Ansprache vom 8. Januar 1956 über die schmerzlose Geburt

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Ansprache

unseres Heiligen Vaters
Pius XII.
an Ärzte und Gynäkologen
über die schmerzlose Geburt und der christliche Glaube
8. Januar 1956

(Quelle: Herder-Korrespondenz, Zehnter Jahrgang 1955/56, Fünftes Heft, Februar 1955, S. 224-228)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

Hintergrund

Vor Ärzten und Gynäkologen, die auf Einladung des "Sec´etariat International des Médecins Catholiques", der "Associazione Medici Cattolici Italiani" und des Genetischen Instituts "G. Mendel" aus zahlreichen europäischen und überseeischen Ländern in Rom zusammengekommen waren, sprach am 8. Januar 1956 Papst Pius XII. über das Problem der schmerzlosen Geburt:

Wir sind über eine Neuerung in der Gynäkologie unterrichtet worden, und man hat Uns gebeten, zu ihr vom ethischen und religiösen Standpunkt aus Stellung zu nehmen. Es handelt sich um die natürliche, schmerzlose Entbindung, zu deren Zustandekommen man keine künstliche Mittel anwendet, sondern wo man allein die natürlichen Kräfte der Mutter wirken lässt.

Rückblick auf vorhergegangene Erklärungen

In Unserer Ansprache an die Teilnehmer des 4. Internationalen katholischen Ärztekongresses vom 29. September 1949 [vgl. Herder- Korrespondenz 4. Jhg., S. 113 f. ] sagten Wir, dass der Arzt sich vornimmt, wenigstens die Leiden und Schmerzen zu lindern, die die Menschen heimsuchen. Wir wiesen auf den Chirurgen hin, der sich bemüht, bei den notwendigen Eingriffen den Schmerz soweit wie möglich auszuschalten; Wir erinnerten an den Frauenarzt, der versucht, die Geburtswehen abzuschwächen, ohne das Leben von Mutter oder Kind zu gefährden und ohne dem Band der Mutterliebe, das, wie man behauptet, gewöhnlich in diesen Augenblicken geknüpft wird, zu schaden. Die letzte Bemerkung bezog sich auf die Behandlungsweise, die damals in der Entbindungsanstalt einer modernen Großstadt angewandt wurde: um der Mutter die Schmerzen zu ersparen, hatte man sie in hypnotischen Tiefschlaf versetzt. Doch stellte man fest, dass diese Behandlungsweise eine gewisse Gefühlskälte gegen das Kind nach sich zog. Einige glaubten jedoch, die Tatsache anders erklären zu können.

Belehrt durch diese Erfahrung, trug man in der Folgezeit Sorge, die Mutter während der Wehen mehrmals für einige Augenblicke aus dem Schlaf zu wecken. Auf diese Weise konnte man das, was man befürchtete, vermeiden. Ähnliche Festellungen konnten bei langandauernder Narkose gemacht werden.

Die neue Methode, von der Wir nun sprechen wollen, kennt diese Gefahr nicht; sie erhält der Gebärenden von Anfang bis Ende das volle Bewusstsein und den freien Gebrauch ihrer Seelenkräfte (Vernunft, Wille und Gefühlsleben), sie verhindert oder - nach anderen - vermindert nur den Schmerz.

Welche Stellung muss man dieser Methode gegenüber vom ethischen und religiösen Standpunkt aus einnehmen?

I. Grundlinien der neuen Methode

1. Ihre Verknüpfung mit der Erfahrung der Vergangenheit

Die schmerzlose Entbindung als tagtägliches Ereignis betrachtet, steht einwandfrei außerhalb der gemeinmenschlichen Erfahrung, sowohl der Jetztzeit als auch der Vergangenheit und der Urzeit. Die neuesten Forschungen zeigen, dass einige Mütter gebären, ohne Schmerzen zu verspüren, obwohl keine schmerzlindernden oder betäubenden Mittel angewandt wurden. Sie zeigen aber auch, dass der Grad der Schmerzempfindung bei den Primitiven geringer ist als bei den Kulturvölkern. Wenn er auch in vielen Fällen das Mittelmaß nicht überschreitet, bleibt doch, dass der Grad der Schmerzen bei den meisten Müttern groß ist; und es ist sogar nicht selten, dass die Schmerzen unerträglich sind. Das sind die Beobachtungen von heute.

