Dankschreiben von Papst Johannes Paul II. an die Bischöfe 1981

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Dankschreiben

von Papst
Johannes Paul II.
an die Bischöfe
(für die Nähe bezüglich dem Attentat vom 13. Mai 1981 auf ihn)
8. Dezember 191

(Quelle: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, Nr. 34)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Verehrter, lieber Bruder im Bischofsamt!

Inhaltsverzeichnis

Dank

Mit diesem Schreiben möchte ich Ihnen noch einmal ganz persönlich meine tiefe Dankbarkeit dafür ausdrücken, dass Sie mir nach dem Attentat vom 13. Mai und während meines Krankenhausaufenthaltes und der darauf folgenden Konvaleszenz in so bewegender Weise nahe gewesen sind. Damit verbinde ich meinen aufrichtigen Dank auch an die Geistlichen, die Ordensleute und alle Gläubigen Ihrer Ortskirche. Besonders fühle ich mich gedrängt, meine herzliche Anerkennung für die Gebete zu bekunden, die für mich an den Herrn und an seine Mutter Maria gerichtet worden sind. Sie haben machtvoll dazu beigetragen, mir die notwendige Hilfe zu erwirken, um die Folgen jener Gewalttat zu ertragen und zu überwinden und auf dem Weg voranzuschreiten, den mir die göttliche Vorsehung durch eine solche Prüfung eröffnet hat. In jenen langen Tagen habe ich viel nachgedacht über die verborgenen Pläne, die Gott verfolgt, wenn er die Geschicke der Menschen und seiner Kirche durch die oft stürmischen Ereignisse der Geschichte hindurch führt. Ich habe es für sinnvoll gehalten, die kirchliche Gemeinschaft bei der Wiederaufnahme der gewohnten Generalaudienzen an der Frucht dieses Nachdenkens teilnehmen zu lassen, damit sie so zusammen mit mir die Güte des Herrn preisen kann, der mir diese Erfahrung zugedacht hat, die ich als ein Geschenk ansehe, als eine Gnade und eine Gelegenheit, das Leben in einer neuen Weise zu betrachten.

Ich sende Ihnen nun, lieber Mitbruder, den Text dieser Ansprachen als Zeichen meiner dankbaren Verbundenheit und im Geist jener Einheit in der Liebe, die mich im Verlaufe dieses schmerzlichen Geschehens so sehr gestärkt hat.

Für das bevorstehende Weihnachtsfest wünsche ich Ihnen von Herzen Freude und Frieden im Herrn. Das göttliche Wort, das "Fleisch geworden und unter uns gewohnt hat" (Joh 1, 14), erfülle Sie mit dem Geschenk seiner Gnade und Wahrheit, damit Sie Ihr Amt im Dienst am Volke Gottes weiterhin fruchtbar ausüben können.

Mit diesen Wünschen und als Unterpfand meiner stetigen Verehrung erteile ich Ihnen von Herzen den Apostolischen Segen, in den ich all jene einschließen möchte, die Ihrer Hirtensorge anvertraut sind. Ich verspreche Ihnen ein besonderes Gedenken bei den Eucharistiefeiern am heiligen Weihnachtsfest.

Aus dem Vatikan, am 8. Dezember 1981,
im vierten Jahr meines Pontifikates.

Generalaudienz am 7. Oktober 1981

1. Heute ist es mir gegeben, die Generalaudienzen nach einer langen Unterbrechung wieder aufzunehmen, die eine grundlegende Form des Pastoraldienstes des Bischof von Rom geworden ist.

Zum letzten Mal hatten sich nach Rom gekommenen Pilger am 13. Mai zu einer solchen Audienz eingefunden. Doch dann konnte sie nicht mehr stattfinden. Alle kennen den Grund ...

Wenn ich heute nach einem Zeitraum von nahezu fünt Monaten wieder mit dieser mir und euch so teuren Begegnung beginne, kann ich nicht umhin, auf den 13. Mai Bezug zu nehmen.

2. Aber vorher möchte ich meine Erschütterug und den Schmerz zum Ausdruck bringen, die die Nachricht vom tragischen Tod des ägyptischen Präsidenten Sadat gestern in mir ausgelöst hat

Er ist einem Terroranschlag von großer Schwere und Grausamkeit zum Opfer gefallen, der Gefühle der Bitterkeit und Bestürzung hervorruft und wegen der möglichen Folgen nachdenklich und besorgt macht.

Präsident Sadat hat die Achtung erworben als Mensch, der an Gott glaubt, und als mutiger Verfechter des Friedens, der mit seinen Bemühungen versucht hat, neue Wege für die Lösung des langen und blutigen Konflikts zwischen Arabern und Israelis zu finden.

Ich lade euch ein, für diesen großen Staatsmann und die anderen Opfer des barbarischen Attentats zu beten, unter denen sich auch ein Bischof der koptisch-orthodoxen Kirche befindet; beten wir auch für ihre Familien, besonders für die Gemahlin und die Kinder des Präsidenten, die so hart in ihren Gefühlen getroffen wurden.

Lasst uns auch zu Gott darum beten, dass das ägyptische Volk und seine Regierenden diese Prüfung in brüderlicher Gemeinschaft und in geordneten Bahnen bewältigen und weiter den Frieden fördern, dem das Streben ihres Präsidenten gegolten hat; und beten wir darum, dass in unserer Zeit, die von so viel Gewalt, Furcht und Sorge erschüttert wird, der Herr möglichst bald für die Länder des Nahen Ostens den Tag der Aussöhnung und des Friedens kommen lassen möge.

3. "Die Huld des Herrn ist nicht erschöpft, sein Erbarmen ist nicht zu Ende" (Klgl 3, 22).

Mit diesen Worten bringt das Gottesvolk seinem Herrn die Dankbarkeit für die Rettung zum Ausdruck - und preist deshalb das göttliche Erbarmen.

