Grundfragen der ärztlichen Ethik

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Grundfragen der ärztlichen Ethik ist der Titel und das Thema einer Ansprachensammlung des Papstes Pius' XII. an Mediziner bzw. Kongresse. Das Werk besteht aus zwei Ordnern. Der erste enthält 20 Hefte, der zweite 17 Hefte im DIN a 5 Format. Die Ansprachen sind in den Jahren 1944-1958 gehalten worden und in ungekürztem Wortlaut abgedruckt. Die Ordner wurden vom St. Lukas-Institut für ärztliche Anthropologie e.V. Münster im Verlag Wort und Werk in Köln von 1953 bis 1959 herausgegeben. Das Institut sammelte Übersetzungen aus der Herder-Korrespondenz, der Sozialen Summe Pius' XII., Radio Vatikans, des Osservatore Romano, der Presseabteilung des Vatikans, der KNA oder ließ auch Texte durch private Leute übersetzen, sei es aus einem anderssprachigen Osservatore Romano, den Acta Apostolicae Sedis oder den "Discorsi e Radiomessagi di S.S. Pio XII.". Jede Ansprache besitzt die kirchliche Druckerlaubnis.

Diese Schreiben wurden auch unter dem Titel "Papst Pius XII. Über Leib und Seele" in einem Hefter des St. Lukas-Institutes für ärztliche Anthropologie e.V. Münster im Verlag Wort und Werk zu Köln ca. 1959 herausgegeben.[1]

Bei der Digitalisierung, wurden ärztliche Ansprachen dieses Ordners, die aus der Sozialen Summe Pius' XII. stammen und nicht in der AAS veröffentlicht sind, hier unten wiedergegeben. Ansprachen Papst Pius' XII., welche in den AAS veröffentlicht sind werden dorthin verlinkt.

Inhaltsverzeichnis

1. Über die Aufgaben des christlichen Arztes

Ansprache Papst Pius XII. am 12. November 1944 an die italienischen Mitglieder der Medizinisch-biologischen Vereinigung St. Lukas

2. Die hohe Verantwortung und Aufgabe des Chirurgen

Ansprache Papst Pius XII. am 21. Mai 1948 an die Teilnehmer des VI. Internationalen Chirurgenkongresses:

(Aus dem italienischen übertragen von can. rer. pol. Zajadatz. Die Ansprache erschien in "Discorsi e Radiomessagi di S.S. Pio XII.", Gliederung und Inhaltsangabe wurden vom Herausgeber beigefügt)

Sittliche und religiöse Fragen haben eine Hauptbedeutung, weil der Gegenstand der Chirurgie der lebendige Körper des Menschen ist

1. Sie haben sich hier in Rom aus den verschiedensten Ländern der Welt versammelt, um miteinander die vielfältigen Probleme der Chirurgie zu erörtern. Sie haben, geehrte Herren, mit Recht angenommen, dass Fragen von technischem und praktischem Wert sehr umfangreich sind, soll der Gegenstand erschöpfend behandelt werden, dass dagegen aber Fragen von sittlichem oder religiösem Wert wegen ihrer Hauptbedeutung verdienen, ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. Sie sind sich Ihrer Verantwortung bewusst und geben sich darüber Rechenschaft, die sich aus der den ganzen Fragenbereich beherrschenden Tatsache ableitet, dass Sie hei der Ausübung Ihres Berufes unter Ihren Händen und Instrumenten Menschen haben, deren lebendige Körper Ihrer besonderen Rücksichtnahme wert sind und die ein Recht auf all Ihre Sorgfalt haben. Auch wenn das Leben selbst nicht auf dem Spiele steht, verfügen Sie dabei - und Sie sind sich dessen voll bewusst - über zwei großartige Dinge: einmal über die Unverletzlichkeit des menschlichen Körpers, zum anderen Über die geheimnisvolle Wirklichkeit des menschlichen Leidens.

Notwendigkeit des dauernden theoretischen und praktischen Studiums für den Chirurgen

2. Kraft dieser inneren Überzeugung unterwerfen Sie sich einem ernsten und immerwährenden Studium, um sich genauestens auf dem Laufenden zu halten über die Fortschritte der Biologie und Anatomie, über die chirurgischen Methoden, die unaufhörlich erneuert und vervollkommnet werden, die Vorteile, aber auch manchmal ihre Gefahren mit sich bringen. Dazu dienen Bücher, Zeitschriften, Konferenzen und Kongresse. Alles ist miteinander verbunden durch das unverdrossene Arbeiten in der chirurgischen Praxis, wobei Sie sich einen reichen Schatz eigener Erfahrungen sammeln, der wiederum noch vermehrt wird durch die Beobachtungen, die Sie mit Ihren Kollegen austauschen.

Notwendigkeit der wirklich personalen Bildung und Ausbildung des Chirurgen

3. Aber das theoretische Studium allein genügt nicht, wie eifrig es auch betrieben werden mag, falls nicht ein anderes, ebenso beharrliches und beständiges Bemühen dazukommt, das nach innen und in die Tiefe gehen soll. Das soll eine wirklich personenhafte Bildung und Ausbildung sein: im Gebrauch Ihrer geistigen Fähigkeiten, Ihrer sittlichen und psychologischen Eigenschaften, Ihrer natürlichen Anlagen, Ihrer Sinne und Ihrer Hände. Dafür fühlen Sie selbst lebhaftes Bedürfnis, vor und während der Operation.

Notwendige Überlegungen vor jeder Operation

4. Vor der Operation. Schwer ist die Verantwortung, wenn der Entschluss gefasst werden soll. Sind die Hilfsmittel der Medizin alle solange angewendet worden, dass sie aus sich heraus als genügend wirksam scheinen konnten? Erscheint die Operation als notwendig? Welche Gefahren bestehen dabei oder aller welchen Gefahren würde der Patient ausgesetzt sein, wenn andererseits die Operation nicht durchgeführt würde? Und noch etwas: Ist der Augenblick überhaupt günstig? Kann man die Operation noch hinausschieben oder muss man dagegen schnell handeln? Läuft man Gefahr, wenn man drängt oder aber wenn man zögert? Welche Haltung soll man hei der Konsultation gegenüber den behandelnden Ärzten einnehmen? Jeder hat tatsächlich etwas dazu zu sagen. Vor allem in verwickelten Fällen können die Ansichten verschieden sein. Und dann kann jeder, auch wenn er seine eigene Meinung verficht, sich Rechenschaft geben über die Begründung der Meinung der anderen. Wenn der Chirurg schließlich alles gut überlegt hat - einbegriffen das Sittliche der Handlung -, darf er nicht mehr zögern.

Aufklärung des Patienten und seiner Angehörigen vor einer Operation

5. Aber auch nachdem er sich in gewissenhafter und gebührender Art und Weise sein Urteil gebildet hat, hat er noch eine ziemlich heikle Aufgabe zu erfüllen. Zweifellos ist es seine Pflicht, die Notwendigkeit und Nützlichkeit der Operation zu zeigen, wie auch auf die Unsicherheit bei der Durchführung hinzuweisen, die bestehen bleibt. Aber bis zu welchem Punkt darf er ohne weiteres die Notwendigkeit der Operation dem Kranken und seiner Familie einreden oder aber dazu raten oder darauf bestehen? Wie soll der Chirurg sie sachlich darüber aufklären und aber doch zugleich die gebührende Vorsicht walten lassen und ihre Freiheit achten?

Die sittlichen Grenzen der chirurgischen Tätigkeit

6. Andere Fälle scheinen trauriger zu sein - wir wollen nicht gerade sagen verwickelter, weil hier die Pflicht klar ist - wegen der tragischen Folgen, die manchmal aus der Beobachtung dieser Pflicht entstehen. Das sind Fälle, in denen das Sittengesetz seinen Einspruch erhebt. Wenn es sich um Sie allein handelte, würde es Ihnen vielleicht leicht gelingen, die Ohren vor den Einflüsterungen eines schlecht verstandenen Mitleids zu verschließen und der Vernunft Platz zu machen gegenüber einer falschen Empfindsamkeit. Aber wie oft wird man widerstehen können nicht nur den Forderungen gemeiner und schändlicher Interessen, einer unentschuldbaren Leidenschaft, wohl aber den verständlichen Ängsten einer Gatten- oder Vaterliebe? Aber auch hier sind die Grundsätze unverletzlich! Gott allein ist der Herr über das Leben des Menschen und über seine Unversehrtheit, seine Glieder, seine Kräfte, seine Organe und besonders derjenigen, die er an seinem Schöpfungswerk teilnehmen lässt. Weder die Eltern, noch der Gatte, noch der daran Interessierte selbst können nach Belieben darüber verfügen. Wenn es verwerflich ist, einen Menschen zu verstümmeln, auch auf sein inständiges Bitten hin, um ihn der Pflicht zu entziehen, für die Verteidigung des Vaterlandes zu kämpfen, oder einen unschuldigen Menschen zu töten, um dadurch einen anderen zu retten, dann ist es nicht weniger unerlaubt, den Tod eines kleinen Wesens unmittelbar zu verursachen, sei es auch, um die Mutter zu retten. Denn es ist ja, wenn nicht für dieses Leben hier unten, so doch wenigstens darüber hinaus zu einem hohen und erhabenen Ziel berufen. Es ist ebenfalls verboten, durch eine Operation, die durch nichts gerechtfertigt ist, die Quellen des Lebens unfruchtbar zu machen. Und es ist nicht erlaubt, das Leben aufs Spiel zu setzen - es aufzuheben ist niemals erlaubt - wenn nicht in der Hoffnung, ein wertvolleres Gut zu schützen oder es selbst zu retten oder zu verlängern.

Neben dem Verstand und der Geschicklichkeit der Hände muss sein Herz dem Chirurgen helfen

7. Während der Operation. Der Operationssaal steht bereit. sauber, gelüftet, mit hellen Operationslampen versehen. Die Voruntersuchung durch den Operateur ist genauestens durchgeführt; die Instrumente und die Hände des Operateurs und der Assistenten sind gut desinfiziert; die Betäubung, die Vorbereitung der Haut des Patienten, ist vorgenommen. Und schließlich stehen sie über den Operationstisch gebeugt, worauf der Kranke liegt.

8. Sie wissen, dass Sie nicht mehr wie sonst Anatomen im Sezierraum sind, Künstler mit Skalpell und Bohrer, sondern Menschen, die Menschen gegenüberstehen, die Ihre Brüder sind, die sich Ihnen ganz anvertraut haben. Deshalb kommt nicht mehr allein in Betracht die vortreffliche Ausbildung Ihrer Sinne, die Geschicklichkeit Ihrer Hände, Ihre gespannte Aufmerksamkeit, Ihre Schnelligkeit, Ihr Können und die Sicherheit Ihrer Eingebung. Sie werden sich mit ganzem Herzen ans Werk begeben, aber in der Weise, dass Ihnen Ihr Herz dabei wirklich hilft. Es wird Ihnen nur dann eine Stütze sein, wenn Sie in diesen Augenblicken eine unverwirrbare Ruhe zu behalten wissen, wobei Sie doch wiederum äußerst empfindungsfähig sein können. Fehlt Ihnen dieses Empfindungsvermögen, dann werden Sie nur ein Handwerk ausüben; fehlt Ihnen die Ruhe, dann lässt Ihre Verwirrung Ihre Hände unsicher werden und Sie würden Gefahr laufen, das Ergebnis der Operation zu gefährden und vielleicht sogar das Leben des Patienten.

9. Dieses Drama im Inneren Ihres Herzens wiederholt sich mit größerer oder geringerer Stärke jeden Tag, manchmal mehrere Male am Tage. Aber wenn Sie diese Erregung nicht mehr spürten, würden Sie sich Ihre Aufgabe nicht mehr für wert erachten; wenn Sie sie nicht überwänden, würden Sie nicht mehr fähig sein, Ihre Arbeit überhaupt zu tun. Es ist ein Drama, das einen Menschen mit Herz und Gewissen mit der Zeit verbraucht, aber das auch Ihrem Beruf das Merkmal der Heiligkeit verleiht.

Gefahren und Komplikationen nach der Operation

10. Wie sehr würde sich der irren, der dächte, dass er nach der Operation nur mehr ruhig nach Hause zu gehen brauchte, wie wenn der Vorhang am Ende eines gewöhnlichen Dramas hinuntergelassen worden wäre! Nein! Es setzt sich in Ihnen fort, da Sie ja nicht nur ein, sozusagen, väterliches Wohlwollen dem Kranken gegenüber fühlten, dessen Leben einige Augenblicke, vielleicht auch einige Stunden in Ihrer Hand war. Allerdings haben Sie den Hauptteil Ihrer eigentlichen Aufgabe erfüllt, aber damit ist noch nicht alles beendet. Wieviel ungewisse Zufälle kann es noch geben! Das sind alle die Unannehmlichkeiten und Gefahren, einige von kurzer Dauer, andere schwer und manchmal tödlich, Gefahren, die jedem schweren chirurgischen Eingriff folgen. Darum werden Sie sorgsam den Verlauf des Fiebers und die Beschleunigung und Verlangsamung des Pulsschlages überwachen. Ist die Gefahr, dass Komplikationen entstehen können, beseitigt, werden Sie sorgsam den Heilprozess verfolgen und sich dann bescheiden zurückziehen und den Platz am Kopfende anderen Überlassen. Diese werden Zeugen der Gesundung sein und vielleicht heiße Beteuerungen aus dankbarem Herzen empfangen. Was dagegen aber, wenn trotz Ihrer Umsicht, Geschicklichkeit und Sorgfalt die Folgen des Übels schmerzhafter geworden sind, weil es zu schwer oder schon zu weit fortgeschritten war oder wenn sich das Ergebnis nicht als so befriedigend erwies, wie man es sich erhofft hatte. Dann werden nicht selten offen oder versteckt Vorwürfe gegen Sie gerichtet werden. Sind Sie dagegen dessen gewiss, dass Sie vor Gott und Ihrem Gewissen voll und ganz bestehen können, und sind Sie sich dessen sicher, dass Sie alle mit Rücksichtnahme, maßvollem Verhalten und Liebe behandelt haben, besonders die weniger Bemittelten, dann lassen Sie sich nicht verwirren und verbittern durch die Ungerechtigkeit und Undankbarkeit der Menschen. Wie könnte man diese allerdings überhören?

Die herzliche Dankbarkeit des Patienten und der Segen Gottes als Lohn für die ärztliche Mühe

11. Zum Glück sind Undankbarkeit und Ungerechtigkeit nicht allgemeine Regel. Oft wird die herzliche Dankbarkeit desjenigen, den Sie gerettet haben, und aller seiner Angehörigen für Sie eine angenehme Entlohnung sein. Mit gutem Recht genießen Sie dieses schöne Gefühl der Dankbarkeit, wozu sich die freudige Genugtuung Ihres Berufes gesellt angesichts des glücklichen Ausgangs Ihrer Arbeit, die Sie vollbracht haben. Christus, der im Fleisch mit allen Kranken leidet, der unendlich sanft und gut ist, wird Ihnen dankbar sein für die Sorgen, die Sie sich ihretwegen machen. Er wird Sie segnen. Und während Wir bitten, dass die Überfülle der himmlischen Gnade herabkommen möge auf Sie und diejenigen, die Ihnen bei Ihrer schweren Aufgabe helfen, erteilen Wir Ihnen, Ihren Familien und allen, die Ihnen teuer sind, aus überströmenden Herzen den Apostolischen Segen.

