Ansprache vom 14. Dezember 1989

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Ansprache

im Pontifikat von Papst
Johannes Paul II.
an die Teilnehmer des Kongresses der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften
Die Bestimmung des Augenblicks des Todes
14. Dezember 1989

(Quelle: Der Apostolische Stuhl 1989, S. 1212-1216)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Meine Damen und Herren!

1. Es ist für mich immer eine Freude, den Männern und Frauen der Wissenschaft und Kultur zu begegnen, die sich unter Führung der päpstlichen Akademie der Wissenschaften zum Austausch ihrer Gedanken und Erfahrungen über Themen versammeln, die für den Fortschritt der Kenntnisse und die Entwicklung der Völker von höchstem Interesse sind. Gern empfange ich Sie daher heute am Ende Ihrer Tagung über schwere Probleme, die die Bestimmung des Augenblicks des Todes mit sich bringt, ein Thema, das die Akademie seit 1985, als sie darüber eine Studienwoche veranstaltete, im Rahmen eines Forschungsprojektes weiterführen wollte. Dass bei der Organisation dieser Tagung die Kongregation für die Glaubenslehre mitgewirkt hat, ist ebenfalls ein Grund zur Zufriedenheit. Es zeigt die Wichtigkeit, die der Hl. Stuhl dem behandelten Thema beimißt. Das Wirken der Kirche in der Welt und das Einwirken auf sie zieht, um möglichst fruchtbar zu werden, großen Vorteil aus einer ständig fortschreitenden und immer tieferen Kenntnis des Menschen, der Situationen, in die er hineingestellt ist und der Fragen, die er sich stellt. Gewiss besteht die spezifische Rolle der Kirche nicht in einer Förderung des Fortschritts der Erkenntnis streng wissenschaftlicher Art, aber sie kann auch nicht die Probleme verkennen oder missachten, die eng mit ihrer Sendung verbunden sind, die Botschaft des Evangeliums im Denken und in der Kultur unserer Zeit zur Geltung zu bringen (vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Gaudium et spes, Nr. 1-3).

Das gilt besonders dann, wenn es um die Bestimmung der Normen geht, die das menschliche Handeln regeln müssen, und dies betrifft die konkrete irdische Wirklichkeit. Daher müssen die das menschliche Verhalten inspirierenden Werte diese Wirklichkeit mit ihren Möglichkeiten und Grenzen berücksichtigen. Die Kirche muss, um ihrer Aufgabe der Gewissensbildung zu entsprechen und jene nicht zu enttäuschen, die von ihr Licht erwarten, gut über diese Wirklichkeit informiert sein, die ein unermessliches Feld für neue Entdeckungen und neue wissenschaftliche und technische Leistungen darstellt, obwohl damit auch waghalsige und zuweilen störende Erscheinungen verbunden sind, die oft die Gewissen verwirren.

2. Das bewahrheitet sich ganz besonders dann, wenn diese Wirklichkeit das menschliche Leben selbst in seinem zeitlichen Beginn und Ende ist. Dieses Leben verlangt in seiner geistig-körperlichen Einheit unsere Achtung (vgl. Gaudium et spes, Nr. 14,27), und weder Einzelmenschen noch die Gesellschaft dürfen es angreifen, welchen Vorteil auch immer das haben könnte.

Der Wert des Lebens liegt in dem, was bei Menschen Geist ist, aber sein Leib empfängt vom geistigen Prinzip - das ihm innewohnt und ihn zu dem macht, was er ist (Konzil von Wien, Konstitution Fidei catholicae, DS 902) - eine hervorragende Würde, ja gleichsam einen Abglanz des Absoluten. Der Leib ist Leib einer Person, eines für höhere Werte offenen Wesens, das fähig ist, sich in der Erkenntnis und Liebe Gottes zu vollenden (vgl. Gaudium et spes, Nr. 12, 15).

Weil nach unserer Auffassung jedes Einzelwesen eine lebendige Einheit ist und der menschliche Leib nicht einfach als Werkzeug oder Habe gelten darf, vielmehr am Wert des Einzelwesens als menschliches Wesen teilhat, ergibt sich, dass der menschliche Leib in keiner Weise so behandelt werden darf, als wäre er eine Sache, über die man nach eigenem Gutdünken verfügt (vgl. Gaudium et spes, Nr. 14).

