Botschaft an die chinesischen Katholiken am 26. September 2018

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Botschaft

von Papst
Franziskus
an die chinesischen Katholiken und die universale Kirche
26. September 2018

(Quelle: Die deutsche Fassung auf der Vatikanseite; auch in: Osservatore Romano 12. Oktober 2018, S. 14+15)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


»Ewig währt seine Huld und von Geschlecht zu Geschlecht seine Treue« (Psalm 100,5),

Verehrte Mitbrüder im Bischofsamt, Priester, gottgeweihte Personen und alle Gläubigen der katholischen Kirche in China, danken wir dem Herrn, denn seine Huld währt ewig: »Er hat uns gemacht, wir sind sein Eigentum, sein Volk und die Herde seiner Weide« (Ps 100,3).

In diesem Augenblick kommen mir wieder die Worte in den Sinn, mit denen mein verehrter Vorgänger im Brief vom 27. Mai 2007 euch aufforderte: »Katholische Kirche in China, du kleine Herde, die du lebst und tätig bist in der Weite eines riesigen Volkes, das in der Geschichte unterwegs ist, wie ermutigend und auffordernd klingen für dich die Worte Jesu: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben“ (Lk 12,32) [...]: Daher „soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen“ (Mt 5,16)« (Benedikt XVI., Brief an die Bischöfe, die Priester, die Personen des gottgeweihten Lebens und an die gläubigen Laien der katholischen Kirche in der Volksrepublik China [27. Mai 2007], 5).

1. In letzter Zeit sind viele widersprüchliche Stimmen über die Gegenwart und vor allem über die Zukunft der katholischen Gemeinschaften in China kursiert. Ich bin mir bewusst, dass ein solcher Wirbel an Meinungen und Beobachtungen eine nicht geringe Verwirrung gestiftet hat, die in vielen Herzen gegensätzliche Empfindungen hervorruft. Bei einigen kommen Zweifel und Ratlosigkeit auf. Andere haben den Eindruck, vom Heiligen Stuhl gleichsam im Stich gelassen worden zu sein, und stellen zugleich die schmerzliche Frage nach dem Wert des Leidens, das man für die Treue zum Nachfolger Petri hinnehmen musste. Bei vielen anderen überwiegen jedoch positive Erwartungen und Überlegungen, die von der Hoffnung auf eine ruhigere Zukunft im Hinblick auf ein fruchtbares Glaubenszeugnis auf chinesischem Boden genährt werden.

Diese Situation akzentuierte sich vor allem in Bezug auf die Vorläufige Vereinbarung zwischen dem Heiligen Stuhl und der Volksrepublik China, die, wie ihr wisst, in den vergangenen Tagen in Peking unterzeichnet wurde. In einem sehr bedeutsamen Moment für das Leben der Kirche möchte ich euch durch diese kurze Botschaft vor allem versichern, dass ihr jeden Tag in meinem Gebet gegenwärtig seid. Zudem möchte ich mit euch die Empfindungen teilen, die in meinem Herzen sind.

Es sind Empfindungen des Dankes gegenüber dem Herrn und Gefühle aufrichtiger Bewunderung – der Bewunderung seitens der gesamten katholischen Kirche – für die Gabe eurer Treue, der Beständigkeit in der Prüfung und des tief verwurzelten Vertrauens in die Vorsehung Gottes, auch wenn gewisse Ereignisse sich als besonders widrig und schwierig herausgestellt haben.

Diese schmerzhaften Ereignisse gehören zum geistlichen Schatz der Kirche in China und des ganzen wandernden Volkes Gottes auf der Erde. Ich versichere euch, dass der Herr gerade durch den Schmelzofen der Prüfungen es nie versäumt, uns mit seinen Tröstungen zu erfüllen und uns auf eine größere Freude vorzubereiten. Mit Psalm 126 sind wir mehr als gewiss: »Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten« (Vers 5).