3. Über das Problem der künstlichen Befruchtung

Ansprache Papst Pius XII. vom 29. September 1949 an den IV. Internationalen Kongress katholischer Ärzte in Rom

4. Über die christliche Ehe und Mutterschaft

Ansprache Papst Pius XII. vom 29. Oktober 1951 an den Verband katholischer Hebammen Italiens

5. Über Fragen der Familienmoral und der Nachkommenschaft

Ansprache Papst- Pius XII. am 26. November 1951 an den Nationalen Kongress der "Front der Familie" (als Ergänzung zu Nr. 4)

6. Die Bedeutung der Erforschung und der Therapie der Magen- und Darmkrankheiten

Ansprache Papst Pius XII. am 26. April 1952 an die Teilnehmer des Kongresses der Nationalverbände für Magen- und Darmkrankheiten

(Nr. 6; Aus dem französischen übertragen von Gerhard Hudy. Die Ansprache erschien in "Discorsi e Radiomessagi di S.S. Pio XII.", Gliederung und Inhaltsangabe wurde vom Herausgeber beigefügt)

Begrüßung

1. Meine Herren! Sie wünschten, Uns über Ihre Arbeit aus Anlass des 3. Europäischen Kongresses für Magen- und Darmkrankheiten, den Sie soeben beendeten, Bericht zu erstatten. Nehmen Sie bitte hiermit zur Kenntnis, wie sehr Wir über Ihre Ehrbezeugung erfreut sind, und mit welcher Genugtuung Wir Sie bei Uns sehen.

Bedeutung der Magen- und Darmkrankheiten im modernen Leben

2. Die von Ihnen vertretenen Nationalverbände befassen sich mit dem Fortschritt der Studien, die die Krankheiten des Verdauungsapparates betreffen, indem sie sich moderne Forschungsmethoden und neue Möglichkeiten der Heilkunde zunutze machen. Die Magen- und Darmkrankheiten sind in der Tat einer der wichtigsten Zweige der Medizin, und aus ihnen entstehen die häufigsten und verschiedenartigsten Krankheiten. Diese entstehen zum großen Teil aus mangelhafter Ernährung, entweder auf Grund der Nahrungsmittel selbst, die schlecht ausgewählt oder schlecht vorbereitet sind, oder auf Grund ungünstiger Bedingungen, unter denen sie verdaut werden müssen. Sie stellen jeden Tag die unheilvollen Auswirkungen eines immer mehr in Unruhe geratenen modernen Lebens fest, und Ihre Zuständigkeit zwingt Sie, den Rhythmus des anormalen Lebens und der unvernünftigen Ernährung eines großen Teiles der Menschheit zu verurteilen. Im übrigen lassen Sie das Vorhandensein der durch den Schöpfer geschaffenen Naturgesetze der Ernährung nur erkennen und die Tatsache, dass man sie nicht ungestraft übertritt. Ihr Amt hat die Aufgabe, daraus so gut wie möglich die Grundsätze herauszustellen und, leider, vor allem die Überschreitungen zu heilen.

Fortschritte in Erforschung und Therapie der Magen- und Darmkrankheiten

3. Für alles dieses verfügen Sie glücklicherweise über Mittel, die jeden Tag vollkommener werden: auf dem Gebiet der Forschung erlaubten es Ihnen neue optische Apparate oder neue Röntgenapparate, zahlreiche Krankheiten besser zu verstehen und zu erkennen; aber sie haben auch die starke Kompliziertheit von Symptomen aufgezeigt, die ehemals als einfach betrachtet wurden.

4. Somit haben Sie in diesem Jahr auf dem soeben beendeten Kongress das Resultat Ihrer Studien über die Krankheiten der Bauchspeicheldrüse, des Hauptorganes für die gute Verdauung, das jedoch der Forschung des Arztes derart Schwierigkeiten bereitet, gemeinsam erarbeitet. Man mußte moderne Analysierungsmethoden anwenden, um die Unregelmäßigkeiten ihres Funktionierens durch ihre Wirkungen zu enthüllen, und dank Ihrer klinischen Studien haben Sie bei der Heilung ihrer Leiden Fortschritte machen können.

5. Auf dem Gebiet der Heilkunde im allgemeinen ziehen Sie in der Tat Nutzen aus dem Fortschritt der Chirurgie und der Pharmazie. Die erste, ständig mutiger werdend, kann heute operative Maßnahmen wagen, die man bis in die letzten Jahre für unmöglich hielt. Die zweite machte außerordentliche Entdeckungen, wie z. B. diejenigen der Antibiotika, die bereits so viele Menschenleben gerettet haben.

Die wissenschaftliche Forschung ist wichtig für die Erhaltung der Gesundheit und

6. Es ist jedoch besonders tröstlich, festzustellen, dass so viel Mühe und so viel Arbeit, die in der ganzen Welt von einer stillen Armee von Forschern und Dienern der Wissenschaft geleistet werden, in gewisser Weise zu Lebensregeln zu Gunsten der Gesundheit führen, und Sie bestätigen ihnen durch das Resultat Ihrer Beobachtungen, dass sie sich einer besseren Gesundheit erfreuen könnten, wenn sie ihre Nahrung und die für eine gute Verdauung erforderliche Körperbewegung vernunftgemäßer regeln würden. Die Entdeckung und das fortwährende Studium neuer Vitamine gestatten es zum Beispiel, die alten Vorschriften über die Auswahl, das Verhältnis und die Vorbereitung der Nahrungsmittel genauer zu bestimmen. Hervorragende Gelehrte glauben, dass die Erhöhung der mittleren Körpergröße, wie sie in verschiedenen Ländern beobachtet wurde, auf die Verbesserung der Nahrungsmittel zurückzuführen ist.

die geistige Entwicklung des Menschen

7. Derartige Beobachtungen sind nicht unwichtig. Die christliche Lehre, die die Harmonie des menschlichen Körpers betrifft, würde sich dabei nicht gleichgültig zu verhalten wissen, denn es handelt sich nicht nur um eine Vergrößerung der körperlichen Kräfte, sondern auch um ein größeres Fassungsvermögen geistiger Arbeit, um ein überlegenes Gleichgewicht, von dem man mit Hilfe der Gnade Gottes ständig hoffen kann, dass der Wille des Menschen eine höhere Vollkommenheit und größere Wirkung für das Gute erreicht. Besteht hier nicht Anlass dazu, an das Gleichnis der Talente und der Lobreden zu erinnern, die der Heiland dem fleißigen Diener zuerkannte? Unsere wesentlichen Talente sind Körper und Seele, eng miteinander verbunden, eng voneinander abhängig; unsere erste Pflicht besteht darin, sie vorteilhaft für die Ehre Gottes und das Wohl des Nächsten anzuwenden.

Der Arzt als Werkzeug der Barmherzigkeit Gottes

8. Meine Herren! Die Größe Ihrer Aufgabe besteht in der Mitwirkung als wirkliche Mitarbeiter Gottes bei der Verteidigung und der Entfaltung seiner Schöpfung. In diesem Sinne sagt die Heilige Schrift vom Arzt, dass "Gott ihn geschaffen hat" (Sir. 38,1). Er hat ihn geschaffen als ein Werkzeug seiner Barmherzigkeit, um die Leiden seiner Brüder zu mildern, als ein Bewahrer seiner Wissenschaft vom Menschen und seiner hilfreichen Güte. Der Arzt ist eine Wohltat Gottes; aus diesem Grund hat er nicht nur ein Recht auf Ehrungen und die Achtung der Menschen, sondern auch auf ihre Anerkennung und ihr Vertrauen. Deshalb erflehen Wir, indem Wir den Herrn des Lebens bitten, Sie beständig enger mit seinem Werk zu verbinden, auf Sie, auf Ihre Arbeit, auf Ihre Kranken, die Fülle der göttlichen Gunst, als deren Unterpfand Wir Ihnen von ganzem Herzen Unseren Apostolischen Segen geben.

7. Die sittlichen Grenzen der ärztlichen Forschungs- und Behandlungsmethoden

Ansprache Papst Pius XII. am 13. September 1952 an die Teilnehmer des 1. Internationalen Kongresses für Histopathologie des Nervensystems in Rom

8. Körperkultur und Christentum

Ansprache Papst Pius XII. am 8. November 1952 an die Teilnehmer des nationalen wissenschaftlichen Kongresses für Sport und Körpererziehung in Rom

9. Über die Möglichkeiten und Grenzen der Psychotherapie

Ansprache Papst Pius XII. am 13. April 1953 an die Teilnehmer des 5. Internationalen Kongresses für Psychotherapie und klinische Psychologie in Rom

10. Genetik und katholischer Glaube

Ansprache Papst Pius XII. am 7. September 1953 an die Teilnehmer des "Primum Symposium Geneticae Medicae"

11. Über die Geschichte und Bedeutung der Mikrobiologie

Ansprache Papst Pius XII. am 13. September 1953 zu Rom an die Teilnehmer des 6. Internationalen Kongresses für Mikrobiologie

12. Ärzte-Ethik und Ärzte-Recht

Ansprache Papst Pius XII. am 19. Oktober 1953 an die Mitglieder der 24. Sitzung des Internationalen Amtes für militärmedizinische Studien

13. Über den Sinn des Krankseins

Ansprache

zum "Tag der Kranken" im Marianischen Jahr am 14. Februar 1954"

(Quelle: Grundfragen der ärztlichen Ethik, Nr. 13)

Als Wir im vergangenen September, getreu den göttlichen Einsprechungen, die Feier des Marianischen Jahres anordneten, und es bald nachher, am Fest der Immakulata, von der goldenen Liberianischen Basilika aus selbst feierlich eröffnen wollten und Uns dorthin begaben, um Unsere Bitten zu Füßen jener niederzulegen, die das "Heil des römischen Volkes" und aller Völker ist, da dachten Wir schon an euch, geliebte Kranke, Söhne und Töchter, die ihr mit besonderem Recht zu denen gehört, die Unserem Geiste am nächsten und Unserem Herzen am engsten verbunden sind.

Über euch neigt sich wirklich mit liebender Zärtlichkeit die Gottesmutter, die besorgt ist, die Tränen der Betrübten zu trocknen, die sich zu ihrem Mutterherzen flüchten, wie zu einer sicheren Zuflucht inmitten der Stürme. Ebenso rechnet der Stellvertreter Christi auch auf euch, die ihr in der Kirche Gottes kostbare Juwelen und eine reiche Quelle geistiger Kräfte seid, um in diesem Jahr des Segens die vielfachen und dringend notwendigen Früchte zu erwirken, die in Unserem Rundschreiben "Fulgens corona" zum Heil der Menschheit und der Kirche selbst vor Augen gestellt sind.

Diese lebendige Hoffnung drängt Uns, am heutigen Tage Unser Wort an euch zu richten, um euch alle unter dem liebevollen Schutz der gemeinsamen Mutter, der lmmakulata, zu versammeln, um euch zu umgeben mit Unserer Liebe und mit der aller Gläubigen, die für euch beten, und um euch an die Aufgabe zu erinnern, zu der die Vorsehung euch in der Krankheit bestimmt hat.

Dank der modernen Technik können Wir unmittelbar zu vielen Kranken sprechen, und Wir wünschen, dass Wir auf anderem Wege auch jene erreichen können, die Uns nicht zu hören vermögen. Gewiss möchten Wir die Allgegenwart Gottes besitzen: Wir möchten Uns einem jeden von euch nähern, geliebte Söhne und Töchter, die ihr in den großen und kleinen Spitälern liegt, in den Sanatorien, in den Kliniken, in den Heimen, in den Gefängnissen, in den Kasernen, in den trostlosen Dachstuben der Ärmsten oder in den abgelegenen Kammern eurer Häuser. Kinder mit bleichen Gesichtern, gleich Blumen, die ohne die Wärme der Sonne gewachsen sind; junge Menschen, deren seltenes Lächeln mehr die Seelenstärke als das jugendliche Alter zum Ausdruck bringt; reife Menschen, die so bitter dem ihnen eigenen Schaffensdrang entrissen sind; alte Leute, zu deren natürlicher Müdigkeit die Krankheit noch Beschwerden und Leiden fügt.

Immer haben Wir Jesus angefleht, Unser Herz in etwa dem Seinen ähnlich zu machen: dem gütigen, sanften, für alle Schmerzen und alle Leiden offenen Herzen. Wie sehr doch möchten Wir auch nur einen Widerschein seiner Allmacht besitzen! Wie gern möchten Wir in eurer Mitte weilen, um Tränen zu trocknen, Trost zu bringen, Wunden zu heilen, Kraft und Gesundheit wiederzuschenken!

Wir müssen Uns damit begnügen, im Geiste mitten unter euch zu sein; Wir stehen bei den Kindern mit dem Herzen einer Mutter, bei den Eltern, die zittern bei dem Gedanken, ihre Kinder vielleicht als Waisen zurücklassen zu müssen. Jedem einzelnen geben Wir Unseren Segen und bitten Gott den Allmächtigen, den liebevollen Vater, Er wolle sich seiner bedienen, um euch das zu schenken, was Er für euch zuträglich erachtet nach der Ordnung der Vorsehung, die Er für jeden einzelnen von euch gewählt hat. Gebe der Herr, dass am Ende dieses Unseres kurzen und geheimnisvollen Verweilens in eurer Mitte jeder die wohltuende geistige und körperliche Wirkung Unseres liebevollen Segens an sich erfahre, wie auch den Beistand des Wortes, das Wir von ganzem Herzen an euch richten.

1. Sieh da: Wir glauben dort, auf jener Krankenabteilung, einen jungen Mann zu sehen, der leidet und in seinem Leiden Verwünschungen ausstößt. Einmal war er stark, war er schön; er war der Stolz seiner Eltern, die jetzt qualvollen Herzens fürchten, ihn zu verlieren, von einem schonungslosen Übel heimgesucht. Und der junge Mensch fühlt es gleichsam, wie ihm das Leben entschwindet: Fahr wohl, Gesundheit, fahr wohl, Tugendkraft, fahrt wohl, stürmende Hoffnungen, fahrt wohl, Lieblingspläne einer jugendlichen Begeisterung, fahr wohl, Liebe! Und der junge Mensch lehnt sich auf. Warum, warum ? Habe nicht auch ich ein Recht auf das Leben ? Und kann ein guter Gott mich so leiden, mich sterben lassen ? Was habe ich denn Böses getan!"

Wieviele seid ihr, Söhne und Töchter? Wieviele von euch haben das Gesicht verzerrt und toben mit Zorn im Herzen und tragen den Fluch auf ihren Lippen ~ Zu euch besonders möchten Wir ganz nahe hintreten, möchten liebevoll Unsere Hand auf die fieberheißen Stirnen legen. Wir möchten in unendlich zärtlicher Liebe jedem von euch zuflüstern: Du banges Herz, warum lehnst du dich auf? Lass doch in das dunkle Geheimnis des Schmerzes die Strahlen des Lichtes fallen, die vom Kreuze Jesu ausgehen! Was hatte Er Böses getan? Schau: vielleicht hängt über deinem Bett, auf deinem Flur ein Bild der Madonna. Was hatte sie Böses getan? Du Herz ohne Trost, weil überwältigt vom Leid, höre: Jesus und seine Mutter haben gelitten, sicherlich nicht wegen eigener Schuld, aber doch bereitwillig und in voller Gleichförmigkeit mit dem Plane Gottes. Hast du dich jemals gefragt, warum?

