Nihil nobis

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Apostolischer Brief
Nihil nobis

von Papst
Leo XIII.
an Kaspar Decurtins, Präsident der schweizer Delegiertenversammlung von Arbeitern zu Biel
über die Arbeiterfrage
6. August 1893

(Offizieller lateinischer Text: AL XIII (1893) 245-249)

(Quelle: Die katholische Sozialdoktrin in ihrer geschichtlichen Entfaltung, Hsgr. Arthur Fridolin Utz + Birgitta Gräfin von Galen, lateinischer und deutscher Text, Band II, VI 14-18, S. 1033-1037, Scientia humana Institut Aachen 1976, Imprimatur Friburgi Helv., die 2. decembris 1975 Th. Perroud, V.G.; in Fraktur in: Leo XIII., Lumen de coelo V. 166-169, - Bezeugt in seinen Allocutionen, Rundschreiben, Constitutionen, öffentlichen Briefen und Akten, Buch und Verlag Rudolf Brzezowsky & Söhne Wien 1895)

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

Einleitend

1. Nichts lag Uns so sehr am Herzen, als eine Gelegenheit zu finden, Unsere Sympathie und Unsere Sorge für die Arbeiterklasse öffentlich auszusprechen, da Wir, geleitet von der Gerechtigkeit und Liebe, die das Christentum auf Erden eingeführt hat und täglich verbreitet, ihre unglückselige Lage verbessern und zivilisierter Nationen würdig machen wollen. Denn es ist eine der Pflichten Unseres Amtes, überall dort mit der Hilfe bereitzustehen, wo Trauernde auf Trost, Schwache auf Schutz und Unglückliche auf Beseitigung des Übels warten. Im vollen Bewusstsein dieser hohen Aufgabe und im Gedenken an die dem Menschengeschlecht erteilten Lehren des göttlichen Erlösers haben Wir in Unserer Enzyklika, die mit den Worten "Rerum novarum " beginnt, eine Botschaft der Liebe und des Friedens an die katholische Welt gerichtet. Indem Wir darin die Lage der Arbeiter ausführlich behandelten, haben Wir versucht, diesen beklagenswerten Konflikt beizulegen, der die menschliche Gesellschaft gegenwärtig so sehr entzweit, diese Gesellschaft, auf der die entfesselten Leidenschaften des Volkes wie eine dunkle Wolke lasten und wie ein brausender Sturm das Schreckbild des Schiffbruchs heraufbeschwören. Wir haben es nicht unterlassen, vor den höchsten staatlichen Machthabern die Sache der Arbeiter zu vertreten, da Wir nicht wollten, daß eine so zahlreiche und leistungsstarke Menschenmenge allein und schutzlos einer gewinnsüchtigen Klasse, die aus ihrem Elend Nutzen zieht, ausgeliefert werde.

Die Lösung durch christliche Prinzipien anhand des Studiums von "Rerum novarum"

2. Daher haben Wir aus Deinen Mitteilungen, geliebter Sohn, mit Genugtuung entnommen, daß kürzlich auf dem Kongress in Biel in der Schweiz Vertreter von Tausenden von Arbeitern aus verschiedenen Ländern, verschieden auch nach Einstellung und Religion, die vorgenannte Enzyklika mit Zustimmung und Beifall aufgenommen haben; sie haben selbst erkannt, daß die darin enthaltenen Lehren geeignet sind zur Verteidigung ihrer legitimen Rechte und als solide Grundlage für die Errichtung der von allen so sehr ersehnten gerechten Ordnung, aus der der Friede in der menschlichen Gesellschaft erwächst, indem sie den alten Streit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern beilegt. Wieviel die heilende Kraft der katholischen Kirche dazu beitragen kann, ist durch die Erfahrung aller Zeiten und aller Länder bewiesen und selbst von denjenigen bestätigt worden, die sich ihre Gegner nennen. Gemäß ihrem Wesen und ihrer Gründung ist nämlich die Kirche die Mutter und Lehrmeisterin der Völker, sie hält die wirksamen Hilfsmittel bereit, um den in rechtlich formierter Gemeinschaft lebenden Menschen zu helfen, ihr Leben in Wohlergehen, Ehrenhaftigkeit und Heiligkeit zu verbringen. Daher kann die Kirche auch nicht davon ablassen, mit Liebe und Großmut dazu beizutragen, die Schmerzen zu stillen und das Elend zu lindern. Es ist nur gerecht, daran zu erinnern, was die Kirche, gemäß den Zeugnissen der Geschichte und der Tradition der Vorfahren, getan hat, um die Schmach der alten Sklaverei zu tilgen. Daraus, daß sie es aus eigener Kraft vermocht hat, einen so großen und tief in den Sitten eingewachsenen Schandfleck des Menschengeschlechts gänzlich zu beseitigen, kann man leicht erahnen, was sie zu leisten vermag, um auch die Arbeiterklasse aus der Notlage zu befreien, in die sie die gegenwärtige Situation der Gesellschaft gebracht hat. Es ist auch leicht einzusehen, daß die beste Methode zur Vollendung eines so großen Werkes tiefster Frömmigkeit und echter Menschlichkeit wäre, darauf hinzuwirken, daß die Vorschriften des christlichen Gesetzes dem Geiste aller tief eingeprägt werden und daß die Lehre des Evangeliums als wohltuende und zugleich wirksame Verhaltensregel angenommen wird. Daher halten Wir für ebenso angebracht und fruchtbar wie lobenswert euren Plan, die in Unserer erwähnten Enzyklika dargelegten Prinzipien durch derartige Kongresse in die Seele des Volkes und vor allem der Arbeiterklasse eindringen zu lassen. Die aus den heiligen Lehren der Kirche geschöpften Prinzipien werden, wenn sie richtig verstanden werden, die Menschen davon überzeugen, daß die Verwirklichung ihrer legitimen Ansprüche nicht durch planlose Störung der sozialen Ordnung zu erreichen ist, sondern einzig kraft der heilsamen und heiligen Führung jener Weisheit, die Christus der Herr vom Himmel auf die Erde gebracht hat, damit sie die Sitten der Menschheit beherrsche.