Ich möchte euch, liebe Brüder und Schwestern, die ihr zur Mittwochsaudienz zusammengekommen seid, diese Worte wiederholen. Sie sollen gleichsam das Echo jenes 13. Mai sein - und jener Generalaudienz, die wegen des Attentats auf den Papst nicht mehr stattfinden konnte.

4. In den langen Wochen meines Aufenthalts in der Gemelli-Klinik ist mir immer wieder die in der Apostelgeschichte beschriebene Episode aus den frühen Tagen der Kirche in Jerusalem in den Sinn gekommen. Herodes hatte Petrus einkerkern lassen: "Er nahm ihn also fest und warf ihn ins Gefängnis. Die Bewachung übertrug er vier Abteilungen von je vier Soldaten. Er beabsichtigte, ihn nach dem Paschafest dem Volk vorführen zu lassen. Petrus wurde also im Gefängnis bewacht. Die Gemeinde aber betete inständig für ihn zu Gott. In der Nacht, ehe Herodes ihn vorführen lassen wollte, schlief Petrus, mit zwei Ketten gefesselt, zwischen zwei Soldaten; vor der Tür aber bewachten Posten den Kerker. Plötzlich trat ein Engel des Herrn ein, und ein helles Licht strahlte in den Raum. Er stieß Petrus in die Seite, weckte ihn und sagte: ,Schnell, steh auf!' Da fielen die Ketten von seinen Händen. Der Engel aber sagte zu ihm: ,Gürte dich und zieh deine Sandalen an!' Er tat es. Und der Engel sagte zu ihm: ,Wirf deinen Mantel um und folge mir!' Dann ging er hinaus, und Petrus folgte ihm, ohne zu wissen, dass es Wirklichkeit war, was durch den Engel geschah; es kam ihm vor, als habe er eine Vision.

Sie gingen an der ersten und an der zweiten Wache vorbei und kamen an das eiserne Tor, das in die Stadt führt; es öffnete sich ihnen von selbst. Sie traten hinaus und gingen eine Gasse weit; und auf einmal verließ ihn der Engel. Da kam Petrus zu sich und sagte: ,Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt und mich der Hand des Herodes entrissen hat und all dem, was das Volk der Juden erhofft'" (Apg 12, 3-11).

Diese Episode, die sich in den frühen Tagen der Kirche in Jerusalem zugetragen hat, ist mir während meines Krankenhausaufenthaltes mehrmals in den Sinn gekommen. Auch wenn die Umstände damals und heute große Unterschiede aufzuweisen scheinen, fiel es dem Genesenden, der der Nachfolger Petri auf dem römischen Bischofssitz ist, doch schwer, nicht über die folgenden Worte des Apostels nachzudenken:

"Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr mich der Hand des Herodes entrissen hat ... "

5. Ich habe diesen Abschnitt aus der Apostelgeschichte auch wegen jener Worte vorgelesen, die sich da finden und für mich in jenen Wochen eine große Hilfe gewesen sind: "Während Petrus im Gefängnis festgehalten wurde ... , betete die Gemeinde inständig für ihn zu Gott" (Apg 12, 5).

Liebe Brüder und Schwestern, ich habe, ähnlich wie der eingeschlossene und zum Tod bestimmte Petrus, die wirksame Macht des Gebetes der Kirche erfahren. Ich habe sie unmittelbar erfahren von den Menschen, die zur Generalaudienz gekommen waren, die nicht mehr stattfinden konnte. Ich habe die Wirkungskraft dieses Gebets noch am gleichen Tag, am 13. Mai, erfahren, als die Nachricht von dem Attentat nach und nach über die Massenmedien in der ganzen Welt verbreitet wurde. Diese Nachricht hat Reaktionen ausgelöst, die aus verschiedenen Teilen der Welt, aus verschiedenen Ländern, von den Staatsoberhäuptern und Regierungen der Nationen, von zahllosen Menschen und aus den verschiedensten Kreisen kamen. Vor allem hat jene Nachricht die Menschen im Gebet vereint. Die Bischofs- und Pfarrkirchen füllten sich. Zusammen mit uns haben unsere orthodoxen und protestantischen Brüder gebetet. Aber nicht nur sie. Auch die Anhänger des Moses und des Mohammed haben gebetet. Und andere auch.

Ich kann nicht umhin, an das alles mit innerer Bewegung zu denken und tiefe Dankbarkeit für alle zu empfinden; für alle, die am 13. Mai zum Gebet zusammengekommen waren; und für alle, die die ganze Zeit im Gebet verharrten. Ich danke allen Menschen für dieses Gebet, meine Brüder und Schwestern. Ich danke dem Herrn Christus und dem Heiligen Geist, der durch dieses Geschehen, das sich am 13. Mai um 17.17 Uhr auf dem Petersplatz zutrug, so viele Herzen zu gemeinsamem Gebet bewogen hat.

Während ich an dieses großartige Gebet denke, gehen mir die auf Petrus bezogenen Worte aus der Apostelgeschichte nicht aus dem Sinn: "Die Gemeinde aber betete inständig für ihn zu Gott" (Apg 12, 5).

6. "Debitores sumus" - "Wir sind Schuldner geworden" (Röm 8, 12). So ist es. Ich bin jetzt noch mehr zum Schuldner aller geworden, die direkt zur Rettung meines Lebens beigetragen und mir geholfen haben, die Gesundheit wiederzuerlangen: der Professoren und Ärzte, der Krankenschwestern und des Laienpersonals in der Gemelli-Klinik Zugleich bin ich zum Schuldner aller geworden, die mich mit jener breiten Woge des Gebetes in der ganzen Welt umgeben haben. Ich bin Schuldner.

Und aufs neue bin ich Schuldner der allerseligsten Jungfrau Maria und aller Schutzpatrone geworden. Wie könnte ich vergessen, dass sich das Ereignis am Petersplatz an dem Tag zutrug, als man sich im portugiesischen Fatima nach mehr als 60 Jahren an die Erscheinung der Mutter Christi vor den armen Hirtenkindern erinnerte? Ich habe daher in allem, was mir an jenem Tag widerfuhr, den außergewöhnlichen mütterlichen Schutz und jene liebende Sorge gespürt, die sich als stärker erwiesen als die Kugel des Mörders.

