wege deiner Gebote so gut fortzuschreiten; muss nur hinsinken auf meine Knie und an meine Brust schlagen. Dann ist es in meinem Herzen ganz anders als es gestern und vorgestern war, da noch dein Licht über meinem Haupte glänzte, da mich noch der Schatten deiner Flügel vor den eindringenden Versuchungen schützte.

3. Vater, gerechter, ewig alles Lobes würdiger Vater! Sie ist gekommen, die Stunde der Prüfung für deinen Knecht. Vater, ewig aller Liebe würdiger Vater! Es ist billig und recht, dass dein Knecht in dieser Stunde etwas um deinetwillen leidet. Vater, ewig aller Anbetung würdiger Vater! Sie ist gekommen, die Stunde, die du von Ewigkeit her voraussahst, die du kommen ließest, damit dein Knecht im Äußeren auf eine kurze Zeit unterliege, im Innern aber stets bei dir lebe. Eine kurze Weile soll dein Knecht von Menschen gering geachtet, erniedrigt, in den Staub gedrückt, und von Leiden und Schwachheiten aufgerieben werden, damit er, wenn das Morgenrot deines Lichtes anbricht, mit dir wieder herrlich auferstehen und in dem himmlischen Vaterlande neu verherrlicht werden möge. Vater, heiliger Vater! Du hast es so geordnet, dein Wille hat es so geboten und es ist geschehen, was du geordnet, was du geboten hast.

4. Denn dein Freund sieht es als eine Gnade an, in dieser Welt um deines Namens willen sich bedrücken und bedrängen zu lassen, so oft und durch wen er immer bedrückt und bedrängt werden mag. Ohne deinen Ratschluss, ohne deine Vorsehung und ohne Ursache geschieht nichts auf Erden. Herr, es ist gut für mich, dass du mich gedemütigt hast, damit ich deine gerechten Führungen kennen lerne und alle hochmütigen Anschläge, alle Anmaßungen meines eitlen Herzens wegwerfe. Wohl mir, dass Schande mein Angesicht bedeckte! Denn das nötigte mich, mehr bei dir als bei Menschen Trost zu suchen. Ich habe noch etwas aus dieser Trübsal gelernt: in heiligem Schauer aufzuschauen zu deinen unerforschlichen Gerichten; denn deine Züchtigung schlägt den Gerechten wie den Ungerechten, aber jeder Schlag ist Gerechtigkeit und Liebe.

5. Ich danke dir, dass du meiner Sünden nicht geschont, sondern meinen harten Sinn mit herben Schlägen weich und mürb gemacht hast, indem du viele schmerzhafte Leiden über mich und mich selbst in ein Angstgedränge, innen und außen, hast kommen lassen. Es ist doch nichts unter der Sonne, das mich trösten könnte. Du allein, mein Gott, kannst mich trösten; du bist der himmlische Seelen-Arzt; du schlägst und heilst, du führst in die Grube hinab und wieder herauf; deine Hand, die mich züchtigt, schwebt noch über mir, und deine Zuchtrute wird meine beste Lehrmeisterin sein.

6. Liebster Vater! Sieh her, ich bin in deiner Hand; tief gebeugt unter deiner Rute unterwerfe ich mich deiner Züchtigung. Schlage auf meinen Rücken und Nacken, bis sich mein starrsinniger, unbeugsamer Wille endlich ganz deinem Willen ergeben hat. Lass nicht ab, an mir zu bilden, bis du mich zu einem frommen, demütigen Schüler ausgebildet hast, der dir auf jeden Wink gehorcht. Ich gebe mich und all das Meine ohne Ausnahme in deine Schule, damit du alles besser machst, als es ist. Denn es ist wahrhaftig besser, hier in deine Zucht genommen zu werden, als dort in der Ewigkeit.

Du weißt alles und jedes, und das Verborgenste im Gewissen der Menschen ist unverborgen vor dir. Was kommen wird, das liegt hell vor deinem Blick, ehe es kommt, und du hast nicht nötig, dass dir jemand etwas von dem, was auf Erden geschieht, erzählt oder in dein Gedächtnis bringt. Du weißt, was mir im Guten weiter forthilft und wieviel die Trübsal beiträgt, den Rost meiner Sünden zu tilgen. So mach es denn mit mir nach deinem heiligen Wohlgefallen und sieh mit dem Blicke deiner Gnade herab auf mein Leben, das voll Sünden und in seiner ganzen Sündhaftigkeit dir am besten bekannt ist.

7. Lehre mich, o Herr, das wissen, was ich wissen, das lieben, was ich lieben soll; das loben, was deinen Beifall hat; das hochachten, was in deinen Augen hochachtungswert, das verachten, was in deinen Augen verächtlich ist. Lass mich nicht nach dem bloßen Augenschein urteilen und auch nicht nach dem Hörensagen unerfahrener Leute irgend ein Urteil nachsprechen; lehre mich vielmehr nach der Wahrheit über den Wert des Sinnlichen und des Verständigen urteilen, und vor allem, deinem heiligen Willen überall nachforschen.

8. Denn der Sinn des Menschen betrügt sich oft in seinem Urteil. Die Freunde der Welt sind der Täuschung preisgegeben, weil sie nur das Sichtbare lieben. Ist der Mensch deshalb besser, weil andere ihn höher schätzen? Der Falsche betrügt den Falschen, der Eitle den Eitlen, der Blinde den Blinden, der Kranke den Kranken, wenn er ihn lobt und obenansetzt. Ein falscher Lobspruch schafft eigentlich wahre Verwirrung. Kurz: was der Mensch in Gottes Augen ist, das ist er, und mehr ist er nicht, sagt der demütige, heilige Franziskus.

51. Kapitel: Harret bei demütigen Werken aus, wenn ihr zu den höchsten zu schwach seid

1. Der Herr: Mein Sohn, du kannst in dir das glühende Verlangen nach Heiligkeit nicht immer erhalten noch auf dem Berge der höheren Beschauung festen Stand halten, sondern du musst manchmal, gedrückt von dem Erbschaden der menschlichen Natur, in das niedere Tal abwärts steigen und die Last des gebrechlichen Lebens auch wider deinen Willen und mit Ekel und Überdruss tragen lernen.

Solange du den sterblichen Leib trägst, solange wirst du von Beklemmung des Herzens und Überdruss nicht frei bleiben. Du wirst also im Fleische oft über die Last des Fleisches seufzen müssen, weil es dich unfähig macht, den heiligen Übungen des Geistes und der Betrachtung göttlicher Dinge unablässig anzuhangen.

2. Während dieser Gemütsverfassung ist es sehr gut für dich, an niedere und äußere Arbeiten Hand anzulegen, deine verlorenen Kräfte durch gute Werke wieder aufzuholen, meine Ankunft und die Gnade des Himmels mit festem Mute zu erwarten und dein Elend und deine Geistesdürre mit Geduld zu ertragen, bis ich dich wieder heimsuchen und von aller Angst erlösen werde. Denn ich werde dich alle deine Mühen vergessen und Ruhe und Frieden in deinem Innersten genießen lassen. Ich werde die grüne Au der Heiligen Schrift vor deinen Augen ausbreiten; ich werde dein Herz weitmachen, dass du auf der Bahn meiner Gebote wieder mutig wirst gehen können. Und du wirst ausrufen (Röm. 8, 18): Wahrhaftig, das Leiden dieser Zeit ist gering im Vergleich mit der Herrlichkeit, die an uns wird offenbar werden!

52. Kapitel: Der Mensch achte sich nicht des Trostes würdig, sondern eher der Züchtigung schuldig

1. Der Mensch: Mein Herr, ich bin deines Trostes, deiner geistlichen Heimsuchung nicht wert! Und wenn du mich noch so lang in meinem Elend ohne Trost schmachten ließest, so müsste ich doch bekennen, dass du gerecht handelst. Denn könnte ich auch Tränen der Reue vergießen, so viel als Wassertropfen im Weltmeere sind, so wäre ich doch noch deiner Tröstung unwert. Geißel und Strafe, das ist es eigentlich, was ich verdient habe, weil ich dich so oft und undankbar beleidigt, viele und schreckliche Fehltritte getan habe.

Wenn ich also die ruhige Vernunft entscheiden lasse, so darf ich mich nicht des geringsten Trostes würdig achten. Aber du, mein Gott, reich an Güte und Erbarmung, du willst ja nicht, dass die Werke deiner Hände zugrunde gehen sollen; du willst vielmehr den ganzen Reichtum deiner Güte an uns Sündern, an so vielen Gefäßen deiner Barmherzigkeit, offenbar machen; und deswegen sendest du deinem Knechte ohne all sein Verdienst und über alle Begriffe des menschlichen Verstandes Trost und Erquickung in sein Herz. Wenn du eine Seele tröstest, so ist das ja etwas anderes, als wenn Menschen mit Menschenworten einander trösten.

2. Herr, was habe ich denn zuwege gebracht, dass du mir himmlischen Trost in die Seele legtest? Ich weiß nichts Gutes, das ich getan hätte; ich weiß vielmehr, dass ich von jeher geneigt zum Bösen und träge zum Guten war. So ist es, und ich kann die Wahrheit nicht leugnen. Käme auch ein anderes Wort aus meinem Munde, so stündest du wider mich auf, und ich hätte niemand, der mich verteidigte. Was habe ich für alle meine Sünden anderes verdient als die Hölle, und das ewige Feuer? Wahrhaftig, ich bekenne es, dass ich nichts als Schmach und Hohn verdient habe, und dass ich nicht wert bin, unter den Frommen erwähnt zu werden. Und ob ich es gleich nicht hören mag, so muss ich doch wider mich und für die Wahrheit mich wegen meiner Sünden anklagen, damit ich bei dir desto leichter Gnade und Erbarmung finde.

3. Was soll ich sagen, ich, voll Schuld und Schmach? Ich finde kein Wort als dies einzige: Gesündigt, Herr, gesündigt habe ich; erbarme dich meiner, verzeih mir! Lass mich eine Weile, lass mich über mein Elend klagen, ehe man mich hineinlegt in das finstere Grab, bedeckt mit Todesschatten. Was forderst du denn von einem Sünder, der nichts als Schuld und Elend in sich hat? Das forderst du vor allem, dass er mit zerschlagenem Herzen und voll Reue sich vor dir um seiner Sünden willen erniedrigt, tief vor dir beugt. In dieser wahren Zerknirschung, in dieser Herzens-Reue wird die Hoffnung der Sündenvergebung geboren, wird das zerrüttete Gewissen wieder ausgesöhnt, wird die verlorene Gnade wieder gefunden, wird das Geschöpf vor dem kommenden Gericht in Schutz genommen. Da begegnen Gott und die reuige Seele einander im heiligen Kusse.

4. Diese demütige Herzensreue des Sünders ist dir, Herr, ein angenehmes Opfer, ein Wohlgeruch, lieblicher als aller Duft des brennenden Weihrauchs. Diese Herzensreue ist die willkommene Salbe, die einst eine Sünderin (Luk. 7, 38) über deine Füße ausgießen durfte, weil du ein demütiges und reuevolles Herz niemals verachtet hast. Im demütigen und reuevollen Herzen ist die Stätte der Zuflucht vor dem Grimme deines Feindes. Hier wird wieder ergänzt, hier abgewaschen, was die Sünde zerrüttet und befleckt hatte.

53. Kapitel: Ein anderes ist Gnade des Himmels, ein anderes Weisheit der Erde

1. Der Herr: Mein Sohn, es ist ein köstliches Ding um meine Gnade. Sie lässt sich mit äußeren Dingen und irdischem Troste nicht vermischen. Du musst also alle Hindernisse der Gnade aus dem Wege schaffen, wenn du wünschst, dass sie frei in dein Herz fließen soll. Suche dir einen verschwiegenen Ort aus und lebe da einsam mit dir; suche nicht mit Menschen zu reden; lass dein Herz sich vielmehr vor Gott in einem andächtigen Gebet ergießen, damit dein Gewissen rein und dein Gemüt stets weich und offen für himmlische Eindrücke bleibt.

Lerne die ganze Welt für nichts zu achten und den inneren Herzensumgang mit Gott allem, was außer dir ist und dich außer dir umhertreibt, vorzuziehen. Denn dein Herz kann nicht zugleich mit mir Umgang haben und den vergänglichen Dingen mit Lust anhangen. Dein Herz soll sich von allen Freunden und Bekannten entfernen; soll sich losmachen von zeitlichem Troste. In diesem Sinne ermahnt der Apostel Petrus (1. Petr. 2, 11) die ersten Christen, dass sie sich als Fremdlinge und Pilger auf Erden bewahren sollen.

2. Oh, wenn den Sterbenden keine Neigung an die Erde anheftet, wie frei muss sein Herz, wie groß seine Zuversicht sein! Aber ein krankes Gemüt hat keinen Sinn für die Gesundheit, die darin besteht, dass das Herz sich los und rein hält von aller Anhänglichkeit ans Vergängliche, und der Sinnenmensch versteht nicht die Freiheit des geistigen Menschen. Und doch bleibt es ewig wahr: Wer das wahre, geistliche Leben in sich haben will, muss sich losmachen von allen ungeordneten Neigungen für alle übrigen Dinge, nah und fern, und muss sich vor niemandem sorgsamer hüten als vor sich selbst. Denn, wenn du dich vollkommen besiegt hast, wirst du alles Übrige ganz leicht unters Joch bringen. Sich selbst besiegt haben, ist der vollendete Sieg. Denn wer es in Selbstbeherrschung so weit gebracht hat, dass seine Sinnlichkeit der Vernunft und die Vernunft mir in allen Dingen gehorcht, der ist der wahre Sein-Selbst-Besieger und der rechte Herr der Welt.

3. Wenn du diese Höhe zu ersteigen dich sehnst, so musst du mit dem Mute eines Mannes anfangen, musst die Axt an die Wurzel legen, musst ausrotten und austilgen alle verborgenen ungeordneten Neigungen zu dir selbst und zu allen Gütern, die vergänglich sind und deine törichte Eigenliebe reizen können. Aus dieser Sünde, das ist aus der ungeordneten Liebe, mit welcher der Mensch an sich selbst hangt, sproßt jede andere Sünde hervor, die in ihrer Wurzel zerstört werden muss. Und wer diese Wurzel alles Bösen in sich unterdrückt und zerstört hat, der wird beständig Friede und Ruhe in vollem Maße genießen. Aber weil so wenige Menschen sich vollkommen absterben und mit allem Ernste von sich selbst Weggehen wollen, eben deswegen bleiben sie in sich und können sich nie über sich selbst emporschwingen. Wer aber in wahrer Freiheit mit mir wandeln will, der muss alle bösen und ungeordneten Neigungen in sich ertöten und keinem Geschöpfe mit Eigenliebe und begierlich anhangen.

54. Kapitel: Von den verschiedenen Regungen der Natur und der Gnade

1. Der Herr: Mein Sohn, habe fleißig acht auf die Regungen der Natur und der Gnade; denn sie laufen einander schnurstracks entgegen und sind doch so fein, dass sie fast nur das geistliche, erleuchtete Auge eines innerlichen Menschen unterscheiden kann. Wir haben zwar alle ein Verlangen nach dem Guten; jedermann macht etwas Gutes zum Vorwand seiner Reden und Handlungen; aber der Schein des Guten betrügt nur zu viele.

Die Natur ist listig, sie lockt, überlistet und bringt viele in ihre Fallstricke und hat sich selbst allemal zum Zwecke: die Gnade ist einfältig im Wandel, meidet allen Schein des Bösen, weiß nichts von Trug und Hinterlist und tut alles rein um Gottes willen, der auch ihr letzter Ruhepunkt ist.

2. Die Natur will nicht daran, sich selbst abzusterben, scheut allen Druck und allen Zwang, weiß nichts von Gehorsam und freiwilliger Unterwürfigkeit: die Gnade treibt zur Selbstüberwindung, widersteht der Sinnlichkeit, liebt Unterwürfigkeit, kann jeden über sich leiden, eifert nicht nach freier Lebensweise, lebt gern unter Zucht und Ordnung, kennt keine Herrschsucht, will in all ihrem Wesen, Sein und Tun unter Gott leben und um Gottes willen auch jedem Menschen in Demut untertänig sein.

Die Natur arbeitet immer nur für ihren eigenen Vorteil und sieht scharf darauf, was ihr dieses und jenes für Zinsen abwirft: die Gnade sieht nicht auf das, was ihr vorteilhaft und bequem, sondern auf das, was vielen anderen heilsam ist.

Die Natur nimmt gern Ehrbezeigung und Weihrauch an: die Gnade stellt alle Ehre und allen Ruhm Gott treu anheim.