Vielleicht ist es dir widerfahren, dass du das Böse tatest. Erinnere dich daran. Vielleicht hast du Gott oft und in vielfacher Weise beleidigt. Du weißt, dass eine schwere Schuld die ewige Verdammnis für die Seelen verdient; du aber bist noch am Leben, unter den Augen des barmherzigen Gottes, in den liebevollen Armen Mariens. Wenn also auch der Herr daran wäre, einen deiner Fehltritte zu züchtigen, du dürftest doch deshalb weder fluchen noch auch den Mut verlieren; du bist ja nicht wie ein Sklave, der von einem grausamen Herrn bestraft wird, sondern ein Kind Gottes, des Vaters, der nicht sich rächen, sondern dich bessern will. Er will, dass du Ihm gestehst: "Ich habe gefehlt," um dir zu verzeihen, um dir das Leben der Seele wiederzugeben.

Wenn du auch nichts Böses getan hättest, wenn du unschuldig wärest, dann dürftest du dich doch ebensowenig auflehnen. In der Tat gibt der Gedanke der Strafe nicht immer eine Erklärung für die Krankheiten und Schicksalsschläge des Menschen. Erinnerst du dich, was im HI. Evangelium geschrieben steht? Eines Tages begegnete Jesus einem Blindgeborenen, und als ihn die Jünger fragten, ob dieser oder seine Eltern gesündigt hätten, antwortete er: "Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, vielmehr sollen die Werke Gottes an ihm offenbar werden" (Joh. 9, 2-3). Also sind auch die Heimsuchungen des Unschuldigen eine geheimnisvolle Offenbarung der Herrlichkeit Gottes. Um dich nicht mit langen Überlegungen zu ermüden, gib acht: schau dort eine unbefleckte und heilige Mutter, sie hält auf ihrem Schoß den leblosen Leichnam ihres göttlichen Sohnes. Kannst du dir vielleicht denken, dass die schmerzhafte Mutter Gott verwünscht? Dass sie Ihn nach dem Grund eines solchen Leides fragt? Wir wären nicht erlöst, wenn diese Mutter ihren Sohn nicht unter den Martern hätte sterben sehen, und es hätte für uns nicht die Möglichkeit einer Rettung gegeben.

Auf euch alle, geliebte Söhne, die ihr das Amen der Ergebung und der Geduld noch nicht zu sprechen wisst, rufen Wir den Segen Gottes herab und bitten Ihn, dass Er einen Strahl Seines Lichtes in euer Herz sende, und ihr davon ablasst, mit eurem Willen gegen das Denken, Wollen und Wirken Gottes anzugehen; dass ihr die Überzeugung in euch weckt, der himmlische Vater sei auch dann noch voll Liebe und Wohlwollen, wenn Er es für notwendig hält, den bitteren Becher der Schmerzen zu reichen.

2. Aber es ist nicht immer so, geliebte Söhne; es gibt nicht immer nur widerspenstige Seelen, solche, die murren unter dem Druck des Leidens. Gott sei Dank, es gibt Seelen, die sich dem Willen Gottes ergeben; es gibt heitere Seelen und Seelen frohen Sinnes. Seelen, die sogar ausdrücklich das Leiden suchten. Die Geschichte einer solchen Seele hörten Wir eines Tages im strahlenden Heiligen Jahre, als Unsere Söhne und Töchter in außergewöhnlich großer Zahl aus aller Welt zu Uns eilten.

Es war ein Mädchen von 20 Jahren, von bescheidener Herkunft; ihr hatte der Herr eine große Jugendfrische und Reinheit geschenkt. Alle spürten deren Zauber, denn sie verbreitete um sich den Hauch eines unberührten Lebens. Aber eines Tages fürchtete sie, Gelegenheit zur Sünde zu werden, und als sie dessen innerlich fast sicher war, ging sie, den eucharistischen Heiland zu empfangen, und bat ihn in ungestümem Großmut, ihr alle Schönheit, ja auch die Gesundheit zu nehmen. Gott erhörte sie und nahm das Anerbieten dieses Lebens für das Heil der Seelen an. Wir wissen, dass sie noch lebt, wenn sie auch brennt und sich verzehrt wie eine lebendige Lampe vor dem Throne der Gerechtigkeit und der Liebe Gottes. Sie flucht nicht, sie murrt nicht. Sie fragt Gott nicht: "Warum?" Sie trägt stets ein Lächeln auf dem Antlitz, während sie im Herzen ständig die Ruhe und die Freude bewahrt. Sie müsste man fragen, warum sie das Leiden annimmt, warum sie sich darüber freut, warum sie die Schmerzen gesucht hat. Wie sie, müsste man Tausende von Seelen fragen, die sich Gott in stillem Ganzopfer anbieten.

3. Geliebte Söhne und Töchter! Wenn vor eurem matten Krankenblick die ganze Welt sich dunkel und drückend zusammendrängt in den engen Raum eines Kämmerleins, dann gewinnt sie im Licht des Glaubens wieder ihre unbegrenzte Weite. Der Glaube wird euch sicherlich nicht das Leiden seiner selbst wegen lieben lassen, aber er wird euch ahnen lassen, für wieviele erhabene Zwecke die Krankheit heiteren Sinnes angenommen und sogar gewünscht werden kann.

Jener Mensch hat viele Schuld zu sühnen oder wenigstens ist seine Seele nicht ohne Makel: das Leiden wird ihn reinigen. Jene junge Frau war zwar gut, aber sie hatte nicht den starken Charakter, wie eine Gattin und Mutter ihn braucht: das Leiden ist für sie wie ein Feuer geworden, das sie stählte und ihr eine große Festigkeit gab. Und du, du hast vielleicht nach dem Martyrium verlangt, du hast von einer Gelegenheit geträumt, für Jesus zu leiden; gib Gott die Ehre: dieses dein körperliches Leiden ist gleichsam ein Blutvergießen, ist eine wirkliche Form des Martyriums. Und du, du willst Jesus ähnlich sein? Willst dich umgestalten in ihn? Willst ein Lebenswerkzeug für Ihn sein? In der Krankheit kannst du das Kreuz finden und daran geheftet sein, um dir zu sterben, damit Er sich deiner bediene um zu leben. Wieviele von euch, geliebte Söhne, möchten Jesus helfen, Seelen zu retten! Opfert Ihm also eure Leiden auf nach all den Meinungen, für die Er sich ständig auf den Altären opfert. Euer Opfer, vereint mit dem Opfer Jesu, lässt viele Sünder zum Vater zurückkehren viele Ungläubige werden den wahren Glauben finden, viele schwache Christen werden die Kraft empfangen, ganz nach der Lehre und dem Gesetz Christi zu leben. Und am Tage, an dem im Himmel das Geheimnis der Vorsehung in der Heilsordnung enthüllt wird, werdet ihr endlich erkennen, wie sehr euch die Welt der Gesunden verpflichtet ist.

Damit, geliebte Söhne und Töchter, nehmen Wir Abschied von euch. Wir bitten Jesus, den Freund der Leidenden, an eurer Seite zu verweilen, in euch zu bleiben. Wir bitten die Unbefleckte Jungfrau, eure liebevolle Mutter, euch mit ihrem Lächeln zu ermutigen und euch unter ihrem Mantel zu beschützen.

14. Der Arzt und die moderne Radiologie

Ansprache Papst Pius XII. am 4. April 1954 an die Teilnehmer des Radiologenkongresses in Rom

15. Die Arbeit und Aufgabe des Pharnazeuten

Ansprache Papst Pius XII. am 17. September 1954 an die Teilnehmer am Kongress über die Geschichte der Pharmazie

16. Probleme der spinalen Kinderlähmung

Ansprache Papst Pius XII. am 11. September 1954 an die Teilnehmer des Kongresses für Poliomyelitis

17. Zur Geschichte der Medizin

Ansprache Papst Pius XII. am 17. September 1954 an die Teilnehmer des 14. Internationalen Kongresses für Geschichte der Medizin

18. Erkennen und Bekämpfen der Lungenerkrankungen

Ansprache Papst Pius XII. am 24. September 1954 an die Teilnehmer am Internationalen Kongress der Spezialisten für Lungenerkrankungen

19. Über sittliche und rechtliche Fragen in der Medizin

Ansprache Papst Pius XII. am 30. September 1954 an die Teilnehmer des 8. Kongresses der Weltgesundheitsorganisation

20. An die Teilnehmer des IV. Internationalen Kongresses der "Union Medicale Latine"

Ansprahe Papst Pius XII. am 7. April 1955

21. Über die schmerzfreie Geburt

Ansprache Papst Pius XlI. am 8. Januar 1956 an eine Gruppe von Ärzten des Internationalen Sekretariats der Katholischen Ärzte und der AMCI

22. Über die menschliche Fruchtbarkeit

Ansprache Papst Pius XII. am 19. Mai 1956 an die Teilnehmer des Zweiten Weltkongresses über Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit

23. Der Arzt und das Recht

Ansprache Papst Pius XII. an den 7. Internationalen Kongress katholischer Ärzte in Scheveningen am 11. September 1956

24. Die Bedeutung und Möglichkeiten der internationalen Zusammenarbeit im Gesundheitswesen

Ansprache Papst Pius XII. am 18. Oktober 1956 vor dem Komitee für das öffentliche Gesundheitswesen der Westeuropäischen Union

25. Bedeutung, Ziel und Aufgabe der menschlichen Anatomie

Ansprache an die Teilnehmer des 17. Nationalkollgresses der Italienischen Gesellschaft für Anatomie am 15. November 1956
(aus dem französischen Urtext im Osservatore Romano am 16. November 1956, übersetzt von Studienrat Köhne, Gliederung durch das St. Lukas-Institut)

Begrüßung

1. Meine Herren! Mit Freude begrüßen Wir Sie, die Sie eine ruhmreiche wissenschaftliche Tradition fortsetzen und sich eifrig um einen der edelsten und kostbarsten Zweige des menschlichen Wissens bemühen, um die Anatomie. Wir freuen Uns, Sie bei Gelegenheit des 17. Nationalkongresses der Italienischen Gesellschaft für Anatomie zu empfangen, der Sie in Rom versammelt hat, um die Ergebnisse Ihrer neuesten Forschungen auszutauschen.

Bedeutung der normalen menschlichen Anatomie

2. Die normale menschliche Anatomie war und bleibt immer die unentbehrliche Grundlage der biologischen und medizinischen Kenntnisse, die den Menschen zum Gegenstand haben; alle Disziplinen, die unter diesem oder jenem besonderen Aspekt versuchen, die Kenntnisse der menschlichen Person zu vertiefen, sie in ihren normalen oder pathologischen Zuständen zu erklären, müssen auf sie zurückgehen und ihre Schlussfolgerungen beachten. Deshalb wird der gegenwärtige Kongress, der dje Probleme behandelt, die die makroskopische und mikroskopische Struktur des menschlichen Körpers, die Histologie, die Embryologie sowie die Histophysik und Histochemie betreffen, sicher ein lebhaftes Interesse in den medizinischen Kreisen wecken, ebenso wie bei all denen, die von nah oder von fern die Fortschritte der Wissenschaften um den Menschen verfolgen.

Fortschritte und Aufgaben der anatomischen Forschung

3. Wenn die Anatomie sich lange auf dem Boden der makroskopischen Morphologie und der Struktur der Organe hielt, hat sie sich seit dem vergangenen Jahrhundert mit dem immer genaueren Studium der Gewebe und deren elementarem Bestandteil, der Zelle, befasst, und zwar nicht nur vom statischen und rein beschreibenden Gesichtspunkt aus, sondern auch unter dem genetischen und funktionellen Aspekt, der die beobachteten Erscheinungen im Lichte der Gesamtheit ihrer Ursachen und Zwecke betrachtet und sich bemüht, ihre Bedeutung viel vollständiger im erfassen. Die ständigen Fortschritte der Physik, der Chemie und der Technik bieten der Histologie immer größere Möglichkeiten bei der analytischen Untersuchung der lebenden Substanz. Selbst wenn man sich auf die Größen mikroskopischer Ordnung beschränkt, so bleibt noch viel zu tun in der vergleichenden und systematischen Morphologie; unter anderem muss man die größtmögliche Zahl von Beobachtungen zusammentragen, die geeignet sind, genau zu zeigen, welches die gleichartigen Teile eines oder mehrerer Organismen sind.

Neue Möglichkeiten durch Forschungsmethoden in der ultramikroskopischen Größenordnung

4. Aber man ist jetzt zur Ordnung ultramikroskopischer Größen vorgeschritten, und man ist imstande, gewisse morphologische Einzelheiten der Infrastruktur der Elemente, die die Zelle bilden, direkt zu erfassen. Man wendet außerdem die indirekte Untersuchung an, zum Beispiel das Studium der Variationen der Absorptionskraft der ultravioletten Lichtwellen oder die Empfindlichkeit bei gewissen Fermenten.

Histophysiologie, Histochemie und Histophysik

5. Die Histophysiologie sieht jetzt, wie ein fast unbegrenzter Horizont sich vor ihr eröffnet. Die mit der Kultur der Gewebe - in vitro - erzielten experimentellen Ergebnisse haben schon zu zahlreichen Erkenntnissen über die Grundeigenschaften der Zelle, über die Vorbedingungen ihres Wachsens und über die offenen oder latenten Möglichkeiten, die sie enthüllen, geführt. Man nimmt auch Untersuchungen vor über elektrische Reaktionen, die ohne weiteres auftreten oder mit den besonderen funktionellen Fähigkeiten der Gewebe auftreten. Die Kultur - in vitro - ermöglicht ebenso das Studium der grundlegenden Erscheinungen des Zellenmetabolismus und der Reaktion der Zellen auf verschiedene physische oder chemische Reize.

6. Mit der Histophysiologie erlebt die Histochemie jetzt einen viel versprechenden Aufschwung. Während man früher sich darauf beschränkte, eine kleine Zahl von Substanzen mittels bekannter chemischer Reaktionen zu bestimmen, benutzt man jetzt viel genauere mikroanalytische Methoden, die nicht nur die qualitative Analyse gewisser chemischer Zusammensetzungen ermöglichen, sondern auch die quantitative und topographische Analyse. Man kann sogar in gewissen Fällen den Dynamismus der chemischen Vorgänge feststellen, die alle fundamentalen Tätigkeiten der lebenden Substanz angehen, wie den materiellen und energetischen Metabolismus, die morphologische Differenzierung, das Wachsen und die Reizbarkeit. Die Methode der histologischen Färbung zieht ihrerseits Nutzen aus einer kritischen Umkehr, die an Stelle der empirischen Arbeitsweise wissenschaftliche und rationelle Kriterien setzt.

7. Die Histophysik ihrerseits hat die Aufgabe, zu erforschen, nach welchen physischen und physico-chemischen Gesrtzen die Verbindung der chemischen Komponenten der lebenden Substanz, zu ultramikroskopischen und mikroskopischen Aggregaten sich vollzieht. Man kann heute sehr genau die mit den biologischen Tätigkeiten verbundenen physischen Auswirkungen analysieren und ein sehr genaues quantitatives Maß davon geben. Die Histophysik steht übrigens mit fast allen anderen biologischen Disziplinen in enger Verbindung; sie führt zu einem besseren Verständnis der makroskopischen und mikroskopischen Anatomie; sie ist ein wesentlicher Teil der physiologischen Forschung, sie öffnet den Weg zum Studium der allgemeinen Pathologie und der pathologischen Anatomie; schließlich liefert sie in der Medizin die Gesamtheit der Kenntnisse, die für die Ausbildung des Pathologen und des Klinikers notwendig sind.