3. Man darf aus dem menschlichen Leib kein bloßes Objekt machen oder ein Mittel für Experimente, wobei lediglich die Normen der wissenschaftlichen Forschung und der technischen Möglichkeiten gelten. Wie interessant oder sogar nützlich bestimmte Arten von Experimenten anscheinend auch sein könnten, die der heutige Stand der Technik möglich macht, so gibt doch jeder, der wirklich Sinn für die Werte und die Würde des Menschen hat, spontan zu, dass man diese scheinbar vielversprechende Forschungsrichtung aufgeben muss, wenn damit eine Erniedrigung des Menschen verbunden ist oder sein irdisches Dasein bewusst unterbrochen wird. Das Gut, das man zu gewinnen glaubte, würde sich am Ende als illusorisch erweisen (Gaudium et spes, Nr. 27; 51). Damit wird den Forschern und Wissenschaftlern eine Art Entsagung auferlegt, und es kann fast unvernünftig erscheinen zuzugeben, eine in sich mögliche und vielversprechende Erfahrung könne durch moralische Imperative verboten sein, zumal wenn man fast sicher ist, dass andere, die sich weniger durch ethische Imperative gebunden fühlen, diese Forschung durchführen werden. Aber gilt das nicht bei jedem moralischen Gebot? Und werden jene, die ihm treu bleiben, nicht oft als naiv betrachtet und als solche behandelt?

Die Schwierigkeit ist hier sogar noch größer, denn ein im Namen der Achtung vor dem Leben ausgesprochenes Verbot scheint mit anderen wichtigen Werten in Konflikt zu geraten: es geht nicht nur um die Werte der wissenschaftlichen Erkenntnis, sondern auch um andere, die das wirkliche Wohl der Menschheit betreffen, wie die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen und Gesundheit, die Erleichterung oder Heilung von Krankheit und Leiden. Hier liegen die Probleme, die Sie untersuchen. Wie soll man die Achtung vor dem Leben, die jedes Handeln verbietet, das den Tod herbeiführen oder beschleunigen kann, mit dem möglichen Guten in Übereinstimmung bringen, das sich für die Menschheit aus der Entnahme von Organen für die Verpflanzung in einen Kranken ergibt, der diese braucht, wenn man berücksichtigt, dass der Erfolg des Eingriffs von der Schnelligkeit abhängt, mit der die Organe dem Spender nach seinem Tod entnommen werden?

4. In welchem Augenblick erfolgt das, was wir den Tod nennen? Hier liegt der Kern des Problems. Vor allem: Was ist eigentlich der Tod?

Wie Sie wissen und wie Ihre Diskussionen gezeigt haben, ist es nicht leicht, zu einer Definition des Todes zu kommen, die von allen verstanden und geteilt wird. Der Tod kann Auflösung, Verfall und Bruch bedeuten (vgl. Salvifici doloris, Nr. 15; Gaudium et spes, Nr. 18). Er erfolgt, wenn das geistige Prinzip, das die Einheit des Individuums sichert, seine Funktionen für den Organismus und in ihm nicht mehr erfüllen kann, und seine sich selbst überlassenen Elemente sich auflösen.

Gewiss betrifft diese Zerstörung nicht das Ganze des Menschenwesens. Der christliche Glaube - und nicht nur er - betont die Weiterexistenz des geistigen Prinzips des Menschen über den Tod hinaus. Für jene aber, die diesen Glauben nicht teilen, hat dieses Jenseits keine klare Gestalt oder Umrisse, und alle empfinden Angst vor einem Bruch, der derart brutal unserem Leben- und Sein- Wollen widerspricht. Im Unterschied zum Tier weiß der Mensch, dass er sterben muss, und er empfindet das als einen Angriff auf seine Würde. Obwohl er aufgrund seiner fleischlichen Existenz sterblich ist, versteht er zugleich, dass er nicht sollte sterben müssen, weil er eine Offenheit und ein Sehnen nach dem Ewigen in sich trägt.

Warum gibt es den Tod? Welchen Sinn hat er? Der christliche Glaube betont ein geheimnisvolles Band zwischen dem Tod und der moralischen Unordnung, der Sünde. Zugleich aber erfüllt der Glaube den Tod im Ausblick auf die Auferstehung mit einem positiven Sinn. Er zeigt uns, wie das Wort Gottes unsere sterbliche Natur annimmt und sein Leben als Opfer für uns Sünder am Kreuze hingibt. Der Tod ist also weder eine einfache physische Folgeerscheinung noch eine bloße Strafe. Er wird zur Hingabe seiner selbst aus Liebe. Im auferstandenen Christus sehen wir den Tod endgültig besiegt: "Der Tod hat keine Macht mehr über ihn" (Röm 6,9). Auch der Christ hofft zuversichtlich, dass er seine personale Ganzheit in verklärtem und in Christus endgültig in Besitz genommenem Zustand (vgl. 1 Kor 15,22) wiedergewinnen wird.

Das ist der Tod, aus der Sicht des Glaubens betrachtet: er ist weniger das Ende des Lebens als vielmehr der Eintritt in ein neues Leben ohne Ende. Wenn wir in Freiheit auf die Liebe, die Gott uns anbietet, antworten, werden wir im Tod neu geboren in Freude und im Licht und erleben einen neuen Geburtstag.

Diese Hoffnung verhindert freilich nicht, dass der Tod, wenigstens nach der normalen Erfahrung unseres Bewusstseins, ein schmerzhafter Bruch ist. Der Augenblick dieses Bruches ist nicht direkt erfaßbar, und das Problem liegt in der Feststellung seiner Zeichen. Wieviele und wie komplexe Fragen stellen sich hier! Ihre Mitteilungen und Diskussionen haben das unterstrichen und kostbare Elemente zu einer Lösung beigetragen.

