Aeterni Patris (Wortlaut)

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Enzyklika
Aeterni Patris

von Papst
Leo XIII.
an alle Ehrwürdigen Brüder, die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe
und die anderen Oberhirten, welche in Gnade und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle stehen
über die Erneuerung der Wissenschaft auf der Grundlage der philosophischen Prinzipien des heiligen des Thomas von Aquin
4. August 1879

(Offizieller lateinischer Text: ASS XII [1879-1880] 97-115)

(Quelle: Sämtliche Rundschreiben, erlassen von Unserem Heiligsten Vater Leo XIII., Erste Sammlung, Herder´sche Verlagsbuchhandlung, Freiburg im Breisgau 1904, S. 53-103; Die Nummerierung folgt der englischen Fassung; deutsch auch in: Leo XIII. - Lumen De Caelo. Erweiterte Ausgabe des "Leo XIII. der Lehrer der Welt". Praktische Ausgabe der wichtigsten Rundschreiben Leo XIII. und Pius XI. mit Übersicht und Sachregister. Herausgegeben von Carl Ulitzka, Päpstlicher Hausprälat, Ratibor 1934, S. 76-95, Mit kirchlicher Druckerlaubnis; Leo XIII., Lumen de coelo I, - Bezeugt in seinen Allocutionen, Rundschreiben, Constitutionen, öffentlichen Briefen und Akten, Buch und Verlag Rudolf Brzezowsky & Söhne Wien 1889, S. 127-150, beide in Fraktur abgedruckt)

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Ehrwürdige Brüder,
Gruß und Apostolischen Segen !
Thomas von Aquin, der Meister der katholischen Priesterausbildung

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

1. Die Kirche ist die Lehrmeisterin der Religion

1 Der eingeborene Sohn des ewigen Vaters, der auf Erden erschien, um dem menschlichen Geschlechte das Heil und Licht der ewigen Wahrheit zu bringen, hat der Welt eine wahrhaft große und wunderbare Wohltat erwiesen, als er bei seiner Auffahrt zum Himmel den Aposteln gebot, dass sie hingingen und alle Völker lehrten[1], und die von ihm gegründete Kirche als gemeinsame und oberste Lehrerin aller Völker zurückließ. Denn die Menschen, welche die Wahrheit befreit hatte, sollten in der Wahrheit erhalten werden, und die Früchte der göttlichen Lehren, durch welche dem Menschen das Heil geworden, wären nicht lange geblieben, hätte Christus der Herr nicht zur Unterweisung der Geister im Glauben ein fortdauerndes Lehramt eingesetzt. Die Kirche aber, von den Verheißungen ihres göttlichen Urhebers getragen und in Nachahmung seiner Liebe, hat der Art ihren Auftrag erfüllt, dass sie dahin immer strebte, darnach ganz besonders verlangte, die Religion zu lehren und die Irrtümer beständig zu bekämpfen. Dies ist das Ziel der Arbeiten und Wachsamkeit aller Bischöfe, dies das Ziel der Gesetze und Verordnungen der Kirchenversammlungen, und besonders der täglichen Sorge der römischen Päpste, denen als Nachfolger des heiligen Petrus, des Fürsten der Apostel, im Primate das Recht und die Pflicht zukommt zu lehren und die Brüder im Glauben zu stärken.

2. Die Philosophie soll der Regel des katholischen Glaubens gemäß gelehrt werden

Weil aber, wie der Apostel mahnt, durch Weltweisheit und leeren Trug [2] die Gemüter der Christgläubigen häufig getäuscht und die Reinheit des Glaubens in den Menschen verletzt wird, darum haben die obersten Hirten der Kirche immerdar es für ihre Amtspflicht erachtet, auch die wahre Wissenschaft mit allen Kräften zu fördern, und zugleich mit besonderer Wachsamkeit dafür zu sorgen, dass alle menschlichen Wissenschaften überall der Regel des katholischen Glaubens gemäß gelehrt würden, besonders aber die Philosophie, von welcher nämlich zum großen Teile der richtige Verstand der übrigen Wissenschaften abhängt. Gerade hierauf haben auch Wir unter anderem in Kürze aufmerksam gemacht, Ehrwürdige Brüder, als Wir das erste Mal durch ein Rundschreiben zu Euch allen gesprochen; nun aber drängt uns die Wichtigkeit des Gegenstandes und die Zeitlage, von neuem mit Euch die Art und Weise der philosophischen Studien zu besprechen, welche sowohl dem Glaubensgute vollständig gerecht wird, als auch der Würde der menschlichen Wissenschaften selbst entspricht.

3. Die Ursache der Übel unserer Zeit ist die falsche Philosophie

2 Wer unsere traurige Zeitlage aufmerksam betrachtet, und die Zustände des öffentlichen wie Privatlebens vor seinem Geiste vorübergehen läßt, der erkennt gewiß, dass die eigentliche Ursache sowohl der Übel, die Uns drücken, als auch jener, die wir noch befürchten, darin besteht, dass verderbliche Lehren über die göttlichen und menschlichen Dinge, welche schon vor längerer Zeit aus den Schulen der Philosophen hervorgegangen sind, unter allen Klassen der Gesellschaft sich verbreiteten und allgemeine Zustimmung fanden. Denn da es in der Natur des Menschen liegt, in seinen Handlungen die Vernunft zur Führerin zu nehmen, so zieht der Irrtum des Verstandes leicht auch einen Fehler des Willens nach sich; und so geschieht es denn, dass verkehrte Meinungen, welche im Verstande ihren Sitz haben, die menschlichen Handlungen beeinflussen und verschlechtern. Umgekehrt, wenn der Geist des Menschen gesund ist und auf den wahren und gediegenen Grundsätzen sicher ruht, dann werden hieraus für das öffentliche und private Wohl sehr viele Vorteile sich ergeben. Allerdings schreiben Wir der menschlichen Philosophie nicht einen so großen Einfluß und solches Ansehen zu, dass wir dafür hielten, sie sei hinreichend, alle Irrtümer zu überwinden und auszurotten. Denn wie bei der Gründung des Christentums durch das wunderbare Licht des Glaubens, nicht durch überredende Worte menschlicher Weisheit verbreitet, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft[3], dem Erdkreis wieder seine frühere Würde zurückgegeben wurde, so hoffen Wir auch besonders von der allmächtigen Kraft und Hilfe Gottes, dass die Gemüter der Sterblichen von der Finsternis der Irrtümer, die sie umfangen, befreit werden und zur Erkenntnis gelangen. Doch sollen wir die natürlichen Hilfsmittel nicht verschmähen und hintansetzen, welche durch die Güte der göttlichen Weisheit, die alles mächtig und milde ordnet, dem menschlichen Geschlechte zu Gebote stehen; unter diesen aber ist der richtige Gebrauch der Philosophie das vorzüglichste. Denn nicht umsonst hat Gott das Licht der Vernunft dem menschlichen Geiste eingepflanzt; und weit entfernt, dass das hinzugekommene Licht des Glaubens die Kraft der Vernunft vernichte oder mindere, vervollkommnet es diese vielmehr und macht sie stärker und zu Höherem fähig.

3 Es fordert sonach der Plan der göttlichen Vorsehung selbst, dass wir auch die menschliche Wissenschaft zu Hilfe rufen, um die Völker zum Glauben und zum Heile zurückzuführen, ein lobenswertes und weises Bestreben, das nach den Zeugnissen des Altertums bei den hervorragendsten Kirchenvätern gewöhnlich war. Jene pflegten nämlich der Vernunft eine keineswegs geringe und unbedeutende Aufgabe zuzuschreiben, was alles der große Augustinus ganz kurz zusammengefasst hat, indem er dieser Wissenschaft das zuschreibt, wodurch der höchst heilsame Glaube erzeugt, genährt, verteidigt und gestärkt wird[4] 

II. Die wahre Philosophie ist nächst der Religion das beste Heilmittel

1. Die Philosophie ist die Erzieherin zum Evangelium

4 Es ist nämlich erstens die Philosophie im Stande, falls sie in gehöriger Weise von Verständigen betrieben wird, den Weg zum Glauben gewissermaßen zu ebnen und zu bahnen, und die Gemüter ihrer Schüler zur Aufnahme der Offenbarung in entsprechender Weise vorzubereiten, deshalb sie von den Alten bald ein vorläufiger Unterricht im christlichen Glauben[5], bald eine Vorschule und Hilfe zum Christentum[6], bald eine Erzieherin zum Evangelium[7] nicht ohne Grund genannt worden ist.