8. Der Fortschritt dieser verschiedenen Zweige der Histologie ist nur möglich dank der dauernden Verbesserung der Arbeitstechnik. Das Studium der lebenden Gewebe, welches das Ideal der Histologie bietet, hat leider mit ernsten Schwierigkeiten zu kämpfen; tatsächlich kann das fragliche Objekt nur eine äußerst geringe Dichtigkeit haben, und die durchsichtige Substanz wird von Elementen gebildet, deren Refraktionszeichen nur sehr schwache Unterschiede zu Tage treten lassen. Neuere optische Instrumente, z. B. das Kontrastphasen-Mikroskop oder die Verwendung der ultravioletten und infraroten Strahlen in Verbindung mit der Photographie, ermöglichen immerhin die Beobachtung sehr feiner Einzelheiten.

Das Studium der lebenden Gewebe

9. Unter den Techniken, welche die moderne Forschung anwendet, wollen Wir noch die Beobachtung im Dunkelfeld, die Verwendung des Fluoreszenz-Mikroskops, das Polarisations-Mikroskops, die Absorptionshistospektographie, die Ausnutzung der Röntgenstrahlen und die Elektronenmikroskopie erwähnen, deren praktische Anwendung übrigens eine Reihe schwieriger Probleme stellt, soweit es die Vorbereitung der zu untersuchenden Gewebe angeht.

10. Wenn die Anatomie und die Histologie sich bemühen, feinere Strukturen zu beobachten und zu studieren, genauere quantitative Maße zu geben, die Urbestandteile der lebenden Materie zu lokalisieren und zu beschreiben, so versäumen Sie es nicht, die dynamischen Phänomene zu betrachten, mag es sich nun um stationäre und reversible Vorgänge handeln, die von der normalen Histophysiologie betrachtet werden, oder um oft irreversible strukturelle und funktionelle Modifikationen, wie die der Histogenese, des Wachsens der Gewebe, ihrer Erneuerung und ihres Alterns. Und man begnügt sich nicht, diese verschiedenen Aspekte in der normalen Entwicklung der Organismen zu betrachten, sondern man ruft auf experimentellem Wege durch die Kultur - in vitro - Änderungen des Lebensmilieus hervor, welche die ungeahnten Möglichkeiten der lebenden Substanz zeigen.

Das Ziel der anatomischen Wissenschaft

11. Wenn man die Fortschritte dieser zugleich so alten und so neuen Wissenschaft ins Auge fasst, so stellt man sich ganz natürlich die Frage nach ihrem Ziel. Wird das Geheimnis des Lebens, dessen materielles Substrat Sie studieren, sich eines Tages den Augen des Gelehrten enthüllen, dem lange Analysen es endlich ermöglicht hätten, die Struktur und die Funktionen der Zelle und der Gewebe, welche die verschiedenen Organismen bilden, vollständig zu erklären ? Muss man nicht vielmehr, um deren Zweck zu begreifen, von den leblosen Urelementen, von dem komplexen Molekularaufbau, der die Zelle bildet, zurückgehen zu der Gruppierung dieser zu Geweben und diese ihrerseits als Bestandteile der Organe und die Organe selbst als Bestandteile des lebenden Wesens betrachten, dessen eigene Aktivität den Strukturen, aus denen es gebildet ist, ihren Sinn geben ? So z. B. suchen der Archäologe oder der Künstler vor einem alten Baudenkmal dessen Bedeutung nicht dadurch zu erfassen, dass sie die einzelnen Steine studieren, sondern vielmehr die Art und Weise ihrer Einordnung, die die Absicht des Erbauers verrät. Das ist der erste Gedanke dessen, der die Auswahl und Einordnung der Materialien bestimmt und nicht umgekehrt, obschon diese ihrerseits gewisse Maßnahmen erklären können, die nebensächlicher Natur sind.

Teile können nur aus dem Ganzen erklärt werden

12. Wenn man das Leben erklären will, muss man es an der Quelle suchen, dort, wo es sich in seiner Ganzheit findet, und dessen niedere Formen erklären, indem man von der höheren Form ausgeht; mit anderen Worten, wenn die belebte Welt die zwei untrennbaren Seiten des Stofflichen und des Geistigen zeigt, so wäre es ein eitles Unterfangen, den Geist durch die Materie zu erklären, ihn gewissermaßen daraus hervorgehen lassen zu wollen. Es ist die menschliche Intelligenz, die die Wissenschaft des materiellen Seins aufbaut, dessen Struktur, erklärt und es seinen Zwecken dienstbar macht. Und diese Intelligenz hat ein Leben höheren Grades, es kann mit dem der vernunftlosen Wesen nur ganz entfernt verglichen werden.

Die Abhängigkeit des Menschen von Gott, durch den erst alles Existierende er klärt werden kann

13. Immerhin ist der Geist des Menschen nicht das Maß an sich: er hängt in jedem Augenblick in seinem Leben und seiner doppelten spekulativen und praktischen Tätigkeit von einem höheren Wesen ab, das ihm seine Verantwortlichkeit zumisst und seine Berufung bestimmt. Die Fülle des Lebens findet sich nur in Gott, und durch ihn allein muss man alles erklären, was existiert, den Menschen zunächst, aber auch alle niederen Formen des Lebens.

Aufgabe und Versuchung jeder Wissenschaft um den Menschen

14. Wir haben gesehen, dass die eingehendsten Untersuchungen der Histologie den dynamischen Gesichtspunkt mit der Betrachtung der statischen Formen verbinden müssen. Das ist der erste Schritt auf diesem Erfolg versprechenden Wege, dem sich kein Gelehrter, der dieses Namens würdig ist, entziehen kann. Jeden der Zweige Ihrer Wissenschaft in das Ganze, zu dem sie gehört, einordnen, das Studium des menschlichen Körpers durch das der Seele erweitern und diese in dem allgemeinen Plan des Schöpfers selbst sehen: das ist die Aufgabe einer wirklichen Wissenschaft um den Menschen, die nicht wie ein sich selbst genügendes Ganzes aufgebaut ist, sondern den höchsten Zielen dienen will, zu denen der Mensch berufen ist. Eine der furchtbarsten Versuchungen der wissenschaftlichen Arbeit besteht wohl darin, dass man eine Burg des Stolzes, einen modernen Turmbau von Babel errichtet, gleichsam als Herausforderung der menschlichen Intelligenz gegenüber der Allmacht des Schöpfers.

Abschluss und Segen

15. Aber Sie, meine Herren, die den Vorzug haben, Ihre Arbeit dem Studium des menschlichen Organismus zu widmen, haben mehr als andere Anlass, in enger Verbindung mit der eigentlichen Quelle des Lebens zu bleiben, mit diesem Gott, der sich den Herzen seiner Kinder noch mehr offenbart als in dem unvollkommenen Bild der sichtbaren Schöpfung. Möge sein Licht stets Ihren Geist erleuchten und Ihre Schritte lenken, damit die geduldige und schwere Forschungsarbeit, der Sie nachgehen, statt Sie von ihm zu entfernen, Sie immer wieder zu ihm führt und Sie die Güter finden lässt, die unvergänglich sind. Als Unterpfand der göttlichen Gnade erteilen Wir Ihnen selbst, Ihren Familien und Ihren Mitarbeitern von ganzem Herzen Unseren Apostolischen Segen.

26. Religiös-sittliche Fragen zur Anästhesiologie

Ansprache Papst Pius XII. am 24. Februar 1957

27. Moralische Probleme der Wiederbelebung

Ansprache Papst Pius XII. am 24. November 1957 in Rom

28. Ansprache Papst Pius XII. an die Strahlungswissenschaftler vom 16. April 1958 in Rom

(Quelle: Grundfragen der ärztlichen Ethik, Nr. 28; übersetzt aus dem französischen Text aus dem Osservatore Romano vom 17. April 1958 von Dr. Meisner, Düsseldorf; Überschriften vom Lukas-Institut)

Begrüßung

1. Ich begrüße Sie herzlich, meine Herren! Sie nehmen an dem internationalen Symposion über die Größen, Einheiten und Messungen der ionisierenden Strahlen teil, das in Rom durch die italienische Gesellschaft für medizinische Strahlenkunde und Kernmedizin veranstaltet wird. Mit Freude empfangen Wir immer - wie Sie wissen - die Forscher und Praktiker, die zu einem Kongress zusammenkommen, um die Ergebnisse ihrer Arbeiten gegenüberzustellen. Wenn in erster Linie die reine Wissenschaft daraus bestimmte Vorteile zieht, so werden in der Folgezeit Unzählige, ohne es vielleicht selbst zu vermuten, von diesen neuen Errungenschaften und der Vervollkommnung der Methoden Nutzen haben.

Bedeutung und Wirkungen der Strahlen

2. Die Ausdehnung der medizinischen Strahlenlehre und die Verwendung der Strahlungen in der Biologie und in der Industrie lassen es mit zunehmender Dringlichkeit nötig werden, die Stärke und die biologischen Auswirkungen zu messen. Niemand wertet in der Tat die Gefahr gering, die die Strahlen für den Organismus bringen können. Das Beispiel der Röntgenologen, die ihre Opfer wurden, und vor allem die anschaulichen zerstörenden Wirkungen der nuklearen Kräfte sind den Vorstellungen der Menschen von heute nur allzu gegenwärtig. Sie selber heben in einem Ihrer Referate die ungünstigen Einwirkungen hervor, die sie im allgemeinen auf die Keimzellen haben. Daraus folgt eindeutig die Notwendigkeit, die Stärke der Strahlungen bei den verschiedenen Anwendungen so genau wie möglich zu messen. Aber hierbei ringen Sie mit zwei Arten von Problemen: einem aus der begrifflichen Ordnung und einem aus der praktischen Ordnung. Es ist zunächst der Begriff der "Dosis der Strahlung", der in Frage steht und der - wie Sie sich erinnern - im Verlaufe des letzten halben Jahrhunderts eine langsame Entwicklung durchgemacht hat. Um auf die Erfordernisse einer Genauigkeit zu antworten, wurde man dazu geführt, zwischen der "Dosis der eingestrahlten Strahlenmenge" und der "absorbierten Dosis" oder "wirksamen Strahlenmenge" zu unterscheiden und infolgedessen verschiedene Einheiten für eine jede aufzustellen: Röntgen(r) und "rad". Die Frage ist übrigens noch nicht erschöpft und Sie sprechen bei diesem Symposion über die Merkmale anderer Einheiten und den Nutzen, den ihre Anwendung unter anderem zum Schutz der Bevölkerung gegen schädliche Strahlen bietet.

3. Im praktischen Bereich prüfen Sie die Methoden für die Messung der Strahlungen, ihren Genauigkeitsgrad, ihre Nachteile und die Störungsfaktoren. Sie heben die speziellen Gesichtspunkte dieser Untersuchung hervor, wenn man in der Tiefenbestrahlung die beträchtlichen Energien einsetzt, die die modernen Elektronenbeschleuniger liefern.

Würdigung der Forscher in der Strahlenkunde

4. WeIcher Uneingeweihte staunt nicht vor der Vielschichtigkeit, die dieses immer doch durch die Strahlenkunde wohl begrenzte Gebiet enthüllt! Aber wie könnte man überdies die Ausdauer der Forscher und ihre außerordentliche Sorgfalt nicht bewundern, die sie dazu drängt, sich nicht mit annähernden Schätzungen zufrieden zu geben, sondern eine unerbittliche Vervollkommnung ihrer Instrumente zu verfolgen ? Eine Anstrengung, die weithin durch den Ernst dessen, was auf dem Spiele steht, gerechtfertigt ist, nämlich letztlich durch die Menschenleben, deren Schicksal oft von der angemessenen Anwendung der Radiotherapie abhängt. Es ist nichts Kleines und nichts überflüssiges, wenn es sich darum handelt, in stärkerem Maße dem Nutzen der Person zu dienen. Doch man muss auch wissen, worin ihre wahre Größe besteht und die ungeheueren Quellen, über die die moderne Technik verfügt, nur unter der Rücksicht auswerten, die geistigen Kräfte zu vermehren und sie von dem Zwang des Körpers und der Materie zu befreien. wohin zielte die geduldige Arbeit der unter großen Kosten aufrecht gehaltenen Forschungsgemeinschaften, wenn sie nicht in der zunehmenden Befreiung des Menschen endigte, in der Unterdrückung seiner physischen und moralischen Fesseln, in der klugen Anwendung seiner erhaltenen oder wiedergewonnenen Kräfte?

Die Offenbarung des letzten Zieles als Ursache unserer österlichen Hoffnung

5. In dieser Osterzeit ladet die Kirche, die den Triumph Christi über den Tod und alle Arten des Übels feiert, den Menschen in seinem Bemühen ein, sich ihr anzuschließen. Möge die christliche Hoffnung auch die Ihre sein und Ihnen die Kraft ihrer lichtvollen Gewissheit geben ! Über den Erfolg und die Rückschläge, die den allmählichen Fortschritt jedes individuellen Lebens abstecken, offenbart sie das letzte Ziel, das diesem arbeitsreichen Weg die Richtung gibt und das der heilige Paulus in diesen Worten ausdrückte: "Der, welcher Christus Jesus von den Toten erweckt ,hat, wird auch euren sterblichen Leibern das Leben geben durch seinen Geist, der in euch wohnt" (Röm. 8, 11).

Segen

6. Als Unterpfand des Schutzes und der göttlichen Gnaden, die Wir inständig auf Sie und alle, die Ihnen teuer sind, herabrufen, erteilen Wir Ihnen gern Unseren Apostolischen Segen.

29. Der Arzt im Dienst der Ehe

Ansprache Papst Pius XII. vom 8. Oktober 1953 an die Teilnehmer des XXVI. Kongresses der italienischen Urologenvereinigung

30. Die soziale Bedeutung des öffentlichen Gesundheitswesens

Ansprache Papst Pius XII. vom 27. Juni 1949 an die Mitglieder der Weltgesundheitsorganisation

31. Über die Probleme der Moral in der angewandten Psychologie

Ansprache Papst Pius XII. am 10. April 1958 an die Teilnehmer des 13. Internationalen Kongresses für angewandte Psychologie

32. Ansprache Papst Pius XII. an Ärzte aus Spanien am 8. Juni 1958

Ansprache über den Glauben für den Arzt
(Quelle: Grundfragen der ärztlichen Ethik, Nr. 32, übersetzt aus dem Spanischen von Dr. Maximilian Loosen, Überschriften vom St. Lukas-Institut)

Begrüßung

1. Wenn es immer etwas Angenehmes ist, in der Phantasie den Ablauf der Jahre sich zurückzurufen und noch einmal jene heiteren Zeiten zu erleben, die der Jugend Tage waren, um wieviel angenehmer ist das dann, geliebte Söhne, Ärzte aus Barcelona, die Ihr Euer silbernes Berufsjubiläum feiert, wenn es gilt, die Tage ins Gedächtnis zurückzurufen, die Ihr in den Hallen der Universität verbracht habt, in jenen Sälen und bei jenen Studien, die Euch voll von Verheißungen zulächelten ? Wir gratulieren, geliebteste Söhne, zu diesem glücklichen Anlass und danken tausendmal für diese Sohnesgeste, hierher gekommen zu sein und dieses Jubiläum mit Eurem gemeinsamen Vater zu feiern. Aufs Neue habt Ihr damit diese tiefe Gläubigkeit bekundet, die Euch erleuchtete in den vergangenen schweren Stunden, Euch beglückt im jetzigen Augenblick und Euch ihren mächtigen Schutz für die Zukunft verspricht.