Heute gedenken wir Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz. Der Oktober ist ja der Rosenkranzmonat. Nun, da ich mich nach beinahe fünf Monaten wieder mit euch, liebe Brüder und Schwestern, bei der Mittwochsaudienz treffen kann, sollen die ersten Worte, die ich an euch richte, vor allem Worte des Dankes, der Liebe und des tiefen Vertrauens sein. So wie der Rosenkranz ein Gebet des Dankes, der Liebe und der vertrauensvollen Bitte ist und immer bleibt: das Gebet der Mutter der Kirche.

Und zu diesem Gebet ermutige und lade ich noch einmal alle besonders während dieses Rosenkranzmonats ein.

7. Liebe Teilnehmer an dieser Begegnung, nehmt diese meine ersten Worte in euch auf, die sich mit der Erinnerung an den 13. Mai verbinden. Da sie nicht alles enthalten können, werde ich versuchen, sie bei den folgenden Begegnungen zu ergänzen.

Generalaudienz am 14. Oktober 1981

1. Bei der Generalaudienz am vergangenen Mittwoch habe ich auf das Ereignis vom 13. Mai Bezug genommen. Da mit jenem Tag die Begegnungen unterbrochen wurden, die wir nun dank meiner Genesung erneut aufnehmen können, möchte ich euch wenigstens kurz den Inhalt meiner Betrachtungen in diesen Monaten mitteilen, in denen ich von Gott schwer geprüft wurde.

Ich sage: von Gott geprüft. Auch wenn die Ereignisse vom 13. Mai - das Attentat auf das Leben des Papstes und seine Folgen, verbunden mit dem chirurgischen Eingriff und dem Aufenthalt in der Gemelli-Klinik - gewiss ihre menschliche Seite haben, so vermag diese doch nicht die tiefere Dimension zu verdecken: nämlich, dass Gott diese Prüfung zugelassen hat. In diesem Zusammenhang sind auch meine Worte vom vergangenen Mittwoch zu betrachten. Heute will ich nochmal darauf zurückkommen.

Gott hat mich in den vergangenen Monaten das Leid erfahren lassen, ich durfte die Gefahr spüren, das Leben zu verlieren. Zugleich konnte ich mit aller Klarheit und bis auf den Grund begreifen, dass all dies eine besondere Gnade für mich als Mensch und - im Hinblick auf meinen Dienst als Bischof von Rom und Nachfolger Petri - auch eine Gnade für die Kirche ist.

2. Liebe Brüder und Schwestern, mir ist wirklich eine große Gnade zuteil geworden. Und wenn ich gemeinsam mit euch das Ereignis vom 13. Mai und die Zeit danach in Erinnerung rufe, kann ich nicht umhin, vor allem davon zu sprechen. Christus, das Licht der Welt, der Hirt seiner Herde und vor allem der erste aller Hirten, hat mir die Gnade gewährt, durch das Leid und die Gefahr für Leben und Gesundheit von seiner Wahrheit und seiner Liebe Zeugnis abzulegen. Gerade das, meine ich, war eine besondere Gnade für mich - und darum gebe ich meiner besonderen Dankbarkeit Ausdruck gegenüber dem Heiligen Geist, den die Apostel und ihre Nachfolger am Pfingsttag als Frucht des Kreuzes und der Auferstehung ihres Meisters und Erlösers empfangen haben. Deshalb hat für mich in diesem Jahr auch das Fest der Herabkunft des Heiligen Geistes eine ganz besondere Bedeutung gewonnen, als wir mit der gesamten Kirche, insbesondere gemeinsam mit dem Ökumenischen Patriarchat, für das Geschenk des vor 1600 Jahren abgehaltenen Ersten Konzils von Konstantinopel gedankt haben; dabei gedachten wir hier in Rom auch des vor 1550 Jahren abgehaltenen Konzils von Ephesus. Seit den Zeiten des Ersten Konzils von Konstantinopel bekennt die ganze Kirche: "Ich glaube an den Heiligen Geist, den Herrn und Lebensspender. "

Gerade auf diesen Heiligen Geist, den "Lebensspender" , berief sich Christus, als er vor seiner Auffahrt zum Vater den Aposteln sagte: "Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde" (Apg 1, 8). Seit dem Pfingsttag hat der Heilige Geist den Aposteln geholfen, Zeugnis abzulegen, zunächst in Jerusalem und dann in verschiedenen Ländern der damaligen Welt. Er war es, der ihnen die Kraft gab, Christus vor dem ganzen Volk zu bezeugen und, wenn sie deshalb gepeinigt wurden, sich zu freuen, "dass sie gewürdigt worden waren, für Jesu Namen Schmach zu erleiden" (Apg 5, 41).

Der Heilige Geist war es, der Paulus von Tarsus über die Straßen der damaligen Welt geführt hat. Der Heilige Geist war es, der Petrus beistand, als er zunächst in Jerusalem, dann in Antiochia und schließlich hier in Rom, der Hauptstadt des Reiches, von Christus Zeugnis gab. Dieses Zeugnis wurde zuletzt durch den Märtyrertod besiegelt; das gleiche gilt vom Zeugnis des Paulus, des großen Völkerapostels von Tarsus.

3. Diese Worte, die Christus, unser Herr und Erlöser, Christus, der ewige Seelenhirt, an die Apostel richtete, ehe er zum Vater zurückkehrte, gelten für deren Nachfolger und auch für alle Christen. Die Apostel bilden nämlich den Anfang und Keim des neuen Gottesvolkes, wie das Konzil lehrt (vgl. Ad gentes, Nr. 5). Aber wenn auch alle dazu aufgerufen sind, für den gekreuzigten und auferstandenen Christus Zeugnis abzulegen, so gilt es doch ganz besonders für jene, die nach den Aposteln den Dienst des Hirten- und Lehramtes in der Kirche als Erbe übernommen haben. Wie viele Nachfolger Petri auf diesem römischen Stuhl haben ihr Zeugnis für das Hirtenund Lehramt mit dem Opfer ihres Lebens besiegelt! Das erfahren wir aus der heiligen Liturgie, wenn sie im Laufe des Jahres an zahlreiche Päpste erinnert, die Petrus im Blutzeugnis für Christus gefolgt sind.