Richten wir also weiter unseren Blick auf das Beispiel so vieler gläubiger Laien und Hirten, die nicht gezögert haben, ihr „gutes Bekenntnis“ (vgl. 1 Tim 6,13) zum Evangelium abzulegen bis zur Hingabe des eigenen Lebens. Sie sind als wahre Freunde Gottes anzusehen.

2. Meinerseits habe ich China immer als ein Land großer Möglichkeiten betrachtet und auf das chinesische Volk als Schöpfer und Hüter eines unschätzbaren Erbes von Kultur und Weisheit geschaut. Dieses Erbe wurde dadurch veredelt, dass es den Widrigkeiten standhielt und die Verschiedenheiten in sich aufnahm und nicht von ungefähr seit ältesten Tagen mit der christlichen Botschaft in Berührung gekommen ist. In der Absicht, die Tugend des Vertrauens zu wecken, hat der Jesuit Matteo Ricci einmal sehr scharfsinnig bemerkt: »Bevor man eine Freundschaft schließt, sollte man beobachten; und wenn man sie eingegangen ist, sollte man sich auf sie verlassen« (De amicitia, 7).

Zudem bin ich davon überzeugt, dass die Begegnung nur dann authentisch und fruchtbar sein kann, wenn sie durch die Praxis des Dialogs erfolgt, das heißt, dass man sich kennt, sich respektiert und „miteinander voranschreitet“, um eine gemeinsame Zukunft in größter Harmonie aufzubauen.

Auf dieser Linie steht die Vorläufige Vereinbarung, die Frucht des langen und komplexen institutionellen Dialogs des Heiligen Stuhls mit den chinesischen Regierungsbehörden ist, der schon vom heiligen Johannes Paul II. begonnen und von Papst Benedikt XVI. weitergeführt wurde. Damit hatte – und hat – der Heilige Stuhl nichts anderes im Sinn, als die geistlichen und seelsorglichen Ziele der Kirche zu verwirklichen, nämlich die Verkündigung des Evangeliums zu unterstützen und zu fördern sowie die volle und sichtbare Einheit der katholischen Gemeinschaft in China zu erreichen und zu bewahren.

Zur Bedeutung jener Vereinbarung und ihrer Ziele möchte ich euch einige Überlegungen vorschlagen und dabei ebenso manche Anregung spiritueller und seelsorglicher Natur für den Weg geben, den wir in dieser neuen Phase beschreiten sollen.

Es handelt sich um einen Weg, der wie der vorangegangene Abschnitt, »Zeit erfordert und guten Willen auf beiden Seiten voraussetzt« (Benedikt XVI., Brief an die Bischöfe, die Priester, die Personen des gottgeweihten Lebens und an die gläubigen Laien der katholischen Kirche in der Volksrepublik China [27. Mai 2007], 4). Für die Kirche innerhalb und außerhalb Chinas geht es nicht nur um ein Bekenntnis zu menschlichen Werten, sondern um eine Antwort auf einen geistlichen Ruf: aus sich selbst herauszugehen, um sich die »Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art« (Zweites Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 1), zu eigen zu machen und die ihr von Gott anvertrauten Herausforderungen der Gegenwart anzunehmen. Es ist somit eine kirchliche Berufung, Pilger auf den Wegen der Geschichte zu werden und sich dabei vor allem auf Gott und seine Verheißungen zu verlassen, wie es Abraham und unsere Väter im Glauben getan haben.

Als Abraham von Gott berufen wurde, brach er im Gehorsam in ein unbekanntes Land auf, das er erben sollte, ohne den Weg zu kennen, der sich vor ihm auftat. Wenn Abraham ideale Bedingungen – sozialer und politischer Natur – verlangt hätte, um sein Land zu verlassen, wäre er vielleicht nie aufgebrochen. Er hat stattdessen Gott vertraut. Auf Sein Wort hin hat er sein Haus und seine Sicherheiten hinter sich gelassen. Also nicht die geschichtlichen Veränderungen machten es ihm möglich, auf Gott zu vertrauen, sondern sein reiner Glaube hat zu einer Änderung der Geschichte geführt. Der Glaube ist nämlich »Grundlage dessen, was man erhofft, ein Zutagetreten von Tatsachen, die man nicht sieht. Aufgrund dieses Glaubens haben die Alten ein gutes Zeugnis erhalten« (Hebr 11,1-2).