Der Glaube als das Licht des Lebens und des ärztlichen Berufes

2. dass der Glaube das Licht Eures Lebens in den verflossenen fünfundzwanzig Jahren war, wißt Ihr sehr wohl, katholische Ärzte, für die ja die Ausübung des Berufes die Gelegenheit war, die Fortschritte Eurer Wissenschaft mit den unveränderlichen Grundsätzen des christlichen Sittengesetzes zu vereinen. Mehr als einmal haben Wir selbst auf Bitten berühmter Kollegen Eures Standes die Grenzen dieser Koordinierung bestimmt. Heute wollen Wir uns nur einfach auf Euer Zeugnis berufen und Euch fragen, ob es nicht gewiss ist, dass ohne diese Moral Euer Beruf unmöglich jene Würde bewahrt, jene Ehre und Achtung, deren er bedarf, um sich das nötige Vertrauen Eurer Patienten zu verschaffen, das so sehr Eure Arbeit erleichtert.

3. Der Glaube ist ferner das Licht, das für Euch das Feld des Erlaubten und das des Nichterlaubten abgrenzt; Licht jedoch auch, das Euch im Kranken einen Körper sehen lässt, der Wohnstatt einer Seele ist; Licht, das Eure Mitmenschen Euch als Kinder des gleichen himmlischen Vaters und folglich als Eure Brüder zeigt; Licht, das in Euren Herzen das heilige Feuer der Liebe entzündet, die nicht nur von Berufs wegen behandeln will, sondern aus Nächstenliebe. Licht ist der Glaube, das Euch daran erinnert, dass Ihr etwas vermögt, aber nur insoweit Ihr Insrumente dessen seid, der allein fähig ist, Körper und Seelen zu heilen. Licht endlich ist Euch der Glaube, Licht, das Euch den Wert und die Größe der Opfer erkennen lässt, die Euer Beruf Euch auferlegt.

Von ganzem Herzen danken Wir dem Herrn für soviel Licht, das er bis heute über Euch ausgießen wollte den Pfad Eures Lebens entlang.

Der Glaube als Segen für das Leben und den ärztlichen Beruf

4. Doch Wir schauen Euch in die Augen, geliebteste Ärzte, und Uns scheint, Eure Augen von Zufriedenheit überfließen zu sehen, von Zufriedenheit, die nicht nur mit der Freude dieser Stunde zu erklären ist, sondern die Wir interpretieren möchten als die berechtigte Zufriedenheit eines Menschen, der bei der Rückschau auf sein Leben feststellen darf, dass er dank seines Glaubens immer seine Pflicht getan hat.

5. Oh ja, gesegneter Glaube, der es Euch erlaubt, in diesem Augenblick mit reinen Augen Euch Eurem Vater vorzustellen! Gesegneter Glaube, der Euch als gerechten Lohn jene Ruhe des Gewissens gibt, die auf Erden keinen Preis hat! Gesegneter Glaube, der Euch mit erhobener Stirn zu Euren Kranken führt oder sie in Euren Kliniken und Konsultationsräumen empfängt! Gesegneter Glaube, der es Euch gestattet, Euch ohne Furcht der Gegenwart Gottes zu stellen und an ihn Eure Bitten ohne Scheu und ohne Verstellung zu richten. Einmal eine Pause im Leben zu machen, liegt für viele in Reichweite; dabei spüren, dass sich in der Erinnerung Freuden und Schmerzen häufen, glückliche und traurige Stunden, stille Erinnerungen und angstvolle, ist etwas, was mehr als einem widerfahren kann. Doch es erreichen, dass über allem, so wie die Sonne über ein Wolkenfeld scheint, ein Gefühl süßen Trostes vorherrsche und liebewerten Friedens im Herrn, das ist nur denen vorbehalten, die verstanden, ihren Glauben zu leben und niemals den rechten Weg zu verlassen.

Der Glaube als Ursache des Vertrauens auf die Zukunft

6. Doch man darf nicht verweilen, denn das Leben drängt, und man muss ohne Schwanken vorwärts schreiten. Fünfundzwanzig Jahre auf den Schultern sind gleichsam die Vorbereitung für viele andere, die vor Euch liegen, vielleicht voll von Unbekanntem und von Problemen, nicht nur in rein menschlicher Hinsicht sondern auch in beruflicher Sicht auf Eurem eigenen Gebiet, auf dem die riesigen Fortschritte und Errungenschaften der Wissenschaft und der modernen Technik nicht immer ihr Gegengewicht finden in einer parallelen Entwicklung auf religiösem und sittlichem Gebiet zur augenscheinlichen Gefährdung des lebenswichtigen Gleichgewichts zwischen beiden Gebieten: So etwa wie wenn man in einem eindrucksvollen Palaste wohnte, der - unharmonisch und unproportioniert erweitert - von einem Augenblick zum andern über Euren Köpfen zusammenstürzen könnte.

7. "Nolite timere", geliebteste Söhne, fürchtet Euch nicht, Ihr die Ihr bisher aus dem Glauben zu leben wusstet! Sicher zeigt sich der Horizont beladen mit dunklen Wolken und droht von allen Seiten der Orkan. Es ist wahr, dass der Materialismus und der Egoismus sich überall einschleichen mit solcher Heftigkeit und Bosheit, dass man nicht weiß, wie man sie aufhalten soll. Wer jedoch aus dem Glauben lebt, wer bis jetzt in ihm alle notwendigen Heilmittel zu finden wusste, darf sicher sein, dass er auch in den kommenden Jahren ihm seine Stütze und Stärke, seine Hilfe und Heilung anbietet, vorausgesetzt, dass Ihr jene Gnadenquellen nicht verlasst - Gebet, Sakramente, christlichen Bußgeist -- aus denen er selbst emporwächst und erstarkt. Ärzte aus Barcelona! Hoch hinaus müsst Ihr streben als Ärzte, wenn Ihr dem Weltruf Eurer Stadt entsprechen wollt, jenem Weltruf, den sie auf einigen Sondergebieten, wie der Ophthalmologie, errungen hat. Doch weit mehr erwarten wir von Euch als Christen, wenn Ihr würdige Söhne Eures Volkes, Eurer Provinz, Eures Vaterlandes sein wollt.

Segen

8. Gott segne diese ganz besonders und mit ihnen Euch, Eure anwesenden und abwesenden Familienmitglieder, Eure Kranken und Eure Arbeiten und alles, was Ihr jetzt in Gedanken und im Herzen tragt!

33. An die Teilnehmer des XII. Kongresses der "Lateinischen Gesellschaft für Hals-, Nasen- und Ohrenmedizin"

Ansprache am 28. Juni 1958
(Quelle: Grundfragen der ärztlichen Ethik, Nr. 32; aus dem Französischen von Franz Schmal, Gliederung vom vom St. Lukas-Institut)

Begrüßung

1. Sehr geehrte Herren, Wir freuen Uns, heute die Mitglieder des 12. Kongresses der "Lateinischen Gesellschaft für Hals-, Nasen- und Ohrenmedizin" zu empfangen, die zum ersten Mal seit ihrer Gründung Rom als Tagungsort ihres alle zwei Jahre stattfindenden Kongresses gewählt hat. Wir wissen das Zeugnis Ihrer ehrerbietigen Verbundenheit sehr zu schätzen und sprechen die besten Wünsche für den Erfolg Ihrer Arbeiten aus.

Würdigung des Kongresses und seiner Themen

2. Wir kennen sehr wohl die Bedeutung der "Gesellschaft für Hals-, Nasen- und Ohrenmedizin", welche die tüchtigsten Spezialisten in sich vereinigt, Universitätsprofessoren, Krankenhauschefärzte, berühmte praktische Ärzte aus allen lateinischen Völkern Europas und Amerikas. Bei diesem Zusammentreffen gehen Sie an einen sehr komplexen und noch wenig erforschten Gegenstand heran: "die hormonalen und neuro-vegetativen Störungen in der Hals-, Nasen- und Ohrenmedizin". Obwohl die Ankündigung Ihres Kongresses und die Schriftsachen, die ihn illustrieren, Uns erst in letzter Stunde erreicht haben, konnten Wir es nicht versäumen, ihm das ganze Interesse, das er verdient, entgegenzubringen und Ihnen die Erwägungen, die er in Uns weckt, mitzuteilen.

Die zwei Richtungen der medizinischen Forschung

3. Welches Spezialfach man auch immer betrachten mag, der Fortschritt in der Medizin vollzieht sich nach zwei grundlegenden Richtungen: die erste fördert das analytische Studium der Struktur und Funktion eines Organs oder einer bestimmten Organgruppe; die zweite prüft deren Beziehungen zu allen andern, um ihre eigene physiologische Aufgabe genau zu umreißen, die entfernten Ursachen ihrer Störungen und ihren Einfluss auf den übrigen Organismus festzustellen.

4. Diese beiden Blickrichtungen, die sich der medizinischen Forschung im allgemeinen gebieterisch aufdrängen, interessieren besonders die Spezialisten. Sie bedingen in der Tat den wirklichen Fortschritt jedes ihrer Zweige, die das Feld der modernen Medizin unter sich geteilt haben, um den Interessen des einzelnen und der Wissenschaft besser dienen zu können. Und wenn es sich um eine Wissenschaft wie die Hals-, Nasen- und Ohrenmedizin handelt, die sich mit hoch differenzierten Strukturen und bestimmten Organen der für das psycho-physische Gleichgewicht des einzelnen wesentlichen höheren Sinne beschäftigt, dann ist es eine unbedingte Notwendigkeit, die beiden grundlegenden Blickrichtungen der Forschung nicht im geringsten voneinander zu trennen. Wer immer sich für die Hals-,Nasen- und Ohrenmedizin interessiert, stellt sehr schnell fest, dass der unablässige Wille zur Zusammenarbeit mit den anderen Disziplinen und das Studium der wechselseitigen Beziehungen zwischen den Organen die wesentlichen Faktoren waren und bleiben, die ihren Fortschritt bestimmen. Die Schwierigkeiten einer solchen Arbeit sind ohne Mühe zu entdecken. Denn wenn das Studium der getrennten Organe einen für die Analyse sehr begabten Verstand erfordert, so verlangt das Studium ihrer gegenseitigen Beziehungen eine Fülle sehr verschiedener ärztlicher Kenntnisse und eine mit den Hauptproblemen der Medizin wohlvertraute Intelligenz.

Die Bedeutung des endokrinen und neuro-vegetativen Systems für die Hals-, Nasen- und Ohrenmedizin

5. Das Programm Ihres Kongresses, das den "hormonalen und neuro-vegetativen Störungen in der Hals-, Nasen- und Ohrenmedizin" gewidmet ist, berührt tatsächlich zahlreiche Fragen der speziellen Pathologie und bemüht sich, sie mit ihren Grundursachen, das heißt mit den Störungen des endokrinen und neuro-vegetativen Systems in Zusammenhang zu bringen und so die Bemerkungen, die Wir soeben gemacht haben, zu illustrieren.

6. Zum ersten Mal wird dieser Gegenstand auf eine synthetische Weise angegangen. Übrigens selbst für jeden getrennt betrachteten Sektor der Hals-, Nasen- und Ohrenmedizin gibt es keine Arbeiten, die speziell den Störungen gewidmet sind, die im endokrinen und neuro-vegetativen System ihren Ursprung haben. Wenn Ihr gegenwärtiger Kongress sich bemüht. diese Lücke zu schließen, stößt er zunächst auf die Schwierigkeit, ähnliche und mitunter sich teilweise überschneidende Gegenstände voneinander exakt abzugrenzen.

7. Die Grenze, die das endokrine vom neuro-vegetativen System trennt, ist an und für sich unsicher, weil es hier keine klar gezogene Grenze gibt und jedes dieser bei den Systeme bei allen Lebensprozessen eine grundlegende Rolle spielt, das erste durch die Hormone, die durch die Blutbahn alle Organe und Gewebe erreichen, das zweite durch seine im ganzen Organismus vorhandenen Verzweigungen. Deshalb ist es schwierig, die Fälle, in denen sie für die beobachteten Symptome erstverantwortlich sind, von jenen zu unterscheiden, in denen sie zwar in der vordersten Linie bleiben, aber nicht die Hauptursache der in Frage stehenden Unordnung sind.

8. Um die Bedeutung der Hals-, Nasen- und Ohrenpathologie stärker zu unterstreichen, lohnt es sich, rasch einige ihrer Aspekte am Auge vorüberziehen zu lassen, die hormonale oder neuro-vegetative Störungen zur Ursache haben.

9. Zahlreich sind die Ohrenbeschwerden, das heißt die Beschwerden des Hörapparats im eigentlichen Sinn und des Ohrvorhofs, die aus primären Veränderungen des neuro-vegetativen und hormonalen Systems hervorgehen. In bestimmten Fällen erleidet die Hörfunktion eine spürbare Minderung, die sogar bis zur völligen Taubheit gehen kann, während sich mitunter Störungen wie die Akuphäne (Ohrenklingeln) zeigen, die das psychische Gleichgewicht des Patienten tiefgreifend zu stören und ihn sogar zu Verzweiflungstaten hinzureißen vermögen.

10. Man kann wohl im allgemeinen sagen, dass die hormonal oder neuro-vegetativ bedingten Gehörstörungen, ohne weniger bekannt zu sein, bei der heutigen Hals-, Nasen- und Ohrenmedizin weniger Interesse wecken als die Erkrankungen des Vorhofs, eines Gleichgewichtsorgans. Diese treten in der Tat so dramatisch auf, dass sie sich sofort der Aufmerksamkeit aufzwingen, selbst wenn die Schädigungen der Hörfunktion nicht fehlen.

11. Das ist der Fall bei den Meniéreschen Syndromen, von denen nicht wenige eine hormonale oder neuro-vegetative Ursache haben. Dieselben Faktoren kommen auch in Frage bei den ähnlichen allergischen und vaskulären Syndromen, die schon länger bekannt, aber in der klinischen Praxis noch schwer deutbar sind.

12. Dem Spezialarzt drängt sich die Pflicht auf, das Feld der Kenntnisse, die auf diesem Gebiet erworben wurden, auszudehnen und die technischen Methoden, die dem Patienten zu helfen vermögen, zu vervollkommnen. Doch müssen diese Bemühungen begleitet sein von menschlichem Mitgefühl und tiefer Liebe, die ihm helfen, die Angst des Kranken zu erraten, an seinem Leiden teilzunehmen und es zu mildern. Neben den äußersten Fällen, deren schwerste einerseits die unvorhergesehene Taubheit, andererseits die empfindlichen Übel eines andauernden Schwindelzustandes sind, wie viele andere, Gott sei Dank, weniger aufregende, aber von ernsten sozialen Unannehmlichkeiten begleitete Fälle gibt es doch, die als Endergebnis funktionelle Störungen und die partielle Invalidität haben.

13. Heute verfügt der Arzt über wirksamere Mittel als früher. In bestimmten bisher noch "verzweifelten" Fällen kann er mit Erfolg eingreifen. Wenn die medizinischen Bemühungen nicht zum erwarteten Ergebnis führen, kommen die moderne Chirurgie und die physikalische Therapie zu Hilfe und erlauben - wenn sie auch kein Anrecht auf die "restitutio in integrum" verleihen - immerhin, die Grundübel zu mildern oder zu vertreiben. Es ist deshalb umso wichtiger, in jedem Fall die Krankheitsursache exakt festzustellen, um das reiche therapeutische Arsenal, das die Wissenschaft Ihnen heute zur Verfügung stellt, mit gutem Erfolg anzuwenden.