A) Manche Wahrheiten, die Gott geoffenbart hat, kann auch die Philosophie beweisen

In der Tat hat der barmherzige Gott bezüglich dessen, was die göttlichen Dinge betrifft, nicht bloß jene Wahrheiten durch das Licht des Glaubens geoffenbart, welche der menschliche Verstand aus sich nicht zu erkennen vermag, sondern er hat auch solche kund gegeben, welche für die Vernunft nicht vollständig unbegreiflich sind, so dass sie nach Hinzutritt der göttlichen Autorität alsbald und ohne irgendwelche Beimischung von Irrtum von allen erkannt werden. So ist es gekommen, dass einige Wahrheiten, die teils von Gott zu glauben vorgelegt werden, teils mit der Lehre des Glaubens in engem Zusammenhange stehen, selbst die Weisen unter den Heiden, bloß vom Lichte der natürlichen Vernunft erleuchtet, erkannten, durch treffliche Beweisgründe dartaten und verteidigten. Denn das Unsichtbare an ihm ist, wie der Apostel sagt, seit Erschaffung der Welt in den erschaffenen Dingen erkennbar und sichtbar, auch seine ewige Kraft und Gottheit[8]. Und die Heiden, welche das Gesetz nicht haben, zeigen nichtsdestoweniger, dass das Gesetz in ihre Herzen geschrieben sei[9]. Diese Wahrheiten aber, welche selbst die Weisen unter den Heiden erkannt haben, zum Vorteil und Nutzen der geoffenbarten Lehre anzuwenden, ist äußerst zweckmäßig, um so durch die Tatsache zu zeigen, dass die menschliche Weisheit gleichfalls und das Bekenntnis selbst der Gegner für den christlichen Glauben Zeugnis ablegt. Dass ein solches Verfahren nicht erst in unserer Zeit eingeführt wurde, sondern uralt ist und von den Kirchenvätern häufig angewandt wurde, ist allbekannt. Es erblicken sogar jene ehrwürdigen Träger und Wächter der religiösen Überlieferungen ein Gleichnis und sozusagen Vorbild dieses Verhältnisses in der Geschichte der Hebräer, welche beim Auszuge aus Ägypten geboten wurde, die silbernen und goldenen Geräte der Ägypter zugleich mit ihren kostbaren Gewändern mit sich zu nehmen, damit diese Kostbarkeiten nun zu einem anderen Zwecke verwendet, der Religion des wahren Gottes geweiht würden, die vordem schmählichen Gebräuchen und dem Aberglauben gedient hatten. Deswegen lobt Gregorius[10] von Neocäsarea den Origines, weil er verschiedene Sätze sinnreich den Lehren der Heiden entnommen, und gleichsam wie Pfeile, die er den Feinden entrissen, zum Schutze der christlichen Weisheit und zur Vernichtung des Aberglaubens mit besonderer Gewandtheit auf sie zurückgeschleudert habe. Die gleiche Kampfesweise loben und billigen sowohl Gregorius von Nazianz[11] als Gregorius von Nyssa [12] an Basilius dem Großen; Hieronymus empfiehlt sie ganz außerordentlich an dem Apostelschüler Quadratus, an Aristides, Justinus, Irenäus und sehr vielen andern[13]. Sehen wir nicht, sagt Augustinus, mit wie viel Gold und Silber und Gewändern beladen Cyprian, der höchst liebliche Lehrer und selige Martyr, aus Aegypten auszog? Mit wie viel Lactantius, mit wie viel Victorinus, Optatus, Hilarius; um von Lebenden zu schweigen, mit wie viel zahllose Griechen?[14] Wenn nun aber die natürliche Vernunft diese reiche Ernte von Wahrheiten schon vorher hervorgebracht hat, ehe sie durch Christi Kraft befruchtet ward, so wird sie gewiß eine noch viel reichere hervorbringen, nachdem die Gnade des Erlösers das angebornen Vermögen des menschlichen Geistes erneuert und gekräftigt hat. Wer sollte aber nicht einsehen, dass durch eine solche Weise zu philosophieren ein ebener und leichter Weg zum Glauben sich darbietet?

B) Sie beweist die Vernünftigkeit des Glaubens

5 Hierauf beschränkt sich jedoch der Nutzen nicht, welcher aus jener Weise zu philosophieren hervorgeht. Tadeln doch die Aussprüche der göttlichen Weisheit die Torheit jener Menschen, welche aus den sichtbaren  Gütern den nicht begreifen, der da ist, und den Meister aus seinen Werken nicht erkennen[15]. So ergibt sich zunächst als große und herrliche Frucht des Gebrauches der menschlichen Vernunft der Beweis für das Dasein Gottes; aus der Schönheit der Geschöpfe kann man Schlussweise deren Schöpfer erkennen[16]. Sodann beweist sie, dass Gott durch den Besitz aller Vollkommenheiten über alles einzig hervorragt, besonders durch seine unendliche Weisheit, vor der nichts sich verbergen, und seine höchste Gerechtigkeit, die keine ungeordnete Neidung besiegen kann; dass daher Gott nicht bloß wahrhaft ist, sondern die Wahrheit selbst, welche nicht getäuscht werden noch täuschen kann. Hieraus folgt augenscheinlich, dass die menschliche Vernunft dem Worte Gottes die höchste Glaubwürdigkeit und Autorität zuerkennt. In gleicher Weise erklärt sie, dass die evangelische Wahrheit durch wunderbare Zeichen zum gewissen Beweise der gewissen Wahrheit schon seit ihrem Ursprung hervorgeleuchtet hat, und dass darum alle, welche dem Evangelium glauben, nicht unbesonnen glauben, als ob sie gelehrten Fabeln folgten[17], sondern in vollständigvernunftgemäßem Gehorsam ihren Geist und ihr Urteil der göttlichen Autorität unterwerfen. Auch das ist offenbar von nicht geringerem Belange, dass die Vernunft augenscheinlich beweist, dass die von Christus eingesetzte Kirche (wie die Kirchenversammlung vom Vatikan festsetzte) wegen ihrer wunderbaren Ausbreitung, hervorragenden Heiligkeit und unerschöpflichen  Fruchtbarkeit, die sie allenthalben entfaltet, wegen der katholischen Einheit und unüberwindlichen Festigkeit ein großer und fortdauernder Beweggrund der Glaubwürdigkeit ist, und ein unwidersprechliches Zeugnis ihrer göttlichen Sendung.[18]

C) Sie verhilft zum tieferen Verständnis der Glaubenslehre

6 Sind in solcher Weise die höchst sichern Fundamente gelegt, so findet immer noch fortwährend und vielfach die Philosophie ihre Anwendung, damit die heilige Theologie das Wesen, den Charakter und Geist einer wahren Wissenschaft aufnehme und an sich trage. Denn in dieser alleredelsten Wissenschaft ist es sehr notwendig, dass die vielen verschiedenen Teile der himmlischen Lehren zu einem organischen Ganzen verbunden, alle nach richtigen Gesichtspunkten gegliedert, aus den ihnen zuständigen Prinzipien abgeleitet werden und in entsprechender Weise unter sich zusammenhängen; endlich hat die Theologie für jeden einzelnen Teil die ihm eigentümlichen die unwiderlegbaren Beweise zu erbringen. Auch darf sie nicht jene genauere und reichere Erkenntnis der Offenbarungswahrheiten und ein, so viel dies möglich ist, noch tieferes Verständnis selbst der Geheimnisse des Glaubens vernachlässigen oder gering schätzen, welches Augustinus und die anderen Väter gelobt und zu gewinnen bestrebt waren, und das auch die Kirchenversammlung vom Vatikan[19] als sehr fruchtbringend erklärt hat. Diese Erkenntnis und Einsicht erlangen aber sicherlich vollständiger und leichter jene, welche mit der Reinheit des Lebens und dem Eifer im Glauben einem durch die philosophischen Studien ausgebildeten Geist verbinden, zumal da dieselbe Kirchenversammlung vom Vatikan lehrt, man müsse ein solches Verständnis der heiligen Lehren sowohl der Analogie mit dem, was auf natürlichem Wege erkannt wird, als dem Zusammenhange der Geheimnisse selbst unter sich und mit dem letzten Ziel des Menschen entnehmen.[20]