Dasselbe muss man von der Vergangenheit sagen, soweit uns die geschichtlichen Quellen eine Überprüfung gestatten. Die Geburtswehen hatten stets sprichwörtlichen Charakter. Man bezog sich auf sie, wenn man einen sehr großen und tiefen Schmerz veranschaulichen wollte. Das weltliche wie auch das religiöse Schrifttum bietet Beweise genug dafür. Die Ausdrucksweise findet sich in der Tat häufig selbst in den biblischen Texten des Alten und Neuen Testamentes, besonders in den Schriften der Propheten. Wir geben davon einige Beispiele. Isaias vergleicht sein Volk mit einer Mutter, die im Gebären sich windet und aufschreit in ihren Wehen (Is. 26, 17). Jeremias, der das Strafgericht Gottes herannahen sieht, sagt: "Ach, Schreie hör' ich wie von Frauen in Wehen, Angstrufe wie die einer Erstgebärenden" (Jer. 4, 31). Am Abend vor seinem Tode verglich der Herr die Verfassung der Apostel mit einer Mutter, welche die Stunde der Niederkunft erwartet: "Wenn eine Frau gebiert, ist sie traurig, weil ihre Stunde gekommen ist. Hat sie aber das Kind geboren, so gedenkt sie nicht mehr der Not, aus Freude darüber, das ein Mensch zur Welt gekommen ist" (Joh. 16,21).

All das erlaubt Uns zu behaupten: für die Menschen von früher und heute ist es eine allgemeingültige Tatsache, dass die Mutter unter Schmerzen gebiert. Dem widersetzt sich die neue Methode.

2. Die neue Methode in sich betrachtet

a) Allgemeine von den Anhängern dieser Methode angestellte Erwägungen

Zwei allgemeine Erwägungen, die von den Vertretern der neuen Methode angestellt werden, lenken und leiten denjenigen, der einen Abriss ihrer wesentlichen Punkte geben will. Die erste betrifft den Unterschied zwischen der schmerzlosen und schmerzhaften Tätigkeit der Organe und Glieder, die andere den Ursprung des Schmerzes und seine Verbindung mit der organischen Betätigung.

Die Funktionen des Organismus, behauptet man, sind wenn sie normal und naturgerecht verlaufen, nicht mit Schmerzempfindungen verbunden. Diese zeigen vielmehr eine Störung an. Anderseits würde die Natur sich selbst widersprechen; denn sie verbindet den Schmerz mit dem fehlerhaften Verlauf, um eine Abwehr- und Schutzmaßnahme gegen den Schädling hervorzurufen. Eine normale Geburt ist aber ein natürlicher Vorgang und müsste darum notwendigerweise ohne Schmerzen vor sich gehen. Woher kommen diese nun?

Die Schmerzempfindung, antwortet man, wird von der Hirnrinde ausgelöst und geleitet, wo alle Reize und Warnzeichen des ganzen Organismus zusammenlaufen. Das Zentralorgan reagiert in der verschiedensten Weise auf diese. Einige von diesen Reaktionen (oder Reflexen) empfangen von der Natur ihren ganz bestimmten Charakter und sind von ihr mit bestimmten Vorgängen verbunden (absolute Reflexe); für andere hat die Natur weder den Charakter noch die Verbindung festgesetzt, sie werden vielmehr anderseitig bestimmt (bedingte Reflexe). Die Schmerzempfindungen gehören zu denjenigen Reflexen (absoluten oder bedingten), die von der Hirnrinde ausgehen. Versuche haben gezeigt, dass es auf Grund willkürlicher Ideenverbindungen möglich ist, Schmerzempfindungen hervorzurufen, selbst wenn der Reiz, der sie hervorruft, an sich vollkommen unfähig dazu ist. In den menschlichen Beziehungen werden diese bedingten Reflexe am häufigsten und wirksamsten durch die Sprache ausgelöst, durch das gesprochene oder geschriebene Wort, oder wenn man will, durch herrschende Meinungen, die man übernimmt und weitergibt.

b) Elemente der neuen Methode

Auf Grund dieser Voraussetzung erklärt man den Ursprung der starken Schmerzempfindung bei der Niederkunft. Nach gewissen Autoren werden sie durch bedingte Reflexe hervorgerufen, die ihrerseits wieder durch falsche ideologische und Gefühlsverbindungen ausgelöst werden.

