Orientierungen für die Pastoral der Straße

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Orientierungen

Päpstlicher Rat der Seelsorge für die Migranten und Menschen unterwegs
im Pontifikat von Papst
Benedikt XVI.
für eine Pastoral der Straße
24. Mai 2007
(Offizieller Text: People on the Move N° 104 (Suppl.), August 2007)

(Quelle: Die deutsche Fassung auf der Vatikanseite)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

PRÄSENTATION

Diese Orientierungen für die Pastoral der Straβe, mit der sich eine besondere Abteilung des Päpstlichen Rates der Seelsorge für die Migranten und die Menschen unterwegs beschäftigt, sind das Ergebnis einer langen Phase des Zuhörens, Abwägens und der Einsicht.

Das Dokument ist in vier klar unterschiedene Teile gegliedert, in Anbetracht der Besonderheit und des Umfangs der Problematik, die mit dem Ort der Straβe als Gebiet der Pastoral verbunden sind: der erste Teil ist den Benutzern der Straβe (Autofahrern, Lastwagenfahrern usw.) und der Eisenbahn gewidmet - der eisernen Straβe – und denen, die in den verschiedenen damit verbundenen Dienstleistungsbetrieben beschäftigt sind; der zweite und der dritte Teil widmen sich den Frauen, beziehungsweise den jungen Menschen auf der Straβe, der vierte Teil schlieβlich beschäftigt sich mit den Menschen ohne festen Wohnsitz.

Das vorliegende Dokument ist den oben genannten Personen gewidmet, auch wenn man weder die Bewohner des Bürgersteigs (pavement dwellers), noch die Straβenhändler (street vendors) vergessen darf oder die Verbindung, die zwischen den Touristen und Pilgern, Nomaden, Zirkusleuten und Straβenschauspielern und der Straβe besteht.

Mit einigen dieser Kategorien von Personen hat sich der Päpstliche Rat für die Migranten und die Menschen unterwegs schon in drei Dokumenten befasst, die in diesem letzten Jahrzehnt veröffentlicht wurden: Orientierungen für eine Seelsorge der Zigeuner,[1] Orientierungen für eine Pastoral des Tourismus,[2] und Die Wallfahrt während des Groβen Jubiläums im Jahr 2000.[3]

Die Orientierungen, die im vorliegenden Dokument enthalten sind, richten sich an die Bischöfe, Geistlichen und Ordensleute, sowie an all jene, die in der Seelsorge tätig sind, und bilden einen weiteren Schritt in Richtung auf eine Pastoral, die allen Formen der menschlichen Mobilität eine immer gröβer werdende Aufmerksamkeit widmet und in die allgemeine, die Territorial- und die Gemeindeseelsorge integriert ist.

Renato Raffaele Kardinal Martino

Präsident
Agostino Marchetto
Titularerzbischof von Astigi

Sekretär

Erster Teil: Pastoral für die Benutzer der Straße

I - Das Phänomen der menschlichen Mobilität

1. Vom Anbeginn seiner uns bekannten Geschichte her ist es eine Eigentümlichkeit des Menschen, sich von einem Ort zu einem andern zu begeben und Sachen mit verschiedenen Hilfsmitteln zu transportieren. Die Mobilität und das Herumwandern sind also Ausdruck der menschlichen Natur und seiner Entwicklung auf kultureller Ebene.

2. Der Warenverkehr und die Mobilität der Menschen nehmen heute in atemberaubender Geschwindigkeit zu und sie spielen sich zum Teil unter schwierigen Bedingungen, manchmal unter Lebensgefahr ab. Das Auto konditioniert das Leben, denn man hat aus der Mobilität ein Idol gemacht, dessen Symbol das Automobil ist.

Die Straβe und die Eisenbahn müssen im Dienste der Menschen stehen als ein Instrument, das ihnen das Leben erleichtert und zur allgemeinen Entwicklung der Gesellschaft. Sie müssen eine Brücke zwischen den Völkern darstellen und zugleich neue Räume für Wirtschaft und Menschlichkeit eröffnen. Es trifft wirklich zu, dass sich „ein groβer Teil des Lebens eines Landes über die Straβe entwickelt.“[4]

3. Innerhalb dieser Mobilität und des Fortschritts, den sie mit sich bringt, stellt „der Verkehr“ im allgemeinen und insbesondere der Straβenverkehr heute ein Phänomen dar, das schwerwiegende Folgen mit sich bringt. Der Verkehr als Bedürfnis einer Gesellschaft in kontinuierlicher Entwicklung hat allmählich zugenommen, auch dank der immer schneller und immer gröβer werdenden Fortbewegungsmittel, die zum Transport von Personen und Sachen eingesetzt werden.

Bewegung auf der Straβe und menschlicher Fortschritt

4. Die Straβe ist nicht mehr nur ein Weg der Kommunikation; sie ist zu einem Ort geworden, wo Leben stattfindet, wo man einen Groβteil seiner Zeit verbringt, auch in den Entwicklungsländern. Man braucht nur an die vielen schlechten Straβen zu denken, die von Transportmitteln befahren werden, die nicht sicher und überfüllt sind, was groβe Gefahren für alle mit sich bringt, insbesondere bei Nacht.

5. Die Gefahren, denen die Menschen unmittelbar ausgesetzt sind, entstammen nicht nur den Verkehrsstaus, sondern auch anderen damit verbundenen Probleme wie dem Lärm, der Luftverschmutzung, dem erschöpfenden Verbrauch der Rohstoffe… Diese Fragen müssen in Angriff genommen, sie dürfen nicht passiv erlitten werden, und dies nicht zuletzt, um die Kosten einer Modernisierung zu begrenzen, die nicht mehr nachhaltig ist. In diesem Zusammenhang ist es sicher nicht müβig, auf die Pflicht hinzuweisen, eine überflüssige Benutzung des Autos zu vermeiden.

6. Selbstverständlich bieten uns die Fahrzeuge im Verkehr zahlreiche Vorteile. Sie bieten den Menschen ein Mittel der raschen Ortsveränderung (um rasch den Arbeits- oder Ausbildungsplatz zu erreichen, für Ausflüge am Wochenende mit der Familie, für Ferienreisen, Treffen mit Freunden und Verwandten). Das Gleiche gilt für die Waren. Die Benutzung eines Fahrzeuges fördert das gesellschaftliche Leben und die wirtschaftliche Entwicklung und viele Menschen bekommen eine Möglichkeit, sich ehrlich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

7. Ein weiterer positiver Aspekt der Mobilität ist die Möglichkeit, die menschliche Dimension der einzelnen Personen zu verbessern, dank ihrer Kenntnis anderer Kulturen und Menschen, anderer Religionen, Völker und anderer Gebräuche.[5] Die Ortsveränderungen vereinen die Völker, sie erleichtern den Dialog und bieten die Möglichkeit zu Sozialisierungsprozessen und Prozessen der persönlichen Bereicherung durch neue Entdeckungen und Erkenntnisse.

8. Die Transportmittel erweisen sich als ganz besonders nützlich, wenn sie die Möglichkeit bieten, Kranken und Verletzten zu Hilfe zu kommen, wenn sie einen dringenden Eingriff erleichtern und leichter möglich machen. Sie können auch die Ausübung christlicher Tugenden begünstigen – Vorsicht, Geduld und Nächstenliebe bei der Hilfe für unsere Brüder – sowohl auf einer geistlichen Ebene wie auch auf einer körperlichen. Sie können schlieβlich auch eine Gelegenheit bieten, sich Gott zu nähern, denn sie erleichtern es uns, die Schönheiten der Schöpfung zu entdecken, Zeichen der grenzenlosen Liebe Gottes zu uns.

Der Geist des Reisenden kann sich auch erheben und die verschiedenen Zeugnisse der Religiosität betrachten, die man längs der Straβe und nahe der Eisenbahn wahrnehmen kann: Kirchen, Kirchtürme, Kapellen, Kapitelle, Kreuze, Statuen, Wallfahrtsorte, die man heute dank der Nutzung der modernen Fortbewegungsmittel einfacher erreicht.

9. Die Bewegung auf der Straβe und mit der Eisenbahn sind also etwas Positives und nicht nur eine unvermeidbare Notwendigkeit im Leben des modernen Menschen. Wenn er guten Gebrauch von den Verkehrsmitteln macht und sie als Gabe akzeptiert, die Gott ihm zugestanden hat und die zugleich das Ergebnis der Arbeit seiner Hände und seines Einfallsreichtums sind, dann kann er aus ihnen einen Vorteil für seine Verbesserung als Mensch und Christ ziehen.

II - Das Wort Gottes erleuchtet die Straβe

10. Aus der Aktivität der Christen an den Orten, wo auf den Straβen und Eisenbahnen Bewegung stattfindet, die wir als „Pastoral der Straβe“ bezeichnen, ergibt sich die Verpflichtung, auch einen angemessenen und zweckmäβigen Ausdruck der „Spiritualität“ zu erarbeiten und aufzubauen, der im Wort Gottes verwurzelt ist. Aus einer so verstandenen Spiritualität entspringt das Licht, das in der Lage ist, dem ganzen Leben einen Sinn zu geben, ausgehend eben gerade von dem Leben, das in der Bewegung auf den Straβen und Eisenbahnen erfahren wird. Die Mobilität, ein Phänomen, das typisch ist für den modernen Menschen, muss als Christ gelebt werden, indem er die göttlichen und Kardinaltugenden anwendet. Für den Gläubigen wird auch die Straβe ein Weg der Heiligkeit.

Stichworte aus dem Alten Testament

11. In der Bibel treffen wir ständig auf Migrationen und Umherwandern. Die Patriarchen, Abraham (vgl. Gen 12, 4-10), Isaak (vgl. Gen 26,1. 17.22), Jakob (vgl. Gen 29, 1;31,21; 46, 1-7) und Joseph (vgl. Gen 37,28) führen ein Leben auf der Wanderschaft. Als ihre Nachfahren schlieβlich ein zahlreiches Volk bilden, führt Moses sie im Exodus aus Ägypten (vgl. Ex 12,41), sie durchqueren das Rote Meer (vgl. Ex 14) und wandern in der Wüste umher (vgl. Ex 15,22).

12. Während sie ihre Erfahrungen mit einer Mobilität machen, die voller Risiken und dramatischer Erlebnisse ist, steht dem Volk Gottes immer der besondere Schutz Jahves bei (vgl. Ex 13,21). Die wiederholte Abtrünnigkeit der Israeliten vom Bund hatte später eine andere, besonders schmerzliche Art der Wanderung zur Folge: die Deportation nach Babylonien (vgl. 2 Kön 24,15). Nach vielen Jahren im Exil erweist sich dann im Edikt von Cyrus, durch das die freudige Reise zurück in das verheiβene Land möglich wird, die Verlässlichkeit Gottes (vgl. 2 Cr 36, 22-23; Psalm 126 [125]).

13. Der Psalmist (vgl. Psalm 107 [106], 7) zeigt den „rechten Weg“, auf dem uns der Herr führt, während der Prophet Jesaja dazu aufruft, dem Herrn den Weg zu bereiten (vgl. Jes 40,3). Die Bedeutung, die die Bibel dem Thema der Wanderung, der Reise beimisst wird auch aus der Tatsache deutlich, dass der Begriff „Weg“ als Metapher benutzt wird, um die menschlichen Verhaltensweisen zu beschreiben. Die Schrift ruft nachdrücklich dazu auf, die „rechten Wege“ zu wählen und nicht auf „dem Weg der Sünder“ zu verweilen (Psalm 1,1), sondern auf den Wegen des Herrn zu wandeln (vgl. Deut 8,6; 10,12; 19,9).

Stichworte aus dem Neuen Testament

14. Im Neuen Testament sind Bezugnahmen auf die Straβe, auf Ortsveränderungen und Reisen sehr häufig. Denken wir an die Reise Marias und Josephs vor und nach der Geburt Jesu, an die dauernden Ortsveränderungen Jesu während seines Lebens in der Öffentlichkeit und an die der Apostel. Die Evangelisten stellen das Leben Christi wie eine ständige Wanderung dar: Jesus wandert durch Städte und Dörfer, um das Evangelium zu verkünden und um „jede Krankheit und Infermität“ zu heilen (vgl. Mt 9,35); ein besonders langer Teil des Lukasevangeliums (9,51-19,41) beschreibt den Herrn auf dem Weg nach Jerusalem, wo er Seinen „Exodus“ erfüllen musste. (vgl. Lk 9,31).[6]

15. Weg und Reise sind ebenso in den Gleichnissen der Evangelien präsent. Denken wir – neben dem Guten Samariter, der sofort anwendbar ist auf die Pastoral der Straβe (vgl. Lk 10,29-37) – an den verlorenen Sohn, der „in ein fernes Land“ (Lk 15,13) aufbricht und dann zu seinem Vater zurückkehrt (vgl. Lk 15,13-20). Denken wir auch an den Mann, der „zu einer Reise aufbricht“ und seine Habe den Knechten übergibt (vgl. Mt 25,14-30).

16. Jesus selbst schickt auch seine Jünger auf den Weg. Er schickt sie jeweils zu zweit, um die Frohe Botschaft des Reiches zu verkünden (vgl. Mk 6,6-13), während die Mission der zweiundsiebzig Jünger (vgl. Lk 10,1-20) im Lukasevangelium eine universale Ausweitung der folgenden Mission nahe legt, wie es deutlich gemacht wird, als der wiederauferstandene Jesus die Apostel aussendet und sagt: „Gehet in alle Welt und predigt das Evangelium allen Kreaturen,“ (Mk 16,15; Mt 28,19; Lk 24,47). Tatsächlich werden sie Seine Zeugen sein „in Jerusalem, in ganz Judäa und Samarien und bis zu den Grenzen der Erde,“ (Ap 1,8). Diese universale Mission bringt unzählige Reisen für Petrus (vgl. Ap 9,32-11,2) und Paulus (vgl. Ap 13,4-14,28; 15,36-28,16) mit sich, was die Apostelgeschichte belegt.

17. Insgesamt führt die Heilige Schrift uns die Wirklichkeit der menschlichen Mobilität mit ihren Risiken, ihren heiteren und schmerzvollen Momenten vor Augen und sie unterstreicht die Verbindung zum Erlösungsplan Gottes. So können wir dank der Tatsache, dass die Reise die Menschen in eine Beziehung zueinander setzt und so dazu beiträgt, das Vorhaben der Liebe Gottes zu verwirklichen, die Reise nicht nur als eine physische Ortsveränderung von einem Ort zum andern, sondern in ihrer spirituellen Dimension begreifen.

Christus ist der Weg, Er ist die Straβe

18. Das Evangelium des Johannes enthält besonders wichtige Äuβerungen im Hinblick auf das, was wir eine Spiritualität der Straβe in der Realisierung des Planes Gottes nennen. Der Herr Jesus bezeugt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Joh 14,6) Indem sich Christus als „Weg“ darstellt, weist er darauf hin, dass alles auf den Vater ausgerichtet sein muss. Die Bekräftigung „Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, wandert nicht in der Finsternis, sondern er wird das Licht des Lebens haben“ (Joh 8,12) bestätigt, dass Jesus und Seine Botschaft der leuchtende Weg sind, um unser Leben zum Vater zu leiten. Wer dem Herrn folgt, ihm zuhört und Sein Wort in die Praxis umsetzt, der wird auf dem Weg des Lebens vorangehen.

19. Wer Jesus Christus kennt, ist vorsichtig auf der Straβe. Er denkt nicht nur an sich und wird nicht ständig bedrängt von der Hast, sein Ziel zu erreichen. Er sieht die Menschen, die ihn auf der Straβe „begleiten“, ein jeder mit seinem Leben, dem Wunsch anzukommen und seinen eigenen Problemen. Er sieht sie alle als Brüder, Schwestern, Kinder Gottes. Diese Einstellung zeichnet den christlichen Autofahrer aus.

20. Es ist belegt, dass eines der vielen Probleme, die der Verkehr in sich birgt, geistlicher Natur ist. Die Lösung dieser Probleme findet sich für die Gläubigen in einer Vision des Glaubens, in der Beziehung zu Gott und in einer groβzügigen Entscheidung zugunsten des Lebens, was auch durch ein achtungsvolles Verhalten gegenüber dem Leben der anderen und der Regeln, die es auf der Straβe schützen, bezeugt wird.

„Man könnte in der Tat aus den Seiten, die von den beiden Testamenten inspiriert werden, vor allem aber aus den Evangelien und den Briefen der Aposteleine Anthologie von Vorschriften zusammenstellen, die ohne weiteres einen corpus moralischer Kriterien und sogar ein Handbuch des guten Benehmens und des Anstands für die Benutzung der Straβe darstellen könnten, mit dem man also die Vorschriften der Straβenverkehrsordnung unterstützen und evaluieren könnte, um ihm so einen Geist einzuflöβen, den die ausschlieβlich negative und vorbeugende Verkündigung seiner Regeln nicht besitzen kann. Solange der Benutzer der Straβe nicht dazu gebracht wird, seine Verantwortung in diesem positiven und ermutigenden Licht zu betrachten, das in den höher stehenden und immer gültigen Werten des Gewissens seine wahre Rechtfertigung findet, ist die erwünschte Moralisierung nicht zu erreichen.[7]

III - Anthropologische Aspekte

Die besondere Psychologie des Autofahrers

21. Das Fahrzeug ist ein Mittel, dessen man sich vorsichtig und in ethischer Form für das „Zusammenleben“, die Solidarität und den Dienst am Nächsten bedienen kann, oder man kann es missbrauchen.

Flucht aus dem Alltag und die Freude beim Autofahren

22. Am Steuer des Autos lassen einige Leute den Motor an, um im Rennen mitzufahren, um den bedrängenden Rhythmen des Alltags zu entkommen, die mit der Arbeit verbunden sind. Die Freude zu fahren, wird so zu einer Weise, Freiheit und Unabhängigkeit zu genieβen, über die wir normalerweise nicht verfügen. Das veranlasst die Menschen auch zur Ausübung von Sportarten auf der Straβe in einem Wettbewerb im vernünftigen Sinn wie dem Radfahren, dem Motorradfahren und der Teilnahme an Autorennen, auch wenn damit Risiken verbunden sind.