Es fällt schwer, von diesen Dingen ohne tiefe Verehrung, ohne innere Bewegung zu sprechen. Durch das Opfer derer, die besonders in den ersten Jahrhunderten für den gekreuzigten und auferstandenen Christus Zeugnis ablegten, ist ja der mystische Leib Christi gewachsen, hat sich die Kirche aufgebaut, hat sie tief in den Seelen Wurzeln geschlagen und in der Welt der Antike, die auf die Frohbotschaft des Evangeliums so oft mit blutigen Verfolgungen antwortete, Gestalt gewonnen.

'4. Das alles sollten sich jene vor Augen halten, die "zu den Gedenkstätten der Apostel" nach Rom kommen und den Spuren der Heiligen Petrus und Paulus folgen. Auch ich bin hier Pilger. Ich bin ein Fremdling, der nach dem Willen der Kirche hier bleiben und nach so vielen großen Päpsten, Bischöfen von Rom, die Nachfolge auf dem römischen Stuhl antreten musste. Auch ich spüre zutiefst meine menschliche Schwäche und wiederhole deshalb vertrauensvoll die Worte des Apostels: "Die Gnade erweist ihre Kraft in der Schwachheit" (2 Kor 12, 9). Daher denke ich auch mit großer Dankbarkeit gegenüber dem Heiligen Geist an jene Schwachheit, die er mich seit dem 13. Mai erfahren ließ, denn ich glaube und vertraue demütig darauf, dass sie die Kirche und auch meine menschliche Person zu stärken vermochte.

Das ist die Dimension der Prüfung Gottes, die zu ergründen für den Menschen nicht leicht ist. Es ist nicht leicht, mit menschlichen Worten darüber zu sprechen. Und doch muss man darüber sprechen. Es gilt, voll tiefer Demut vor Gott und der Kirche diese große Gnade zu bekennen, die mir in der Zeit zuteil geworden ist, da das ganze Volk Gottes sich auf eine besondere Feier des Pfingstfestes vorbereitete, da dieses Jahr dem Gedenken an das Erste Konzil von Konstantinopel vor 1600 Jahren und an das Konzil von Ephesus vor 1550 Jahren gewidmet war.

In Ephesus trat erneut zum Wohl der ganzen damaligen Kirche die Wahrheit über Christus hervor, den eingeborenen Sohn Gottes, der durch das Wirken des Heiligen Geistes Mensch geworden, im Schoße der Jungfrau Maria empfangen und von ihr zur Rettung der Welt geboren wurde. Maria ist daher in Wahrheit Mutter Gottes, "Theotokos", "Gottesgebärerin".

Wenn ich also gemeinsam mit euch, liebe Brüder und Schwestern, über die empfangene Gnade nachdenke, die mit der Bedrohung des Lebens und dem Leid einherging, wende ich mich in besonderer Weise an jene, die wir "Mutter der göttlichen Gnade" nennen. Und ich bitte, dass diese Gnade "an mir nicht ohne Wirkung bleibe" (vgl. 1 Kor 15, 10), so wie jede andere Gnade, die der Mensch überall und zu allen Zeiten empfängt. Ich bitte, dass aus jeder Gnade, die der Vater, der Sohn und der Heilige Geist in reicher Fülle ausgießen, jene Kraft entspringe, die in unserer Schwachheit wächst. Ich bitte, dass auch das Zeugnis der Wahrheit und der Liebe, zu dem uns der Herr aufgerufen hat, wachsen und sich ausbreiten möge.

Generalaudienz am 21. Oktober 1981

1. Auch heute, bei dieser willkommenen Begegnung mit euch, liebe Brüder und Schwestern, möchte ich auf das Geschehnis vom 13. Mai zurückkommen. Ich komme darauf zurück, um an das zu erinnern, was ich bereits am gleichen Tag vor Christus, dem Herrn und Erlöser unserer Seelen, ausgesprochen und am darauffolgenden Sonntag, dem 17. Mai, beim Regina Coeli laut und öffentlich gesagt habe.

Ich gebe diese Worte heute nicht nur wieder, sondern bekräftige sie auch, um der in ihnen enthaltenen Wahrheit Ausdruck zu geben, die heute wie damals die Wahrheit meiner Seele, meines Herzens und meines Gewissens ist:

"Liebe Brüder und Schwestern! Ich weiss, dass ihr mir in diesen Tagen und besonders in dieser Stunde des Regina Coeli verbunden seid. Tief bewegt danke ich für eure Gebete und segne euch alle. Besonders nahe bin ich den beiden Pilgern, die mit mir verletzt wurden. Ich bete für den Bruder, der mich verwundet hat und dem ich aufrichtig verzeihe. Christus verbunden, der Priester und Opfer zugleich ist, opfere ich meine Leiden auf für die Kirche und für die Welt. Dir, Maria, verspreche ich wiederum: Totus tuus ego sum (Ganz Dein bin ich)" (O.R.dt. vom 22. 5. 81, S. 1).

2. Verzeihen! Christus hat uns verzeihen gelehrt. Oftmals und auf verschiedene Weise hat er vom Verzeihen gesprochen. Als Petrus ihn fragte, wie oft er seinem Nächsten vergeben müsse, "siebenmal?" , antwortete ihm Jesus, dass er "siebenundsiebzigmal" vergeben müsse (Mt 18, 21 f.). Das heißt praktisch: immer. Denn die Zahl "siebenundsiebzig" hat symbolischen Charakter und bedeutet nicht so sehr eine bestimmte als vielmehr eine unberechenbare, unendliche Menge. Auf die Frage, wie man beten müsse, sprach Christus jene großartigen, an den Vater gerichteten Worte: "Vater unser im Himmel"; und unter den Bitten, aus denen dieses Gebet besteht, spricht die letzte vom Verzeihen: "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir" sie denen vergeben, die an uns schuldig geworden sind ("unseren Schuldigem"). Die Wahrheit dieser Worte bekräftigte schließlich Christus selbst am Kreuz, als er den Vater bat: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun" (Lk 23, 34).