3. Die Natur bebt zurück vor allem, was vor Menschen Schande und Verachtung bringt: die Gnade freut sich, um des Namens Jesu willen Schmach zu leiden. Die Natur hat es gern, wenn sie müßiggehen und körperliche Ruhe genießen kann: die Gnade kann nicht müßig sein und schafft immer mit Trieb und Lust zur Arbeit. Die Natur strebt nach dem, was die Neugierde lockt und die Sinne durch den Zauber des Schönen reizt und hat Abscheu vor dem Gemeinen und Groben: die Gnade erfreut sich gern am Einfachen und Demütigen, sie scheut das Herbe nicht und sträubt sich nicht, ein abgenutztes Kleid zu tragen.

Die Natur blickt auf das Vergängliche, macht ein heiteres Gesicht bei irdischem Gewinn und ein finsteres bei zeitlichem Verlust, ein unbedeutendes Schmähwort kann sie erbittern: die Gnade sieht auf das Ewige, klebt nicht am Vergänglichen, kennt keine Verwirrung bei zeitlichem Verlust und keine Verbitterung bei harten Worten, weil sie ihren Schatz und ihre Freude in den Himmel, wo ihr nichts verloren geht, gesetzt hat.

4. Die Natur ist habsüchtig, hat mehr Freude daran, zu empfangen, als zu geben, liebt das Eigene und Private: die Gnade ist voll Güte und Gemeinsinn, meidet alles Besondere, begnügt sich mit Wenigem und hält Geben für seliger als Nehmen. Die Natur neigt zu erschaffenen Dingen, neigt zu Fleisch, zu Eitelkeit und zu törichtem Umherlaufen: die Gnade zieht zu Gott und zur Tugend hin, entsagt den Geschöpfen, flieht die Welt, haßt Fleischeslust, schränkt Umgang und Gesellschaft ein und errötet, wenn sie sich vor andern muss sehen lassen.

5. Die Natur hat gern äußere Tröstungen, die den Sinnen Freude machen: die Gnade aber will allein in Gott getröstet und im höchsten Gut, das über allem Sichtbaren ist, erfreut werden.

Die Natur tut alles aus Gewinn- und Selbstsucht, kann nichts umsonst tun, sucht für Wohltun das Nämliche oder etwas Besseres, oder Lob, oder Gunst einzuernten, und sieht es gern, wenn man ihre Handlungen und Geschenke wichtig findet: die Gnade sucht kein vergängliches Gut, sucht keinen Lohn als Gott allein und verlangt selbst den notdürftigen Lebensunterhalt nur soweit, als er ein Mittel werden kann, ewige Güter zu erobern.

6. Die Natur hat Freude daran, viele Freunde und Bekannte zu zählen, hält sich vieles zu gut auf adelige Abkunft und hohen Rang, lächelt den Mächtigen zu, schmeichelt den Reichen und spendet ihresgleichen Beifall: die Gnade liebt auch die Feinde und brüstet sich nicht vieler Freunde wegen, achtet Abkunft und Geburt, wenn nicht edlere Tugend dabei ist, für nichts Großes, hält es mehr mit den Dürftigen als mit den Reichen, will lieber mit dem Unschuldigen leiden, als mit dem Mächtigen Freude haben, freut sich mit Freunden der Wahrheit und nicht mit falschen Brüdern der Lüge, ermuntert die Guten zum schönen Wetteifer, immer besser und dem Sohne Gottes durch Tugend ähnlicher zu werden.

Die Natur bricht über jede Mängel und noch so geringe Lasten in laute Klagen aus: die Gnade kann Mangel und Last mannhaft ertragen.

7. Die Natur lenkt alles auf sich zurück, sie kämpft und streitet nur für sich: die Gnade führt alle Dinge auf Gott als die Urquelle aller Dinge zurück, schreibt sich nichts Gutes zu, kennt keine stolze Anmaßung, zankt nicht, hält ihre Meinung nicht für besser als fremde Meinungen, sondern unterwirft sich in allem, was sie denkt und empfindet, der ewigen Weisheit und dem Spruche des göttlichen Richters. Die Natur forscht nach Geheimnissen und hascht nach Neuigkeiten, will außen glänzen und durch die fünf Sinne Erfahrungen einsammeln, will gekannt sein und glänzende Taten verrichten, die Lob und Bewunderung schaffen: die Gnade, unbekümmert um alles, was durch Neuheit die Neugier reizt, vergißt es nicht, dass all das Neue ein Beweis des alten Verderbens ist, da es im Grunde nichts Neues und nichts Dauerhaftes unter der Sonne gibt.

Das ist also die Summe und der Kern alles dessen, was uns die Gnade lehrt: Die Sinne bezähmen, eitle Selbstgefälligkeit verschmähen, sich nicht selbst zur Schau tragen, vielmehr alles, was des Lobes und der Bewunderung wert sein mag, mit dem Schleier der Demut bedecken und in allen Dingen und Wissenschaften nichts anderes suchen, als die Frucht des Nutzens und Gottes Lob und Ehre. Die Gnade will nicht sich oder ihre Vorzüge gerühmt wissen; Gott möchte sie in allen seinen Gaben verherrlicht sehen, Gott, der alles aus der lautersten Liebe gibt.

8. Dies Gnade ist ein Licht, höher als alles Licht der Natur, ist eine besondere Gabe Gottes, ist das eigenste Siegel der Auserwählten, ist das rechte Unterpfand des ewigen Heils; sie hebt den Menschen über alles Irdische, dass er das Himmlische lieben kann, und schafft aus dem sinnlichen Menschen einen geistlichen. Eben deswegen wird diese Gnade dem Menschen desto reichlicher mitgeteilt, je mehr er die sinnliche Natur beherrscht und besiegt. Täglich erhält der innerliche Mensch neue Zuflüsse dieser Gnade, wodurch das Ebenbild Gottes in ihm eine herrlichere Gestalt gewinnt und nach dem heiligen Urbilde erneuert wird.

55. Kapitel: Von der Verdorbenheit der menschlichen Natur, und von der siegenden Kraft der göttlichen Gnade

1. Der Mensch: Nach deinem Bilde, o mein Gott und Herr, hast du mich erschaffen. Schenke mir nun auch deine Gnade, die ich durch deine Unterweisung als ein so großes und zu meinem Heile unentbehrliches Gut erkannt habe. Schenke mir deine Gnade, damit ich die Natur überwinden kann, welche so zerrüttet und verdorben ist und mich zu Sünde und Verderben fortreißt. Denn ich fühle in meinem Fleische das Gesetz der Sünde, das dem Gesetze meines Geistes widerspricht und mich wie einen Gefangenen fortschleppt, dass ich in so mancherlei Dingen der Sinnlichkeit wie ein Sklave Gehorsam leiste; und ich kann den Leidenschaften keinen entscheidenden Widerstand leisten, wenn mir deine Gnade nicht streiten hilft und wie eine heilige Flamme mein Herz zum Guten entzündet.

2. Deine Gnade ist notwendig, und große Gnade ist notwendig, dass die Natur, die von Jugend auf zum Bösen geneigt ist, besiegt wird. Nachdem die menschliche Natur durch den ersten Menschen Adam gefallen und durch die Sünde zerrüttet worden ist, pflanzt sich dieser Makel auf alle Menschen fort. Die Natur, die du gut und rein geschaffen hast, ist jetzt zerrüttet, krank, verdorben. Denn ihre Regung, sich selbst überlassen, treibt zu dem, was böse und niedrig ist. Nur eine geringe Kraft ist uns übrig geblieben, gleich einem Fünklein in der Asche verborgen. Und dieses Fünklein ist die natürliche Vernunft, die, mit großer Finsternis umhüllt, nur noch Gutes und Böses, Wahres und Falsches zur Not unterscheiden, aber das Gute, das sie selbst billigt, nicht vollbringen, das Wahre, das sie sucht, nicht im vollen Licht schauen, die Gesundheit der Neigungen, die sie selbst wünscht, nicht durch sich selbst herstellen kann.

3. Daher kommt es, dass ich nach dem inneren Menschen Freude habe an deinem Gesetz, o mein Gott! indem ich wohl weiß, dass dein Gebot gut, gerecht, heilig ist und alles Böse verdammt und alle Sünde fliehen lehrt. Aber dem Fleische nach diene ich dem Gesetze der Sünde. Ich gehorche mehr der Sinnlichkeit als der Vernunft. Gutes wollen liegt mir nahe, aber das Vollbringen finde ich nicht in mir. Daher kommt es, dass ich so vielerlei gute Entschlüsse fasse, aber bei einem geringen Widerstande springe ich zurück und erliege unter dem Drucke der sinnlichen Natur, wenn deine Gnade meine Schwachheit nicht stützt. Daher kommt es, dass ich das Bessere, das ich tun sollte, und das mich nach und nach zur Vollkommenheit führen würde, klar genug einsehe, aber, von dem Gewicht der eigenen Verdorbenheit niedergedrückt, zu dem, was besser ist, mich wirklich emporzuheben nicht vermag.

4. Oh, wie höchst notwendig habe ich deine Gnade, um das Gute anzufangen, fortzusetzen und zu vollenden! Ohne diese Gnade kann ich nichts tun; aber, wenn mich diese Gnade stärkt, dann vermag ich durch dich Alles. O du wahrhaft himmlische Gnade! ohne dich hat keine Naturgabe, keine Schönheit, keine Leibesstärke, keine Kunst, keine Wissenschaft, keine Beredsamkeit, kein eigenes Verdienst ein Gewicht, einen Wert vor dir, dem Herrn. Denn die Gaben der Natur haben gute und böse Menschen miteinander gemein; aber die Gnade, das ist: die heilige Liebe, die den Menschen des ewigen Lebens würdig macht, ist das rechte Unterscheidungszeichen der Auserwählten. So unübertrefflich ist diese Gnade, dass ohne sie selbst die Gabe der Weissagung und die Gabe Wunder zu wirken und das tiefste Forschen so viel als nichts gelten. Noch mehr: ohne diese Gnade, ohne diese Liebe ist weder Glaube, noch Hoffnung, noch eine andere Tugend gottgefällig.

5. Oh, du seligste Gnade! dir ist es gegeben, den, der arm im Geiste ist, reich an Tugend, und den, der an vielen Gaben reich ist, von ganzem Herzen demütig zu machen. So komm denn du, steig herab zu mir und erfülle mich am Morgen mit deinen Tröstungen, damit meine Seele den Tag über nicht verschmachte und in sich verdorre. Lass mich, o Gott! Gnade finden vor deinem Angesicht; denn an deiner Gnade habe ich genug, wenn ich auch nicht habe, was die Natur verlangt. Es mögen noch so viele Versuchungen und Trübsale über mich kommen, ich fürchte nichts, wenn nur deine Gnade bei mir ist. Sie ist meine Stärke, sie schafft mir Rat und Hilfe. Sie ist mächtiger als alle meine Feinde, weiser als alle Weisen.

6. Sie ist die Lehrerin der Wahrheit, die Mutter der Zucht, das Licht des Herzens; sie schafft Trost in der Bedrängnis, verjagt die Traurigkeit, verscheucht die Furcht, nährt die Andacht und feuchtet das Auge mit Tränen. Was bin ich ohne sie anderes, als ein dürres Holz, ein abgestandener Wurzelstock, der zu nichts taugt als hinausgeworfen zu werden? Also deine Gnade komme mir allzeit zuvor, deine Gnade begleite mich überall, deine Gnade folge mir überall nach und lasse mich nie müde werden Gutes zu tun, durch Jesus Christus, deinen Sohn. Amen.

56. Kapitel: Wir sollen uns selbst verleugnen und Christus durch das Kreuz nachfolgen

1. Der Herr: Lieber Sohn! So weit du von dir zu scheiden vermagst, so weit kannst du in mich eingehen. Los von dir, eins mit mir. Nichts außer dir verlangen, das macht dich eins mit dir; dich selbst ganz verlassen, das macht dich eins mit Gott. Ich will es so: du musst endlich die vollkommene Verleugnung deines Willens erlernen und meinen Willen ohne Widerspruch und Klage vollbringen. So folge denn mir nach. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Ohne Weg kein Gehen, ohne Wahrheit kein Erkennen, ohne Leben kein Leben. Ich bin der Weg, den du gehen, die Wahrheit, an die du glauben, das Leben, auf das du dein ganzes Hoffen richten musst. Ich bin der Weg ohne Fehl, die Wahrheit ohne Trug, das Leben ohne Ende. Ich bin der geradeste Weg, die höchste Wahrheit, das wahre, selige, unerschaffene Leben. Wenn du auf meinem Wege beharrst, so wirst du die Wahrheit erkennen, die Wahrheit wird dich frei machen und du wirst das ewige Leben erfassen.

2. Willst du zum Leben eingehen, so halte die Gebote. Willst du die Wahrheit erkennen, so glaube mir. Willst du vollkommen sein, so verkaufe alles. Willst du mein Jünger sein, so verleugne dich selbst. Willst du das ewige Leben in Besitz nehmen, so verachte das gegenwärtige. Willst du im Himmel erhöht werden, so erniedrige dich auf Erden. Willst du mit mir regieren, so trage mit mir das Kreuz. Denn nur die Diener des Kreuzes finden den Weg zur Seligkeit und zum wahren Lichte.

3. Der Mensch: Lieber Herr Jesus Christus, voll Leiden war dein Leben und die Welt verachtete dich und dein Leben. Lehre mich, die Welt verachten und deinem Leben nachleben. Denn der Knecht ist nicht mehr als sein Herr und der Jünger nicht mehr als sein Meister. Mein ganzes Leben sei nichts als eine Übung nach dem Muster deines Lebens; denn darin finde ich Heil und Heiligung. Was ich außer deinem Leben lese oder höre, ist keine rechte Weide für mein Herz und keine volle Freude.

4. Der Herr: Lieber Sohn! Gelesen und verstanden hast du nun alles, was ich gelehrt habe. Wenn du nun auch tust, was du erkennst, dann bist du selig. Wer meine Gebote hat und sie hält, der hat mich lieb, und den werde ich auch lieb haben und mich ihm offenbaren und ihn im Reiche meines Vaters mit mir auf dem Throne sitzen lassen.

5. Der Mensch: Herr Jesus! Was du lehrst und verheißest, das soll auch an mir wahr, das soll auch an mir erfüllt werden. Mache du mich tüchtig dazu. Angenommen, angenommen habe ich das Kreuz aus deiner Hand; ich will es nun auch tragen bis zum Tode, wie du es auf meine Schulter gelegt hast. Wahrhaftig, das Leben eines frommen Ordensmannes ist ein rechtes Leben am Kreuz, aber es führt deswegen sicher in das Paradies. Ich habe nun den Weg betreten, ich habe angefangen: zurückgehen darf ich nicht mehr und aufhören auch nicht.

6. Wohlan, Brüder! schließt euch an mich, wir wollen Hand in Hand miteinander gehen. Jesus wird in unserer Mitte sein. Um Jesu willen haben wir das Kreuz auf unsere Schultern genommen; um Jesu willen wollen wir es auch tragen bis ans Ende. Der unser Führer ist und uns vorangeht, der wird auch unser Helfer sein. Seht! unser König geht vor uns her; er wird auch für uns streiten. Lasst uns als Männer ihm nachgehen. Kein Schrecken schrecke uns zurück! Das sei unser Entschluss: den Tod der Ehre im Kriege zu sterben. Die Schande, dass wir von der Fahne des Kreuzes fliehen, wollen wir unserer Ehre nicht antun.

57. Kapitel: Werde nicht mutlos, wenn du mancherlei Fehltritte tust

1. Der Herr: Mein Sohn, Geduld und Demut in trüben Stunden gefallen mir weit mehr als alle Trostes- und Andachts-Fülle im Glück. Was betrübt dich denn ein hartes Wort, das man wider dich fallen ließ? Wenn es auch mehr gewesen wäre, so hätte es dich nicht beunruhigen sollen. Aber nun, lass es vorbei sein. Dies ist nicht das Erste und gar nichts Neues und wird auch nicht das Letzte sein in deinem Leben, was man wider dich ausstreut.

Du bist wohl Manns genug, so lange dir nichts Widriges begegnet; du weißt auch andern klug zu raten und ihnen Mut einzureden. Aber wenn plötzlich eine Drangsal dir selbst vor die Tür kommt, da ist dein ganzer Vorrat an Klugheit und Mut zu Ende. Lerne doch einmal deine große Gebrechlichkeit kennen, die du öfter bei unbedeutenden Vorfällen deutlich genug beweist. Indessen dienen alle Dinge deinem Besten, also auch diese oder ähnliche Proben deiner Gebrechlichkeit.