23. Es kommt vor, dass die von den Straβenschildern auferlegten Verbote als eine Eingrenzung der Freiheit empfunden werden; insbesondere dann, wenn sie nicht gesehen oder kontrolliert werden, gibt es Personen, die in Versuchung kommen, diese Barrieren zu verletzen, die doch nur zum Schutz ihrer selbst und der anderen dienen. Einige Fahrer gehen soweit, es als demütigend zu empfinden, gewisse Vorsichtsmaβregeln respektieren zu müssen, die die Risiken und Gefahren im Verkehr herabsetzen. Andere betrachten es als unerträglich, ja fast als eine Begrenzung ihrer persönlichen „Rechte“, wenn sie gezwungen sind, geduldig einem anderen Wagen zu folgen, der mit geringer Geschwindigkeit fährt, weil die Verkehrszeichen zum Beispiel ein Überholverbot auferlegen.

24. Man muss sich klar darüber sein, dass die Persönlichkeit des Fahrers am Steuer sich von der des Fuβgängers unterscheidet. Besondere Umstände, wenn man ein Fahrzeug lenkt, können zu einem unangemessenen, sogar wenig menschlichen Verhalten führen. Wir werden hier im Anschluss die wichtigsten psychologischen Faktoren betrachten, die das Verhalten des Fahrers beeinflussen.

Machtinstinkt

25. Der Machtinstinkt beziehungsweise ein Gefühl der Überheblichkeit im Menschen, drängt uns dazu, Macht zu suchen, um uns zu bestätigen.[8] Das Führen eines Automobils bietet die Möglichkeit, mühelos Herrschaft über andere auszuüben, die sich in Geschwindigkeit ausdrückt, und das weckt Vergnügen, nämlich am Fahren. All das veranlasst den Fahrer dann vielleicht dazu, die Lust an der Geschwindigkeit genieβen zu wollen, eine typische Manifestation für das Ansteigen seiner Macht.

Frei über die Geschwindigkeit bestimmen zu können, die Möglichkeit zu haben, nach eigenem Wunsch zu beschleunigen und sich daran zu machen, Zeit und Raum zu erobern, indem man überholt und dabei die anderen Fahrer sozusagen „unterwirft“, werden zu Quellen der Befriedigung, die aus dem Machtgefühl kommen.

Eitelkeit und persönliche Überschwänglichkeit

26. Das Automobil bietet sich besonders an, von seinem Besitzer als Objekt der Selbstdarstellung benutzt zu werden und als Mittel, die anderen auszustechen und Neidgefühle zu wecken. Der Mensch identifiziert sich mit seinem Wagen und projektiert auf ihn seine Selbstbestätigung. Wenn man sein Auto lobt, lobt man im Grunde sich selbst, denn das Auto gehört uns und vor allem fahren wir es. Die geschlagenen Rekorde und die erreichten hohen Geschwindigkeiten gehören zu den Dingen, mit denen die Autofahrer, auch wenn sie nicht mehr jung sind, am liebsten prahlen; es ist nicht schwierig festzustellen, dass niemand es erträgt, als schlechter Fahrer zu gelten, auch wenn man zugeben kann, es zu sein.

Unausgeglichenes Verhalten und die sich daraus ergebenden Konsequenzen.

Verschiedene Manifestationen

27. Wenig ausgeglichene Verhaltensweisen äuβern sich von Person zu Person und je nach den Gegebenheiten unterschiedlich: Mangel an Höflichkeit, beleidigende Gesten, Gotteslästerungen, Flüche, Verlust des Verantwortungsbewusstseins und absichtliche Verletzungen der Straβenverkehrsordnung. Bei einigen Autofahrern zeigt sich ein unausgeglichenes Verhalten in unwichtigen Dingen, während andere schwerwiegende Ausschreitungen begehen, die abhängig sind vom Charakter, dem Bildungsniveau, der Unfähigkeit zur Selbstkontrolle und dem Mangel an Verantwortungsbewusstsein.

Ein nicht pathologisches Phänomen

28. Solche Ausschreitungen finden sich bei vielen normalen Personen. Dieses Auftreten von unausgeglichenem Verhalten, das schwerwiegende Konsequenzen haben kann, liegt jedoch innerhalb der Grenzen psychologischer Normalität.

29. Das Führen eines Fahrzeugs lässt aus dem Unbewussten Neigungen aufsteigen, die man normalerweise, wenn man sich nicht auf der Straβe befindet, unter „Kontrolle“ hat. Beim Fahren dagegen manifestieren sich diese Störungen und es findet eine Regression zu primitiven Verhaltensweisen statt. Das Autofahren ist mit dem selben Maβstab zu messen wie jede andere soziale Tätigkeit, die ein Bemühen voraussetzt, zwischen den Bedürfnissen des Ichs und den Grenzen, die uns die Rechte der anderen setzen, zu vermitteln.

Das Automobil führt dazu, uns den Menschen so vorzuführen, wie er in primitiver Form ist, und das kann sehr unangenehm sein. Man muss sich über diese Dynamik im Klaren sein und entsprechend reagieren, indem man an die edleren Neigungen im Innern der Menschen appelliert, an ihr Verantwortungsbewusstsein und ihre Selbstkontrolle, um das Auftreten dieser psychologischen Regressionen zu vermeiden, die oft mit dem Führen eines Fortbewegungsmittels verbunden sind.

IV - Moralische Aspekte des Fahrens

Fahren heiβt „miteinander leben“

30. Das „Miteinander-Leben“ ist eine grundlegende Ausprägung des Menschen und die Straβe muss daher menschlicher sein. Der Führer eines Fahrzeugs ist nie allein, auch wenn niemand an seiner Seite sitzt. Ein Fahrzeug führen stellt im Grunde eine Art da, sich mit den anderen in eine Verbindung zu setzen, sich ihnen zu nähern und sich in eine Gemeinschaft von Personen einzufügen. Diese Fähigkeit des „Zusammenlebens“, eine Beziehung zu den andern aufzunehmen, setzt bei dem Fahrer einige konkrete und spezifische Eigenschaften voraus: sich selbst zu beherrschen, Vorsicht, Höflichkeit, ein angemessenes Gefühl der Dienstbereitschaft und die Kenntnis der Straβenverkehrsordnung. Man muss denen uneigennützig helfen, die Hilfe brauchen, und so ein Beispiel der Nächstenliebe und der Gastfreundschaft geben.

Fahren bedeutet Selbstbeherrschung

31. Das Verhalten des Menschen zeichnet sich durch die Fähigkeit aus, sich zu kontrollieren und zu beherrschen, sich nicht von Impulsen hinreiβen zu lassen. Die Verantwortung, diese persönlichen Fähigkeiten zur Kontrolle und Beherrschung zu pflegen, ist wichtig, sei es im Hinblick auf die Psychologie des Fahrers, sei es wegen der so überaus schweren Schäden, die im Falle eines Unfalles dem Leben und der Integrität der Menschen sowie den Gütern zugefügt werden können.

Ethische Aspekte

32. In seiner Evolution als soziales Phänomen hat sich das Verhalten bei der Führung eines Verkehrsmittels manchmal am Rande der ethischen Normen entwickelt; wir können beobachten, dass so ein tiefgehender Kontrast entstanden ist zwischen der Tatsache eines kontinuierlichen Fortschritts im Transportwesen und der kontinuierlichen und chaotischen Zunahme des Verkehrs auf der Straβe mit negativen Konsequenzen für die Fahrer und die Fuβgänger.

33. Um die Grundlage der ethischen Prinzipien zu legen, auf denen all das aufbauen muss, was die „Professionalität“ des Straβenbenutzers ausmacht, ist es in erster Linie wichtig die Gefahr für die Personen und Sachen zu berücksichtigen, die der Straβenverkehr mit sich bringt. Diese Gefahr besteht für den Fahrer, seine Mitfahrer und alle Autofahrer am Steuer. Die Nichtachtung der grundlegenden ethischen Normen hindert die Benutzer der Straβe daran, ihre eigenen Persönlichkeitsrechte zu genieβen und setzt auch den Schutz der Sachen aufs Spiel.

34. Die Pflicht, die Sachen zu schützen kann nicht nur durch eine unvorsichtige Fahrweise verletzt werden, sondern auch dadurch, dass das Fahrzeug oder Verkehrsmittel nicht die erforderlichen sicherheitstechnischen Voraussetzungen erfüllt, weil die periodische technische Kontrolle vernachlässigt wird. Die Pflicht zur Revision der Fahrzeuge muss respektiert werden.

35. Es gibt auch Fälle, in denen auf Grund des Missbrauchs von Alkohol, anderen anregenden Mitteln oder Drogen, beziehungsweise im Zustand der Erschöpfung oder Müdigkeit die physische oder geistige Fähigkeit zum Fahren nicht gegeben ist. Gefahr besteht in den „Miniwagen“ (citycars), die ganz jungen Fahrern oder Erwachsenen ohne Führerschein anvertraut werden, und durch den waghalsigen Gebrauch von Mofas und Motorrädern.

36. In Anbetracht dieser Tatsachen setzen die Behörden eine Gesamtheit von Strafrechtsnormen fest, um das Recht zu schützen und um durch Unfälle verursachte Schäden zu vermeiden. In der Praxis wird der obligatorische Charakter dieser Normen leider nicht wahrgenommen; er schwächt sich rasch ab oder verschwindet sogar ganz aus dem Bewusstsein der Autofahrer, eben weil sie dem Strafgesetzbuch angehören, das heiβt, sie werden betrachtet, als regelten sie nicht gewöhnliche, sondern ganz auβergewöhnliche Ereignisse. Das macht es dem Fahrer leichter, gegen die Normen zu verstoβen in der Hoffnung, nicht von den Behörden erwischt zu werden, die ihn bestrafen müssten.

37. In diesem Zusammenhang wird es offensichtlich, dass eine Pädagogik zugunsten der Kultur des Lebens und zur Verteidigung des Gebots „Du sollst nicht töten“ immer notwendiger wird. Im gleichen Zusammenhang erweisen sich die verschiedenen Kampagnen zur Sicherheit im Straβenverkehr, die Verbesserung der öffentlichen Verkehrsmittel, eine sicherere Straβenführung, eine angemessene Beschilderung und die Asphaltierung der Straβen, die Abschaffung der unbewachten Bahnübergänge und die Schaffung einer verantwortungsbewussten Mentalität in der Öffentlichkeit durch besondere Vereinigungen sowie die Zusammenarbeit zwischen den Straβenbenutzern und denjenigen, die für den Einsatz auf der Straβe verantwortlich sind, als besonders nützlich.

Das Führen eines Fahrzeugs und seine Risiken

38. Wenn er sein Fahrzeug nimmt, muss sich der Fahrer ohne in Panik zu geraten, darüber klar sein, dass in jedem Augenblick ein Unfall geschehen kann. Trotz der im allgemeinen guten Qualität der Kommunikationswege in den entwickelten Ländern, wäre es unsinnig, „vergnügt“ zu fahren, als gäbe es diese Gefahren nicht. Das Verhalten am Steuer muss das gleiche sein wie bei der Handhabung gefährlicher Instrumente, das heiβt, besonders vorsichtig.

39. Beweis dafür sind die Zahlen. Ausgehend von der Produktion motorisierter Fahrzeuge auf der ganzen Welt, stellen wir fest, dass es im Jahr 2001, 57 Millionen waren, während im Jahr 1950, 10,5 Millionen hergestellt wurden. Man nimmt an, dass im Laufe des 20. Jahrhunderts etwa 35 Millionen Menschen in Straβenunfällen ihr Leben verloren haben, während man von etwa 1,5 Milliarden Verletzten spricht. Allein im Jahr 2000 soll es 1.260.000 Unfallopfer gegeben haben. Es ist wichtig festzuhalten, dass etwa 90% der Unfälle auf menschliches Versagen zurückzuführen sind. Man darf auch den Schaden nicht vergessen, der den Familien jener zugefügt wurde, die einen Unfall erlitten haben, und die Folgen auf lange Sicht für die Verletzten, die oft dauerhaft behindert bleiben. Neben dem Schaden für die Personen, verdienen auch die erheblichen Schäden an Sachgütern die erforderliche Beachtung.

40. All dies bedeutet eine wahre Tragödie, eine Herausforderung für unsere Gesellschaft und die Kirche. So überrascht es nicht, dass die Generalversammlung der UNO sich ernsthaft in einer Vollversammlung, die ausdrücklich zur Sicherheit auf den Straβen im April 2004 einberufen wurde, mit diesem Problem befasst hat mit dem Ziel, die öffentliche Meinung auf die Ausmaβe des Phänomens aufmerksam zu machen, angesichts präziser Empfehlungen zur Straβensicherheit.[9]

41. Papst Paul VI. stellte fest: „Zu viel Blut wird jeden Tag in einem absurden Wettstreit mit der Geschwindigkeit und der Zeit vergossen; und während die internationalen Gremien sich mit groβem Einsatz darum bemühen, schmerzhafte Rivalitäten zu schlichten, während sich ein wunderbarer Prozess zur Eroberung des Weltraums vollzieht, während man die passenden Mittel sucht, um die Plagen des Hungers, der Unwissenheit und der Krankheit zu bekämpfen, tut es weh, daran zu denken, dass in der ganzen Welt jedes Jahr weiterhin zahllose menschliche Leben diesem unakzeptablen Schicksal geopfert werden. Das öffentliche Bewusstsein muss aufgerüttelt und dieses Problem als ebenso wichtig betrachtet werden wie andere, die die Erregung und das Interesse der ganzen Welt wach halten.“[10]

Die Rechtsverbindlichkeit der Straβenverkehrsnormen

42. Wenn jemand fährt und dabei das Leben anderer und sein eigenes und die physische und psychische Integrität von Menschen sowie auch erhebliche materielle Güter in Gefahr bringt, lädt er eine schwere Schuld auf sich, auch wenn dieses Verhalten keinen Unfall verursacht, denn in jedem Fall bringt es groβe Risiken mit sich. Hier muss man auch erwähnen, dass die Mehrheit der Unfälle tatsächlich durch Unvorsichtigkeit hervorgerufen wird.

43. Das Lehramt der Kirche hat sich in Bezug auf diese Probleme klar ausgesprochen: „Die häufig dramatischen Konsequenzen der Verletzungen der Straβenverkehrsordnung verleihen ihr den Charakter einer ihr innewohnenden Rechtsverbindlichkeit, die sehr viel schwerer wiegt, als man allgemein annimmt. Die Autofahrer können nicht alleine auf ihre Wachsamkeit und Fähigkeit zählen, um Unfälle zu vermeiden, sondern sie müssen einen angemessenen Sicherheitsspielraum lassen, wenn sie sich selbst vor den Unvorsichtigen schützen und unvorhersehbaren Schwierigkeiten zuvorkommen wollen.“[11] In der Tat „verstärken die bürgerlichen Gesetze des menschlichen Zusammenlebens richtigerweise das groβe Gesetz des „Non occides“: du sollst nicht töten, das von jeher im Dekalog glänzt und das für alle eine heilige Vorschrift des Herrn darstellt.“[12]

44. Also „muss ein jeder sich durch eine rigorose Beachtung der Straβenverkehrsordnung dafür einsetzen, „eine Kultur der Straβe“ zu schaffen, die auf einem weit verbreiteten Verständnis der Rechte und Pflichten der Einzelnen basiert und auf einem daraus folgenden kohärenten Verhalten.“[13]

45. Theologische, ethische, juristische und technologische Prinzipien unterstützen eine Moralisierung der Benutzung der Straβe. „Diese Prinzipien gründen auf dem Respekt, der dem menschlichen Leben, der Person gebührt, wie uns dies die Heilige Schrift von den ersten Seiten an einschärft. Der Mensch ist heilig: er ist nach dem Ebenbild Gottes geschaffen (vgl. Gen 1,26), er wurde erlöst durch den unschätzbaren Preis des Blutes Christi (vgl. 1 Kor 6,20; 1 Petr1,18-19), er wurde in die Kirche aufgenommen, in die Gemeinschaft der Heiligen, mit dem Recht und der Pflicht der gegenseitigen tätigen und aufrichtigen Liebe zu seinen Brüdern und Schwestern, nach der Vorschrift des Apostels Paulus: „Eure Liebe sei ohne Heuchelei…Seid einander in brüderlicher Liebe zugetan, übertrefft euch in gegenseitiger Achtung!“ (Rm 12,9-10).[14]

Die moralische Verantwortung der Benutzer der Straβe

46. Natürlich beabsichtigen weder der unvorsichtige Auto- oder Motorradfahrer, noch der unvorsichtige Radfahrer oder Fuβgänger die fatalen Folgen eines Unfalls, den sie verursacht haben, und sie haben auch nicht die Absicht, dem Leben oder dem Besitz anderer Schaden zuzufügen. Wir können allerdings, da diese Konsequenzen das Produkt einer bewussten Handlung sind, mit Fug und Recht von einer moralischen Verantwortung sprechen.

Wenn jemand für die schädlichen Auswirkungen angeklagt werden soll, ist es erforderlich, dass sie vorhersehbar sind und dass der Handelnde die Möglichkeit hat, sie zu vermeiden; dies trifft im Fall einer Tötung zu, die von einem betrunkenen Fahrer begangen wird.“[15] Wenn man ohne die erforderlichen Voraussetzungen am Steuer sitzt (zum Beispiel unvorsichtig und ohne die nötigen Voraussetzungen usw.) gefährdet man Leben und Besitz , was auf Grund der Freiwilligkeit der Aktion eine Verletzung des moralischen Gesetzes voraussetzt.

47. Die moralische Verantwortung des Benutzers der Straβe, Fahrer oder Fuβgänger leitet sich aus der Verpflichtung ab, das fünfte und das siebte Gebot zu achten: „Du sollst nicht töten“ und „Du sollst nicht stehlen“. Die schwersten Sünden gegen das menschliche Leben, gegen das fünfte Gebot, sind der Selbstmord und der Mord, aber das Gebot verlangt auch die Achtung der eigenen physischen und psychischen Unversehrtheit sowie die der anderen.

Handlungen gegen diese Gebote bestehen auch, wenn man sich unvorsichtigerweise ablenken lässt und unaufmerksam ist, wobei die moralische Schwere sich nach dem Maβ ihrer Vorhersehbarkeit und in gewisser Weise nach ihrer Absichtlichkeit richtet. Das bedeutet, dass neben dem Verbot, direkt zu töten, verletzen oder zu verstümmeln, das Gebot des Herrn auch all jene Handlungen verbietet, die indirekt solche Schäden verursachen können. Das gleiche gilt für den Besitz unseres Nächsten.