D) Sie leistet Dienste in der Verteidigung des Glaubens

7 Auch das endlich ist die Aufgabe der philosophischen Wissenschaften, die von Gott geoffenbarten Wahrheiten sorgfältig zu verteidigen und denen, welche sie zu bekämpfen wagen, entgegenzutreten. Zu dieser Beziehung verdient die Philosophie großes Lob, da sie als eine Schutzwehr des Glaubens und ein festes Bollwerk der Religion gilt. Es ist zwar, wie Clemens von Alexandrien bemerkt, die Lehre des Erlösers vollkommen in sich und bedarf nichts weiter, da sie Gottes Kraft uns Weisheit ist. Daher macht der Hinzutritt der griechischen Philosophie die Wahrheit nicht stärker; da sie aber die Gegenbeweise der Sophisten entkräftet und die hinterlistigen Anschläge gegen die Wahrheit abweist, wurde sie ein passender Zaun und eine Mauer des Weinberges genannt.[21] In der Tat, wie die Feinde des katholischen Namens, um die Religion zu bekämpfen, ihre Waffen gemeinhin der Philosophie entlehnen, so schöpfen die Verteidiger der göttlichen Wissenschaften vielfach aus dem Gebiete der Philosophie dasjenige, womit sie die geoffenbarten Lehren nachdrücklich verteidigen. Und es ist dies als kein geringer Triumph des christlichen Glaubens zu erachten, dass die menschliche Vernunft selbst wirksam und leicht die Angriffe der Gegner, die sich auf Scheingründe der Vernunft stützen, zurückweist. Auf diese Art des religiösen Kampfes, deren der Heidenapostel selbst sich bediente, weist der heilige Hieronymus hin, indem er an Magnus schreibt: Der Führer des Christenheeres und unbesiegbare Prediger Paulus benutzte in seinem Streite für die Sache Christi sogar eine zufällig sich findende Inschrift zum Beweise des Glaubens; denn er hatte von dem, der in Wahrheit ein David war, gelernt, das Schwert den Händen des Feindes zu entreißen und das Haupt des übermütigen Goliath mit dessen eigener Waffe abzuhauen.[22] Und die Kirche selbst rät nicht bloß, sondern befiehlt sogar, dass die christlichen Lehrer der Philosophie zur Verteidigung des Glaubens zu Hilfe rufen sollen. Denn nachdem die fünfte Kirchenversammlung vom Lateran erklärt hatte, dass jede dem erleuchteten Glauben widersprechende Aufstellung durchaus falsch sei, weil das Wahre dem Wahren keineswegs widerspreche[23], gebietet sie den Lehrern der Philosophie, sich mit Eifer mit der Lösung von täuschenden Einwendungen zu beschäftigen, da, wie Augustinus bezeugt, jeder Grund, welcher gegen die Autorität der heiligen Schriften vorgebracht wird, wenn er auch noch so spitzfindig sein sollte, durch Wahrscheinlichkeit täuscht; denn wahr kann er nicht sein.[24]

2. Die Philosophie soll als Dienerin der göttlichen Lehre folgen

8 Damit aber die Philosophie im Stande sei, diese kostbaren Früchte, die Wir erwähnten, hervorzubringen, ist durchaus notwendig, dass sie niemals von der Bahn abweicht, welche das ehrwürdige Altertum [der Väter] gegangen ist. Und die Kirchenversammlung vom Vatikan feierlich durch ihre Autorität gutgeheißen hat.

A) Sie darf sich nicht über die Lehren des Glaubens hinwegsetzen

Denn da es keinem Zweifel unterliegt, dass die übernatürliche Ordnung sehr viele Wahrheiten enthält, welche weit hinausragen über die Fassungskraft jedweder Intelligenz, so darf die menschliche Vernunft im Bewusstsein ihrer Schwäche es nicht wagen, sich über ihre Schranken zu erheben, noch diese Wahrheiten zu leugnen, noch sie mit ihrem eigenem Maße zu messen, noch nach Willkür zu erklären; vielmehr soll sie dieselben mit vollem du demütigem Glauben annehmen, und es sich zur höchsten Ehre rechnen, dass sie gleich einer Dienerin den himmlischen Lehren nachfolgen, ihnen ihre Dienste leisten und von ihnen durch Gottes Gnade einigermaßen ein Verständnis gewinnen darf. Bezüglich jener Lehrpunkte dagegen, welche die menschliche Intelligenz auf natürlichem Wege erkennen kann, hat, wie ganz billig, die Philosophie ihrer Methode, ihrer Prinzipien und Beweise zu bedienen, doch nicht derart, dass es den Anschein gewinnt, als wolle sie keck der göttlichen Autorität sich entziehen. Da es vielmehr feststeht, dass das, was die Offenbarung lehrt, höchst gewiß, und was ihr entgegengesetzt ist, auch der gesunden Vernunft widerstreitet, so soll der katholische Philosoph der Überzeugung sein, dass er die Rechte des Glaubens und der Vernunft zugleich verletzt, wenn er einen Satz annimmt, von dem er weiß, da er der Offenbarung widerspricht.

B) Sie ist nicht irrtumlos

9 Wir wissen wohl, dass manche die Fähigkeiten der menschlichen Natur über Gebühr erheben und behaupten, durch die Unterwerfung unter die göttliche Autorität verliere sie ihre ursprüngliche Würde und werde gewissermaßen unter da Joch der Knechtschaft gebeugt und so in ihrem Aufschwunge zur höchsten Wahrheit und Vollkommenheit vielfach zurückgehalten und gehemmt. Doch das ist alles Irrtum und Täuschung und zielt nur dahin, dass die Menschen in höchst törichter Weise, und nicht ohne des Verbrechens der Undankbarkeit sich schuldig zu machen, die höheren Wahrheiten verwerfen und die göttliche Wohltat des Glaubens freiwillig von sich weisen, aus dem doch alle Güter, auch für die bürgerliche Gesellschaft, hervorgegangen sind. Denn da der menschliche Geist in gewisse und dazu recht enge Grenzen eingeschränkt ist, ist er verschiedenen Irrtümern ausgesetzt und in Bezug auf viele Dinge unwissend. Der christliche Glaube dagegen ist der zuverlässigste Lehrer der Wahrheit, da er auf der Autorität Gottes ruht; wer ihm daher folgt, wird weder von Irrtümern umstrickt noch von den Wogen ungewisser Meinungen hin- und hergeworfen. Jenen philosophieren daher am besten, welche das Studium der Philosophie mit der Hingabe an den christlichen Glauben verbinden, indem der Glanz der göttlichen Wahrheiten, welcher die Seele durchdringt, auch die Intelligenz selbst erhebt, und sie in ihrer Würde nicht nur nicht beeinträchtigt, sondern dieselbe vielmehr in hohem Grade adelt, schärft und kräftigt. In würdiger und nützlicher Weise machen sie aber von ihrer Vernunft Gebrauch, wenn sie zur Widerlegung von Sätzen , die dem Glauben widerstreiten, und zur Begründung jener, die mit dem Glauben im Einklange stehen, den Scharfsinn ihres Geistes aufbieten; bezüglich jener decken sie die Ursachen des Irrtums auf und legen die Fehler in der Beweisführung dar, auf welche sie sich stützen; bezüglich dieser aber erfassen sie die Beweise, welche sie gründlich erhärten und einen jeden Vernünftigen überzeugen.

C) Der Glaube ist kein Feind der Vernunft

Wer aber leugnet, dass durch solche Bestrebungen und Tätigkeit die Kräfte des Geistes sich stärken und entwickeln, der muss törichterweise behaupten, dass der Unterschied zwischen Wahr und Falsch für die geistige Ausbildung keine Bedeutung habe. Mit Recht weist darum die Kirchenversammlung vom Vatikan mit diesen Worten auf die herrlichen Wohltaten hin, welche durch den Glauben der Vernunft zu Teil werden: Der Glaube befreit die Vernunft von Irrtümern und bewahrt sie vor ihnen und bereichert sie mit mannigfaltigen Kenntnissen [25]. Der Einsichtige wird darum den Glauben nicht tadeln, als sei er ein Feind der Vernunft und der natürlichen Wahrheiten, sondern muss vielmehr Gott deswegen Dank sagen, und sich hoch erfreuen, dass bei den vielen Ursachen zur Unwissenheit und mitten unter den Wogen der Irrtümer ihm der hochheilige Glaube leuchtet, der wie ein freundliches Gestirn ohne jede Furcht vor Verirrungen auf den Hafen der Wahrheit hinweist.