2. Schlag du dir dies alles, so gut du kannst, aus Sinn und Herz. Und wenn dir auch etwas zu nahe geht, so lass es dich wenigstens nicht gleich daniederwerfen und verstricke dich nicht selbst immer tiefer in Verwirrung. Bist du nicht imstande, im Leiden froh zu sein, so lerne wenigstens geduldig tragen. Und wenn du die harten Urteile anderer über dich nicht gern hörst, und wenn du Widerwillen verspürst, so leiste doch Widerstand und lass kein Wort aus deinem Munde kommen, das die Unordnung deines Herzens offenbart und die schwachen Brüder ärgert. Der innere Aufruhr wird bald wieder gestillt und der Schmerz in Freude verwandelt sein, wenn die Gnade wiederkommt. Ich lebe noch (spricht der Herr), und bin bereit dir zu helfen und dich mehr als sonst zu trösten, wenn du nur auf mich vertraust und mit vertrauendem Herzen zu mir um Hilfe rufst.

3. Behalte Gleichmut und gürte dich mit Geduld zu größeren Leiden. Es ist nicht gleich alles verloren, wenn dich noch so viele Leiden, noch so schwere Versuchungen in die Enge treiben. Mensch bist du, kein Gott; Fleisch und Blut, kein Engel. Wie wolltest du dich auch immer in demselben Stande der Tugend halten, da es die Engel im Himmel und der erste Mensch im Paradiese nicht vermochten? Ich bin's, der die Niedergeschlagenen aufrichtet mit Freundlichkeit; ich bin's, der die Schwachen, die ihr Unvermögen fühlen, in mein göttliches Kraft-Reich emporhebt.

4. Der Mensch: Mein Herr, wie dank ich dir für dies dein Wort! Süßer als Honig ist es meiner Seele. Was würde in meinen so großen Drangsalen und Ängsten aus mir werden, wenn du mich nicht mit deinem heiligen Worte stärktest? Wenn ich einst nur im Hafen des Heils lande! Was kümmert es mich dann, was und wie viel ich werde ausgestanden haben. Verleih mir ein gutes Ende, einen glücklichen Ausgang aus dieser Welt! Gedenk meiner, mein Gott, und leite mich auf der rechten Bahn in dein Reich. Amen!

58. Kapitel: Forsche nicht in den unerforschlichen Tiefen der göttlichen Entschlüsse

1. Der Herr: Mein Sohn, zerbrich dir den Kopf nicht mit eitlem Forschen und Wortwechseln über die geheimen Gerichte Gottes. Warum dieser so arm und verlassen, jener so selig und in Gnade aufgenommen, dieser so tief erniedrigt, jener hoch erhöht wird. Denn alles dieses liegt über dem Gesichtskreise der menschlichen Vernunft. Kein menschliches Nachforschen kann die Ratschlüsse Gottes erforschen; keine gelehrte Streitrede kann sie erörtern. Wenn dir also dein Feind solche Gedanken in die Seele legt oder neugierige Menschen darüber Aufschluss von dir haben möchten, so antworte du nur mit dem Propheten (Ps. 119, 137): Gerecht bist du, o Gott, und gerecht sind alle deine Ratschlüsse. Und: Die Urteile des Herrn sind Wahrheit und bewähren sich selbst als Wahrheit. Denn meine Gerichte sind da, um einen heiligen Schauer über die Menschen-Herzen zu verbreiten, und nicht, um von den Menschen-Köpfen untersucht und gerichtet zu werden.

2. Grüble und disputiere auch nicht über die Verdienste der Heiligen, wer etwa heiliger als andere, wer im Reiche Gottes der Größere sein mag. Das Dichten und Forschen dieser Art erzeugt oft unnützes Gezänk, nährt Eitelkeit und Stolz, weckt Neid und Zwietracht, da einer diesen, ein anderer jenen Heiligen über alle andere hochmütig erhebt. Dergleichen Dinge wissen und erforschen wollen, schafft keinen Nutzen und missfällt den Heiligen sehr, weil ich kein Gott der Zwietracht, sondern ein Gott des Friedens bin, und dieser Friede mehr in wahrer Demut als eigener Erhöhung besteht.

3. Einige haben mehr Neigung zu diesem oder jenem Heiligen, aber bei dieser Neigung läuft mehr Menschliches als Göttliches mit unter. Ich bin's, der alle Heiligen geschaffen; ich habe ihnen Gnade geschenkt; ich habe ihnen Herrlichkeit zugeteilt, ich kenne ihre Verdienste; ich bin ihnen mit den Segnungen meiner Liebe zuvorgekommen; ich habe sie, die Geliebten, von Ewigkeit her gekannt; ich habe sie mir von der Welt ausgesucht, nicht sie mich. Ich habe sie durch meine Gnade gerufen, durch meine Erbarmungen zu mir gezogen, durch mancherlei Prüfungen hindurch geführt. Ich habe sie mit den süßesten Tröstungen heimgesucht; ich habe ihnen die Gabe der Beharrlichkeit geschenkt und ihrer Geduld die Krone aufgesetzt.

4. Ich kenne den ersten und letzten, ich liebe sie alle mit unvergleichbarer Liebe. Mich soll man in allen meinen Heiligen loben, mich über alles preisen, mich in jedem ehren; denn ich habe sie groß und herrlich gemacht und vorherbestimmt zur Herrlichkeit ohne alles vorhergegangene Verdienst.

Wer also Einen von meinen Geringsten verachtet, der ehrt auch den Großen nicht; denn ich habe den Kleinen und den Großen geschaffen. Und wer Einen von den Heiligen verkleinert, der verkleinert auch mich und alle übrigen im Reich der Himmel. Alle Heiligen sind eins durch das Band der Liebe; Eines fühlen, Eines wollen sie alle; alle lieben einander, als wenn sie Einer wären.

5. Und, was noch mehr ist: Alle lieben mich ungleich mehr als sich selbst und ihre Verdienste. Ganz außer sich und über alle Eigenliebe erhaben sind sie nichts als lauter Liebe zu mir und wollen nichts als Liebe, und diese Liebe ist ihr Genuss, ihre Ruhe. Nichts kann sie von mir abwendig machen, nichts kann sie niederdrücken, denn sie sind voll von der ewigen Wahrheit und durchglüht vom Feuer der unauslöschlichen Liebe. Verstummen sollen also die Fleisches- und Sinnen-Menschen, sie sollen es nicht wagen, auch nur ein Wort zu reden von dem Leben der Heiligen, denn sie kennen keine Freude als die der Eigenliebe und keine Liebe als die zu sich selbst. Sie geben und nehmen nach ihren Neigungen, nicht nach dem Maßstab der ewigen Wahrheit.

6. Viele fehlen hierin aus Unwissenheit; besonders die, welche noch nicht erleuchtet genug sind. Die haben vielleicht in ihrem ganzen Leben nie eine lautere, vollkommene, wahrhaft geistliche Liebe gegen irgendeinen Menschen gefühlt. Es ist weiter nichts als natürliche Neigung und bloß menschliche Freundschaft, was sie zu diesem oder jenem Heiligen hinzieht. Und ihr irdischer Sinn für das, was irdisch ist, mischt sich unvermerkt auch in ihr Urteil von dem, was überirdisch ist. Aber wer wird ihn messen, den unermesslichen Abstand zwischen dem, was die Unvollkommenen denken, und zwischen dem, was die Erleuchteten im vollen Lichte höherer Offenbarung schauen?

7. Darum hüte dich, mein Sohn, von alledem vor- und aberwitzig zu reden oder zu schreiben, was dein Wissen übersteigt; strebe, ringe vielmehr danach, dass du einst wenigstens als der Geringste im Reiche Gottes kannst befunden werden. Und wenn jemand auch gewiss wüßte, wer im Reiche Gottes an Heiligkeit und Größe obenan stünde, was würde ihm dies Wissen nützen, wenn es ihn nicht zuerst vor mir in den Staub niederwürfe und dann wieder aufrichtete zur größeren Verherrlichung meines Namens? Ungleich gottgefälliger handelt der, welcher die Größe seiner Sünden und die Kleinheit seiner eigenen Tugend misst und den Abstand seines Wandels von der Vollkommenheit der Heiligen tief beherzigt, als der, welcher die größeren oder kleineren Verdienste der Heiligen in gelehrten Streitreden auseinandersetzt. Besser, die Heiligen mit heißen Gebeten und Tränen in Demut und Andacht des Herzens um ihre Fürbitte anflehen, als was von ihrer Herrlichkeit für uns im Dunkel liegt, mit verlorenem Forschen aufhellen zu wollen.

8. Die Heiligen sind gar wohl zufrieden; wenn es nur die Menschen auch wären und ihrem windigen Geschwätze einmal ein Ende machten! Sie suchen keinen Ruhm in ihren eigenen Verdiensten, weil sie sich selbst nichts Gutes, weil sie alles Gute mir zuschreiben, mir, der ich ihnen alles Gute aus grenzenloser Liebe geschenkt habe. Ihre Freude an Gott und ihre Liebe zu Gott ist so überfließend groß, dass ihnen nichts mangelt und nichts mangeln kann von alledem, was herrlich und selig macht. Je größer ihre Herrlichkeit, desto größer ihre Demut; je größer ihre Demut, desto näher und lieber sind sie mir. Deshalb heißt es auch, dass sie ihre Kronen niederlegten vor Gott und fielen auf ihr Angesicht vor dem Lamme und beteten an den Ewiglebendigen.

9. Viele fragen, wer der Größte im Himmelreiche sei, und wissen nicht, ob sie selbst gut genug sein werden, einst auch nur die Stelle des Geringsten einzunehmen. Es ist schon etwas Großes, auch der Geringste im Himmel zu sein, weil alle Kinder Gottes heißen und sind.

Es wird sich so recht in der Gemeinde der Heiligen erfüllen, was Jesaias (60, 22) sagt: Der Geringste soll zu Tausenden werden, der Kleinste zu einem starken Volke. Und von den Sündern gilt es, was der nämliche Prophet (65, 20) sagt: Fluch und Tod kommen über den Sünder von hundert Jahren.

Als seine Jünger Christus fragten (Matth. 18, 3), wer denn der Größere im Himmelreiche wäre, bekamen sie die unerwartete Antwort: Wenn ihr nicht ganz umgeändert und wie die kleinen Kinder werdet, so könnt ihr nicht in das himmlische Reich eingehen. Wer also sich verdemütigt, wie dieser Kleine da, der wird der Größere im Himmelreiche sein.

10. Wehe denen, die zu groß sind, um freiwillig mit Kleinen klein zu werden; denn die Tür des Himmels ist niedrig und nicht groß genug, um so große Menschen einzulassen! Wehe auch den Reichen, die ihren Himmel hier auf Erden haben, denn sie werden draußen stehen müssen und heulen, indes die Armen in das Reich Gottes eingehen werden! Darum freuet euch, ihr Demütigen, jauchzet, ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer, ist euer, wenn ihr in der Wahrheit wandelt.

59. Kapitel: Nur in Gott soll meine Hoffnung und Zuversicht sein

1. Der Mensch: Herr, es sind so viele Dinge unter der Sonne: Wie heißt doch das Ding, auf das ich mich in allen Schickungen meines Lebens verlassen und das mich wahrhaft trösten kann? Bist nicht du es, mein Herr und mein Gott, dessen Erbarmungen ohne Zahl und ohne Grenze sind? Wo war mir doch wohl ohne dich? Oder wie hätte es mir übel gehen können bei dir? Lieber will ich arm sein um deinetwillen, als reich ohne dich. Lieber will ich mit dir auf Erden Pilger sein, als ohne dich das Himmelreich besitzen.

Wo du bist, da ist der Himmel, wo du nicht bist, da ist Tod und Hölle. Du bist das Verlangen meiner Seele: darum schreit, weint, seufzt sie nach dir. Mein volles Vertrauen kann ich auf niemand setzen als auf dich allein; denn wer hülfe mir in allen Nöten und so zur rechten Stunde, wie du? Du bist meine Hoffnung, du meine Zuversicht, du mein Tröster, du mein treuester Freund in Not und Tod.

2. Alle anderen suchen das Ihre; du suchst nur mein Heil, nur meinen Fortschritt im Guten und lenkst alles mir zum Besten. Und wenn du mich noch so vielen Versuchungen und Trübsalen aussetzest: so leitest du mir auch alle diese Versuchungen und Trübsale zu meinem Besten. Denn es ist deine Weise: tausend und wieder tausend Prüfungen müssen deine Geliebten über sich ergehen lassen. Und wenn du wirklich solche Prüfungen über mich kommen lässt, so bist du ebenso der Liebe würdig und aller Lobpreisungen wert, als wenn du mich mit himmlischen Tröstungen überschüttetest.

3. Auf dich allein also setze ich meine ganze Hoffnung und meine einzige Zuflucht; dir stelle ich all meine Angst und Beklemmung anheim, weil ich alles, was ich außer dir sehe, schwach und unstet finde. Denn alle meine Freunde, so viel ihrer sind, können mir nichts nützen, alle starken Helfer mir nicht helfen, alle klugen Räte mir nichts Kluges raten, alle Bücher der Gelehrten mich nicht trösten, alle kostbaren Schätze der Erde mich nicht retten, alle geheimen Zufluchtsplätze mich nicht schützen, wenn du mir nicht beistehst, du mir nicht hilfst, du mich nicht stärkst, du nicht tröstest, du nicht belehrst, du nicht schützest.

4. Alles, was Friede und Seligkeit verheißt, ist ohne dich nichts und hilft ohne dich in Wahrheit nicht zur Seligkeit. Du bist also der Anfang und die Vollendung alles Guten: du die Höhe alles Lebens; du die Tiefe jedes Wortes. Auf dich mehr als auf alles andere hoffen, das ist der Trost und die ganze Stärke deiner Knechte. Zu dir, mein Gott, schauen meine Augen auf; du bist meine Zuversicht!

Vater aller Erbarmungen! Segne meine Seele; heilige sie durch deine himmlischen Segnungen, damit sie werde eine heilige Wohnung für dich, ein Sitz deiner ewigen Herrlichkeit, ein Tempel deiner Majestät, darin dein heiliges Auge nichts Unreines erblicke. Nach der Größe deiner Güte, nach der Fülle deiner Erbarmungen sieh herab auf mich und erhöre das Flehen deines armen Knechtes, der da schmachtet im Schattenlande des Todes, fern von dir. Schütze und erhalte die Seele deines geringen Knechtes in so vielen Gefahren dieses gebrechlichen Lebens und leite und begleite mich durch deine Gnade auf dem Wege des Friedens in das Vaterland der ewigen Klarheit. Amen.

Viertes Buch: Vom Sakramente des Altares

1. Kapitel: Von der Ehrfurcht, mit der wir uns dem Tische des Herrn nahen und Christus empfangen sollen

Der Herr: Kommet alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken (spricht der Herr, Matth. 11, 28). Das Brot, das ich geben werde, das ist mein Fleisch, welches ich für das Leben der Welt hingeben werde (Joh. 6, 52). Nehmet hin und esset, das ist mein Leib, der für euch wird hingegeben werden: dies tut zu meinem Gedächtnis (Luk. 22, 19). Wer mein Fleisch ißt, und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm (Joh. 6, 57). Die Worte, die ich zu euch geredet habe, sind Geist und Leben (Joh. 6, 64).

1. Der Mensch: Diese Worte sind deine Worte, ewige Wahrheit, Jesus Christus, ob sie gleich deine Zunge nicht zu Einer Zeit ausgesprochen, noch die Heilige Schrift in Einer Stelle zusammengefasst hat. Weil sie aber doch deine Worte sind, und Wahrheit sind, so muss ich sie aus deinem Munde mit allem Danke annehmen und mit aller Treue bewahren. Diese Worte sind dein, und du hast sie einst ausgesprochen. Sie sind aber auch mein, denn du hast sie zu meinem Heile ausgesprochen. Willig nehme ich sie aus deinem Munde, damit sie tiefer in meine Seele dringen. Es ist in diesen Worten so viel Lieblichkeit, Milde und Liebe, dass sie mich mit sanfter Gewalt zu dir hinziehen. Aber meine eigenen Sünden schrecken mich, und mein unreines Gewissen schlägt mich zurück, indem ich mich diesen großen Geheimnissen nahen will. Die Freundlichkeit deiner Einladung lockt mich zu dir, aber die große Bürde meiner Sünden drückt mich nieder.

2. Es ist ein Gebot deiner Liebe, dass ich mit Zuversicht zu dir hintreten soll, wenn ich Teil an dir haben will; dass ich von dem Brote der Unsterblichkeit essen soll, wenn ich in deiner Herrlichkeit ewig leben will. Du sprichst: Kommet alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Oh, ein teures, freundliches und liebliches Wort im Ohre des Sünders, dass du, mein Herr und Gott, einen Armen und Dürftigen zu dir einladest, dass er dein Fleisch esse und dein Blut trinke und ewig lebe. Aber wer bin ich, o mein Herr, dass ich es wagen darf, dir zu nahen? Sieh! die Himmel der Himmel fassen dich nicht, und du sprichst: Kommt zu mir alle!