Appell an die Machthaber zur Schaffung gerechter Gesetze

3. Wir erachten auch für nicht weniger nützlich den Beschluss des Bieler Kongresses, bald einen noch größeren Arbeiterkongress zu veranstalten; sein Ziel soll sein, die staatlichen Machthaber auf die Notwendigkeit hinzuweisen, überall gleich lautende Gesetze zu erlassen, die die Schwachheit der arbeitenden Kinder und Frauen schützen und das, was Wir in Unserem Schreiben empfohlen haben, durchzuführen. Ohne große Intelligenz läßt sich die Begründung hierfür erkennen. In der Tat, wenn schon ernste und unbestreitbare Gründe dafür bestehen, daß die öffentliche Gewalt mit ihrer Gesetzgebung eingreift, um die Rechte der Arbeiter zu verteidigen, so kann man sich keine ernsteren und unbestreitbareren denken als dafür, der Schwachheit der Kinder und Frauen zu Hilfe zu kommen, denn sie sind der Beginn oder Ursprung der kommenden Generation, und von ihnen hängt zu einem beträchtlichen Teil die zukünftige Wirkkraft und Leistungsfähigkeit eines jeden Volkes ab. Andererseits ist es evident, daß die Arbeiter niemals wirksamen Schutz erlangen mit Gesetzen, die von einem Staat zum andern variieren. Da nämlich Waren von verschiedener Herkunft häufig auf dem gleichen Markt zusammenkommen, so kann es sein, daß die in dem einen Land geltenden Arbeits- und Lohnbedingungen d;esem vorteilhaft, einem anderen Land aber schädlich sind.

Schlussfolgerung

4. Diese Schwierigkeiten und viele andere dieser Art können nicht allein durch die Kraft menschlicher Gesetze behoben werden. Sie können nur besiegt und überwunden werden, wenn die christliche Sittenlehre überall angenommen wird und in den Seelen erblüht und wenn die Menschen ihr Verhalten nach den Normen der Lehre der Kirche gestalten. Nur unter dieser Bedingung wirkt sich eine kluge Gesetzgebung und eine produktive Entfaltung der in jedem Volk reichlich vorhandenen Leistungskräfte zum allgemeinen Wohl aus.

Anerkennung der Arbeit Decurtins und Segen

5. Du verwendest, geliebter Sohn, mit glühendem Eifer alle Kräfte deines Geistes sowie Mühe und Fleiß darauf, ein so edles Ziel zu verfolgen. Daher wollten Wir Dir einen öffentlichen Beweis Unseres Wohlwollens geben, und Wir hoffen zuversichtlich, Du mögest mutig daran arbeiten, die zur Unterstützung der Notleidenden und zur Festigung der sozialen Ordnung in den Schreiben des Apostolischen Stuhles dargelegten Lehren täglich zu verbreiten und ihnen Geltung zu verschaffen. Als Unterpfand der himmlischen Gnade, die Wir auf Deine Bemühungen herabrufen, erteilen Wir Dir und den Deinen von Herzen den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom bei St. Peter am 6. August 1893, im 16. Jahr Unseres Pontifikats
Leo XIII. Papst

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