3. Als Nachfolger Petri möchte ich euch in diesem Glauben stärken (vgl. Lk 22,32) – im Glauben Abrahams, im Glauben der Jungfrau Maria, im Glauben, den ihr empfangen habt – und ich möchte euch einladen, mit immer größerer Überzeugung euer Vertrauen auf den Herrn der Geschichte und auf die Erkenntnis seines Willens durch die Kirche zu setzen. Bitten wir um die Gabe des Heiligen Geistes, dass er den Verstand erleuchte und das Herz erwärme. Er lasse uns begreifen, wo er uns hinführen will, und helfe uns, die unvermeidlichen Augenblicke der Verwirrung zu überwinden und die Kraft zu finden, auf dem Weg, der sich vor uns auftut, entschlossen weiterzugehen.

Gerade um die Verkündigung des Evangeliums in China zu unterstützen und zu fördern sowie die volle und sichtbare Einheit in der Kirche wiederherzustellen, war es wesentlich, zuerst die Frage der Bischofsernennungen anzugehen. Es ist allgemein bekannt, dass die jüngere Geschichte der katholischen Kirche in China leider durch tiefe Spannungen, Verletzungen und Spaltungen schmerzlich gekennzeichnet war, die sich vor allem um die Figur des Bischofs als Hüter des authentischen Glaubens und als Garant der kirchlichen Einheit konzentriert haben.

Als in der Vergangenheit der Anspruch erhoben wurde, auch das interne Leben der katholischen Gemeinschaften zu bestimmen, und dafür ihnen über die legitimen Kompetenzen des Staates hinaus eine direkte Kontrolle auferlegt wurde, trat in der Kirche in China das Phänomen der Untergrundgemeinden auf. Eine solche Erfahrung – das muss hervorgehoben werden – gehört nicht zur Normalität des Lebens der Kirche und »die Geschichte zeigt, dass Hirten und Gläubige dazu nur mit dem mit Leid verbundenen Wunsch greifen, den eigenen Glauben unversehrt zu bewahren« (Benedikt XVI., Brief an die Bischöfe, die Priester, die Personen des gottgeweihten Lebens und an die gläubigen Laien der katholischen Kirche in der Volksrepublik China [27. Mai 2007], 8).

Ihr sollt wissen, dass ich, seit mir das Petrusamt anvertraut wurde, großen Trost darin gefunden habe, dass ich das aufrichtige Verlangen der chinesischen Katholiken erleben durfte, ihren Glauben in vollkommener Gemeinschaft mit der universalen Kirche und dem Nachfolger Petri zu leben, der »das immerwährende, sichtbare Prinzip und Fundament für die Einheit der Vielheit von Bischöfen und Gläubigen« (Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 23) ist. Im Laufe dieser Jahre habe ich zahlreiche Zeichen und konkrete Zeugnisse dieses Verlangens erhalten, auch seitens derer, einschließlich Bischöfe, die die Gemeinschaft mit der Kirche verletzt haben, sei es aufgrund von Schwäche und Irrtümern, aber nicht selten auch wegen starken und unrechtmäßigen Drucks von außen.

Daher habe ich nach Prüfung jeder einzelnen persönlichen Situation und nach Anhörung verschiedener Meinungen viel nachgedacht und gebetet auf der Suche nach dem wahren Wohl der Kirche in China. Schließlich bin ich vor dem Herrn und mit ruhig gefasstem Urteil, in Kontinuität mit den Weisungen meiner direkten Vorgänger, zum Entschluss gekommen, den restlichen sieben „offiziellen“ Bischöfen, die ohne Päpstliches Mandat geweiht wurden, die Versöhnung zu gewähren und sie nach Aufhebung aller entsprechenden kanonischen Strafen in die volle Gemeinschaft der Kirche wiederaufzunehmen. Zugleich bitte ich sie, mit konkreten sichtbaren Gesten die wiedererlangte Einheit mit dem Apostolischen Stuhl und den Kirchen in der ganzen Welt zum Ausdruck zu bringen und trotz der Schwierigkeiten treu zu ihr zu stehen.