48. Das moralische Gesetz verbietet, jemanden ohne einen schwerwiegenden Grund einem ernsthaften Risiko auszusetzen oder einer Person in Gefahr die Hilfe zu verweigern. Auf der anderen Seite lehrt der Katechismus der Katholischen Kirche, dass „die Tugend der Mäβigkeit gebietet, jede Art von Exzess zu vermeiden: Missbrauch von Nahrung, Alkohol, Tabak und Medikamente. Diejenigen die im Zustand der Trunkenheit oder aus einer unmäβigen Lust an der Geschwindigkeit die eigene Unversehrtheit und die anderer auf der Straβe, auf dem Meer oder in der Luft in Gefahr bringt, laden schwere Schuld auf sich.“[16]

V. - Christliche Tugenden des Fahrers und sein „Dekalog“

Nächstenliebe und Dienst am Nächsten

49. Papst Pius XII. ermahnte schon 1956 die Autofahrer: „Vergessen Sie nicht, die Benutzer der Straβe zu respektieren, Höflichkeit und Fairness gegenüber den anderen Piloten und Autofahrern zu wahren und ihnen Ihre Dienstbereitschaft zu beweisen. Setzen Sie Ihren ganzen Stolz darein, Ihre häufig nur natürliche Ungeduld zu beherrschen, manchmal auch ein wenig vom eigenen Ehrsinn zu opfern um jene Freundlichkeit triumphieren zu lassen, die ein Zeichen wahrer Nächstenliebe ist. Auf diese Weise können Sie nicht nur unangenehme Unfälle vermeiden, sondern auch dazu beitragen aus dem Automobil ein nützlicheres Instrument für Sie selbst und die anderen zu machen, das Ihnen ein Vergnügen ganz besonderer Art vermitteln kann.“[17]

50. Diese Ermahnung wird sehr viel später vom belgischen Episkopat wieder aufgenommen, das die Autofahrer dazu einlädt „einen Geist der Höflichkeit und der Nächstenliebe zu beweisen, indem sie die Vorfahrt beachten und Verständnis haben für die ungeschickten Manöver der Anfänger, den Alten und Kindern, sowie den Radfahrern und Fuβgängern besondere Aufmerksamkeit zukommen lassen und sich beherrschen, wenn Dritte die Vorschriften verletzen. Die christliche Solidarität spornt alle Benutzer der Straβe zu groβer Dienstbereitschaft an und dazu, Verletzten Beistand zu leisten und alten Menschen zu helfen und den Kindern und Behinderten besondere Rücksichtnahme zuteil werden zu lassen“[18] Und bei aller Beachtung des Körpers darf man nicht vergessen, auch geistlichen Beistand zu leisten, der in zahlreichen Fällen ebenso dringlich ist.

51. Für den Fahrer hat die Ausübung der christlichen Nächstenliebe eine zweifache Dimension. Die erste zeigt sich in der Wartung des eigenen Fahrzeugs, dessen technischer Zustand vom Standpunkt der Sicherheit ausgehend gewährt sein muss, will man nicht das eigene Leben und das der andern bewusst aufs Spiel setzen. Das eigene Fahrzeug zu mögen, bedeutet auch, dass man nichts von ihm verlangt, was es nicht leisten kann.

Die zweite Dimension betrifft die Liebe zu den Reisenden, deren Leben man nicht durch falsche und unvorsichtige Manöver, die sowohl den Passagieren wie auch den Fuβgängern Schaden zufügen können, in Gefahr bringen darf. Wir benutzen hier das Wort „Liebe“ und meinen damit all die verschiedenen Formen, in denen sich die wahre Nächstenliebe ausdrücken kann, das heiβt Respekt, Höflichkeit, Aufmerksamkeit usw. Ein guter Fahrer lässt den Fuβgänger höflich vorbeigehen, er fühlt sich nicht beleidigt, wenn ein anderer ihn überholt, er behindert nicht den, der schneller fahren will und rächt sich nicht.

Die Tugend der Vorsicht

52. Diese Tugend wird immer als eine der wesentlichsten und wichtigsten dargestellt, wenn man vom Straβenverkehr spricht. Dies wird durch den folgenden Text bestätigt: „Eine weitere Tugend, die nicht vergessen werden darf, ist die Vorsicht. Sie erfordert einen angemessenen Sicherheitsabstand, um unerwarteten Ereignissen zu begegnen, die jederzeit auftreten können.“[19] Gewiss verhält sich nicht jener vorsichtig, der sich beim Fahren mit dem Telefon oder dem Fernsehen ablenkt.

53. Und weiter zum Thema Vorsicht: „Die Benutzer der Straβe dürfen nicht mit übertriebener Geschwindigkeit fahren, man sollte die Zeit zum Bremsen theoretisch und psychologisch reichlich kalkulieren; man darf das eigene Geschick und die Reaktionsfähigkeit nicht überschätzen; man muss die eigene Aufmerksamkeit und Unterhaltung ständig unter Kontrolle haben. In diesem Zusammenhang müssen sich auch die Reisebegleiter ihrer Verantwortung bewusst sein.“[20]

Die Tugend der Gerechtigkeit

54. Es gibt keinen Zweifel, dass sich jede menschliche Beziehung auf Gerechtigkeit stützen muss, dies gilt um so mehr, wenn das Leben auf dem Spiel steht. Von dem Moment an, in dem die Kirche sich für das Problem des Verkehrs interessiert hat, hat sie sich auf diese Tugend berufen. Wir erinnern in diesem Zusammenhang an folgenden Aufruf: „Die Gerechtigkeit verlangt von denen, die fahren, eine umfassende und genaue Kenntnis der Straβenverkehrsordnung. Wer die Straβe benutzt, muss nämlich ihre Vorschriften kennen und sie berücksichtigen. Der Autofahrer ist auβerdem verpflichtet, angemessene physische und psychische Bedingungen zu bewahren. Wenn er im Zustand der Trunkenheit ist, darf er sich niemals ans Steuer setzen und es darf ihm nicht erlaubt werden, das zu tun. Er ist wie jede andere Person zur Nüchternheit verpflichtet: der Alkohol ruft einen euphorischen Zustand hervor und reduziert die Geistesgegenwart in einem Maβe, das fatal werden kann.“[21]

55. Mit Rücksicht auf die Gerechtigkeit „muss der Straβenbenutzer auch den Schaden wieder gut machen, den er einem anderen verursacht hat. Wenn er nach seinem Gewissen dafür verantwortlich ist, muss er sich dafür einsetzen, dass das Opfer oder seine nächsten Verwandten angemessen entschädigt werden. Sollte der Schaden gänzlich unabhängig von seinem Willen entstanden sein, so ist er doch nach seinem Gewissen dazu verpflichtet, das Opfer entsprechend den Rechtsvorschriften zu entschädigen, und im Falle von Anfechtungen und Prozess, muss er das Gerichtsurteil respektieren.“[22]

56. Auf der anderen Seite muss man die Angehörigen der Opfer dazu ermutigen, dem Aggressor zu vergeben als ein sicherlich schwer fallendes Zeichen menschlicher und christlicher Reife. In diesem Prozess der Vergebung ist die geistliche Unterstützung durch den Kaplan oder Seelsorger nützlich, wenn nicht gar notwendig, sowie die Feier des zu diesem Zweck eingerichteten „Tag der Vergebung“.[23]

Die Tugend der Hoffnung

57. Die Hoffnung ist eine weitere Tugend, die den Fahrer und den Reisenden auszeichnen muss. Wer eine Reise unternimmt, bricht immer mit einer Hoffnung auf, der nämlich, sicher am Ziel anzukommen, um dort Geschäfte abzuwickeln, die Natur zu genieβen, um berühmte Orte oder Orte, die Erinnerungen wecken, zu besichtigen und um seine Lieben zu umarmen. Für die Gläubigen liegt der Grund zu dieser Hoffnung bei allen Problemen und Gefahren der Straβen in der Sicherheit, dass während der Reise an ein Ziel, Gott mit dem Menschen geht und ihn vor Gefahren schützt. Weil Gott ihn begleitet und wenn der Mensch das Seine dazutut, wird er sein Ziel erreichen.

58. Auch wenn Gott der Felsen ist, auf den sich die christliche Hoffnung gründet, so hat die katholische Frömmigkeit zahlreiche Fürsprecher bei Ihm gefunden, Seine und unsere wahren Freunde, die Engel und die Heiligen Gottes, denen man sich anvertraut, um die Gefahren der Reise mit der göttlichen Gnade zu überwinden. Wir denken an Sankt Christophorus (der Träger Christi), die Gegenwart des Schutzengels, des Erzengels Raphael, der Tobias begleitet hat, (vgl. Tob 5,1 ff.) und den die Kirche als Beschützer der Reisenden verehrt. Bedeutungsvoll sind auch die Titel, die der Heiligen Jungfrau in Bezug auf den Weg gegeben werden. Wir rufen Sie an als Heilige Maria der Straβe, als pilgernde Jungfrau, Vorbild der Frauen unterwegs.[24]

59. Über der Hinwendung zu unseren himmlischen Fürsprechern dürfen wir aber das Zeichen des Kreuzes nicht vergessen, das vor Antritt der Reise gemacht werden sollte. Mit diesem Zeichen stellen wir uns direkt unter den Schutz der Heiligen Dreifaltigkeit. Es leitet uns nämlich vor allem zum Vater als Ursprung und Ziel; in diesem Zusammenhang erinnern wir an den Psalm: „Denn er befiehlt allen seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen (Ps 91 [90] ,11).

Das Kreuzzeichen gibt uns sodann Jesus Christus anheim, unserem Führer (vgl. Joh 8,12). Die Begegnung in Emmaus (vgl. Lk 24, 13-35) versichert uns, dass der Herr jedermann auf seinem Weg entgegengeht, dort Unterkunft nimmt, wo man dazu einlädt, und dass er mit uns reist, an unserer Seite sitzt.

Schlieβlich verweist uns das Kreuzzeichen auf den „Heiligen Geist, der der Herr ist und das Leben gibt.“[25] Er erleuchtet den Geist und gewährt jenen, die ihn anrufen, die Gabe der Vorsicht, um das Ziel zu erreichen. Dies wird durch den Gesang des Veni Creator bestätigt: „Ducture sic te praevio, vitemus omne noxium“ („Wenn du uns leitest, werden wir alles vermeiden, was uns Schaden zufügt“).

60. Während der Reise kann man auch mit gutem Ergebnis laut beten, besonders wenn man sich im Rezitieren mit unserem Begleiter abwechselt, wie beim Beten des Rosenkranzes,[26] der den Fahrer mit seinem Rhythmus und seinen schönen Wiederholungen nicht ablenkt. Dies wird dazu beitragen, dass man sich eingehüllt fühlt in die Gegenwart Gottes und unter seinem Schutz bleibt. So kann das Bedürfnis nach einer gemeinschaftlichen oder liturgischen Feier entstehen, wenn möglich an „geistlich strategischen“ Punkten der Straβe oder der Eisenbahn (Wallfahrtsorte, Kirchen und Kapellen, auch bewegliche Kapellen).

Der „Dekalog“ des Autofahrers

61. In jedem Fall hat man mit dem Aufruf zur Ausübung der Tugenden von Seiten der Autofahrer auch einen besonderen „Dekalog“ für ihn formulieren wollen, in Anlehnung an die 10 „Worte“, das heiβt, die zehn Gebote des Herrn. Wir geben Sie hier im Anschluss als Empfehlung wieder, auch wenn wir der Ansicht sind, dass sie auch anders formuliert werden könnten:

Du sollst nicht töten.

Die Straβe sei dir ein Instrument der Kommunion zwischen den Menschen und bringe nicht Tod und Verderben.

Höflichkeit, Korrektheit und Vorsicht mögen dir helfen, Unvorhergesehenes zu überwinden.

Du sollst barmherzig sein und deinem Nächsten in der Not helfen, besonders wenn er Opfer eines Unfalls ist.

Das Auto soll für dich nicht Instrument der Macht, der Überlegenheit und ein Anlass zur Sünde sein.

Überzeuge mit Nächstenliebe die jungen Leute und auch wer nicht mehr jung ist, dass sie sich nicht ans Steuer setzen, wenn sie nicht dazu in der Lage sind.

Unterstütze die Familien der Unfallopfer.

Organisiere in einem geeigneten Moment eine Begegnung zwischen dem Opfer und dem schuldigen Autofahrer, damit sie eine befreiende Erfahrung des Vergebens erleben können.

Schütze auf der Straβe die Seite der Schwächeren.

Fühle dich selbst den anderen gegenüber verantwortlich.

VI. - Die Mission der Kirche

Prophezeiung in einer schwerwiegenden und alarmierenden Situation

62. Das Anklagen einer gefährlichen Situation wie dieser, die vom Verkehr verursacht wird, ist Teil der Mission der Kirche, das heiβt, es ist Teil ihrer prophetischen Mission. Die Zahl der Unfälle, an denen auch die Fuβgänger einen schwere Verantwortung tragen, ist beunruhigend. Wir müssen auch die Gefährlichkeit einiger automobilistischer Rennen aufzeigen und die illegalen Rennen auf der Straβe, die ein schweres Risiko darstellen.

63. Häufig wird auf den schlechten Straβenbelag als Ursache für einen Unfall hingewiesen, auf ein technisches Problem oder auf die Umweltbedingungen; dagegen muss man unterstreichen, dass der weitaus gröβte Teil der Verkehrsunfälle durch schweren und überflüssigen Leichtsinn verursacht werden – wenn es sich nicht sogar um Dummheit und Arroganz im Verhalten des Fahrers oder des Fuβgängers handelt – das heiβt durch den menschlichen Faktor.

Verkehrserziehung

64. Angesichts eines so ernsthaften Problems, müssen die Kirche und der Staat - jeder im Rahmen seiner Zuständigkeit - über die Anklage hinausgehen und handeln, um ein allgemeines und öffentliches Bewusstsein im Hinblick auf die Verkehrssicherheit zu schaffen und mit allen Mitteln eine angemessene und passende Erziehung der Autofahrer, aber auch der Reisenden und der Fußgänger zu fördern.

65. Allgemeiner ausgedrückt erinnern wir daran, dass drei Elemente erforderlich sind, wenn wir eine Handlung zu einem guten Ende führen wollen, das heiβt, man muss wissen, was zu tun ist, es verwirklichen wollen und schlieβlich muss man eine Reihe von Reflexen und die erforderliche Übung entwickelt haben, um die Handlung präzise, genau und schnell zu vollziehen. Dies gilt auch für die Verkehrserziehung: sie muss die Intelligenz, den Willen und auch die gewohnheitsmäβigen

Verhaltensweisen einbinden.

66. Diesbezüglich wird sich die Kirche darum bemühen, das Bewusstsein der Menschen zu sensibilisieren und sich für eine Verkehrserziehung einsetzen, die die drei zitierten Elemente berücksichtigt: wissen, was man tun muss, sich der Gefahr, der Verantwortung und der Pflichten bewusst sein, die sich daraus für den Autofahrer oder den Fuβgänger ergeben; es mit Aufmerksamkeit und Hingabe tun wollen und schlieβlich ausreichende Reflexe und Übung für eine bestimmte Handlung entwickeln, die weder Risiken noch Unvorsichtigkeit mit sich bringt.

67. Um dieses Ziel zu erreichen, darf man neben dem Einsatz der Familien die Erziehungsmöglichkeiten nicht vergessen, die die Gemeinden, die Laienvereine und die kirchlichen Bewegungen haben, insbesondere für die Kinder und Jugendlichen.

68. Das alles bedeutet, das zu wecken und zu fördern, was man als eine „Ethik der Straβe“ bezeichnen könnte, die nicht etwas anderes ist als die Ethik im Allgemeinen, sondern nur eine ihrer Anwendungen darstellt.

An wen man sich richtet

69. Eine wichtige Frage ist, zu bestimmen, an wen sich die Verkehrserziehung richtet. Betrachten wir zunächst die „aktiven“ Teilnehmer. Da der Verkehr ein Problem darstellt, dass mit dem Allgemeinwohl verbunden ist, schlieβt die Lösung des Problems der Ausbildung der Autofahrer, Motorradfahrer, Radfahrer und Fuβgänger eine ganze Reihe von Akteuren und Behörden ein, neben dem Einzelnen und der Familie, der Gesellschaft im Allgemeinen und der öffentlichen Hand.

70. Der Einzelne hat die ethische Pflicht, die Verkehrsregeln zu beachten und aus diesem Grund braucht er Kenntnisse, die das Ergebnis einer Ausbildung sind, die dazu geeignet ist, sein Verantwortungsbewusstsein zu stärken. Die Rolle der Familie ist offensichtlich grundlegend für die Verkehrserziehung, die Teil des notwendigen Gepäcks darstellt, das man den Kindern zusammen mit einer guten Allgemeinbildung vermitteln muss.

Die Gesellschaft ihrerseits hat die Pflicht, dieses Problem in Angriff zu nehmen, denn es betrifft das Allgemeinwohl. Der Ausdruck Gesellschaft wird hier in einem weiten und vielschichtigen Sinn gebraucht, denn er schlieβt zum Beispiel die Schule, Privatunternehmen, Clubs, Institutionen, die Presse, usw. ein. Unter dem Ausdruck Gesellschaft versteht man auch die Öffentliche Hand und die Öffentliche Verwaltung, deren Eingriff auf diesem Gebiet wie in anderen vom Subsidaritätsprinzip.[27]

71. Zu den zu erziehenden “passiven“ Subjekten zählt vor allem das Kind. Es ist unerlässlich, dass es schon früh auf den Verkehr vorbereitet wird, in dem es einen Teil seines Lebens verbringen muss und dies aus zwei grundsätzlichen Gründen.

Das Kind dazu erziehen, sich dem Verkehr zuzuwenden, heiβt in erster Linie, ihm die besten Mittel zur Verfügung zu stellen, das eigene Leben zu schützen. Tatsächlich sterben heute jedes Jahr viele Kinder auf der Straβe und viele sind es auch, deren Fähigkeiten verstümmelt werden ohne dass sie ihr Leben verlieren, die aber für ihr Leben physisch und/oder psychisch gezeichnet bleiben. Zudem ist die Verkehrserziehung der Kinder die beste Garantie für eine zukünftige Generation, die sich in diesem Bereich sicherer und korrekter verhält.