Die Schüler des Russen Pavlov (Physiologen, psychologen und Gynäkologen) stellen unter Zuhilfenahme der Forschung ihres Lehrers über die bedingten Reflexe im großen und ganzen die Methode folgendermaßen dar:

aa) Ihr Fundament

Die Niederkunft ist nicht immer schmerzhaft gewesen, aber sie ist es im Laufe der Zeit auf Grund der "bedingten Reflexe" geworden. Diese können durch eine erste schmerzhafte Geburt hervorgerufen worden sein; vielleicht spielt auch die Vererbung eine Rolle, aber das sind alles Nebenursachen. Hauptursache ist die Sprache, die Meinung der Umwelt, die da sagt: Die Niederkunft ist "die schwere Stunde für die Mutter", es ist eine von der Natur ihr auferlegte Folter, welche die Mutter unerträglichen Schmerzen ausliefert, ohne ihr die Möglichkeit zur Verteidigung zu geben. Diese von der Umwelt geschaffene Ideenverbindung ruft die Angst vor der Niederkunft und die Angst vor den mit ihr verbundenen schrecklichen Schmerzen hervor. Wenn so am Anfang der Geburt das Zusammenziehen der Gebärmuttermuskeln zu spüren ist, entsteht die Verteidigungs- und Abwehrreaktion gegen den Schmerz. Diese Schmerzreaktion ruft einen Muskelkrampf hervor, der seinerseits ein Anwachsen der Schmerzen bewirkt. Die Schmerzen sind also tatsächliche Schmerzen, aber sie gehen auf eine Ursache zurück, die falsch gedeutet wird. Was bei der Geburt tatsächlich vor sich geht, ist das normale Zusammenziehen der Gebärmutter, begleitet von organischen Wahrnehmungen. Aber diese Wahrnehmungen werden von den Zentralorganen nicht als das gedeutet, was sie wirklich sind, nämlich einfache natürliche Vorgänge, sondern kraft der bedingten Reflexe und besonders infolge der großen "Angst" entarten sie in Schmerzempfindungen.

bb) Ihr Ziel

Nachdem man auf diese Weise die Ursache der schmerzhaften Geburtswehen erklärt hat, kann man verstehen, was Zweck und Ziel der schmerzlosen Geburtshilfe ist. Unter Anwendung der erworbenen wissenschaftlichen Erkenntnis will man zuerst die schon bestehende Verbindung zwischen der normalen Wahrnehmung der Zusammenziehung der Gebärmutter und der Schmerzreaktion der Hirnrinde trennen. Auf diese Weise unterdrückt man die negativen bedingten Reflexe. Gleichzeitig muss man neue positive Reflexe schaffen, welche die negativen ersetzen.

cc) Ihre praktische Anwendung

Die praktische Anwendung besteht darin, dass man den Müttern (lange vor ihrer Niederkunft) einen gründlichen, ihrer Fassungskraft angepassten Unterricht über die Vorgänge gibt, die sich in ihnen während der Schwangerschaft und besonders während der Geburt vollziehen. Diese natürlichen Vorgänge waren ihnen meistens schon irgendwie bekannt, aber oft sahen sie nicht die Verkettung der einzelnen Vorgänge. Viele Dinge blieben auch in ein geheimnisvolles Dunkel gehüllt und boten dadurch Anlass zu falschen Auslegungen. So erhielten die charakteristischen bedingten Reflexe eine bedeutsame Wirkkraft, da Sorge und Angst hier ständig genährt wurden. Alle diese negativen Elemente würden durch den erwähnten Unterricht beseitigt.