4. Im sechsten Jahr meines Pontifikats, das ich von Anfang an unter das Zeichen der barmherzigen Liebe Gottes gestellt habe, lade ich daher alle chinesischen Katholiken ein, zu Stiftern von Versöhnung zu werden und dabei mit immer neuer apostolischer Leidenschaft an die Worte des Paulus zu erinnern: »Gott [hat] uns durch Christus mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen« (2 Kor 5,18).

Denn – wie ich anlässlich des Abschlusses des Außerordentlichen Jubiläums der Barmherzigkeit geschrieben habe – »es gibt weder ein Gesetz, noch eine Vorschrift, die Gott verbieten könnte, den Sohn wieder in die Arme zu schließen, der zu ihm zurückkehrt und gesteht, einen Fehler begangen zu haben, aber entschlossen ist, wieder von vorne anzufangen. Nur bei dem Gesetz stehen zu bleiben bedeutet, den Glauben und das göttliche Erbarmen zu vereiteln. […]. Selbst in den kompliziertesten Fällen, in denen man versucht ist, einer Gerechtigkeit den Vorrang zu geben, die allein aus den Normen hervorgeht, muss man an die Kraft glauben, die aus der göttlichen Gnade entspringt« (Apostolisches Schreiben Misericordia et misera [20. November 2016], 11).

In diesem Geist und mit den getroffenen Entscheidungen können wir einen neuen Weg einschlagen, der, wie wir hoffen, helfen wird, die Wunden der Vergangenheit zu heilen, die volle Gemeinschaft aller chinesischen Katholiken wiederherzustellen und eine Phase immer brüderlicherer Zusammenarbeit zu eröffnen, um mit neuem Eifer den Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums zu erfüllen. Denn die Kirche existiert, um Jesus Christus und die vergebende und heilbringende Liebe des Vaters zu bezeugen.

5. Auch wenn sich die Vorläufige Vereinbarung, die mit den chinesischen Autoritäten geschlossen wurde, auf einige Aspekte des Lebens der Kirche beschränkt und notwendigerweise verbesserungsfähig ist, kann sie ihrerseits dazu beitragen, diese neue Seite der Geschichte der katholischen Kirche in China zu schreiben. Sie führt zum ersten Mal stabile Elemente der Zusammenarbeit zwischen den staatlichen Autoritäten und dem Apostolischen Stuhl ein in der Hoffnung, der katholischen Gemeinschaft gute Hirten zu gewährleisten.

In diesem Zusammenhang beabsichtigt der Heilige Stuhl, die ihm zustehende Aufgabe ernsthaft wahrzunehmen, aber auch euch, Bischöfen, Priestern, gottgeweihten Personen und gläubigen Laien fällt eine wichtige Rolle zu: gemeinsam nach guten Kandidaten zu suchen, die fähig sind, in der Kirche den heiklen und wichtigen bischöflichen Dienst zu übernehmen. Es geht nämlich nicht darum, Funktionäre für die Verwaltung der religiösen Angelegenheiten zu ernennen, sondern authentische Hirten nach dem Herzen Jesu zu haben, die mit Eifer und Hochherzigkeit im Dienst am Volk Gottes wirken und insbesondere den Armen und Schwachen dienen, da sie das Wort des Herrn beherzigen: »Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein« (Mk 10,43-44).

Diesbezüglich scheint es offenkundig, dass ein Abkommen nur ein Werkzeug ist und nicht allein alle bestehenden Probleme wird lösen können. Es wäre vielmehr unwirksam und fruchtlos, wenn es nicht von einem tiefen Bemühen begleitet würde, die persönlichen Haltungen und die kirchlichen Vorgehensweisen zu erneuern.