14. In den übrigen Sektoren der Hals-, Nasen- und Ohrenmedizin können die klinischen Erscheinungen nicht so besorgniserregend sein wie jene, von denen Wir soeben bezüglich des Gehörs gesprochen haben. Doch auch sie enthüllen schwere funktionelle und kinaesthische Störungen. Bei den Nasenhöhlen zum Beispiel stellen sich die funktionellen und neuro-vegetativen Störungen unter verschiedenen Formen vor. Sie erstrecken sich von der vasomotorischen Rhinitis zu den sphonopalatinen Syndromen, von den endokrin und neuro-vegetativ bedingten reflexen Algien und Cephalo-Algien zur Epistaxis und zu den atrophischen Rhinitiden. Dieses Gebiet ist, wie Sie wissen, sehr ausgedehnt und wird sich mit dem Fortschritt der Wissenschaft immer weiter ausdehnen. Die Nasenhöhle erfüllt in Wirklichkeit noch viel höhere Funktionen als nur die, dem Körper Luft zuzuführen. Soweit sie Atemwerkzeug ist, betätigt sie sich vielmehr wie ein Sphincter, ein Regulator des Luftstroms je nach den Erfordernissen jedes individuellen Organismus. Man kann die Nasenhöhle auch als Vorzimmer des Geruchsinns betrachten, dessen Bedeutung für den Menschen nicht geringer ist als für die Tiere. Die Empfindlichkeit des Trigeminus und des Riechnervs bildet eine Quelle von Wahrnehmungen, die für das Zusammenleben nicht nebensächlich sind. Der Geruchsinn zählt wegen seiner engen Verbindung mit dem Geschmacksinn zu den Hauptbestandteilen der vegetativen Selbstregulierung und bestimmt in gewissen Weise die Ausnützung der Nahrung. Diese Funktionen sind also nicht sekundär und rechtfertigen das Interesse, das sich den Krankheiten dieses Sektors zuwendet.

15. Ahnliche Betrachtungen stellen sich ein bezüglich der endokrinen und neuro-vegetativen Störungen des Schlundes. Im letzten Stadium der hypertrophen oder atrophischen Pharyngitis sind einige von ihnen ziemlich schwere Krankheiten. Dasselbe gilt bezÜglich der Nasenhöhlen von bestimmten atrophischen Störungen, die zum Ausschluss aus dem sozialen Leben führen können und dadurch das psycho-physische Gleichgewicht des Menschen schwer in Mitleidenschaft ziehen.

16.' Der Hals in seiner Doppelrolle als Atmungs- und Stimmorgan kann auch ziemlich oft getroffen werden. Im allgemeinen handelt es sich um heilbare Störungen, die jedoch wie zum Beispiel bestimmte akute Ödeme neuro-vegetativer und hormonaler Art dramatische Atmungssituationen hervorrufen können.

17. Die Beziehungen zwischen den endokrinen Drüsen, dem neuro-vegetativen System und dem Bronchialapparat sind sehr eng. Gewöhnlich zeigen sie sich bei einem Bronchialasthma, das sehr häufig auf hormonale Unausgeglichenheiten und Störungen des neuro-vegetativen Apparates zurückgellt. Dieselben Ursachen finden sich wieder in der Pathogenese der allergisch genannten Erscheinungen, deren Name allein Uns davon dispensiert, genauere Definitionen zu geben. Indessen wollen Wir noch bemerken, dass diese Erscheinungen und Störungen die Eigenart besitzen, dass sie wegen ihrer häufigen Wiederkehr eine Invaliditätsursache bilden und beim Patienten einen Minderwertigkeitskomplex hervorrufen, der ihn oft dazu treibt, sich aus der Gesellschaft zurückzuziehen.

18. Diese kurzen Angaben genügen, um die nicht nur theoretische, sondern auch praktische Bedeutung des Gegenstandes Ihrer Diskussionen zu unterstreichen. Sie rücken die Tatsache ins Licht, dass auf dem hals-, nasen- und ohrenmedizinischen Gebiet an und für sich minimale Veränderungen in diesen feinen Organen Wirkungen hervorrufen können, die mit der Funktion selbst zugleich das psycho-physische Gleichgewicht des Kranken zu stören vermögen.

Die Bedeutung des Berufsideals für die Forschung und Praxis

19. Zu Beginn dieser Ansprache haben Wir die Notwendigkeit betont, die wissenschaftliche medizinische Forschung auf zwei verschiedenen, aber sich ergänzenden Ebenen voranzutreiben, auf der Ebene der Analyse und der wechselseitigen Beziehungen zwischen den Organen. Doch diese Forschung selbst erfordert ein Berufsideal, eine Auffassung des Menschen und der Welt, die diese so schwierigen Bemühungen krönt und ihnen einen bleibenden Wert verleiht. Ihre in sich schon so segensreiche Tätigkeit erhält dann einen neuen Sinn: sie spiegelt nicht nur die durch zähe Arbeit geduldig erworbene hohe Kompetenz wieder, sondern auch den ehrlichen Willen, noch unvergleichlich edleren geistigen ZieIen zu dienen. Sie erinnern sich an die Antwort, die der göttliche Meister den Jüngern Johannes des Täufers gab, die Ihn in dessen Auftrag fragten: "Bist Du es, der da kommen soll oder sollen wir auf einen andern warten ?" - "Gehet hin und meldet Johannes", erwiderte Jesus, "was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf und den Armen wird die Frohbotschaft verkündet" (Lk. 7,20-22)!

20. Die Wunder des Herrn waren also Zeichen Seines göttlichen Ursprungs und Seiner Sendung. Sie waren deshalb für die Kranken, denen daraus Segen floss, nicht weniger auch unermessliche Gunsterweise. Wir wagen zu glauben, dass Sie in diesen auserlesenen Stunden, in denen Sie über das Endziel, das Ihren Bemühungen Richtung gibt, nachsinnen, mitunter den Gang Christi mitten durch die menschlichen Leiden ins Gedächtnis zurückrufen. Wieviele Angstschreie, wieviele dringende Hilferufe stiegen zu Ihm auf und flehten Ihn an, die Gesundheit zu gewähren, den Gebrauch eines gelähmten Gliedes, eines kranken Organs wiederzugeben! Wie die Gesten Christi diese Bedrängten befreiten, so mögen auch Ihre Bemühungen die Qual der Menschen lindern und vor allem den Willen des göttlichen Erlösers fortleben lassen, dadurch die Herzen auf das Kommen des Gottesreiches vorzubereiten, und sie demütig und dankbar machen. Könnten Sie doch, während Sie die Krankheiten des Leibes beseitigen, genau so die Krankheiten der Seele heilen und die Freude eines Lebens kosten, das erfüllt ist mit Gütern, die nicht vergehen werden!

Abschluss und Segen

21. Nochmals, sehr geehrte Herren, geben Wir Ihnen die Versicherung unserer Hochachtung für den Beitrag, den Sie zum Fortschritt der Hals-, Nasen- und Ohrenmedizin leisten, und für den hingebenden Eifer, den Sie bei Ihren Kranken entfalten. Möge der Herr Sie dafür belohnen und mit Seinen Wohltaten überschütten! Wir bitten Ihn inständig darum, während Wir zu gleicher Zeit als deren Unterpfand für Sie, für Ihre Familien und für alle, denen Ihre Sorge gilt, Unseren Apostolischen Segen erteilen.

34. Über genetische Probleme in der Hämatologie

Ansprache Papst Pius XII. am 5. September 1958 an den Internationalen Kongress für Blutübertragung

35. Über die Psychopharmakologie und ihre sittlichen Normen

Ansprache Papst Pius XII. am 9. September 1958 an den Kongress des "Collegium Internationale Neuro-Psycho-Pharmacologicum" in Rom

36. Die Vererbung krankhafter Anlagen und Möglichkeifen ihrer Vermeidung

Ansprache Papst Pius XII. am 12. September 1958 an den 7. Internationalen Kongress für Hämatologie

37. Die Bedeutung der Plastischen Chirurgie

Ansprache am 4. Oktober 1958

an die Teilnehmer des 10. Kongresses für Plastische Chirurgie
(Offizieller italienischer Text: AAS 46 [1958] 952-955)

(Quelle: Grundfragen der ärztlichen Ethik, Nr. 37, übersetzt von Herrn Kaplan Hermannn Thol, Gliederung vom Lukas-Institut)

Begrüßung

1. Zur lebhaften Genugtuung gereicht uns, Ihr Herren, Ihr Besuch, die Sie am X. Kongress der Plastischen Chirurgie teilnehmen. Sie sind in der Ewigen Stadt mit der doppelten Absicht zusammengekommen, mit dem Studium die vielfachen Aspekte dieses neuen Zweiges der medizinischen Wissenschaft zu ergründen und durch Ihre Gegenwart die feierliche Eröffnung der für die spezielle Chirurgie bestimmten und in der St.-Eugen-Klinik durch die Initiative der Römischen Krankenhaus-Vereinigung errichteten Abteilung hervorzuheben.

Die Bedeutung der Plastischen Chirurgie

2. Die Tatsache, dass eine öffentliche Krankenhausverwaltung, wie es die berühmte und wohlverdiente römische Anstalt ist, die Einrichtung einer Abteilung der Plastischen Chirurgie, die bis jetzt in dieser oder jener Klinik geübt wurde, gefördert hat, ist ein sprechender Beweis für die ernste und bedeutungsvolle Entwicklung, die von diesem Zweig der Chirurgie erreicht worden ist. In der Tat hat die Plastische Chirurgie, oder wie sie auch unter Berücksichtigung der leichten Verschiedenheiten dessen, was gemeint ist, genannt wird, Ästhetische oder Wiederherstellende Chirurgie, -- schon seit den ältesten Zeiten verhältnisweise und mit rudimentären Mitteln geübt - im gegenwärtigen Jahrhundert Riesenfortschritte gemacht, sich aber erst in den letzten 30 Jahren von der allgemeinen Chirurgie abgehoben. Zu einer solchen selbständigen Stellung hat zu einem Teile der allgemeine Fortschritt der medizinischen Wissenschaften mitgewirkt; zum anderen die Zunahme der Fälle, die ein Eingreifen des wiederherstellenden Chirurgen erfordern, Fälle, die sich ergeben aus der Vervielfachung von entstellenden Verwundungen, sei es als Auswirkung der beiden Weltkriege, sei es durch Unfälle bei der Bedienung von Arbeitsmaschinen oder Verkehrsmitteln. Aber als Hauptursache der Entwicklung dieser speziellen Chirurgie muss eine äußerst lebhafte Sorge des modernen Menschen für den ästhetischen Blickwinkel des eigenen Körpers, besonders des Gesichtes, genannt werden, wo entstellende Leiden, oft aus gerechten Gründen, schlecht hingenommen werden. Auf wissenschaftlichem Boden fundiert, Vorteile aus den Errungenschaften der modernen Chirurgie ziehend, ihre eigenen Methoden vervollkommnend, ist die Plastische Chirurgie als Zweig der allgemeinen nicht nur dazu gelangt, ein Teilgebiet des Universitätsunterrichtes zu bilden, wobei sie zu einer reichhaltigen Literatur Anstoß gegeben hat, sondern sie hat sich auch großes Vertrauen in der öffentlichen Meinung erworben, vor allem durch ihre fast immer zufrieden stellenden und manchmal ausgezeichneten und fast wunderbaren Resultate, wie z. B., um etwas davon zu erwähnen, in der Nasen- und Lippenplastik. Trotz des erwähnten Zutrauens bleiben immer noch Vorurteile zu überwinden, einige, die begründet sind in der Unwissenheit derer, die ihre wahren Fortschritte nicht kennen und ihr darum jede Fähigkeit zur Wiederherstellung abstreiten. Andere wurzeln in dem maßlosen Anspruch, dass von ihr jedes Organ oder jede verletzte bzw. zerstörte Haut wiederhergestellt werden müsse, ohne dass auch nur eine Spur des chirurgischen Eingriffes zurückbleibt. Solche Vorurteile sind aber kein Hindernis, die Plastische Chirurgie als eine Wissenschaft und eine Kunst zu bezeichnen, die zum Besten der Menschheit bestimmt ist, und außerdem, soweit sie die Person des Chirurgen betrifft, als einen Beruf, in dem sich auch wichtige ethische und psychologische Werte verkörpert finden.

Methoden und Grundlagen der Plastischen Chirurgie

3. Die Plastische Chirurgie, deren Zweck zuweilen die funktionelle, zuweilen auch lediglich die ästhetische Wiederherstellung der äußeren Gestalt der menschlichen Glieder ist, sofern sie in folge angeborener oder erworbener Leiden schadhaft sind, leitet ihre Kenntnisse von der medizinischen Wissenschaft ab und leistet auch Mitarbeit in ihr. Da eine Empirik kaum vorhanden ist, erheischt sie die Kenntnis der allgemeinen Grundregeln der Medizin, besonders der Chirurgie und ihrer Technik. Teilgebiet der wiederherstellenden Chirurgie bildet die Anatomie der äußeren Organe, die Struktur der Gewebe, der Blutkreislauf, die Anästhesie und die Asepsis. Die hauptsächliche Technik der Plastischen Chirurgie betrifft jedoch das Pfropfen oder Verpflanzen: Diese - die Verpflanzungen - werden aus gesunden Stellen des gleichen Patienten herausgenommen und in die zu korrigierenden Stellen eingepasst; jene - die Pfropfungen - werden anderen Organismen, auch nicht-menschlichen, entnommen und deswegen Homo- oder Hetero-Pfropfungen genannt. Je nachdem verschiedenen Fällen wird der Chirurg zur freien Verpflanzung, d. h. zu Hautstücken, die von möglichst nahe dabeiliegenden und strukturmäßig den fehlerhaften analogen Stellen ganz abgehoben sind, seine Zuflucht nehmen; oder zur "gestielten" Verpflanzung, d. h. zu Hautstücken, die nicht sofort und nicht ganz von der hergebenden Stelle abgehoben werden, sondern überführt werden. Das geschieht u. U. in aufeinanderfolgenden Phasen, z. B. vom Unterleib zum Handgelenk und von diesem auf die zu reparierende Wange. Bei der Überführung der Hautstücke wird man das jeweils Günstige auswählen und der Methode von Celso für glatte Flächen oder der amerikanischen Methode für gewölbte Stellen folgen können; oder auch der italienischen Methode, die schon im 15. Jahrhundert in Mittelitalien und auf Sizilien geübt wurde, und die kürzlich mittels der Umbildung des flächenförmig herausgenommenen Hautstückes in ein röhrenförmiges Hautstück, das man durch Vernähen der beiden Längsränder erhält, vervollkommnet wurde. Diese Methode sichert, neben den anderen Vorteilen, die größte Lebensfähigkeit des Hautstückes und die geringste Gefahr der Infektion oder der Nekrosen in den Phasen der Verpflanzung und der Verpfropfung. Komplizierter und heikler ist der Eingriff, wo es sich darum handelt, dem Hautstück ein "Futter" zu verschaffen, d. h. es mit einer Knochen- oder Knorpelunterlage zu versehen, wie es die Wiederherstellung des Nasenbeines oder der Schädelbasis öfters erfordert. Besondere Aufmerksamkeit und genaue Kenntnis der möglichen Reaktionen sind erforderlich beim Vorbereiten der Stelle, die für die Verpflanzung infrage kommt, um eine vollkommene Blutstillung beim Vornehmen der Einschnitte und der Nähte sicherzustellen; beim Überwachen des Heilungsverlaufes der Wunde, bis das übertragene Hautstück in dem neuen Sitz Wurzel fasst, als sei es dort ursprünglich hervorgegangen, oder, wenn es sich um Homo- und Hetero-Verpfropfung handelt, dass es dort am Leben und gesund bleibt, bis der Absorptionsprozess von Seiten der Nachbargewebe, die von dem Hautstück selbst gelenkt und es zu ersetzen angereizt werden, abgeschlossen ist.