D) Die Geschichte der Philosophie beweist:

a) Ohne Glauben geht die Philosophie in die Irre

10 Wenn Ihr daher, Ehrwürdige Brüder, auf die Geschichte der Philosophie zurückblicket, werdet Ihr alles, was Wir eben gesagt haben, in der Tat bestätigt finden. Wahrhaftig, auch jene unter den alten Philosophen, welche für die weisesten gehalten wurden, aber die Wohltat des Glaubens nicht genossen, fielen in verschiedene, höchst schmähliche Irrtümer. Denn neben einigem Wahren haben sie, wie Ihr wisst, so oft Falsches und Widersinniges, so viel Ungewisses und Zweifelhaftes gelehrt über das wahre Wesen Gottes, den ersten Ursprung der Dinge, die Regierung der Welt, die göttliche Vorsehung, die Ursache und den Grund des Bösen, das letzte Ziel des Menschen und seine ewige Seligkeit, in Bezug auf Tugend und Laster und anderes, was in Wahrheit und mit Gewissheit zu erkennen dem menschlichen Geschlechte mehr als alles andere notwendig ist.

b) Mit dem Glauben leistete sie Großes

Dagegen haben die ersten Väter und Lehrer es unternommen, die Schriften der alten Weisen zu durchforschen und ihre Meinungen mit den Lehren der Offenbarung zu vergleichen, indem sie wohl eingesehen hatten, dass Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit[26], in dem alle Schätze der Weisheit und Wissenschaft verborgen sind[27], nach dem Plane der göttlichen Vorsehung auch die Wissenschaft erlöst hat; und was sie an wahren Aussprüchen und weisen Gedanken in ihnen fanden, das wählten sie sorgfältig aus und nahmen es mit Verbesserung oder Verwerfung alles übrigen an. Denn wie Gott in seiner höchst weisen Vorsehung zur Verteidigung der Kirche die todesmutigen Martyrer, die freudig ihr Leben dahingaben, der Wut der Tyrannen gegenüber erweckte, so stellte er den falschen Philosophen oder Häretikern durch Weisheit hervorragende Männer entgegen, welche den Schatz der geoffenbarten Wahrheiten auch durch die Waffen der menschlichen Vernunft verteidigten. So standen gleich bei Gründung der Kirche höchst erbitterte Gegner des katholischen Glaubens auf, welche, die christlichen Lehren und Einrichtungen verspottend, mehrere Götter annahmen, einen Anfang und Urheber der Materie leugneten und behaupteten, dieser Weltlauf sei durch eine blinde und unabänderliche Notwendigkeit bestimmt, und werde nicht nach dem Plan der göttlichen Vorsehung geregelt.

α) Die Apologeten

11 Mit diesen Lehrern einer wahnsinnigen Meinung nun nahmen alsbald weise Männer den Kampf auf, die wir Apologeten nennen, welche unter der Leitung des Glaubens auch der menschlichen Weisheit die Beweisgründe entlehnten, durch welche sie die Notwendigkeit eines einzigen vollkommenen Gottes begründeten, sowie die Schöpfung aller Dinge aus dem Nichts durch dessen allmächtige Kraft, die dann durch seine Weisheit bestehen und sämtlich zu den ihnen bestimmten Zielen hingelenkt und bewegt werden. Unter diesen nimmt der heilige Martyrer Justinus die erste Stelle in, der die berühmtesten griechischen Akademien, gleichsam um sie zu prüfen, durchwandert und eingesehen hatte, dass, wie er selbst gesteht, nur die geoffenbarte Lehre den Durst nach Wahrheit vollständig stillt, der dann mit ganzer Glut seiner Seele sich ihr hingab und sie den Verleumdungen gegenüber rechtfertigte, vor den römischen Kaisern nachdrücklich und mit Gelehrsamkeit verteidigte und die Übereinstimmung nicht weniger Aussprüche der griechischen Philosophen mit ihr nachwies.

12 Dasselbe leisteten in vortrefflicher Weise zu derselben Zeit Quadratus und Aristides, Hermias und Athenagoras. Auch Irenäus, der standhafte Martyrer und Bischof der Kirche von Lyon, erwarb sich auf demselben Gebiete keinen geringern Ruhm, indem er die verkehrten Meinungen der Orientalen, welche die Gnostiker über das gesamte römische Reich verbreitet hatten, mit aller Kraft widerlegte und den verschiedenen Ursprung der einzelnen Häresien (wie Hieronymus bezeugt) sowie ihre Quellen in den Lehren der Philosophie, aus denen sie geflossen ... darlegte.[28] Allbekannt sind aber die Abhandlungen des Clemens von Alexandrien, welche derselbe Hieronymus also ehrenvoll erwähnt: Was ist in ihnen ohne Gelehrsamkeit? Vielmehr was ist nicht tief philosophisch?[29] Hat er doch mit unglaublicher Mannigfaltigkeit geschrieben, was für die Herstellung der Geschichte der Philosophie, für die richtige Anwendung der Dialektik, für das einträchtige Zusammengehen von Glaube und Vernunft von höchstem Nutzen ist. Origines, der auf ich folgte, ausgezeichnet als Lehrer der Alexandrinischen Schule, sehr erfahren in den Lehren der Griechen und Orientalen, veröffentlichte sehr viele und mühevolle Werke, die wunderbar geeignet sind zur  Erklärung der Heiligen Schrift und Beleuchtung der christlichen Dogmen; wenn sie gleich, wenigstens wie sie gegenwärtig vorliegen, nicht völlig irrtumslos sind, so enthalten sie dennoch einen Reichtum von Ideen, welche die Anzahl und Gewissheit der natürlichen Wahrheiten erhöhen. Tertullian kämpft gegen die Häretiker mit der Autorität der Heiligen Schrift; mit den Philosophen, indem er die Art der Waffen wechselst, auf philosophischem Wege; diese aber widerlegt er so scharfsinnig und gelehrt, dass er ihnen öffentlich und mit Zuversicht den Vorwurf macht: Weder in der Wissenschaft noch in den Sitten, wie ihr wähnt, kommt ihr uns gleich. [30] Auch Arnorbius, durch seine Herausgabe der Bücher gegen die Heiden, und Lactantius, besonders durch seine Unterweisungen, suchten eben so beredt als gründlich von den Lehren und Vorschriften der katholischen Weisheit ihre Leser zu überzeugen, nicht indem sie, wie die Akademiker pflegten, durch Verachtung der Philosophie[31], sondern teils durch deren eigene Waffen, teils durch jene, welche die Streitigkeiten der Philosophen unter sich ihnen darboten, sie gewannen[32]. Was aber die menschliche Seele, die göttlichen Eigenschaften und andere höchst wichtige Fragen der große Athanasius und Chrysostomus, der Fürst der Redner, in ihren Schriften hinterlassen haben, ist nach dem Urteile aller so hervorragend, dass sich, wie es scheint, in Hinsicht und Scharfsinn und Fülle nichts hinzuzufügen läßt. Und um in Aufzählung der einzelnen nicht zu  weitläufig zu werden, nennen wir unter der Zahl der großen Männer, deren wir bereits Erwähnung getan, den großen Basilius und die beiden Gregorius, welche von Athen, der Heimat aller Bildung, in dem Gesamtgebiete der Philosophie wohl unterrichtet, ausgingen und ihr reiches Wissen, das sie in eifrigem Studium sich erworben hatten, zur Widerlegung der Häretiker und zum Unterrichte der Christen verwandten.