Das Wort "ich vergebe" kommt von den Lippen eines Mannes, dem Böses angetan worden ist. Ja, es ist das Wort aus dem Herzen des Menschen. Mit diesem Wort des Herzens bemüht sich jeder von uns, die Kluft der Feindschaft zu überbrücken, die ihn vom anderen trennen mag, und versucht, wieder den inneren Raum der Verständigung herzustellen, den Raum der Kontakte und Bindungen. Christus hat uns durch das Wort des Evangeliums und vor allem durch sein eigenes Vorbild gelehrt, dass sich dieser Raum nicht nur gegenüber dem Mitmenschen öffnet, sondern zugleich auch Gott gegenüber. Der Vater, ein Gott der Vergebung und des Erbarmens, will eben in diesem Raum des menschlichen Verzeihens handeln - er will denen vergeben, die zu gegenseitigem Vergeben bereit sind, denen, die die Worte in die Tat umzusetzen versuchen: "Vergib uns ... , wie auch wir vergeben ... "

Das Verzeihen ist eine Gnade, an die man nur mit tiefer Demut und Dankbarkeit denken kann. Es ist ein Geheimnis des menschlichen Herzens, über das zu sprechen nicht leicht ist. Dennoch möchte ich noch ein wenig bei dem verweilen, was ich gesagt habe. Ich habe es damals gesagt, weil es zum Geschehnis vom 13. Mai als ganzem gehört.

3. Während der drei Monate, die ich im Krankenhaus verbrachte, kam mir wiederholt jener Abschnitt aus dem Buch Genesis in den Sinn, den wir alle gut kennen:

"Abel wurde Schafhirt und Kain Ackerbauer. Nach einiger Zeit brachte Kain dem Herrn ein Opfer von den Früchten des Feldes dar; auch Abel brachte eines dar von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht. Da überlief es Kain ganz heiß, und sein Blick senkte sich. Der Herr sprach zu Kain: Warum überläuft es dich heiß, und warum senkt sich dein Blick? Weißt du nicht: Wenn du recht tust, darfst du aufblicken. Wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon. Auf dich hat er es abgesehen, doch du werde seiner Herr!

Hierauf sagte Kain zu seinem Bruder Abel: Gehen wir aufs Feld! Als sie auf dem Feld waren, griff Kain seinen Bruder Abel an und erschlug ihn. Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er entgegnete: Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders? Der Herr sprach: Was hast du getan? Das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Ackerboden ... " (Gen 4, 2-10).

4. Oft fiel mir bei meinen Betrachtungen im Krankenhaus dieser uralte Text wieder ein, der vom ersten Anschlag des Menschen auf das Leben eines anderen Menschen - des Bruders auf das Leben des Bruders - spricht.

Damals, als dem Mann, der das Attentat gegen mich verübt hatte, der Prozess gemacht wurde und er das Urteil entgegennahm, musste ich an die Geschichte von Kain und Abel denken, die in der Sprache der Bibel den "Anfang" der Sünde gegen das Leben des Menschen darstellt. In unserer Zeit, in der dieses Vergehen gegen das Leben des Menschen erneut und in neuer Weise zu einer Bedrohung geworden ist und unzählige unschuldige Menschen durch die Hand anderer Menschen zugrunde gehen, gewinnt die biblische Beschreibung dessen, was sich zwischen Kain und Abel zutrug, besondere Bedeutung. Sie ist noch umfassender, noch erschütternder als das Gebot: "Du sollst nicht töten!" Dieses Gebot gehört zu den Zehn Geboten, die Mose von Gott empfangen hat und die zugleich als inneres Gesetz der sittlichen Ordnung für das gesamte menschliche Verhalten in das Herz des Menschen eingeschrieben sind. Spricht etwa die Frage Gottes an Kain: "Wo ist dein Bruder?" uns nicht noch eindringlicher an als das absolute Verbot "Du sollst nicht töten"? Und auf die ausweichende Antwort Kains: "Bin ich der Hüter meines Bruders?" folgt die noch nachdrücklichere Frage Gottes:

"Was hast du getan? Das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Ackerboden!"

5. Christus hat uns verzeihen gelehrt. Das Verzeihen ist unerlässlich, auch damit Gott seine Fragen an unser Gewissen richten kann, auf die er eine völlig aufrichtige Antwort erwartet.

In unserer Zeit, in der so viele unschuldige Menschen durch die Hand anderer Menschen den Tod finden, scheint es besonders dringlich, sich denen zu nähern, die töten, jedem einzelnen von ihnen, mit der Vergebung im Herzen und zugleich mit derselben Frage, die Gott, der Schöpfer und Herr des menschlichen Lebens an den ersten Menschen gerichtet hat, der einen Anschlag auf das Leben seines Bruders verübt und es ihm genommen hatte - das genommen hatte, was einzig und allein Eigentum des Schöpfers und Herrn des Lebens ist.

Christus hat uns verzeihen gelehrt. Er hat Petrus gelehrt, siebenundsiebzigmal zu vergeben (Mt 18, 22). Gott selbst vergibt, wenn der Mensch auf die an sein Gewissen und an sein Herz gerichtete Frage mit der ganzen Wahrheit innerer Bekehrung antwortet.

Während wir Gott das endgültige Urteil überlassen, hören wir nicht auf zu bitten: "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigem!"