Die Grundregeln und die Normen der mehr zu diesem Spezialfach gehörenden medizinischen Wissenschaft müssen also dem Chirurgen helfen, wenn er zum ersten Male den Patienten untersucht, ob und in welchem Maße dieser die physischen und psychischen (Anstrengungen) Beanspruchungen des Eingriffes aushalten kann, ob die Gefahr schwerer Komplikationen für den gesamten Organismus oder für andere Glieder besteht, und welches Resultat man dabei voraussehen und erhoffen kann. Die gleichen Grundregeln leiten ihn beim Schneiden, bei der biologischen Wertbemessung der Hautstücke, bei der Anwendung der Anästhesierungsmittel, bei der Wahl des günstigsten Zeitpunktes, um die verschiedenen Phasen der Verpfropfung auszuführen. Bei der eigenen und bei anderen Wissenschaften holt sich der Chirurg Rat bei Komplikationen, die manchmal nicht ausbleiben, auch nachdem er alle guten Regeln beobachtet hat. Nach diesen kurzen Andeutungen ist leicht zu folgern, wie weit sich die heutige Plastische Chirurgie von der Behandlung und Instandsetzung entfernt hat, wie sie eine Zeitlang vorher von der allgemeinen Chirurgie gepflegt worden war, und noch mehr von der unüberlegten Meinung derer, die immer noch dafürhalten, ihr Werk bestehe, wie die Unwissenheit sich ausdrückt, in einer beliebigen Ersetzung der Haut und im Glätten der Runzeln, wobei sie Solcherweise sie mit der kosmetischen Pflege der Oberhaut durcheinanderbringen.

Die ästhetische und künstlerische Bedeutung der Plastischen Chirurgie

4. Aber die Plastische Chirurgie hat doch, wenn sie auch nur ein begrenztes Gebiet des großen und wunderbaren Gebietes der allgemeinen Chirurgie bearbeitet, die Besonderheit, um es so auszudrücken, einer Kunst, nicht nur im allgemeinen Sinn eines Werkes, das nach bestimmten Regeln ausgeführt wird, sondern infolge jenes "künstlerischen Sinnes", der erforderlich ist, und der in dem offenbar wird, der sich darauf legt, dauernd verschiedene Probleme geistreich zu lösen, wobei er darauf sieht, auch eine ästhetische Lösung zu geben. Bei der fast unbegrenzten Vielgestaltigkeit der Leiden ergeben sich kaum je zwei vollständig gleiche Fälle, sondern jeder erfordert eine angepasste, immer heikle und geduldige, manchmal geniale Behandlung. Um ein konkretes Beispiel zu erwähnen: Unter den vielen Fällen, die in den Uns liebenswürdigerweise übersandten Abhandlungen beschrieben sind, befindet sich der bekannte Fall eines Kindes, das durch eine vernarbte Missbildung im Gesicht grässlich entstellt ist. Sie erstreckt sich auf die Lippen und Wangen und hindert die freie Bewegung der unteren Kinnlade. Der Plastik-Chirurg sieht sich dem schwierigen Problem gegenüber, eine behutsame Operation der Fortnahme und der Rekonstruktion vorzunehmen. Seine geschickten Finger bewerkstelligen unter Zuhilfenahme des Instrumentariums die Selbstpfropfung in der Weise, dass die wiederhergestellte KörpersteIle, soweit das möglich ist, die normale Gestalt annimmt, während die Nähte in der Form angelegt werden, dass die Narben keine Unebenheiten erleiden, sondern im Rahmen des Möglichen einen ästhetischen Anblick bieten. Ein gutes Resultat, das einem jugendlichen Gesicht das Aussehen wiedergibt, genügt in sich, den Chirurgen für seine Mühen und den Patienten für seine eigenen Leiden zu entlohnen; aber es ist auch geeignet, Bewunderung für die Kunst zu erregen, die solches zu erreichen gewusst hat. Ehemals bot sich dem nachdenklichen Blick des Chirurgen das düstere Schauspiel eines kleinen Körpers mit Verbrennungen 3. Grades, die 35 % der Körperoberfläche einnahmen. Alles ist wieder auszubessern, denkt er bei sich. Er hat schon seinen Behandlungsplan ausgedacht, der darin besteht, die Auto- und Homo-Pfropfen in Streifen abwechselnd zu verpflanzen, die er durch geschickte Hautschnitte von gesunden Stellen des Betreffenden selbst oder von anderen erhalten hat. Das Werk ist damit kaum angefangen; geduldige und genaue Behandlung muss eine geraume Zeitlang folgen, bevor ein zufriedenstelIendes Resultat erreicht werden kann. Wenn bei anderen Unglücklichen der Lupus 1/3 der Nase zerstört hat, ergibt sich die Notwendigkeit, ein Stück Stirnbein hierher zu verpflanzen; wenn die Augenhöhle ungeeignet ist, eine Prothese aufzunehmen, ergibt sich als beste Methode, sie mit benachbarten Knochenstücken wiederherzustellen. Die Kunst und der Einfallsreichtum des Plastischen Chirurgen offenbart sich auf 1000-fache Art, ob es sich darum handelt, eine ganze Ohrmuschel herzustellen und diese einem Patienten zu verschaffen, dem sie aufgrund eines Geburtfehlers oder infolge einer Verwundung fehlt: oder das Greifvermögen der Hand wiederherzustellen, bei dem, der es durch Verstümmelung des Daumens verloren hat; oder den Kehlkopf-Luftröhren-Kanul wieder herzustellen; oder wundbedingter Loslösung der behaarten Haut abzuhelfen; oder einfach aus gerechten Gründen die äußere Linie der Nase und anderer Glieder zu korrigieren. In diesen letzten Fällen wird der Chirurg außer den Hilfsquellen der Wissenschaft auch jene mehr künstlerischen einsetzen und sich den ästhetischen Gesetzen des menschlichen Körpers anpassen.

Der Grund für das Interesse an der Plastischen Chirurgie

6. Wenn man angesichts der Fülle der schon erreichten glänzenden Resultate überlegt, dass die Plastische Chirurgie ihren wissenschaftlichen Anlauf erst in den letzten Jahrzehnten genommen hat, ist es erlaubt, einen noch wunderbareren Fortschritt in der Zukunft zu erwarten, dank der ständigen Forschung und der vollkommeneren technischen Methoden ihrer hervorragenden Jünger, deren Interesse von einem hohen humanitären und oft religiösen Sinn gelenkt wird. Auf der einen Seite die Analogie - sei sie auch sehr blaß und fernliegend - zwischen dem Schaffen der Plastischen Chirurgie und dem göttlichen Werk des Schöpfers, der den ersten menschlichen Leib aus dem Erdenstaub bildete und ihm das Leben einhauchte; auf der anderen Seite der Trost, der einer so großen Zahl von Leidenden daraus zuströmt; schließlich die unbegrenzte Verschiedenheit der einzelnen Behandlungen: Das alles wirkt zusammen zur Steigerung des großen Interesses an diesem Zweige der Chirurgie.

Die Verantwortlich keit des Chirurgen

6. Aber der Plastische Chirurg ist, wie jeder Arzt, nicht nur ein Wissenschaftler und Techniker, ein Gefangener seines Berufes in der Weise, dass seine Rechtschaffenheit einzig und allein nach seiner Treue zu den Vorschriften seiner Wissenschaften und Kunst bemessen würde. Kein Gut und kein Wert des Menschen und in der Welt ist so in sich selbst eingeschlossen, dass er nicht irgendwelche Beziehungen mit allen anderen hätte. Reale Beziehungen und Verantwortlichkeiten binden den Chirurgen: Als Mensch an Gott und seine Gebote, als Berufsangehöriger an die Gesellschaft, deren Gliedern seine Arbeit gewidmet ist. Das menschliche und berufliche Gewissen muss ihm infolgedessen bei seinen Entscheidungen und Handlungen Wegweiser sein, noch bevor seine segenspendende Hand sich auf den Körper legt, um die von der Wissenschaft und Technik diktierten Änderungen vorzunehmen. Die vielfachen Überlegungen, die sich bei einem chirurgischen Eingriff ergeben, müssen deswegen im Lichte des christlichen und beruflichen Gewissens betrachtet werden, damit das Werk des Plastischen Chirurgen unter jedem Gesichtspunkt vollkommen sei. Darunter sind einige sehr eng mit seinem Beruf verbundene wichtige Überlegungen moralischer und psychologischer Natur, betreffs welcher wir einen kurzen Fingerzeig geben wollen.

Die Frage der Erlaubtheit von "Verschönerungsoperationen"'

7. Die Entwicklung all des Neuen in der Plastischen Chirurgie und insbesondere der Ästhetischen Chirurgie hat im christlichen Gewissen lange Zeit das Interesse und die Frage bezüglich der Erlaubtheit der von ihr vorgenommenen Eingriffe lebendig gehalten, besonders bezüglich jener, die nicht so sehr auf die funktionelle Wiederherstellung als vielmehr auf eine positive Schönermachung der Person gerichtet sind, z. B. durch eine Modifizierung der Gesichtszüge, oder einfach durch eine Beseitigung der Runzeln, die sich im Laufe der Zeit natürlicherweise eingestellt haben.

Das Wesen der Schönheit des Menschen

8. Die physische Schönheit des Menschen, die sich hauptsächlich im Gesicht offenbart, ist in sich selbst ein Gut, wenn sie auch anderen höheren Werten untergeordnet ist, und sie ist deswegen kostbar und wünschenswert. Sie ist in der Tat ein Abbild der Vervollkommnung des menschlichen Gesamtbildes, normales Zeichen der körperlichen Gesundheit. Wie eine stumme Sprache der Seele, allen verständlich, ist die Schönheit dazu angetan, die inneren Vorzüge der Seele nach außen hin auszudrücken, da, wie der Englische Lehrer es ausdrückt, der finis proximus (das nächste Ziel) des Leibes die vernunftbegabte Seele ist; deswegen kann er sich in-soweit vollkommen nennen, als er alles besitzt, was erforderlich ist, um ihn zu einem geeigneten Instrument der Seele und ihrer Handlungen zu machen (Vgl. S. Thomas I p. q. 91, a. 3). Abgesehen nun von Untersuchungen über den psychologischen Ablauf in der Person, dass das Schöne sich nach außen hin enthüllt, wie es das Gefallen des Auges bezeugt, entsprechend der bekannten Bestimmung: "Schön ist das, was beim Sehen gefällt" (S. Thom. 1. p. q. 5 a. 4 ad 1), besteht kein Zweifel darüber, dass in der äußeren Wirklichkeit des Körpers Elemente vorhanden sind, die beim Anblick Empfindungen des Wohlgefallens bereiten, und die weit davon entfernt sind, sich alle und für immer, wie es eine besondere psychoanalytische Schule behauptet, auf eine Sphäre des Naturtriebes zurückführen zu lassen, der bei der Erhaltung des Einzelwesens die Führung inne habe. Wenn wir nun auf unseren Gegenstand die klassische Analyse der drei Wesensbestandteile des Schönen anwenden (Vergl. S. Th. 1 p. q. 39, a. 8 in c.), dann erfordert die physische Schönheit des Körpers und des menschlichen Antlitzes die Vollkommenheit der einzelnen Glieder oder Teile, ihre Harmonie unter sich, und vor allem den redlichen Ausdruck der inneren Seelenwerte; das letztere ist doch die vornehmste Aufgabe des Antlitzes. Betreffs der ersten beiden Elemente bestehen schon seit den ältesten Zeiten Maßstäbe, die den Künstlern und Euch, die lhr die Plastische Chirurgie fördert und ausübt, wohlbekannt sind, wie z. B. jener, dass sich das Gesichtsprofil vom Augenbrauenbogen bis zum Kinn in 6 gleiche Maßteile aufteilt; oder der andere, der die Vollkommenheit der Nasenlinie in ihrer Geradheit bestimmt. Dennoch wollen diese und ähnliche Vorschriften nicht einen einzigen Schönheitstyp aufstellen, erst recht nicht für alle menschlichen Rassen, aber die Grenzen, jenseits derer Unvollkommenheit und Entstellung ihren Platz finden. Während jedoch die Vollkommenheit und Harmonie der Teile leicht erkennbar ist und dies gewissermaßen Maßstäbe sind, wird die Wahrhaftigkeit des Ausdruckes nur durch die Intuition des Beobachters erfasst. Und doch ist sie das am meisten bestimmende Element beim Einprägen des Schönheitswertes in ein Gesicht, wobei sie einer fast unbegrenzten Verschiedenheit für die Typen Raum läßt.

Die Stellung der körperlichen Schönheit in der Skala der Werte

9. Nun besteht kein Zweifel darüber, das das Christentum und seine Moral die Wertschätzung und geordnete Pflege der körperlichen Schönheit niemals als in sich unerlaubt verurteilt hat. Im Gegenteil, die die Selbstverstümmelung verbieten, die nur Gott die volle Herrschaft über den Leib zuerkennen, die die geordnete Pflege der leiblichen Gesundheit fordern, schließen selbstverständlich auch die Beachtung all dessen mit ein, was eine Vervollkommnung des Leibes bedeutet. Ist es notwendig, daran zu erinnern, wie sehr ästhetisches Verständnis und Bemühen eine Besonderheit der nach außen in Erscheinung tretenden Tätigkeit der Kirche und ihrer Kunst ist! So kann die christliche Moral, die auf das letzte Ziel hinblickt, und die Fülle der menschlichen Werte liebevoll bejaht und ordnet, nicht umhin, physischer Schönheit den Platz einzuräumen, der ihr zukommt, der freilich nicht an der Spitze der Wertskala steht, da sie weder ein geistiger noch wesensnotwendiger Wert ist. Die Rücksichtnahme auf diese Einstufung erklärt dieses oder jenes Misstrauen oder auch die Geringschätzung der körperlichen Schönheit, der man bisweilen in der moralischen und aszetischen Literatur und, in Heiligen-Biographien begegnen kann. Und da nun der Aufschwung der Ästhetischen Chirurgie in der letzten Zeit die Stellungnahme der christlichen Moral herausfordert, braucht man nur zu fragen, auf welche Stufe der Wertskala die körperliche Schönheit hingestellt werden muss. Die christliche Moral antwortet, dass diese ein Gut ist, aber ein körperliches, auf den ganzen Menschen ausgerichtetes Gut, und wie die anderen Güter der gleichen Art des Missbrauches fähig. Als Gut und Gabe Gottes wird sie geachtet und gepflegt, ohne darüber hinaus aber die pflichtmäßige Zuhilfenahme außerordentlicher Mittel zu verlangen.