72. Der Akzent muss auch auf die unersetzbare Rolle der Schule gelegt werden, die bildet und informiert. Vor allem in der Schule kann das Kind rechtzeitig die ethischen Grundlagen des Verkehrs und des Warum für seine Regeln begreifen. In der Schule lernt man, dass die Probleme des Verkehrs zu dem gröβeren Bereich der Probleme des menschlichen Zusammenlebens gehören, für das zuallererst die Achtung vor dem andern kommt. In der Schule lernt man eine bewusste Selbstbeschränkung in der Benutzung und im Genuss des Allgemeingutes; man muss dort Höflichkeit und Seelengröβe in den zwischenmenschlichen Beziehungen lernen.

73. Die Schule ist die Einrichtung, der die Familie einen wichtigen Teil ihrer erzieherischen Aufgaben anvertraut. Das macht sie zu einem machtvollen und unersetzlichen Instrument der umfassenden Bildung des Einzelnen. Eine mangelnde Erfüllung dieser Pflicht, sich auch der Verkehrserziehung zu widmen, würde eine gefährliche und schwer zu schlieβende Lücke schaffen.

74. Eine wichtige Gelegenheit zur Verkehrserziehung bietet sich jenen, die den Führerschein machen wollen. Dies ist ein Abschnitt in einer besonderen Ausbildung, der besondere Bedeutung zukommt, vor allem wenn die Person zuvor keinerlei Verkehrserziehung erhalten hat. Die Fahrschulen haben eine groβe Verantwortung genau wie die öffentliche Verwaltung, deren Aufgabe es ist, die Prüfungen festzulegen, denen sich der zukünftige Autofahrer unterziehen muss.

75. Eine andere zu erziehende Personengruppe besteht in der Vielfalt der Straβenbenutzer selbst: nicht nur die Autofahrer, sondern auch die nicht Auto fahrenden Fuβgänger, die in ihrer Mehrzahl nie eine angemessene Verkehrserziehung erhalten haben. Die Reflexe von vielen unter denen, die schon älter sind, sind nicht mehr rasch genug, um sich im Verkehr in Sicherheit zu bewegen. Darum besteht für sie ein erhöhtes Unfallrisiko.

Aufruf des II. Ökumenischen Vatikanischen Konzils

76. Das II. Ökumenische Vatikanische Konzil, in dem das vorhergehende kirchliche Lehramt widerklang während es unter Einbezug der sozialen Veränderungen des 20.Jahrhunderts vor einem reinen Individualismus warnend auf den letzten Stand der Dinge gebracht wurde, lenkte in folgender Weise die Aufmerksamkeit auch auf das Problem des Straβenverkehrs: „Der tiefe und rasche Wandel der Verhältnisse stellt mit besonderer Dringlichkeit die Forderung, dass niemand durch mangelnde Beachtung der Entwicklung oder durch müde Trägheit einer rein individualistischen Ethik verhaftet bleibe. Die Pflicht der Gerechtigkeit und der Liebe wird immer mehr gerade dadurch erfüllt, dass jeder gemäß seinen eigenen Fähigkeiten und den Bedürfnissen der Mitmenschen zum Gemeinwohl beiträgt und auch die öffentlichen oder privaten Institutionen, die der Hebung der menschlichen Lebensverhältnisse dienen, fördert und unterstützt. … Viele scheuen sich nicht, durch Betrug und Schliche sich gerechten Steuern oder anderen der Gesellschaft geschuldeten Leistungen zu entziehen. Andere haben wenig Achtung vor gewissen Vorschriften des gesellschaftlichen Lebens, z. B. vor solchen, die zum Schutz der Gesundheit oder zur Verkehrsregelung aufgestellt wurden, und beachten nicht, dass sie durch diese Fahrlässigkeit ihr eigenes Leben und das der anderen gefährden.“[28]

77. Auf der Suche nach einer angemessenen und seelsorgerischen Antwort auf die Herausforderungen unserer Welt von heute erkennen wir hier ein Gebiet für ein umfassendes und erneuertes Apostolat, das eine aktive und in erforderlicher Weise vorbereitete Seelsorger verlangt. Wir beziehen uns hier zum Beispiel auf den Ausdruck seelsorgerischer Fürsorge für die Lastwagenfahrer, die Waren über weite Entfernungen transportieren, für die Autofahrer und Busfahrer, für die Touristen, die auf den Straβen und in der Eisenbahn unterwegs sind, für diejenigen, die für die Verkehrssicherheit verantwortlich sind, für diejenigen, die an den Tankstellen und Raststätten arbeiten usw.

78. Dies ist auch ein Gebiet für die neue Evangelisierung, die von Papst Johannes Paul II. so sehr gewünscht wurde. Aus diesem Bereich erhebt sich ein dringender Ruf danach, neue Wege zu suchen, um das Evangelium auf die Wege der Welt zu bringen, auch auf die Straβen und Eisenbahnen, neue Areopage zur Verkündigung der Frohen Botschaft von Jesus Christus, dem Erlöser.

VII. - Die Pastoral der Straβe

79. Angesichts dieser dringenden Evangelisierungsaufgabe möchte die Kirche in der industrialisierten und technisch fortgeschrittenen Gesellschaft - ohne dabei die Entwicklungsländer zu vergessen - einen Prozess der erneuerten Bewusstwerdung der der Seelsorge der Straβe innewohnenden Pflichten und der moralischen Verantwortung im Hinblick auf die Überschreitung der Straβenverkehrsregeln einleiten, um den fatalen Folgen, die sie mit sich bringen, vorzubeugen. Das Zweite Ökumenische Vatikanische Konzil ersucht daher die Bischöfe, jenen Gläubigen eine besondere Sorge zu widmen, „die wegen ihrer Lebensbedingungen die allgemeine ordentliche Hirtensorge der Pfarrer nicht genügend in Anspruch nehmen können oder sie vollständig entbehren.“[29]

Die Evangelisierung in der Welt der Straβe

80. Die Evangelisierung der Welt der Straβe schlägt man dieser eigentümlichen Umgebung vor, indem man überall den Ablauf der Frohen Verkündigung und die Erteilung der Sakramente erleichtert, ebenso wie die geistliche Führung, das counseling und die religiöse Bildung der Autofahrer, der beruflichen Autotransportateure, der Passagiere und all jener, die in irgend einer Art mit der Straβe oder der Eisenbahn zu tun haben.

Eine gemeinsame Anstrengung ist nötig, die darauf abzielt, dass man sich der ethischen Erfordernisse bewusst wird, die sich aus dem Straβenverkehr ableiten; Initiativen und Anstrengungen sollen und müssen unterstützt werden, die das Ziel haben, die ethischen und moralischen Werte auf der Straβe und der Eisenbahn zu fördern, damit die Mobilität zu einem Faktor der Gemeinsamkeit zwischen den Menschen wird.

In der Gesellschaft muss sich die evangelische Botschaft der Liebe, angewandt auf die Realität der Straβe und in erster Linie auf ein Bewusstsein für die moralischen Verpflichtungen verbreiten, die all denen obliegen, die reisen. Es gilt, ihren Sinn für Verantwortung zu stärken und dem Gesetz den Respekt zu sichern, um Gesetzesverletzungen und Schäden Dritter zu vermeiden.

81. Zielgruppe für diese Pastoral sind all jene, die in unterschiedlichem Maβe mit der Straβe und der Eisenbahn zu tun haben, das heiβt nicht nur Straβenbenutzer, sondern auch die, die beruflich mit der Straβe zu tun haben, die in diesem Bereich Tätigen. Diese Pastoral möchte die Menschen von heute in ihrer eigenen Umgebung ansprechen, um ihnen zu helfen, in Frieden miteinander zu leben, um einander Solidarität zu beweisen und sie mit Gott zu vereinen, und dazu beizutragen, dass dieser Bereich eher in Übereinstimmung mit der christlichen Botschaft gebracht und menschlicher wird.

Hierzu ist es erforderlich, die dem Straβenbenutzer nötigen Tugenden neu zu entdecken und sie in die Praxis umzusetzen, vor allem die Nächstenliebe, die Vorsicht und die Gerechtigkeit. Bei dieser Aufgabe können die Kommunikationsmittel eine groβe Hilfe sein, insbesondere das Radio, das dem Reisenden angenehme Gesellschaft leistet.

Die katholischen Rundfunkanstalten müssen in diesem Bereich eine aktive Rolle übernehmen, auch mit Hilfe von Liedern, die keinen oberflächlichen Charakter haben, und indem sie all ihre Möglichkeiten der persönlichen Bildung ausschöpfen.

82. Im Hinblick auf diese besondere Pastoral bestehen in verschiedenen Ländern Initiativen, von denen einige sehr kreativ und durchaus in der Lage sind, gute und konkrete Ergebnisse zu erzielen. Denken wir zum Beispiel an die Kapellen (feste oder mobile) längs der Autobahnen, an die Liturgie, die periodisch an den groβen Straβenkreuzungen, in Raststätten und Lkw-Parkplätzen stattfinden. Denken wir an die Verkaufsstellen für religiöse Gegenstände und die christlichen Treffpunkte und Informationsstellen für Reisende und Beschäftigte in den Bahnhöfen und Busbahnhöfen, die Treffpunkte in den Pfarrgemeinden, auf den Autobahnen selbst und an den Grenzen; Aktivitäten, die unter der Leitung von Geistlichen oder Ordenleuten und/oder von Laien ausgeführt werden, die in der Seelsorge tätig sind.

Vergessen wir auch nicht die Anstrengungen, die für die Seelsorge der Transporteure und ihrer Familien, die Motorradklubs, die „Rallyes“ und ähnliche Veranstaltungen unternommen werden, oder auch für die Segnung der Fahrzeuge, den „Europäischen Tag ohne Auto“, die Feiern des Tages der Verletzten der Straβe, die auf nationaler Ebene, in den Bistümern oder Pfarrgemeinden stattfinden, oder den Tag der Vergebung in Zusammenarbeit mit der Pastoral des Tourismus und der Wallfahrten, sowie in anderen Bereichen der Mobilität zusammen mit den Kaplänen der Straβenpolizei, den Fahrschulen und so weiter.

83. Eine angemessene Antwort auf diese Herausforderung für die Seelsorge zu geben, liegt sicher in der Verantwortung der Bischofskonferenzen und der entsprechenden Strukturen der Katholischen Ostkirche. Dieses Apostolat verlangt ein Minimum an Organisation oder zumindest einen nationalen Bezugsrahmen, bzw. einen Bezugsrahmen auf der Eben der Diözese oder Eparchie oder auch lokal, der der Durchführung dieser besonderen, noch jungen Pastoral ein institutionelles Umfeld bietet. Es wäre vielleicht angebracht, einen nationalen Promotor zu ernennen, vielleicht nicht ganztägig, oder einen Diakon mit der Gestaltung dieser besonderen Pastoral zu beauftragen.

Sie bedarf jedenfalls auch in den seelsorgerischen Strukturen, die an das Territorium gebunden sind, eines eher missionarischen Bewusstseins der Kirche, das fähig ist, sich eine „Seelsorge in Bewegung“ vorzustellen und sie durchzusetzen, eine Pastoral auch in der Mobilität, in der Hoffnung auf eine reale und wirksame gemeinsame und integrierte Seelsorge. „Der Mobilität der modernen Welt muss eine Mobilität der pastoralen Nächstenliebe der Kirche entsprechen.“[30] Wünschenswert ist die Durchführung von Treffen auf unterschiedlichen Ebenen zu einem Austausch von Informationen und Erfahrungen zwischen den Seelsorgern, die in dem spezifischen Apostolat der Straβe tätig sind, was helfen wird, reichlichere Frucht auf diesem Feld der neuen Evangelisierung zu ernten.[31]

84. Die Mobilität und ihre Probleme, ein wahres Zeichen unserer Zeit und typisch für die moderne Gesellschaft auf der ganzen Welt, stellen heute eine wichtige und dringliche Herausforderung für die Institutionen, die Einzelnen und auch für die Kirche dar, die diesbezüglich eine Mission hat. Diejenigen, die an den Sohn Gottes glauben, der Mensch geworden ist, um die Menschheit zu retten, können nicht untätig bleiben angesichts dieses neuen Horizonts, der sich der Evangelisierung auftut, nämlich im Namen Jesu Christi den ganzen Menschen und jeden Menschen in seiner Gesamtheit zu fördern.

ZWEITER TEIL: Pastoral für die Befreiung der Frauen der Straße

85. Der „Kunde“ nähert sich den Frauen der Straβe von seinem Fahrzeug aus, das oft auch als Ort für den Sexualhandel benutzt wird. Eine Pastoral der Straβe muss auch diese leider alltäglichen Situationen betrachten, und sich auch mit Eifer demjenigen zuwenden, der die Straβe „bewohnt“.

86. Dieser seelsorgerische Einsatz wird von dem Lehramt von Papst Johannes Paul II. ermutigt, der die Ausbeutung der Frauen anklagt: „Wenn wir nun einen der delikatesten Punkte der Situation der Frau in der Welt betrachten, können wir nicht umhin, an die lange und demütigende Geschichte – sei sie auch oft „unterirdisch“ – des anhaltenden Missbrauchs der Frauen auf sexuellem Gebiet zu erinnern. An der Schwelle zum dritten Jahrtausend können wir diesem Phänomen gegenüber nicht unempfindlich bleiben und resignieren. Es ist an der Zeit, sexuelle Gewalttätigkeit, die nicht selten Frauen zum Opfer hat, mit Nachdruck zu verurteilen und geeignete gesetzgeberische Instrumente der Verteidigung zu schaffen. Im Namen der Achtung vor der Person müssen wir gleichermaβen die weit verbreitete hedonistische und kommerzielle Kultur anklagen, die ein systematisches Ausbeuten der Sexualität fördert und auch sehr junge Mädchen dazu verleitet, in die Fänge der Korruption zu fallen und ihren Körper als Ware zu benutzen.“[32]

87. Papst Benedikt XVI. lehrt, dass die weibliche Prostitution eine Form des Menschenhandels darstellt mit den deutlichen Worten: „Der Menschenhandel – und vor allem der Handel mit Frauen – prosperiert dort, wo die Möglichkeiten, die eigenen Lebensbedingungen zu verbessern oder wo die Chancen auch nur zu überleben, gering sind; es ist einfach für die Händler, den Opfern ihre Dienste anzubieten, denn oft haben sie nicht die entfernteste Ahnung, welchem Schicksal sie entgegengehen. In einigen Fällen sind Frauen und Mädchen dazu bestimmt, fast wie Sklaven bei der Arbeit ausgebeutet zu werden und nicht selten auch in der Sexindustrie. Auch wenn wir hier eine Analyse der Folgen dieser Migration nicht genauer untersuchen können, mache ich mir die Verurteilung, die Johannes Paul II. im Hinblick auf die weit verbreitete hedonistische und kommerzielle Kultur zu eigen, die eine systematische Ausbeutung der Sexualität fördert (Brief an die Frauen, 29. Juni 1995, Nr. 5). Hier liegt ein ganzes Programm der Erlösung und der Befreiung vor, dem die Christen sich nicht entziehen können.“[33]

I. Einige Kernpunkte

Die Prostitution ist eine Form der Sklaverei

88. Die Prostitution ist eine Form der modernen Sklaverei, die auch Männer und Kinder treffen kann. Man muss leider feststellen, dass aus einer Vielzahl von komplexen Gründen, die auch ökonomisch, sozial und kulturell bedingt sind, die Zahl der Frauen der Straβe auf der ganzen Welt dramatisch gestiegen ist. Es ist in erster Linie wichtig, festzuhalten, dass die sexuelle Ausbeutung und die Prostitution in Verbindung mit dem Menschenhandel Gewalttätigkeiten darstellen, die die Menschenwürde beleidigen und eine schwere Verletzung der Grundrechte darstellen.

89. Man muss darüber hinaus die Tatsache betrachten, dass die Frauen, die mit der Prostitution zu tun haben, in vielen Fällen schon in der Kindheit Gewalt und sexuellen Missbrauch erlitten haben. Zur Prostitution verleitet die Hoffnung, sich selbst und der eigenen Familie ein wirtschaftliches Auskommen zu sichern, die Notwendigkeit, Schulden abzuzahlen, oder der Entschluss, die Armut im Ursprungsland hinter sich zu lassen in der Meinung, dass die im Ausland angebotene Arbeit, ihr Leben ändern kann. Es ist offensichtlich, dass die sexuelle Ausbeutung der Frauen eine Folge verschiedener ungerechter Systeme ist.

90. Viele Frauen der Straβe in der so genannten entwickelten Welt stammen aus armen Ländern und in Europa wie anderswo sind viele Opfer des Menschenhandels, der eine Antwort gibt auf die wachsende Nachfrage der „Sexkonsumenten“.

Migration, Menschenhandel und Rechte

91. Die Verbindung zwischen Migration, Menschenhandel und Recht wird vom Protokoll der Vereinten Nationen zur Vorbeugung, Unterdrückung und Bestrafung des Handels mit Personen definiert, insbesondere mit Frauen und Kindern.[34]

Jene, die auswandern, um ihre Lebensbedürfnisse zu befriedigen und die Opfer des Menschenhandels teilen viele Aspekte der Verwundbarkeit, aber es bestehen auch erhebliche Unterschiede zwischen Migration, Handel und Menschenschmuggel. Verschuldete Frauen, die aufgrund der makropolitischen Entwicklung arbeitslos sind und auswandern, um zu leben und um ihren Familien oder Gemeinden zu helfen, sind in einer sehr anderen Situation als die Frauen, die Opfer des Menschenhandels sind.

92. Für eine wirksame pastorale Antwort ist es wichtig, die Faktoren zu kennen, die die Frauen zur Prostitution drängen oder verlocken, die Strategien, die die Mittler und Ausbeuter benutzt haben, um sie in ihrer Gewalt zu halten, die Strecken, auf denen sie sich aus den Ursprungsländern in die Zielländer bewegen, und die Mittel über die die Institutionen verfügen, um sich dem Problem entgegen zu stellen. Die internationale Gemeinschaft und viele Nicht-Regierungsorganisationen vermehren nach und nach die Initiativen, die darauf zielen, kriminellen Aktivitäten entgegen zu wirken und Menschen zu schützen, die Opfer des Menschenhandels sind, indem sie eine weite Spanne von Eingriffen entwickeln, die dem Phänomen zuvorkommen und seine Opfer auf der Ebene der sozialen Eingliederung rehabilitieren sollen.