3. Was willst du denn mit dieser so milden Herablassung, mit dieser so freundlichen Einladung? Wie will ich es wagen, zu dir zu kommen, da ich nichts Gutes in mir finde, das mir Mut machte, vor dir zu erscheinen? Wie werde ich dich in meine Hütte hereinführen dürfen, da ich dein Angesicht voll Gnade und Liebe so oft mit meinem Undank beleidigt habe? Engel und Erzengel haben Ehrfurcht vor dir; Heilige und Gerechte zittern vor dir, und du sprichst: Kommt alle zu mir! Wenn du, Herr, das nicht selbst sagtest, wer würde es glauben? Und wenn es nicht dein Gebot wäre, wer würde es wagen, dir zu nahen?

4. Sieh! Noah, der gerechte Mann, baute hundert Jahre an seiner Arche, damit er und wenige mit ihm könnten gerettet werden; und ich, wie werde ich in Einer Stunde mein Gemüt in die rechte Verfassung bringen und dem Baumeister der Welt eine würdige Wohnstätte in mir bereiten können?

Moses, dein großer Diener und besonderer Freund, ließ die Bundeslade aus einem Holze, das der Verwesung am kräftigsten widersteht, verfertigen und mit dem reinsten Golde überziehen, worein er die Tafeln des Gesetzes legte; und ich, ein verwesliches Geschöpf, wie soll ich es wagen, dich, den Gesetzgeber selbst, dich, das Leben des Lebens, in mein Herz aufzunehmen?

Salomo, der weiseste von den Königen Israels, baute sieben Jahre lang an einem prächtigen Tempel zur Ehre deines Namens, feierte das Fest der Tempelweihe ganze acht Tage, opferte tausend Friedens-Opfer und ließ die Bundeslade unter Trompetenschall und Jubelgesang an die zubereitete Stätte mit allem ersinnlichen Feiergepränge einsetzen. Und ich, eines der ärmsten und elendsten Menschenkinder, wie darf ich es wagen, dich in mein Haus einzuführen, da ich kaum eine halbe Stunde in ungestörter Andacht zubringen kann? Ach wenn ich auch nur in meinem ganzen Leben eine einzige halbe Stunde dir allein in voller Andacht des Herzens geweiht hätte!

5. O mein Gott, was und wie viel haben deine treuen Diener unternommen, um dir zu gefallen! Und wie gering ist alles, was ich tue? Wie kurz ist die Zeit, die ich auf meine Vorbereitung zur Kommunion verwende! Selten bin ich ganz in mir gesammelt, noch seltener bleibe ich auch nur eine kurze Weile in mir gesammelt, ohne die zerstreuenden Gedanken wieder Eingang finden zu lassen. Und doch sollte in deiner heilschaffenden Gegenwart kein ungeziemender Gedanke sich in meinem Innersten regen, kein Geschöpf deine Stelle in meinem Herzen einnehmen; denn es ist nicht etwa ein Engel, es ist der Herr der Engel, den ich in mir beherbergen will.

6. Es ist wahrhaftig ein großer Abstand zwischen der Bundeslade und allen ihren Heiligtümern und zwischen deinem reinsten Leibe und seinen unaussprechlichen Kräften; ein großer Unterschied zwischen jenen Bundesopfern, die nur ein Vorbild der Zukunft sein sollten, und zwischen dem wahren Opfer deines Leibes, das den Sinn aller Opfer der Vorzeit lebendig darstellt und vollkommen erfüllt.

7. Wie kommt es denn aber, dass deine Gegenwart, die überall die höchste Ehrfurcht einflößen sollte, mein kaltes Herz nicht in Flammen setzt? Warum bereite ich mich nicht mit mehr Eifer vor, dein heiliges Abendmahl zu genießen, nachdem jene alten heiligen Stammväter und Propheten und Könige und Fürsten mit ihrem ganzen Volke in der öffentlichen Verehrung deines Namens so viel Andacht bewiesen haben?

8. Tanzte doch der König David im Feuer der heiligen Empfindung Vor der Bundeslade Gottes, indem ihm die Wohltaten, die seine Väter vom Herrn empfangen hatten, vor Augen schwebten. Er ließ allerlei Musikinstrumente verfertigen, verfasste selbst geistliche Lieder, ließ sie öffentlich und mit festlicher Freude singen, sang selbst mit und spielte oft auf der Harfe, wie es ihm der Heilige Geist in das Herz gab; er lehrte das Volk Israel seinen Gott mit ganzer Seele preisen und dessen Größe wie mit einem Munde alle Tage in Dank- und Lob-Gebeten kund tun. Wenn sich nun damals, im Anblicke der Bundeslade, das Feuer der Andacht schon so mächtig in ihm regte und er das Lob Gottes sich so zu Herzen nahm: welche Ehrfurcht und Andacht soll jetzt mich und das Christenvolk beseelen im Anblicke des Sakraments, und bei dem Genusse des heiligsten Leibes unseres Herrn Jesus Christus?

9. Viele laufen an vielen Orten hin und her, um die Reliquien der Heiligen zu besuchen, und geraten in große Verwunderung, wenn sie von ihren Taten erzählen hören, die prächtigen Kirchengebäude anschauen und die Gebeine der Heiligen, in Seide und Gold eingefasst, andächtig küssen. Und sieh, du, mein Gott, du der Heilige aller Heiligen, du der Schöpfer aller Menschen und der Herr aller Engel, du bist hier, auf dem Altare, zugegen. Bei jenem Laufen und Sehen läuft doch auch viel Neugierde mit unter; es reizt uns das Nochnichtgesehene, und am Ende haben wir nicht viel Nutzen davon, besonders, wenn es nur ein leichtsinniges Hin- und Her-Rennen ist, das die Seele kalt und ohne wahre Herzensreue lässt. Hier in dem Sakramente des Altars aber bist du selbst ganz gegenwärtig, mein Gott. Mensch Jesus Christus! Wer dich würdig und mit wahrer Andacht in sein Herz aufnimmt, der erntet reiche Frucht des ewigen Heiles. Zu dieser Kommunion aber treibt den Christen nicht Neugier, nicht Leichtsinn, nicht Sinnlichkeit, sondern lebendiger Glaube, feste Zuversicht und aufrichtige Liebe.

10. Unsichtbarer Schöpfer der Welt, Gott, wie wunderbar handelst du mit uns! Wie lieblich und voll Gnade gehst du mit deinen Auserwählten um, indem du dich selbst im Sakramente ihnen zur Speise gibst und dich mit ihnen vereinigst! Dies übersteigt wahrhaftig alle Begriffe, die sich der menschliche Verstand machen kann; dies zieht die Herzen der Frommen mit besonderer Kraft zu dir; dies entzündet ihr ganzes Verlangen nach dir. Denn deine wahren, treuen Freunde, die ihr ganzes Leben zu ihrer Besserung verwenden, empfangen aus diesem allerwürdigsten Sakrament neue himmlische Kräfte zur Andacht und zur Liebe der Tugend.

11. O wie ist die Gnadenfülle dieses Sakraments so wunderbar und geheimnisvoll! Nur die gläubigen Freunde Jesu Christi kennen sie; aber die Ungläubigen und die Sklaven der Sünde können sie nicht erfahren. In diesem Sakrament wird uns neue Geisteskraft mitgeteilt, der verlorene Tugendsinn erneuert, und die Schönheit der Seele, die durch die Sünde verunstaltet ward, wieder hergestellt. Diese Gnade erreicht manchmal ein so großes Maß, und die Andacht, die daraus entsteht, ein solches Übermaß, dass nicht nur der Geist, sondern auch der schwächliche Leib neue Kraft empfängt.

12. Es ist jedoch schmerzlich zu beklagen, dass wir so lau und nachlässig sind, dass uns kein lebendigeres Verlangen, Christus zu empfangen, zu ihm hintreibt, da doch die ganze Hoffnung aller, die da selig werden sollen, und ihr ganzes Verdienst auf ihm beruht. Denn er ist unsere Heiligung und Erlösung, er die Trostquelle für die Pilger, er die ewige Seligkeit für die Heiligen. Traurig genug, dass so viele dies heilschaffende Geheimnis so wenig in acht nehmen, ein Geheimnis, das die Freude des Himmels und das Heil der ganzen Welt ausmacht. Wahrhaftig, es gehört eine unbegreifliche Blindheit und Verhärtung des menschlichen Gemütes dazu, dass wir für dies unaussprechliche Geschenk nicht mehr Gefühl und Achtung haben und selbst aus dem täglichen Gebrauche unachtsamer und gefühlloser dafür werden.

13. Denn, würde dieses heiligste Sakrament nur an Einem Orte und von Einem Priester in der Welt konsekriert: mit welchem Sehnen würden die Menschen nicht nach diesem Orte und zu diesem Priester Gottes eilen, damit sie an den göttlichen Geheimnissen Anteil nehmen könnten! Nun aber sind viele Priester und Christus wird an vielen Orten geopfert, damit die Gnade und Liebe Gottes sich desto hellleuchtender offenbaren möchte, je öfter und an je mehr Orten die heilige Kommunion gehalten wird.

Ich danke dir, unsterblicher Hirt! Guter Jesus, ich danke dir, dass du uns arme und im Elende schmachtende Pilger mit deinem kostbaren Leib und Blut zu erquicken würdigst und noch zu diesem Mysterium so freundlich (Matth. 11, 28) einlädst: Kommet zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

2. Kapitel: Gottes große Güte und Liebe wird dem Menschen in diesem Sakrament erwiesen

1. Der Mensch: Im Vertrauen auf deine Liebe und große Barmherzigkeit, Herr, gehe ich hin zu dir, ein Kranker zu seinem Heiland, ein Durstiger zur Quelle des Lebens, ein Dürftiger zum König des Himmels, ein Knecht zu seinem Herrn, ein Geschöpf zu seinem Schöpfer, ein Trostloser zu seinem freundlichen Tröster. Aber wie wird mir das, dass du zu mir kommst? Wer bin ich, dass du dich selbst mir hingibst? Ich, ein Sünder, wie darf ich es wagen, vor dir zu erscheinen, und du, der Heilige, wie kannst du so gütig sein, zu einem Sünder zu kommen? Du kennst doch deinen Knecht und weißt, dass er nichts Gutes in sich hat, das ihn einer solchen Gabe würdig machte.

Wahrhaftig, ich gestehe meine Nichtswürdigkeit, ich erkenne deine Gütigkeit, ich preise deine Vaterhuld, ich danke deiner Liebe, die keine Grenze hat. Denn das, was du hierin und in allem zu meinem Besten tust, das tust du nicht um meiner Verdienste, sondern bloß um deiner Liebe wegen, das tust du mir, um deine Gnade noch herrlicher an mir zu beweisen und mir selbst noch mehr Liebe und mehr Demut in das Herz zu legen. Weil dir dies nun wohlgefällt, weil es sogar deinem Gebote gemäß ist, so kann ich nicht anders: was du gebietest, das muss auch mir gefallen, vor allem deine Herablassung. Ach, dass nur meine Sünde nicht im Wege stünde!

2. O du, die Liebe und die Lieblichkeit selbst, Jesus! Welche Verehrung, Dank und ständige Lobpreisung bin ich dir schuldig, dafür, dass du mich mit deinem heiligsten Leibe speisest, dessen unbegreifliche Würde zu begreifen kein Menschenverstand fähig ist. Was werde ich aber bei dieser Kommunion, beim Hingehen zu meinem Herrn, den ich nicht nach Würde verehren kann und doch mit voller Andacht empfangen möchte, Besseres und Nützlicheres tun können, als mich ganz vor dir erniedrigen und deine grenzenlose Liebe über mich zu erheben? Das will ich tun, mein Gott! Wie nichts fühle ich mich vor dir und unterwerfe mich dir bis in den Abgrund meines Nichts; ich lobe dich und will dich ewig loben, mein Gott, ewig deinen Namen über alle Namen erhöhen.

3. Du bist der Heiligste unter den Heiligen und ich der Sündigste unter den Sündern. Du neigst dich zu mir, und ich bin nicht wert, zu dir aufzuschauen. Du kommst zu mir, du willst bei mir sein, du lädst mich selbst zu deinem Gastmahl ein. Du willst mir die Speise des Himmels, das Brot der Engel zu essen geben, kein anderes Brot, als dich selbst, das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist und der Welt das Leben gibt.

4. Sieh, woher die Liebe kommt und wie herrlich die Liebe hervorleuchtet! Wie werde ich dir dafür genug danken, genug dich lobpreisen können? Wie hast du mir doch nichts als lauter Heil und Segen zugedacht, da du dieses Gastmahl einsetztest! Wie lieblich und süß ist das Mahl der Liebe, indem du dich selbst zur Speise gibst! Wie wundervoll ist dein Werk, wie allvermögend deine Macht, wie unerschütterlich deine Wahrheit! Denn du sprachst, und es ward alles, was du werden hießest; du sprachst, und es ward auch dieses, wie du es werden hießest.

5. Wahrhaftig, es ist etwas Wundervolles und – bei aller Unbegreiflichkeit für den menschlichen Verstand – Glaubwürdiges, dass du, mein Herr und Gott, wahrhaft Gott und wahrhaft Mensch, unter den geringen Gestalten des Brotes und Weines unversehrt zugegen bist und, obwohl dich der Mensch genießt, unverzehrt bleibst. Du, dem alles zu Gebote steht, der keines Dinges bedarf, du wolltest durch dies dein Sakrament in uns wohnen. Bewahre du mir Leib und Seele unbefleckt, damit ich mit frohem und reinem Gewissen öfters deine Geheimnisse würdig feiern und, was du zu deiner Ehre und zum immerwährenden Denkmale der Liebe gestiftet und eingesetzt hast, zu meinem ewigen Heile empfangen kann.

6. So freue dich denn, meine Seele, und danke Gott für diese so edle Gabe und für den erquickenden Trost, den er uns in diesem Tale der Tränen zurückgelassen hat. Denn so oft du dieses Geheimnis begehst und den Leib Christi genießest, so oft nimmst du Anteil an allen Verdiensten Christi, Anteil an dem großen Werke der Erlösung. Denn die Liebe Christi ist ein unerschöpfliches Gut, und seine vollgültige Versöhnung ist ebenso unerschöpflich. Deshalb musst du dich jedesmal mit erneuertem Sinn und Herzen vorbereiten und das große Geheimnis des Heils aufmerksam betrachten. Und wenn du Messe liest oder hörst, so soll dir diese Handlung so wichtig, neu und erfreuend sein, als wenn Christus erst im Leibe der heiligen Jungfrau menschliche Gestalt annähme oder am Kreuze hängend für das Heil der Menschen litte und stürbe.

3. Kapitel: Es ist nützlich, öfters zum Tische des Herrn zu gehen

1. Der Mensch: So komme ich denn zu dir, mein Herr, damit mir wohl werde an deinem Gnadentische; damit ich Labung finde bei deinem heiligen Mahle, das du aus überfließender Liebe für uns Arme zubereitet hast. Alles, was ich verlangen kann und suchen soll, alles finde ich bei dir. Du bist mein Heil und meine Erlösung, meine Hoffnung und meine Stärke, mein Ruhm und meine Herrlichkeit. So erquicke denn heute die Seele deines Knechtes; denn zu dir, o mein Herr und Heiland, Jesus Christus, zu dir habe ich meine Seele erhoben. Mit Andacht und Ehrfurcht möchte ich dich jetzt empfangen und in mein Haus führen, möchte wie Zachäus von dir gesegnet und den Söhnen Abrahams beigezählt werden. Meine Seele sehnt sich nach deinem heiligen Leibe; mein Herz brennt im heiligen Verlangen, mit dir vereinigt zu werden.

2. Gib dich mir, und du hast mir genug gegeben; denn außer dir tröstet doch kein Trost. Ich kann nimmer sein ohne dich, nicht leben ohne deine Heimsuchung. Deshalb muss ich oft zu dir hingehen, dich als Mittel meines Heils oft empfangen, damit ich auf meiner Pilgerreise nicht etwa unterliege, wenn mir das Brot des Himmels entzogen wird. Denn es ging einst, als du, voll Erbarmung und Milde den Völkern predigtest und ihre mancherlei Gebrechen heiltest, das Wort aus deinem Munde (Matth. 15, 32): Ich will sie nicht hungrig nach Hause gehen lassen, dass sie nicht auf dem Wege erliegen. So mache es denn auch so mit mir, denn du hast dich zum Troste aller, die an dich glauben, im heiligen Sakramente zurückgelassen. Du bist die liebliche Labung der Seele, und, wer dich jetzt würdig empfängt, wird einst das Erbgut der ewigen Herrlichkeit empfangen. Und weil ich so oft falle und sündige, weil ich so bald wieder träge und matt werde, so bedarf ich es gar sehr, dass ich durch öfteres Gebet, durch öfteres Bekenntnis meiner Sünden, durch öfteren Empfang deines heiligen Leibes, gereinigt, erneuert und zum Guten neu entflammt werde, dass ich nicht durch Zu langes Fernbleiben ablasse vom heiligen Vorsatz.