Bedingungen für die Bewertung der moralischen Qualität plastischer Operationen

10. Man setze den Fall, dass ein Mensch von der Ästhetischen Chirurgie die Vervollkommnung seiner Gesichtszüge fordert, die schon mit den Richtlinien der normalen Ästhetik übereinstimmen. Jede unrechte Absicht sei dabei ausgeschlossen. Ferner jedes gesundheitliche Risiko und jede andere Überlegung, die der Tugend entgegensteht; er will es nur - weil ein Grund notwendigerweise vorliegen muss - wegen der Wertschätzung der ästhetischen Vervollkommnung und wegen der Freude, sie zu besitzen. Welches wird das Urteil der christlichen Moral sein ? Ein solcher Wunsch oder eine solche Handlung, wie sie in der Hypothese zum Ausdruck kommt, ist in sich weder moralisch gut noch böse, sondern lediglich die Umstände, denen sich im konkreten Falle keine Handlung entziehen kann, werden diesem Wunsch oder dieser Handlung den moralischen Wert des Guten oder den Unwert des Bösen, des Erlaubten oder Unerlaubten geben. Daraus ergibt sich, dass die moralische Qualität der Handlungen, die die Ästhetische Chirurgie betreffen, von den konkreten Umständen der einzelnen Fälle abhängt. Bei dieser Bewertung sind die hauptsächlichsten Bedingungen, die sehr eng zur Materie gehören und in der überaus großen Zahl der von der Ästhetischen Chirurgie herangezogenen Fälle entscheidend sind, die folgenden: dass die Absicht recht sei, dass der allgemeine Gesundheitszustand des Patienten vor einschneidenden Risiken geschützt werde, dass die Gründe vernünftig und dem "außerordentlichen Mittel", zu dem man die Zuflucht nimmt, angemessen seien. Es ist z. B. die Unerlaubtheit eines Eingriffes offensichtlich, um den mit der Absicht nachgesucht wird, die eigene Verführungsmacht zu vergrößern und so andere leichter in die Sünde führen zu können; oder um einen Schuldigen der Gerechtigkeit zu entziehen; oder dass der Eingriff dem regelrechten Funktionieren der physischen Organe Abbruch tue; oder wenn er aus purer Eitelkeit oder einer Modelaune zuliebe beabsichtigt wird. Auf der anderen Seite machen manchmal viele Gründe den Eingriff rechtmäßig, manchmal raten sie den Eingriff positiv an. Manche Entstellungen oder auch nur Unvollkommenheiten sind Herde psychischer Störungen im Menschen, oder werden ein Hemmnis in den sozialen und familiären Beziehungen, oder ein Hindernis - besonders bei Personen im öffentlichen Leben oder in der Welt der Kunst - für die Entfaltung ihrer Aktivität. Auf der anderen Seite, wo die Wiederherstellung nicht möglich wäre, sind die christlichen Grundsätze in ihrem unerschöpflichen Reichtum imstande, die Motive vorzubringen und die Kraft einzuflößen, die die physischen Mängel mit Heiterkeit ertragen machen, welche nach Gottes geheimnisvollem Plan zugelassen werden. Wenn man die leibliche Schönheit in einer solchen Weise im Lichte des Christentums betrachtet, und wenn die aufgezeigten moralischen Bedingungen beobachtet werden, scheint die Ästhetische Chirurgie - geschweige dass sie dem Willen Gottes widerspreche, wenn sie dem höchsten Werk der sichtbaren Schöpfung, dem Menschen, die Vollkommenheit wiedergibt - ihm zur Seite zu stehen und seiner Weisheit und Güte ein höchst offenkundiges Zeugnis zu bereiten.

Psychologische Überlegungen bei der Plastischen Chirurgie

11. In gleicher Weise wichtig und in mancher Beziehung unmittelbarer mit der Ausübung der Plastischen Chirurgie verknüpft sind die psychologischen Überlegungen.

Die Plastische Chirurgie findet sich nicht selten vor Probleme gestellt, die nicht nur von einer einwandfreien Technik und der Kunstfertigkeit des Chirurgen abhängen, der die physischen Mängel eines Menschen zu korrigieren weiß, indem er ihm seinen normalen Zustand und seine normale Gestalt wiedergibt. Schon bei diesem Tun scheint die Hand des Chirurgen in mancher Beziehung die Tätigkeit der göttlichen Hand zu wiederholen, die den Menschen gebildet.

Es gibt aber auch Umstände, in denen der Plastische Chirurg auf Verhältnisse stößt, die höher liegen, die geistiger Art sind und von denen er notwendigerweise eine volle Kenntnis besitzen muss, auf die er vorbereitet sein muss, um auch hier gewissermaßen Gottes Mitarbeiter zu sein.

Seelische Belastungen durch physische Mängel

12. In der Tat, wie uns mitgeteilt wurde, werden manchmal äußerst schwerwiegende Phänomene, "durch die Erkenntnis hervorgerufen, dass die Kranken physische Mängel besitzen, an denen sie schwer zu tragen haben". Verhältnisse dieser Art, charakterisiert durch seelische Erschütterungen, trifft der Plastische Chirurg nicht selten. Sie sind hier vielleicht noch häufiger als in den anderen Zweigen der Chirurgie. Wenn die Alten, mit der eigenen Mentalität der nichtchristlichen Kulturen, immer wieder den Ausspruch taten: "Hüte dich vor den Gezeichneten", so zeigten sie auf empirischer Grundlage die Realität einiger Phänomene an, welche die moderne Experimentalpsychologie einer genauen Untersuchung unterzieht, und von denen sie die Ursachen erforscht und die Möglichkeiten einer wirksamen Heilung ausfindig zu machen sucht. Es sind Phänomene, die in ihrer Entstehung meist unbemerkt, aber darum doch nicht weniger sicher und schadenbringend sind. Sie gehen meist aus einem Gefühl der physischen oder ästhetischen Unterlegenheit Gleichaltrigen oder sonstwie Gleichen gegenüber hervor. Dieses Gefühl macht zunächst das Leben dessen, der nicht die moralische Kraft seiner Überwindung hat, traurig. Darüber hinaus zeigt es aber auch die Tendenz, sich zu verwurzeln und in Komplexen festzusetzen, die weiterhin zu enormen Anomalien des Charakters und der Verhaltungsweise bis hin zu Psychosen führen können. Bisweilen - Gott möge es verhüten - führt dieses Gefühl selbst zum Verbrechen und zum Selbstmord.

Die Notwendigkeit des chirurgischen Eingriffs aus einem geistigen Grunde

13. Wenn diesen Kranken gegenüber die Pflicht zur Hilfeleistung viele angehen kann: vom Priester zum Psychotherapeuten und zum Freund; wenn die Ursache in einem physischen Leiden besteht, welches die Plastische Chirurgie zu beseitigen in der Lage ist, dann kann jeder ersehen, dass der chirurgische Eingriff nicht nur von einer medizinischen Indikation angeraten wird, auch nicht nur von einer ästhetischen Indikation, sondern auch aus einem geistigen Grunde, der auf die Liebe zu Christus zurückgeht, die sich auf alle Gebiete des menschlichen Lebens erstreckt, und die nach dem Beispiele des göttlichen Lehrmeisters jeden Schmerz zu erleichtern sucht, auch die verborgenen, unbekannten oder umgewandelten Schmerzen.

Die Wichtigkeit von psychologischen Kenntnissen für den Chirurgen

14. Diese besonderen Gesichtspunkte erheischen offensichtlich eine vertiefte Kenntnis der eigenen Möglichkeiten und Verantwortlichkeiten sowie eine Übung und Erfahrung über die streng technischen Zuständigkeiten hinaus, um Motive und Verhaltungsmethoden aufzugreifen, die sich auf andere Wissensgebiete beziehen. Im übrigen ist in unserer Zeit, wo auf jedem Gebiete immer mehr die spezialisierte Kompetenz verlangt wird, und wo diese die wissenschaftlichen und technischen Erfolge bedingt, die Anstrengung höchst angemessen und verdienstvoll, eine umfassendere Erkenntnis aus anderen Disziplinen oder Spezialgebieten zu gewinnen, die den Menschen betreffen, wie die Psychologie und die Religion.

15. Die moderne Psychologie (Man schaue z. B. nach bei C. G. Jung, Psychologie des Unbewußten, Genf 1952, S. 220) beschäftigt sich mit dem Studium der wechselseitigen Beziehungen zwischen Leib und Seele. Sie enthüllt, wie eine fehlerhafte seelische Handlung dem Leib beträchtlichen Schauen zufügen kann und wie umgekehrt ein physisches Leiden Ursache einer seelischen Störung sein kann. Man behauptet deswegen, dass sich selten der Fall ergebe, wo eine körperliche Krankheit, auch wenn sie nicht aus psychischen Ursachen hervorgeht, nicht psychische Komplikationen verschiedener Art hervorruft, welche ihrerseits wieder auf das organische Leiden zurückwirken. Diese und ähnliche Behauptungen zeitgenössischer Schriftsteller verpflichten das Handeln des Arztes auf allen Gebieten, auf denen er in der Lage ist, dem Leib und indirekt auch der Seele die Gesundheit wiederzugeben, und sie verlangen, in den einzelnen Fällen richtig gegeneinander abgestimmt zu werden. Es ist beispielsweise notwendig, dass man zu unterscheiden weiß, ob es sich um einen Konstitutions-Psychopathen handelt, genauer, um einen solchen, der an Komplexen des Unbewussten leidet, oder einfach um einen Kranken, der psychische Phänomene aufweist, die wesenhaft reaktiver Natur sind, vor allem solche, die an eine körperliche, angeborene oder erworbene Beeinträchtigung gebunden sind, welche die Plastische Chirurgie zu beseitigen sich vornimmt. Es ergibt sich so eine Serie verschiedener Umstände, welche der Arzt mit seiner Analyse, mit seinen objektiven Untersuchungen ergründen muss und die er bei seiner Heilmethode in Rechnung stellt, um nicht nur auf den Leib, sondern auch auf den bewussten und unbewussten seelischen Zustand des Kranken Einfluss auszuüben, im Hinblick auf dessen Gefühle, seine äußeren Lebensumstände und auf seine Zukunft.

Die große Bedeutung und Wirkungsmöglichkeit der Plastischen Chirurgie

16. Aus diesen Hinweisen kann man leicht folgern, wie wichtig, wie heikel und wie verdienstvoll Euer Beruf ist. Als ein Ausdruck des in der letzten Zeit von der medizinischen Wissenschaft erreichten Fortschrittes krönt die Plastische Chirurgie, um es so zu sagen, ihr segenbringendes Schaffen. Harmonie und Schönheit gibt sie den Gliedern und manchmal auch der Seele wieder. Wie viele Seelen, die niedergedrückt sind von Komplexen der Minderwertigkeit und in ihrer Aktivität geradezu gehemmt sind, gewinnen Heiterkeit und Lebenskraft unter Euren geschickten und brüderlichen Händen wieder! Wie viele Antlitze von Gotteskindern, denen das Geschick die Gabe versagt hat, seine Schönheit wiederzuspiegeln, gewinnen das verlorengegangene Lächeln durch Eure Wissenschaft und Kunst wieder! Seid stets dessen eingedenk, dass Eure Sendung sich jenseits der Gewebe und Formen bis hin zur Seele auswirken kann und muss, deren innere Schönheit zu schätzen Ihr lehren werdet!

Segen

17. Mit diesen Wünschen und in dem Vertrauen, dass Eure Forschungen diese spezielle Chirurgie immer größere Fortschritte wird verzeichnen lassen, rufen Wir die Gunst des Himmels über Euch herab, über Eure Familien und Eure Patienten.

Aus dem Vorwort

Der Therapeut orientiert sich an den Seinsgesetzen

Viele Ärztinnen und Ärzte wollen wissen, in welchem Zusammenhang und mit welchen Begründungen der Papst seine Stellungnahme zu den Fragen des ärztlichen Berufes bekanntgegeben hat. Pius XII. beruft sich in seinen Argumentationen nicht vornehmlich auf die Offenbarung und die positive Moraltheologie, sondern in gleichem Maße auch auf die Vernunft und das natürliche Erkenntnisvermögen des Arztes. Die christliche Ethik macht sich hier zum Anwalt der natürlichen Seinsordnung, die allerdings ihren Ursprung im Schöpfer hat und als solche begriffen und dargelegt wird. Die Seinsordnung der menschlichen Natur ist objektiv unabhängig von der weltanschaulichen Einstellung des Arztes und Wissenschaftlers. Die seelisch-körperliche Natur des Menschen fordert, wenn sie erkrankt ist, eine ärztliche Therapie, die sich nach den Seinsgesetzen orientiert. Diese im Sein wurzelnden Gesetze werden nicht vom Arzt geschaffen, sondern vorgefunden; er hat die Aufgabe, sie zu erkennen und anzuerkennen. Die vorgefundene Ordnung und Struktur des Seins muss dem Arzt Grundlage und Richtschnur seines Handeins werden. In diesem Sinne gilt: ordo essendi est ordo agendi. Dieser scholastische Kernsatz darf als ein Grundsatz angesehen werden, der alle Ärzte, welcher religiös-weltanschaulichen Richtung sie auch angehören mögen, in ihren Bemühungen um die ärztliche Betreuung des Menschen verbinden könnte. Nichts dürfte dem ärztlichen Beruf auf die Dauer schädlicher sein als Nichtkennen oder Nichtbeachten der Seinsgesetze, denen die Menschennatur unterworfen ist. Die Therapie ist seinsgebunden; sie vom Sein loslösen und an dessen Stelle ein autonomes, rein subjektives Ermessen des Arztes setzen, wie Nietzsche gefordert hat, wäre ordnungs- und vernunftwidrig. Der Arzt ist nicht der Herr der menschlichen Natur und ihres Lebens, sondern ihr Diener, - oder er hört letztlich auf, Arzt zu sein.

Verbindlichkeit der Ansprachen

Die Ansprachen als solche sind keine unfehlbaren Lehrentscheidungen des oberhirtlichen Lehramtes, wohl aber sind sie eine Lehrbetätigung des obersten Lehrers und Hirten. Der Papst spricht autoritativ, darum haben seine Worte eine größere und anders geartete Bedeutung als sie einer rein privaten theologischen Meinungsäußerung des Papstes zukommen würde. Darüber hinaus enthalten die Ansprachen eine Fülle von Lehräußerungen, die der Christenheit längst als sichere und unfehlbare Lehre von der Kirche zu glauben vorgelegt ist, so z. B. die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele und der leiblichen Auferstehung des Menschen.

Andere Lehräußerungen der Ansprachen haben ihre allgemeine Verbindlichkeit wiederum dadurch, dass sie nichts weiteres künden als die Stimme des menschlichen (nicht nur des christlichen) Gewissens, der anima humana naturaliter christiana (Tertullian, Apo!. 17). Das an der Natur der Dinge (einschließlich der Menschennatur) und den sie beherrschenden Seinsgesetzen orientierte Gewissen ist aber übergeordnete, allgemein· verbindliche sittliche Norm des Denkens und Handelns (vgl. Ansprache Nr. 2).

Schließlich werden in den Lehräußerungen des Papstes, wie sie sich in den Ansprachen an die Ärzte finden, allgemeine ethische Prinzipien auf konkrete biologische und psychologische Tatbestände angewandt, - auf Tatbestände, die erst durch die modernen Wissenschaften vom Menschen bekannt geworden sind. Es ist Aufgabe der Wissenschaften, die Seinsstruktur des Menschen in leiblicher und seelischer Hinsicht im einzelnen aufzuhellen; die Ergebnisse jedoch unterliegen bei ihrer Anwendung in Forschung und Praxis, insofern sie menschliches Handeln bestimmen, dem Urteil des sittlichen Gewissens. In der Verknüpfung des Normativen mit dem Tatsächlichen, des Institutionellen mit dem Psychologischen, des Überzeitlichen mit dem von der Zeitsituation Geforderten findet der Arzt in den hier dargebotenen Ansprachen eine feste Richtschnur für sein Handeln, die ihn vor Irrungen und Fehlentwicklungen bewahrt. Die feststehenden ethischen Normen und ihre Anwendung im ärztlich-medizinischen Bereich sind aber sowohl in ihrer Gesamtheit wie auch in allen wesentlichen Punkten für jeden ethisch und seinsgerecht orientierten Arzt von objektiv bindender Bedeutung. Sie werden sich ihm auf die Dauer nicht als Hemmnis, sondern als Hilfe und Sicherung erweisen.

Anmerkungen

  1. Es ist aufgefallen, dass z.B. die Ansprachen 35 und 36 von Franz Schmal für das St. Lukas-Institut übersetzt wurden (Anmerkung dort!) überarbeitet in der Sozialen Summe Pius' XII. Eingang gefunden haben.
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