Wer ist das Opfer der Prostitution?

93. Opfer der Prostitution, ist ein Mensch, der in vielen Fällen um Hilfe „schreit“, der aus der Sklaverei befreit werden möchte, denn den eigenen Körper auf der Straβe verkaufen ist normalerweise nicht das, was man freiwillig tun würde. Gewiss, jeder Mensch hat eine andere Geschichte, aber alle einzelnen Geschichten haben Gewalt, Missbrauch und geringe Selbstachtung, Angst und Mangel an Gelegenheiten gemeinsam. Jede Frau trägt tiefe Wunden, die man heilen muss, während sie Beziehungen sucht, Liebe, Sicherheit, Zuneigung, Selbstbestätigung, eine bessere Zukunft auch für die eigene Familie.

Wer ist der „Kunde“?

94. Auch der Kunde ist eine Person, die tief verwurzelte Probleme hat. In gewisser Hinsicht ist auch er ein Sklave mit seinen über 40 Jahren (das ist das Alter der Mehrheit der „Kunden“). Allerdings nimmt die Zahl der 16 – 24jährigen zu. Zunehmend ist auch die Zahl der Männer, die eher deswegen zu Prostituierten gehen, weil sie sie dominieren wollen, als wegen der sexuellen Befriedigung. Es handelt sich dabei um Personen, die in den sozialen und zwischenmenschlichen Beziehungen, einen Verlust an Macht und „Maskulinität“ wahrnehmen, und denen es nicht gelingt, Beziehungen der Gegenseitigkeit und der Achtung zu entwickeln. Diese Männer suchen Prostituierte auf, um eine Erfahrung der totalen Herrschaft und Kontrolle über eine Frau zu erleben, wenn auch nur für kurze Zeit.

95. Man muss dem „Kunden“ helfen, seine intimsten Probleme zu lösen und eine angemessene Art und Weise zu finden, wie er seinen sexuellen Neigungen nachgehen kann. „Sex kaufen“ löst die Probleme nicht, die vor allem aus Frustration, aus Mangel an echten Beziehungen und aus Einsamkeit entstehen, die heute so viele Situationen des Lebens kennzeichnet. Ein wirksames Vorgehen in Richtung auf eine kulturelle Veränderung fort von dem Handel mit der Sexualität könnte sich entwickeln, wenn zu der Strafgesetzordnung auch eine gesellschaftliche Verurteilung kommt.

96. Die Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau ist in sehr vielen Fällen keine Beziehungen zwischen Gleichen, denn die Gewalt oder die Bedrohung mit Gewalt gibt dem Mann Privilegien und Macht, die die Frauen schweigsam und passiv machen. Sie und die Kinder werden häufig aufgrund der Gewalt, von der sie von den Männern im Hause bedroht werden, auf die Straβe gedrängt und von ihr angelockt. Die Männer ihrerseits haben Modelle der Gewalttätigkeit „verinnerlicht“, die an die Ideologien geknüpft sind, die sich in den sozialen Strukturen herauskristallisiert haben. Es ist besonders traurig, feststellen zu müssen, dass andere Frauen an der Unterdrückung von und der Gewalt gegen andere Frauen innerhalb der kriminellen Organisationen teilnehmen, die mit der Prostitution verbunden sind.

II. Die Aufgabe der Kirche

Die Menschenwürde fördern

97. Die Kirche hat die pastorale Verantwortung, die Menschenwürde der Personen zu verteidigen, die auf Grund der Prostitution ausgebeutet werden, ihre Befreiung voran zu treiben und zu diesem Zweck auch wirtschaftliche, erzieherische und bildende Hilfe zu leisten.

98. Um diesen pastoralen Bedürfnissen gerecht zu werden, klagt die Kirche die anhaltenden Ungerechtigkeiten und Gewalttätigkeiten gegen die Frauen der Straβe an und lädt die Männer und Frauen, die guten Willens sind, dazu ein, ihren Einsatz zum Schutz ihrer Menschenwürde zu verstärken und der sexuellen Ausbeutung ein Ende zu setzen.

In der Solidarität und der Verkündung der Frohen Botschaft

99. Eine erneuerte Solidarität innerhalb der christlichen Gemeinschaft und den religiösen Kongregationen, den kirchlichen Bewegungen, den neuen Gemeinden, den katholischen Einrichtungen und Vereinigungen ist nötig, um der Seelsorge für die wegen der Prostitution ausgebeuteten Frauen mehr Aufmerksamkeit und „Sichtbarkeit“ zukommen zu lassen, eine Sorge, in deren Mittelpunkt die ausdrückliche Verkündigung der Frohen Botschaft der vollständigen Befreiung in Jesus Christus steht, das heiβt, die christliche Erlösung.

100. Indem sie sich den Bedürfnissen der Frauen im Laufe der Jahrhunderte annahmen, haben die religiösen Kongregationen, vor allem die weiblichen, den Zeichen der Zeit immer besondere Aufmerksamkeit gewidmet und die Werte und die Bedeutung ihres Charismas in neuen sozialen Zusammenhängen wieder entdeckt. Die Ordensfrauen in der ganzen Welt suchen heute in treuer Meditation des Wortes Gottes und der sozialen Doktrin der Kirche neue Formen, um Zeugnis abzulegen zu Gunsten der weiblichen Würde.

Sie bieten den Frauen der Straβe auch eine groβe Vielfalt von Hilfeleistungen in Auffangstellen an und in sicheren Unterkünften und sie führen Ausbildungs- und Erziehungsprogramme durch. Die kontemplativen Orden beweisen ihre Solidarität durch Unterstützung im Gebet und falls möglich durch wirtschaftlicher Hilfe.

101. Spezifische Ausbildungsprogramme für die Seelsorger sind erforderlich, um Fachwissen und Strategien zur Bekämpfung der Prostitution und des Menschenhandels zu entwickeln. Diese Programme sind wichtige Schritte, denn sie verpflichten die Geistlichen, Ordensleute und Laien, dazu, diesen Erscheinungen vorzubeugen, und zur sozialen Wiedereingliederung der Opfer. Die Zusammenarbeit und die Kommunikation zwischen der Kirche im Ursprungs- und der im Zielland sind unerlässlich.[35]

Mehrdimensionaler Ansatz

102. Um die kirchliche Aktion zur Befreiung der Frauen der Straβe durchzusetzen, ist ein mehrdimensionaler Ansatz erforderlich. Er muss sowohl die Männer wie auch die Frauen mit einbeziehen und die Menschenrechte in den Mittelpunkt jeder Strategie stellen.

103. Die Männer habe eine wichtige Rolle in diesem Werk zu übernehmen, welches das Ziel der Gleichheit der Geschlechter vor dem Hintergrund der Gegenseitigkeit und der gerechten Unterschiede anstrebt. Die Ausbeuter (im Allgemeinen sind „die Kunden“ Männer, Menschenhändler, Sextouristen, usw.) müssen über die Skala der Werte des Lebens und über die Menschenrechte aufgeklärt werden. Sie müssen auch die eindeutige Verurteilung der Sünden und der Ungerechtigkeit, die sie begehen, von Seiten der Kirche in Betracht ziehen. Dies gilt auch für den homosexuellen und den transsexuellen Handel.

104. Die Bischofskonferenzen und die entsprechenden Strukturen der Katholischen Ostkirchen müssen in den Ländern, wo die Prostitution und der daraus entstehende Menschenhandel verbreitet sind, diese soziale Plage anklagen. Sie müssen den Frauen auch Achtung, Verständnis, Mitleid entgegen bringen und sie müssen sich – im richtigen Sinne - eines Urteils den Frauen gegenüber enthalten, die in das Netz der Prostitution gegangen sind.

Bischöfe, Geistliche und Seelsorger sollten ermutigt werden dieser Sklaverei in ihrem Kirchenamt von einem seelsorgerischen Standpunkt aus entgegen zu wirken. Die religiösen Gemeinschaften sollten sich darum bemühen, auf die Stärke ihrer Einrichtungen zu setzen und ihre Kräfte vereinen, um zu informieren, zu erziehen und zu handeln.

105. Alle seelsorgerischen Initiativen müssen in gegenseitigem Respekt den Schwerpunkt auf die christlichen Werte legen, auf gesunde Beziehungen in der Familie und in den Gemeinden und auβerdem auf die Notwendigkeit, ein Gleichgewicht und Harmonie in den zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Männern und Frauen zu entwickeln.

Dringend ist auch, dass die verschiedenen Projekte, die dazu beitragen sollen, die Heimkehr oder die soziale Wiedereingliederung der Frauen zu fördern, die Gefangene der Prostitution sind, eine angemessene finanzielle Unterstützung bekommen. Empfohlen werden Treffen mit religiösen Vereinigungen, die in verschiedenen Teilen der Welt mit diesen Zielen, zu helfen und zu befreien tätig sind.

Was die „Kunden“ betrifft, so ist die Einbindung und die Unterstützung des Klerus sowohl im Hinblick auf die Bildung der Jugendlichen, vor allem der jungen Männer, wegen des so komplexen Einflusses der menschlichen Nähe, zusammen mit der Bildung und einer geistlichen Führung entscheidend.

106. Die Zusammenarbeit von öffentlichen und privaten Institutionen zur Abschaffung der sexuellen Ausbeutung muss umfassend sein.

Es ist wichtig, auch mit Mitteln der sozialen Kommunikation zusammenzuarbeiten, um eine korrekte Information zu diesem gewichtigen Problem sicher zu stellen. Die Kirche hofft auf die Einführung und Anwendung von Gesetzen, die die Frauen vor der Plage der Prostitution und des Menschenhandels schützen. Ebenso wichtig ist es, sich dafür einzusetzen, dass wirksame Maβnahmen gegen die entwürdigende Darstellung der Frauen in der Werbung ergriffen werden.

Die christlichen Gemeinschaften müssen schlieβlich dazu angeregt werden, mit den nationalen und lokalen Behörden zusammenzuarbeiten, um den Frauen der Straβe zu helfen, alternative Mittel zu finden, um zu leben.

III. Die Wiedereingliederung der Frauen und der „Kunden“

107. Aus den seelsorgerischen Beziehungen mit den Opfern wird deutlich, dass ihre „Heilung“ lange und schwierig ist. Die Frauen der Straβe brauchen Hilfe, um eine Wohnung zu finden, eine familiäre Umgebung und eine Gemeinschaft, in der sie sich akzeptiert und geliebt fühlen, wo sie beginnen können, sich ein neues Leben und eine Zukunft zu schaffen. Dies macht es ihnen möglich, neue Selbstachtung Selbstvertrauen und Lebensfreude zu entwickeln, und den Beginn einer neuen Existenz, ohne dass man mit dem Finger auf sie zeigt.

Befreiung und soziale Wiedereingliederung der Frauen der Straβe erfordern Akzeptanz und Verständnis von Seiten der Gemeinschaft; der Weg der „Heilung“ dieser Frauen wird von aufrichtiger Liebe und von einem Angebot verschiedener Möglichkeiten geebnet, ihr Sicherheitsbedürfnis und ihr Bedürfnis, ein besseres Leben zu führen, zu befriedigen. Der Schatz des Glaubens (vergl Mt 6,21), wenn er trotz allem noch in ihnen lebt, oder seine Entdeckung, wird ihnen unendlich viel helfen, denn mächtig ist im guten Sinne die Gewissheit der Liebe Gottes, der barmherzig ist und groβ in der Liebe.

108. Die möglichen „Kunden“ dagegen müssen über die Achtung vor der Würde der Frau aufgeklärt werden, über die zwischenmenschlichen Werte und den gesamten Bereich der Beziehungen und der Sexualität. In einer Gesellschaft, in der Geld und „Wohlstand“ die Ideale bilden, sind geeignete Beziehungen und Sexualerziehung nötig für die vollständige Ausbildung der Menschen.

Diese Art der Erziehung muss über die wahre Form der zwischenmenschlichen Beziehungen aufklären, die nicht auf egoistischen Interessen oder auf der Ausbeutung gründen, sondern auf der Menschenwürde, die geachtet werden muss und in der man vor allem das Abbild Gottes preisen muss (vgl. Gen 1, 27). In diesem Zusammenhang muss man die Gläubigen daran erinnern, dass die Sünde eine Beleidigung des Herrn darstellt, die man mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln und indem man sich selbst in zuversichtlichem Vertrauen der göttlichen Gnade anbefiehlt, vermeiden muss.

Erziehung und Forschung

109. Es ist wichtig, dass man sich dem Problem der Prostitution aus einer christlichen Sicht des Lebens nähert. Das tut man mit den Gruppen von Jugendlichen in der Schule, in den Gemeinden und in den Familien, mit dem Ziel, ein korrektes Urteil über die Beziehungen zwischen den Menschen und Christen zu entwickeln, des Respekts, der Würde, der Menschenrechte und der Sexualität.

Die Ausbilder und Erzieher müssen dem kulturellen Hintergrund, in dem sie arbeiten, Rechnung tragen, aber sie werden es nicht zulassen, dass ein unangebrachtes Gefühl der Verlegenheit es ihnen unmöglich macht, sich in einem zweckmäβigen Dialog über diese Themen einzulassen, um ihnen ein Bewusstsein dafür zu schaffen und eine berechtigte Sorge über den Missbrauch der Sexualität einzuflöβen.

Die Ursache für die Gewalt in der Familie und ihre Wirkung auf die Frauen müssen auf allen Ebenen der Gesellschaft beobachtet und untersucht werden, insbesondere im Hinblick auf ihre Auswirkungen auf das Familienleben. Die praktischen Folgen der „internalisierten“ Gewalt müssen sowohl für die Frauen wie für die Männer deutlich herausgestellt werden.

Erziehung und ein wachsendes Wissen sind wesentliche Bestandteile für eine Auseinandersetzung mit der Ungerechtigkeit in der Beziehung Mann-Frau und um zwischen ihnen auf der Basis der Gegenseitigkeit Gleichheit zu schaffen und dabei zugleich die wahren Unterschiede zu berücksichtigen. Sowohl die Männer wie die Frauen müssen sich des Phänomens der sexuellen Ausbeutung bewusst werden und ihre eigenen Rechte und die persönliche Verantwortung kennen.

Vor allem den Männern müssen Initiativen vorgeschlagen werden, die die Themen der Gewalt gegen Frauen, der Sexualität, HIV/AIDS, der Vaterschaft und der Familie ansprechen und sie in eine Beziehung zur Achtung vor der Liebe zu den Frauen und Mädchen setzen, im Rahmen der Gegenseitigkeit der Beziehungen, in einem Examen, dass eine gerechte Kritik der traditionellen Sitten in Verbindung mit der Männlichkeit mit einschlieβt.

Die katholische Soziallehre

112. Die Kirche lehrt und verbreitet ihre Soziallehre, die klare Orientierungen für das Verhalten liefert und dazu auffordert, für die Gerechtigkeit zu kämpfen.[36] Der Einsatz zur Befreiung der Frauen der Straβen auf verschiedenen Ebenen – lokal, national und international – ist ein wahrer Ausdruck der Nachfolge des Herrn Jesu, ein Ausdruck wahrer christlicher Liebe (vgl. 1 Kor 13,3). Es ist unerlässlich das christliche und soziale Bewusstsein der Menschen durch die Verkündigung des Evangeliums der Erlösung, der katechetischen Unterweisung und verschiedener bildender Initiativen zu entwickeln.

Eine besondere Ausbildung, die den Seminaristen, den jungen Ordensleuten und Geistlichen gilt, ist ebenso wichtig, damit sie die Fähigkeit und eine geeignete Einstellung besitzen, um in wahrer Liebe auch Hirten der Frauen zu sein, die Gefangene der Prostitution und ihrer „Kunden“ sind.

IV. Befreiung und Erlösung

Hilfeleistung und Evangelisierung

113. Was die Hilfeleistung betrifft, so kann die Kirche den Opfern der Prostitution eine reichhaltige Vielfalt anbieten, das heiβt Unterkunft, Hilfsstellen, medizinische und Rechtshilfe, Berater, eine Unterweisung über eine geistliche Berufung, Erziehung, Rehabilitation, Verteidigung und Informationskampagnen, Schutz vor Drohungen, Beziehungen zur Familie, Hilfe bei der freiwilligen Heimkehr und Wiedereingliederung im Herkunftsland, Hilfe bei der Erlangung eines Visums um zu bleiben, wenn eine Rückkehr in die Heimat sich als unmöglich erweist.

Zuerst und noch vor den angegebenen Diensten steht die Begegnung mit Jesus Christus, dem Barmherzigen Samariter und Erlöser als ausschlaggebender Faktor der Befreiung und der Erlösung auch für die Opfer der Prostitution (vergl Mk 16,16; Ap 2,21; 4,12; Rm 10,9; Phil 2,11; und 1 Thess 1, 9-10).

114. Sich den Frauen und Mädchen der Straβe zur Seite zu stellen ist ein komplexes und anspruchsvolles Unterfangen, dass auch Aktivitäten zur Vorbeugung und zur Hebung des Bewusstseinsniveaus für das Problem in den Herkunftsländern, den Durchgangsländern und den Zielländern der Opfer des Menschenhandels einschlieβt.

115. Initiativen zur Wiedereingliederung in den Herkunftsländern sind für die Frauen, die dorthin zurückkehren, unbedingt erforderlich. Wichtig sind auch ihre Verteidigung und die Information, so wie auch ein „Netz an Verbindungen“. Man muss jene ermutigen, die in der Pastoral für diesen Bereich tätig sind, das heiβt, die Freiwilligen, die Vereinigungen und Bewegungen, die religiösen Kongregationen, die Bistümer, die Nicht-Regierungsorganisationen (NGO), die ökumenischen und inter-religiösen Gruppen, usw.

Die nationalen Konferenzen der Ordensleute werden dazu ermutigt, in diesem Bereich eine Person zu wählen, die als Verbindungselement zwischen dem Tätigen im Innern des „Netzes“ und dem, das auβerhalb des eigenen Landes tätig ist, fungiert.