Generalaudienz am 28. Oktober 1981

1. Es nähert sich das Ende des Monats Oktober, des Rosenkranzmonats. Ich möchte bei dieser letzten Generalaudienz im Oktober auf die erste Generalaudienz in diesem Monat zurückkommen. (Sie war ja die erste Generalaudienz nach den Ereignissen des 13. Mai und der dadurch verursachten mehrmonatigen Unterbrechung.) Jene erste Audienz nach der Unterbrechung fand am Fest Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz statt.

Am Ende des Monats Oktober möchte ich nun gemeinsam mit euch, Brüder und Schwestern, die Einfachheit und Tiefe dieses Gebetes betrachten, zu dem uns die Gottesmutter in besonderer Weise einlädt, auffordert und ermutigt. Wenn wir den Rosenkranz beten, versenken wir uns in die Geheimnisse des Lebens Jesu, welche zugleich die Geheimnisse seiner Mutter sind. Das empfindet man besonders klar bei den Geheimnissen des freudenreichen Rosenkranzes, angefangen von der Verkündigung, über den Besuch bei Elisabeth und didasse Geburt in der Nacht von Betlehem, dann die Darstellung des Herrn im Tempel bis hin zur Auffindung dort, als J esus bereits 12 Jahre alt war. Mag es auch den Anschein haben, als zeigten uns die Geheimnisse des schmerzhaften Rosenkranzes nicht unmittelbar die Mutter Jesu - mit Ausnahme der beiden letzten: dem Kreuzweg und der Kreuzigung -, dürfen wir dann meinen, die Mutter sei geistlich abwesend gewesen, als ihr Sohn in Getsemani so schrecklich litt, als er gegeißelt und mit Dornen gekrönt wurde? Auch die Geheimnisse des glorreichen Rosenkranzes sind Geheimnisse Christi, in denen wir Maria geistlich beteiligt finden, allem voran das Geheimnis der Auferstehung. Dort, wo die Heilige Schrift von der Himmelfahrt spricht, erwähnt sie die Anwesenheit Mariens zwar nicht ausdrücklich - aber wie sollte sie nicht zugegen gewesen sein, wenn wir gleich darauf lesen,. daß sie sich zusammen mit den Aposteln, die kurz zuvor Christus, als er in den Himmel aufstieg, begleitet hatten, im Abendmahlssaal befand? Gemeinsam mit ihnen bereitet sich Maria auf das Kommen des Heiligen Geistes vor.

2. Das ist es, was ich über dieses so anziehende Gebet am Ende des Monats Oktober sagen wollte. Ich wende mich damit an alle, die mir durch ihr Gebet - nicht nur durch das Rosenkranzgebet, sondern auch durch das liturgische und jedes andere Gebet - während der vergangenen Monate beigestanden haben. Ich habe dafür schon bei früheren Gelegenheiten gedankt. Ich habe auch bei der ersten Generalaudienz in diesem Monat dafür gedankt. Doch diese Dankbarkeit kann nie genug ausgesprochen werden. Daher will ich heute meine Dankbarkeit noch einmal bekunden, wobei ich mir bewußt bin, wieviel ich all denen schulde, die mir mit dem Gebet beigestanden haben und noch immer beistehen.

Der Großteil dieser Hilfe ist Gott allein bekannt. Doch haben mich in dieser Zeit Tausende von Briefen erreicht, in denen mir Menschen aus allen Teilen der Welt ihre Anteilnahme bekundet und mich ihres Gebetes versichert haben. Nur einen dieser vielen Briefe möchte ich heute vorlesen; ein kleines Mädchen hat ihn mir geschrieben: "Lieber Papst, ich wünsche Dir, dass Du recht bald gesund wirst, um wieder das Evangelium und das Wort Gottes lesen zu können. Ich weiß, dass Du jenem Mann, der Dich verwundete, vergeben hast, und so will auch ich dem verzeihen, der mich verpetzt oder mich anrempelt. Mach, dass ich mich immer gut benehme und dass überall Friede herrscht."

3. Am Ende des Briefes des hl. Paulus an die Epheser lesen wir folgende Worte: " ... Werdet stark durch die Kraft und Macht des Herrn! Zieht die Rüstung Gottes an, damit ihr den listigen Anschlägen des Teufels widerstehen könnt. Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Fürsten und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs ... Darum ... greift zum Schild des Glaubens! Mit ihm könnt ihr alle feurigen Geschosse des Bösen auslöschen ... Hört nicht auf, zu beten und zu flehen! Betet jederzeit im Geist; seid wachsam, harrt aus und bittet für alle Heiligen, auch für mich: dass Gott mir das rechte Wort schenkt, wenn es darauf ankommt, mit Freimut das Geheimnis des Evangeliums zu verkünden, als dessen Gesandter ich im Gefängnis bin. Bittet, dass ich in seiner Kraft freimütig zu reden vermag, wie es meine Pflicht ist" (Eph 6, 10-20).

Bei der ersten Audienz im Oktober habe ich - unter Bezugnahme auf die Apostelgeschichte - dafür gedankt, dass "die Gemeinde inständig für ihn (Petrus) zu Gott betete". Heute habe ich mich auf die Worte aus dem Epheserbrief bezogen, um wie Paulus zu bitten, dieses Gebet auch jetzt fortzusetzen, da ich meinen Dienst am Evangelium wieder aufnehmen darf. Es ist ein Dienst der Wahrheit und der Liebe. Ein Dienst, der der Kirche und zugleich der Welt gilt. Der Verfasser des Briefes an die Epheser sagt, dass dieser Dienst an der Wahrheit zugleich ein echter Kampf "gegen die bösen Geister" ist, gegen "die Beherrscher dieser finsteren Welt". Es ist ein Kampf, ein Gefecht.