3. Denn der Sinn des Menschen ist von seiner Jugend auf zum Bösen geneigt, und wenn ihm die göttliche Arznei nicht zu Hilfe kommt, so fällt er gar bald von Sünde in Sünde, immer tiefer. Die heilige Kommunion zieht ihn also vom Bösen zurück und belebt ihn zum Guten. Denn wenn ich jetzt, bei öfterem Empfang dieses Sakramentes oder beim Zelebrieren, dennoch so nachlässig und lau werde, was würde aus mir werden, wenn ich diese Arznei nicht nähme, dieses mächtige Hilfsmittel nicht brauchte? Und ob ich gleich nicht jeden Tag tauglich und zum Messelesen genug vorbereitet bin, so will ich doch allen Fleiß darauf wenden, dass ich an gewissen Tagen die göttlichen Geheimnisse empfangen und an dieser so großen Gnade teilnehmen kann. Denn für eine gläubige Seele, die noch in ihrer sterblichen Hülle fern von dir pilgert, ist dies eine der vornehmsten Tröstungen, dass sie, ihres Gottes eingedenk, ihren Geliebten mit glühender Andacht öfters aufnehmen kann.

4. O wie ist doch deine wundervolle Liebe gegen uns so mild und so herablassend, dass du, unser Herr und Gott, du, der Schöpfer und die Lebensquelle aller Geister, eine ärmliche Seele heimsuchst, um ihren Hunger mit der ganzen Fülle deiner Gottheit und Menschheit zu sättigen! O selig, selig die Menschenseele, die dich, ihren Gott und Herrn, mit würdiger Andacht empfangen und dadurch mit Geistesfreude erfüllt werden kann! O wie groß ist der Herr, den sie empfängt, wie lieb der Gast, den sie beherbergt, wie freundlich der Begleiter, den sie aufnimmt, wie treu der Freund, den sie bewillkommt, wie schön und edel, und über alle lieben Freunde liebenswert, und über alles, was man wünschen kann, wünschenswert ist der Bräutigam, den sie umarmt! Himmel und Erde und alle Schönheit des Himmels und der Erde mögen schweigen vor deinem Angesicht, o du mein Geliebter, voll Liebe und Lieblichkeit! Denn alles, was Himmel und Erde Schönes und Großes haben, das haben sie aus deiner freigebigen Hand. Alle ihre Gaben können nicht erreichen die Herrlichkeit deines Namens, dessen Weisheit unermesslich ist.

4. Kapitel: Die andächtige Kommunion schafft uns viel Gutes

1. Der Mensch: Mein Gott und Herr! Lass deinen Diener zum voraus die Segnungen deiner Liebe erfahren, damit ich zu deinem heiligen Sakramente würdig und andächtig hingehen kann. Erwecke du mein Herz zu dir, und mache es frei von seiner Trägheit und Kälte. Lass mich deine heimsuchende und heilschaffende Gnade erfahren, damit mein Geist schmecken kann deine unbegreifliche Süßigkeit, die in diesem Sakramente wie in einer Brunnquelle in ihrer ganzen Fülle verborgen liegt. Erleuchte meine Augen, damit ich dies große Geheimnis schauen kann; stärke meine Glaubenskraft, damit ich mit festem Sinne daran glauben kann. Denn es ist nicht Menschen-Werk, sondern Gottes Werk, nicht Menschen-Erfindung, sondern deine heilige Einsetzung. Aus sich selbst ist kein Mensch imstande, dies Geheimnis der Liebe zu fassen und zu begreifen, weil es auch über den Verstand der Engel erhaben ist. Was werde also ich, ein Sünder, ohne alles Verdienst, ich Staub und Asche, von diesem heiligen, hohen Geheimnis erforschen und begreifen können?

2. Herr! In Einfalt des Herzens, in festem Glauben, auf deinen Befehl hin, mit Zuversicht und Ehrfurcht trete ich zu dir hin und glaube, dass du hier in dem Sakramente zugegen bist, Gott und Mensch! Es ist dein Wille, dass ich dich empfangen und Eins mit dir in Liebe werden soll. Deshalb flehe ich zu deiner Güte um die besondere Gnade, dass ich ganz von dir durchdrungen und in Liebe zu dir verwandelt werde und keinem äußeren Trost mehr nachlaufe. Denn dieses höchste und würdigste Sakrament ist eine heilschaffende Arznei für die Gebrechen der Seele und des Leibes, stärkt in aller Ohnmacht zum Guten, festigt uns mit himmlischer Kraft, den Schaden der Sünde zu heilen, die Leidenschaft zu bändigen, die Versuchungen zu besiegen und ihre Anfälle zu mindern; gießt neue größere Gnade in das Herz, rüstet zu mutigerem Tugendkampfe, befestigt den Glauben, stählt die Hoffnung, entzündet und vergrößert die heilige Liebe.

3. Viele, große Gnaden hast du deinen Geliebten, die mit Andacht dies Sakrament empfangen haben, schon mitgeteilt und teilst ihnen immer neue Gnaden mit, du mein Gott, der auch meine Seele aufnimmt, auch meine Schwachheit stützt, auch mich mit innerem Troste erquickt. Du erhebst deine Freunde aus dem tiefen Gefühle ihrer Ohnmacht zur seligen Hoffnung auf deinen Schutz; du bewaffnest sie mit Trost und Mut für die Tage der Leiden; du erheiterst und erfreust sie mit einem neuen Gnadenstrahle, dass die nämlichen Menschen, die vor der Kommunion in sich nichts als Angst, Dürre und Ohnmacht fanden, nach der Kommunion gestärkt von der Speise und dem Tranke des Himmels sich besser und neugeschaffen zu allem Guten fühlen. Diese liebevolle Führung deiner Auserwählten hat wohl keinen anderen Zweck, als sie auf dem Wege eigener Erfahrung zur wahren Erkenntnis zu bringen, wie viel Schwäche und Armut sie in sich selbst haben und was für Stärke und Reichtum sie von dir, von deiner Güte nehmen. Aus sich selbst, das erkennen sie, sind sie kalt, hart, ohne alles Andachtsgefühl; durch dich werden sie voll Feuer und munter zur Andacht. Wer sollte auch zur Brunnquelle alles Trostes und aller Süßigkeit in Demut gehen und nicht ein wenig Trost und Süßigkeit mit sich zurückbringen? Wer sollte vor einem hellflammenden Glutofen stehen und nicht ein wenig Wärme und Leben in seinen Gliedern fühlen? Und der Brunnquell alles Trostes, aller Seligkeit, ewigvoll und ewigüberfließend, bist du! Und das Feuer, ewig brennend und nie verbrennend, bist du!

4. Wenn ich also jetzt noch nicht aus der ganzen Fülle des Brunnquells selbst schöpfen und mich satt trinken kann, so will ich doch an das kleine Rohr, durch das der himmlische Trank mir zufließt, den Mund ansetzen und etliche Tropfen trinken, damit mein brennender Durst ein wenig gestillt wird und ich nicht ganz verschmachte. Und wiewohl ich noch nicht ganz himmlisch gesinnt, nicht ganz von Liebe durchglüht sein kann wie die Cherubim und Seraphim, so will ich doch mein Herz mit anhaltendem Fleiße in Andacht üben und dazu bereiten, dass ich mir durch demütigen Genuss dieses belebenden Sakramentes einige Funken aus dem göttlichen Flammen-Meere holen kann. Was mir aber mangelt, das wirst du, guter Jesus, heiliger Erlöser, um deiner Liebe und Erbarmung willen in mir ergänzen und neuschaffen, nachdem du einmal alle zu dir gerufen hast mit dem teuren Worte (Matth. 11, 28): Kommet zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.

5. Ja wahrhaftig, ich arbeite im Schweiße meines Angesichtes, werde von Herzens-Angst und Kümmernis hart gepreßt, mit Sünden schwer beladen, von Versuchungen hin und her getrieben, in viele böse Neigungen verwickelt und niedergedrückt und habe bei all diesem Druck niemand, der mich erlöst und seligmacht, als dich allein, mein Herr und Gott, mein Erretter! Dir allein übergebe ich mich ganz und all das Meine, damit du mich behütest, du mich hinführst zum ewigen Leben. Nimm mich auf zur Verherrlichung deines Namens, nachdem du deinen Leib und dein Blut mir zur Speise und zum Tranke bereitet hast, und lass, mein Gott und mein Heil, lass mein Herz nach jeder neuen Kommunion noch mehr Andacht empfinden.

5. Kapitel: Von der Würde des heiligen Sakramentes und vom Priesterstande

1. Der Herr: Wenn du die Reinheit eines Engels und die Heiligkeit Johannes des Täufers hättest, so wärest du doch nicht würdig, dies Sakrament zu empfangen und zu konsekrieren. Denn das ist nicht Menschenverdienst, dass jemand das Sakrament Christi konsekriert und behandelt und das Brot der Engel genießt. Wahrhaftig, hier ist ein großes Geheimnis; hier erscheint der Priester in seiner Würde. Es ist ihm gegeben, was den Engeln nicht gestattet ist. Denn die Priester allein, die in der Kirche die rechte Weihe erhalten, haben die Gewalt, die Messe zu feiern und den Leib Christi zu konsekrieren. Zwar ist der Priester nur Diener Gottes, gebraucht nur das Wort Gottes nach Ordnung und Einsetzung Gottes; Gott ist es eigentlich, der hier als der vornehmste Urheber handelt und unsichtbar wirkt. Ihm ist alles untertan, was er will, ihm gehorcht alles, wie er befiehlt.

2. Du musst also in diesem erhabensten Sakramente dem allmächtigen Gott weit mehr als dem eigenen Sinne oder dem Scheine eines sichtbaren Zeichens glauben. Und deshalb nahe dich mit aller Ehrfurcht zu dieser Handlung. Hab acht auf dich und bedenke es wohl, was für ein Amt dir durch die Handauflegung des Bischofs anvertraut worden. Sieh! Du bist nun ein Priester, zur Konsekration des Leibes Christi geweiht. Sorge also, dass du deinem Gott mit Andacht und Treue das heilige Opfer darbringst und dich selbst untadelig darstellst. Du hast deine Bürde nicht erleichtert; es ist dir vielmehr eine neue Pflicht zu heiligerem Wandel auferlegt worden, du bist zu höherer Vervollkommnung der Heiligkeit berufen. Der Priester soll mit allen Tugenden geschmückt sein, soll seinen Mitchristen als ein Vorbild des heiligen Lebens voranleuchten. Er soll nicht auf der Heerstraße mit dem Haufen wandeln, sondern mit den Engeln im Himmel oder mit heiligen Menschen auf Erden.

3. Ein Priester in seinem Priester-Gewande vertritt die Stelle Christi; denn er hat den Beruf, für sich und für das Volk in Demut und Andacht zu Gott zu flehen. Er hat vor sich und hinter sich das Zeichen des Kreuzes unseres Herrn, damit er und das Volk zum steten Andenken an das Leiden Christi erweckt werden. Er trägt das Kreuz am Messgewand vorwärts, damit er die Fußtapfen Christi stets im Auge behalte und Mut fasse, in diese zu treten. Es ist das Kreuz Christi auch rückwärts am Messgewand zu sehen, ein schönes Sinnbild, dass der Priester auch die Leiden, die ihm von andern gleichsam hinter dem Rücken zustoßen, um Gottes willen in Demut und Sanftmut tragen soll. Er trägt das Kreuz vorwärts und rückwärts, ein Denkzeichen, dass er seine eigenen Sünden bereuen und aus Mitleid auch fremde beweinen, sich selbst zwischen Gott und dem Volke in die Mitte gestellt ansehen und im Gebet und heiligen Opfer nicht ermüden soll, bis er Gnade und Erbarmung zu erflehen gewürdigt wird. So oft der Priester zelebriert, verherrlicht er Gott, erfreut die Engel, erbaut die Kirche, gibt Hilfe den Lebenden, schafft Ruhe den Entschlafenen und sich selbst Teilnahme an allem Guten.

6. Kapitel: Wie soll man sich zur Kommunion vorbereiten

1. Der Mensch: Wenn ich an deine Würde, o Herr, und an meine Armseligkeit denke, so zittere ich und erröte vor mir selbst. Denn gehe ich nicht hin zu deinem Tische, so fliehe ich vor dem Leben; gehe ich aber unwürdig hin, so falle ich noch tiefer. Was soll ich also tun, mein Gott, du mein Rat, du meine Hilfe in allen Nöten?

2. Zeige du mir den rechten Weg und unterweise mich, wie ich mich durch eine kurze angemessene Übung zur heiligen Kommunion vorbereiten soll. Denn es ist mir doch nützlich zu wissen, mit welcher Andacht und Ehrerbietung ich mein Herz vorbereiten soll, dein Sakrament heilsam zu genießen und dies große, göttliche Opfer zu verrichten.

7. Kapitel: Prüfe dich selbst, und nimm dir vor, dich zu bessern

1. Der Herr: Vor allem soll der Priester Gottes in tiefster Demut seines Herzens, voll Ehrerbietung, mit lebendigem Glauben und aus der reinen Absicht, Gott zu verherrlichen, zur Feier, zum Opfer und zum Genusse dieses heiligen Sakramentes hingehen. Durchforsche dein Gewissen mit allem Fleiße und lass es, soweit deine Kräfte reichen, weder an wahrer Reue noch an demütigem Bekenntnis deiner Sünden fehlen, damit dein Innerstes rein und hell werde.

Alles, was dich drücken, ängstigen und im freien Zugang zu Gott hindern kann, soll nach deinem besten Wissen aus deinem Herzen verbannt sein. Alle deine Sünden sollen dir ganz allgemein missfallen und über jeden deiner täglichen Fehltritte sollst du noch besonders trauern. Und soweit Zeit ist, bekenne deine zerrütteten Neigungen und all den Jammer, der daraus entsteht, vor Gott im Innersten deines Herzens.

2. Seufze auf und sei betrübt, dass du noch so fleischlich und irdisch gesinnt bist, so unbezähmt in deinen Leidenschaften, so voll Regungen der Begehrlichkeit, so unbewacht in den äußeren Sinnen, so verstrickt in törichten Einbildungen; noch so auswärtsgekehrt zu dem, was außer dir, und so unachtsam auf das, was in dir ist; noch so leichtfertig zum Lachen und zur Ausgelassenheit, und so felsenhart zur Träne der Reue und zum Schmerz der Buße; noch so vorschnell zu allem, was freiere Lebensart ist und der Sinnlichkeit entgegenkommt, und so träge zum Ernst und heiligen Eifer; noch so fürwitzig, Neues zu hören und Liebliches zu sehen, und so kraftlos, das anzugreifen, was gering und unangenehm ist; noch so gierig zum Empfangen, so karg zum Geben, und so geizig im Behalten; noch so unüberlegt im Reden, und so ungeübt im Schweigen; noch so ungestüm in Handlungen, und so ungeordnet im Wandel; noch so erpicht aufs Essen, und so gehör- und gefühllos für Gottes Wort; noch so eilig zur Ruhe, und so langsam zur Arbeit; noch so wachsam bei törichtem Geschwätz, und so schläfrig beim nächtlichen Gottesdienste; noch so zerstreut, wo sich die Aufmerksamkeit sammeln, so dringend und treibend nach dem Ende, wo man aushalten sollte, noch so nachlässig im Stunden-Gebete, so lau im Messelesen, so dürr am Tische des Herrn; noch so selten ganz in dir gesammelt und so oft und so leicht außer dir hinausgezerrt; noch so entzündbar zum Zorn und so reizbar, anderen weh zu tun; noch so geneigt, andere zu richten, und so streng, sie anzuklagen; noch so ausgelassen in heiteren, und niedergeschlagen in trüben Stunden; noch so reich an guten Vorsätzen und so bettelarm an guten Werken.

3. Wenn du diese und andere Mängel, die dir dein Gewissen vorhält, mit Schmerz und beschämendem Missfallen an deinen Schwachheiten bekannt und beweint hast, so ermanne dich, zum festen, heiligen Entschluss, ständig dein Leben zu bessern und in allem Guten vorwärts zu schreiten. Endlich opfere dich selbst, ganz, ohne Vorbehalt, willig und ungezwungen auf dem Altar deines Herzens, zur Ehre meines Namens, gib dich mir als ein ewiges Brandopfer hin; deinen Leib und deine Seele überlass mir allein in guten Treuen, damit du würdig wirst, Gott das Opfer zu bringen und das Sakrament meines Leibes zu deinem Heile zu empfangen.