Dritter Teil: Pastoral für die Kinder der Straße

116. Hier möchten wir an die folgenden Worte von Papst Johannes Paul II. erinnern: „Geben wir den Kindern eine Zukunft des Friedens! Dieses ist der Appell, den ich voller Vertrauen an die Männer und Frauen richte, die guten Willens sind, und ich lade jedermann dazu ein, den Kindern zu helfen, in einem Klima des wahren Friedens aufzuwachsen. Es ist ihr Recht, es ist unsere Pflicht… In einigen Ländern sind schon Kleinkinder gezwungen zu arbeiten, sie werden misshandelt, heftig bestraft, mit einem lächerlichen Entgelt abgefunden: da sie keine Möglichkeit haben, sich Geltung zu verschaffen, sind sie die ersten, die erpresst und ausgebeutet werden.“[37] In einem Telegramm an den Generaldirektor der Internationalen Organisation der Arbeit, setzte der Heilige Stuhl hinzu: „Niemand darf den Leiden so vieler Kinder gegenüber gleichgültig bleiben, die zu Opfern einer unerträglichen Ausbeutung und Gewalttätigkeit werden, nicht unbedingt als Ergebnis des Übels, das von Seiten Einzelner verübt wird, sondern oft als eine direkte Folge der korrupten Sozialstrukturen.“[38]

117. Die Organisation der Vereinten Nationen hat feierlich bekräftigt, „dass das Kind umfassend auf ein individuelles Leben in der Gesellschaft vorbereitet und im Geist der in der Charta der Vereinten Nationen verkündeten Ideale und insbesondere im Geist des Friedens, der Würde, der Toleranz, der Freiheit, der Gleichheit und der Solidarität erzogen werden sollte.“[39]

Also richtet der Päpstliche Rat der Seelsorge für die Migranten und Menschen unterwegs seine unermüdliche Seelsorge auch an die kleinen Bewohner der Straβe, die Jungen und Mädchen.

I. Das Phänomen, die Ursachen und die möglichen Eingriffe

Das Phänomen

118. Die Kinder der Straβe stellen eine der schwierigsten und beunruhigendsten Herausforderungen unseres Jahrhunderts für die Kirche wie für die Gesellschaft im Allgemeinen dar. Es handelt sich um ein Phänomen unerwarteter Gröβenordnung: ein Volk, das fast überall am Wachsen ist und schon etwa 100 Millionen Kinder umfasst. Es handelt sich um einen wirklichen sozialen, aber auch seelsorgerischen Notfall.

119. Die öffentlichen Einrichtungen geben zwar zu erkennen, dass sie sich der Ernsthaftigkeit des Phänomens voll bewusst sind, doch werden sie nicht in angemessener Weise durch ein präventives Einschreiten und durch Wiedereingliederungsmaβnahmen aktiv. Selbst in der allgemeinen Gesellschaft herrscht die Haltung vor, dass der soziale Alarm ausgelöst wird, wenn man sich einer möglichen Bedrohung der öffentlichen Ordnung gegenüber sieht. Im Zusammenhang mit diesem Problem werden kaum humanitäre, solidarische oder auch christliche Haltungen sichtbar. Um so mehr fehlt eine besondere an sie gerichtete Pastoral.

120. Die Kinder der Straβe im engeren Sinn haben keinerlei Beziehung zu ihrer Ursprungsfamilie, das heiβt sie haben die Straβe zu ihrem Wohnsitz gemacht, wo sie unter den unterschiedlichsten Bedingungen auch schlafen. Einige haben traumatische Erlebnisse einer sich auflösenden Familie hinter sich und sind alleine geblieben, andere sind von zu Hause geflohen, weil sie sich selbst überlassen waren oder misshandelt wurden.

Einige lehnen ihr Zuhause ab oder sie sind von dort weggejagt worden, weil sie mit abweichendem Verhalten aufgefallen sind (Drogen, Alkohol, Diebstahl und verschiedenartige Erfindungen sich durchzuschlagen), wieder andere sind durch Versprechungen, Verführungen oder Gewalt von Seiten Erwachsener oder von mafiaartigen Vereinigungen dazu verleitet worden, auf der Straβe zu leben.

Dies kommt häufig bei jugendlichen Ausländerinnen vor, die gezwungen sind, sich zu prostituieren oder bei ausländischen Minderjährigen ohne Begleitung, die zum Betteln oder auch zur Prostitution gezwungen werden. Diese Jugendlichen haben häufig mit der Polizei zu tun und oft machen sie Erfahrungen mit dem Gefängnis.

121. Anders ist die Situation der „Kinder auf der Straβe“, jener Kinder, die einen groβen Teil ihrer Zeit auf der Straβe verbringen, auch wenn sie nicht ohne ein Zuhause und ohne eine Beziehung zu ihrer Ursprungsfamilie sind. Sie ziehen es vor, in den Tag hinein zu leben, ohne oder mit geringem Verantwortungsgefühl für ihre Ausbildung und ihre Zukunft, in wenig empfehlenswerten Gruppierungen, normalerweise auβerhalb der Familie, auch wenn sie dort noch einen Platz zum Schlafen finden können. Auch ihre Zahl ist in jedem Fall beunruhigend, auch in den Entwicklungsländern.

Die Ursachen für das Phänomen

122. Es gibt zahlreiche Ursachen, die diesem sozialen Phänomen, dass immer allarmierendere Ausmaβe annimmt, zugrunde liegen; zu den wichtigsten gehören: eine zunehmende Auflösung der Familien; angespannte Situationen zwischen den Eltern; aggressive, gewalttätige und manchmal perverse Verhaltensweisen gegenüber den Kindern; die Emigration, mit allem, was sie mit sich bringt an Entwurzelung aus dem gewohnten Leben und der sich daraus ergebenden Orientierungslosigkeit; ein Leben in Armut und Elend, dass die Würde untergräbt und den Betroffenen auch das Lebensnotwendigste vorenthält; die zunehmende Verbreitung der Drogenabhängigkeit und des Alkoholismus’; die Prostitution und die Sexindustrie, die eine beeindruckende Zahl von Opfern dahinrafft, Opfer, die oft durch unvorstellbare Gewalttätigkeit in grausamste Sklaverei geführt werden.

Zu den Ursachen dieses Phänomens zählen auch die Kriege und soziale Unruhen, die auch für die Minderjährigen die Normalität des Lebens zerrütten, und vor allem in Europa darf die Verbreitung „einer Kultur der Groβtuerei und der Trasgression“ in Kreisen nicht übersehen werden, in denen ein Werterahmen fehlt, in denen die Einsamkeit und ein immer tiefer gehendes Gefühl der existentiellen Leere die Welt der Jugendlichen im Allgemeinen charakterisiert.

Das Einschreiten und die Ziele

123. Je alarmierender sich die Ausmaβe des Phänomens gestalten und je deutlicher die Abwesenheit der öffentlichen Einrichtungen wird, umso schätzenswerter und wertvoller wird der Eingriff der privaten Sozialorganisationen und der Freiwilligen. Das Vereinswesen im kirchlichen Bereich und christlicher Prägung mit seinen Bewegungen und Gemeinschaften ist sehr aktiv und effizient, aber es ist nicht ausreichend angesichts der Ausmaβe der Bedürfnisse. Sie gehören zudem zum gröβten Teil nicht zu einem organisierten, seelsorgerischen Projekt.

Die Diözesen und die Bischofskonferenzen und die entsprechenden Strukturen der Katholischen Ostkirchen müssen diesem Problem seelsorgerisch entgegen treten und dabei sowohl die Vorbeuge wie auch die Wiedereingliederung der Jugendlichen berücksichtigen.

124. In den verschiedenen entsprechenden Initiativen trifft man im Wesentlichen auf eine Übereinstimmung der Ziele, mit anderen Worten, die Rettung der Jugendlichen der Straβe für die Normalität des Lebens, also ihre Wiedereingliederung in die Gesellschaft, vor allem aber in eine familiäre Umgebung, möglichst in die Ursprungsfamilie, sonst in eine andere, und wo dies nicht möglich sein sollte, in Gemeinschaftsstrukturen, die jedoch familiären Charakter haben sollten.

Vorrangiges Ziel muss es sein, den Jugendlichen in eine Situation zu versetzen, in der er Selbstvertrauen entwickeln kann, indem man ihn Selbstachtung gewinnen lässt, ihm einen Begriff der eigenen Würde vermittelt und ein sich daraus entwickelndes Bewusstsein für die persönliche Verantwortung für sich selbst, damit in ihm ein aufrichtiger Wunsch wächst, seine Schullaufbahn wieder aufzunehmen und sich beruflich auf eine Eingliederung in die Gesellschaft vorzubereiten, auch eine Arbeit zu finden, um so anständige und überzeugende Pläne für sein Leben entwickeln zu können, wobei er auf seine eigenen Kräfte zählt und nicht ausschlieβlich abhängig ist von anderen.

125. Das Einschreiten kann sehr unterschiedlich aussehen, es kann in der Form so genannter Straβenarbeit sein, die einen Kontakt mit den Kindern an den Orten vorsieht, wo sie zusammen kommen, um eine Beziehung der Empathie und des Vertrauens herzustellen, die ihnen eine Öffnung dem Erzieher und den Tagesstellen gegenüber erlaubt, und die zur Schaffung der grundlegenden Voraussetzungen organisiert werden, damit die Jugendlichen ein menschenwürdiges Leben führen können.

Es gibt auch Hilfsinitiativen, die sich um die Befriedigung ihrer grundlegenden Bedürfnisse bemühen: Nahrung, Kleidung, soziale und Gesundheitsfürsorge sowie Erziehungs- und Ausbildungseinrichtungen, das heiβt, Kindergärten, Schulen und Berufsausbildungskurse. Organisiert werden auch Auffangstellen als Wohnheime, wo auch Schul- und Berufsausbildung möglich sind, vor allem aber nutzt man die Tatsache, ihnen menschlich zur Seite zu stehen, unterstützt auch von den psycho-pädagogischen Disziplinen.

126. Im Rahmen der Maβnahmen zur Wiedereingliederung der Kinder in ihre Ursprungsfamilien oder in neue Adoptivgemeinschaften folgt man in einzelnen Fällen auch Wegen, die sich am Evangelium orientieren, um ihnen geistlich Beistand zu leisten.

Wir dürfen auch die Aktivitäten in einem weiter gesteckten Bereich nicht vergessen, der auf die Gesellschaft und vor allem auf die kirchliche Gemeinschaft abzielt, nicht nur einfach, um zu informieren, sondern um sie aufmerksam zu machen und um sie vor allem mit einzubeziehen in die Vorbeugearbeit und die Fortbildung der Seelsorger und der Freiwilligen, um so einen fundierten professionellen Standard zu garantieren.

II. Fragen der Methode

Die Multidimensionalität

127. Was die Methode betrifft, so ist die Integration der verschiedenen Eingriffe vorrangiges Ziel: die Zusammenarbeit in einem Team zwischen den Beteiligten, der parallel dazu verlaufende helfende Einsatz der Eltern, wenn sie aufzufinden und für eine Zusammenarbeit zu gewinnen sind, die Wiedereingliederung der Kinder in die Schule oder Berufsausbildung, der Aufbau und die Erweiterung eines Freundeskreises, auch unabhängig von der Auffangstruktur, die spielerischen und sportlichen Aktivitäten und was immer die junge Menschen dazu anregt, aktive und kreative verantwortliche Rollen zu übernehmen.

128. Die Arbeit mit den Kindern der Straβe ist sicher nicht einfach, im Gegenteil oft scheint sie ergebnislos und frustrierend und möglicherweise entsteht die Versuchung, aufzugeben und sich zurückzuziehen. In solchen Fällen muss man sich an den zugrunde liegenden Motiven verankern, die einen dazu veranlasst haben, sich dieser verdienstvollen Arbeit zu widmen. Für den Gläubigen geht es dabei in erster Linie um Motive des Glaubens.

In jedem Fall ist es nützlich, auf jene zu blicken, die eine entschieden positive Erfahrung machen, auf jene, die richtigerweise darauf bestehen, dass die Arbeit in vielen, ja, manchmal in den meisten Fällen befriedigende Ergebnisse bringt. Man muss vorsichtig und mit Geduld eine Bestätigung dafür im Laufe der Zeit abwarten und zum Beispiel nach fünf Jahren überprüfen, ob die Wiedereingliederung und die Normalisierung der Person „gehalten“ hat. Ein Rückfall ist möglich, eine Rückkehr auf die Straβe, aber es ist auch möglich, dass das Kind, das sich in einem ersten Moment unempfänglich für die Erziehungsarbeit erweist, sich später dem Weg einer Wiedereingliederung und für Werte öffnet, die ihm zuvor vergeblich vorgeschlagen worden waren.

III. Die Aufgabe der Evangelisierung und der menschlichen Förderung

Eine besondere Pastoral

129. Deutlich wird die Notwendigkeit einer verstärkten Bewusstwerdung der Schwere des Phänomens, mit dem wir uns hier beschäftigen, und eines Einsatzes, der sich auch im kirchlichen Bereich systematischer damit befasst. Auf dieser Ebene sollten die Eingriffe mit humanitärem Charakter zugunsten der Kinder und Jugendlichen der Straβe von der allgemeinen und vorrangigeren Aufgabe der Evangelisierung begleitet werden; die Erarbeitung einer spezifischen Pastoral, die gekennzeichnet wird von einem Vorschlag neuer Strategien und Modalitäten, die darauf abzielen, diese Kinder mit der befreienden und heilenden Kraft Jesu, der Freund, Bruder und Lehrer ist, in Verbindung zu bringen. Eine qualifizierte Pastoral für eine erste oder auch eine neue Evangelisierung ist erforderlich und unersetzlich, um die religiöse Dimension, die für alle Menschen von grundlegender Bedeutung ist, zurück zu gewinnen und zu erschlieβen.

130. Für den Erzieher und Seelsorger ergeben sich hier zwei Wege oder Vorgehensweisen, das heiβt einer, der unmittelbar auf das religiöse, spezifisch evangelische Angebot abzielt, damit der Jugendliche sich, wenn er einmal diesen Bereich des Glaubens und der menschlichen Werte betreten hat, von den äuβeren Einflüssen befreien und die Zerrüttungen überwinden kann, die ihn auf die Straβe geführt haben; oder ein Weg, der den Jugendlichen von einem humanitären Standpunkt zurückgewinnt, um ihm sein Gleichgewicht, seine Normalität und seine volle menschliche Identität wieder zu geben.

Diese geduldige Arbeit wird ebenfalls von Angeboten und einem religiösen Bezugsrahmen begleitet, in dem Maβe, in dem dies mit der Situation des Kindes selbst und der des Landes, in dem es lebt, vereinbar ist. Diese Wege sind sicher nicht als Gegensätze zu betrachten, denn beide können sich als wirksam erweisen.

131. Im Gesamtzusammenhang des Eingriffs zur Wiedereingliederung kommt dem religiösen Angebot grundlegende Bedeutung zu. Das Problem, das einem groβen Teil dieses „Volkes der Straβe“ gemeinsam ist, ist nicht nur das Elend oder die Drogenabhängigkeit, der Alkoholismus oder das abweichende Verhalten, die Gewalttätigkeit oder die Kriminalität, AIDS oder die Prostitution, sondern vor allem jenes schreckliche Übel, „der Tod der Seele“. Allzu oft handelt es sich um Menschen, die auch wenn sie in der Blüte ihrer Jugend stehen, „im Innern tot“ sind.

Eine Pastorale der Begegnung, eine neue Evangelisierung

132. Man muss also der dringenden Aufforderung zu einer Neu-Evangelisierung, die so oft während des Pontifikats von Johannes Paul II. erklang, nachkommen. Nur die Begegnung mit dem wiederauferstandenen Christus kann dem, der tot ist, die Freude der Wiederauferstehung bringen. Nur die Begegnung mit dem, der gekommen ist, die Wunden der zerbrochenen Herzen zu heilen (vgl. Jes 61,1-2; Lk 4,18-19) kann eine tief greifende Heilung der verheerenden Wunden traumatisierter und erstarrter Lebewesen bewirken, die zu viele Enttäuschungen und zuviel Gewalttätigkeit erfahren haben.

133. Es ist wichtig von einer Pastoral der Erwartung zu einer Pastoral der Begegnung überzugehen, einer Pastoral der Aufnahme, wobei man mit Fantasie, Kreativität und Mut vorgehen muss, um die jungen Menschen an den neuen Versammlungsplätzen zu erreichen, auf der Straβe und den Plätzen, wie auch – um die Erfolgsaussichten zu erweitern – in den verschiedenen Lokalen, den Diskotheken und den „Brennpunkten“ unserer Metropolen. Man muss ihnen in Liebe entgegen gehen, um ihnen die Frohe Botschaft zu bringen und durch die eigene Lebenserfahrung zu bezeugen, das Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist.

134. Es ist unerlässlich, Zeugnis vom Lichte Christi abzulegen, das jenen, die sich von Finsternis umgeben fühlen, neue Wege erleuchtet und öffnet. Es ist dringend erforderlich, dass in der christlichen Gemeinde in einem steigenden und tief empfundenen Bewusstsein der erlösenden Kraft des Glaubens und der Sakramente die Berufung zum Dienst und zur Mission wieder geweckt wird. Zu viele Kinder sterben nämlich weiter auf der Straβe, umgeben von der Gleichgültigkeit vieler.

Diese traurige Aufforderung zu einer groβen Anstrengung für eine neue Evangelisierung nicht anzunehmen, stellt eine ernste Unterlassungssünde dar. Es ist daher wichtig, sich in den seelsorgerischen Programmen Gedanken über die unterschiedlichsten Eingriffe zu machen, die die erste Verkündigung zu jenen bringt, die „fern“ stehen, die auch den Kindern auf der Straβe die Möglichkeit bieten, zu entdecken, dass es jemanden gibt, der sie liebt und auf ihrer Suche nach einer neuen Beziehung zu sich selbst, zu Gott, zu der Gemeinde, zu der sie gehören oder die sie adoptiert hat, begleitet.

