Quod sancti

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Apostolischer Brief
Quod sancti

von Papst
Pius XI.
an den Bischof von Annecy Fiorenzo Du Bois De La Villerabel
mit Erklärung des heiligen Bernhard von Menthon als Patron der Bergsteiger
20. August 1923

(Offizieller lateinischer Text: AAS XV [1923] 437-442)

(Quelle: S. H. Papst Pius XI, Alpine Schriften des Priesters Dr. Achille Ratti, Gesammelt und herausgegeben von Giovanni Bobba und Francesco Mauro, ins Deutsche übertragen von Leopold von Schlözer, Josef Habbel Verlag Regensburg [1925], 200 Seiten, Lateinischer und deutscher Text S. 161-197)

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Ehrwürdiger Bruder
Gruß und Apostolischen Segen !

Wie erwünscht und angenehm Uns die Nachricht von den feierlichen Kundgebungen der Frömmigkeit und der heiligen Freude ist, mit denen Du Dich anschickst, das Andenken des heiligen Bernhard von Menthon zu begehen, wirft Du selbst begreifen. Schon seit vielen Jahren gewöhnt, mit besonderer Andacht eine solche Zierde, ein so schönes Licht des Christentums zu verehren, benutzen Wir jetzt, auf den Thron des heiligen Petrus erhoben, mit Freude die Gelegenheit, mit der Kraft Unseres Ansehens feinen Ruhm unter den Menschen zu befestigen. Waren Wir doch früher gewohnt, so oft es die Gelegenheit erlaubte, die hohen Gipfel der Berge zu besteigen, um den Geist nach anstrengender Arbeit zu erfrischen und den Körper zu kräftigen. Dabei besuchten Wir oft jene Orte, wo, wie auf weiter Schaubühne, die große werktätige Liebe Bernhards bewundert wurde. Von der beredten Sprache der Orte, wo jener hochheilige Mann so tiefe Spuren hinterließ, dass man sagen könnte, fein Geist lebe dort auch heute noch fort, ließen Wir uns willig zur Liebe und Bewunderung einer so hehren Tatkraft hinreißen. Übrigens erkennt jeder, dass die Verdienste dieses Mannes einzigartig gewesen fein müssten, wenn eine dankbare Nachwelt die Erinnerung an feinen Namen auf den gewaltigen Gebirgshöhen der Alpen für immer heilig festhielt.

Sicher ist zu beklagen, dass infolge der nachlässigen und traurigen Verhältnisse einer entschwundenen Zeit, über diesen Mann nur wenig auf Uns gekommen ist, was ohne Zweifel geschichtlich feststeht; feine bekanntesten Biographen verfassten ihre Werke, ohne sich streng an die geschichtliche Wahrheit zu halten. Sicher ist: Bernhard wurde zu Menthon aus hochedlem Geschlecht geboren. Er war mit jenen Glücksgütern reich gesegnet, um derentwillen der damit Versehene von den Freunden dieser Welt glücklich gepriesen zu werden pflegt. Früh schon verachtete er alles, um der Liebe des gekreuzigten Jesus willen. Nachdem er in den schönen Wissenschaften ausgebildet worden, dachte fein Vater für ihn an eine standesgemäße Heirat; aber er entwich plötzlich aus der Heimat und eilte auf unwegsamen, abschüssigen Pfaden nach Augusta Praetoria (Aosta); hier wurde er vom Archidiakon jener Kirche, Petrus, herzlich aufgenommen. Unter feiner Leitung bereitete er sich auf das Priesteramt vor. Dabei leuchtete er schon im Beginn feiner Laufbahn durch außerordentliche Tugenden hervor. Seine Bußgesinnung vor allem war so groß, dass er selbst Weizenbrot und das Wasser des Baches als Leckerbissen verschmähte und nur solche Speise und solchen Trank genoß, die den Geschmack töteten und kaum zur Erhaltung des Lebens hinreichten. Nachdem er sich so feinen Leib dienstbar gemacht hatte, gab er sich mit ganzer Kraft der Predigt des göttlichen Wortes hin, anfangs als Kanonikus von Aosta, dann 40 Jahre hindurch bis zu feinem Lebensende als Archidiakon. Da er sah, wie die Leute der Umgegend unwissend in göttlichen Dingen waren und sich lasterhaften, ja fast wilden Sitten ergaben, ja es selbst an solchen nicht fehlte, die infolge langer Berührung mit den Sarazenen gottlosen Gebräuchen der Ungläubigen und ihrem eitlen Aberglauben folgten, beschränkte er feinen Feuereifer für die göttliche Ehre und das Seelenheil nicht mehr auf die Diözese von Aosta, sondern er breitete feine segensreiche Tätigkeit auch auf Sion, Genf und Tarentaise aus, ja bis Jvrea und Novara trieb ihn fein apostolischer Eifer. Alle diese Täler und Wälder durchwanderte er, um die Irrenden von ihrem vielgestaltigen Irrtum zur Wahrheit und aus dem Schmutz des Sumpfes zur Würde des christlichen Lebens zurückzuführen, und vergoss so viele befruchtende Schweißtropfen, dass er den Beinamen "Apostel der Alpen" erhielt.