4. Denn es ist kein edleres, kein würdigeres Sühnopfer für unsere Sünden, als in der Messe und Kommunion sich selbst, ganz und ohne Ausnahme, mit Aufopferung des Leibes Jesu Christi, Gott hingeben. Wenn der Mensch tut, was er vermag, und wahrhaft bereut, wenn er um Gnade und Vergebung zu mir fleht, so spricht der Herr: So wahr ich lebe, so gewiss will ich den Tod des Sünders nicht, sondern vielmehr, dass er sich bekehrt und lebt: nicht mehr will ich seiner Sünden gedenken; alle sollen sie ihm verziehen sein.

8. Kapitel: Christus opferte sich am Kreuze: verleugne du dich selbst

1. Der Herr: Wie ich mich am Kreuze mit ausgestreckten Armen und mit entblößtem Leibe für deine Sünden Gott, dem Vater, freiwillig geopfert, wie ich mich ganz geopfert habe, so, dass an mir und in mir nichts übrig blieb, was nicht ein Sühnopfer der Gerechtigkeit ward, so sollst auch du dich selbst und dich ganz, mit allen deinen Kräften und Neigungen, sollst dich freiwillig, und mit innigster Andacht, täglich, in der Messe mir opfern. Was sollt' ich denn von dir anderes fordern, als dass du dich ganz an mich ergibst? Alles, was du mir sonst geben magst, dich ausgenommen, das ist in meinen Augen nichts; denn ich will nicht deine Gabe haben, sondern dich.

2. So wie du kein Genüge daran finden könntest, wenn du alle übrigen Dinge hättest und mich allein nicht hättest, so kann ich kein Wohlgefallen daran haben, wenn du mir alle übrigen Dinge gibst und dich allein nicht gibst. Opfere dich mir, und gib dich ganz für Gott, und dein Opfer wird angenehm sein. Sieh! Ich habe mich ganz, für dich, dem Vater geopfert; ich habe ganz meinen Leib und mein Blut zum Tranke und zur Speise dahingegeben, damit wir ganz Eines, ich dein und du mein, werden und bleiben können. Willst du aber immer nur an dir hangen bleiben und nie dich selbst nach meinem Willen opfern, so wird dein Opfer nicht vollständig und unsere Vereinigung kann nicht innig und ganz werden. Wenn du also Gnade und Freiheit erlangen willst, so musst du bei allen Werken dich selbst vorher in die Hände Gottes aufopfern. Denn deshalb findet man so wenig Menschen, welche die wahre Freiheit und das rechte Licht haben, weil es so wenig Menschen gibt, die sich ganz verleugnen und opfern. Mein Wort (Luk. 14, 33), das ich einst ausgesprochen habe, bleibt noch immer in seiner ganzen Kraft: Wer nicht allen Dingen absagt, der kann mein Jünger nicht sein. Wenn du also mein Jünger werden willst, so gib dich ganz, mit allen deinen Neigungen, mir zum Opfer hin.

9. Kapitel: Wirkliche Selbst-Aufopferung und Gebet für andere ist notwendig

1. Der Mensch: Herr! dein ist alles im Himmel und auf Erden. Darum möchte auch ich mich selbst als ein freiwilliges Opfer dir hingeben und aus freier Wahl ewig dein sein und bleiben. So bringe ich denn in Einfalt meines Herzens mich selbst dir zum Opfer dar und weihe mich heut zu deinem Dienste und zur Lobpreisung deines Namens auf ewig. Nimm mich also auf mit dem heiligen Opfer deines kostbaren Leibes, das ich dir heute in Gegenwart der Engel, dieser unsichtbaren Zeugen und Mitanbeter, darbringe, damit es mir und deinem ganzen Volke zum Segen werde.

2. Herr, alle meine Sünden und Laster, die ich von der ersten Stunde des erwachenden Gewissens bis auf diesen Augenblick vor deinem Angesicht und vor deinen heiligen Engeln begangen habe, lege ich auf deinen Sühnaltar, damit du sie mit dem Feuer deiner Liebe verbrennen, alle Makel, die sie in mir zurückgelassen haben, austilgen, mein Gewissen von aller Schuld reinigen, mir die Gnade, die ich durch die Sünde verloren habe, wiederschenken und das Siegel der vollkommenen Verzeihung, den Friedenskuss, in deiner Barmherzigkeit geben mögest.

3. Was kann ich für alle meine Sünden tun, als sie mit demütigem Herzen und tränendem Auge bekennen und deine Gnade ohne Unterlass anflehen? So flehe ich denn zu dir, o mein Gott! Erhöre mich, und lass mich Gnade finden, wie ich so vor dir dastehe. Alle meine Sünden sind ein Greuel in meinen Augen; nicht mehr will ich sie begehen; immer mit Reue und Schmerzen will ich an sie denken; will Reue nimmer aus meiner Seele kommen lassen; will Buße tun, solange ich lebe, will deiner Gerechtigkeit in allem Genüge tun, so gut ich es vermag.

Verzeih, o mein Gott, verzeih mir alle meine Sünden, um deines heiligen Namens willen. Mache selig die unsterbliche Seele, die du mit deinem kostbaren Blut erlöst hast. Sieh! deinem Erbarmen empfehle ich mich ganz, in deine Hand befehle ich mich. Handle mit mir nicht nach meinem bösen, ungerechten Sinne, sondern nach deinem gütigen, liebenden Herzen.

4. Jetzt lege ich auch all mein Gutes, so wenig und unvollkommen es immer sein mag, als Opfergabe auf deinen Altar, damit du es verbessern und heiligen, damit du es dir gefällig und angenehm machen, damit du alles Mangelhafte mir zum Guten lenken und mich, das träge, unnütze Menschlein, immer vorwärts zum Ende der Bahn, zur Seligkeit hinführen mögest.

5. Ich lege auch auf deinen Altar nieder alle heiligen Wünsche der Frommen und die geheimen Anliegen meiner Eltern und Freunde, Brüder und Schwestern, und aller meiner Lieben, und derer, die mir oder anderen dir zuliebe Gutes getan haben, die sich und die Ihrigen in mein Gebet und Opfer empfohlen haben, sie mögen noch mit uns auf Erden pilgern oder schon heimgegangen sein, ich bitte für sie alle, dass sie deine helfende Gnade und deine tröstende Hilfe, Schutz vor Gefahren und Errettung aus allen Strafen erfahren und von allem Übel erlöst dir in heiliger Feier Dank- und Jubel-Lieder singen mögen.

6. Endlich opfere ich dir auch meine Gebete und Sühnopfer besonders für die, welche mich beleidigt, betrübt, getadelt, geschädigt, gekränkt haben; auch für alle, die ich betrübt, gekränkt, geschädigt und mit Worten oder Taten, mit oder ohne Wissen, geärgert habe; verzeih uns allen miteinander alle Sünden und alle Beleidigungen, mit denen wir einander betrübt haben. Nimm von unserem Herzen hinweg alles, was Argwohn, Zorn, Verbitterung, Zank heißt und das zarte Band brüderlicher Liebe auflösen oder schwächen kann. Erbarme, erbarme dich, o Herr, aller, die dein Erbarmen erflehen; gib Gnade allen, die deiner Gnade bedürfen, und bilde aus uns solche Menschen, die immer würdiger, deine Gnade zu genießen, und zum ewigseligen Leben immer tüchtiger werden.

10. Kapitel: Unterlass den Zugang zum Tische des Herrn nicht leichthin

1. Der Herr: Zu mir, zur Quelle der Gnade und göttlichen Erbarmung, zur Quelle der Milde und Reinheit, musst du oft wiederkehren, damit du von deinen Leidenschaften und Sünden geheilt, wider alle Versuchungen und List des Teufels immer bewaffnet und zur Wachsamkeit gestärkt wirst. Der Feind weiß wohl, welche Frucht und heilsame Kraft in der heiligen Kommunion liegt; darum sucht er auf alle Weise und bei allen Anlässen die frommen und treuen Christen vom Tische des Herrn fernzuhalten oder am Zugange zu hindern.

2. Manche haben, wenn sie sich zur heiligen Kommunion mit größerem Eifer vorbereiten wollen, wider listigere Eingebungen des Satans zu kämpfen. Da mischt sich auch in dem Sinne, wie es bei Hiob heißt, der Satan unter die Kinder Gottes, damit er sie mit seinen listigen Anschlägen zuerst in Schrecken und dann in anhaltende Furcht und Verwirrung setze. Er weiß ihnen den Glauben durch scheinbare Gegengründe aus dem Herzen zu stehlen oder ihre Liebe zu schwächen, dass sie entweder gar nicht oder nur kalt und gefühllos zum Tische des Herrn gehen. Aber der weise Christ weiß auch, dass man die listigen Anschläge und Eingebungen des Feindes, sie mögen so schändlich oder schreckhaft sein, wie sie wollen, für nichts zu achten hat, sondern alle seine Vorspiegelungen auf ihn selbst zurückweisen muss. Wahrhaftig, verachten, ja verlachen muss man den Elenden, und all seine Anfälle und Regungen sollen es nie dahin bringen, dass man um ihretwillen die heilige Kommunion unterlässt.

3. Andere hindern sich selbst durch die übertriebene Sorge um Andacht und Eifer oder durch das ängstliche Bemühen, ihr Sündenbekenntnis genau zu machen. Dann handle nach dem Rate der Weisen und lerne all das kleinliche, ängstliche Wesen aus dem Herzen schaffen. Denn es hemmt den Einfluss der Gnade Gottes in dein Herz und den Aufschwung deines Herzens zu Gott.

Lass doch irgendeine geringe Verwirrung oder Beklemmung des Herzens nie so viel bei dir gelten, dass du deshalb die Kommunion unterlässt, sondern geh lieber zu deinem Seelenführer und öffne ihm dein Herz und beichte; verzeih allen, die dich beleidigt haben, von ganzem Herzen, und wenn du jemanden beleidigt hast, so bitte in Demut um Verzeihung, und Gott wird auch dir gern verzeihen.

4. Was nützt es dir denn, dass du die Beichte oder die heilige Kommunion von einem Tage zum anderen verschiebst? Behalt das Gift nicht länger bei dir, wirf es sogleich von dir und nimm eilig die stärkende Arznei ein, und du wirst dich besser befinden, als wenn du es noch länger verschoben hättest. Wenn dicht heute dies Hindernis vom Tische des Herrn entfernt, so kann dich morgen ein anderes, noch größeres, entfernen, und so kannst du lange gehindert und immer untüchtiger zum Genuss der himmlischen Speise werden.

Mach dich doch, sobald du kannst, von den Banden der Trägheit los; denn es taugt nichts, so lange Angst und Verwirrung mit sich umherzutragen und jeden Tag eine neue Scheidewand zwischen sich und dem Göttlichen aufzuführen. Ja, es schadet vielmehr, dies anhaltende Hinausschieben der Kommunion; denn es erzeugt eine gefahrvolle Gleichgültigkeit in allem Guten. Arme Menschen! Weil sie so zerstreut und liederlich dahinleben, so zögern sie mit ihrem Sündenbekenntnis von Tag zu Tag und wünschen sogar, die Kommunion zu verschieben, bloß um sich nicht wieder sammeln und strenger bewachen zu müssen.

5. Ach, wen die geringste Ursache vom Tische des Herrn entfernen kann, der gibt deutlich genug zu verstehen, dass seine Liebe überaus schwächlich und seine Andacht kraftlos ist. Wie selig und gottgefällig ist dagegen der, welcher so lebt, sein Gewissen so rein bewahrt, dass er alle Tage zum Tische des Herrn hingehen will und kann, wenn er es nur dürfte und ohne Aufsehen tun könnte. Wenn jemand aus innigem Gefühl der Demut oder aus einer andern gültigen Ursache hie und da die Kommunion unterlässt, so muss man ihn loben wegen seiner Ehrfurcht. Wenn sich aber Trägheit und Kälte in dein Herz schleichen, so musst du dich selbst zusammennehmen, dich selbst ermannen und tun was du kannst. Der Herr wird alsdann deinem Verlangen schon zu Hilfe kommen; denn auf den guten Willen, wo immer er sich regt, hat der Herr ein besonderes Augenmerk.

6. Ist der gute Christ wirklich gehindert, so behält er doch den guten Willen und die fromme Absicht, zum Tische des Herrn zu gehen, und dieser gute Wille wird die Kraft des Sakramentes an sich erfahren. Denn wer die wahre Andacht in seinem Innersten hat, kann alle Tage, kann jede Stunde des Tages zur geistlichen Kommunion Christi heilsam und ohne Hindernis hintreten. Desungeachtet soll er aber auch zu bestimmten Tagen und zur festgesetzten Zeit den Leib seines Erlösers mit allen Empfindungen der Liebe und Ehrfurcht im Sakrament empfangen wollen und mehr Gottes Lob und Ehre als die Erquickung seines Innersten dabei zum Ziele haben. So oft wir das große Geheimnis der Menschwerdung und das Leiden Christi andächtig betrachten und in Liebe gegen ihn entzündet werden, so oft gehen wir auf eine geistige, mystische Weise zur Kommunion und werden unsichtbar gestärkt.

7. Wer sich nur so auf einen nahen Festtag hin oder bloß nach dem Zwange der Gewohnheit, des Herkommens, zur Kommunion vorbereitet, der wird gar oft unvorbereitet sein. Selig, wer sich dem Herrn als Opfergabe darbringt, so oft er Messe liest oder zur Kommunion geht! Was das Messelesen insbesondere betrifft, so lies nicht zu geschwind und nicht zu langsam, sondern beachte die allgemeine Weise, wie es die Besseren in deinem Kreise zu tun pflegen. Anderen darfst du keinen Überdruss und Ekel schaffen. Wandle lieber auf dem allgemeinen Pfade, den unsere Vorfahren uns weisen, und sieh auch in dieser Sache mehr auf den Nutzen anderer als auf deine eigene Andacht oder Neigung.

11. Kapitel: Der Leib Christi und die heilige Schrift tun der Gläubigen Seele am meisten Not

1. Der Herr: Ich habe die reinen Seelen lieb und ich mache sie rein. Ich suche ein reines Herz, und wo ich eines finde, da schlage ich meine Herberge auf. So bereite mir denn einen großen, wohl zugerüsteten Speisesaal, und ich will bei dir mit meinen Jüngern das Ostermahl halten. Wenn du willst, dass ich zu dir kommen und bei dir bleiben soll, so fege den alten Sauerteig aus und reinige die Wohnstätte deines Herzens. Jage die ganze Zeitlichkeit aus deinem Herzen und schließ vor der Sünde und all ihrem ungestümen, aufrührerischen Gefolge fleißig die Tür zu. Sei einsam wie der Sperling auf dem Dache und denk mit reuevollem Herzen an deine Sünden. Denn wer die Liebe hat, der bereitet für seinen geliebten Freund die reinste und schönste Wohnstätte, und eben dadurch beweist sich die Liebe dessen, der den Geliebten beherbergt.

2. Wisse aber auch dies: Aus dir selbst, und wenn bloß auf den Wert deiner Arbeit gesehen würde, könntest du die würdige Vorbereitung nie vollenden, selbst wenn du dich ein ganzes Jahr vorbereitetest und nichts anderes in Sinn und Herzen hättest. Es ist doch immer meine Gnade und Milde allein, die dir den Zugang zu meinem Tische öffnet. Es ist im Grunde nichts anderes, als wenn ein Bettler, von einem reichen, guten Manne zum Gastmahl geladen, diese Wohltat nicht anders zu vergelten weiß, als dass er im Gefühl der Demut ißt und dankt und wieder dankt. Tu was an dir ist, und tu es mit aller Treue; den Leib deines Herrn, deines Gottes, der in Gnade zu dir kommt, empfange nicht aus Gewohnheit, nicht aus Zwang, sondern in heiliger Ehrfurcht, Anbetung und Liebe. Ich bin's, der dich gerufen hat; ich bin's, der dir das Gebot auferlegt hat; ich will alles das, was dir mangelt, ersetzen. Komm, empfange mich!

3. Wenn ich dir die Gabe der Andacht schenke, so danke deinem Gott, nicht für deine Würdigkeit, sondern für mein Erbarmen. Hast du die Andacht nicht und fühlst dich trocken und dürr, so halt im Gebet an, seufze und klopfe an und höre nicht auf anzuklopfen, bis dir ein Brosame meiner heilschaffenden Gnade, ein Tropfen des himmlischen Trostes gereicht wird.