Zugleich wendet man sich wiederholt an den Willen und das Empfinden der Mutter, um keine unbegründeten Angstgefühle aufkommen zu lassen, die man ihr als solche klargemacht hat. Man muss auch das Schmerzgefühl, das sich vielleicht zeigen könnte, ausschalten, da es ja in keinem Fall begründet ist und, wie man sie gelehrt hat, nur auf einer falschen Deutung der natürlich organischen Wahrnehmung der sich zusammenziehenden Gebärmutter beruht. Die Mütter werden besonders dazu angehalten, die natürliche Größe und Würde dessen, was sie in der Stunde der Geburt vollbringen, zu schätzen. Man gibt ihnen auch ins einzelne gehende technische Anweisungen, was sie tun müssen, um einen guten Verlauf der Niederkunft sicherzustellen. Man unterweist sie z. B., wie sie die Muskulatur betätigen und wie sie richtig atmen müssen. Dieser Unterricht wird meistens in der Form von praktischen Übungen erteilt, damit sie mit der Technik vertraut sind, wenn die Stunde der Niederkunft gekommen ist. Es gilt also, die Mütter zu führen und sie in den Stand zu setzen, die Geburt nicht wie einen unabwendbaren Vorgang rein passiv durchzustehen, sondern ihr aktiv zu begegnen, sie durch die Vernunft, den Willen und das Gefühlsleben zu beeinflussen und sie in dem von der Natur gewollten Sinne und mit ihr zu vollenden. Während der Vorbereitungen wird die Mutter nicht sich selbst überlassen. Sie genießt den Beistand und die ständige Kontrolle eines nach der neuen Technik ausgebildeten Personals, das ihr ins Gedächtnis ruft, was sie gelernt hat, das ihr im rechten Augenblick sagt, was sie tun, lassen oder ändern muss, das gegebenenfalls sofort ihre Fehler verbessert und ihr hilft, die Anomalien, die sich einstellen könnten, abzustellen. Das ist im wesentlichen die Methode der schmerzlosen Geburt nach den russischen Forschern. Der Engländer Grantly Dick Read seinerseits hat eine Theorie und Technik aufgestellt, die der obigen in gewissen Punkten ähnlich ist; in seinen philosophischen und metaphysischen Voraussetzungen dagegen weicht er wesentlich von ihr ab; denn er stützt sich nicht wie jene auf die materialistische Weltanschauung.

dd) Ausbreitung und Erfolg

Was die Ausbreitung und den Erfolg der neuen Methode angeht (die man psycho-prophylaktische nennt), so behauptet man, dass sie in Russland und China schon in mehreren hunderttausend Fällen angewandt worden sei. Sie hat auch bereits in verschiedenen westlichen Ländern Fuß gefasst. Verschiedene städtische Entbindungsanstalten sollen besondere Abteilungen für sie eingerichtet haben. Entbindungsanstalten, die ausschließlich nach der neuen Methode arbeiten, sollen bis jetzt in den westlichen Ländern selten sein. Unter anderen hat Frankreich eine (kommunistische) in Paris; ebenfalls in Frankreich haben zwei katholische Anstalten, in Jallieu und Cambrai, die neue Methode vollständig übernommen, ohne jedoch, was sich in der Vergangenheit bewährt hat, aufzugeben.

Man behauptet, der Erfolg sei sehr groß. 85% bis 90% aller nach der neuen Methode vorbereiteten Geburten sollen tatsächlich schmerzfrei gewesen sein.

II. Beurteilung der neuen Methode

1. Wissenschaftliche Beurteilung

Nachdem Wir im Vorhergehenden die neue Methode im Aufriss gezeigt haben, gehen Wir zu ihrer Beurteilung über. In den Uns zur Verfügung gestellten Unterlagen findet sich folgender bemerkenswerter Hinweis: "Erstes unabdingbares Erfordernis seitens des Personals ist der unbedingte Glaube an die Methode." Kann man einen bedingungslosen Glauben dieser Art auf Grund von wissenschaftlich gesicherten Ergebnissen fordern?