IV. Einige konkrete Vorschläge

135. Bereits bewährte Erfahrungen erklären folgendes für wünschenswert:

die Schaffung von Gemeinschaften und Gruppen (in der Pfarrgemeinde oder auch nicht), in denen die Jugendlichen die Möglichkeit bekommen, das Evangelium kennen zu lernen und radikal zu leben, um so höchstpersönlich seine erlösende Kraft zu erfahren;

die Einrichtung von Gebetsschulen in den Gemeinden und den verschiedenen kirchlichen Umgebungen, die der kontemplativen und missionarischen Dimension der verschiedenen Gruppen einen neuen Impuls gibt;

die Ausbildung von Teams zur Evangelisierung, die in der Lage sind, mit Begeisterung die wunderbare Botschaft zu bezeugen, die Christus uns gebracht hat, sowie von „missionarischen“ Jugendlichen, die jungen Menschen ihres Alters und den „neuen Armen“ oder den Sklaven unserer Welt die Umarmung des Widerauferstandenen Christus bringen;

die Ausbildung von beruflich immer besser ausgebildeten Jugendlichen in den Diözesen/ Eparchien, die es fertig bringen, ihre künstlerischen und musikalischen Talente in die Schaffung neuer Vorstellungen einflieβen zu lassen, die einen betont evangelischen Inhalt haben;

die Schaffung von Zentren für die Ausbildung für die Evangelisierung auf der Straβe;

die Einrichtung von alternativen Treffpunkten für die Jugend, die Aktivitäten anbieten, die erfüllt sind mit Bedeutung und Werten;

die Bildung von Zentren, in denen man zuhört, und die Erarbeitung von Initiativen zur Vorbeugung und zur Evangelisierung in den Schulen;

den Einsatz der Massenmedien als wertvolle Instrumente, um „von den Dächern“ das Evangelium zu verkünden (vgl. Mt 10,27);

die Einrichtung neuer Gemeinschaften und Auffangstellen, die die jungen Menschen auf einem langen und schwierigen Weg der inneren Heilung begleiten, der auf dem Evangelium basiert, und dies in jener Liebe, die uns Christus gelehrt hat, einer Liebe, die sich nicht damit begnügt, „Nächstenliebe zu üben“, sondern die sich zum Träger dieses Schreies der Angst, der Verletzungen, des Todes der Kleinen und der Armen macht, eine Liebe, die bereit ist, ihr Leben für die eigenen Freunde zu geben.

V. Das Vorbilddes Erziehers

Jesus, der gute Hirte, und die Jünger von Emmaus

136. Auch der Erzieher, der nicht bei einem ausdrücklichen und starken religiösen Vorschlag ansetzt, kann eine innere Einstellung hegen, die sich vom Evangelium inspirieren lässt, die sich an einem dreifachen evangelischen Vorbild darstellen lässt. Vor allem dem Bild Jesu gegenüber der Ehebrecherin (vgl. Lk 7,36-50; Joh 8,3-11): der Meister ist respektvoll und voller Zuneigung, er urteilt nicht, er verurteilt die Frau nicht, sondern er ermutigt sie mit seiner eigenen Haltung, ihr Leben zu ändern.

Das zweite Bild, das des guten Hirten (vgl. Mt 18,12-14; Lk 15, 4-7), der sich auf die Suche nach dem verlorenen Schaf macht (dies umso mehr, wenn es sich um ein Lamm handelt), lädt dazu ein, nicht zu warten und schon gar nicht zu verlangen, dass das Schaf zurück in den Stall findet. Dies sind also die unerlässlichen Schritte für eine Pastoral der Kinder auf der Straβe: beobachten, zuhören, diese Welt, die so geheimnisvoll ist, von innen heraus verstehen (der gute Hirte kennt seine Schafe); die Initiative zu einer Begegnung ergreifen, auf die Straβe gehen, damit die jungen Menschen wahrnehmen, dass er sich auch dort zu Hause fühlt, wo der Jugendliche gewählt hat oder wo er gezwungen ist zu leben (der Hirte verlässt den Stall und geht los); mit ihm eine spontane Beziehung anknüpfen, erfüllt von Zuneigung und Interesse, in aufrichtiger Freundschaft, die nicht mit vielen Worten erklärt zu werden braucht, da sie in jeder Geste sichtbar wird (der Hirte trägt sein Schaft auf den Schultern und feiert mit den Freunden, dass er es wieder gefunden hat).

Das dritte Bild ist das der Jünger von Emmaus (vgl. Lk 24,13-35): sie öffnen schlieβlich die Augen angesichts des Wiederauferstandenen Christus vor der Aussicht auf Wiederauferstehung, nachdem sie ein Stück Weg hinter sich gebracht haben, während dessen sich zwar nicht ihre Augen, dafür aber das brennende Herz der evangelischen Neuigkeit öffnet.

Ein einziges Endziel

137. Ganz offensichtlich hat bei einer solchen inneren Haltung der zweite erzieherische Ansatz, der oben beschrieben wurde, (s. Nr.130) viel gemeinsam mit dem ersten und vor allen Dingen haben beide ein einziges Ziel. Beide Wege haben in den folgenden grundlegenden Aspekten auch die Methode gemeinsam:

Selbstvertrauen und Selbstachtung wecken, damit der junge Mensch versteht und erfährt, dass er für den Erzieher wichtig ist und der Erzieher für ihn. Dies ist ein unerlässlicher Ausgangspunkt, damit der junge Mensch in schwierigen Momenten entschlossen und voller Überzeugung die ersten Schritte in Richtung auf eine Entscheidung für ein neues Leben treffen kann. Mann muss ihn durch konkrete Erfahrungen hindurch begleiten, in denen er fühlt, dass er aufgefangen wird, bedingungslos angenommen und persönlich so geliebt wird, wie er ist und mit ihm gehen, bei der Entdeckung der Liebe Gottes. Dieser vertrauliche Kontakt, muss auch später fortgesetzt werden, wenn der junge Mensch möglicherweise der Sorge anderer Erzieher anvertraut wird oder er das Auffangzentrum verlassen hat.

Dem zu Erziehenden Platz lassen, damit er eine aktive Rolle in der Gemeinschaft übernehmen kann, und so sein Verantwortungs- und sein Freiheitsbewusstsein wecken, sodass er sich in der Gemeinschaft zu Hause fühlt. Das erfordert, dass in diesem „Zuhause“ weiterhin Wärme, Spontaneität und freundschaftliche Nähe wichtiger sind als Ordnung, Disziplin und geschriebene Regeln.

Die persönliche Beziehung zu jedem Kind pflegen. So wichtig auch Methoden und allgemeine Regeln sein mögen, jeder ist ein Fall für sich und eine eigene Welt mit einer eigenen Geschichte. Sehr viele junge Menschen haben im Überleben in schwierigen Situationen Intelligenz und Energie bewiesen; sie haben gezeigt, dass sie fähig, kreativ und listig sind. Diese mehr oder weniger sichtbaren Züge ihrer Persönlichkeit muss man sich zu Nutze machen, um sie auf einen Richtungswechsel neu zu orientieren, um sie selbst Subjekt und nicht nur Objekt der Pastoral zu ihrer Wiedereingliederung werden zu lassen. Die pädagogisch-erzieherischen Programme haben die wichtige Aufgabe die Jugendlichen dazu zu bringen, ihr eigenes positives Potential neu zu entdecken und hervorzuheben, ihre Talente zur Geltung zu bringen und ihre Fähigkeiten so nachhaltig wie möglich zu entwickeln.

Darauf abzielen, dass die Jugendlichen sich das erzieherische Konzept zu eigen machen und es tief in sich aufnehmen, sodass sie vielleicht nach einigen Jahren selbst Hilfe und Anregung für andere Kinder der Straβe sein können, damit diese den gleichen Weg einschlagen. So stellt sich der Jugendliche neben seinen Erzieher und er wird seinerseits zu einem Subjekt dieser besonderen Seelsorge.

Im Einsatz zugunsten dieser jungen Menschen der Straβe einen bevorzugten Weg im Dienste des Herrn und der Begegnung mit Ihm erkennen. Tatsächlich sagt er: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40)

VI. Die Seelsorger

Vorbereitung

138. Es ist klar, dass der gröβte Teil der auf diesem Gebiet eingesetzten Mittel dazu dienen muss, die Seelsorger, die über eine groβe menschliche Reife verfügen und fähig sein müssen, auf einen sofortigen Erfolg zu verzichten, beruflich und geistlich vorzubereiten, denn sie müssen Vertrauen in die Tatsache haben, dass das Ergebnis ihrer Arbeit sich oft erst später zeigen wird, vielleicht nach Zeiten, in denen alles verloren schien, und sie müssen über eine groβe Fähigkeit verfügen, in Übereinstimmung und in Zusammenarbeit mit den anderen Erziehern zu handeln.

Gemeinsam für eine gemeinsame Aufgabe

139. Wenn möglich, sollte man sich mit der Ursprungsfamilie beschäftigen, um mit dem Ziel, die Familie zu unterstützen, positiv auf die Dynamik in der Familie einzuwirken, das familiäre Beziehungsnetz wieder aufzubauen und die allmähliche Begleitung und Wiedereingliederung des Jugendlichen in die Familie, zu der er gehört, anzustreben.

140. Die Arbeit muss nicht nur innerhalb der eigenen erzieherischen und seelsorgerischen Strukturen in Gemeinschaftsarbeit durchgeführt werden, sondern auch in Zusammenarbeit mit denen, die im Territorium im gleichen Bereich tätig sind oder sich doch zumindest dafür interessieren.

Man muss also die Zusammenarbeit mit anderen Kräften, auch solchen, die keinen kirchlichen Charakter haben, suchen und willkommen heiβen, soweit sie nur eine aufrichtige menschliche Empfindsamkeit zeigen, dies gilt ebenso für öffentliche Stellen, auch wenn entschieden wurde und nicht beabsichtigt ist, dort finanzielle Unterstützung zu suchen.

141. Man wird jedoch sehr darauf achten, dass die Eingriffe der Vereinigungen und des Volontariats als Ersatz staatlicher Tätigkeit bei jenen, die einschreiten müssten, nicht den Eindruck und den Vorwand schüren, dass sie selbst nicht tätig zu werden brauchen. Auf der Seite der Kirche muss sich zu ihrer Funktion des Anbietens und der Anregungen auch eine konstruktive Kritik und eine prophetische Anklage ungerechter und inhumaner Situationen gesellen.

„Im Netz“ und mit einem Minimum an pastoraler Struktur

142. Es ist auβerdem zu versuchen, das in ein Netzwerk einzubinden, was schon jetzt im Territorium für einen positiven Austausch von Erfahrungen und gegebenenfalls der Unterstützung zur Verfügung steht, von Seiten jener, die im Gegensatz zu anderen, die erst am Anfang stehen, schon eine lange Praxis haben.

143. Die Kinder der Straβe spiegeln die Gesellschaft wieder, in der wir leben. Wer mit ihnen arbeitet, muss der Gesellschaft helfen, damit sie sich dieser Verantwortung bewusst wird, und in ihr ein gewisses Gefühl gesunder Beunruhigung diesen jungen Menschen gegenüber nähren. Die gleiche Aufmerksamkeit müssen auch die Ortskirchen und die christlichen Gemeinschaften beweisen.

144. Es wird sehr nützlich für eine Mobilisierung zugunsten dieser Jugendlichen sein, wenn bei den Bischofskonferenzen und den entsprechenden Strukturen der Katholischen Ostkirche und/oder bei den Diözesen/Eparchien selbst, die besonders mit diesem Problem befasst sind, ein besonderes Büro eingerichtet wird (oder eine besondere Abteilung in einem bereits bestehenden, zum Beispiel innerhalb der Pastoral für die menschliche Mobilität oder der Straβe), in Verbindung mit dem apostolischen Einsatz für die Jugend und die Familie.

Ebenso ist es wünschenswert, dass in die allgemeinen Projekte der Seelsorge organische Vorschläge hierzu aufgenommen werden, die einschneidend und kontinuierlich wirken, die der „Pastoral der Straβe“ eine besondere Dringlichkeit einräumen, für die sich die Seelsorger, die zunehmend empfänglichen und aufmerksamen Gemeinschaften in den Pfarrgemeinden und in der Kirche öffnen müssen, auf der Suche nach einer Antwort, die der Dringlichkeit des Problems und dem Wort des Herrn entspricht: „Und wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf.“ (Mt 18,5)

Vierter Teil: Pastoral für die Menschen ohne festen Wohnsitz

145. Mit ihrer vorzugsweisen Entscheidung für die Armen und Bedürftigen[40] regt die Kirche die Christen dazu an, diese Menschen zu begleiten und ihnen zu dienen, egal welche moralische oder persönliche Stellung sie einnehmen. Wenn man sich Klarheit über den Stand der Armut in der Welt auch bezüglich der Obdachlosen verschaffen will, so genügt es, an die Zahl der Menschen zu denken, die ohne eine Unterkunft in den groβen Städten leben.[41]

I. Die Zielgruppe

146. Die Armut hat ein bestimmtes Aussehen, wenn sie sich in jenen Menschen zeigt, die auf der Straβe und unter den Brücken leben. Sie zeigen eines der vielen Gesichter der Armut in unserer modernen Welt: es handelt sich um die clochards, um Menschen, die gezwungen sind auf der Straβe zu leben, weil sie keine Unterkunft haben, oder Ausländer, die aus armen Ländern eingewandert sind, die manchmal, selbst wenn sie arbeiten, keine Wohnung haben, wo sie leben können, oder alte Leute ohne Wohnsitz oder schlieβlich auch jene – und meistens sind sie jung – die eine Art Vagabundendasein „gewählt“ haben, alleine oder in der Gruppe.

147. Unter diesen Menschen, die auf der Straβe leben, verdienen die Ausländer einen besonderen Abschnitt: im allgemeinen handelt es sich um junge Menschen, die in der ersten Zeit ihrer Einwanderung wegen des Mangels an Strukturen keine Unterkunft finden und die diese Erfahrung als demütigend empfinden, auch wenn sie sie als eine obligatorische Übergangszeit in eine bessere Zukunft akzeptieren.

Gründe für die Situation

148. In der industrialisierten Gesellschaft vor allem im alten Europa haben viele Menschen aufgrund der Krise des Sozialstaates und der schwierigen Wirtschaftssituation (vor allem in Osteuropa) keine Unterstützung mehr in Form von staatlichen Hilfsleistungen. Die Altersruhegelder sind nicht ausreichend, das Recht auf eine Wohnung wird nicht geachtet, oft gibt es keine Hilfe bei Arbeitslosigkeit und die Ausgaben für die Gesundheitsfürsorge sind erheblich. So geschieht es vielen Menschen, dass sie sich in einem bestimmten Moment ihres Lebens auf der Straβe wieder finden.

Andere Gründe für diese Situation können die Zwangsräumung der Wohnung, unlösbare familiäre Spannungen, der Verlust der Arbeit oder eine Krankheit sein. All das kann – dort, wo die nötige Unterstützung fehlt – dazu führen, dass eine Person, die bis zu einem bestimmten Moment ein „normales“ Leben geführt hat, sich in einen Menschen verwandelt, dem das Nötigste fehlt.

Die Bedenklichkeit der Situation

149. Auf der Straβe leben – es ist wichtig, das zu wissen – ist im Gegensatz zu einer verbreiteten Annahme nicht immer eine Wahl. Das Leben auf der Straβe ist tatsächlich hart und gefährlich, es ist ein täglicher Kampf ums Überleben. Und es ist schon gar keine Entscheidung für die Freiheit. Wer keine Unterkunft hat, lebt nämlich in einer Situation höchster Verwundbarkeit, weil er gezwungen ist, auch in den grundlegenden Bedürfnissen von anderen abhängig zu sein, er ist Opfer von Aggressionen, Kälte und der Demütigung, als unerwünscht fortgejagt zu werden.

150. Dies passiert immer öfter, denn die Zahl der Armen ohne Unterkunft nimmt zu, während die Orte, wo sie Zuflucht finden können, weniger werden (zum Beispiel Bahnhöfe, Bänke, Hauseingänge, Brücken) und wir einer allmählichen Änderung der Einstellung ihnen gegenüber beiwohnen. Die Armen rühren uns nicht mehr, sondern sie sind ein Problem der öffentlichen Ordnung geworden; immer eher fühlt man sich belästigt von dem, der um Almosen bittet, auch weil es regelrechte Bettelorganisationen geben kann.

151. Wer auf der Straβe lebt, wird daher mit Misstrauen und Verdacht betrachtet und die Tatsache, keine Unterkunft zu haben, wird zum Beginn eines zunehmenden Verlusts der Rechte. So ist es schwieriger, Assistenz zu erhalten, es ist fast unmöglich Arbeit zu finden, man kann keinen Personalausweis mehr bekommen… Diese Armen werden zu einer Masse ohne Namen und ohne Stimme, oft unfähig sich zu verteidigen und Mittel zu finden, die eigene Zukunft zu verbessern.

Das Wort Gottes stigmatisiert jede Form der Verärgerung oder Gleichgültigkeit gegenüber den Armen (poverty fatigue), wir werden daran erinnert, dass der Herr uns danach beurteilt, wie und wie sehr wir die Armen geliebt haben (vgl. Mt 25, 31-46). Nach dem heiligen Augustinus sind wir dazu aufgefordert, jedem Armen zu geben, wenn wir nicht das Risiko eingehen wollen, dass gerade der, dem wir es verweigert haben, Christus selbst ist.[42]

Die Menschenwürde

152. Auch wenn sie bedürftig und in Schwierigkeiten sind, sind die Leute ohne festen Wohnsitz Menschen die eine Würde besitzen, die man nie aus den Augen lassen darf, mit allem, was dies mit sich bringt.

Die Eingriffe zugunsten der Obdachlosen müssen innovativ sein, damit sie endlich nicht nur Antwort auf ein Bedürfnis darstellen, und der Blick weiter reicht in dem Versuch, immer den Menschen anzusprechen.

153. Man muss von dem ausgehen, was der Mensch ohne festen Wohnsitz besitzt, von seinen Fähigkeiten und nicht von seinen Mängeln. In diesem Zusammenhang müssen auch geringfügige Neuheiten im Verhalten sowie sichtbare Veränderungen von den Seelsorgern aufgewertet werden.

154. Wichtig ist jedenfalls „Unterschiede“ zu erkennen, die integriert werden müssen, und Grenzen, was nicht dazu führen darf, dass der andere sich als anders empfindet, als ein Mensch von untergeordneter Art. Das Eingreifen auf die Person abstimmen bedeutet auch, das, was möglich ist, zu unterscheiden von dem, was nicht möglich ist.

In diesem Zusammenhang sprechen einige von einem „Recht auf Krise“, das den Seelsorger, der die Hilfsbeziehungen organisiert, unmittelbar erfasst. Er fühlt sich seinerseits in gewisser Weise wie zerschunden und verletzt. Die „Unterschiede“ und die möglichen Krisen veranlassen die Hilfsorganisation dazu, aus ihrer Isolierung, in der sie sich möglicherweise befindet, herauszutreten und ein „Netzwerk der Zusammenarbeit“ zwischen den verschiedenen Diensten zu spannen, die in dem Gebiet anwesend sind.