13 Allen aber scheint Augustinus gewissermaßen die Palme entrissen zu haben, der mächtigen Geistes und voll tiefer Gelehrsamkeit in den heiligen wie profanen Wissenschaften gegen alle Irrtümer seiner Zeit mit höchster Glaubenskraft und ebenso großem Wissen tapfer gestritten hat. Welche philosophische Frage hat er nicht berührt? Oder vielmehr, worüber hat er nicht sorgfältige Untersuchung angestellt, mochte er die tiefsten Geheimnisse des Glaubens sowohl den Gläubigen auseinandersetzen als auch gegen die törichten Angriffe der Gegner verteidigen oder nach Vernichtung der Hirngespinste der Akademiker und Manichäer die Grundlagen und Gewissheit der menschlichen Erkenntnis sicherstellen, oder Wesen, Ursprung und Ursache der Übel, welche auf dem Menschen lasten, untersuchen? Wie viele äußerst scharfsinnige Untersuchungen hat er angestellt über die Engel, die Seele, den menschlichen Geist, Wille und Freiheit, Religion und Seligkeit, Zeit und Ewigkeit, über das Wesen der wandelbaren Körper selbst! Nachher haben im Orient Johannes Damascenus, den Fußstapfen des Basilius und Gregors von Nazianz folgend, im Okzident dagegen Boethius und Anselmus, auf Grund der Lehren des heiligen Augustinus, das Gebiet der Philosophie vielfach bereichert.

β) Die Scholastiker. Der Ruhm der Scholastik ist groß

14 Hierauf haben die Lehrer des Mittelalters, welche Scholastiker genannt werden, ein großes Unternehmen begonnen, nämlich die reiche und fruchtbare wissenschaftliche Ernte, welche in den ausgedehnten Werken der heiligen Väter sich zerstreut findet, sorgfältig zusammenstellen und zum Nutzen und Gebrauch der Nachwelt gleichsam an einem Orte niederzulegen. Ursprung, Wesen und Vorzug der Scholastik aber mögen hier, Ehrwürdige Brüder, die Worte Unseres höchst weisen Vorgängers Sixtus´ V. eingehender dartun: „Durch die Gnade dessen, welcher allein den Geist der Wissenschaft, der Weisheit und des Verstandes verleiht, und seiner Kirche im Laufe der Jahrhunderte nach Bedürfnis und Wohltaten spendet, neue Waffen bereitet, haben unsere höchst weisen Voreltern die scholastische Theologie ausgebildet, welche besonders zwei ruhmvolle Lehrer, er englische heilige Thomas und der seraphische heilige Bonaventura, die berühmtesten Meister dieser Wissenschaft ... durch ihre ausgezeichnete Geisteskraft, ihr unermüdliches Studium, viele Mühen und Nachtwachen bearbeitet und vervollkommnet, in bester Weise gegliedert und mit reichen und vortrefflichen Erklärungen versehen, der Nachwelt überliefert haben.

15 Die Kenntnis nun und Übung in dieser so heilbringenden Wissenschaft, welche ihre reichen Quellen in der Heiligen Schrift, den Bestimmungen der Päpste, sowie den Lehren und Entscheidungen der heiligen Väter und Kirchenversammlungen hat, konnte gewiß zu jeder Zeit der Kirche von Nutzen sein, teils zum richtigen und gesunden Schriftverständnis und deren Auslegung, teils um die Väter mit mehr Sicherheit und Nutzen zu lesen und zu erklären, teils um die verschiedenen Irrtümer und Häresien aufzudecken und zu widerlegen; in diesen jüngsten Tagen aber, da bereits jene gefährlichen Zeiten gekommen sind, die der Apostel beschreibt, und die stolzen Gotteslästerer und Verführer zum Verderben zunehmen, selbst im Irrtum und zum Irrtum verleitend, ist sie wahrhaftig äußerst notwendig, um die katholischen Lehrsätze zu erhärten und die Häresien zu widerlegen.“[33]

16 Wiewohl diese Worte sich nur auf die scholastische Theologie zu beziehen scheinen, so ist doch klar, dass sie auch von der Philosophie und ihrem Lobe gelten. Denn die herrlichen Eigenschaften, wodurch die scholastische Theologie den Feinden der Wahrheit so furchtbar wird, nämlich, wie derselbe Papst hinzusetzt, „jener richtige und innige Zusammenhang der Gegenstände und Fragen unter sich, jene einer aufgestellten Schlachtreihe ähnliche wohlgeordnete Gliederung, jene durchsichtigen Begriffsbestimmungen und Unterscheidungen, jene Kraft in den Beweisen und äußerst scharfsinnige Entwicklungen, durch welche das Licht von der Finsternis, das Wahre vom Falschen unterschieden, die Lügen der Häretiker, die viele Kunstgriffe und gewundene Redensarten gebrauchen, in ihrer Blöße aufgedeckt und enthüllt werden“[34]; alle diesen herrlichen und wunderbaren Eigenschaften, sagen wir, gehen einzig aus dem richtigen Gebrauche jener Philosophie hervor, deren die Lehrer der Scholastik mit Fleiß und reifer Überlegung auch bei theologischen Untersuchungen vielfach zu bedienen pflegten. Da außerdem dies den scholastischen Theologen in ganz besonderer Weise zukommt, dass sie zwischen der menschlichen und göttlichen Wissenschaft den innigsten Bund schlossen, so hätte gewiß die Theologie, in welcher jene sich auszeichneten, nicht so viel Ehre und Ruhm in der öffentlichen Meinung erlangt, wenn sie eine mangelhafte oder unvollkommene oder nur oberflächliche Philosophie angewendet hätten.

III. Der Fürst unter den Scholastikern ist der hl. Thomas von Aquin

1. Er besaß großes Wissen in allen philosophischen Fächern

17 Unter den Lehrern der Scholastik ragt aber nun weit hervor der Fürst und Meister aller, Thomas von Aquin, der, wie Cajetanus bemerkt, weil er die alten heiligen Lehrer aufs höchste verehrte, darum gewissermaßen dem Geist aller besaß.[35] Ihre Lehren sammelte und fasste Thomas, wie die zerstreuten Glieder eines Körpers, in Eins zusammen, teilte sie nach einer wunderbaren Ordnung ein und vervollkommnete sie vielfache derart, dass er mit vollem Recht als ein ganz besonderer Hort und Schmuck der katholischen Kirche gilt. Ausgerüstet mit einem gelehrigen und scharfsinnigem Geiste, einem leicht fassenden und treuen Gedächtnisse, von höchst reinen Sitten, einzig  die Wahrheit liebend, an göttlicher und menschlicher Wissenschaft überreich, hat er der Sonne gleich den Erdkreis durch die Glut seiner Tugenden erwärmt und mit dem Glanz seiner Lehre erfüllt. Es gibt kein Gebiet der Philosophie, das er nicht scharfsinnig und zugleich gediegen behandelt hätte; seine Untersuchungen über die Gesetze des Denkens, über Gott un die unkörperlichen Substanzen, über den Menschen und die übrigen sinnlichen Dinge, über die menschlichen Handlungen und ihre Prinzipien sind derart, dass in ihnen sowohl eine Fülle von Stoff, als passende Anordnung der Teile, die zweckmäßigste Methode, Sicherheit der Grundsätze und Kraft der Beweise, Klarheit und Genauigkeit im Ausdrucke wie nicht minder eine Leichtigkeit sich findet, ach das Dunkelste aufzuhellen.

2. Er zeigte die Harmonie von Vernunft und Glaube

18 Hierzu kommt, dass der englische Lehrer die philosophischen Schlussfolgerungen aus den Ideen und Prinzipien der Dinge ableitete, welche von der weittragendsten Bedeutung sind und eine Saat fast unendlich vieler Wahrheiten gewissermaßen in ihrem Schoße bergen, welche die nachkommenden Lehrer zur gelegenen Zeit und in fruchtbringendster Weise entfalten sollten. Da er diese Methode zu philosophieren auch bei Widerlegung der Irrtümer der Vorzeit anwandte, so ist es ihm gelungen, dass er allein alle Irrtümer der Vorzeit überwand und zur Widerlegung jener, welche in beständigem Wechsel in Zukunft auftreten, unbesiegbare Waffen dargeboten hat. Indem er außerdem genau, wie es ich gebührt, zwischen Vernunft und Glaube unterschied, beide aber in einem Freundesbunde einte, hat er sowohl die Rechte beider gewährt, als für beider Würde Sorge getragen, so zwar, dass die Vernunft, auf den Flügeln des heiligen Thomas zu ihrer höchsten menschlichen Vollendung emporgetragen, nun kaum mehr höher zu steigen vermag, noch der Glaube von der Vernunft kaum weitere oder triftigere Beweise fordern kann, als er schon durch Thomas erlangt hat.