6. Auf pastoraler Ebene ist die katholische Gemeinschaft in China gerufen, vereint zu sein, um die Spaltungen der Vergangenheit zu überwinden, welche dem Herzen vieler Hirten und Gläubigen großes Leid verursacht habe und weiter verursachen. Unterschiedslos alle Christen mögen jetzt Zeichen der Versöhnung und der Gemeinschaft setzen. Lernen wir diesbezüglich aus der Mahnung des heiligen Johannes vom Kreuz: „Am Abend unseres Lebens werden wir nach der Liebe gerichtet werden!« (Geistliche Weisungen, 1,57).

Auf ziviler und politischer Ebene sollen die chinesischen Katholiken gute Bürger sein, sie sollen ihr Vaterland mit ganzem Herzen lieben und ihrem Land entsprechend ihren Fähigkeiten engagiert und ehrlich dienen. Auf ethischer Ebene sollen sie sich bewusst sein, dass viele ihrer Mitbürger von ihnen ein größeres Maß an Dienst am Gemeinwohl und der harmonischen Entwicklung der gesamten Gesellschaft erwarten. Insbesondere mögen die Katholiken jenen prophetischen und konstruktiven Beitrag leisten, der aus ihrem Glauben an das Reich Gottes entspringt. Dies kann von ihnen auch die Anstrengung erfordern, ein kritisches Wort zu sagen, nicht um einer unfruchtbaren Konfrontation willen, sondern um eine gerechtere, menschlichere Gesellschaft aufzubauen, in der die Würde jeder Person immer mehr geachtet wird.

7. Ich wende mich an euch alle, geliebte Mitbrüder im Bischofsamt, Priester und gottgeweihte Personen, die ihr »dem Herrn mit Freude« dient (Ps 103,2). Erkennen wir uns selbst als Jünger Christi im Dienst am Volk Gottes. Leben wir die pastorale Liebe als Kompass unseres Dienstes. Überwinden wir die Konflikte der Vergangenheit, den Wunsch nach Durchsetzung persönlicher Interessen und sorgen wir uns um die Gläubigen, indem wir uns ihre Freuden und Leiden zu eigen machen. Setzen wir uns demütig für die Versöhnung und die Einheit ein. Schlagen wir erneut mit Entschiedenheit und Begeisterung den Weg der Evangelisierung ein, wie ihn uns das Zweite Ökumenische Vatikanische Konzil gewiesen hat.

Euch allen wiederhole ich liebevoll: »Das Vorbild vieler Priester, Ordensfrauen, Ordensmänner und Laien, die sich mit großer Treue hingeben, um zu verkündigen und zu dienen – oftmals unter Einsatz ihres Lebens und gewiss auf Kosten ihrer Bequemlichkeit –, versetzt uns in Bewegung. Ihr Zeugnis erinnert uns daran, dass die Kirche nicht viele Bürokraten und Funktionäre braucht, sondern leidenschaftliche Missionare, die verzehrt werden von der Begeisterung, das wahre Leben mitzuteilen. Die Heiligen überraschen, verwirren, weil ihr Leben uns einlädt, aus der ruhigen und betäubenden Mittelmäßigkeit hinauszugehen« (Apostolisches Schreiben Gaudete et exsultate [19. März 2018], 138).

Mit Überzeugung lade ich euch dazu ein, um die Gnade zu bitten, nicht zu zögern, wenn der Geist von uns einen Schritt vorwärts verlangt: »Bitten wir um den apostolischen Mut, anderen das Evangelium weiterzugeben und es zu unterlassen, aus unserem christlichen Leben ein Museum voller Andenken zu machen. Lassen wir es unbedingt zu, dass der Heilige Geist bewirkt, dass wir die Geschichte unter dem Vorzeichen des auferstandenen Jesus betrachten. Auf diese Weise wird die Kirche, statt zu ermüden, weiter vorwärtsgehen und dabei die Überraschungen des Herrn begrüßen« (ebd., 139).