Zweifellos enthält die Methode Elemente, die man als wissenschaftlich erwiesen betrachten muss; andere haben nur einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit; andere bleiben (wenigstens für den Augenblick) noch fraglich. Es ist wissenschaftlich festgestellt, dass es - allgemein gesehen - bedingte Reflexe gibt; dass bestimmte Vorstellungen oder Gemütszustände mit gewissen Ereignissen verbunden sein können und dass das auch im Fall von Schmerzempfindungen eintreten kann. Aber dass damit schon bewiesen sei (oder doch wenigstens bewiesen werden könnte), dass die Schmerzen der Entbindung ausschließlich auf diese Ursache zurückzuführen sind, das leuchtet vielen zur Stunde noch nicht ein. Ernsthafte Beurteiler machen auch Vorbehalte hinsichtlich des gleichsam apriorisch aufgestellten Grundsatzes: "Alle normalen Körpervorgänge, daher auch die normale Geburt, müssen sich schmerzlos vollziehen, andernfalls würde die Natur sich selbst widersprechen." Sie lassen weder gelten, dass dieser Satz ohne Ausnahme allgemeingültig ist, noch dass die Natur sich widerspräche, wenn sie aus der Geburt einen hochgradig schmerzhaften Akt gemacht hätte. Tatsächlich, so sagen sie, wäre es physiologisch und psychologisch vollauf verständlich, dass die Natur, aus Sorge um die Mutter, die gebiert, und um das Kind, das geboren wird, sich so verhielte, um damit auf unmissverständliche Weise die Wichtigkeit dieses Aktes zum Bewusstsein zu bringen und die Maßnahmen zu erzwingen, die für Mutter und Kind erforderlich sind.

Überlassen wir den zuständigen Fachgelehrten die wissenschaftliche Überprüfung dieser zwei Grundsätze, die für die einen sicher, für die andern dagegen strittig sind. Um aber über Wahr und Falsch zu entscheiden, muss man den ausschlaggebenden objektiven Maßstab gelten lassen: "Der wissenschaftliche Charakter und der Wert einer Entdeckung bemessen sich ausschließlich nach ihrer Übereinstimmung mit der objektiven Wirklichkeit." Es ist wichtig, hier nicht den Unterschied zu übersehen zwischen "Wahrheit" und "Behauptung" ("Auslegung", "Unterstellung", "Einordnung") der Wahrheit. Ob die Natur die Niederkunft an sich und in Wirklichkeit schmerzlos gestaltet hat, ob sie in der Folge wegen der bedingten Reflexe schmerzhaft geworden ist, ob sie wieder schmerzlos werden kann - wenn all das nicht nur behauptet, angenommen, systematisch konstruiert wird, sondern als wirklich nachgewiesen ist, dann ergibt sich, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse wahr sind. Wenn es aber nicht, oder wenigstens noch nicht möglich ist, diesbezüglich volle Gewissheit zu erhalten, muss man sich jeder absoluten Aussage enthalten und die erreichten Schlussfolgerungen als wissenschaftliche "Hypothesen" betrachten.

Wir verzichten indessen im Augenblick darauf, ein endgültiges Urteil über den Grad der wissenschaftlichen Sicherheit der psycho-prophylaktischen Methode abzugeben, und gehen dazu über, sie vom moralischen Standpunkt aus zu untersuchen.

2. Ethische Beurteilung

Ist diese Methode sittlich einwandfrei? Die Antwort, die den Gegenstand, den Zweck und den Beweggrund dieser Methode berücksichtigen muss, lautet kurz: "In sich betrachtet, enthält die Methode nichts, was vom moralischen Standpunkt aus zu beanstanden wäre."

Sowohl die Unterweisung über das Wirken der Natur bei der Niederkunft als auch die Berichtigung der falschen Deutung organischer Empfindungen und die Aufforderung, dieselbe zu verbessern; ferner die Beeinflussung zum Zwecke der Ausschaltung unbegründeter Angst und Befürchtungen, die Hilfe, die der werdenden Mutter gewährt wird, damit sie in zweckmäßiger Weise mit der Natur mitwirke, die Ruhe und Selbstbeherrschung bewahre; desgleichen ein stärkeres Bewusstsein von der Größe der Mutterschaft im allgemeinen und besonders von der Stunde, da die Mutter das Kind zur Welt bringt: das alles sind positive Werte, an denen nichts auszusetzen ist, Wohltaten für die Gebärende, die in voller Übereinstimmung mit dem Willen des Schöpfers stehen. So gesehen und verstanden, ist die Methode eine natürliche Askese, die die Mutter vor Oberflächlichkeit und Leichtfertigkeit bewahrt. Sie übt einen positiven Einfluss auf ihre Persönlichkeit aus, sorgt dafür, dass sie in der wichtigen Stunde der Geburt charakterstark und zuverlässig ist. Noch unter anderen Gesichtspunkten kann die Methode zu positiven sittlichen Ergebnissen führen. Wenn es gelingt, Schmerzen und Angst vor der Geburt auszuschalten, vermindert man dadurch oft den Anreiz, unsittliche Handlungen bei der Ausübung der ehelichen Rechte zu begehen.