Solche Beispiele der Tatkraft sind sicherlich hervorragend, aber er hat sie mit nicht wenigen anderen Heiligen gemein. Was unserem Bernhard aber eigentümlich und der bezeichnende Grundton feiner Heiligkeit ist, das ist jener Zug, von dem der heilige Franz von Sales (ebenfalls eine Zierde der Kirche von Annecy) in feinem Theotimus so schön sagt: "Es gibt verschiedene Stufen der christlichen Nächstenliebe. Der unterste Grad des Almosengebens ist, jenen Armen etwas leihen, die sich nicht in der äußersten Not befinden. Höher stehst Du, wenn Du schenkst, was Du hast. Das höchste aber ist, sich selbst zu schenken und dem Dienst der Armen zu weihen. Die erstgenannte Gastfreundschaft ohne äußerste Not wird nur anempfohlen, ihre bescheidenste Art ist die Aufnahme der Wanderer. Hinausgehen an die Wegkreuzungen, um sie einzuladen, wie bekanntlich Abraham zu tun pflegte, ist schon besser. Noch mehr tut jener, der seine Wohnung an gefährlichen Orten aufschlägt, um die Vorübergehenden zu beherbergen, ihnen zu helfen und sie zu bedienen. Darin zeichnete sich auch jener große Mann dieser Diözese aus, der heilige Bernhard von Menthon. Aus erlauchtem Hause geboren, lebte er jahrelang auf den höchsten Gipfeln der Alpen, versammelte dort Genossen, um die Wanderer zu erwarten, um ihnen Unterkunft und Hilfe zu geben und sie aus den Gefahren der Stürme zu retten; ohne die Häuser, die der große Gottesfreund auf den Bergen erstehen ließ, und die nach ihm den Namen bekommen haben, wären sie zugrunde gegangen in Gewitter und Schneesturm oder in durchdringender Kälte (VIII. Buch, IX. Hauptftück). Noch nicht lange ist es her, dass man mit den Erfindungen des menschlichen Geistes die Berge durchbohrt, unterirdische Wege durch sie anlegt und einen bequemen Verkehr von Volk zu Volk eröffnet. In all den verflossenen Jahrhunderten gab es keine andere Möglichkeit, die trennenden Berge zu überwinden, als auf engen, über ihre Rücken gebahnten Pfaden. Von diesen Übergängen war keiner so berühmt wie der Pass in den Penninischen Alpen über den höchsten Gipfel, den sogenannten Mons Jovis. Gerade auf diesem Wege zogen zu allen Zeiten und aus verschiedenen Ländern zahllose Truppen. Was Wunder, wenn die Römer an einem so gefahrdrohenden Ort ihrem obersten Gott einen Tempel errichtet haben, um ihn ihren Legionen günstig zu stimmen. Von diesem Heiligtum sowie von der damit verbundenen Unterkunftsftätte, die den kaiserlichen Sendboten Obdach und Schutz gewähren sollte, ist heute kaum mehr eine Spur geblieben. So thronte Satan auf den Zugängen Italiens. Lange Zeit hatte er diesen Hochsitz inne und verlor ihn nur, um ihn wieder zu erobern. Wenn er für immer vertrieben wurde, so ist es das Verdienst Bernhards, der die Sarazenen zwang, diesen Ort zu verlassen. Sie hatten jene Gegenden besetzt, sie durch ihre Räubereien und ständigen Einfälle gefährlich gemacht und durch die Wiedererweckung der Abgötterei entheiligt. Der Heilige vertilgte jede Spur hiervon. Wie es ihm auch gelang, jedenfalls konnte das Werk nicht ohne wunderbare Tatkraft vollendet werden. Staunenswerter noch ist der Plan, den Bernhard jetzt fasste und durchführte.