5. Das Problem des Augenblicks des Todes hat auf praktischer Ebene schwerwiegende Folgen, und dieser Aspekt ist auch für die Kirche von großem Interesse. Es scheint sich nämlich ein tragisches Dilemma zu ergeben. Auf der einen Seite ist es dringend notwendig, Ersatzorgane für Kranke zu finden, die ohne diese sterben würden oder zumindest nicht geheilt werden könnten. Mit anderen Worten: Man kann sich vorstellen, dass ein Kranker, um einem sicheren und unmittelbar drohnenden Tod zu entgehen, das Organ eines anderen Kranken nötig hätte, vielleicht das seines Nachbarn im Hospital, an dessen Tod aber noch Zweifel bestehen. Es ergibt sich daher bei diesem Vorgang die Gefahr, ein menschliches Leben auszulöschen und endgültig die psychosomatische Einheit einer Person zu zerbrechen. Genauer gesagt besteht die tatsächliche Wahrscheinlichkeit, dass das Leben, dessen Weiterführung man durch Entnahme eines lebenswichtigen Organs unmöglich macht, das einer lebenden Person ist, während doch die dem menschlichen Leben geschuldete Achtung absolut verbietet, es direkt und positiv zu opfern, wäre es auch zum Vorteil eines anderen Menschenwesens, das man aus guten Gründen glaubt bevorzugen zu dürfen.

Auch die Anwendung der sichersten Grundsätze ist nicht immer leicht, weil der Kontrast zwischen entgegenstehenden Forderungen unsere unvollkommene Sicht und folglich die Erfassung absoluter Werte, die weder von unserer Auffassung noch von unserem Empfinden abhängen, verdunkelt.

6. Unter diesen Umständen gilt es eine doppelte Pflicht zu erfüllen. Die Wissenschaftler, die Forscher und die Gelehrten müssen ihre Forschungen und Studien weiterführen, um den genauen Augenblick und das unabweisbare Zeichen des Todes so genau wie möglich festzustellen. Denn steht er einmal fest, so verschwindet der offensichtliche Konflikt zwischen der Pflicht, das Leben einer Person zu achten, und der anderen Pflicht, sich für das Leben einer anderen Person einzusetzen und es eventuell sogar zu retten. Man wäre imstande, den Augenblick zu kennen, bis zu dem das, was bis eben dahin untersagt war, nämlich die Entnahme eines Organs für die Transplantation, nunmehr völlig und mit besten Erfolgsaussichten erlaubt wäre.

Die Moralisten, Philosophen und Theologen aber müssen für neue Probleme oder für neue Aspekte von immer gegebenen Problemen im Licht der neuen Gegebenheiten entsprechende Lösungen finden. Sie müssen Situationen prüfen, die früher undenkbar waren, und die daher auch niemals abgeschätzt wurden. Sie haben mit andern Worten die Tugend der Klugheit im Sinn der Tradition anzuwenden. Sie setzt moralische Redlichkeit und Treue zum Guten voraus. Mit Hilfe dieser Tugend kann man die jeweilige Wichtigkeit aller Faktoren und Werte, die im Spiele sind, bestimmen. Sie bewahrt uns vor leichtfertigen Lösungen oder solchen, die zur Lösung eines schwierigen Falles unter der Hand falsche Prinzipien einführen. So kann der Beitrag der neuen Gegebenheiten die moralische Reflexion fördern und verfeinern, so wie anderseits die moralischen Forderungen, die den Wissenschaftlern manchmal als Einschränkung ihrer Freiheit erscheinen, ihnen Ansporn zur Weiterführung fruchtbarer Forschungen bieten können, wie es ja auch oft der Fall gewesen ist.

Wissenschaftliche Forschung und moralische Reflexion müssen im Geist der Zusammenarbeit Hand in Hand gehen. Wir dürfen nie die hohe Würde der menschlichen Person aus den Augen verlieren, deren Wohl sowohl die Forschung als auch die Reflexion zu dienen haben und in der der Gläubige nichts weniger als das Bild Gottes selbst erkennt (vgl. Gen 1,28-29; Gaudium et spes, Nr. 12).

Meine Damen und Herren, möge der Geist der Wahrheit Ihnen bei Ihren schwierigen, aber notwendigen und sehr wertvollen Arbeiten zur Seite stehen. Ich danke Ihnen für Ihre Zusammenarbeit mit der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, die einen interdisziplinären Dialog und breiten Austausch von Informationen auf dem Gebiet menschlicher Bemühungen fördern möchte, mit denen zahlreiche Entscheidungen moralischer Ordnung und Verantwortlichkeiten von entscheidender Bedeutung für das Wohlergehen der Menschheitsfamilie verbunden sind. Möge Gott Ihnen in Fülle seinen Segen schenken!

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