Was die Beweggründe und den Zweck der Hilfe für die Gebärende angeht, so trägt die materielle Betätigung als solche keine sittliche Bewertung in sich, weder im positiven noch im negativen Sinne: Sie ist vielmehr Sache dessen, der seine Hilfe zur Verfügung stellt. Diese kann und muss geleistet werden aus untadeligen Beweggründen und im Hinblick auf ein einwandfreies Ziel, wie beispielsweise den Vorteil, den eine rein wissenschaftliche Tatsache bietet, das natürliche und edle Gefühl, das in der Mutter die menschliche Person achtet und liebt, das ihr Gutes tun und ihr beistehen will, eine tief religiöse und christliche Einstellung, die sich von den Idealen eines lebendigen Christentums leiten lässt. Es kann aber auch vorkommen, dass der Beistand einen Zweck verfolgt und Beweggründen gehorcht, die unsittlich sind; in diesem Falle liegt es an der persönlichen Tätigkeit dessen, der die Hilfe leistet; er hat dann den Schaden davon. Der unsittliche Beweggrund verwandelt die gute Hilfeleistung nicht in eine schlechte Sache, wenigstens nicht, was ihr Wesensgefüge angeht, wie umgekehrt eine in sich gute Hilfeleistung einen schlechten Beweggrund nicht rechtfertigen oder seine Güte beweisen kann.

3. Theologische Beurteilung

Es bleibt noch ein Wort der theologischen und religiösen Beurteilung zu sagen, soweit sich diese von der moralischen Bewertung im strengen Sinne unterscheidet. Die neue Methode wird oft vorgetragen im Zusammenhang mit einer materialistischen Philosophie und Kultur und im Gegensatz zur Heiligen Schrift und zum Christentum.

Die Weltanschauung eines Forschers und Gelehrten ist an sich kein Beweis für die Wahrheit und den Wert dessen, was er entdeckt und klargestellt hat. Der Lehrsatz des Pythagoras oder (um bei der Medizin zu bleiben) die Beobachtungen des Hippokrates, die man als richtig anerkannt hat, die Entdeckungen eines Pasteur, die Vererbungsgesetze Mendels verdanken die Wahrheit ihres Inhaltes keineswegs den moralischen und religiösen Ansichten ihrer Urheber. Sie sind weder "heidnisch", weil Pythagoras und Hypokrates Heiden waren, noch "christlich", weil Pasteur und Mendel Christen waren. Diese wissenschaftlichen Errungenschaften sind wahr, weil und in dem Maße, wie sie der objektiven Wirklichkeit entsprechen.

Auch ein materialistischer Forscher kann eine wirkliche und wertvolle wissenschaftliche Entdeckung machen. Aber dieser Beitrag stellt in keiner Weise einen Beweis für seine materialistischen Anschauungen dar.

Dieselben Gedankengänge gelten für den Kulturkreis, dem ein Gelehrter zugehört. Seine Entdeckungen sind nicht wahr oder falsch auf Grund dieses oder jenes Kulturkreises, aus dem er hervorgegangen ist und der ihn beeinflusst und ihm seine Merkmale aufgeprägt hat.

Die Gesetze, die Theorie und Technik der naturgemäßen Niederkunft ohne Schmerzen sind zweifellos wertvoll, aber sie wurden von Gelehrten erarbeitet, die sich zum guten Teil zu einer materialistischen Weltanschauung bekennen und einer materialistischen Kultur angehören. Diese Weltanschauung ist nun nicht deshalb wahr, weil die erwähnten wissenschaftlichen Ergebnisse es sind. Noch viel weniger zutreffend ist, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse wahr und als solche erwiesen sind, weil ihre Urheber und die Kulturen, denen sie entstammen, materialistisch orientiert sind. Die Kriterien für die Wahrheit liegen anderswo.