Er begnügte sich nicht damit, von jenem Ort das Bild Satans und dessen Diener zu entfernen - was er auch in den Grajischen Alpen tat, bei der Jupiterfäule, die den Übergang von Gallien nach Italien bildet - sondern, nachdem er auf den Trümmern des Tempels das Siegeszeichen des Kreuzes Jesu Christi aufgepflanzt hatte, wollte er, dass zu feiner Bewachung auserwählte Krieger Christi ständig dort blieben, um, gemäß der Lehre ihres Herrn, anderen Gutes zu tun, droben auszuhalten und unablässig über die Sicherheit und Rettung der Wanderer zu wachen. So wurde nach dem Plan und auf Betreiben Bernhards auf einem der höchsten Gipfel der Erde eine doppelte ständige Schutzwacht christlicher Nächstenliebe errichtet, deren hohes Verdienst zu preisen kein Lob würdig genug ist. Denn wer alles sorgfältig erwägt und bedenkt, wie ein derartiges Unternehmen Bernhards, wir sagen nicht abenteuerlich, sondern schlechtweg übermenschlich erscheinen musste, der wird im Hinblick auf den glücklichen Erfolg nicht leugnen können, dass hier der Finger Gottes waltete.

Um Eroberungen zu machen und sich der fruchtbarsten Landstriche Europas zu bemächtigen, konnten kühne Feldherren des öftern ungezählte Scharen Bewaffneter über diese Alpensättel führen. Wagemutig drangen sie vor in das tiefe Schweigen der mit Schnee bedeckten Einsamkeit, befleckten das reine Weiß mit blutigen Spuren, unbekümmert um die Toten und Sterbenden, die hilflos zurückblieben. Wo hätte man wohl einen Großmütigen finden können, der sich und den Seinen dort einen ständigen Wohnsitz auserwählte, um mit Gefahr für Gesundheit und Leben alle die Reifenden zu retten, die sonft durch Hunger oder Kälte und Ermattung zugrunde gegangen wären? Wahrlich, der unverwelkliche Ruhm des heiligen Bernhard von Menthon ist es, diesen Plan nicht nur gefasst, sondern auch ausgeführt zu haben. Und jetzt sind es nahezu 900 Jahre, seit das von ihm mehr dauerhaft als verschwenderisch erbaute Hospiz zu bestehen begann. Und mit welchen Mühen und Opfern und Beweisen ungebrochener Liebeskraft!