4. Von diesem Kampf spricht auch das Zweite Vatikanische Konzil in der Konstitution Gaudium et spes mit folgenden Worten: "Die ganze Geschichte der Menschheit durchzieht ein harter Kampf gegen die Mächte der Finsternis, ein Kampf, der schon am Anfang der Welt begann und nach dem Wort des Herrn bis zum letzten Tag andauern wird. Der einzelne Mensch muss, in diesen Streit hineingezogen, beständig kämpfen um seine Entscheidung für das Gute, und nur mit großer Anstrengung kann er in sich mit Gottes Gnadenhilfe seine eigene innere Einheit erreichen. Deshalb kann die Kirche Christi, obwohl sie im Vertrauen auf den Plan des Schöpfers anerkennt, dass der menschliche Fortschritt dem wahren Glück der Menschen zu dienen vermag, nicht davon absehen, das Wort des Apostels einzuschärfen: "Macht euch nicht dieser Welt gleichförmig" (Röm 12, 2), d. h. dem Geist des leeren Stolzes und der Bosheit, der das auf den Dienst Gottes und des Menschen hingeordnete menschliche Schaffen in ein Werkzeug der Sünde verkehrt (Gaudium et spes, Nr. 37).

Weiter lehren die Konzilsväter: "Vor der Frage, wie dieses Elend überwunden werden kann, bekennen die Christen, dass alles Tun des Menschen, das durch Stolz und ungeordnete Selbstliebe täglich gefährdet ist, durch Christi Kreuz und Auferstehung gereinigt und zur Vollendung gebracht werden muss" (ebd.).

Nun, da ich nach der Prüfung, die das göttliche Erbarmen mir zu bestehen geschenkt hat, meinen Dienst wieder aufnehme, wende ich mich an alle mit den Worten des hl. Paulus: Betet "für mich, dass Gott mir das rechte Wort schenkt, wenn es darauf ankommt, mit Freimut das Geheimnis des Evangeliums zu verkünden ... "

5. Die persönliche Erfahrung der Gewalt hat mich stärker die Nähe zu allen Menschen spüren lassen, die irgendwo auf der Erde und in irgend einer Weise um des Namens Christi willen Verfolgung leiden. Ich fühle mich auch jenen verbunden, die für die heilige Sache des Menschen und für seine Würde, für Gerechtigkeit und Frieden in der Welt unterdrückt werden, und ich stehe schließlich denen nahe, die diese ihre Treue mit dem Tod besiegelt haben.

Indem ich an sie alle denke, wiederhole ich die Worte des Apostels aus dem Römerbrief: "Keiner von uns lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Denn Christus ist gestorben und lebendig geworden, um Herr zu sein über Tote und Lebende" (Röm 14, 7-9).

Mögen diese Worte für uns auch Vorbereitung auf das große Fest Allerheiligen und auf den 2. November sein, an dem wir aller verstorbenen Gläubigen gedenken.

Generalaudienz am 4. November 1981

1. Heute, am 4. November, gedenkt die Kirche wie jedes Jahr der Gestalt des heiligen Bekennerbischofs Karl Borromäus. Da ich nun bei der Taufe den Namen dieses Heiligen empfangen habe, will ich ihm die Betrachtung der heutigen Generalaudienz widmen und dabei auf alle vorangegangenen Überlegungen des Monats Oktober Bezug nehmen. Darin habe ich nach einigen Monaten Unterbrechung durch den Krankenhausaufenthalt - euch, liebe Brüder und Schwestern, jene Gedanken mitzuteilen versucht, die mir unter dem Eindruck des Geschehens vom 13. Mai gekommen sind. Die heutige Betrachtung fügt sich in diesen Hauptrahmen ein. Für alle, die sich mir am Tag meines Namenspatrons im Gebet anschließen, möchte ich noch einmal die Worte aus dem Epheserbrief wiederholen, die ich am vergangenen Mittwoch angeführt habe: Betet "für alle Heiligen und auch für mich: dass Gott mir das rechte Wort schenkt, wenn es darauf ankommt, mit Freimut das Geheimnis des Evangeliums zu verkünden, dessen Gesandter ich bin ... " (Eph 6, 18-20). 2. Der hl. Karl Borromäus ist einer jener Heiligen, denen das rechte Wort geschenkt wurde, "das Evangelium zu verkünden, dessen Gesandter er war", denn das war sein Auftrag, den er von den Aposteln ererbt hatte. Er hat diesen Auftrag heroisch in totaler Hingabe seiner Kräfte erfüllt. Die Kirche blickte auf ihn und erbaute sich an ihm. Zunächst in der Zeit des Konzils von Trient, an dessen Arbeiten er von Rom aus eifrig teilgenommen hat, da er die Last eines pausenlosen Briefwechsels auf sich nahm und daran mitarbeitete, das gemeinsame Bemühen der Konzilsväter zu einem für die Bedürfnisse des Gottesvolkes von damals günstigen Ende zu führen. Und es gab einige sehr dringende Anliegen. Danach wird dieser Kardinal als Erzbischof von Mailand und damit Nachfolger des hl. Ambrosius zum unermüdlichen Wegbereiter der Konzilsbeschlüsse, die er mit Hilfe mehrerer Diözesansynoden in die Tat umsetzt.

Ihm verdankt die Kirche - und nicht nur die Kirche von Mailand - eine radikale Erneuerung des Klerus, zu welcher er mit der Errichtung von Seminaren beitrug, deren Einführung ja auf das Konzil von Trient zurückgeht. Hinzukommen noch viele andere Werke wie die Errichtung der Bruderschaften, der religiösen Sodalitäten und Vereine für Laienoblaten, in denen sich schon die Katholische Aktion ankündigte, der Kollegien, der Armenspitäler und schließlich 1572 die Gründung der Universität Brera. Die Bände der Acta Ecc1esiae Mediolanensis und die Dokumente zu den Pastoralbesuchen geben Zeugnis von diesem intensiven und weitblickenden Wirken des hl. Karl, dessen Leben man in drei großartigen Titeln zusammenfassen könnte: Er war ein heiliger Hirte, ein erleuchteter Lehrer, ein aufmerksamer und scharfsinniger Gesetzgeber.