3. Von allen katholischen Schulen wird sein Ruhm anerkannt

19 Aus diesen Ursachen haben die gelehrtesten Männer, besonders in der Vorzeit, die in Theologie und Philosophie rühmlich hervorragen, mit unglaublichem Eifer die unsterblichen Werke des heiligen Thomas gesammelt und von seiner englischen Weisheit sich nicht so fast unterrichten, als vielmehr vollständig durchdringen lassen. Wie bekannt, haben fast alle Gründer und Gesetzgeber der religiösen Orden ihren Mitgliedern geboten, die Lehren des heiligen Thomas zu studieren und gewissenhaft festzuhalten unter dem strengen Verbote für jeden, auch nur im geringsten von den Fußstapfen dieses großen Mannes abzuwenden. Um den Orden der Dominicaner zu übergeben, die dieses hervorragenden Meisters mit Recht als des Ihrigen sich rühmen, sind die Benedictiner, Carmeliter, Augustiner, die Gesellschaft Jesu und sehr viele andere Orden, wie die Statuten der einzelnen ausweisen, durch das gleiche Gesetz verpflichtet.

20 Da gedenkt denn unser Geist mit großer Freude jener so berühmten Akademien und Schulen, welche ehedem in Europa blühten, jener von Paris nämlich, Salamanca, Alcala, Douay, Toulouse, Löwen, Padua, Bologna, Neapel, Coimbra und vieler anderer. Dass der Ruf dieser Akademien mit der Zeit gewissermaßen nur noch gewachsen ist, und ihre Gutachten, welche man in schwierigen Fragen einholte, überallhin ein sehr großes Ansehen genossen, ist jedermann bekannt. Es ist aber außer allem Zweifel, dass Thomas an jenen großen Stätten der menschlichen Weisheit gleichsam wie in seinem reiche thronte, und die Gemüter aller, sowohl der Lehrer wie der Schüler, mit wunderbarer Übereinstimmung auf der Lehre und Autorität des Einen englischen Lehrers ruhten.

4. Die Päpste loben ihn

21 Doch, was noch mehr ist, die Römischen Päpste, Unsere Vorfahren, haben die Weisheit des heiligen Thomas von Aquin durch ausgezeichnet Lobsprüche und glänzende Zeugnisse geehrt. Denn Clemens VI.[36], Nicolaus V.[37], Benedict XIII.[38] u. a. bezeugen, durch seine wunderbare Lehre werde die ganze Kirche erleuchtet; der heilige Pius V.[39] aber gesteht, durch eben diese Lehren würden alle Häresien zu Schanden gemacht, widerlegt und vernichtet und die ganze Erde mit jedem Tage von verderblichen Irrtümern befreit; andere, wie Clemens XII.[40], bekennen, seine Schriften hätten für die Gesamtkirche die reichsten Früchte getragen, und ihm sei gleiche Ehre zu erweisen, wie sie den größten Kirchenlehrern , einem heiligen Gregorius des Großen, Ambrosius, Augustinus und Hieronymus, gezollt wird. Andere endlich nahmen keinen Anstand, ihn den Akademien und großen Lyceen als Vorbild und Meister vorzustellen, dem sie sichern Schrittes folgen könnten. In dieser Beziehung scheinen besonderer Erwähnung wert die Worte des seligen Papstes Urbanus V. an die Akademie von Toulouse: Wir wollen und gebieten euch durch Gegenwärtiges, dass ihr der Lehre des heiligen Thomas als einer wahrhaften und katholischen folgt und euch mit allen Kräften bemüht, dieselbe zu fördern.[41] Dem Beispiele Urbanus folgten Innocentius XII.[42] bezüglich der Universität Löwen und Benedict XIV.[43] gegenüber dem Collegium des heiligen Dionysius zu Granada. Diesen Urteilen der größten Päpste über Thomas von Aquin möge aber das Zeugnis Innocentius´ VI. gleichsam die Krone aufsetzen: Diese (des heiligen Thomas) Lehre zeichnet sich aus vor allen andern, jenen der canonischen Bücher ausgenommen, durch Richtigkeit des Ausdrucks, Maßhaltung in der Darstellung, Wahrheit der Lehrsätze, so dass, die ihnen folgten, niemals auf einem Irrwege betroffen wurden, und wer sie angriff, immer im Verdacht des Irrtums stand[44].

5. Die Konzilien ehren ihn

22 Und selbst die allgemeinen Kirchenversammlungen, auf denen die auserlesenen Geister aller Weltteile durch Weisheit hervorragen, ließen es sich immer angelegen sein, den heiligen Thomas in besonderen Ehren zu halten. Man kann sagen, dass in den Kirchenversammlungen von Lyon, Vienne, Florenz, Vatikan der heilige Thomas zugegen war und nahezu ihnen vorstanden und die Irrtümer der Griechen, Häretiker und Rationalisten mit unwiderstehlicher Kraft und dem glücklichsten Erfolge bekämpfte. Aber ein höchstes und ihm ganz eigentümliches Lob, das kein anderer katholischer Theologe mit ihm teilt, ist ihm dadurch geworden, dass die Väter auf der Kirchenversammlung zu Trient mitten im Versammlungssaale selbst zugleich mit den Büchern der Heiligen Schrift und den Bestimmungen der Päpste die Summe des heiligen Thomas auf dem Altare aufzulegen geboten, um aus ihr Rat, Beweisgründe und Aufschlüsse zu schöpfen.

6. Die Feinde der Kirche geben seine Geistesmacht zu

23 Auch die Ruhmespalme  endlich schien dem unvergleichlichen Manne vorbehalten zu sein, dass selbst die Feinde des katholischen Namens ihm unfreiwillig ihre Huldigungen, Lobpreisungen und Bewunderung zollten. Es unterliegt nämlich keinem Zweifel, dass unter den Führern der häretischen Sekten es einige gab, welche öffentlich bekannten, sie würden, wäre nur einmal die Lehre des heiligen Thomas von der Welt verschwunden, mit allen katholischen Lehrern leicht den Kampf beginnen, siegen und die Kirche stürzen[45] können. – Eine nichtige Hoffnung zwar, aber kein nichtiges Zeugnis.

IV. Leider wird Thomas neuerdings angefeindet

24 Im Hinblick auf diese Verhältnisse und Gründe, Ehrwürdige Brüder, so ost wir die Trefflichkeit, Kraft und den vorzüglichen Nutzen jener philosophischen Wissenschaft erwägen, welche unsere Altvordern liebten, halten Wir es für ein unbesonnenes Verfahren, dass ihr die gebührende Ehre nicht immer noch überall gewahrt blieb, zumal da es allgemein feststand, dass sowohl die beständige Gewohnheit als das Urteil der bedeutendsten Männer, als auch, was die Hauptsache ist, die Gutheißung der Kirche für die scholastische Philosophie sprachen. Und an die Stelle der alten Schule trat hie und da eine neue Methode zu philosophieren, die jedoch nicht die erwünschten und heilsamen Früchte trug, welche die Kirche und selbst die bürgerliche Gesellschaft gern gesehen hätten.

1. Die Neuerer des 16. Jahrhunderts sagten sich von Thomas los

Infolge der Bestrebungen der Neuerer des sechzehnten Jahrhunderts liebte man es zu philosophieren ohne jede Rücksicht auf den Glauben, indem man sich die Freiheit wechselseitig herausnahm und gewährte, alles Beliebige nach Willkür und Gutdünken vorzubringen. Als nächste Folge hiervon ergab sich eine ungesunde Vervielfältigung der philosophischen Systeme mit verschiedenen und sich widersprechenden Anschauungen auch bezüglich der Gegenstände, welche für die menschliche Erkenntnis die wichtigsten sind. Diese Menge von Ansichten führte sehr häufig zur Ungewissheit und zu Zweifeln; wie leicht aber der menschliche Geist vom Zweifel in den Irrtum sinkt, sieht jedermann ein.