155. Wenn wir die Entwicklungsländer betrachten, entdecken wir, dass eine wachsende Zahl von Bettlern, häufig Kranke, Blinde, Aussätzige oder AIDS-Infizierte, die daher aus ihrem Dorf und aus ihrer Familie ausgeschlossen sind, gezwungen sind am Rande der Straβe von Notbehelfen und Almosen zu leben.

II. Methoden der Annäherung und Hilfsmittel

156. Gott sei Dank fehlt es nicht an geeigneten seelsorgerischen Antworten von Seiten der Gemeinden, der katholischen Vereinigungen, kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinden, auch wenn das noch nicht ausreichend ist. Dort gibt es also Personen, die sich auf die Suche nach diesen bedürftigen Brüdern und Schwestern machen, und aus dieser Begegnung ist ein Netz von Freundschaft und Unterstützung entstanden, dass Raum bietet für groβzügige und dauerhafte Initiativen der Solidarität.

157. Die Suche nach den Menschen ohne festen Wohnsitz, die Begegnung mit ihnen, hilft, die Isolierung zu überwinden, in der sie leben, sie zu schützen vor Kälte und Hunger. Man bringt ihnen Nahrungsmittel und warme Getränke in einer Art von „Abendessen unterwegs“, man schenkt ihnen Decken und andere Dinge, die sie in ihrer Bedürftigkeit trösten.

158. Es gibt auch Auffangstellen, die in der Lage sind, eine Vielzahl von Initiativen zu garantieren, die organisiert werden, um den zahlreichen Notwendigkeiten bedürftiger Menschen entgegen zu kommen: Informationen und Beratung, Verteilung von Lebensmitteln und Kleidung mit der Möglichkeit der Reinigung der Person (Duschen, Wäscherei und Friseur) und eine medizinische Einrichtung zur ambulanten Behandlung.

159. Zu beachten ist unter anderem die Tatsache, dass die Menschen ohne festen Wohnsitz die Möglichkeit verlieren, von den öffentlichen Dienstleistungen Gebrauch zu machen, denn aufgrund ihrer Situation haben sie keinen gültigen Wohnsitz und keinen Personalausweis mehr. Diese Situation eines „bürokratischen Todes“ muss bekämpft werden, indem man mit den Gemeinden und den öffentlichen Stellen versucht, einen festen Wohnsitz zu definieren, möglicherweise bei einer der Hilfsorganisationen oder bei den Auffangstellen. Die gleiche Lösung kann man finden, wenn es um eine Zustelladresse für die Post geht.

160. Was nun das Nahrungsangebot betrifft, dem Hungernden Essen zu geben (Mt 25, 35) ist ein sehr alter Wert verbreitet bei den Menschen aller Kulturen, denn er ist unmittelbar verbunden mit der Anerkennung des Wertes des Lebens. Der Skandal des armen Lazarus und des reichen Epulone in dem berühmten Gleichnis Jesu (vgl. Lk 16, 19-30), findet sein Echo auch in der jüdischen und islamischen Kultur im Zusammenhang auch mit dem verwandten Thema der Gastfreundschaft. Vor dem Hintergrund einer Kultur der Solidarität[43] stellt also der Hungernde das Gewissen aller in Frage, ob sie nun glauben oder nicht.

161. Was die Speisung betrifft, welcher Art und Gröβenordnung auch immer, mit der kostenlosen Leistung einer warmen und groβzügig bemessenen Mahlzeit, wird es von Hilfe sein, wenn man ein familiäres und freundliches Klima zu schaffen versteht. Wer in seiner Armut dorthin geht, um zu essen, muss zwar auch sein Bedürfnis nach Nahrung befriedigen, aber vor allem braucht er die Zuneigung, Achtung und menschliche Wärme, die ihm so oft verweigert werden. Ideal ist ein Dienst, den Freiwillige tragen, die ihre Freizeit unbezahlt zur Verfügung stellen, um zu helfen.

Die Achtung der Würde und der Person jedes Einzelnen drückt sich auch in der Pflege der Umgebung und der freundlichen Haltung der freiwilligen Helfer aus, die bei Tisch bedienen. Man muss dabei die Essgewohnheiten der Gäste berücksichtigen und zum Beispiel ihren religiösen Traditionen Achtung erweisen.

162. In einer solchen Situation erleben die freiwilligen Helfer eine ganz besondere Beziehung mit den Armen, bis diese fast familiär und freundschaftlich wird, eine Beziehung, die viele Obdachlose verloren oder nie gehabt haben. So kommt es schlieβlich zu der schönen Sitte eines Weihnachtsessens wie in der Familie für die Menschen ohne einen festen Wohnsitz, wie dies an vielen Orten allmählich zu einer Tradition wird.

Der christliche Eifer

163. Hier enthüllt sich die Beziehung der Straβe und der in Frage kommende besonderen Pastoral zu ihrer Quelle, zu Christus, dem Herrn, im Geheimnis seiner Menschwerdung, und zu der Kirche und ihrer vorzugsweisen Entscheidung für die Armen, die man selbstverständlich unter Beachtung der Gewissensfreiheit des Einzelnen evangelisiert. Die Armen evangelisieren auch uns (vgl. Jes 61,1-3; Lk 4,18-19).

164. Aus diesem Blickwinkel heraus darf man neben anderen barmherzigen Werken das Begräbnis nicht vergessen. Wenn jemand stirbt, der keine Familie hat, müssen sich die Seelsorger darum kümmern, eine Trauerfeier zu organisieren. Einmal pro Jahr kann man auch mit den Menschen, die auf der Straβe leben, an jene erinnern, die man gekannt hat und die in das Ewige Leben eingegangen sind, indem man einen nach dem andern beim Namen nennt. Auf dass sie im Buch des Lebens geschrieben seien!

165. Am Ende unseres Pfades entlang der verschiedenen Wege der Pastoral der Straβe wendet sich unsere Betrachtung Maria zu, Unsere Mutter und Unsere Liebe Frau mit dem Gebet, das den Seelsorgern gewidmet ist, im Vierten ruhmreichen Geheimnis des Rosenkranzes der Migranten und Menschen unterwegs: damit sie sich in Ausübung ihrer seelsorgerischen Tätigkeit „nicht von materiellen Interessen und Sorgen verzehren“ oder von Unsicherheit, Bangigkeit und Einsamkeit bedrücken lassen, sondern Sicherheit finden im liebevollen Herzen Marias, die in den Himmel aufgenommen wurde.“[44]

Rom, am Sitz des Päpstlichen Rates der Seelsorge für die Migranten und Menschen unterwegs,

am 24. Mai 2007, in Erinnerung an die Heilige Jungfrau der Straβe.

Renato Raffaele Kardinal Martino
Präsident
Agostino Marchetto
Titular-Erzbischof von Astigi

Sekretär

Anmerkungen

  1. Päpstlicher Rat der Seelsorge für die Migranten und Menschen unterwegs, Orientamenti per una pastorale degli zingari Orientierungen für eine Seelsorge der Zigeuner, Libreria Editrice Vaticana, Vatikanstadt 2005.
  2. Päpstlicher Rat der Seelsorge für die Migranten und Menschen unterwegs, Orientamenti per la Pastorale del Turismo [Orientierungen für eine Tourismus Seelsorge], Libreria Editrice Vaticana, Vatikanstadt 2001.
  3. Päpstlicher Rat der Seelsorge für die Migranten und Menschen unterwegs, Il Pellegrinaggio nel Grande Giubileo del 2000 [Die Wallfahrt im Großen Jubiläum im Jahr 2000], Libreria Editrice Vaticana, Vatikanstadt 1998.
  4. Pius XII. Rede bei der “Fédération Routière Internationale”: Reden und Rundfunkbotschaften von S.H. Pius XII., Bd XVII (1955) 275.
  5. vgl. Kardinal Angelo Sodano, Päpstliche Botschaft zum Internationalen Tag des Tourismus 2003: L’Osservatore Romano vom 21., Juli 2005, 5.
  6. vgl. Päpstlicher Rat der Seelsorge für die Migranten und Menschen unterwegs, Instruktion Erga migrantes caritas Christi, Nr.15, Libreria Editrice Vaticana, Vatikan 2004.
  7. Paul VI., Discorso sulla moralizzazione dell’utenza stradale - Lehren (Insegnamenti) von Paul VI., Bd. III (1965) 499.
  8. In einem Seelsorgeaufruf zur Straβensicherheit hat der Sozialausschuss der Französischen Bischofskonferenz folgendes erklärt: “Den Psychologen zufolge benutzen die Fahrer das eigene Fahrzeug häufig in unverantwortlicher und sogar gefährlicher Weise. Das Auto, der Lastwagen und das Motorrad werden so Ausdruck der Macht, der Intoleranz und manchmal sogar Zurschaustellung von Gewalttätigkeit. Der Fahrer kann Gefühle und Einstellungen zeigen, die er im normalen Leben nicht kennt … Diese Unsicherheit auf den Straβen bedeutet einen Skandal, der alle Fahrer von Fahrzeugen zum Nachdenken anregen muss und dazu, ihr eigenes Verhalten im Verkehr zu ändern.“ französische bischofs konferenze, Sécurité routière: un défi évangelique, [Sicherheit auf den Straßen: Eine Evangelische Herausforderung]24.Oktober 2002: www.cef.fr/catho/actus/communiques/2002/commu200221092securi teroutiere.php
  9. vgl. General Assembly Plenary Meeting and Expert Consultation on the Global Road Safety Chrisis, 14. – 15. April 2004.
  10. Paul VI., Rede an die Teilnehmer am internationalen Dialog für die Moralisierung der Straβennutzung, Lehren (Insegnamenti) von Paul VI., Bd III (1965) 500; vgl. auch Benedikt XVI. Angelus Domini von Sonntag, 20.November 2005: L’Osservatore Romano 21.-22. November 2005, 6.
  11. Pius XII., Rede an die “Fédération Routière Internazionale”: l.c. 275; vgl. belgisches episkopat, Lettre pastorale sur la morale de la circulation routière [Hirtenbrief über die Moral des Straßenverkehrs], Malines, 15. Januar 1966: Pastoralia, (1966) Nr. 8 Foglio 1 Vorderseite, Kol. II.
  12. JOHANNES XXIII., Il rispetto della vita umana fondamento di efficace disciplina stradale [Die Achtung des menschlichen Lebens, Fundament einer wirksamen Disziplin der Straße] : Reden, Botschaften und Gespräche des Heiligen Vaters Johannes XXIII., Bd. III (1961) 383.
  13. Johannes Paul II., Eine Kultur der Straße. Gegen die zu zahlreichen Unfälle: Lehren von Johannes Paul II., Bd. X, 3 (1987) 22.
  14. Paul VI., Rede an die Teilnehmer am internationalen Dialog für die Moralisierung der Straβenbenutzer: Lehren (Insegnamenti) von Paul VI., Bd. III (1965) 499.
  15. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1737, Libreria Editrice Vaticana, Vatikanstadt 1999.
  16. Ibidem, Nr. 2290.
  17. Pius XII., An die Mitglieder des Automobilclubs Rom: Reden und Rundfunkbotschaften S.H. Pius XII., Bd.v XVIII (1956) 89.
  18. Belgisches Episkopat: l.c., Folio 2 Rückseite, Kol. II.
  19. Spanisches Episkopat, Pastoraler Aufruf Espiritu cristiano y tráfico [Der christliche Geist und der Verkehr], Nr. 7: Ecclesia, Nr. 1481, 21., Juli 1968.
  20. Belgisches Episkopat: l.c.
  21. ibidem, Kol. I.
  22. ibidem.
  23. vgl. “Der Tag der Vergebung”: L’Osservatore Romano 13.-14. März 2000, 8-9.
  24. vgl. Päpstlicher Rat der Seelsorge für die Migranten und Menschen unterwegs, Instruktion Erga migrantes caritas Christi, Nr. 15: l.c.
  25. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 485: l.c.; Johannes Paul II., Dominum et vivificantem, Nr. 66, AAS LXXVIII (1986) 896.
  26. vgl. Johannes Paul II. Omelie am Flughafen “Leonardo Da Vinci” in Rom: Lehren (Insegnamenti) von Johannes Paul II., Bd XIV, 2 (1991) 1351; vgl. auch Päpstlicher Rat der Seelsorge für die Migranten und Menschen unterwegs, Der Rosenkranz der Migranten, Libreria Editrice Vaticana, Vatikanstadt 2004.
  27. vgl. Paul VI., Ai partecipanti al VII congresso della Associazione Nazionale Enti di Assistenza [An die Teilnehmer am VII. Kongress der Nazional Assoziation derAssistenzvereinigungen]: Lehren (Insegnamenti) von Paul VI., Bd. II (1964) 333.
  28. II. Ökumenisches Vatikanisches Konzil, Die pastorale Konstitution über die Welt von heute Gaudium et spes, Nr. 30: AAS LVIII (1966) 1049-1050.
  29. II. Ökumenische Vatikanisches Konzil, Dekret über die seelsorgerische Mission der Bischöfe in der Kirche Christus Dominus, Nr. 18: AAS VIII (1966) 682.
  30. Paul VI., Allocutio: [[AAS] LXV (1973) 591.
  31. vgl. Päpstlicher Rat der Seelsorge für die Migranten und Menschen unterwegs, Iº Incontro Europeo dei Direttori Nazionali per la pastorale della Strada [I° Europäisches Treffen der National Direktoren der Seelsorge der Straße] Schlußdokument: http://www.vatican.va/roman_curia/pontifical_councils/migrants/ documents/rc_pc_migrants_doc_20251004_strada_finaldoc_ge.html: idem, I° Incontro Internazionale per la pastorale dei ragazzi di strada [I° Internationales Treffen der Seelsorge der Straßenkinder], Schlussdokument: People on the Move XXXVII (2005) Suppl. 98, 97 e idem, I° Incontro Internazionale di pastorale per la liberazione delle donne di strada [I° Internationales Treffen der Seelsorge zur Befreiung der Straßenmädchen], Schlussdokument: People on the Move XXXVIII (2006) Suppl. 102, 119.
  32. Johannes Paul II., Lettera alle donne [Brief an die Frauen], Nr. 5: Lehren (Insegnamenti) von Johannes Paul II., Bd. XVIII, 1 (1995) 1875. Wir können hier auch daran denken (dass), „Das Verhalten Jesu zu den Frauen, denen er auf den Wegen seines messianischen Dienstes begegnet, spiegelt den ewigen Plan Gottes wider, der eine jede von ihnen erschafft und sie in Christus erwählt und liebt (vgl. Eph 1, 1-5). Daher ist jede von ihnen jene »einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur«. Eine jede erbt auch vom »Anfang« her die Würde einer Person als Frau.“ Johannes Paul II. Apostolischer Brief Mulieris Dignitatem, Nr. 13: AAS LXXX (1988), 1685. Wir erinnern auch an die Botschaft zum Internationalen Tag der Migranten,wiederum von papst johannespaulii.,1995, Nr. 3 mit dem Thema Solidarität, Aufnahme, Schutz vor Missbrauch und Protektion zugunsten der Frauen: Lehren (Insegnamenti) von Johannes Paul II: Bd. XVII, 2 (1994) 118.
  33. Benedikt XVI., Botschaft zum Internationalen Tag des Migranten und Flüchtlings, 2006, mit dem Thema Migration, Zeichen der Zeit: People on the Move, XXXVII (2005) Nr. 99, 52.
  34. vgl. Protocol to Prevent, Suppress and Punish trafficking in Persons, Especially Women and Children, supplementing the United Nations Convention against Transnational Organized Crime [Protokoll, um dem Menschenhandel, besonders mit Frauen und Kinder vorzubeugen, ihn abzuschaffen und zu bestrafen, Ergänzung zur Konvention der Vereinten Nationen gegen transnational organisierte Verbrechen], 15. November 2000.
  35. vgl. Päpstlicher Rat der Seelsorge für die Migranten und Menschen unterwegs, Erga migrantes caritas Christi, Nr. 70-72 und entsprechende juristisch-pastorale Regelungen Art. 1 § 3; und 19 § 1: l.c.
  36. Vgl. Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Kompendium der Soziallehre der Kirche, Libreria Editrice Vaticana, Vatikanstadt 2004, Nr. 19.
  37. Johannes Paul II., Botschaft zum Internationalen Tag des Friedens 1996: Lehren (Insegnamenti) von Johannes Paul II., Bd. XVIII, 2 (1995) 1331.
  38. Kardinal Angelo Sodano, Staatssekretär, Telegramm an den Generaldirektor der Internationalen Organisation der Arbeit anlässlich des Inkrafttretens der Konvention Nr.182 über das Verbot und die Elimination der schlimmsten Formen der Kinderarbeit: Lehren (Insegnamenti) von Johannes Paul II., Bd. XXIII, 2 (2000) 921-922.
  39. UNO, Internationales Übereinkommen über die Rechte des Kindes, 1989, Vorwort.
  40. vgl. Generalkonferenz des lateinamerikanischen Episcopats, begangen in Puebla de los Angeles, Mexico 1979, Puebla. L’Evangelizzazione nel presente e nel futuro dell’America Latina [Evangelierisung von Lateinamerika heute und in der Zukunft] , Nr. 1142, Editrice Missionaria Italiana, Bologna, 1979.
  41. vgl. Johannes Paul II., Brief an Kardinal Roger Etchegaray zum Problem der Obdachlosen: Lehren (Insegnamenti) von Johannes Paul II. Bd. X, 3 (1987) 1352 und Päpstliche kommission „iustitia et pax“ [“Gerechtigkeit und Frieden”], Che ne hai fatto del tuo fratello senza tetto? [Was hast du für deinen obadachlosen Bruder getan?] La chiesa e il problema dell’alloggio [die Kirche und das Wohnungsproblem], EDB, Bologna 1988, 6-7.
  42. Date omnibus, ne cui non dederitis ipse sit Christus, PS. Augustinus, Sermo 311: P.L. 39, 2342 f.
  43. vgl. Päpstlicher Rat der Seelsorge für die Migranten und Menschen unterwegs, Instruktion Erga migrantes caritas Christi, Nr. 9; 1.c.
  44. vgl. Päpstlicher Rat der Seelsorge für die Migranten und Menschen unterwegs, Der Rosenkranz der Migranten, 28: l.c.

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