Sooft ich - das war einige Male in meinem Leben der Fall Gelegenheit hatte, in der Krypta des Mailänder Domes, wo der Leib des hl. Karl ruht, das hl. Meßopfer zu feiern, stellte sich mir sein gesamtes pastorales Wirken vor Augen, das bis zuletzt dem Volk galt, zu dem er gesandt war. Er beschloß dieses Leben 1584 im Alter von 46 Jahren, nachdem er den Opfern der Pest, die Mailand heimsuchte, einen wahrhaft heroischen Hirtendienst geleistet hatte.

3. Hier nun einige Worte des hl. Karl Borromäus, die auf jene totale Hingabe an Christus und die Kirche hindeuten, von welcher das Herz und das gesamte pastorale Wirken des Heiligen durchdrungen war. Auf dem vierten Provinzialkonzil im Jahr 1576 ermutigte er die Bischöfe der Lombardei folgendermaßen: "Das sind die Seelen, zu deren Rettung Gott seinen einzigen Sohn Jesus Christus gesandt hat ... Er hat auch jeden von uns Bischöfen darauf hingewiesen, dass wir dazu aufgerufen sind, am Heilswerk teilzunehmen - das erhabenste Motiv unseres Dienstes -, und hat uns gelehrt, dass vor allem die Liebe die Lehrmeisterin unseres Apostolats sein muss, die Liebe, die er (Jesus) durch uns den uns anvertrauten Gläubigen durch die regelmäßige Verkündigung sichtbar machen will - durch die heilbringende Verwaltung der Sakramente, durch das Vorbild eines heiligmäßigen Lebens ... , durch unermüdlichen Eifer" (vgl. Sancti Caroli Borromei Orationes XII, Romae 1963, Oratio IV).

Was er den Bischöfen und Priestern einschärfte, was er den Gläubigen nahelegte, das tat er zuerst selbst in vorbildlicher Weise.

4. Bei der Taufe habe ich den Namen des hl. Karl Borromäus erhalten. Mir war es vergönnt, zur Zeit des II. Vatikanischen Konzils zu leben, das wie seinerzeit das Konzil von Trient versucht hat, die Richtung der Erneuerung der Kirche entsprechend den Bedürfnissen unserer Zeit aufzuzeigen. An diesem Konzil habe ich vom ersten bis zum letzten Tag teilnehmen dürfen. Es war mir - wie meinem Namenspatron - ebenfalls gegeben, dem Kardinalskollegium anzugehören. Ich habe versucht, ihn nachzuahmen, indem ich die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils in das Leben der Erzdiözese Krakau einbrachte.

Heute, am Fest des hl. Karl Borromäus, denke ich über die Bedeutung der Taufe nach, bei der ich seinen Namen erhalten habe. In der Taufe wurden wir nach den Worten des hl. Paulus eingetaucht in den Tod Christi, um auf diese Weise an seiner Auferstehung teilzuhaben. So schreibt der Apostel im Brief an die Römer: "Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben. Wenn wir nämlich ihm gleich geworden sind in seinem Tod, dann werden wir mit ihm auch in seiner Auferstehung vereinigt sein" (Röm 6, 4-5).

Durch die Taufe empfängt jeder von uns die sakramentale Teilhabe an jenem Leben, das - erworben durch das Kreuz. in der Auferstehung unseres Herrn und Erlösers offenbar geworden ist. Während wir mit unserem ganzen menschlichen Sein ins Geheimnis Christi verwurzelt werden, werden wir in ihm zugleich zum ersten Mal dem Vater geweiht. In uns erfüllt und vollzieht sich der erste und grundlegende Akt der Weihe, durch welchen der Vater den Menschen als sein Adoptivkind annimmt: Der Mensch wird Gott geschenkt, damit er als Adoptivkind seinen Willen erfülle und immer mehr an seinem Reich teilhabe. Im Sakrament der Taufe beginnt in uns jenes "königliche Priestertum", durch das wir an der Sendung Christi selbst teilnehmen, des Priesters, Propheten und Königs.

Der Heilige, dessen Name wir bei der Taufe erhalten, soll uns diese Gotteskindschaft, deren wir teilhaftig geworden sind, ständig bewußtmachen. Er soll auch einem jeden dabei helfen, das ganze Leben nach dem Maß dessen zu gestalten, was durch Christus vollbracht worden ist: durch seinen Tod und seine Auferstehung. Das also ist die Rolle, die der hl. Karl Borromäus in meinem Leben und im Leben aller, die seinen Namen tragen, erfüllt.

5. Das Ereignis vom 13. Mai hat mich das Leben in neuer Weise sehen lassen: dieses Leben, dessen Anfänge mit der Erinnerung an meine Eltern und zugleich an das Geheimnis der Taufe und mit dem Namen des hl. Karl Borromäus verbunden sind.

Hat Christus nicht etwa von dem Weizenkorn gesprochen, das in die Erde fällt und stirbt, um Frucht zu bringen? (vgl. Joh 12, 24).

Hat Christus nicht etwa gesagt: "Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen." (Mt 16, 25).

Und an anderer Stelle: "Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann" (Mt 10, 28).

Und weiter: "Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt" (loh 15, 13).

Alle diese Worte spielen auf jene innere Reife an, zu welcher der Glaube, die Hoffnung und die Gnade unseres Herrn Jesus Christus die menschliche Seele führen.

Während ich aus der Sicht der Taufe auf mein Leben blicke und es durch das Vorbild des hl. Karl Borromäus betrachte, danke ich allen, die mir heute, während des vergangenen Zeitabschnitts und auch weiterhin durch ihr Gebet und manchmal auch mit größerem persönlichem Opfer beistehen. Ich hoffe, dass ich dank dieses geistigen Beistandes zu jener Reife zu gelangen vermag, die mir (wie jedem von uns) zuteil werden muss in Jesus Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen - zum Heil meiner Seele -, wie es bei den Aposteln Petrus und Paulus und so vielen Nachfolgern des hl. Petrus auf dem römischen Stuhl der Fall gewesen ist, dem es nach den Worten des hl. Ignatius von Antiocheia obliegt, "den Vorsitz in der Liebe zu führen" (Brief an die Römer, in: Funk, Patres Apostolici, I, 252).

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