2. Einige katholische Gelehrte haben dasselbe getan

Diese Sucht nach Neuerung scheint, da ein Nachahmungstrieb in der menschlichen Natur liegt, mancherorts auch den Geist katholischer Philosophen angesteckt zu haben, da sie mit Hintansetzung des Erbgutes der alten Weisheit es vorzogen, lieber Neues auszudenken, als das Alte fortzubilden und zu vervollkommnen, was gewiß kein weiser Gedanke war, noch ohne Schaden für die Wissenschaften. Denn diese mannigfaltigen philosophischen Systeme haben ein  wankendes Fundament, da sie auf dem Ansehen und Gutdünken der einzelnen Lehrer beruhen, und schaffen eben deswegen keine feste, dauernde und starke, sondern nur eine wankende und oberflächliche Philosophie. Wenn sie daher kaum den Angriffen der Feinde gewachsen ist, so hat sie hierfür sich selbst die Ursache und Schuld zuzuschreiben.

3. Die Errungenschaften der Neuzeit benutzen, heißt nicht, vom Geiste des hl. Thomas abgehen

Was Wir hier sprechen, soll gewiß jenen gelehrten und eifrigen Männern nicht zum Tadel gereichen, die ihren Forscherfleiß und ihre Gelehrsamkeit und die Errungenschaften, welche die neuen Erfindungen bieten, zum Ausbau der Philosophie verwenden; denn dies gehört, wie Wir wohl wissen, zum Fortschritt der Wissenschaft. Aber wohl möge man sich hüten, dass auf den Fleiß und jene Gelehrsamkeit nicht die ganze oder auch nur die wichtigste Geistesarbeit sich beschränkt. Dasselbe gilt von der heiligen Theologie, welche durch die Hilfe mannigfacher Gelehrsamkeit gefördert und beleuchtet werden soll; durchaus aber ist es notwendig, sie in der ernsten, gründlichen Weise der Scholastiker zu behandeln, damit sie die Kraft der Offenbarung mit jener der Vernunft verbinde und so fortfahre, ein unbesiegbares Bollwerk des Glaubens[46] zu sein.

V. Die Bischöfe sollen das Studium des hl. Thomas beleben

1. Die Priesterkandidaten sollen ihn studieren

25 Es war daher ein sehr guter Gedanke, dass nicht wenige unter denen, welche die philosophischen Wissenschaften pflegen und in jüngster Zeit auf eine zweckmäßige Erneuerung der Philosophie bedacht waren, dahin strebten und streben, die herrliche Lehre des heiligen Thomas von Aquin wieder in Aufnahme zu bringen und ihr den frühern Ruhm wieder zu verschaffen.

26 Dass mehrere Eurer Amtsgenossen, Ehrwürdige Brüder, in gleicher Gesinnung denselben Weg betraten, haben Wir zur großen Freude Unseres Herzens erfahren. Diesen spenden Wir sehr großes Lob und mahnen sie zugleich, in dem begonnenen Werke auszuharren; alle übrigen aber aus Euch erinnern Wir, dass Uns nichts so erwünscht ist und so sehr am Herzen liegt, als dass Ihr alle aus dem reinsten Weisheitsstrome, welcher von dem englischen Lehrer gleich einem fließenden reichen Quell ausgeht, der studierenden Jugend in vollem und freigebigsten Maße mitteilt.

2. Dieses Studium wird zeigen, wie vernünftig der Glaube ist

27 Es sind aber mehrere Ursachen, warum wir dieses angelegentlichst wünschen. Und zwar erstens, da an in dieser unserer Zeit den christlichen Glauben durch die Kunstgriffe und Arglist einer trügerischen Weisheit zu bekämpfen pflegt, so müssen alle Jünglinge, namentlich aber jene, welche zur Hoffnung der Kirche heranwachsen, zu dem Zwecke mit der Speise einer kräftigen und gesunden Lehre genährt werden, damit sie, rüstig an Geist und mit Waffen aller Art reichlich versehen, frühzeitig sich gewöhnen, mit Nachdruck uns Weisheit die Sache der Religion zu vertreten, immer bereit, wie der Apostel mahnt, zur Verantwortung gegen jeden, der von uns Rechenschaft fordert über unsere Hoffnung[47] und in der gesunden Lehre zu unterrichten und die Widersprecher zu widerlegen[48]. Sodann behaupten viele von denen, deren Gemüter dem Glauben entfremdet sind und die darum die Einrichtungen der katholischen Kirche hassen, dass sie bloß der Leitung und Führung der Vernunft folgen. Um diese nun von ihrem Irrtum zu heilen und mit dem katholischen Glauben zu versöhnen, ist nach unserem Dafürhalten außer dem übernatürlichen Beistande Gottes nicht so sehr geeignet als die gründliche Lehre der Väter und Scholastiker, welche die unerschütterlichen Fundamente des Glaubens, dessen göttlichen Ursprung, seine gewisse Wahrheit, die Gründe,  welche denselben erhärten, die Wohltaten, die durch ihn dem menschlichen Geschlechte zu Teil geworden, dessen vollständige Übereinstimmung mit der Vernunft so augenscheinlich und nachdrücklich dartun, dass nichts zu wünschen übrig bleibt, um selbst die noch so sehr widerstrebenden und dagegen ankämpfenden Geister zu bewegen.

3. Die Lehre des hl. Thomas ist für den Staat sehr ersprießlich

28 Auch die häusliche und selbst die bürgerliche Gesellschaft, welche, wie wir alle wohl einsehen, durch das Gift verderblicher Meinungen in höchster Gefahr schwebt, würde ohne Zweifel viel mehr Ruhe und Sicherheit gewinnen, wenn auf den Akademien und in den Schulen eine gesündere und dem kirchlichen Glauben mehr entsprechende Lehre vorgetragen würde, wie sie die Werke des heiligen Thomas von Aquin enthalten.

29 Denn was der heilige Thomas über die wahre Natur der Freiheit, welche in unseren Tagen in Zügellosigkeit ausgeartet ist, über den göttlichen Ursprung jedweder Autorität, über die Gesetze und ihre Kraft, über die väterliche und heilige und billige Gewalt der höchsten Obrigkeit, über den Gehorsam, den wir den höheren Gewalten schulden, über die gegenseitige Liebe, was er über diese und verwandte Gegenstände lehrt, hat eine äußerst starke und unbesiegbare Beweiskraft, zur Widerlegung aller jener Grundsätze des neuen Rechtes, welche der Ruhe des Gemeinwesens und dem öffentlichen Wohle als schädlich sich erweisen.

4. Sie ist ein Gewinn für jede Wissenschaft

Alle menschlichen Wissenschaften endlich müssen im voraus auf Fortschritt hoffen und haben sich eine ganz bedeutende Förderung von dieser Erneuerung der philosophischen Disziplinen zu versprechen, die Wir Uns als Aufgabe gesetzt haben. Denn von der Philosophie als von einer weisen Führerin pflegen die schönen Wissenschaften ihre wahre Bedeutung und das richtige Maß zu empfangen und aus ihr, wie aus einer gemeinsamen Lebensquelle,  den beseelenden Hauch zu schöpfen. Die Tatsachen und beständige Erfahrung beweisen, dass die schönen Wissenschaften dann am meisten blühten, als der Philosophie die volle Ehre gegeben wurde und sie selbst sich ein gesundes Urteil gewahrt hatte; dass sie aber vernachlässigt und fast vergessen wurden, wenn die Philosophie daniederlag und in Irrtümer oder Torheiten versank.

5. Sie ist keine Feindin des Forschritts in den Naturwissenschaften

Darum werden auch die Naturwissenschaften, die man so schätzt und welche überall zu ihrer Bewunderung hinreißen, durch die Wiederherstellung der Philosophie der Alten nicht bloß keinen Nachteil erleiden, sondern sehr viel gewinnen. Denn zu dem fruchtbaren Betriebe derselben und deren Fortschritt genügt nicht die bloße Erkenntnis der Tatsachen und Betrachtung der Natur; vielmehr hat sie, stehen einmal die Tatsachen fest, weiter vorzudringen und sorgfältig nach dem Wesen der körperlichen Dinge zu forschen, die Gesetze zu untersuchen, denen sie folgen, und die obersten Ursachen, aus denen die Ordnung derselben, die Einheit in der Mannigfaltigkeit, und die gegenseitige Verwandtschaft in der Verschiedenheit hervorgeht. Zu solchen Forschungen wird die scholastische Philosophie, wenn sie in verständiger Weise betrieben wird, überraschend viel beitragen, Licht und Hilfsmittel gewähren.