8. In diesem Jahr, in dem die ganze Kirche die Jugendsynode abhält, möchte ich mich besonders an euch, liebe junge chinesische Katholiken, wenden, die ihr durch die Tore des Hauses des Herrn »mit Dank« und »mit Lobgesang« (Ps 100,4) eintretet. Ich bitte euch darum, am Aufbau der Zukunft eures Landes mit euren persönlich als Gabe empfangenen Fähigkeiten und der jugendlichen Frische eures Glaubens mitzuarbeiten. Eindringlich bitte ich euch, allen durch euren Enthusiasmus die Freude des Evangeliums zu vermitteln.

Seid bereit, die sichere Führung des Heiligen Geistes anzunehmen, der der Welt von heute den Weg zur Versöhnung und zum Frieden weist. Lasst euch von der erneuernden Kraft der Gnade überraschen, auch wenn es euch scheinen mag, dass der Herr einen Einsatz verlangt, der eure Kräfte übersteigt. Habt keine Angst, auf seine Stimme zu hören, die, trotz der vielen schmerzlichen Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit und der noch offenen Wunden, von euch Brüderlichkeit, Begegnung, Fähigkeit zu Dialog und Vergebung sowie den Geist des Dienstes verlangt.

Öffnet das Herz und den Verstand weit, um den barmherzigen Plan Gottes zu erkennen, der verlangt, persönliche Vorurteile sowie Konflikte zwischen Gruppierungen und Gemeinschaften zu überwinden, um einen mutigen und brüderlichen Weg im Licht einer authentischen Kultur der Begegnung einzuschlagen.

Zahlreich sind heute die Versuchungen: Der Stolz auf Erfolg in der Welt, das Sich-Verschließen in die eigenen Sicherheiten, der Vorrang, den man den materiellen Dingen zugesteht, so als ob es Gott nicht gäbe. Schwimmt gegen den Strom und bleibt fest im Herrn: »Denn der Herr« allein »ist gut«, »ewig währt seine Huld« allein, »von Geschlecht zu Geschlecht seine Treue« (Ps 100,5).

9. Liebe Brüder und Schwestern der universalen Kirche, wir alle sind gerufen, als ein Zeichen unserer Zeit zu erkennen, was heute im Leben der Kirche in China geschieht. Wir haben eine wichtige Aufgabe: unsere Brüder und Schwestern in China mit eifrigem Gebet und mit brüderlicher Freundschaft zu begleiten. Denn sie sollen spüren, dass sie auf dem Weg, der sich in diesem Augenblick vor ihnen auftut, nicht alleine sind. Es ist notwendig, dass sie als lebendiger Teil der Kirche aufgenommen und unterstützt werden: »Seht doch, wie gut und schön ist es, wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen!« (Ps 133,1).

Jede örtliche katholische Gemeinschaft auf der ganzen Welt soll sich bemühen, den geistlichen und kulturellen Reichtum, der den chinesischen Katholiken eigen ist, wertzuschätzen und aufzunehmen. Es ist an der Zeit, gemeinsam die genuinen Früchte des Evangeliums zu kosten, die in den Schoß des alten „Reiches der Mitte“ gesät wurden, und unserem Herrn Jesus Christus ein Lied des Glaubens und des Dankes anzustimmen, das mit echt chinesischen Melodien angereichert ist.

10. Ich wende mich respektvoll an diejenigen, die die Volksrepublik China lenken und erneuere die Einladung, mit Vertrauen, Mut und Weitblick den Dialog fortzusetzen, der seit geraumer Zeit besteht. Ich möchte versichern, dass der Heilige Stuhl weiterhin ehrlich daran arbeiten wird, in der echten Freundschaft mit dem chinesischen Volk zu wachsen.