Der überzeugte Christ findet in seinem Gedankengut und in seiner Kultur nichts, was ihn hindern würde, sich ernsthaft, theoretisch und praktisch mit der psycho-prophylaktischen Methode zu befassen. Er weiß als allgemeine Regel, dass Wirklichkeit und Wahrheit nicht gleichbedeutend sind mit ihrer Ausdeutung, Unterstellung und Einordnung und dass er demzufolge zu gleicher Zeit das eine ganz annehmen und das andere ebenso ganz verwerfen kann.

4. Die neue Methode und die Heilige Schrift

Eine kritische Beurteilung der neuen Methode unter theologischen Gesichtspunkten muss vor allem Rechenschaft ablegen gegenüber der Heiligen Schrift; denn die materialistische Propaganda behauptet, es bestehe zwischen der Wahrheit der Wissenschaft und der Wahrheit der Heiligen Schrift ein offensichtlicher Widerspruch. Im Buch der Schöpfung (Gen. 3, 16) steht geschrieben: "In dolore pari es filios" (In Schmerzen sollst du Kinder gebären). Um dieses Wort recht zu verstehen, muss man das Strafurteil Gottes im ganzen Zusammenhang betrachten. Damit, dass Gott den Stammeltern und ihrer Nachkommenschaft diese Strafe auferlegte, hat er den Menschen nicht verbieten wollen und auch nicht verboten, den ganzen Reichtum der Schöpfung zu erforschen und nutzbar zu machen, die Kultur Schritt für Schritt voranzubringen, das Leben in dieser Welt erträglicher und schöner zu gestalten, Erleichterung zu schaffen für die Arbeit und Ermüdung, den Schmerz, die Krankheit, den Tod, kurz, sich die Erde untertan zu machen (vgl. Gen. 1,28).

In gleicher Weise hat Gott, als er Eva bestrafte, den Müttern weder verbieten wollen noch verboten, die Mittel zu benutzen, die die Niederkunft leichter und weniger schmerzhaft machen. Es geht nicht an, Ausflüchte zu suchen für die Worte der Schrift; sie bleiben wahr in dem Sinne, den der Schöpfer gewollt und ausgedrückt hat: die Mutterschaft wird der Mutter viel zu ertragen geben. Wie hat sich Gott diese Züchtigung im einzelnen gedacht und wie wird er sie verwirklichen? Die Schrift sagt nichts darüber. Manche behaupten, dass der Akt der Geburt am Anfang ganz schmerzlos war und erst später schmerzhaft geworden ist (vielleicht infolge einer irrtümlichen Auslegung des göttlichen Strafurteils), durch das Spiel von Selbst- und Fremdbeeinflussung, von bedingten Reflexen und wegen fehlerhaften Verhaltens der Gebärenden. Bis heute jedenfalls sind diese Behauptungen in ihrer Gesamtheit nicht bewiesen worden. Auf der anderen Seite kann es sehr wohl sein, dass unrichtiges (sowohl physisches wie psychisches) Verhalten der Gebärenden in der Lage ist, die Schwierigkeiten der Geburt wesentlich zu erhöhen und diese tatsächlich erhöht hat.

Wissenschaft und Technik können also Nutzen ziehen aus den Schlussfolgerungen der experimentellen Psychologie, der Physiologie und der Frauenheilkunde (wie z. B. bei der psycho-prophylaktischen Methode), um die Fehlerquellen und die schmerzhaften bedingten Reflexe zu beseitigen und die Geburt so schmerzlos wie nur möglich zu machen. Die Schrift verbietet das nicht.

Schlussbetrachtungen über die christliche Geburtshilfe

Zum Abschluss lasst Uns einige Bemerkungen über die christliche Geburtshilfe machen.

Die christliche Nächstenliebe hat sich seit jeher der Mütter in der Stunde der Geburt angenommen. Sie hat sich Mühe gegeben und gibt sich heute noch Mühe, ihnen, entsprechend dem jeweiligen Fortschritt von Wissenschaft und Technik, seelisch und körperlich wirksam zu helfen. Bezüglich der neuen Errungenschaften der psycho-prophylaktischen Methode kann das heute vielleicht der Fall sein, in dem Maße nämlich, als diese die Anerkennung ernsthafter Gelehrter findet. Hier kann die christliche Geburtshilfe all das in ihre Grundsätze und Methoden aufnehmen, was richtig und vertretbar ist.