30 Hierbei wollen Wir nicht vergessen zu erinnern, dass man in höchst ungerechter Weise dieser Philosophie es zum Vorwurfe gemacht hat, als ob sie dem Fortschritt der Naturwissenschaften und dem Gedeihen entgegen sei. Denn da die Scholastiker im Anschlusse an die Anschauung der Väter in der Anthropologie gemeinhin lehrten, dass die menschliche Intelligenz nur auf Grund der Sinnenwelt zur Erkenntnis der körper- und stofflosen Wesen sich erhebt, so drängte sich ihnen von selbst die Erkenntnis auf, dass nicht so vorteilhaft für den Philosophen sei, als die Geheimnisse der Natur fleißig zu erforschen und mit dem Studium der Naturerscheinungen sich lange und viel zu beschäftigen. Dies haben sie auch durch die Tat bewiesen; denn der heilige Thomas, der große selige Albertus und die übrigen hervorragenden Scholastiker haben sich nicht derart der philosophischen Betrachtung hingegeben, dass sie nicht auch vielen Fleiß auf die Naturforschung verwandt hätten; wir haben vielmehr auf diesem Gebiete nicht wendige Aussprüche und Grundsätze von ihnen, welche die neuern Meister in dieser Wissenschaft anerkannt und als richtig bezeichnen. Außerdem bezeugen gerade in der Gegenwart mehrere und  zwar hervorragende Kenner der Naturwissenschaften offen und ungescheut, dass zwischen dem gewissen und feststehenden Sätzen der neueren Physik und den philosophischen Prinzipien der Scholastik kein eigentlicher Gegensatz bestehe.

6. Die Kirche liebt den Fortschritt überall

31 Indem Wir daher erklären, dass Wir gern und dankbar aufnehmen, was immer Weises gesagt, was immer Nützliches von irgend jemand gefunden oder erdacht worden ist, ermahnen Wir dringend Euch alle, Ehrwürdige Brüder, zum Schutz und Schmuck der katholischen Lehre, zum Besten der Gesellschaft, zum Wachstum aller Wissenschaften die goldene Weisheit des heiligen Thomas wieder einzuführen und so weit als möglich zu verbreiten. Die Weisheit des heiligen Thomas sagen Wir; denn wenn Scholastiker in manchem zu spitzfindig waren oder anders von ihnen weniger vorsichtig gelehrt worden ist, wenn etwas mit den ausgemachten Lehrsätzen der späteren Zeit weniger übereinstimmt, oder endlich in welcher Weise dies nur immer sein mag, unhaltbar sich zeigt, so gedenken Wir das keineswegs unserer Zeit zur Nachfolge vorzuhalten. Im übrigen mögen die Lehrer, die Ihr mit Umsicht auswählet, sich bestreben, die Lehren des heiligen Thomas dem Geiste ihrer Schüler einzupflanzen, und seine ganz besondere Gründlichkeit und Vorzüglichkeit recht anschaulich zu machen. Die Akademien, die Ihr errichtet habt oder noch errichten werdet, sollen sie erläutern und Verteidigen und zur Widerlegung der um sich greifenden Irrtümer von ihr Gebrauch machen. Damit aber nicht eine unterschobene statt er echten und eine entstellte statt der lautern aufgenommen wird, traget Sorge dafür, dass die Weisheit des heiligen Thomas aus deren Quellen selbst geschöpft werde, oder wenigstens aus solchen Bächen, welche nach dem gewissen und einstimmigen Urteile der Gelehrten aus den Quellen selbst geflossen und daher rein und ungetrübt geblieben sind; daher sorget dafür, dass die Gemüter der Jünglinge von jenen  ferngehalten werden, welche als daraus geflossen ausgegeben werden, in der Tat aber mit fremdem und Ungesundem Wasser vermischt ist.

VI. Vertrauen auf den „Gott der Wissenschaften“

32 Wir wissen aber wohl, dass Unsere Bestrebungen eitel sind, wenn Unserem gemeinsamen Beginnen, Ehrwürdige Brüder, der seinen Beistand nicht verleiht, der in der Heiligen Schrift[49] der Gott der Wissenschaften genannt wird. Dieselbe erinnert auch, dass jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk von oben herab, vom Vater des Lichtes ist.[50] Und wieder: Fehlt es jemand an Weisheit, der erbitte sie von Gott, welcher allen sie reichlich gibt und es nicht vorrückt, und sie wird ihm gegeben werden. [51]

33 Folgen Wir darum auch hierin dem Beispiele des englischen Lehrers, der niemals dem Lesen oder Schreiben sich hingab, ohne vorher Gott um seine Gnade angefleht zu haben, und der offen eingestand, was er wisse, das habe er nicht so fast durch seine Mühe und Arbeit sich errungen, als vielmehr von Gott empfangen; darum lasst uns in demütigem und einstimmigem Gebete alle zumal Gott anflehen, dass er aussende über die Söhne der Kirche den Geist der Weisheit und des Verstandes, und ihnen den Sinn öffne, die Weisheit zu verstehen. Und um noch reichere Früchte der göttlichen Barmherzigkeit zu erlangen, rufet auch die allerseligste Jungfrau Maria, welche Sitz der Weisheit genannt wird, um ihren höchst wirksamen Beistand bei Gott an; zugleich stehet um ihre Fürbitte zu dem reinsten Bräutigam der Jungfrau, dem heiligen Joseph, und zu den großen Aposteln Petrus und Paulus, welche den Erdkreis, der von der unreinen Seuche der Irrtümer verpestet war, durch die Wahrheit wieder erneuert und mit dem Licht himmlischer Weisheit erfüllt haben.

34 So erteilen  Wir denn in der Hoffnung auf den göttlichen Beistand und im Vertrauen auf Eure Hirtensorge von ganzem Herzen den apostolischen Segen im Herrn, als Vorboten himmlischer Gaben und Zeugnis Unseres besonderen Wohlwollens, Euch allen, Ehrwürdige Brüder, und dem gesamten Clerus, sowie dem Euch anvertrauten Volke.

Gegeben zu Rom bei St. Peter, den 4. August des Jahres 1879,
dem zweiten Unseres Pontifikates.
Leo PP. XIII.

Anmerkungen

  1. Mt 28,18 EU
  2. Kol 2,8 EU
  3. 1 Kor 2,4 EU
  4. De Trin. Lib. XIV, c. 1.
  5. Clem. Alex., Strom. Lib. I, c. 16; I. VII, c. 3.
  6. Orig. ad Greg. Thaum.
  7. Clem. Alex. Strom. I, c. 6.
  8. Röm 1,20 EU
  9. Röm 2,14-15 EU
  10. Orat. paneg. ad Origen.
  11. Vit. Moys.
  12. Carm. I, Iamb. 3.
  13. Epist. ad Magn.
  14. De doctr. christ. I. II, c. 40.
  15. Weish 13,1 EU
  16. Weish 5,5 EU
  17. 2 Petr 1,16 EU
  18. Const. dogm. de Fid. Cath,. cap. 3.
  19. Const. cit. cap 4.
  20. Ebenda f.
  21. Strom. lib. I. I, c. 20.
  22. Epist. ad Magn.
  23. Bulla Apostolici regiminis.
  24. Epist. 143, (al. 7) ad Marcellin., n. 7.
  25. Const. dogm. de Fid. Cath., cap. 4.
  26. Kol 1,24 EU
  27. Kol 2,3 EU
  28. Epist. ad Magn.
  29. Loc. cit.
  30. Apologet. § 46.
  31. Inst. VII, cap. 7
  32. De opif. Dei, cap. 21.
  33. Bulla Triumphantis, an. 1588.
  34. Bull. cit.
  35. In 2m 2ae, q. 148, a. 4 in fin.
  36. Bulla In Ordine.
  37. Breve ad FF. Ord. Praedic 1451.
  38. Bulla Pretiosus.
  39. Bulla Mirabilis.
  40. Bulla Verbo Dei.
  41. Const. 5a dat. die 3 Aug. 1368 ad Cancell. Univ. Tolos.
  42. Litt. In form. Brev., die 6. Febr. 1694.
  43. Litt. In form. Brev., die 21 Aug. 1752.
  44. Serm. De S. Thom.
  45. Beza-Buzer.
  46. Sixtus V, Bull. cit.
  47. 1 Petr 3,15 EU
  48. Tit 1,9 EU
  49. 1 Kön 2,3 EU
  50. Jak 1,17 EU
  51. Jak 5,5 EU

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