Die gegenwärtigen Kontakte zwischen dem Heiligen Stuhl und der chinesischen Regierung erweisen sich als nützlich, um die Konflikte der Geschichte, auch der jüngeren, zu überwinden und um ein neues Kapitel einer ruhigeren, konkreten Zusammenarbeit zu schreiben; und zwar in der gemeinsamen Überzeugung, dass »Unverständnis in der Tat weder den chinesischen Autoritäten noch der katholischen Kirche in China nützt« (vgl. Benedikt XVI., Brief an die Bischöfe, die Priester, die Personen des gottgeweihten Lebens und an die gläubigen Laien der katholischen Kirche in der Volksrepublik China [27. Mai 2007], 4).

Auf diese Weise werden China und der Apostolische Stuhl, welche von der Geschichte zu einer schwierigen, aber faszinierenden Aufgabe bestimmt sind, positiver auf ein geordnetes und harmonisches Wachstums der katholischen Gemeinschaft auf chinesischem Boden hinwirken können. Sie werden sich für die Förderung der integralen Entwicklung der Gesellschaft durch die Gewährleistung einer größeren Achtung der menschlichen Person auch im religiösen Bereich einsetzen, sie werden konkret am Schutz der Umwelt, in der wir leben, arbeiten, und um eine Zukunft des Friedens und der Brüderlichkeit unter den Völkern aufzubauen.

In China ist es von grundlegender Bedeutung, dass auch auf lokaler Ebene die Beziehungen zwischen den Verantwortlichen der kirchlichen Gemeinschaften und den zivilen Behörden durch einen offenen Dialog und ein vorurteilsloses Zuhören, das es ermöglicht, die gegenseitigen feindseligen Haltungen zu überwinden, immer fruchtbarer werden. Es muss ein neuer Stil von schlichter, alltäglicher Zusammenarbeit zwischen den örtlichen und kirchlichen Autoritäten – Bischöfe, Priester, Gemeindeälteste – erlernt werden in einer Weise, die den geordneten Ablauf der pastoralen Aktivitäten in harmonischer Abstimmung zwischen den legitimen Erwartungen der Gläubigen und den Entscheidungen, die den Behörden zustehen, gewährleistet.

Dies wird helfen zu verstehen, dass die Kirche in China keinen Fremdkörper innerhalb der chinesischen Geschichte darstellt oder irgendein Privileg beansprucht: Ihre Ziel im Dialog mit den zivilen Autoritäten ist, »zu Beziehungen gegenseitiger Achtung und vertiefter Kenntnis zu gelangen« (ebd.).

11. Im Namen der ganzen Kirche erflehe ich vom Herrn das Geschenk des Friedens, und lade alla dazu ein, mit mir den mütterlichen Schutz der Jungfrau Maria anzurufen:

Mutter des Himmels, höre die Stimme deiner Kinder, die demütig deinen Namen anrufen.

Jungfrau der Hoffnung, dir vertrauen wir den Weg der Glaubenden im ehrwürdigen Land China an. Wir bitten dich, dem Herrn der Geschichte das Leid und die Mühen, das Flehen und die Erwartungen der Gläubigen, die zur dir rufen, vorzustellen, o Königin des Himmels!

Mutter der Kirche, dir weihen wir die Gegenwart und die Zukunft der Familien und unserer Gemeinschaften. Bewahre sie und unterstütze sie bei der Versöhnung unter den Brüdern und im Dienst an den Armen, die deinen Namen preisen, o Königin des Himmels!

Trösterin der Betrübten, an dich wenden wir uns, weil du die Zuflucht derer bist, die in der Prüfung weinen. Wache über deine Kinder, die deinen Namen loben, mache, dass sie vereint das Evangelium verkünden. Begleite ihre Schritte für eine brüderlichere Welt, gib, dass sie allen die Freude der Vergebung bringen, o Königin des Himmels!

Maria, Hilfe der Christen, für China erbitten wir von dir Tage des Segens und des Friedens. Amen!

Aus dem Vatikan, am 26. September 2018
Franziskus

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