Sie möge sich jedoch damit keinesfalls solchen Personen gegenüber begnügen, die für mehr aufnahmebereit sind. Sie möge nichts aufgeben von den religiösen Werten, die sie bislang zur Geltung gebracht hat. In Unserer Ansprache an den Kongress des Verbandes der Italienischen Katholischen Hebammen, am 29. Oktober 1951 [vgl. Herder-Korrespondenz 6. Jhg., S. 112ff.], haben Wir im einzelnen über das Apostolat gesprochen, zu dem die katholischen Hebammen befähigt und das sie bei ihrer Tätigkeit auszuüben berufen sind. Unter anderem erwähnten Wir das persönliche Apostolat, d. h. jenes Apostolat, das sie mit ihrem Wissen, ihrer Fertigkeit und ihrem standfesten christlichen Glauben ausüben [a. a. O., S. 113 ff. ], dann das Apostolat der Mutterschaft, in dem sie sich bemühen, die Mutter an ihre Würde, ihren Ernst und ihre Größe zu erinnern. Hier kommt das zur Anwendung, was Wir heute gesagt haben; denn sie stehen den Müttern in der Stunde der Geburt zur Seite. Die christliche Mutter schöpft aus ihrem Glauben und ihrem Gnadenleben das Licht und die Kraft, Gott ganz zu vertrauen, sich unter dem Schutz seiner Vorsehung zu fühlen und auch bereitwillig anzunehmen, was Gott ihr zu ertragen aufgibt. Es wäre daher schade, wenn die christliche Geburtshilfe sich darauf beschränken würde, ihr nur seelisch-vorbeugende Dienste rein natürlicher Art zu leisten.

Zwei Punkte sollen hier hervorgehoben werden: Das Christentum deutet Leid und Kreuz nicht nur im negativen Sinne. Wenn die neue Technik die Schmerzen der Niederkunft erspart oder lindert, kann die christliche Geburtshilfe das ohne jedes Gewissensbedenken annehmen; aber sie ist nicht dazu verpflichtet. Im Falle eines halben Erfolges oder eines Misserfolges weiß sie, dass das Leid eine Quelle des Guten werden kann, wenn man es in Gott erduldet und aus Gehorsam gegen seinen Willen trägt. Das Leben und das Leiden des Herrn, die Leiden, die so viele große Menschen ertragen und sogar gesucht haben, an denen sie gereift und emporgewachsen sind bis zur Höhe christlichen Heroismus, die alltäglichen Beispiele ergebungsvoller Annahme des Kreuzes, die Wir vor Augen haben: all das offenbart den Sinn des Leidens, der geduldigen Hinnahme des Schmerzes in der gegenwärtigen Heilsordnung während dieser irdischen Lebenszeit.

Eine zweite Bemerkung. Christliche Auffassung und christliches Leben - demzufolge auch die christliche Geburtshilfe - sehen im Fortschritt der Wissenschaft und in der Verfeinerung der Technik keinen absoluten Wert. Dagegen finden eine materialistische Denkweise und Lebensauffassung diese Einstellung natürlich: sie dient ihnen als Religion oder als Religionsersatz. Obwohl der Christ den neuen Entdeckungen der Wissenschaft Beifall zollt und sie sich nutzbar macht, verwirft er jedoch jede materialistische Vergötzung der Wissenschaft und der Kultur. Er weiß, dass diese einen Platz auf der objektiven Wertleiter haben, aber auch, dass dieser Platz, ohne der letzte zu sein, doch nicht der erste ist. Selbst ihnen gegenüber wiederholt er heute, wie einst und immer: "Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit" (Matth. 6, 33). Der höchste und letzte Wert des Menschen liegt nicht in seinem Wissen und seinen technischen Fähigkeiten, sondern in der Liebe zu Gott und der Hingabe an seinen Dienst. Aus diesen Gründen wird der Christ, vor die wissenschaftliche Entdeckung der schmerzlosen Entbindung gestellt, sich wohl hüten, sie rückhaltlos zu bewundern und mit überstürztem Eifer sie in Dienst zu stellen. Er bewertet sie positiv und wohlüberlegt im Lichte der gesunden natürlichen Vernunft und dem noch helleren Lichte des Glaubens und der Liebe, das von Gott und vom Kreuze Christi ausstrahlt.

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