Du bedarfst meiner, nicht bedarf ich deiner. Du kommst nicht, um mich heilig zu machen, sondern ich komme zu dir, um dich besser, dich heilig zu machen. Du kommst, um durch mich heilig, durch mich eins in Liebe mit mir zu werden; du kommst, um neue Gnade zu empfangen und zur Besserung neue Kraft von meinem Feuerherde zu holen. Versäume diese Gnadenstunde nicht, sondern bereite dein Herz mit allem Fleiße und führe deinen Geliebten mit zu dir nach Hause.

4. Aber du musst dich nicht nur mit aller Innigkeit des Herzens zur Kommunion vorbereiten, sondern dich auch nach der Kommunion mit aller Treue in dieser Innigkeit bewahren. Diese Bewahrung der Innigkeit ist dir gerade so unentbehrlich wie die andächtige Vorbereitung. Denn die treue Bewahrung des Herzens nach der Kommunion ist wieder die beste Vorbereitung zum Empfang einer neuen größeren Gnade; wie denn auch den Menschen nichts so untüchtig macht, Gottes Gnade zu empfangen, als wenn er sich sogleich wieder in die äußerlichen Tröstungen versenkt. Meide das Vielschwatzen, bleib bei dir daheim und genieß deinen Gott, den dir die ganze Welt nicht rauben kann. Ich bin es, dem du dich ganz ergeben musst, damit du in Zukunft nicht mehr in dir, sondern in mir fern von aller Sorge und Angst lebst.

12. Kapitel: Bereite dich mit allem Fleiße zur Kommunion Christi

1. Der Herr: Ich habe die reinen Seelen lieb und ich mache sie rein. Ich suche ein reines Herz, und wo ich eines finde, da schlage ich meine Herberge auf. So bereite mir denn einen großen, wohl zugerüsteten Speisesaal, und ich will bei dir mit meinen Jüngern das Ostermahl halten. Wenn du willst, dass ich zu dir kommen und bei dir bleiben soll, so fege den alten Sauerteig aus und reinige die Wohnstätte deines Herzens. Jage die ganze Zeitlichkeit aus deinem Herzen und schließ vor der Sünde und all ihrem ungestümen, aufrührerischen Gefolge fleißig die Tür zu. Sei einsam wie der Sperling auf dem Dache und denk mit reuevollem Herzen an deine Sünden. Denn wer die Liebe hat, der bereitet für seinen geliebten Freund die reinste und schönste Wohnstätte, und eben dadurch beweist sich die Liebe dessen, der den Geliebten beherbergt.

2. Wisse aber auch dies: Aus dir selbst, und wenn bloß auf den Wert deiner Arbeit gesehen würde, könntest du die würdige Vorbereitung nie vollenden, selbst wenn du dich ein ganzes Jahr vorbereitetest und nichts anderes in Sinn und Herzen hättest. Es ist doch immer meine Gnade und Milde allein, die dir den Zugang zu meinem Tische öffnet. Es ist im Grunde nichts anderes, als wenn ein Bettler, von einem reichen, guten Manne zum Gastmahl geladen, diese Wohltat nicht anders zu vergelten weiß, als dass er im Gefühl der Demut ißt und dankt und wieder dankt. Tu was an dir ist, und tu es mit aller Treue; den Leib deines Herrn, deines Gottes, der in Gnade zu dir kommt, empfange nicht aus Gewohnheit, nicht aus Zwang, sondern in heiliger Ehrfurcht, Anbetung und Liebe. Ich bin's, der dich gerufen hat; ich bin's, der dir das Gebot auferlegt hat; ich will alles das, was dir mangelt, ersetzen. Komm, empfange mich!

3. Wenn ich dir die Gabe der Andacht schenke, so danke deinem Gott, nicht für deine Würdigkeit, sondern für mein Erbarmen. Hast du die Andacht nicht und fühlst dich trocken und dürr, so halt im Gebet an, seufze und klopfe an und höre nicht auf anzuklopfen, bis dir ein Brosame meiner heilschaffenden Gnade, ein Tropfen des himmlischen Trostes gereicht wird.

Du bedarfst meiner, nicht bedarf ich deiner. Du kommst nicht, um mich heilig zu machen, sondern ich komme zu dir, um dich besser, dich heilig zu machen. Du kommst, um durch mich heilig, durch mich eins in Liebe mit mir zu werden; du kommst, um neue Gnade zu empfangen und zur Besserung neue Kraft von meinem Feuerherde zu holen. Versäume diese Gnadenstunde nicht, sondern bereite dein Herz mit allem Fleiße und führe deinen Geliebten mit zu dir nach Hause.

4. Aber du musst dich nicht nur mit aller Innigkeit des Herzens zur Kommunion vorbereiten, sondern dich auch nach der Kommunion mit aller Treue in dieser Innigkeit bewahren. Diese Bewahrung der Innigkeit ist dir gerade so unentbehrlich wie die andächtige Vorbereitung. Denn die treue Bewahrung des Herzens nach der Kommunion ist wieder die beste Vorbereitung zum Empfang einer neuen größeren Gnade; wie denn auch den Menschen nichts so untüchtig macht, Gottes Gnade zu empfangen, als wenn er sich sogleich wieder in die äußerlichen Tröstungen versenkt. Meide das Vielschwatzen, bleib bei dir daheim und genieß deinen Gott, den dir die ganze Welt nicht rauben kann. Ich bin es, dem du dich ganz ergeben musst, damit du in Zukunft nicht mehr in dir, sondern in mir fern von aller Sorge und Angst lebst.

13. Kapitel: Eine fromme Seele soll die Vereinigung mit Christus im Sakrament aus ganzem Herzen ersehnen

1. Der Mensch: Wie komme ich dazu, dass ich dich allein finde, vor dir mein ganzes Herz ausschütte, deiner genieße, und von allen Geschöpfen unbesehen und unangefochten, fern von allen Zeugen und den verschmähenden Blicken der Menschen, mit dir allein rede und du mit mir, wie ein Freund zum Freunde, wie ein Geliebter zu seinem Geliebten beim freundlichen Mahle spricht? Um diese Gnade bete ich, danach sehnt sich mein Herz, dass ich ganz mit dir vereinigt werde und von allem Erschaffenen abgeschieden und durch die heilige Kommunion und häufige Feier der heiligen Messe neubelebt, das Himmlische und Ewige schmecken und lieb haben lerne.

O mein Gott und Herr, wann werde ich meiner ganz vergessen und eins mit dir sein, und wie verschlungen in den Abgrund deines heiligen Wesens? Du in mir, und ich in dir – das ist mein Wunsch. Lass mich eins mit dir werden und eins bleiben: das ist mein Gebet.

2. Wahrhaftig, du bist mein Geliebter, mein Auserwählter aus Tausenden; das ist die Himmelslust meiner Seele: bei dir zu sein alle Tage meines Lebens. Wahrhaftig, du bist mein Friedensbringer; denn in dir finde ich den vollkommensten Frieden und die wahre Ruhe, und außer dir ist nichts als Plage und Schmerz und Pein ohne Ende. Wahrhaftig, du bist ein verborgener Gott; die Gottlosen wissen nichts um deinen geheimen Ratschluss, aber die Demütigen und Einfältigen sind deine Vertrauten. Wie freundlich ist dein Geist, o Herr! Um deine Freundlichkeit gegen deine Kinder zu beweisen, erquickst du sie mit dem schmackhaftesten Brote, das vom Himmel kommt. Wie bist du, unser Gott, doch allen, die an dich glauben, so unaussprechlich nahe! Kein anderes Volk ist so groß, kein anderes Volk kann sich eines solchen traulichen Umgangs mit seinem Gotte rühmen, wie wir, alle deine Gläubigen, uns deiner Nähe freuen! Um unser Herz täglich zu erquicken, täglich mit neuen Kräften gen Himmel empor zu richten, gibst du dich selbst zum täglichen Brote hin.

3. Wo ist ein Volk, so herrlich wie das Christenvolk? Wo ist unter der Sonne ein Geschöpf, das solche Liebe erfährt, wie die andächtige Seele, die ihr Herr besucht, um sie mit seinem glorreichen Fleische zu speisen? O Gnade, die kein Gedanke und kein Wort, o Milde, die keine Verwunderung erreichen kann! O Liebe ohne Maß, die sich ganz zum Besten des Menschen geopfert hat! Was werde ich aber für diese Gnade, für diese Liebe, die alle Begriffe übersteigt, dem Herrn wiedergeben können? Es ist kein Geschenk, das ich ihm geben, keines, das ihm gefälliger sein kann, als dies mein Herz: das will ich ihm, ohne Vorbehalt, geben, das will ich ganz mit ihm vereinigen. Dann wird mein Innerstes ein einziges Jubellied sein. Dann wird er zu mir sagen: Wenn du gern bei mir bist, so will ich auch gern bei dir sein. Und ich werde ihm antworten: Lieber Herr, sei so gütig, und bleib bei mir: ich will gern bei dir sein. Denn das ist mein einziges Verlangen, dass mein Herz eins mit dir werde und bleibe.

14. Kapitel: Von der besonderen Sehnsucht einiger Christen nach dem Leib des Herrn

1. Der Mensch: Wie ist doch die Fülle der Seligkeit so groß, die du deinen Freunden, die dich fürchten, aufbehalten hast! Wenn ich daran denke, dass viele andere fromme Christen mit glühender Andacht zum Tische des Herrn gehen, so erröte ich vor mir und ich kann mich kaum selbst ertragen, dass ich so kalt und gefühllos zu deinem Altar, zu deinem Tische hingehe; dass ich so dürr und ohne Rührung des Herzens bleibe; dass ich von dir, o mein Gott, nicht ganz entflammt, nicht so mächtig angezogen und von dir zu dir hingezogen werde, wie viele Andächtige, welche das übergroße Verlangen zur heiligen Kommunion nicht aushalten konnten und vor Übermaß der Liebe in Tränen zerflossen und vom innersten Grunde aus mit einem unwiderstehlichen Durst und Hunger nach dir, o Gott, du lebendige Quelle alles Trostes, schmachteten und ihr Sehnen nach dir nicht mäßigen oder stillen konnten, bis sie an deinem Tische dein Fleisch und Blut mit aller Seelenlust genossen hatten.

2. Ihr wahrer Glaube, voll Licht und Flamme, ist ein zuverlässiger Beweis deiner heiligen Gegenwart. Denn diese erkennen ihren Herrn wahrhaftig am Brot-Brechen; ihr Herz glüht, indem Jesus mit ihnen wandelt und es entzündet. Aber diese glühende Empfindung, diese flammende Andacht und Liebe ist fern von mir. Guter Jesus! Du bist ja die Liebe und Milde selbst: darum so sei auch mir gut und milde! Lass deinen armen Bettler auch nur einen Funken von deiner Liebe in der heiligen Kommunion empfinden, damit mein Glaube an dein Wort neubelebt, meine Zuversicht an deine Güte neugestärkt, meine Liebe zu dir einmal recht entflammt und durch den Genuss des Himmelsbrotes neubeseelt, nimmer ohnmächtig werde.

3. Deine Barmherzigkeit ist mächtig genug, auch mir diese ersehnte Gnade, diese deine Heimsuchung, die das Herz zur heiligen Liebe entzündet, angedeihen zu lassen, wenn der Tag sich naht, an dem es dir gefällt. Wenn schon das große Verlangen deiner Freunde, welche diese Gabe der besonderen Andacht haben, in mir noch nicht glüht, so habe ich, durch deine Gnade gestärkt, doch ein Verlangen nach jener brennenden Sehnsucht. Ich wünsche wenigstens und bitte um die Gnade, der heiligen Gesellschaft aller jener beigezählt zu werden, die von der wahren Liebe zu dir beseelt sind.

15. Kapitel: Die Gabe der Andacht wird auf dem Wege der Demut und Selbstverleugnung gefunden

1. Der Herr: Die Gnade der Andacht musst du mit anhaltendem Eifer suchen, mit ernstem Verlangen begehren, mit Geduld und Zuversicht erwarten, mit frohem Danke annehmen, in Demut bewahren, in aller Treue ihr nacharbeiten, und Zeit und Maß der himmlischen Heimsuchung Gott anheimstellen, bis er kommt. In den Zeiten der Dürre, die entweder nur ein schwächliches Gefühl der Andacht in dir aufkommen oder dich gar ohne alles Gefühl der Andacht öde liegen lassen, ist die Beugung deines Herzens vor Gott am rechten Orte. Demütig musst du sein, aber nicht verzagt und nicht tief bekümmert. Denn Gott gibt oft in Einem Nu, was er dir lange Zeit nicht gegeben, gibt manchmal am Ende deines Gebetes, was er dir am Anfange des Gebetes versagt hat.

2. Würde uns die Gnade immer auf der Stelle gegeben, oder stünde sie dem Menschen ganz nach seinem Wunsche zu Gebote: ich denke, wir Menschen wären jetzt zu schwach, eine so große Seligkeit zu tragen. Deshalb ist es für uns am besten, dass wir in Hoffnung, Demut und Geduld auf die Gabe der Andacht warten lernen, bis sie gegeben wird, und wenn sie nicht gegeben, oder schnell wieder zurückgenommen wird, die Ursache in uns selbst und in unseren Fehltritten aufzusuchen.

Oft ist es etwas Geringes, was den Einfluss der Gnade hemmt oder ihr Licht unserem Blicke entzieht: wenn anders man gering nennen darf und nicht vielmehr groß nennen muss, was uns um ein so großes Gut bringt. Es sei aber gering oder groß, was das Kommen der Gnade hindert: wenn du es entfernt hast, wird dir gleich gegeben, was du haben wolltest.

3. Denn sobald du, statt dieses oder jenes nach deinem Eigendünkel zu wünschen, dich ganz und ohne Vorbehalt und aus dem innersten Grunde deines Herzens an deinen Gott ergeben, dich ganz und alle deine Wünsche in die Hand Gottes niedergelegt hast, von diesem Augenblick an wirst du dich ruhig und eins mit Gott finden, kein anderes Ding ist dir so schmackhaft, so wohlgefällig als Gottes Wohlgefallen.

Wer also seinen Sinn in Einfalt des Herzens zu Gott emporschwingt und sich von aller ungeordneten Liebe oder Abneigung zu irgend einem erschaffenen Ding losmacht, der ist vor allen anderen fähig und würdig, die Gabe der Andacht zu empfangen. Denn wo der Herr leere Gefäße findet, da legt er seinen Segen hinein. Und je vollkommener jemand sein Herz von der Liebe zum Vergänglichen losmacht und sich selbst durch gründliches Sein-Selbst-Verachten abstirbt, desto schneller kommt die Gnade, desto tiefer dringt sie ein, desto höher hebt sie das freie Herz des Menschen empor.

4. Dann gehen dem Menschen die Augen auf; dann staunt er voll Entzücken; dann wird sein Herz weit; denn die Hand des Herrn ist mit ihm, und er hat sich ganz und für die ganze Ewigkeit in die Hand des Herrn gelegt. Sieh, so wird der Mensch gesegnet, der den Herrn von ganzem Herzen sucht und seinen Geist nicht an vergängliche Dinge hängt. Ein solcher Mensch macht sich beim Empfange des heiligen Abendmahles der großen Gnade würdig, mit Gott vereinigt zu werden. Denn er sieht nicht auf eigene Andacht und Tröstung, sondern über alle Andacht und Tröstung auf Gottes Ehre.

16. Kapitel: Klage Christus all deine Not und fleh um Gnade zu ihm

1. Der Mensch: Herr, der du an Liebenswürdigkeit und an Liebe gegen uns alles, was liebenswürdig ist und lieben kann, unvergleichbar übertriffst! Sieh, ich möchte dich jetzt andächtig empfangen; du kennst meine Schwachheit und meine Not; du siehst mich, wie ich in Sünden und im Elende daliege, niedergedrückt, angefochten, verwirrt, befleckt! Um Hilfe komme ich zu dir, um Trost und Erleichterung flehe ich zu dir. Zu dir rede ich, der du alles weißt, dem all mein Innerstes bekannt ist, der allein mich vollkommen trösten, der allein mir helfen kann. Du kennst das Gute, das ich vor allem haben sollte; du siehst, wie arm an Tugend ich bin.

2. Sieh, arm und nackt stehe ich vor dir und weine um Gnade und schreie um Barmherzigkeit. Erquicke deinen hungrigen Bettler, entzünde mein kaltes Herz durch das Feuer deiner Liebe und erleuchte meine Blindheit durch das helle Licht deiner Gegenwart. Lass mir alles Irdische bitter werden; lehre mich alles, was mich drückt und kränkt, geduldig tragen, alles Niedere und Geschaffene verachten und vergessen. Erhebe mein Herz gen Himmel zu dir hinauf und lass es nicht umherirren auf Erden. Du allein sollst von nun an mein höchstes Gut in alle Ewigkeit bleiben; denn du allein bist meine Speise und mein Trank, du meine Liebe und meine Freude, du meine Lust und meine ganze Seligkeit.