Wer vermag erschöpfend zu preisen, wie zahlreich und wie groß im langen Lauf der Zeiten die Verdienste der Ordensmänner des heiligen Bernhard gegen die Menschen jedes Glaubens und Standes gewesen sind! Wie viel Hilfe sie in äußersten Nöten gebracht haben! Wie viel Unglückliche, fast hoffnungslos verloren, sie dem Rachen des Todes entrissen! Wie sie den wechselseitigen Handel der Völker unterstützten, indem sie jene Alpenübergänge offen hielten! Ferner darf man nicht gering einschätzen, wie ihr freundlicher Anstand mit all der emsigen Fürsorge, jeden Gast aufzunehmen und ihm Liebesdienste zu erweisen Wir selber haben es mehr als einmal erfahren - nicht wenig dazu beiträgt, die Vorurteile der Geister gegen die katholische Kirche, die sich etwa eingenistet haben, zu zerstreuen und den guten Willen gegen sie, als der hehren Förderin jeder Menschlichkeit, wieder zu gewinnen. An dieser Stelle wollen Wir herzlich Glück wünschen den geliebten Söhnen, dem Propst und den Regularkanonikern des heiligen Augustin, die, unverändert den Geist des heiligen Bernhard hochhaltend, mit solcher Hingebung ausharren auf ihrem alten Standort, auf jener Stätte christlicher Nächstenliebe, unterstützt von ihren im Aufspüren so klugen, jederzeit hilfsbereiten Hunden.

Bekanntlich herrscht bei den neueren Schriftstellern Zweifel über das genaue Geburtsjahr des heiligen Bernhard. Diese Streitfrage wollen wir hier nicht näher erörtern, sondern Wir stimmen Dir, ehrwürdiger Bruder, gerne bei, dass Du nach dem in früherer Zeit allgemeinen Dafürhalten sein tausendjähriges Gedächtnis feierst. Das tun Wir um so mehr, als es geschichtlich feststeht, dass das gegenwärtige Jahr das achthundertste ist, seitdem der Bischof von Novara nach dem Brauche jener Zeiten dem heiligen Bernhard die Ehren der Altäre in der Stadt verlieh, wo er zum Himmel emporgestiegen war, Ehren, die dann vom Apostolischen Stuhl bestätigt wurden. Diese Wiederkehr soll beim Feste mitgefeiert werden. Um die Verehrung eines so großen Mannes, die er bei den Alpenbewohnern von Anfang an ununterbrochen bis jetzt genossen, mit der Fülle der apostolischen Gewalt zu vermehren, wollen Wir den heiligen Bernhard von Menthon als himmlischen Schutzherrn erklären, nicht nur für die Bewohner der Alpen und die Wanderer, sondern auch für alle jene, die dem Bergsport huldigen. Wahrlich, von allen Betätigungen, in denen eine ehrbare Erholung gesucht wird, ist für geistige und körperliche Frische keine wohltuender als diese, nur muss Waghalsigkeit vermieden werden. Steigt man nämlich nach harter Arbeit und Mühe hinauf, wo die Luft dünner und reiner ist, so erneuern sich und erstarken einerseits die Kräfte, während andererseits der Mensch ausdauernder wird auch für die schwersten Pflichten des Lebens, denn er lernt mutig allen Gefahren ins Auge schauen. Beim Betrachten der Unendlichkeit und Schönheit der Zauberbilder, die sich von den hohen Gipfeln der Alpen unseren Blicken auftun, erhebt sich unsere Seele leicht beflügelt zu Gott, dem Urheber und Herrn der Natur.

Zur Erhöhung des Glanzes dieses Festes und seines Erfolges gewähren wir schließlich gerne, dass jene, die an der dreitägigen Feier zu Ehren des heiligen Bernhard teilnehmen, einmal unter den gewöhnlichen Bedingungen einen vollkommenen Ablass gewinnen können. Dem, der am letzten Tage das Pontifikalamt hält, erteilen Wir die Vollmacht, den Anwesenden den päpstlichen Segen zu spenden, verbunden ebenfalls mit einem vollkommenen Ablass.

Inzwischen spenden Wir als Unterpfand der himmlischen Gaben und als Beweis unseres besonderen Wohlwollens Dir, ehrwürdiger Bruder, Deiner Geistlichkeit und Deinem Volke, insbesondere aber dem Hochedlen Hause der Grafen von Menthon von ganzem Herzen den apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom beim heiligen Petrus am 20. August 1923

im zweiten Jahre unseres Pontifikates.

Pius PP. XI.

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