3. Dass ich durch deine Gegenwart ganz entzündet, alles Unreine in mir verzehrt, mein ganzes Wesen in dein Bild gestaltet würde! Ein Geist mit dir möcht ich werden durch die brennende Liebe, die alles Harte in mir erweichen, die mich gnädig ganz mit dir vereinigen kann! Lass mich nicht hungrig und kraftlos von deinem Tische gehen. Handle mit mir nach deiner Barmherzigkeit, wie du mit so vielen Heiligen nach deiner wundervollen Güte gehandelt hast. Du bist ja ein Feuer, das immer brennt und nimmer abnimmt; du bist ja die Liebe selbst, die das Herz reinigt und den Verstand erleuchtet; wäre es denn ein Wunder, wenn auch ich durch dich in eine lebendige Flamme verwandelt würde und alles eigene Leben in mir erstürbe?

17. Kapitel: Von der glühenden Liebe und dem heißen begehren, Christus zu empfangen

1. Der Mensch: Mit höchster Andacht und brennender Liebe, mit einem Herzen voll Leidenschaft und Glut möchte ich dich, Herr, jetzt empfangen, mit jenem lebendigen Sehnen, das heilige und andächtige Menschen an deinem Tische nach dir empfunden haben, die dir durch die Heiligkeit des Lebenswandels besonders gefallen haben und die von der glühendsten Andacht durchdrungen waren. O mein Gott! du ewige Liebe! du mein höchstes und all mein Gut! du die Seligkeit ohne Ende! Dich möchte ich empfangen mit dem lebendigsten Verlangen, mit der tiefsten Verehrung, mit der heiligsten Empfindung, die je in dem Herzen eines Heiligen gelebt hat oder hat leben können.

2. Und ob ich gleich durchaus nicht würdig bin, alle diese Empfindungen der Andacht den Heiligen nachzuempfinden, so opfere ich dir denn doch mein ganzes Herz mit allen seinen Neigungen, gerade als wenn ich allein alle die glühendsten, heiligsten Empfindungen jetzt wirklich in mir hätte. Alles, was je eine heilige Seele wünschen und denken konnte, alles dieses lege ich mit tiefster Ehrfurcht und höchster Inbrunst auf deinen Altar. Nichts will ich mir Vorbehalten; mich selbst und alles das Meine will ich dir mit der vollkommensten Willigkeit meines Herzens opfern.

Mein Herr und mein Gott, mein Schöpfer und mein Erlöser, empfangen möcht ich dich heute mit so viel Empfindung, Ehrerbietung und Lobpreisung deines Namens, mit so viel Dankgefühl und Liebe, mit all der inneren Würdigkeit, mit so viel Glauben, Hoffnung und Liebe, mit welcher dich deine Mutter Maria, die ehrwürdige Jungfrau, ersehnt und empfangen hat, als ihr der Engel das Geheimnis der Menschwerdung kundmachte, und sie voll Andacht und Demut antwortete: Sieh, ich bin eine Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Worte.

3. Und wie dein seliger Vorbote, Johannes der Täufer, dieser vortrefflichste unter den Heiligen, da er noch im Mutterleibe behalten ward, bei deiner Annäherung von der Freude des Heiligen Geistes beseelt, wonnevoll aufhüpfte, und wie er nachmals, als er dich unter Menschen wandelnd erblickte, sich tief erniedrigte und dem drängenden Gefühl der Andacht Luft machte und ausrief (Joh. 3, 29): Der Freund des Bräutigams, der wartet und seine Stimme hört, freut sich ob der Stimme des Bräutigams – so möchte auch ich von großen, heiligen Begierden ergriffen und durchglüht werden, dass ich mich ganz dir allein hingeben kann.

Alle die jubelvollen Herzens-Ergießungen der Andächtigen, alle ihre brennenden Empfindungen der Liebe, alle ihre Entzückungen im heiligen Feuer der Andacht, alle ihre übernatürlichen Erleuchtungen und was ihre geistigen Augen in diesen besseren Augenblicken sahen, alle Tugenden und Lobpreisungen, die dir der Himmel und die Erde, samt allen ihren Geschöpfen bisher dargebracht haben und noch bringen werden, lege ich vor dir nieder und falle in ihr gemeinsames Loblied ein und wünsche von ganzem Herzen, dass du von allen Geschöpfen gelobt und ewig verherrlicht werdest, und flehe für mich und alle, die sich meinem Flehen empfohlen haben.

4. Nimm diese meine Gelübde an, mein Herr und Gott, und meine Sehnsucht, dass auch durch mich dein Name ohne Ende verherrlicht und alle die grenzenlosen Lobpreisungen, die dir allein nach der Fülle deiner unaussprechlichen Herrlichkeit gebühren, dir ohne Unterlass geopfert werden. Dies ist mein Opfer, und dieses Opfer des Dankes und des Lobes möchte ich dir an allen Tagen und in jedem Augenblicke meines Lebens entrichten und ich lade alle himmlischen Geister und alle deine treuen Verehrer dazu ein, dass sie in mein Lob- und Danklied einstimmen.

5. Alle Völker der Erde, alle Geschlechter und Zungen sollen dich loben, sollen deinen heiligen Namen, der ein Name der Gnade und Barmherzigkeit ist, mit innigster Andacht und höchstem Jubel preisen. Alle, die dein heiliges Sakrament mit Ehrerbietung und Andacht konsekrieren und mit vollem Glauben empfangen, sollen Gnade und Erbarmung bei dir finden und für mich, den Sünder, in Demut fürbitten. Und wenn sie in Fülle der Andacht zum ersehnten seligen Genusse der Einigung mit dir gekommen und mit Trost gestärkt und mit dem Wunder der Liebe erquickt von deinem himmlischen Tische werden zurückgehen: dann mögen sie mich, den Armen, nicht vergessen.

18. Kapitel; Glaube an Jesus Christus und grüble nicht über das Sakrament; folge Christus nach und zweifle nicht

1. Der Herr: Hüte dich, mein Sohn, vor unnützer Neugierde, die nichts als forschen und wieder forschen will über dieses unerforschliche Sakrament. Hüte dich davor, wenn du nicht von dem Wirbel des Zweifels willst ergriffen und im Abgrunde verschlungen werden.

Wer die Majestät erforschen will, den erdrückt ihre Herrlichkeit. Die Allmacht Gottes kann doch gewiss mehr tun, als der Kopf eines Menschen begreifen kann. Dagegen ist eine fromme und demütige Untersuchung der Wahrheit, die sich gern will belehren lassen und willig ist, auf der Bahn der gesunden Lehre der Väter zu wandeln, nicht zu verwerfen.

2. Selig die Einfalt, die die rauhe Bahn der rastlosen Frage- und Streitsucht verlässt und auf dem ebenen, festen Wege der Gebote Gottes mutig fortgeht. Viele haben alles Gefühl der Andacht in sich verloren, indem sie Höheres erforschen wollen. Du sollst glauben und recht leben, das ist deine Pflicht; hohe Erkenntnis und tiefen Blick in die Geheimnisse Gottes, das fordert Gott nicht von dir.

Wenn du nicht verstehst und nicht begreifst, was unter dir ist: wie wirst du begreifen, was über dir ist? Unterwirf du dich deinem Gott, und deine Vernunft beuge sich demütig unter die Zucht des Glaubens, und es wird dir so viel Licht der Erkenntnis gegeben werden, als dir nützlich und nötig ist.

3. Einige Menschen werden von den Versuchungen wider Glauben und Sakrament hart mitgenommen. Aber daran sind sie nicht schuld, sondern der Feind. Bekümmere du dich deshalb nicht, lass dich in keinen gelehrten Streit mit deinen eigenen Gedanken ein, und zerbrich dir den Kopf nicht mit Auflösungen der unendlichen Zweifel, die der Teufel in deine Seele legt, sondern glaube dem Worte Gottes, seinen Heiligen und Propheten, und der arge Feind wird dir Ruhe lassen.

Es ist oft gut und nützlich, dass treue Knechte Gottes durch solche Leiden bewährt werden. Denn die stolzen Ungläubigen und die versunkenen Sünder hat der Feind schon im Besitze, und er braucht sie nicht erst noch zu versuchen; aber die gläubigen und andächtigen Freunde Gottes plagt und versucht er auf mancherlei Weise.

4. Halt du also wie bisher fest am Glauben, der dem Zweifel keinen Raum gibt, geh hin zum Sakrament in Demut und in heiliger Ehrfurcht. Und was du nicht begreifen kannst, das stelle furchtlos dem allmächtigen Gott anheim. Gott betrügt dich nicht; aber wer sich selbst zu viel glaubt, wird von sich selbst betrogen. Gott wandelt mit denen, die ein einfältiges, gerades Herz haben; er offenbart sich den Demütigen; er gibt Verstand den Unmündigen; er öffnet den Sinn reinen Seelen und verbirgt seine Gnade vor der Neugierde und dem Stolze der Menschen. Die menschliche Vernunft hat wenig Kraft und kann leicht irren; aber der rechte Glaube an Gott irrt ewig nicht.

5. Alle menschliche Vernunft und alle vernünftige Erforschung soll dem Glauben demütig nachfolgen, soll ihm nicht voranlaufen, noch weniger ihn brechen. Glaube und Liebe zeigen ihre Wirksamkeit vorzüglich und auf die geheimste Weise in diesem heiligsten und erhabensten Sakrament. Gott, der Ewige und Unermessliche, dessen Allmacht ohne Grenze ist, tut große und unerforschliche Wunder im Himmel und auf Erden, und seine wundervollen Werke vermag kein forschender Verstand zu erforschen. Denn wären die Werke Gottes nur so groß, dass sie von der Vernunft des Menschen leicht könnten erforscht werden, so wären sie eben darum nicht groß, nicht wunderbar, nicht unerforschlich und unaussprechlich zu nennen.

Päpstliche Aussagen zum Buch der Nachfolge Christi

  • Papst Johannes XXIII., über die „Nachfolge Christi“: „O, das wird für immer mein liebstes Buch und eines meiner kostbarsten Besitztümer sein.“ (in: „Maria heute“ November 2004, Parvis-Verlag).
  • Papst Pius XII., verweist auf die „Nachfolge Christi“ im Mahnwort Menti nostrae über die Heiligkeit des Priesterlebens vom 23. September 1950 und im Apostolischen Schreiben „NOUS NOUS SOMNES PATERNELLEMENT“ an S. Exz. Msgr. Picaud, Bischof von Bayeux und Lisieux, anlässlich des theresianischen Nationalkongresses vom 23 bis 30. September 1947 vom 7. August 1947.
  • Papst Pius XI. verweist auf das Buch in der Enzyklika Mens nostra über die geistlichen Exerzitien vom 20. Dezember 1929 und im Apostolischen Schreiben Rite expiatis über den heiligen Franz von Assisi 30. April 1926.
  • Papst Benedikt XV. verweist auf sie in der Enzyklika Spiritus paraclitus zur Fünfzehnhundertjahrfeier des Heimgangs des heiligen Hieronymus vom 15. September 1920.
  • Papst Pius X. verweist auf sie im Mahnwort Haerent animo an Katholischen Klerus vom 4. August 1908.

Ausgaben

  • Nachfolge Christi übersetzt von Pfr. Joseph Stark, Lins Verlag 1988, 1992, 2005 (320 Seiten).
  • Peter Dyckhoff: Auf dem Weg in die Nachfolge Christi, Geistlich leben nach Thomas von Kempen, aktualisiert anhand der neuen Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. St. Benno Verlag Leipzig 2019 (11. Auflage; 399 Seiten; ISBN 978-3-7462-5453-1 Festeinband [Cover Motiv Tür]; ISBN 978-3-7462-5412-8 [Cover Motiv Kreuzweg Rosenberg]).
  • Die Nachfolge Christi" (Hrsg. und erl. von Josef Sudbrack), Topos Verlag 2017 (173 Seiten, 4. Auflage; ISBN 978-3-8367-0320-8, Taschenbuch (Kartoniert, Paperback).
  • Nachfolge Christi, von Thomas von Kempen, hrsg. v. Walter Kröber, übersetzt von Johann Michael Sailer, Ditzingen: Reclam, 4. Aufl. 1986, 239 S., ISBN 3-15-007663-3 (= Reclams Universal-Bibliothek 7883) (Studienausgabe)
  • Nachfolge Christi, aus dem lateinischen übersetzt von Dr. Herman Endrös, Schnell & Steiner Verlag München 1978 (229 Seiten; Dünndruck)
  • Thomas von Kempen: Nachfolge Christi Josef Habbel Verlag 1959 (332 Seiten).
  • Vier Bücher von der Nachfolge Christi, übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Bischof Johann Michael Sailer, neu bearbeitet von Hubert Schiel, Herder Verlag 1952 (556 Seiten).
  • Nachfolge Christi, Übersetzt von Gilbert Wellstein S.O.Cist., Limburg a. d. Lahn, Steffen 1950 (367 Seiten).
  • Das Buch von der Nachfolge Christi des Thomas von Kempen. Neu hg. und mit einem Vorwort zur österreichischen Ausgabe von Josef Casper. In Übersetzung von Bischof Johann Michael Sailer und Konstantin Rösch, Verlag der Stiftsbuchhandlung St. Florian Wien 1947 (223 Seiten; 1. Auflage).
  • Die Nachfolge Christi, Nach der alten Donin´schen Ausgabe unter Vergleichung des lateinischen Textes neu bearbeitet von Alfred Schwaer - Erbischöfl. Diözesan-Missionar, Katholische Verlagsanstalt J. Steinbrener, Buch- und Kunstdruckerei Freiburg i. Breisgau, Winterberg, Wien u. New-York. (544 Seiten, in deutscher Sprache mit gebrochenen Buchstaben=Fraktur, (Imprimatur: Bischöfliches Ordinariat in B. Budweis, am 3. Oktober 1929. †Simon Bischof).
  • Das Buch von der Nachfolge Christi, Übersetzt von Bischof Johann Michael Sailer, neu herausgegeben von Franz Keller, Mit 56 Bildern von Joseph von Führich, Herder Verlag 1928 (536 Seiten).
  • Vier Bücher von der Nachfolge Christi. Görres Übersetzung. Mit Original-Zeichnungen von Joseph Ritter von Führich. In Holzschnitt ausgeführt von Kaspar Oertel.Verlag von Alphons Dürr Leipzig 1911.
  • Christoph Kleyboldt (Hsgr.): Nachfolge Christi - Des ehrwürdigen Thomas von Kempis Nachfolge Christi. Nebst einem Anhange der nothwendigsten Gebete eines katholischen Christen, größtentheils genommen aus dem alten Gebet- und Tugendbuche des P. Alexander Wille S.J., Kirchheim Mainz 1855 (2. Auflage; 559 Seiten).
  • Johann Michael Sailer (Hsgr.): Das Buch von der Nachfolgung Christi: Neu übersetzet, und mit einer Einleitung und kurzen Anmerkungen für nachdenkende Christen, Lentner Verlag München 1808 (3., durchaus verbesserte und vermehrte Auflage; 503 Seiten).

Weitere Literatur

  • Marcus Adam Nickel. Des gottseligen Thomas von Kempis vier Bücher von der Nachfolgung Christi, systematisch geordnet nach den drei Wegen: der Reinigung, Erleuchtung und Vereinigung, in der Reihe: Summa der mystischen Theologie, Erster Theil, Kösel Verlag München 1851 (849 Seiten).
  • Georgius Heserus- Joseph Weber: Die Nachfolge Jesu Christi, oder die Summa der mystischen Theologie des gottseligen Thomas von Kempen, aus dessen vier Büchern von der Nachfolge Christi mit treuer Beybehaltung aller und jeder Worte des Autors, nach den drey Wegen der Reinigung, der Erleuchtung und der Vereinigung in lateinischer Sprache systematisch zusammen gestellt und geordnet von G. Heserus und nun ins Deutsche übersetzt und mit Morgen-, Abend-, Meß-, Beicht- und Kommunion-Gebethen ec. vermehrt, von J. Weber. Oberer'sche Verlag Salzburg 1840 (286 Seiten).
  • Herzensweisheiten. Die Nachfolge Christi in der Sprache unserer Zeit. (130 Seiten; erhältlich beim Fe Medienverlag).

Medien

  • 4 Audio-CD´s (ca. 64-94 min.): Thomas von Kempen, Nachfolge Christi Miriam Verlag (jedes der vier Bücher in dem Buch "Nachfolge Christi" einzeln als CD)

Weblinks

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